WEBVTT

00:00:04.377 --> 00:00:07.557
Das Gerichtsverfassungsgesetz bleibt mir vor, dass ich eine Abwägung vornehmen muss.

00:00:07.797 --> 00:00:11.257
Also zum einen schutzwürdige Interessen des Angeklagten und zum anderen das

00:00:11.257 --> 00:00:12.477
Interesse der Öffentlichkeit.

00:00:12.717 --> 00:00:16.837
Und im Rahmen der Abwägung ist beispielsweise ein politisches Motiv oder ein

00:00:16.837 --> 00:00:20.277
politischer Einschlag stark prägend für ein öffentliches Interesse.

00:00:20.477 --> 00:00:24.297
Und es gab ja so ein paar unmittelbar nach der Tat ja sofort diverse Buchmaßungen,

00:00:25.097 --> 00:00:29.337
dass da möglicherweise ein extremistischer Hintergrund hinter der Tat stecken könnte.

00:00:29.337 --> 00:00:33.877
Und von daher meine ich schon, dass das allein schon ein Grund dafür ist,

00:00:33.977 --> 00:00:38.537
für die Öffentlichkeit und dass eben in dem Fall die Öffentlichkeit nicht auszuschließen ist.

00:00:39.597 --> 00:00:43.717
Es ist zunächst mal ein vertretbares Urteil. Das Gute ist, dass nicht die Schwere

00:00:43.717 --> 00:00:45.597
der Schuld festgestellt worden ist.

00:00:45.797 --> 00:00:49.937
Deshalb besteht immerhin die Möglichkeit, dass ein Lebenslang kann auch nach

00:00:49.937 --> 00:00:54.197
14 Jahren eben zur Bewährung ausgesetzt werden. Das setzt aber voraus,

00:00:54.237 --> 00:00:59.357
dass er in der Psychiatrie, also in der Überbringung, dass dieser Makel beseitigt werden kann.

00:01:23.165 --> 00:01:27.705
Agnes Pulewka, Gerichts- und Kriminalreporterin beim Mannheimer Morgen und Host

00:01:27.705 --> 00:01:29.245
von Verbrechen im Quadrat.

00:01:29.525 --> 00:01:35.165
Ende Oktober hat am Landgericht in Mannheim der Prozess um die Amokfahrt vom Rosenmontag begonnen.

00:01:35.665 --> 00:01:40.825
In diesem Podcast verfolge ich das Verfahren für euch. Dies ist der dritte Teil

00:01:40.825 --> 00:01:43.405
zum Prozess um die Amokfahrt vom Rosenmontag.

00:01:44.165 --> 00:01:46.825
Wenn du die ersten beiden Folgen dazu noch nicht gehört hast,

00:01:47.305 --> 00:01:48.665
dann spring am besten zurück.

00:01:49.265 --> 00:01:52.265
Hier kommt die Amokfahrt, Teil 3.

00:02:00.408 --> 00:02:06.628
Die vergangene Episode zum Prozess um die Amokfahrt am Rosenmontag endete mit einem Paukenschlag.

00:02:07.088 --> 00:02:12.288
Als so gut wie alle Zeuginnen und Zeugen gehört, alle wichtigen Dokumente verlesen

00:02:12.288 --> 00:02:14.548
und Asservate begutachtet worden sind,

00:02:15.108 --> 00:02:20.108
sagte der Vorsitzende Richter Gerd Rackwitz, das psychiatrische Sachverständigengutachten

00:02:20.108 --> 00:02:23.348
wird wahrscheinlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit erstattet werden.

00:02:24.088 --> 00:02:28.348
Der Grund dafür liegt darin, dass die dauerhafte Unterbringung des Angeklagten

00:02:28.348 --> 00:02:33.048
in einer Psychiatrie als eine Möglichkeit im Raum steht und das psychiatrische

00:02:33.048 --> 00:02:36.088
Gutachten die Krankengeschichte des Angeklagten einschließt.

00:02:36.548 --> 00:02:39.868
Auch die Schlussplädoyers dürften nicht öffentlich stattfinden,

00:02:40.108 --> 00:02:41.188
kündigte der Richter an.

00:02:41.588 --> 00:02:46.288
Und zwar aus einem anderen Grund. Weil die Kammer an einem der ersten Prozestage

00:02:46.288 --> 00:02:50.228
entschieden hat, die Öffentlichkeit während der Vernehmung eines minderjährigen

00:02:50.228 --> 00:02:53.988
Opfers auszuschließen, muss das auch für die Plädoyers gelten.

00:02:54.728 --> 00:03:00.688
So steht es im Gerichtsverfassungsgesetz. Dabei ging es um die Jugendliche, auf die Albert K.

00:03:00.828 --> 00:03:03.848
Gefallen war, nachdem er durch die Luft geschleudert worden war.

00:03:04.168 --> 00:03:07.928
Ihr erinnert euch, laut Anklage erlitt die Jugendliche eine Beule.

00:03:08.448 --> 00:03:12.788
Diese Entscheidung würde bedeuten, dass die Öffentlichkeit erst zum Urteil wieder

00:03:12.788 --> 00:03:14.028
in den Gerichtssaal dürfte.

00:03:14.428 --> 00:03:18.408
Ich habe euch in der letzten Folge schon gesagt, dass mich diese Ankündigung

00:03:18.408 --> 00:03:20.828
zunächst wirklich ratlos zurückgelassen hat.

00:03:20.968 --> 00:03:24.928
Und je mehr ich darüber nachgedacht habe, umso unverständlicher,

00:03:25.288 --> 00:03:27.888
umso unangemessener erschien mir das Ganze.

00:03:28.408 --> 00:03:32.088
In den Stunden nach der Ankündigung führe ich viele Gespräche.

00:03:32.348 --> 00:03:37.908
Mit meinem Kollegen Lokalchef Florian Karlein, mit unserem Justiziar Johannes Fuchslocher.

00:03:38.288 --> 00:03:42.148
Unsere Chefredakteurin Miriam Schalibbe schaltet sich aus dem Urlaub ein.

00:03:43.048 --> 00:03:47.508
Wir alle sind uns einig, wir müssen zumindest versuchen, den Ausschluss der

00:03:47.508 --> 00:03:51.508
Öffentlichkeit abzuwenden und unseren Punkt klar machen.

00:03:59.445 --> 00:04:03.825
Nachdem diese Entscheidung gefallen ist, setzt der Justiziar unseres Verlags,

00:04:03.985 --> 00:04:08.385
Johannes Fuchslocher, eine Stellungnahme unserer Redaktion auf und schickt das

00:04:08.385 --> 00:04:11.665
Dokument an die Schwurgerichtskammer des Mannheimer Landgerichts.

00:04:12.305 --> 00:04:16.825
Bevor ich näher darauf eingehe, mit welcher Argumentation er an das Gericht

00:04:16.825 --> 00:04:20.905
herangetreten ist, vorab einige ganz grundsätzliche Dinge dazu.

00:04:21.525 --> 00:04:26.305
Im Gerichtsverfassungsgesetz ist der sogenannte Öffentlichkeitsgrundsatz geregelt.

00:04:26.305 --> 00:04:30.365
Er besagt, dass Gerichtsverhandlungen grundsätzlich öffentlich sind.

00:04:31.145 --> 00:04:34.725
Der Grundsatz dient der Kontrolle und soll Willkür vorbeugen.

00:04:34.905 --> 00:04:39.965
Er soll das Vertrauen in die Justiz stärken, durch maximale Transparenz.

00:04:40.985 --> 00:04:45.205
Der Öffentlichkeitsgrundsatz ist ein elementarer Bestandteil unseres Rechtsstaats.

00:04:45.465 --> 00:04:47.405
Und doch hat er auch seine Grenzen.

00:04:48.145 --> 00:04:52.065
Jugendverfahren finden zum Beispiel immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

00:04:52.865 --> 00:04:57.645
Auch bei Sexualstraftaten müssen Zuschauerinnen und Zuschauer auf den Gerichtssaal verlassen.

00:04:58.225 --> 00:05:02.965
Gleiches gilt in der Regel für Unterbringungsverfahren, also für Prozesse,

00:05:03.105 --> 00:05:07.065
in denen die Staatsanwaltschaft von Beginn an von der Schuldunfähigkeit eines

00:05:07.065 --> 00:05:08.305
Beschuldigten ausgeht.

00:05:08.865 --> 00:05:12.185
Allerdings gibt es keine Regelung, die in den genannten Fällen,

00:05:12.365 --> 00:05:17.065
abgesehen von Jugendverfahren, einen Ausschluss der Öffentlichkeit zwingend vorschreibt.

00:05:17.325 --> 00:05:21.705
Die Entscheidung darüber liegt allein im Ermessen der zuständigen Kammer.

00:05:29.368 --> 00:05:34.408
Was also steht in dem Dokument, das der Anwalt unseres Hauses an das Gericht übersandt hat?

00:05:34.708 --> 00:05:39.588
Johannes Fuchslocher führt vier wichtige Argumente an und bittet das Gericht,

00:05:39.828 --> 00:05:43.148
diese bei der Entscheidungsfindung unbedingt zu berücksichtigen.

00:05:43.728 --> 00:05:48.248
Argument Nummer eins bezieht sich auf ein mögliches politisches Motiv der Tat.

00:05:48.966 --> 00:05:53.086
Ich habe Johannes Fuchslocher gebeten, diesen Punkt für unseren Podcast noch

00:05:53.086 --> 00:05:54.346
einmal zusammenzufassen.

00:05:54.866 --> 00:05:59.726
Schlussendlich ist es ja eine Abwägung. Also 171b, Gerichtsverfassungsgesetz,

00:05:59.886 --> 00:06:01.986
bleibt hier vor, dass ich eine Abwägung vornehmen muss.

00:06:02.186 --> 00:06:05.706
Also zum einen schutzwürdige Interessen des Angeklagten und zum anderen das

00:06:05.706 --> 00:06:06.926
Interesse der Öffentlichkeit.

00:06:07.146 --> 00:06:11.246
Und im Rahmen der Abwägung ist beispielsweise ein politisches Motiv oder ein

00:06:11.246 --> 00:06:14.726
politischer Einschlag stark prägend für ein öffentliches Interesse.

00:06:14.726 --> 00:06:19.426
Und es gab ja unmittelbar nach der Tat ja sofort diverse Mutmaßungen,

00:06:19.566 --> 00:06:23.826
dass da möglicherweise ein extremistischer Hintergrund hinter der Tat stecken könnte.

00:06:24.126 --> 00:06:28.426
Und auch im Nachgang ist im Rahmen der Ermittlungen ja auch in die Richtung

00:06:28.426 --> 00:06:32.206
ermittelt worden, ob es nicht auch einen rechtsextremistischen Hintergrund hat, das Ganze.

00:06:32.466 --> 00:06:36.206
Und da war ja auch die Frage, ob es eine Verbindung Richtung Reichsbürgerschaft gibt.

00:06:36.326 --> 00:06:40.906
Und das hat ja auch dann Anlass gegeben, dass der Innenausschuss des Landtages

00:06:40.906 --> 00:06:44.326
und der Innenausschuss des Bundestages sich auch mit der Frage beschäftigt haben,

00:06:44.726 --> 00:06:46.786
liegt denn da ein extremistisches Motiv vor?

00:06:47.086 --> 00:06:52.306
Und von daher meine ich schon, dass all das schon auch allein schon ein Grund

00:06:52.306 --> 00:06:56.426
dafür ist, für die Öffentlichkeit und dass eben in dem Fall die Öffentlichkeit

00:06:56.426 --> 00:06:57.566
nicht auszuschließen ist.

00:06:57.866 --> 00:07:01.586
Weil die Frage kann ja nur dann schlussendlich der Gutachter mit beantworten.

00:07:02.126 --> 00:07:06.866
Und eben die Vernehmung des Gutachters, ob eine psychische Erskrankung der Hintergrund

00:07:06.866 --> 00:07:10.566
ist, der Tat oder ob es denn tatsächlich ein politisches Motiv ist.

00:07:10.566 --> 00:07:16.706
Fest steht, Medienberichte über eine mögliche Nähe des Angeklagten zur Rechtsextremszene

00:07:16.706 --> 00:07:21.806
konnten während des Prozesses bislang weder bestätigt noch ausgeräumt werden.

00:07:22.306 --> 00:07:27.766
Ihr erinnert euch, Alexander S. postete 2018 auf Facebook unter ein Bild,

00:07:27.906 --> 00:07:31.606
das Adolf Hitler zeigte, die Parole Sieg Heil from Germany.

00:07:32.026 --> 00:07:35.726
Ein Jahr später wurde ein Strafbefehl erlassen. Alexander S.

00:07:35.866 --> 00:07:37.286
Erhielt eine Geldstrafe.

00:07:38.056 --> 00:07:42.536
Und wie ich im Vorfeld der Verhandlung erfahren habe, ergaben auch Zeugenbefragungen

00:07:42.536 --> 00:07:45.356
zu dem Themenkomplex kein einheitliches Bild.

00:07:45.676 --> 00:07:49.136
Es reicht ja auch dann schlussendlich, dass es nicht ausgeschlossen werden kann,

00:07:49.276 --> 00:07:51.096
dass eben ein politisches Motiv vorliegt.

00:07:51.336 --> 00:07:55.676
Selbst wenn die Ermittler nicht von einem eindeutigen politischen Motiv ausgehen,

00:07:55.836 --> 00:08:00.156
so hat das Verfahren dennoch einen politischen Einschlag, schreibt Johannes

00:08:00.156 --> 00:08:01.516
Wuchslocher an das Gericht.

00:08:01.516 --> 00:08:07.216
Die besondere Relevanz ergebe sich auch daraus, dass nach der Tat in der Öffentlichkeit

00:08:07.216 --> 00:08:12.416
über extremistische und religiöse Hintergründe spekuliert wurde und diverse

00:08:12.416 --> 00:08:16.056
Verschwörungsmythen unter anderem über Social Media verbreitet wurden.

00:08:17.536 --> 00:08:21.776
Weiter argumentiert Johannes Fuchslocher in unserem Schreiben an das Gericht

00:08:21.776 --> 00:08:26.036
mit der Schwere der Tat, die sich im öffentlichen Raum ereignet habe,

00:08:26.036 --> 00:08:31.596
mitten in der Mannheimer Innenstadt und bei der nicht nur zwei Menschen getötet wurden,

00:08:31.976 --> 00:08:35.736
sondern anschließend zahlreiche Menschen medizinisch versorgt werden mussten.

00:08:37.376 --> 00:08:41.636
Ihr erinnert euch, hunderttausende Menschen schreckten am Rosenmontag auf,

00:08:41.836 --> 00:08:46.396
als die schrille Katwarnwarnung auf ihren Mobiltelefonen einging und sie davor

00:08:46.396 --> 00:08:47.976
warnte, in die Innenstadt zu fahren.

00:08:48.616 --> 00:08:51.296
Höchste Alarmstufe, Lebensgefahr.

00:08:52.256 --> 00:08:55.216
Überall in der Stadt reagierten die Menschen auf die Warnung.

00:08:56.187 --> 00:09:01.887
Erzieherinnen und Erzieher verbarrikadierten am Rosenmontag im gesamten Stadtgebiet die Kindergärten.

00:09:02.427 --> 00:09:07.607
In der Innenstadt verschanzten sich Passanten in Einkaufsgeschäften unter Todesangst.

00:09:08.587 --> 00:09:13.167
Nach der Tat mussten Notfallseelsorger ihre Hilfsangebote immer wieder verlängern,

00:09:13.327 --> 00:09:17.167
weil Menschen zu ihnen kamen, die nicht wussten, wohin mit ihrer Angst,

00:09:17.427 --> 00:09:18.467
mit ihrer Verzweiflung.

00:09:18.727 --> 00:09:21.667
Die nicht wussten, wie es nun weitergehen sollte.

00:09:22.347 --> 00:09:26.847
Das öffentliche Interesse all dieser Betroffenen wiegt allein für sich genommen

00:09:26.847 --> 00:09:29.187
schon unfassbar schwer, finde ich.

00:09:29.487 --> 00:09:34.407
Und wenn wir über sie sprechen, haben wir die Direktbetroffenen noch gar nicht mit einbezogen.

00:09:35.467 --> 00:09:40.947
Zwei Menschen starben bei der Tat. Viele weitere mussten vor Ort oder in Kliniken versorgt werden.

00:09:41.447 --> 00:09:44.947
In dem Verfahren treten nur vier von ihnen als Nebenkläger auf.

00:09:45.127 --> 00:09:49.307
Sie sind anwaltlich vertreten und bekommen auch die nicht-öffentlichen Details mit.

00:09:50.027 --> 00:09:53.207
Aber müssen nicht alle Betroffenen die Möglichkeit bekommen,

00:09:53.447 --> 00:09:57.707
den gesamten Gang des Verfahrens persönlich oder medial verfolgen zu können?

00:09:58.187 --> 00:10:03.667
Wir als Redaktion sind überzeugt, die Schwere der Tat und ihr Ausmaß sind erhebliche

00:10:03.667 --> 00:10:06.747
Gründe für eine vollständige Information der Öffentlichkeit,

00:10:06.927 --> 00:10:09.907
die auch die Person des Angeklagten mit einbezieht.

00:10:11.087 --> 00:10:15.627
Und dann ist ja noch das öffentliche Interesse an der Tat, das zumindest kurz

00:10:15.627 --> 00:10:19.167
nach der Amokfahrt, aber auch zu Prozessbeginn, wieder immens war.

00:10:19.307 --> 00:10:24.827
In Teil 1 dieses Podcasts zum Prozess haben wir die damalige Bundesinnenministerin

00:10:24.827 --> 00:10:27.247
Nancy Faeser gehört, die nach Mannheim reiste.

00:10:27.667 --> 00:10:32.127
Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier äußerte sich öffentlich zu der Tat.

00:10:32.587 --> 00:10:37.427
Selbst der französische Präsident Emmanuel Macron postete auf X einen Beitrag,

00:10:37.527 --> 00:10:39.607
indem er sich an die Menschen in Mannheim wandte.

00:10:39.827 --> 00:10:42.947
Er schrieb, Frankreich steht an ihrer Seite.

00:10:44.016 --> 00:10:47.976
In der Stellungnahme unserer Redaktion betont Johannes Fuchslocher außerdem,

00:10:48.236 --> 00:10:51.856
wie wichtig nähere Informationen über die Tat für Menschen seien,

00:10:52.016 --> 00:10:55.376
die sich davor fürchten, ein solches Verbrechen könne sich wiederholen.

00:10:55.536 --> 00:10:59.456
Oder für die, die mit den Opfern und ihren Angehörigen sympathisierten.

00:11:00.316 --> 00:11:03.476
Abschließend benennt er die Wächterfunktion der Öffentlichkeit,

00:11:03.636 --> 00:11:08.036
das Bedürfnis der Menschen danach, hinzuschauen, wie Ermittler in diesem Fall

00:11:08.036 --> 00:11:13.156
gearbeitet haben, wie das Gericht die Ermittlungsergebnisse einführt und bewertet.

00:11:20.889 --> 00:11:22.789
Am 11. Dezember fahre ich früh

00:11:22.789 --> 00:11:27.029
ans Landgericht. Im Sitzungssaal ist es leerer als an den Tagen zuvor.

00:11:27.309 --> 00:11:30.009
Auch bin ich schneller durch die Sicherheitskontrollen durch.

00:11:30.589 --> 00:11:35.149
Viele Prozessbeobachterinnen und Beobachter sind heute nicht ans Gericht gefahren,

00:11:35.309 --> 00:11:38.429
weil sie befürchtet haben, gleich wieder nach Hause geschickt zu werden.

00:11:38.869 --> 00:11:44.089
Einige von ihnen nehmen weite Fahrten in Kauf, 150 Kilometer pro Prozestag,

00:11:44.329 --> 00:11:45.889
um diesem Verfahren zu folgen.

00:11:46.449 --> 00:11:51.169
Ich habe mir in den Tagen vor diesem Prozestag viele Gedanken über den Ausschluss

00:11:51.169 --> 00:11:52.269
der Öffentlichkeit gemacht.

00:11:52.549 --> 00:11:56.569
Ich kann nachvollziehen, warum in manchen Verfahren weder Journalisten noch

00:11:56.569 --> 00:11:58.089
Zuschauer zugelassen sind.

00:11:58.249 --> 00:12:02.449
Aber je mehr ich mich mit dem drohenden Ausschluss in diesem Prozess beschäftigt

00:12:02.449 --> 00:12:07.809
habe, umso überzeugter bin ich, hier steht das Informationsinteresse über den

00:12:07.809 --> 00:12:09.809
Persönlichkeitsschutz des Angeklagten.

00:12:10.618 --> 00:12:13.998
Und doch befürchte ich, dass unsere Stellungnahme nichts bringen könnte.

00:12:14.398 --> 00:12:19.178
Obwohl es in der Vergangenheit ähnlich gelagerte Fälle gab, in denen die Öffentlichkeit

00:12:19.178 --> 00:12:20.798
nicht ausgeschlossen worden ist.

00:12:21.418 --> 00:12:25.078
Sollte der vorsitzende Richter die Öffentlichkeit gleich ausschließen,

00:12:25.478 --> 00:12:30.238
dann bleibt uns so gut wie keine Handhabe mehr, hat mir Johannes Fuchslocher erklärt.

00:12:30.498 --> 00:12:33.318
Leider ist der Beschluss des Gerichtsausschusses der Öffentlichkeit,

00:12:33.318 --> 00:12:34.758
der ist leider unantächtbar.

00:12:35.218 --> 00:12:37.258
Das heißt jetzt nicht, dass ich keinerlei Rechtsmittel habe.

00:12:37.498 --> 00:12:40.498
Also theoretisch kann ich eine Verfassungsbeschwerde erheben.

00:12:40.618 --> 00:12:44.578
Und eben dann mich darauf berufen und sagen, naja, ich bin jetzt durch den Ausschluss

00:12:44.578 --> 00:12:45.478
der Öffentlichkeit, bin ich

00:12:45.478 --> 00:12:48.418
in einem besonderen Maß ja auch in meiner Pressefreiheit eingeschränkt.

00:12:48.498 --> 00:12:52.638
Aber wenn ich dieses Verfahren anstrenge, dann ist das Thema schon erledigt.

00:12:52.678 --> 00:12:56.298
Und ich habe vielleicht noch ein feststellendes Urteil des Bundesverfassungsgerichts,

00:12:56.418 --> 00:12:59.618
was mir vielleicht mal verkünftige Fälle in meiner Argumentation unterstützt.

00:13:00.258 --> 00:13:03.018
Aber der Fall ist ja dann schlussendlich leider schon abgeschlossen.

00:13:03.018 --> 00:13:07.278
Und die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen und hat eben nicht in unserem Fall

00:13:07.278 --> 00:13:11.518
die Möglichkeit, sich selber ein Bild zu machen bezüglich des Gutachtens und

00:13:11.518 --> 00:13:13.638
bezüglich der Vernehmung des Gutachters.

00:13:13.838 --> 00:13:18.198
Nachdem der Vorsitzende Richter Gerd Rackwitz noch einige Aufnahmen von der

00:13:18.198 --> 00:13:20.378
Hausdurchsuchung bei Alexander S.

00:13:20.618 --> 00:13:24.538
Auf die Leinwand im Gerichtssaal projiziert hat, ist der Moment gekommen,

00:13:24.718 --> 00:13:26.038
auf den ich gewartet habe.

00:13:26.318 --> 00:13:30.818
Und er verläuft leider auch so, wie ich es befürchtet habe. Der vorsitzende

00:13:30.818 --> 00:13:34.678
Richter verkündet den Beschluss der Kammer, der den Ausschluss der Öffentlichkeit

00:13:34.678 --> 00:13:37.658
für die Dauer des psychiatrischen Gutachtens vorsieht.

00:13:37.898 --> 00:13:42.838
Der Grund, den Rackwitz für den Ausschluss anführt, lässt sich sinngemäß so zusammenfassen.

00:13:42.998 --> 00:13:47.498
Die Kammer prüft, ob der Angeklagte dauerhaft in einer Psychiatrie untergebracht

00:13:47.498 --> 00:13:52.318
werden muss und leuchtet dazu Privatleben und Krankengeschichte des Angeklagten aus.

00:13:52.698 --> 00:13:57.898
Intimste Details seines Lebens. Und dann geht Rackwitz auch auf unsere Stellungnahme

00:13:57.898 --> 00:14:01.678
ein. Er sagt, das Gericht handle nach gesetzlichen Vorgaben.

00:14:01.838 --> 00:14:05.698
Dem Interesse der Öffentlichkeit sei bislang Rechnung getragen worden.

00:14:05.898 --> 00:14:09.258
Allerdings gehe es im Folgenden um höchst persönliche Dinge.

00:14:09.997 --> 00:14:14.537
Außerdem sagt er, und jetzt zitiere ich aus meinen Notizen, da brauchen wir

00:14:14.537 --> 00:14:16.837
eigentlich keine Aufforderung von außen.

00:14:24.562 --> 00:14:29.082
Ich verlasse den Raum. Andere Journalisten und ich warten im Gerichtsgebäude

00:14:29.082 --> 00:14:33.242
darauf, dass die Öffentlichkeit wiederhergestellt wird, weil wir wissen wollen,

00:14:33.402 --> 00:14:37.222
wie es weitergeht, wann plädiert wird und wann ein Urteil fallen könnte.

00:14:37.962 --> 00:14:43.002
Nach dem psychiatrischen Gutachten dürfen Prozessbeobachter und Journalisten wieder in den Saal.

00:14:43.542 --> 00:14:47.802
Allerdings nur kurz, denn Rackwitz verkündet einen weiteren Gerichtsbeschluss.

00:14:48.142 --> 00:14:52.862
Auch für die Dauer der Plädoyers wird die Öffentlichkeit wie erwartet ausgeschlossen.

00:14:53.542 --> 00:14:57.082
Weil das Gericht an einem der ersten Prozestage entschied, die minderjährige

00:14:57.082 --> 00:15:02.742
Zeugin ohne Zuschauer zu befragen, müssen die Plädoyers auch nicht öffentlich stattfinden.

00:15:03.242 --> 00:15:06.682
Gleich nachdem die anderen Zuschauer und ich den Saal verlassen haben,

00:15:07.162 --> 00:15:09.762
sollen die Verfahrensbeteiligten mit den Plädoyers beginnen.

00:15:10.262 --> 00:15:13.602
Am Nachmittag frage ich bei einem Sprecher des Gerichts nach,

00:15:13.922 --> 00:15:16.822
welche Strafen sie für den Angeklagten gefordert haben.

00:15:17.102 --> 00:15:21.842
Er verspricht, sich am nächsten Tag zu melden, weil ein Teil der Plädoyers noch aussteht.

00:15:22.802 --> 00:15:27.382
Und das tut er. Per Mail teilt der Sprecher mir mit, dass die Staatsanwaltschaft

00:15:27.382 --> 00:15:31.962
beantragt habe, gegen den Angeklagten eine lebenslange Freiheitsstrafe zu verhängen

00:15:31.962 --> 00:15:36.582
und zudem die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus anzuordnen.

00:15:36.802 --> 00:15:40.622
Die Nebenkläger in dem Verfahren hätten sich dieser Forderung angeschlossen.

00:15:41.022 --> 00:15:45.642
Die Verteidigung habe die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus beantragt.

00:15:46.622 --> 00:15:50.582
Mehr erfahren wir zunächst nicht. Auch nicht darüber, was Alexander S.

00:15:50.662 --> 00:15:52.262
In seinem letzten Wort gesagt hat.

00:15:52.642 --> 00:15:57.782
Denn ganz zum Schluss eines Verfahrens, wenn alle Fragen gestellt und alle Plädoyers

00:15:57.782 --> 00:16:02.742
gehalten wurden, erhält der Angeklagte noch einmal das Wort. Das letzte Wort.

00:16:03.062 --> 00:16:05.742
So schreibt es die Strafprozessordnung vor.

00:16:06.182 --> 00:16:09.142
Ihr erinnert euch an die erste Folge zu diesem Fall.

00:16:09.422 --> 00:16:12.182
Darin haben wir den Verteidiger von Alexander S.

00:16:12.342 --> 00:16:17.582
Gehört, der eine Entschuldigung seines Mandanten ganz am Ende des Verfahrens angekündigt hat.

00:16:18.142 --> 00:16:22.342
Was Alexander S. konkret gesagt hat, erfahren wir nicht. Und auch die anderen

00:16:22.342 --> 00:16:25.922
Menschen nicht, an die er womöglich seine Entschuldigung gerichtet hat.

00:16:33.682 --> 00:16:38.982
Am 18. Dezember, wenige Tage vor Weihnachten, treffe ich meinen Kollegen Jakob

00:16:38.982 --> 00:16:41.882
Walter aus unserer Online-Redaktion im Gerichtsgebäude.

00:16:42.122 --> 00:16:46.962
Er begleitet mich zum Urteil, fotografiert und filmt für unsere Social-Media-Kanäle.

00:16:47.222 --> 00:16:49.082
Wir kommen mühelos durch die

00:16:49.082 --> 00:16:52.942
Sicherheitskontrollen, es sind wieder einige Kolleginnen und Kollegen da.

00:16:53.162 --> 00:16:57.382
Und die meisten Prozessbeobachterinnen und Beobachter, die das Verfahren seit

00:16:57.382 --> 00:16:58.942
Ende Oktober verfolgt haben.

00:16:59.402 --> 00:17:03.602
Wie zu Beginn des Prozesses stehen die Kameraleute in einer Reihe im Saal.

00:17:03.682 --> 00:17:06.102
Um ein aktuelles Foto von Alexander S.

00:17:06.202 --> 00:17:09.142
Aufzunehmen oder Videoaufnahmen im Saal zu machen.

00:17:09.402 --> 00:17:14.042
Dann betritt die Schwurgerichtskammer den Raum, die Kameraleute müssen ihn verlassen.

00:17:14.922 --> 00:17:20.522
Der Vorsitzende Richter Gerd Rackwitz verkündet das Urteil. Das Gericht verurteilt Alexander S.

00:17:20.642 --> 00:17:26.382
Wegen zweifachen Mordes und versuchten Mordes in sechs Fällen zu einer lebenslangen Haftstrafe.

00:17:26.642 --> 00:17:32.322
Doch ins Gefängnis kommt er zunächst nicht. Das Gericht ordnet die Unterbringung

00:17:32.322 --> 00:17:34.842
des Mannes in einem psychiatrischen Krankenhaus an.

00:17:35.502 --> 00:17:38.862
Dort wird sein Gesundheitszustand regelmäßig überprüft.

00:17:39.562 --> 00:17:43.502
Sollte sich sein Gesundheitszustand so weit verbessern, dass er in ein Gefängnis

00:17:43.502 --> 00:17:47.402
verlegt werden kann, muss er dort seine lebenslange Haftstrafe verbüßen.

00:17:48.282 --> 00:17:53.942
Nach Einschätzung des psychiatrischen Sachverständigen und laut früherer Diagnosen leide Alexander S.

00:17:54.002 --> 00:17:57.342
An einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, sagte Richter.

00:17:58.042 --> 00:18:03.342
Zur Tatzeit sei Alexander S. zwar einsichtsfähig gewesen, seine Steuerungsfähigkeit

00:18:03.342 --> 00:18:05.662
sei aber erheblich herabgesetzt gewesen.

00:18:05.982 --> 00:18:09.762
Das bedeutet, er verstand zwar, dass er etwas Unrechtes tat,

00:18:10.022 --> 00:18:13.142
war aber nicht imstande, nach dieser Erkenntnis zu handeln.

00:18:13.402 --> 00:18:16.042
Deshalb sei er vermindert schuldfähig gewesen.

00:18:17.235 --> 00:18:21.735
Mit dem Urteil folgt das Gericht den Forderungen der Staatsanwaltschaft und der Nebenkläger.

00:18:22.195 --> 00:18:27.595
Die Urteilsbegründung, die dann kommt, ist ausführlich. Und das ist auch gut so.

00:18:27.835 --> 00:18:32.755
Immerhin sind bis zum psychiatrischen Gutachten einige Fragen unbeantwortet geblieben.

00:18:33.355 --> 00:18:39.595
Welches Motiv hatte Alexander S. für die Tat? Welche Rolle spielte seine psychische Erkrankung dabei?

00:18:39.995 --> 00:18:44.355
Und was ist nun final dran an den Berichten über ein politisches Motiv?

00:18:46.355 --> 00:18:50.855
Rackwitz beginnt die Urteilsbegründung mit einer Beschreibung des Ausmaßes der Tat.

00:18:51.655 --> 00:18:54.815
Sie habe tiefe Spuren hinterlassen, sagt der Richter.

00:18:55.555 --> 00:19:00.495
Die Kammer habe über 50 Zeugen und vier Sachverständige in dem Prozess vernommen

00:19:00.495 --> 00:19:04.915
und festgestellt, bei einer Reihe von Zeugen wirke die Tat nach.

00:19:05.795 --> 00:19:11.735
Der Richter sagt, für einige von ihnen wird das Leben nicht mehr so sein wie vor der Tat.

00:19:13.015 --> 00:19:14.995
Rackwitz rekonstruiert im größten

00:19:14.995 --> 00:19:18.935
Sitzungssaal des Landgerichts zunächst detailliert den Ablauf der Tat.

00:19:19.595 --> 00:19:24.195
Vom Plankenkopf über die Planken und die verlängerten Planken bis zum Arbeitsgericht,

00:19:24.395 --> 00:19:27.475
wo sich der Amok-Fahrer in eine Sackgasse manövrierte.

00:19:27.955 --> 00:19:30.775
Dort hinderte ihn ein Taxifahrer an der Weiterfahrt.

00:19:31.535 --> 00:19:36.315
Dann geht Rackwitz auf die vielen Opfer der Tat ein, die Alexander S.

00:19:36.535 --> 00:19:38.635
Während der Fahrt mit seinem Auto verletzte.

00:19:39.335 --> 00:19:44.075
Der Richter stützt sich dabei vor allem auf die Gutachten des Verkehrssachverständigen

00:19:44.075 --> 00:19:46.115
und der beiden Rechtsmedizinerinnen.

00:19:46.815 --> 00:19:52.075
Er beschreibt die schweren Verletzungen der beiden Todesopfer, die 20 bzw.

00:19:52.695 --> 00:19:55.895
Fast 40 Meter durch die Luft geschleudert worden waren.

00:19:56.899 --> 00:20:00.559
Der Mann und die Frau erlitten beide eine Durchtrennung des Halsmarks,

00:20:00.859 --> 00:20:04.579
die zum Tod führte, wobei die Seniorin zudem verblutet sei.

00:20:05.399 --> 00:20:09.719
Beide Körper seien durch den Zusammenstoß mit dem Auto schwer gezeichnet gewesen.

00:20:10.579 --> 00:20:15.219
Detailgetreu beschreibt der Richter auch die Verletzungen der Menschen, die die Tat überlebten.

00:20:15.779 --> 00:20:20.159
Und dann geht Rackwitz die Fragen durch, auf die der Prozess bislang einer Antwort

00:20:20.159 --> 00:20:21.279
schuldig geblieben ist.

00:20:22.079 --> 00:20:27.419
Als Motiv für die Tat stellt der Richter die psychische Erkrankung von Alexander S. heraus.

00:20:27.959 --> 00:20:32.619
Anhand der zahlreichen Arztbriefe, die der psychiatrische Sachverständige herbeigezogen

00:20:32.619 --> 00:20:37.219
habe, ließ es sich nachvollziehen, dass er bereits mit 16 Jahren zum ersten

00:20:37.219 --> 00:20:41.399
Mal in einem psychiatrischen Krankenhaus stationär behandelt worden war.

00:20:42.039 --> 00:20:46.319
Alexander S. quälten laut Gericht Suizidgedanken und Stimmungsschwankungen.

00:20:46.619 --> 00:20:49.619
Immer wieder soll er auch Gewaltfantasien gehabt haben.

00:20:50.579 --> 00:20:55.039
Auch spricht der Richter über die unbändige Wut von Alexander S.,

00:20:55.039 --> 00:20:59.579
Wut auf sich selbst und andere, vor allem aber gegen den Vater gerichtet.

00:21:00.059 --> 00:21:04.599
So habe der Angeklagte schon als sehr junges Kind mit einem Hammer auf seinen

00:21:04.599 --> 00:21:06.819
Vater losgehen wollen, sagt der Richter.

00:21:07.399 --> 00:21:11.619
Auch soll er darüber nachgedacht haben, andere Menschen in einem Industriegebiet

00:21:11.619 --> 00:21:13.139
in Ladenburg anzugreifen.

00:21:14.012 --> 00:21:17.232
Bei einer Verkehrskontrolle soll er darüber nachgedacht haben,

00:21:17.332 --> 00:21:19.192
den Polizeibeamten zu verletzen.

00:21:20.112 --> 00:21:25.552
2009 wurde Alexander S. per Strafbefehl zu einer Geldstrafe verurteilt,

00:21:25.812 --> 00:21:29.172
weil er mit einem Elektroschocker auf eine Bekannte losging.

00:21:29.492 --> 00:21:33.912
Ihr erinnert euch an die Vorstrafen, die ich für euch rekapituliert habe.

00:21:34.792 --> 00:21:39.452
Der Richter sagt außerdem, seit vielen Jahren gab es die Fantasie,

00:21:39.832 --> 00:21:42.632
Menschen mit einem Pkw erheblich zu schaden.

00:21:43.252 --> 00:21:49.252
Bis Oktober 2024 habe sich Alexander S. in einem psychiatrischen Krankenhaus

00:21:49.252 --> 00:21:51.132
in der Region in Behandlung gefunden.

00:21:52.092 --> 00:21:56.992
Die Mediziner dort registrierten ein, Zitat, Schwanken zwischen Extremen.

00:21:57.312 --> 00:22:02.312
So habe sich Alexander S. als Versager gefühlt, weil er nie länger bei einem

00:22:02.312 --> 00:22:07.012
Arbeitgeber arbeitete, weil er keine Partnerin fand, keine Familie gründete.

00:22:07.012 --> 00:22:12.632
Auf der anderen Seite fühlte er sich aber zu höherem berufen, sagt der Richter.

00:22:13.472 --> 00:22:19.052
Nach der Entlassung aus der Psychiatrie habe er eine 18 Jahre jüngere Frau kennengelernt.

00:22:19.292 --> 00:22:24.452
Ich habe euch in der ersten Episode mehr über die Bekannte von Alexander S. berichtet.

00:22:25.312 --> 00:22:29.672
Der Richter spricht in der Urteilsbegründung darüber, wie Alexander S.

00:22:29.952 --> 00:22:34.072
Wenige Tage vor der Tat mit der Frau in den Urlaub nach Italien fuhr.

00:22:34.772 --> 00:22:39.392
Spätestens auf der Rückfahrt habe er erkannt, dass sie keine Beziehung mit ihm

00:22:39.392 --> 00:22:42.512
eingehen würde, sagt der Richter. Und weiter.

00:22:43.252 --> 00:22:46.632
Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

00:22:46.932 --> 00:22:51.552
Nach der Rückkehr aus dem Urlaub sei in Alexander S. der Gedanke herangereift,

00:22:51.692 --> 00:22:53.152
eine Amokfahrt zu begehen.

00:22:53.432 --> 00:22:56.772
Die Enttäuschung in ihm habe sich immer weiter aufgebaut.

00:22:57.132 --> 00:23:01.612
Und dann habe er den Entschluss gefasst, am 3. März die Tat zu begehen.

00:23:02.372 --> 00:23:07.172
Rackwitz sagt, ohne diese Erkrankung wäre es nicht zu der Gewalttat gekommen.

00:23:07.992 --> 00:23:11.732
Erschwerend sei hinzugekommen, dass der Mann vor der Tat seine Medikamente nicht

00:23:11.732 --> 00:23:12.672
mehr eingenommen hätte.

00:23:15.692 --> 00:23:20.552
Dann kommt der Vorsitzende auf die Berichte über ein politisches Motiv zu sprechen.

00:23:21.052 --> 00:23:26.672
Er sagt, die Vermutung eines politischen Motivs habe während des Prozesses nicht

00:23:26.672 --> 00:23:27.992
bestätigt werden können.

00:23:28.592 --> 00:23:32.992
Alexander S. habe sich in der Vergangenheit möglicherweise mit rechtem Gedankengut

00:23:32.992 --> 00:23:36.252
beschäftigt und auch an einer Demonstration teilgenommen.

00:23:36.952 --> 00:23:40.572
Aber dies liege Jahre zurück und es gebe keine Hinweise darauf,

00:23:40.832 --> 00:23:44.812
dass Alexander S. in bestimmte Strukturen eingebunden gewesen sei.

00:23:45.352 --> 00:23:49.032
Und dann sagt Gerd Drackwitz noch etwas über Alexander S.

00:23:49.412 --> 00:23:53.792
Er sagt, dieser habe geäußert, er habe sich durchaus gewünscht,

00:23:53.872 --> 00:23:56.412
dass man im Netz nachlesen könne, was er getan hat.

00:23:56.672 --> 00:24:02.192
Dass er sich also wünschte, er würde Aufmerksamkeit erregen und Aufmerksamkeit bekommen.

00:24:10.007 --> 00:24:14.767
Die Urteilsbegründung war ausführlich. Auch auf viele intime Details aus dem

00:24:14.767 --> 00:24:17.207
Leben des Angeklagten ist der Richter eingegangen.

00:24:17.407 --> 00:24:19.907
Auf die Krankengeschichte und das Motiv.

00:24:20.267 --> 00:24:25.787
Und doch denke ich nach wie vor, es wäre gut gewesen, noch mehr zu hören. Mehr zu erfahren.

00:24:26.147 --> 00:24:28.167
Alle Teile des Gutachtens zu hören.

00:24:29.107 --> 00:24:34.087
Insbesondere auch, um noch besser zu verstehen, wie es überhaupt zu der Tat kommen konnte.

00:24:34.787 --> 00:24:38.007
Denn Alexander S. war doch seit Jahren in Behandlung.

00:24:38.227 --> 00:24:43.047
Seit dem Teenageralter. Und er hat immer wieder freiwillig Kliniken aufgesucht,

00:24:43.207 --> 00:24:45.627
weil er wusste, dass er Hilfe braucht.

00:24:46.567 --> 00:24:49.687
Psychische Erkrankungen sind ein weit verbreitetes Phänomen.

00:24:50.027 --> 00:24:53.607
Fast ein Drittel der Bevölkerung ist Studienzufolge betroffen.

00:24:53.967 --> 00:24:58.787
Nur für einen sehr kleinen Teil der Betroffenen gilt aber, von diesen Menschen

00:24:58.787 --> 00:25:01.587
geht eine potenzielle Gefahr für andere aus.

00:25:01.947 --> 00:25:07.527
Und für diese Gruppe konnten Forschende feststellen, dass eine adäquate psychiatrische

00:25:07.527 --> 00:25:12.567
Behandlung das Risiko von Gewaltdelikten nachweislich deutlich senken kann.

00:25:12.887 --> 00:25:16.087
Ich frage mich, ob das auch bei Alexander S.

00:25:16.487 --> 00:25:20.867
Möglich gewesen wäre, oder ob über dieser Tat einfach die Erkenntnis steht,

00:25:20.987 --> 00:25:22.567
dass man sie nicht verhindern konnte.

00:25:23.167 --> 00:25:28.187
Vor Prozessbeginn ist bekannt geworden, dass die behandelnden Ärzte von Alexander S.

00:25:28.487 --> 00:25:32.087
In den vergangenen Jahren offenbar unterschiedliche Diagnosen stellten.

00:25:32.627 --> 00:25:37.527
Liegt hier ein Knackpunkt? Wir wissen es nicht. In der Urteilsbegründung ist

00:25:37.527 --> 00:25:39.167
Rackwitz nicht darauf eingegangen.

00:25:39.407 --> 00:25:43.527
Er hat nur gesagt, dass Alexander S. zuletzt seine Medikamente nicht mehr einnahm.

00:25:43.747 --> 00:25:47.987
Und weil wir bei der Erstattung des psychiatrischen Gutachtens nicht dabei waren,

00:25:48.387 --> 00:25:53.747
fehlen uns weitere wichtige Infos dazu, die dabei möglicherweise erörtert worden sind.

00:25:54.127 --> 00:25:59.547
Und so wissen wir nicht, ob der Prozess in diesem nicht-öffentlichen Teil womöglich

00:25:59.547 --> 00:26:03.987
Anhaltspunkte dafür offenbarte, wie die Gesellschaft künftig besser geschützt

00:26:03.987 --> 00:26:05.967
werden kann, bevor etwas passiert.

00:26:06.207 --> 00:26:11.167
Wo Handlungsbedarf besteht, welche zusätzlichen Angebote benötigt werden könnten

00:26:11.167 --> 00:26:14.407
oder auf welchen Feldern noch mehr geforscht werden muss.

00:26:22.169 --> 00:26:25.929
Und so hänge ich meinen Gedanken nach, während ich mit den anderen Kolleginnen

00:26:25.929 --> 00:26:30.689
und Kollegen darauf warte, dass die Verfahrensbeteiligten vor die Kameras treten

00:26:30.689 --> 00:26:32.529
und ein Statement abgeben.

00:26:32.909 --> 00:26:38.129
Dann stellt sich Verteidiger Uwe Kosmala vor die Mikros und gibt eine Stellungnahme

00:26:38.129 --> 00:26:42.529
dazu ab, wie er das Urteil bewertet und ob schon feststeht, ob er für seinen

00:26:42.529 --> 00:26:45.649
Mandanten Revision gegen das Urteil einlegen will.

00:26:45.829 --> 00:26:48.009
Das ist zunächst mal ein vertretbares Urteil.

00:26:48.449 --> 00:26:51.969
Ich berechte es natürlich mit meinem Mandanten, weil er muss damit leben.

00:26:52.169 --> 00:26:55.849
Das Gute ist, dass nicht die Schwere der Schuld festgestellt worden ist.

00:26:56.049 --> 00:27:00.389
Deshalb besteht immerhin die Möglichkeit, dass ein Lebenslang kann auch nach

00:27:00.389 --> 00:27:03.549
14 Jahren eben zur Bewährung ausgesetzt werden.

00:27:03.789 --> 00:27:07.469
Das setzt aber voraus, dass er in der Psychiatrie, also in der Unterbringung,

00:27:07.589 --> 00:27:10.069
dass dieser Makel beseitigt werden kann.

00:27:10.469 --> 00:27:12.869
Von daher hat er zumindest einen leichten Hoffnungsschimmer.

00:27:13.347 --> 00:27:17.527
Jemand aus den Reihen der Journalisten fragt Uwe Kosmaler außerdem nach der

00:27:17.527 --> 00:27:19.747
langen Krankheitsgeschichte seines Mandanten.

00:27:20.127 --> 00:27:24.267
Und interessanterweise spricht er den Punkt an, der mich auch umtreibt.

00:27:24.427 --> 00:27:29.887
Die Frage danach, ob die Tat auf irgendeine Art und Weise hätte verhindert werden können.

00:27:30.067 --> 00:27:32.587
Er hat schon eine lange Krankheitsgeschichte hinter sich.

00:27:32.767 --> 00:27:36.847
Da hätte man auch vielleicht mal fragen können, ob man durch eine Betreuung

00:27:36.847 --> 00:27:38.867
oder wie auch, ob es hätte verhindert werden können.

00:27:39.167 --> 00:27:43.787
Aber das sagt sich im Nachhinein natürlich immer leicht. Und man stößt auch oft an die Grenzen.

00:27:44.467 --> 00:27:47.927
Es ist ja so, wenn Sie mal schauen, heute in Mannheim, die Fußgängerzone ist

00:27:47.927 --> 00:27:51.647
zwar jetzt beim Weihnachtsmarkt durch Poller gesichert, aber in der Innenstadt

00:27:51.647 --> 00:27:52.867
haben wir das gleiche Bild.

00:27:53.087 --> 00:27:57.167
Es könnte genauso morgen wieder so eine Tat. Und dann kommt die Frage danach,

00:27:57.507 --> 00:28:01.427
wie Cosmala seinen Mandanten während des Verfahrens wahrgenommen hat.

00:28:01.587 --> 00:28:05.127
Und ob er den Eindruck hat, sein Mandant habe wirklich verstanden,

00:28:05.367 --> 00:28:08.367
was er da angerichtet hat. Er ist sehr wortkarg.

00:28:08.567 --> 00:28:12.647
Er kann auch nicht lange Gespräche führen. Also er ist relativ schnell erschöpft.

00:28:12.767 --> 00:28:16.587
Was mich beim Sachverständigen eigentlich gewundert hat, dass der mehrere Stunden

00:28:16.587 --> 00:28:17.947
mit ihm gesprochen haben soll.

00:28:18.387 --> 00:28:22.327
Man blickt in einen Menschen nicht rein. Wenn Sie die Lebensgeschichte sehen,

00:28:22.507 --> 00:28:26.087
eigentlich hatte er das ja auch lange Zeit immer im Griff seiner Handlungen.

00:28:26.467 --> 00:28:30.227
Und selbst noch am Samstag dann hatte man das Gefühl, das ist alles normal.

00:28:30.427 --> 00:28:32.527
Auch die Zeugen haben das ja ausgesagt. Sie haben ja nicht gesagt,

00:28:32.647 --> 00:28:36.147
es ist sehr auffällig gewesen. Und das ist halt das Tückische auch bei dieser

00:28:36.147 --> 00:28:37.607
Borderline-Symptomatik.

00:28:37.807 --> 00:28:40.207
Und da frage ich mich halt, ob man in der Psychiatrie sowas,

00:28:40.387 --> 00:28:42.347
ja, das ist der Preis der Freiheit, sage ich mal.

00:28:42.707 --> 00:28:46.207
Sie können nicht jeden Menschen, wenn der Verdacht besteht, inhaftieren oder

00:28:46.207 --> 00:28:49.747
unterbringen. Das ist nicht so einfach. Und dann ist der Prozesstag vorbei.

00:28:50.387 --> 00:28:53.907
Jakob und ich machen uns auf den Weg Richtung Schreibtisch, um zu arbeiten.

00:28:54.347 --> 00:28:58.527
Das zweite große Verbrechen, das Mannheim binnen weniger Monate erschüttert

00:28:58.527 --> 00:29:01.447
hat, ist nun juristisch aufgearbeitet worden.

00:29:05.647 --> 00:29:09.767
Vergessen ist keines von beiden, denn sie haben etwas mit den Menschen in der

00:29:09.767 --> 00:29:11.627
Stadt gemacht, mit uns allen.

00:29:12.663 --> 00:29:16.623
Und damit sind wir schon am Ende dieser Episode angekommen. Vielen Dank,

00:29:16.743 --> 00:29:18.583
dass ihr bis zum Schluss dabei geblieben seid.

00:29:18.823 --> 00:29:20.843
Wir hören uns im kommenden Jahr wieder.

00:29:21.303 --> 00:29:24.663
Ich bin Agnes Pulewka und ihr hört Verbrechen im Quadrat.

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Musik Musik Musik,

00:29:58.403 --> 00:30:03.363
Ein Podcast des Mannheimer Morgen. Produziert von Mischa Krumpe.

