Hallihallo meine Damen und Herren, willkommen zu einer neuen Folge unseres Podcasts Bücherlarm. Wir sind die Lesescoats des Albert Einstein Gymnasiums in Maintal. Heute geht es um den Jugendroman Verraten von Grit Poppel. Ein spannendes und zugleich erschütterndes Buch über Freiheit, Mut und Macht eines Staates über das Leben junger Menschen.
Lehnt euch zurück und entspannt in Ruhe, denn zuerst möchte Ayla fragen, worum geht es eigentlich in diesem Buch? Im Zentrum der Handlung steht der 16-jährige Sebastian Haberkamp, ein sensibler, nachdenklicher und eher ruhiger Jugendlicher, der nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter in ein staatliches Heim eingewiesen wird. Diese Erfahrung ist für ihn prägend. Er wird mit Gewalt, Kontrolle und Willkür konfrontiert, einem repressiven System, das wenig Raum für Individualität oder Mitgefühl lässt. Sebastian ist zunächst verunsichert, hilflos und emotional überfordert. Dennoch zeigt er von Anfang an Verantwortungsbewusstsein, vor allem gegenüber Katja, einem gleichaltrigen Mädchen, das ihm im Heim begegnet. Als er später zu seinem Vater ziehen darf, wird er mit einer neuen Realität konfrontiert. Nicht nur mit der heimlichen Flucht Katjas, die er versteckt hält, sondern auch mit der staatlichen Überwachung seines Vaters, der als Staatsfeind gilt. Sebastian gerät in einen tiefen moralischen Konflikt, als ihn ein Stasenmitarbeiter unter Druck setzt, seinen Vater auszuspionieren. Diese Zerrissenheit zwischen Angst, Pflichtgefühl und Gewissen durchzieht seine Entwicklung. Er macht in der Geschichte eine deutliche Wendung durch, vom abhängigen, unsicheren Jungen hin zu einem Jugendlichen, der beginnt Verantwortung zu übernehmen und sich gegen Ungerechtigkeit zu stellen. Ich habe ja gerade gesagt, Sebastian lernt Katja kennen, aber wie ist Katja denn so? Katja, ein 17-jähriges Mädchen mit schwieriger Vergangenheit, wird als rebellisch, mutig und selbstbestimmt beschrieben. Sie hat bereits mehrere Heime hinter sich und gilt im DDR-System als schwer erziehbar.
Ihre rebellische Haltung zeigt sich in wiederholten Fluchtversuchen und in ihrer offenen Ablehnung staatlicher Autorität. Sie hat früh gelernt, sich allein durchzuschlagen und lässt nur schwer Vertrauen zu. Doch in Sebastian findet sie jemanden, der sie ernst nimmt und ihr hilft, obwohl er damit selbst große Risiken eingeht. Katja ist geprägt von den traumatischen Erfahrungen in den Heimen und vom Gefühl, immer gegen etwas kämpfen zu müssen. Dennoch verliert sie nie ihren inneren Widerstand, ihre Hoffnung auf ein besseres Leben oder ihren Wunsch nach Freiheit. Ihre Stärke liegt im Trotz, ihre Verletzlichkeit verbirgt sie hinter einer rauen Fassade.
Durch das Zusammensein mit Sebastian wird sie weicher, emotionaler, ein Wandel, der die Tiefe ihres Charakters unterstreicht. Und was ist dann mit Sebastians Vater? Der scheint doch eine wichtige Rolle zu spielen. Sebastians Vater, Gerry, ist eine komplexe Figur. Einst war er politisch aktiv, äußerte sich kritisch über das DDR-Regime und wurde deshalb verhachtet und gesellschaftlich ausgegrenzt. Heute lebt er zurückgezogen in Ost-Berlin und arbeitet als Bestatter. Ein Beruf, der symbolisch seine Isolation und den gesellschaftlichen Tod widerspiegelt, den die Stasi ihm zugefügt hat. Gerry ist ruhig, vorsichtig, aber keineswegs schwach. Er ist ein Mann, der seine Prinzipien nicht aufgegeben hat und seinem Sohn nun versucht, in einer gefährlichen Welt Orientierung zu geben. Trotz der Belastung durch seine Vergangenheit übernimmt er Verantwortung. Für Sebastian, den er bei sich aufnimmt und indirekt für Katja, deren Versteckt er duldet. Er ermutigt Sebastian zur Aufrichtigkeit und zeigt ihm, dass es wichtiger ist, zu sich selbst zu stehen, als sich anzupassen. Gary verkörpert damit das Ideal des stillen Widerstands. Ein Mann, der von der Stasi gebrochen werden sollte, aber in seiner Haltung unerschütterlich bleibt.
Jetzt, wo wir schon einmal einiges über den Inhalt erfahren haben, schauen wir uns doch mal das Cover des Romans an. Ich finde, das passt nämlich ziemlich gut zu dem Thema. Das Buchcover des Romans Verraten von Gritpoppe wirkt düster und geheimnisvoll. Der Hintergrund ist dunkelbraun, fast schwarz, was eine ernste, bedrückende Atmosphäre vermittelt. Das Wort Verraten steht groß und in kräftigen, orangenen Großbuchstaben in der Mitte des Covers, welches auffällig und dramatisch ist. Der Name der Autoren-Grid Poppe steht kleiner und quer im selben Orangeton direkt neben dem Titel. Links oben hängt eine einsame Glühbirne an einem Kabel, die leuchtet. Die Lichtquelle symbolisiert möglicherweise ein Verhörzimmer oder ein Moment der Wahrheit. Rechts unten ist der dunkle Schatten eines Kopfes zu sehen, vermutlich eine Person im Profil, die von der Lampe angestrahlt wird. Dies verstärkt den Eindruck von Isolation oder Befragung. Oben rechts befindet sich das Logo des Verlags Klett mit dem bekannten roten Streifen und dem stilisierten Buchsymbol. Insgesamt vermittelt das Cover eine bedrückende, spannungsgeladene Stimmung zum Titel Verraten, der an Überwachung oder Verhöre denken lässt.
Nachdem ihr jetzt einiges über die wichtigsten Fakten zum Roman gehört habt, wollen wir noch einige unserer Gedanken zu der Lektüre mit euch teilen. Wir starten damit, dass wir euch eine unserer Lieblingsszenen vorlesen. Anschließend hört ihr Ausschnitte aus unserem Interview mit der Autorin Grit Poppe, die uns netterweise einige unserer Fragen beantwortet hat. Es ist toll, wenn man die Chance hat, die Autorin selbst zu ihrem Werk zu befragen. Also seid gespannt! Und zum Schluss stellen wir euch auch noch unsere persönliche Meinung zum Roman vor. Maya, was findest du denn an dem Roman am interessantesten? In Grit Poppes Roman Verraten geht es um die jugendliche Katja und Sebastian, die in der DDR leben. Sie erleben, wie es ist, in einem Staat aufzuwachsen, in dem Freiheit eingeschränkt wird und Menschen ständig überwacht werden. Neben den beiden spielen auch Sebastians Vater Gary und der Stasi-Mitarbeiter Herr Möller eine wichtige Rolle. Besonders spannend ist, wie sich Sebastian verändert, als er gezwungen wird, mit der Stasi zusammenzuarbeiten. Zum Beispiel auf Seite 101, wo der erste Kontakt stattfindet. Auch Katjas Mut und ihr ständiger Wunsch nach Freiheit beeindrucken. Möchtest du uns den Ausschnitt mal vorlesen?
Sie meinen, Sie sind von der Stasi? Platzte Sebastian heraus. Wir bevorzugen den Begriff MFS, Ministerium für Staatssicherheit. Er zückte eine Karte, klappte sie auf und hüllte ihm für den Bruchteil eine Sekunde unter die Nase. Aber ja, ich merke schon, du bist... Er steckte den Ausdruck wieder ein und hob den Zeigefinger, blinzelte Sebastian an und lächelte. Du bist ein cleverer Schüler, das gefällt mir. Und Sie wollen mit mir sprechen? Worum ging es hier? Wussten sie bereits von Katja? Ich verstehe, dass du nachfragst. Das ist sicher auch eine merkwürdige Situation für dich. Was? Der Mann lachte. Da kommt so ein Typ und erzählt dir, er wäre von der Geheimpolizei und müsste unser Land, die DDR, beschützen. Das klingt wie aus einem schlechten Krimi, oder?
Unwillkürlich grinste Sebastian. Irgendwie schon. Kann ich mir denken, Junge. Das würde mir an deiner Stelle genauso gehen. Das Gesicht seines Gegenübers wurde wieder ernst. Wir müssen über einen gewissen Sachverhalt reden, der tatsächlich die Sicherheit unseres Staates berührt. Sebastian schluckte. Er spürte sein Herz wummern. Hatten sie Katja etwa erwischt? War Frau Pfeiffer ihnen auf die Schliche gekommen?
Worum geht es denn, murmelte er. Der Mann beugte sich ein Stück vor und betrachtete Sebastian besorgt. Also, was ich dir jetzt sage, ist streng vertraulich. Seine Stimme war leiser geworden und er warf einen Blick zur Tür. Weißt du, dass dein Vater im Gefängnis gewesen ist? Fragte er. Sebastian schwieg. Etwas Bitteres legte sich auf seine Zunge. Und er schluckte. Schließlich schüttelte er den Kopf. Dachte ich mir. Und ich dachte mir auch, dass ein Junge wie du, ein Sohn einer verdienten Genossin, die Wahrheit erfahren sollte. Sie kannten meine Mutter? Nicht direkt, aber ich habe viel von ihr gehört. Viel Gutes. Es tut mir sehr leid, dass du deine Mutter verloren hast, Sebastian. Das muss sehr schmerzhaft für dich sein. Alle im Fernsehstudium in Adelshof mochten sie. Ich kann dir sagen, dass sie vermisst wird. Niemand, der sie gut kannte, wird sie je vergessen. Sebastian holte Tiefluft. Er hatte keine Ahnung, was er dazu sagen sollte. Also schwieg er und atmete geräuschvoll aus. Dieser Mann schien einiges zu wissen über Sebastians Familie.
»Was ist denn mit meinem Vater? Wieso war er denn? Bei unserem nächsten Treffen kann ich dir mehr erzählen. Aber nicht hier. Verstehst du sicherlich,« sagte er mit einem verschwörerischen Lächeln, das über sein Gesicht huschte und gleich wieder verschwand. Sebastian runzelte die Stirn. »Sein Vater war also im Knast gewesen. Wieso wusste er nichts davon?« »Aber eins muss klar sein. Das, was ich dir erzählt habe und was wir in Zukunft bereden werden, ist streng vertraulich,« sagte sein Gegenüber ernst. Du darfst zu niemandem etwas sagen, weder zu deinem Vater, noch zu deinen Freunden, noch zu irgendwem sonst. Sebastian schwieg. Natürlich würde er es niemandem erzählen, dass sein Vater im Knast gewesen war. Das verstehst du doch. Er zuckte mit den Achseln. Ich kapiere nicht ganz, worum es überhaupt geht. Das erfährst du, wenn wir uns wiedersehen. Dann erzähle ich dir alles weitere. Einverstanden? Sebastian zögerte einen Moment. Das mit seinem Vater, was nicht stimmte, hatte er schon geahnt. Jetzt hatte er eine Chance herauszufinden, was mit ihm los war. Und noch etwas machte ihn neugierig. Was wollte die Stasi mit ihm besprechen? Das Ministerium für Staatssicherheit. Die kam ausgerechnet zu ihm? Wieso?
In Ordnung. Kann ich jetzt gehen? Natürlich, sofort. Du musst nur schnell noch eine Schweigeverpflichtung schreiben. Wieso das? Das ist nur eine Formalität. Danach kannst du nach Hause. Er reichte ihm ein Blatt und einen Stift und beugte sich über ihn. Um rechts notierst du bitte Ort und Datum. Er kam noch ein Stück näher und Sebastian nahm seinen Atem in seinem Nacken wahr, während er ihm die Erklärung ditierte. Ich verpflichte mich hiermit, dass ich mit keiner Person über den Kontakt zum MFS und über das Besprochene und Gehörte reden werde. Sebastian schrieb und kritzelte hastig seine Unterschrift. Sehr gut, der Mann reichte ihm die Hand und als Sebastian loslassen wollte, spürte er den Griff plötzlich härter werden. und zu keinem ein Wort. Ich verlasse mich darauf auf dich, er zwinkerte ihm zu und schielt noch einen Moment sein Finger festgedrückt.
Das klingt echt ganz schön krass. Ich glaube, in so einer Situation hätte ich total Angst gehabt und hätte gar nicht gewusst, was ich machen sollte. Wie sieht es mit dir aus, Ayla? Welche Stellen im Buch fandest du besonders spannend? Spannend sind vor allem die Szenen, in denen es um moralische Entscheidungen, Bedrohungen und Angst geht. Zum Beispiel auf den Seiten 242 bis 244, wo es um das Thema Macht geht. Dort spürt man deutlich, wie groß der Druck auf Jugendliche war. Sebastian spricht in der Szene mit seinem Mathelehrer und droht ihm schlussendlich, denn er hat ihn bei etwas beobachtet und könnte ihm bei seinem Kontakt in der Stasi verraten.
Es regnete auf dem Weg zur Schule. Sebastian zog sich die Kapuze seiner Jacke über den Kopf. Vorsichtshalber. In den Nachrichten aus dem Westen hatten sie von dem radioaktiven Niederschlag gewarnt. Der Reporter hatte aufgeregt geklungen, als würde die Welt untergehen. Sebastian fühlte Tropfen, die ihm ins Gesicht klatschen und wischte sie nervös weg. Würde er jetzt Krebs bekommen? Ach Quatsch. Er lief ein bisschen schneller vom Regen angetrieben und der eigenen Wut. Der Wut darüber, dass er Angst hatte vor lächerlichen Wassertropfen. Tropfen. Katja würde sich kaputt lachen, wenn er ihr davon erzählte.
Katja. Seit sie sich wieder geküsst hatten, konnte er kaum an etwas anderes denken, als die sanfte Berührung ihrer Lippen auf seinen, an den leicht salzigen Geschmack. Es war nicht ganz so gewesen, wie er es sich vorgestellt hatte. Aber eigentlich hatte er sich gar nichts vorgestellt. Der runde Anhänger leuchtete wie ein kleiner Mond, wenn Katja die Kette trug. Er sah so schön aus auf ihrer Haut. Doch diese Schönheit kam ihm falsch vor, als hatte er mit Falschgeld bezahlt. Judas Lohn, Judas, wieso schwirrten ihm diese Wörter immer noch im Kopf herum? Die Sache war gegessen, das Geld war weg und Katja trug jetzt eine hübsche Kette. Sie schien sich zu freuen über das Geschenk. Schließlich hatte sie ihn geküsst. Oder er sie. Das wusste er nicht so genau. Er konnte in diesem Moment, als es passierte, nicht klar denken. Entweder man küsste oder man dachte. Beides zusammen ging nicht. Und nach dem Kuss wachete er auf den nächsten und konnte erst recht nicht klar denken. Es war die Prüfungswoche vor dem Schulabschluss der 10. Klasse und Sebastian hatte Deutsch schon hinter sich. In der ersten Stunde hatten sie Prüfungskonsolation für die Matheprüfung, die am nächsten Tag stattfinden sollte. Und Herr Heinemann rief ihn nach dem Unterricht zu sich. Du hast deine letzte Hausaufgabe immer noch nicht abgegeben.
»Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass mein Hefter verschwunden ist«, verteidigte sich Sebastian. »Ja, stimmt, das hast du. Wahrscheinlich gestohlen«, meintest du. Herr Heinemann lachte trocken und runzelte die Stirn. »Da habe ich wirklich schon bessere Ausreden gehört. Du glaubst auch nicht, dass ich dich mit so einer Lüge davonkommen lasse.« »Ich lüge nicht, der Hefter war weg.« »Einfach so?« Sebastian schwieg. Stasi hatte ihn geklaut, konnte ja wohl kaum sagen, aber seit der Wohnungsdurchsuche fehlten drei Hefter, die an diesem Tag in seiner Mappe gewesen waren. Du hast die Gelegenheit, die Haushocharm nachzureichen, nicht genutzt, Sebastian. Das ist sehr dumm von dir. Du weißt, was auf dem Bild steht. Ich trage dir dafür einen Ungenügend ein. Sebastian fühlte die Wut in sich hochkochen. Hatte Herr Heinemann ihn gerade dumm genannt? Doch er schwieg, sah stumm zu, wie der Lehrer seinen Kugelschreiber zückte und die Fünf ins Klassenbuch eintrug. Kann ich jetzt gehen? fragte er schließlich. ich. Es wäre gut, wenn du dich zusammenreißen würdest, Sebastian, oder willst du dir zu guter Letzt noch einen Abschluss versauen? Passen Sie mal auf, dass ich sie nicht gleich versaue, dachte Sebastian tornig. Er schüttelte den Kopf. Und jetzt kannst du gehen. Sebastian wollte sich schon abwenden, doch dann blieb er stehen. Ist noch was? Ich habe sie neulich gesehen. Herr Heinemann hob den Blick. In der Kirche, sagte Sebastian und zwinkerte seinem Lehrer zu. In der Zionskirche.
Er sah noch, wie das Gesicht des Mannes rot anlief. Dann warte er sich ab und schlenderte betont lästig aus dem Klassenraum. Ein merkwürdiges Grinsen stob sich auf sein Gesicht. Nicht nur Herr Heinemann besaß sie, Sebastian hatte sie jetzt auch. Und seine war vielleicht wirkungsvoller. Macht. Es fühlte sich gut an, Macht zu haben.
Wie hättest du in der Situation gehandelt? Hättest du die Macht auch eingesetzt und dem Lehrer mit deinem Wissen über das illegale Treffen in der Kirche gedroht oder findest du das moralisch verwerflich? Alles klar, kommen wir jetzt zum Interview mit der Autorin. Wir haben mit ihr über den Schreibprozess, die Recherche zum Buch und welchen Zusammenhang der Roman mit unserer heutigen Demokratie hat gesprochen. Ein kleiner Hinweis, EM bedeutet inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Das heißt, die Person hat bei der Stasi verdeckt Informationen ausgeliefert oder Leute beeinflusst, ohne formal für diese Behörde zu arbeiten. Die Autorin nutzt diese Abkürzung häufiger während des Interviews. Viel Spaß beim Zuhören.
Hallo, Esma. Hallo. Also die erste Frage wäre, wie kamen Sie auf die Idee, das Buch zu schreiben und was hat Sie dazu inspiriert? Naja, das Buch, also Verraten, hat ja eigentlich so zwei Themen. Das eine ist nochmal das Durchgangsheim da in Bad Feinwalde. Und das ist ja ein Thema, was mich länger schon beschäftigt hat. Also die Umerziehung von Jugendlichen, die als sogenannt schwer erziehbar galten. Und da spielten diese Durchgangsheime auch eine sehr üble Rolle. Und das andere Thema ist natürlich die Stasi und die Jugendlichen in offiziellen Mitarbeiter, die eben auch schon angeworben wurden. Also der jüngste soll 13 Jahre alt gewesen sein, der jüngste IM. Und es sind halt eben auch Jugendliche angeworben worden von der Staatssicherheit, die meistens auch andere Jugendliche bespitzeln sollten, aber eben auch Leute aus dem Umkreis, also aus der Familie oder eben kirchliche Einrichtungen.
Das war dann die zweite Idee, die zu dem Buch geführt hat. Also mich hat beschäftigt, wie hat die Stasi die Jugendlichen, speziell die Jugendlichen angeworben. Und in welche Konflikte sind die Jugendlichen dadurch geraten? Ja, weil wenn man dann gespitzelt hat für die Stasi, hieß das ja, also man hat den besten Freund verraten, man hat Familienangehörige verraten.
Oder Nachbarn oder wen auch immer, jedenfalls Leute, die man eigentlich gut kannte. Und das hat natürlich zu inneren Konflikten auch geführt und das hat mich interessiert. Hallo, ich bin der Cemil und meine Frage lautet, gibt es reale Vorbilder für die Figuren im Buch? Naja, nicht so wirklich, weil die Figuren sind ausgedacht. Aber ich habe schon auch überlegt, was da passen könnte. Ich habe auch mit Zeitzeugen gesprochen, die Ähnliches erlebt haben. Ich kannte schon länger auch Leute, die in Heimen gelebt haben, also auch in Jugendwerkhöfen oder in diesem Durchgangsheim Bad Freienwalde. Das gab es ja wirklich. Und da habe ich dann auch Dinge benutzt, die mir erzählt worden sind. Und das waren oft sehr rebellische Jugendliche, die dort gelandet sind, auch in diesem Durchgangsheim. Und die Katja ist da so ein bisschen angelehnt an die tatsächlichen Zeitzeugen. Das sind aber verschiedene. Das ist jetzt keine einzelne Zeitzeugin, sondern eigentlich so verschiedene, die ich dann so im Hinterkopf hatte.
Ja, bei Sebastian gibt es kein reales Vorbild, aber ich habe natürlich auch hier mit einem Zeitzeugen gesprochen, der mit 15 angeworben wurde von der Staatssicherheit. Also mich hat da interessiert, wie hat er das erlebt und das ist natürlich auch ins Buch eingeflossen. Danke für die Antwort. Haben Sie denn die Zeitzeugen schon davor gekannt oder haben Sie sich erst neu kennengelernt? Naja, die jetzt in Bad Freienwald im Durchgangsheim waren, die kenne ich schon länger. Also da gibt es auch schon länger persönliche Kontakte, heißt die machen einmal im Jahr so ein Treffen. Und da wäre ich jetzt auch immer eingeladen, so die letzten Jahre. Und wenn ich Zeit habe, war ich da auch hin. Und dadurch lernt man sich auch so ein bisschen kennen. Oder auch bei Veranstaltungen haben wir uns auch schon so getroffen.
Und ich kenne vor allem auch die Geschichten der Betroffenen ganz gut mittlerweile. Vielen Dank. Ja, und bei dem Zeitzeugen, der jetzt IM war als Jugendlicher, den kannte ich vorher nicht. Also da habe ich dann auch nach suchen müssen, nach jemandem, der mir darüber berichtet. Das war auch ein bisschen schwierig, den zu finden. Also ich hatte erst einen, der hat dann wieder abgesagt. Und dann war ich wieder neu auf der Suche. Und dann habe ich zum Glück den Christian Arnsee gefunden. Und der war gerade dabei, seine Geschichte öffentlich zu machen. Also der tritt auch als Zeitzeuge auf in einem Dokumentarfilm, hat selber auch ein Buch geschrieben über seine Geschichte und er war da gut ansprechbar für mich und hat mir dann eben auch seine Akte zur Verfügung gestellt und das war schon sehr hilfreich und hat Fragen beantwortet, natürlich. Jetzt kommen wir auch zur dritten Frage.
Welche Szene hat Sie am meisten berührt und warum? Ja, das ist eigentlich eine Frage, die muss man eigentlich den Leserinnen und Lesern stellen, also welche Szene sie berührt hat. Also beim Schreiben, würde ich sagen, war für mich emotional am berührendsten eigentlich die Szene, in der Sebastian in Boltenhagen an der Steilküste ist und der Vater von ihm erfährt, dass er für die Stasi gespitzelt hat und dass er quasi seinen Vater verraten hat. Und in einem Moment fast dabei ist, da runterzuspringen, also diese Klippe runterzuspringen und der Vater ihn zurückhält und sagt, na bist du denn verrückt, das ist nicht deine Schuld. Also das ist, denke ich, so für mich die entscheidende Szene auch gewesen. Hi, ich bin Maya und unsere nächste Frage wäre, wie haben Sie sich denn so allgemein während des Schreiben des Buches gefühlt? Naja, also wie fühlt man sich beim Schreiben?
Das ist natürlich auch sehr unterschiedlich. Also merkwürdigerweise ist mir das leichter gefallen, die Szenen mit Katja zu schreiben. Also da fühlte ich mich irgendwie sicherer, weil ich diese Geschichten der Zeitzeuginnen auch schon länger kenne und weiß, wie sie so drauf sind und auch das Rebellische sehr mag bei Katja und die ist eigentlich eine sehr klare Figur. Bei Sebastian ist es ein bisschen schwieriger gewesen, weil er eben, naja, doch Probleme hat mit sich selbst auch noch.
Also da musste ich auch mehr überlegen und dann quält man sich auch manchmal ein bisschen. Das Schreiben ist ja nicht so, dass es jeden Tag gleich ist. Man hat manchmal auch Krisen und sagt, ja, wieso soll es jetzt weitergehen? Keine Ahnung. Also das passiert auch oft eigentlich.
Und ohne dass man groß was macht, also entwickelt sich die Geschichte aber trotzdem irgendwie im Kopf weiter und irgendwie hat man dann die Idee, wie es weitergehen kann. Und dann setzt man sich hin und schreibt das, bis dann zur nächsten Stelle, wo man nicht mehr weiter weiß. Also das kommt häufiger vor, als man so denkt. Aber das gehört zum Schreibprozess dazu. Also es ist schon auch Arbeit, aber es macht auch Spaß, beides. Und haben Sie einen Wunsch für junge Leserinnen und Leser, die Ihr Buch lesen? Einen Wunsch? Na, ich hoffe mal, das Buch gefällt euch. Also das ist ja erstmal das Wichtigste. Und ja, dass man vielleicht auch ein bisschen was mitnimmt über die Zeit. In der DDR und auch vielleicht versteht, was es bedeutet, in einer Diktatur zu leben, also im Unterschied zur Demokratie heute.
Ich denke, es gab halt damals Probleme, die man sich heute kaum noch vorstellen kann. Also allein die Tatsache, dass da zum Beispiel Menschen auf andere Menschen angesetzt werden, Also, dass man hinter dem Rücken des Freundes oder der Freundin oder der Kollegin oder wem auch immer spitzelt und bespitzelt und das alles erzählt. Und natürlich kann daraus auch was entstehen. Also, es sind ja auch Haftstrafen entstanden durch solche Spitzenbüchte.
Und das ist ja alles heute nicht mehr möglich zum Glück. Also, das gibt es ja nicht mehr. und ich hoffe, Durch das Lesen des Buches wird man sich vielleicht auch ein bisschen bewusster darüber, was Demokratie bedeutet und dass man das auch irgendwie verteidigen muss, also diese Möglichkeiten der Demokratie, die man hat, also diese Freiheit, die man heute hat. Und eine Frage noch, denken Sie.
Man braucht Vorwissen über die DDR oder so allgemein, bevor man das Buch liest? Nö, ich glaube eigentlich nicht, dass man da Vorwissen braucht unbedingt, weil die Geschichte erklärt sich ja auch irgendwie selbst. Das ist eigentlich erstmal auch eine hoffentlich spannende Story. Es sind halt zwei Figuren, denen man, denke ich, ganz gut folgen kann. Insofern denke ich eher, dass der Effekt vielleicht sein könnte, dass man sich hinterher ein bisschen mehr beschäftigt mit der DDR und mit diesen ganzen Systemen und mit der Stadtsicherheit oder auch mit den Heimen. Also das hoffe ich jedenfalls, dass es so ein bisschen Anstoß ist, sich weiter damit zu beschäftigen mit dem Thema.
Sie haben ja schon gesagt, dass Sie mit Zeitzeugen auf jeden Fall gearbeitet haben, aber wie haben Sie noch weiter für das Buch recherchiert? Ich habe natürlich auch Bücher gelesen, es gibt halt Sachbücher oder auch Dokumentarfilme, also die Stasi im Kinderzimmer oder Stasi auf dem Schulhof, sind so Dokumentarfilme und das eine gibt es dann auch noch als Buch, das habe ich natürlich auch gelesen und mich einfach ein bisschen tiefer mit der Materie beschäftigt. Und ich habe dann auch durch einen Freund, der das irgendwo hier hatte, habe ich noch Diplomarbeiten der Stasi-Leute gelesen, die damals hier in Gollm, das ist ja auch in Potsdam, an der Stasi-Hochschule ausgebildet worden sind. Und da gibt es Diplomarbeiten darüber.
Wie man einen Jugendlichen als Spitze der Stasi gewinnt, als innoffiziellen Mitarbeiter. Und diese Diplomarbeiten habe ich auch gelesen und festgestellt, dass die das tatsächlich, also so wie die Theorie war, so haben die das auch in der Praxis umgesetzt. Dazu gehörte zum Beispiel, dass sie alles in Erfahrung brachten über den Jugendlichen. Also nicht nur Schulleistungen, Verhältnisse zu den Eltern, sondern auch, was hat der für Hobbys. Also im Grunde, wie kann man den ködern? Also das haben die da alles gelernt. Ja, diese Diplomarbeiten habe ich dann auch mit benutzt, um die Geschichte dann zwischen Sebastian und seinem Führungsoffizier da erzählen zu können. Okay, vielen Dank. Genau, dann bedanken wir uns erstmal bei Ihnen für die Zeit, die Sie sich genommen haben und für die Antworten, die Sie uns gegeben haben.
Abschließend hört ihr unsere Meinung zum Roman. Ich fand das Buch sehr gut gestaltet und mal einen guten Einblick in die Zeit der DDR bekommen hat. Und was sagst du dazu, Jimmy? Also vielen Dank erstmal Lukas. Ich stimme dir zu. Ich fand das Buch auch sehr toll und ich habe sehr viel über die DDR gelernt und wie hart es damals war. Tja und ich würde jetzt mal die Mark 4 fragen. Wie fandest du es? So wie die beiden gesagt haben, das Buch hat einen Einblick in die DDR-Zeit gegeben. Es war nämlich nicht nur für die Jugendlichen schwer, sondern auch für Erwachsene, die oft unter Druck standen oder sogar selbst mitgemacht haben. Man versteht besser, wie die Menschen damals dachten und lebten. Und was ist deine Meinung dazu, Alessio? Also ich fand das Buch schon sehr gut, weil man hat gemerkt hat, welchen Einfluss die Politik damals hatte, also die DDR auf das Volk, also die Bürger.
Und halt, dass sie sich gegenseitig verraten hatten, hat nochmal diesen Einfluss bewiesen. Willst du noch was ergänzen, Ilias? Ja, Alessio. Ich möchte noch etwas hinzufügen. Ich finde, das Buch von Grit Poppe führt einem vor Augen, wie wichtig Freiheit ist und dass man die Freiheit heutzutage wertschätzen soll. Die Stimmung ist oft traurig oder bedrückend. Die Sprache ist zwar recht einfach, aber manche Stellen sind anspruchsvoll und man braucht etwas Vorwissen über die DDR und die Stasi. Was denkst du darüber, Ayla? Ich stimme dir zu, Elias. Außerdem finde ich besonders spannend, dass man Sebastians Situation und seine Gefühlslage, diese Zwickmühle, in der er sitzt, eigentlich auf jedermanns Leben übertragen kann. Ich bin mir sicher, dass wir alle schon mal in so stressigen Situationen waren und unter Druck von außen stehenden Entscheidungen treffen mussten. Es zeigt, wie wichtig Freiheit ist und wie schnell sie bedroht sein kann. Es erzählt ehrlich und authentisch von Erwachsenwerden in einem System, das alles kontrollieren will. Und es macht Mut, selbst in schwierigen Situationen Haltung zu zeigen. Was hast du zu dem Buch zu sagen, Melike? Es zeigt, wie schwer das Leben für Jugendliche in der DDR war. Die Geschichte ist spannend und macht nachdenklich. Wie ging es dir beim Lesen des Buches, Theo? Also ich konnte mich sehr gut in die Story hineinversetzen und vorstellen, wie sich die Jugendlichen, aber auch Erwachsene damals gefühlt haben. Wie sich es anfühlt, wenn man ständig überwacht wird und unter Druck gesetzt wird.
Niasch, was sagst du jetzt noch zum Buch eigentlich? Also ich fand es am spannendsten, etwas über die Stasi zu erfahren. Ich fand die Methoden krass, die sie in der Stasi benutzt haben. David, wie fandest du den Schreibstil des Buches? Ich finde, das Buch ist sehr gut geschrieben, da man verschiedene Perspektiven gesehen hat. Gibt es denn gar keine Kritik? Also natürlich gibt es Kritik am Buch. Also es gab leider ein paar Passagen, die ich etwas lang gezogen habe. Dadurch wurde es ein bisschen langweilig. Aber ja, aber trotzdem ist es halt gut. So, jetzt kommen wir zu Maya. Hast du abschließend noch ein Fazit dazu?
Insgesamt regt das Buch zum Nachdenken an. Über Mut, Freiheit und darüber, was richtig oder falsch ist. Es geht um den Einfluss der Stasi, um Angst, Misstrauen und Verrat. Aber auch um Hoffnung, Zusammenhalt und Zivilcourage. Diese Themen sind nicht nur historisch relevant, sondern hochaktuell. Ein Verblick auf die heutigen Konflikte wie in der Ukraine oder im Gazastreifen. Ich denke, der Roman eignet sich gut, um jungen Leserinnen und Lesern vor Augen zu führen, wie wertvoll unsere Demokratie ist und dass wir alles dafür tun sollten, diese zu beschützen. In anderen Ländern, wie den USA, können wir jetzt schon sehen, wozu es führt, wenn demokratische Werte wie Meinungsfreiheit bedroht sind. Wir brauchen in unserer Gesellschaft mehr Zusammenhalt und weniger gegeneinander. Also lasst uns alle füreinander einstehen und dafür sorgen, dass es nie wieder zu solchen Verhältnissen kommt, wie sie in der DDR geherrscht haben. Dann wünschen wir euch noch einen schönen Tag und hoffen, dass unsere Zuhörerinnen und Zuhörer diesen Einblick spannend fanden. Bis zum nächsten Mal.