Achtung, in diesem Podcast sprechen wir über Suizid, Selbstverletzung und Depressionen von Jugendlichen. Wenn es dir nicht gut geht oder du ähnliche Gedanken hast, bitte sprich mit anderen. Anonym und kostenlos kannst du Hilfe finden, telefonisch in Deutschland unter der 116 111 oder der 0800 111 0111 oder 222. Online gibt es auch Chat- und Mail-Möglichkeiten unter www.krisenchat.de, www.u25.de oder unter www.telefonseelsorge.de.
Beginn unseres Podcasts möchte ich kurz einen kleinen Einblick darin verschaffen, wie es überhaupt zu der Buchauswahl mit den SchülerInnen kam und wie es mir auch dabei ging, als Lehrkraft dieses Buch im Unterricht zu behandeln. Es gab mehrere Bücher zur Auswahl.
Die SchülerInnen entschieden sich dann für das Buch Alle Farben Grau von Martin Schäuble. Und je mehr ich mich mit dem Thema befasste, desto überforderter war ich. Ich habe mit mehreren Menschen in meinem Umfeld geredet. Die Reaktionen waren eher zurückhaltend, da Suizid eines Jugendlichen ein Tabuthema ist. Wir fingen dann an mit dem Podcast. Zusätzlich haben wir natürlich uns Gedanken gemacht, welche kreativen Aufgaben man auch noch machen könnte, die dann eben podcastfähig sind. Und ich merkte dann auch, wie die SchülerInnen in diesen Rollen aufgingen. Es fing an, wirklich Spaß zu machen, diesen Prozess mitzuerleben. Und wir wussten bis dato nicht, welche Lawine wir lostreten. Also vom Besuch einer Psychotherapeutin, die dann mit den Jugendlichen in den Dialog gegangen ist, was sehr, sehr spannend war. Dann gab es noch Fragen an Herrn Schäuble, die uns beantwortet wurden, die wir auch hier im Podcast vorstellen. Und zu guter Letzt gab es ein Telefonat mit Frau Puhl. Das ist die Mutter von Emil, im Buch ist das der Paul, die von unserem Podcast erfuhr und mit uns Kontakt aufnehmen wollte.
Eigentlich gar nicht. Und hat unser Umfeld gesagt, ihr müsst diese Geschichte erzählen. Ihr müsst anderen Leuten die Möglichkeit geben, ins Gespräch zu kommen, damit denen das nicht passiert, was euch passiert ist und was eben unserem Sohn, der in echtem E-Mail heißt, passiert ist. Dann haben wir ihn kennengelernt und wir wollten, dachten, oh Gott, das wählen wollen wir gar nicht. Und er dachte auch, oh Gott, was sind das für Eltern, auf keinen Fall. Und nach zwei Stunden bei uns haben wir gesagt, wir machen das. Und dann haben wir ihm eben Zugang gegeben zu E-Mails Leben, soweit wir das kannten. Und haben gesagt, egal was du schreibst, Ziel dieses Buches ist, es soll Leben retten, es soll Menschen ins Gespräch kommen und, dann verschwand er irgendwann und schrieb dieses Buch und ich hatte keine Ahnung, was er schreibt und habe es dann als PDF bekommen und, mir haben die Hände gezittert und als ich es dann aufgemacht habe, habe ich es in einem Rutsch durchgelesen, ich habe das in einem Abend gelesen und ich habe gelacht, ich habe geweint und ich fand es toll und habe gedacht, das hätte ich gebraucht. Er hätte damals sowas gebraucht, das mir die Augen öffnet, was mein Sohn mir sagen will, da wo ich es nicht verstanden habe.
Paul war sehr emotional und es hat uns natürlich sehr berührt, dass wir die Möglichkeit bekommen haben, etwas zu dieser Geschichte und den Auswirkungen hören zu dürfen. Die Geschichte von Paul in Wahrnehmen Emil hat uns dazu ermutigt, solche Tabuthemen nicht mehr tot zu schweigen. Sie sollen in der Institution Schule und vor allem im Unterricht mehr Raum bekommen.
Im Namen des Deutsch-E-Kurs möchte ich Sie herzlich willkommen heißen. Paul ist ein Junge, der mit Teenie-Problemen und Depressionen kämpft. Mit der Zeit wurde er antisozial. Durch diese Ruhe entwickelt er eine passiv-aggressive Stimme. Tief und gemein. Wir haben dazu eine Zweitstimme entwickelt, die das Gegenteil sozusagen seiner Sozialität ist. Wenn die Depression ihn runter macht und einredet, dass er keine Freunde hat oder diese Freunde schlimm sind für ihn, kontert die Zweitstimme und erklärt, dass ihm die Freunde wichtig sind und dass die Freundin helfen wollen. Dies werden sie auch im Buch, wenn wir verschiedene Stimmen machen. Denn die Depressionsstimme hat eine sehr tiefe und maulige Stimme, die etwas aggressiv und umgangssprachig redet, während die andere Stimme eine viel höhere Stimme hat, viel deutlicher redet, ohne dass es netter ist.
Die Stimme meldet sich. Und die Stimme übertönt Alina, wie sie jeden übertönt, wenn es mir so richtig mies geht. Das hat in Japan angefangen. Zumindest war die Stimme da zum ersten Mal so laut, dass sie richtig genervt hat. Die Stimme ist kein Geräusch oder so, aber trotzdem total intensiv. Sie ist ein Gedanke, der so heftig im Kopf steckt, dass er alles verdrängt, ohne einen Laut von sich zu geben. Und jetzt sagt diese Stimme, du kommst hier nicht mehr raus. Du stirbst in der Klapse. Ja, in dieser Klapse, weil du ein Psycho bist. Du hast es schwarz auf weiß bekommen. Deine Diagnose ist fatal. Ach, sei leise, du negatives Miststück. Paul schafft das schon. Er arbeitet schon sehr hart. Du musst das noch nicht schlimmer machen. Paul, hör nicht auf ihn. Du kannst es schaffen. Gib nicht auf. Es wird besser werden. Hör nicht auf diese Stimme. Du wirst nicht sterben. Zumindest nicht die nächsten 60 Jahre. Und vor allem nicht in dieser Scheißklapse.
Der Betreuer steht auf einmal vor mir und schaut mich ziemlich besorgt an, da Edgar mit uns schon einiges gewöhnt ist und heute schon ein paar Sachen erleben musste. Klar? Was? Frage ich. Ob bei dir alles klar ist? Geht's dir gut? Das interessiert ihn nicht wirklich. Er fragt, weil er es muss. Das ist sein Job und du bist für ihn wertlos. So wie für alle anderen auch. Er will dir helfen, sonst wäre er nicht Psychologe geworden, also öffne dich ihm. Du interessierst ihn. Er möchte dir helfen. Das musst du aber auch zulassen. Natürlich interessiert es ihn. Außerdem ist Paul für viele Menschen sehr wertvoll.
Paul? Ja, gut, gut, mir geht's gut. Ich muss schlafen. Du wirst nicht schlafen. Keine Sekunde. Keine Sekunde. Ich stink nach Geschmortenplastik und lass uns Kotze. Du wirst nie wieder schlafen. Du wirst schlafen. Sehr gut sogar. Der Gestank wird vergehen. Sei doch jetzt endlich leise. Ja, es riecht nach Kotze, aber schlafen kann er nur nicht wegen dir. Lass ihn in Ruhe. Er muss sich ausruhen. Der Betreuer ist weg und ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Jeder Mensch hat so eine Stimme, sagt mir Herr Doktor. Hier auf Station am ersten Tag, so nehmen wir unsere Gedanken wahr. Bei manchen ist die Stimme ganz leise oder liebevoll und bei anderen sehr laut und rotzfrech. Ich habe eher die zweite Variante erwischt. Mich schreit sie an. Aber nicht immer, oder? Wenn es mir schlecht geht, also quasi immer. Meine Antwort sind 50 Wörter pro Satz größer als sonst, also geht es mir nicht gut. Das weiß Herr Doktor inzwischen. Wenn Paul referiert, geht es ihm gut, wenn er reduziert, geht es ihm nicht gut. Dir geht es wirklich immer schlecht? Fühlt sich das so an für dich? Quasi immer, habe ich gesagt. Verstehe, aber Paul, deswegen bist du hier. Und wenn du lernst, mit deinen schlechten Momenten besser umzugehen, wie diese Stimme Leisa, das wollen wir hier gemeinsam mit dir schaffen. Interessant. Ich dachte, ich bin hier, damit die schlechten Momente weggehen. Stattdessen soll ich mich an sie gewöhnen. Das ist eine Akutstation, nicht Hogwarts. Wir können hier nicht zaubern.
Wir können dich nur auf das vorbereiten, was draußen auf dich wartet. Aber dort bist du nicht allein. Du hast eine tolle Familie und du hast einen guten Therapeuten.
Alina hält inzwischen das Kühlpack von Kata. Der ist offenbar fast der Arm abgefallen. Und sie nickt ihr dankbar zu. Zwei wahre Freunde. Und du? Du hast keine Freunde. Du hast keine Zukunft. Du bist unheilbar. Donnerwetter, hast du noch alle Latten am Zaun? Warum machst du Pauls Leben so zur Hölle? Paul, werde ich endlich. Ignorier diese Kackstimme. Du hast Freunde, sogar sehr tolle. Du hast eine wundervolle Zukunft vor dir. Du bist stark und schaffst das. Sei endlich leise und sag ihm nicht immer solche Zeug. Das stimmt nicht mal. Er hat Freunde und eine Zukunft. Sei ruhig, denke ich, so intensiv. Ich kann. Du kennst deine Diagnose. Lass mich in Ruhe. Du bist zu schwach. Du bist schwach. Bin ich nicht. Um dagegen etwas zu machen. Der Elefant hat Alzheimer, sage ich. Lien ist Chinesin, keine Japanerin. Das ist wie der typische eurozentrische Blick auf andere Kulturen dabei. Hat sich Lian bei dir gemeldet? Nein. Lian hasst dich, weil du ein Versager bist. Halt die Klappe, denke ich gegen die Stimme an. Weil du sie gelangweilt hast mit deiner albernen Komödie, Life of Brian. Lian mag dich, weil du toll bist. Du hast sie beeindruckt. Ich versuche, die Stimme wegzupfeifen, so wie beim Song ganz am Ende des Films. Mein Pfeifen passt zur Melodie, doch es klappt nicht. Die Scheißstimme ist lauter als mein Pfeifen. Gelangweilt hast du ihn mit deinen Referaten über Bowie und Adams. Doch jetzt hast du deine Diagnose bekommen.
Nein, du hast dir gezeigt, wer du wirklich bist und was du liebst. Und wenn du sie gelangweilt hättest, dann ist sie es nicht wert. Das passiert nicht nur dir, du bist wundervoll, so wie du bist. Ich versuche mir die Szene vorzustellen mit dem Pfeifen. Ich hab den Song im Ohr. Always look on the bright side of life. Ich stelle mir das so laut vor, wie ich kann, doch die Stimme ist immer noch lauter. Du weißt, wieso du bist, wie du bist. Halt's Maul, du Wichser.
Und jetzt kommen wir zu dem Thema mit der Psychologin, die freitags für uns eine Stunde da war und uns unsere Fragen beantwortet hatte.
In der Stunde davor sollte jeder Fragen vorbereiten, die man halt dieser Psychologin stellen wollte. Auf jeden Fall kamen dann so Fragen vor, wie ob die Psychologin schon mal einen Fall hatte, der sie auch nach der Arbeit beschäftigt hat, den sie mit nach Hause genommen hat. Oder ob man jemals von dieser Depression wegkommt. Oder auch zum Beispiel, ob man sich irgendwie selbst helfen kann oder man da selbst rauskommen kann. Sie hat uns sehr viel erklärt und wir haben auch eigentlich sehr viel miteinander gesprochen. Sie hat auch viel erklärt, dass sie Kinder hatte, denen es dann nicht so gut ging und sie sich auch mit den Eltern in Kontakt gesetzt hat und nachgefragt hat, auch privat, ob es bei denen alles in Ordnung ist. Man kann mit Menschen reden, man kann sich verständigen und das sollte man lernen. Vor allem, weil wir in Deutschland dieses Umfeld quasi haben, dass wir uns Hilfe suchen können. Und das ist halt wichtig, darauf aufmerksam zu machen, weil kein Mensch da draußen ist alleine mit seinen Problemen. Man kann sich immer Hilfe suchen, wenn man welche braucht. Sie hat auch erzählt, eine gute Nachricht, dass sie damals eine Patientin hatte, die jetzt heute auch Psychologin geworden ist und jetzt ihre Geschichte nutzt, um anderen zu helfen. Wir hatten auch darüber geredet, wieso es in der Schule kein Fach gibt, damit die psychologischen Helfer.
Naja, warum man sich halt nicht so mit der Psyche und so den Gehirn-Körper-Gedanken, weiß ich wie man es nennt, mehr auseinandersetzt. Genau, also man merkt ja, dass man auch keine Plätze mehr so schnell bekommt in zwei, drei Monaten, sondern dass es wirklich Jahre dauern kann, bis man die ersten Plätze wieder bekommt.
Und wir haben uns halt gefragt, wieso wir da nicht schon seit der Grundschule, kennt man das ja, dass man immer über seine Probleme redet, auch mal im Sitzkreis sitzt. Quasi, dass man eine Stunde hat, wo man halt sich wirklich mit dem Thema Gedanken, Gefühle und Selbstwert einfach beschäftigt. Dadurch tun ja manche Kinder auch schon selber merken, dass sie nicht alleine sind oder dass sie halt einfach jemanden zum Reden haben mit Kindern oder generell, die vielleicht die gleichen Probleme teilen, einfach im Unterricht darüber redet. Ich meine, wir lernen so viel. Wir lernen Sprachen, Mathematik, wirklich alles, was man so im täglichen Alltag braucht, aber mit den Gedanken klar zu kommen, das lernen wir nicht. Ich hoffe, ihr habt es ein bisschen verstanden.
Wir haben das Kapitel Noah gelesen und in dem Kapitel geht es um Noah, den besten Freund von Paul. Darin erzählt er, wie er Paul gesehen hat. Daraufhin haben wir uns eine Aufgabe überlegt. Und zwar sollten wir eine Sprachnachricht machen und Noah erzählt und reagiert. Hey Paul, ich wollte dir nur sagen, ich verzeihe dir. Es tut mir auch leid, dass wir so lange keinen Kontakt hatten. Es war nicht nur deine Schuld, sondern auch meine. Du bist mir sehr wichtig und ich möchte dich nicht verlieren. Egal was du brauchst, egal wann oder wo du bist, du kannst mich immer kontaktieren, ich werde dir immer beiseite stehen. Ich glaube fest daran, dass du wieder glücklich sein wirst. Ganz aus eigener Kraft. Die Therapie wirst du auch überstehen. Mach dir keine Sorgen. Wie wäre es, wenn wir uns nächste Woche treffen und persönlich darüber reden? Wir haben uns sehr, sehr lange nicht mehr gesehen und das wäre schon mal ein guter Anfang für unsere Freundschaft, generell um unsere Freundschaft zu stärken.
Im letzten Kapitel des Buches wurde klar, dass Paul sich nicht nur selber, sondern auch seiner Familie und Freunden geschaltet hat. Paul wurde im Wald tot aufgefunden. Man weiß nur, dass er sich bekifft hatte mit seinen Freunden und danach sich selber umgebracht hat. Seine Mutter fing an zu zweifeln. Sie wusste nicht, sie hat Sachen bemerkt, die sie davor noch nie wahrgenommen hat. Zum Beispiel, dass er viel schneller lernte als die anderen. Zum Beispiel, er lernte ja in drei Jahren Japanisch, was nicht normal ist. Und am Ende wurde auch diagnostiziert, dass er Asperger-Syndrom hat. Genau. Paul hat seiner Familie psychisch und seelisch geschadet. Es war ein Schock für alle und niemand hätte das erwartet. Es war ein Schock für die Familie, dass so ein ruhiger Junge Suizidgedanken hatte und sich und seinen Freunden mit Drogen geschadet hat.
Die Mutter merkt auch jetzt, dass sie vieles anders hätte machen sollen, nachdem das alles passiert ist. Sie hätte es viel mehr ernst nehmen sollen. Sie hat sich zwar darum gekümmert, aber nicht so schnell. Und es wurde auch gesagt, dass die Mama zu einem Psychiater gegangen ist, aber der gesagt hat, dass das Kind keine Diagnose braucht. Und nachdem das passiert war, hätten sich eigentlich andere Eltern mehr Gedanken machen müssen und vielleicht zu jemand anderem wenden sollen. Sie hat auch jetzt gemerkt, was sie viel besser hätte machen können. Aber es ist jetzt so passiert. Sie leidet darunter sehr, weil es ihr wehtut und sie Sachen jetzt sieht, die sie nie wahrgenommen hat und das ist sie verletzt. Also ich persönlich würde nie wissen, wie ich mit so etwas umgehen würde, weil von allen, das ist so ein großer Schock, das ist ja auch nicht nur ein Tod, sondern ein Selbstmord und das ist nochmal tausendmal schlimmer, weil man sich selber ein Leben nimmt, was man eigentlich noch sehr gut weiterführen kann. Ja, und er wurde ja noch nicht mal 16 und das ist ja auch noch das Traurige dabei. Ich glaube, einen Tag nach seinem Geburtstag ist dann das Unglück passiert. Also ich finde, der hat sein Leben innerhalb von Jahr extrem weggeschmissen, da er auch eine Zukunft in Japan mit seiner Freundin hätte machen können. Er hatte einfach so viele verschiedene Hobbys und.
Und er hatte so eine so große Begabung, dass es einfach traurig ist, sowas einfach wegzuschmeißen. Ich meine, er hat in zweieinhalb Jahren eine Sprache gelernt, die andere ein ganzes Leben lang nicht lernen.
Und genau, er war einfach sehr schlau, gut in Mathe und das ist auch traurig. Was sagst du dazu? Ich finde das auch sehr krass, wie schnell er das als lernen konnte. Er hat auch die Sachen viel intensiver wahrgenommen als andere Menschen. Paul hatte auch eine Sucht, und zwar Grasrauchen, was auch sehr schädlich ist, aber was zur Beruhigung diente. Wir wissen auch nicht, warum Paul diesen Suizidgedanken hatte, nachdem er erfahren hat wegen dem Asperger-Syndrom. Seine Mama wusste ja Bescheid eine Woche vorher, da er es gesagt hatte, dass er sich quasi nächste Woche Donnerstag weiß, sich umbringen möchte. Und ich würde gar nicht wissen, wie ich auf sowas reagieren würde. Das schaltet der Familie auch, weil der hat ja auch Geschwister gehabt und du musst dir vorstellen, wie sich seine Schwestern gefühlt haben. Die waren ja auch noch jung, vor allem von einer Nacht auf den anderen ist der große Bruder weg. Das muss sicherlich auch schwer für sie gewesen sein. Also mein erster Gedanke wäre, warum habe ich nichts gemerkt? Weil man gibt sich selber die Schuld, obwohl man gar nicht schuld dran ist. Wir hoffen, wir konnten euch einen kurzen Einblick geben und unsere Meinung äußern zu diesem Thema.
Und was ich nochmal sagen wollte, wenn ihr so welche Gedanken habt, dann meldet euch an eine vertraute Person, mit der ihr immer darüber reden könnt. Lieber Bescheid geben bei Lehrern. Es gibt ja auch immer Sozialarbeit in der Schule. Also wirklich immer Bescheid geben, das nicht einfach offen lassen, weil das könnte wirklich gefährlich werden, wie in diesem Fall.
Wir hatten einige Fragen an Sie über das Buch. Fiel es Ihnen schwer, das Buch zu schreiben? Und was hat Ihnen beim Schreiben geholfen? Vielen Dank für Eure Fragen. Das Buch zu schreiben war sicherlich ein Kraftakt. Einfach aus dem Grund, weil es ein schweres Thema ist und weil so etwas ja auch etwas mit einem macht, wenn man dann schreibt, sich da hineinbegibt. Sehr geholfen haben mir aber all die vielen Menschen, die mit mir sprechen wollten über das Thema Depression, über Suizid, über diese Schwere. Das war wirklich gut für mich. Gut war auch, ein eigenes Privatleben zu haben. Das heißt, nach der Recherche nach Hause zu kommen, zu den eigenen Kindern, zum eigenen Leben und Abstand zu finden. Was mir auch geholfen hat, war sicherlich, dass ich oft über schwere Themen schreibe, vom Nahostkonflikt bis zuletzt sexualisierte Gewalt im Sport, warum du schweigst. Das heißt, ich weiß schon, wie ich damit umgehen muss. Ich weiß auch, wie ich den nötigen Abstand, also den professionellen Abstand, wahre, damit es mir beim Schreiben und vor allem auch danach gut geht.
Welches Verhältnis haben Sie mit der betroffenen Familie? Also wie ging es auch der Familie dabei? Die Familie und ich, wir sind bis heute im engen Austausch. Das heißt, wir überlegen uns gerade, wie ein Film zu alle Farben grau aussehen könnte. Dazu haben wir einen Regisseur, wir haben eine Produktionsfirma, wir haben einen Sender, der vielleicht interessiert ist. Es gibt viele Möglichkeiten, wie sich das etwas entwickeln kann. Und dazu braucht es eben auch eine gewisse Nähe, einen gewissen Austausch. Ganz am Anfang der Recherchen, da kannten wir uns ja noch gar nicht, ich habe die Familie kennengelernt und ich war sehr, sehr dankbar, dass ich so offen über den Sohn, über Paul mit mir sprach, dass es mir geholfen hat, mit Lehrerinnen, Lehrern, Schülerinnen, Schülern, Freundinnen, Freunden zu sprechen von Paul, damit das Buch so, wie ihr es lesen könnt oder wie es jetzt gedruckt ist, auch das wirklich so erscheinen konnte. Was hat es mit den Zeitsprüngen auf sich? War es wichtig, dass die Zeitsprünge vorhanden sind? Ja, das würde mich auch interessieren, weil für mich als Schülerin war das schon ein bisschen schwer zu lesen. Mir ist es enorm wichtig, denn eine psychische Erkrankung ist genauso vielschichtig und vielseitig. Und sie ist an verschiedenen Orten zu erkennen und aus verschiedenen Perspektiven zu sehen oder nicht zu sehen. Das heißt, ich vermute es verwirrt erstmal, aber ich hoffe...
Dass es tiefer hineinführt, wenn man ein Leben nicht nur chronologisch erzählt, sondern auch immer wieder die Chronologie durchbricht. Alle Farben Grau enthält viele Zeitsprünge und es spielt an verschiedenen Orten und es wird erzählt aus verschiedenen Perspektiven. Mir war das aber auch deswegen wichtig, weil ich auf keinen Fall die klassische Dramaturgie haben wollte, dass wir quasi hinfiebern auf den Augenblick, weil wir wissen wollen, überlebt ist Paul oder nicht. Also das wäre so fast schon wie im Theater drei Akte, bei dem dann, dass sich im zweiten Akt immer mehr zuspitzt. So war es auf keinen Fall gewünscht. Das heißt, ich wollte wirklich, dass man am Anfang an klar weiß, dieser Mensch ist tot.
Also ich baue keine klassische Spannungskurve auf. Das wäre ganz falsch bei diesem Thema. Aber ich möchte, dass wir immer mehr fragen, ja warum denn? Was ist denn geschehen? Und da hilft, glaube ich, nicht chronologisch auf ein Leben zu schauen, sondern immer wieder verschiedene Zeiten herauszusuchen, aber eben auch Orte und Perspektiven zu wechseln. Das ist so wie bei einem Puzzle, also wenn man eine Packung hat mit einem Puzzle, mit Puzzlestücken drin, dann kann man natürlich ganz wunderbar das Bild vorne anschauen, dann weiß man, wie es auszusehen hat, was da drin ist in der Packung, aber so ist das Leben nicht.
Es ist so, dass wir eben immer wieder Puzzlestücke in die Hand gedrückt bekommen, und dann versuchen sie zurechtzubauen, was passt, was passt nicht. Und so entsteht ein ganz eigenes Bild und meistens ein ganz anderes, je nachdem, wer gerade das Stückchen, das Puzzleteil in der Hand hält. So könnt ihr euch auch alle Farben grau vorstellen und meine Arbeitsweise, wieso ich das genauso machen wollte, wie ich es getan habe. Das waren eigentlich schon alle unsere Fragen und wir wollten noch sagen, vielen Dank für Ihre Antworten und dass es uns sehr gefreut hat, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Danke, dass ihr euch dafür interessiert habt, dass ihr das Buch überhaupt gelesen habt. Es ist kein einfaches Buch, aber dennoch denke ich und ihr wohl auch, sonst werdet ihr nicht mit dem Podcast so fleißig beschäftigt, es ist ein ganz wichtiges Buch. Euch erstmal jetzt, eine wunderbare Zeit. Alles Gute, euer Martin Schäublech.
Mir persönlich hat das Buch eigentlich sehr gut gefallen. Es war nur in manchen Punkten echt hart, aber doch, man kann das Buch schon empfehlen. Und wir sind halt über Ausschlussverfahren tatsächlich auf dieses Buch gekommen. Wir haben abgestimmt in der Klasse und ich glaube, uns war gar nicht bewusst, so um was es da drin geht, um dieses ganze Selbstverletzung, Suizid, Depression-Thema. Also es ist ein sehr sensibles Thema. Wenn man damit klarkommt, kann man es lesen. Wenn man vielleicht ein bisschen sensibel bei sowas ist, dann, glaube ich, sollte man es nicht lesen. Ja doch, ich stimme dir zu.
Wir kriegen ganz viele Rückmeldungen von insbesondere Jungs im Spektrum, die uns zum Teil schreiben, dass es das erste Buch ist, was sie zu Ende gelesen haben. Denen hilft es, ihre Gefühle und ihre Gedanken und ihr so fühlt es sich an, anderen Leuten zu zeigen. Das wäre wahrscheinlich, wenn ich wüsste, ist es jemand im Spektrum dabei, würde ich wahrscheinlich die Eltern fragen und das Kind. Und wenn die sagen, nein, oder es ist uns unheimlich, dann würde ich es nicht machen. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand drin ist und auch unerkannt, ist ja groß. Auch immer wieder sagen Leute, ja, genau so ist es und so fühle ich mich. Und dann werden andere Dinge klar. Weil wenn du es gar nicht anders kennst, woher sollst du wissen, dass das nicht irgendwie so eine Traurigkeit überall ist? oder dieses Gefühl, man passt nicht rein oder dieses, du verstehst die anderen ja nicht. Martin beschreibt ja ganz gut, dass Emil überhaupt nicht verstanden hat, warum die anderen so reagieren, wie sie reagieren. Weil für ihn war das normal. Je älter er wurde, desto mehr hat er gemerkt, dass... Das ist irgendwie anders und hat es halt übertüncht, dann sein Andersfühlen. Und trotzdem sehr humorvoll. Also ich meine, ich weiß nicht, ob das so sehr zutrifft auf Emil, wie Paul ist. Aber wir haben an vielen Stellen wirklich lachen müssen. Ja, genau.
Die Stellen stimmen alle. So ein intelligenter Humor, der dahinter steckt. Und das ist also großartig. Also merkst du einen Unterschied jetzt noch? Ist die Klasse noch zusammen? Merkst du den Unterschied, dass sie anders miteinander umgehen oder irgendwie da auch noch länger drüber nachgedacht haben? Also wirkt das in irgendeiner Form nach? Auf jeden Fall. Ja.