Diese Episode enthält explizite Details über einen wahren Kriminalfall. Weitere Infos in der Folgenbeschreibung. Es ist ein sommerlich warmer Tag im August 1999. Menschen flanieren am Genfer Seeufer, der Rad de Genève entlang, und genießen den Ausblick auf die malerische Promenade. Türkisblaues Wasser schwappt gegen das Ufer. In der Ferne sind sogar die Alten zu sehen. Das bis zu 140 Meter hohe Wahrzeichen der Stadt unterstreicht dieses imposante Bild. Die Wasserfontäne Gédu ist immerhin fast so hoch wie der Kölner Dom. Das erklärt auch, weshalb sie jährlich mehr als zwei Millionen Besuchende anzieht. So auch Danielle. Die 32-jährige Flugbegleiterin kommt eigentlich aus dem ca. 350 Kilometer entfernten Elsass. Gerade befindet sie sich mit ihrem Peugeot jedoch auf dem Weg in den Urlaub nach Südfrankreich. Die Stadt an der Schweizer Grenze steuert sie also nur als kurzen Zwischenstopp an. Und eigentlich will sie auch gar nicht lange bleiben. Doch unverhofft kommt oft. Daniel trifft am Seeufer auf einen jungen Mann. Der Unbekannte hat dunkle kurze Haare und wirkt auf den ersten Blick eher unauffällig. Die beiden kommen ins Gespräch. Und schnell kristallisiert sich heraus, beide finden sich sympathisch. Der sechs Jahre jüngere Mann scheint sich in Genf gut auszukennen. Er wirkt auf Daniel gebildet und zuvorkommt. Er lädt sie ein, ihr die Stadt zu zeigen. Aus einem gemeinsamen Tag werden gleich mehrere Tage. Die beiden fassen schnell Vertrauen zueinander. Und je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto tiefer gehen auch ihre Gespräche. So erzählt Daniel, dass sie gerade auf Jobsuche ist. Der Mann wirkt überrascht. Denn wie es der Zufall so will, ist seine Mutter ebenfalls Flugbegleiterin. Und sie kann vielleicht helfen. Daniel ist begeistert von der Idee. Fast wirkt es so, als hätte das Schicksal die beiden zusammengeführt, denkt sie noch. Aber lange wird ihre Freude nicht anhalten. Gegen Abend fahren die beiden mit Daniels Peugeot über die französische Grenze, in die Nähe eines Weinberggebietes bei Fernet-Voltaire. Während der etwa 30-minütigen Fahrt ist die Stimmung zwischen den beiden ausgelassen. Der Sommertag weicht einem dunklen, warmen Blau und die Weinberge breiten sich groß und dunkelgrün vor ihnen aus. Doch plötzlich prasseln kleine, schwere Tropfen auf die Windschutzscheibe und mit ihnen ändert sich auch die Stimmung im Auto. Denn was Daniel nicht weiß, ist, dass der Mann, der neben ihr sitzt, gar nicht so zuvorkommend und freundlich ist. Und, dass er längst ganz andere Pläne mit ihr hat. Und damit ganz herzlich willkommen hier zurück zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte mit Anne Luckmann. Und mit Patrick Strohbosch. Hallo, schön, dass ihr uns heute wieder zuhört. Und wir sagen es hier gleich einmal vorab, wir hatten beide kein Französisch in der Schule und werden uns natürlich hier bestmöglich darum bemühen, die ganzen Namen und Ortschaften korrekt auszusprechen. Aber bitte habt Nachsicht mit uns, wenn ihr im Französischen viel, viel besser seid als wir. In der heutigen Folge nehmen wir euch jetzt aber mit in die Schweiz. Genauer gesagt in die Romandie, dem französischsprachigen westlichen Teil des Landes. Vielleicht habt ihr ja jetzt auch sofort Assoziationen im Kopf. Ich sag mal sowas wie Schokolade, Käsefondue, Berge, Seen und vielleicht auch die berühmten roten Taschenmesser. Die Liste an Dingen, die man mit der Schweiz verbindet, ist lang. Das war auch früher schon so. Auch in dem Jahr, in dem unser Fall heute beginnt. Wir springen zurück in den Sommer 1999, also in die letzten Monate vor der Jahrtausendwende. Die damalige Zeit war nicht nur in der Schweiz eine durchaus ambivalente. Denn auf der einen Seite herrscht weltweit große Zukunftseuphorie. Auf der anderen Seite ist da aber auch die Angst vor dem, was zusammen mit dem neuen Jahrtausend kommen könnte. Vor allem eine Frage beschäftigt die Menschen. Was passiert, wenn die Uhr Mitternacht schlägt und in den Computerkalendern plötzlich 00 statt 99 steht? Können Computersysteme die neue Jahreszahl überhaupt richtig verarbeiten? Die große Sorge der sogenannten Y2K-Panik war, dass sie das eben nicht können. Die Befürchtung war sogar, dass plötzlich ganze Infrastrukturen ausfallen. Heute klingt es vielleicht ein bisschen nach einem Science-Fiction-Film. Damals war die Sorge allerdings durchaus real. Und während sich im Hintergrund alles auf den bevorstehenden Jahrtausendwechsel zubewegt, ist der Sommer des Jahres gleichzeitig ziemlich bunt und laut. Im Radio laufen die bis heute bekannten Hits Mambo No. 5 von Lou Beger und Blue von Eiffel 65 rauf und runter. Britney Spears ist mit Baby One More Time gerade zum internationalen Teenie-Idol geworden und auch die Backstreet Boys stehen mit I Want It That Way in den Charts. Auch modisch ist diese Zeit mehr als prägend. Die Menschen tragen weite Baggy-Pants und Schlaghosen, dazu bauchfreie Tops und Trikots. Die Haare werden entweder von einem strengen Mittelscheitel geteilt oder man trägt die berühmten Spikes, also kurze mit Gel in alle Richtungen abstehenden Haarspitzen. Und dann gab es da noch ein ganz besonderes Accessoire, das wahrscheinlich jeder sofort mit diesem Sommer verbindet, die Pappbrille. Am 11. August 1999 zieht eine totale Sonnenfinsternis über Europa und Asien. Mitten am Tag wird es deswegen plötzlich für zwei Minuten und 23 Sekunden dunkel. Genau ein Tag vor diesem außergewöhnlichen Ereignis beginnt auch unser heutiger Fall. Am 10. August 1999. Während sich viele Menschen bereits auf die Sonnenfinsternis am kommenden Tag vorbereiten, nimmt in der französischsprachigen Schweiz eine Geschichte ihren Anfang, die sich über mehrere Jahrzehnte ziehen wird. Es ist eine Geschichte, bei der die Dunkelheit gleich ein ganzes Land zu verschlingen droht. Um das zu verstehen, gehen wir jetzt knapp 14 Jahre weiter in Richtung Gegenwart, nach Püplage, einer kleinen Gemeinde an der schweiz-französischen Grenze. Dort ist es normalerweise eher ruhig. Zwar zählt die Gemeinde offiziell zum Kanton Genf, aber wirklich viel erinnert hier nicht an die internationale Bankenstadt. Statt dicht bebauter Straßen findet man hier zahlreiche Felder, weite grüne Wiesen und nur vereinzelt Wohngebiete. Im Jahr 2013, in dem wir uns jetzt an der Stelle des Falls befinden, wohnen knapp 2000 Einwohnerinnen und Einwohner in der ländlichen Gegend. Doch die Idylle ist nicht das Einzige, was die kleine Gemeinde ausmacht. Denn am Rand der Stadt steht hinter hohen grauen Betonmauern etwas, das so gar nicht in diese heile Welt passen will. Die Vollzugsanstalt Champs-Dolant. Das große Betongebäude wurde 1977 eröffnet und wirkt im Gegensatz zu seiner grünen Umgebung mehr als trist. Doch das macht Adeline nichts aus. Sie betritt das Gefängnis fast täglich, denn sie arbeitet dort. Allerdings nicht als Vollzugsbeamtin, sondern als Sozialtherapeutin. In der im Gefängnis angesiedelten Station für Sozialtherapie, das sogenannte La Parcret. Das Zentrum hat sich dabei vor allem auf eins spezialisiert. Die Resozialisierung gefährlicher Straftäter. Genau elf von diesen gefährlichen Tätern erhalten daher eine sozialtherapeutische Betreuung, während sie gleichzeitig auch Strafgefangene dort im Gefängnis sind. Daraus ergibt sich eine geteilte Zuständigkeit. Die Anstalt ist für die Bewachung der Häftlinge zuständig, das Sozialtherapiezentrum für deren psychiatrische Versorgung. Deswegen untersteht das Zentrum auch den Genfer Universitätsbitälern. Denn die sind für alle psychiatrischen und psychischen Fachbereiche im Kanton Genf zuständig und damit auch für die Gefängnispsychiatrie. Adeline brennt aber genau dafür. Die 34-Jährige hat langes, rotbraunes Haar. Sie arbeitet seit beinahe sechs Jahren in der Sozialtherapiestation des Gefängnisses. Und das mit Leidenschaft. Das merken auch alle, die mit ihr zu tun haben. Denn Adeline, die bereits einige Diplome in Kriminologie und Psychologie erhalten hat, gilt als äußerst kompetent und erfahren. Ihre Mutter sagt sogar, dass Adeline ihren Beruf nicht einfach nur als Arbeit sieht, sondern vielmehr als Berufung. Auch privat läuft es bei der jungen Genferin gut. Wobei sich Arbeit und Privates bei ihr manchmal gar nicht so klar trennen lassen. Denn ihr Freund Juan ist gleichzeitig Adelines Arbeitskollege. Ob sich die beiden auf der Station kennengelernt haben oder schon davor, geht aus unseren Quellen leider nicht hervor. Aber eines ist sicher. Die beiden planen eine gemeinsame Zukunft. Adeline möchte Juan nämlich heiraten. Und noch etwas verbindet die beiden. Seit acht Monaten haben die beiden eine gemeinsame Tochter. Das ist auch ein Grund für die frischgebackene Mutter, ihren Job im Therapiezentrum aufzugeben. Denn obwohl sie ihren Job mit Leidenschaft macht und von allen sehr geschätzt wird, möchte sie aus Sorge um ihre kleine Tochter lieber etwas machen, was nicht ganz so risikobehaftet ist. Denn Adeline ist zwar gut in dem, was sie tut, aber trotzdem sind es immer noch Straftäter, Straftäter, mit denen sie sich da jeden Tag umgibt. Und das kann auch schnell mal gefährlich werden. Gegenüber der Schweizer Tageszeitung Le Ton betont die Leiterin des Zentrums Veronique zwar, dass es in den 25 Jahren seit der Eröffnung nie zu Gewalttaten gegen das Personal gekommen sei, ganz friedlich bleibt es trotzdem nicht immer. Zwischen den Inhaftierten kommt es nämlich dennoch ab und an zu Schlägereien. Doch für Adeline sprechen noch andere Gründe für einen Arbeitsplatzwechsel. Denn La Pagret galt in den 80er Jahren noch als absolute Vorzeigeanstalt. Heute allerdings ist aus Adelines Sicht nicht mehr so viel davon übrig. Und das frustriert sie. So ist dort zum Beispiel eine deliktorientierte Therapie gar nicht möglich, weil es Therapeuten wie Adeline oder Juan grundsätzlich verboten ist, mit ihren Patienten über vergangene Verbrechen zu sprechen. Aber wie soll so eine wirkungsvolle Therapie möglich sein? Adeline ist nicht die Einzige, die sich das fragt. Doch schon bald soll sie das alles nicht mehr betreffen, denn das Ende ihrer Zeit in der Sozialtherapiestation rückt näher. Am Donnerstag, den 12. September 2013, soll Adeline ihren letzten Freigang als Sozialtherapeutin in La Parcrette begleiten. Es ist einer von über 200 Einsätzen, die sie in ihrer Berufslaufbahn betreut hat. Also eigentlich reine Routine für die erfahrene Therapeutin. Ihr heutiger Patient ist ein Mann, den Adeline bereits seit einem Jahr behandelt. Zwar ist es erst der zweite Freigang, den sie gemeinsam mit ihm hat, allerdings verlief der erste neun Tage zuvor unauffällig. Auch deswegen macht sich Adeline kaum Sorgen, als sie mit ihm am Morgen des 12. September in ihren Dienstwagen steigt. Gemeinsam verlassen sie an diesem herbstlich milden Septembertag das Gelände von La Parcrette in einem kastigen weißen Citroën Berlingo. Der Häftling ist für das Wetter etwas zu warm gekleidet, doch Adeline denkt sich nichts dabei. Es soll zu einem Reittherapiezentrum in Bellevue gehen, etwa 15 Kilometer vom Therapiezentrum und nur drei Kilometer von der französischen Grenze entfernt. Denn der Patient hatte bereits in seiner Vergangenheit mit Pferden gearbeitet. Die erneute Arbeit mit den Tieren soll ihm jetzt helfen, sich schrittweise wieder an die Außenwelt zu gewöhnen. Doch Adeline weiß nicht, dass der Patient, der neben ihr auf dem Beifahrersitz sitzt, heute gar nicht vor hat, beim Pferdestall anzukommen, geschweige denn zu reiten. Der sonst eher unauffällige Patient mit den dunklen, kurzen Haaren plant nämlich seit Monaten eine ganz andere Route für die beiden. Doch zunächst bemerkt Adeline nichts davon. So fährt sie den Wagen erstmal Richtung Carouche, ebenfalls eine Gemeinde von Genf und nur 10 Kilometer südwestlich vom Gefängnis entfernt. Dort parken sie auf dem Parkplatz Mont Blanc. Hier will Adelines Patient nämlich etwas in einem Geschäft abholen, das er zuvor bestellt hat. Einen hakenförmigen Hufkratzer, mit dem er vermeintlich Schmutz, kleinere Steinchen oder eingetretene Erde aus den Hufen der Pferde kratzen möchte. Obwohl es sich um einen spitzen Gegenstand aus Metall handelt, hat das Therapiezentrum ihm diesen Kauf genehmigt. Immerhin gilt der Patient als kaum gefährlich. Niemand dort ahnt anscheinend, dass der Häftling seine positive Beurteilung gezielt forciert hat und dass er sie für seine ganz eigenen Zwecke nutzen wird. Diese positive Einschätzung bekommt jetzt allerdings erstmals Risse. Denn als wäre ein Hufkratzer nicht schon riskant genug, kauft der Häftling bzw. Patient etwas ganz anderes in dem Geschäft. Ein kleines, rotes Schweizer Taschenmesser der Marke Victorinox, das traditionell auch als Sackmesser bezeichnet wird. So eins, dass es in der Schweiz wohl millionfach zu kaufen gibt. Und eins, dass ein Straftäter auf Freigang niemals in die Hände bekommen sollte. Bewaffnet kehrt der Häftling nun wieder zurück zu Adeline, die in dem weißen Citroën auf ihn wartet. Ab diesem Punkt werden die Quellen etwas uneindeutig. Es lässt sich also nicht genau sagen, ob der Patient bereits mit gezücktem Messer zu Adeline in den Wagen steigt oder ob er sie erst, als die beiden wieder fahren, bedroht. Fest steht jedoch, kurz nachdem er das Taschenmesser abgeholt hat, offenbart sich sein eigentliches Vorhaben. Mit gezücktem Messer zwingt er Adeline, die eingeschlagene Route zum Reiterhof in Bellevue zu verlassen. Doch Adeline versucht sich zunächst noch zu wehren, denn als sie das Messer bemerkt, greift sie reflexartig zu ihrem Handy. Sie will Hilfe holen. Gleichzeitig ruft sie zweimal lautstark Nein. Damit versucht sie, eine unmissverständliche Grenze zu setzen. Doch das lässt den Häftling unberührt. Schließlich haben sich die Machtverhältnisse zwischen der Therapeutin und ihm gerade geändert. Jetzt hat er die Macht zu entscheiden, wie es weitergeht und vor allem wohin. Um die Sozialtherapeutin trotzdem zu beruhigen, sagt er ihr, dass er lediglich aus dem Gefängnis fliehen will und ihr daher nichts tun werde. Es ist eine Lüge, die er ihr erzählt. Eine von vielen. Doch für Adeline ist diese Lüge ihre einzige Hoffnung. Der Häftling dirigiert die Therapeutin zu einem abgelegenen Waldstück, dem Bois d'Avaux, das sich zwischen Bellevue und Versoix befindet. Somit ganz in der Nähe des Reiterhofes, den die beiden ursprünglich angesteuert haben. Und genau hier zeigt sich ein weiteres Mal, dass der Mann ganz falsch eingeschätzt, beziehungsweise gänzlich unterschätzt wurde. Denn der Patient kennt das Gebiet rund um das Reitzentrum mehr als gut. Die Gegend hat er bereits zuletzt ausführlich mit Google Maps ausgekundschaftet. Die Insassen haben nämlich regelmäßigen Computerzugang. Aber der Häftling, der selbst sowohl die französische als auch die Schweizer Staatsbürgerschaft besitzt, kennt sich noch aus einem ganz anderen Grund in der Gegend gut aus. Denn bereits vor 14 Jahren hat er genau in dieser Region seine erste Gewalttat begangen. Genauer gesagt in der französischen Kleinstadt Fernay-Voltaire. Als es dann schließlich 11 Uhr wird, wundert man sich im Reitzentrum. Denn Adeline und ihr Patient sind nicht erschienen. Allerdings hat die Therapeutin den Termin auch nicht abgesagt oder verschoben. Und auch in das Sozialzentrum kehren Adeline und ihr Patient nicht zur vereinbarten Uhrzeit zurück. Juan, Adelines Freund und Vater der gemeinsamen Tochter, ist nun nervös. Er selbst hat den Patienten, den Adeline heute begleitet hat, ein Jahr lang betreut und kann ihn eigentlich gut einschätzen. Er ist doch als ungefährlich eingestuft worden, oder? Er ist doch als ungefährlich eingestuft worden, oder? Doch dass Adeline gar nichts von sich hören lässt, ist nicht nur ungewöhnlich, sondern absolut alarmierend. Trotz dieser Tatsache wird die Genfer Polizei erst um 14.49 Uhr über das Verschwinden der Therapeutin und des Häftlings informiert. Es verstreichen also beinahe vier Stunden, in denen erstmal niemand auf ihr Verschwinden reagiert. Die Polizei erfasst die Dringlichkeit der Situation zum Glück wesentlich schneller. Bereits zwei Stunden, nachdem die Meldung eingegangen ist, löst die Polizei in Genf um 16 Uhr eine offizielle Suchmeldung nach Adeline und dem Häftling aus. Außerdem wird am selben Tag noch ein europäischer Haftbefehl nach dem Häftling erlassen. Und auch Interpol schaltet sich umgehend ein. Jetzt wird in ganz Europa nach Adeline und dem Häftling gesucht. Die schnelle Reaktion der nationalen und internationalen Polizei zahlt sich schon bald aus. Denn im Zuge der Fahndung kann Adelines Handy geortet werden. Es befindet sich offenbar in dem ca. 250 km entfernten Basel. Was sollte sie in der Stadt direkt an der deutschen Grenze wollen? Auch für Juan ergibt das keinen Sinn. Und dennoch sind diese Stunden für ihn eine Zeit des Wartens und Hoffens. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als Adeline wieder in seine Arme zu schließen. Einen Tag darauf wird klar, dass sich Adeline selbst nie in Basel aufgehalten hat. Denn die Polizei findet die Sozialtherapeutin einen Tag nach ihrem Verschwinden, am Freitag, den 13. September. Es ist genau 11.19 Uhr, als Adeline im abgelegenen Waldstück Bois d'Avaux gefesselt an einem Baum entdeckt wird. Die junge Mutter ist tot. An ihrer Kehle finden sich schwere Schnittverletzungen. Von dem Häftling, den sie auf seinem Freigang begleitet hatte und der für die Polizei der Hauptverdächtige ist, fehlt allerdings jede Spur. Ebenso wie von dem weißen Auto, Adelines persönlichen Gegenständen und ihrem Handy. Nach dem schockierenden Fund informiert die Polizei umgehend den noch hoffenden Juan. Für ihn bricht daraufhin eine Welt zusammen. Eben noch schien das Glück der frischgebackenen Eltern perfekt. Und Adeline hatte doch gerade erst in La Pagrette gekündigt und wollte einen neuen, weniger risikoreichen Job annehmen. Doch wo sich Juan zuvor eine rosige Zukunft mit seiner kleinen Familie ausgemalt hat, herrscht ab sofort nur noch Dunkelheit. Und noch etwas anderes verfolgt ihn. Er erkennt den Fundort seiner toten Freundin wieder. Denn der entflohene Häftling hat ihm genau diesen Ort bereits zuvor auf Google Maps gezeigt. Nicht nur Juan, sondern auch die Behörden in Genf sind nach dem Fund der jungen Therapeutin mehr als geschockt. Noch am selben Tag, an dem Adelins Leiche gefunden wird, teilt der damalige Vizepräsident des Genfer Regierungsrates auf einer Pressekonferenz offiziell die Todesnachricht mit. Und auch der damals amtierende Genfer Sicherheitsdirektor reagiert auf die Ermordung der jungen Frau. Als Reaktion auf den schrecklichen Fund gibt er noch am selben Tag bekannt, dass alle Freigänge für Gefangene im Kanton Genf bis auf Weiteres ausgesetzt werden. Unterdessen wird auf Hochtouren nach dem entflohenen Häftling und mutmaßlichen Täter gefahndet. Ganze zwei Tage verstreichen, bis die Ermittler am 15. September plötzlich eine Meldung aus Deutschland erhalten. Deutsche Bundesbeamte entdecken den zur Fahndung ausgeschriebenen Citroën Berlingo zufällig um 15.45 Uhr an der polnischen Grenze. Unmittelbar nachdem der Wagen die Grenze zu Polen überfährt, erfolgt dann der Zugriff. Etwa 14 Kilometer vor Stettin wird schließlich ein Mann überwältigt und festgenommen. Er ist 39 Jahre alt und hat braune, kurze Haare. Er trägt eine Brille und ist für die Jahreszeit etwas zu warm gekleidet. In seinem Rucksack finden die Beamten das rote Taschenmesser, mit dem Adeline getötet wurde. Der Name des Patienten, des Häftlings und nun des dringend tatverdächtigen Mörders von Adeline lautet Fabrice. Doch wer ist dieser Fabrice? Und warum wurde er von den Therapeuten und Psychiatern so falsch eingeschätzt? Fabrice wurde am 22. Juli 1974 in Paris geboren. Als Sohn zwei er wohlhabender Eltern. Sein Vater hat den Schweizer Pass, seine Mutter kommt aus Frankreich. Deswegen hat Fabrice als Kind der beiden auch die doppelte Staatsbürgerschaft. Über seine Kindheit und Jugend gibt es verschiedene Versionen. Fabrice selbst zeichnet in späteren psychologischen Befragungen das Bild eines Kindes, das bereits früh mit Ehekonflikten und häuslicher Gewalt konfrontiert ist. Fabrice fühlt sich von seinen Eltern massiv vernachlässigt. Laut ihm ist seine Mutter eine emotional instabile Frau, die verbal wie körperlich gewalttätig ist. Sein Vater sei zudem Alkoholiker. Seine Eltern wiederum liefern eine etwas andere Version seiner Kindheit. So gibt sein Vater an, er sei von klein auf ein schwieriges Kind gewesen. Er beschreibt seine Persönlichkeit sogar als zweigeteilt. Teilweise besitzt Fabrice somit gewinnende Charaktereigenschaften, ist freundlich und zuvorkommt. Im nächsten Moment jedoch ist er extrem jähzornig und verdreht die Wahrheit. Fabriques Mutter unterstreicht diese Aussagen, indem sie ihn schlicht als verlogen beschreibt. Auch in einem späteren Interview mit einem Westschweizer TV-Sender wird sie diese Aussagen wiederholen. So seien Fabriess' Anschuldigungen bezüglich emotionaler Vernachlässigung und Gewalt ihr gegenüber, Zitat, alles Lügen. Welche der einzelnen Aussagen und Anschuldigungen also genau stimmen, lässt sich nicht eindeutig sagen. Sicher ist allerdings, dass Fabriess' Familienumfeld instabil ist. So trennen sich seine Eltern, als er gerade mal elf Jahre alt ist. Fabrice bleibt daraufhin bei seiner Mutter in Frankreich. Die ist allerdings, sei es wegen eigener Instabilität oder dem zunehmend schwierigen Charakter ihres Sohnes, schnell überfordert und verliert schließlich die Kontrolle über ihn. Im Alter von 16 Jahren schaltet Fabrice deswegen eigenständig das Jugendamt ein und bittet darum, von seiner Mutter getrennt zu werden. Und das gelingt ihm auch. Wo er daraufhin genau untergebracht wird, geben die Quellen leider nicht her. Fabri's schulischer und beruflicher Werdegang lässt sich dafür ab diesem Zeitpunkt umso besser nachvollziehen. Nach dem Auszug bei seiner Mutter verläuft sein Bildungsweg nämlich extrem unstet. Seine wohlhabenden Eltern schicken ihn zwar als Kind auf eine Privatschule, diese schließt er allerdings nicht regulär ab. Auch zwei darauf folgende Berufslern, die er in Frankreich beginnt, bricht er schließlich erfolglos ab. Aus diesem Grund kommt es ihm nur gelegen, dass er 1994, als er gerade 20 Jahre alt ist, zum französischen Militärdienst eingezogen wird. Dort unterstützt er für kurze Zeit die Heerespolizei, wird allerdings bereits nach fünf Monaten ausgemustert. Der Grund? Er fällt immer wieder wegen psychischer Probleme auf. Enttäuscht zieht Fabrice zwei Jahre später, also 1996, in die Schweiz, in der mittlerweile auch sein Vater wieder lebt. Für den nun 22-Jährigen folgen hier verschiedene Anstellungen im Gastgewerbe rund um Leusen und Genf. Bei keiner dieser Stellen bleibt er jedoch länger als ein paar Wochen. Nur bei einer Sicherheitsfirma hält er es länger aus. Bei der Securitas bleibt er fast ein Jahr lang. Dort arbeitet er unter anderem als Hundeführer und macht sogar einen Waffenschein. Doch Ende 1998, als Fabrice gerade mal 24 ist, wird er auch dort schließlich aus disziplinarischen Gründen entlassen. Vielen Dank. Ähnlich uns steht wie sein Berufsleben, gestaltet sich auch Fabris' Verhältnis zu Frauen. Doch während seine beruflichen Stationen vor allem Fragen aufwerfen, wird sein Verhalten gegenüber Frauen zunehmend beunruhigender. Hier beginnt sich die Grenze zwischen Licht und Dunkelheit erstmals deutlich zu verschieben. So hat Fabris immer wieder Beziehungen zu Frauen, die allerdings nie länger als wenige Wochen anhalten. Und das hat auch seine Gründe. Denn er offenbart hier deutlich, was ihn erregt. Und das sind keine gewöhnlichen sexuellen Handlungen. Vielmehr manipuliert und dominiert er sein Gegenüber gezielt und übt zunehmend Macht über sie aus. Explizite Gewaltandrohungen erregen ihn dabei offenbar besonders. So gibt eine seiner früheren Ex-Freundinnen später in einem Zeitungsinterview an, dass er ihr bereits 1996, also mit 22 Jahren, wiederholt erzählt habe, dass er ihr mit einem Messer die Kehle durchschneiden will. Daraufhin verlässt sie ihn zwar schließlich, doch Fabris' Fantasien bleiben. Seine Faszination für Messer, gepaart mit Tötungsfantasien und dabei erlebte Erregung, führen schließlich 1999 zu seiner ersten schweren Straftat. Und genau jetzt springen wir wieder zurück zu Daniel aus dem heutigen Intro. Denn nachdem sie im August 1999 mit Fabris einen sehr schönen Tag in Genf und in den Weinbergen verbracht hat, will dieser nun seine lang angestauten Fantasien endlich wahr werden lassen. Zu diesem Zweck spielt er zunächst den vermeintlich harmlosen, zuvorkommenden Mann, der Daniel nur die Region zeigen will. Dass er sie dabei gezielt manipuliert, das fällt Daniel zunächst gar nicht auf. Erst im Auto, als Fabrice sich von Dunkelheit umhüllt in Sicherheit weckt, zieht er schließlich ein Messer und hält es Daniel an die Kehle. Diese denkt zunächst noch, es handle sich um einen schlechten Witz. Scherzhaft entgegnet sie Fabrice deswegen trocken, komm, schneid mir die Kehle durch. Doch was sie daraufhin in Fabrice' Blick sieht, lässt sie jegliche Ironie vergessen. Später beschreibt sie, in diesem Moment das absolut Böse in seinen Augen gesehen zu haben. Und das zeigt sich auch in Fabri's anschließenden Handlungen. So zückt er plötzlich ein Messer, bedroht Daniel damit und zwingt sie, auszusteigen. Anschließend fesselt er sie mit Handschellen und vergewaltigt sie. Es ist ein Muster, das man auch 14 Jahre später, 2013, bei der Tat an Adeline in Teilen erkennen kann. Er bedroht, fesselt und begeht im Anschluss in einem Rausch zwischen dem Gefühl von Allmacht und der Todesangst seiner Opfer seine Taten. Danielle überlebt den Übergriff, denn Fabrice lässt schließlich von ihr ab und droht ihr, sie solle nicht zur Polizei gehen. Niemand wird dir glauben, sagt er noch. Schließlich habe er ein Kondom benutzt und bei der Autofahrt Handschuhe getragen. Anschließend lässt er sie im Dunklen der Weinberge zurück und geht zu Fuß durch die Nacht. Doch Danielle ignoriert seine Drohung. Per Anhalter gelingt es ihr, zu einer Polizeistation in der Nähe zu fahren, wo sie Fabrice umgehend anzeigt. Dabei kann sie Fabrice gegenüber den Beamten gut beschreiben. Und so beginnen sie auch direkt gegen ihn zu ermitteln. Ein Jahr später, im Oktober 2000, kommt es dann zum Gerichtsprozess in Genf. Hier zeigt sich Fabrice manipulativer Charakter. So erzählt er vor Gericht, es wäre gar keine Vergewaltigung gewesen. Vielmehr hatte er die Situation mit Daniel wohl fälschlicherweise als einvernehmliches, sadomasochistisches Rollenspiel verstanden. Wirklich unfassbar. Das Gericht folgt dieser Darstellung und spricht deswegen nur eine relativ milde Strafe für Fabrice aus. Der damals 26-Jährige bekommt 18 Monate auf Bewährung. Das Gericht begründet das Urteil unter anderem damit, dass der Angeklagte erstmals straffällig geworden sei. Doch dabei wird es nicht lange bleiben. Und das vermutet auch der Genfer Staatsanwalt. Er schätzt Fabrice als weitaus gefährlicher ein als das Gericht. Deshalb zieht er nach dem ersten Verfahren vor das Kassationsgericht. Als ein höheres, oberes Gericht, das prüft, ob bei dem ersten Urteil rechtliche Fehler gemacht wurden. Dabei fordert der Staatsanwalt eine deutlich härtere Strafe für die grausam verübte Vergewaltigung, nämlich die Zuchthausstrafe. Der Begriff des Zuchthauses meinte im Jahr 2000 eine Gefängnisstrafe mit härteren Bedingungen, die bei besonders schweren Verbrechen verhängt wurde. Das Gegenteil davon war die normale Gefängnisstrafe für leichtere Vergehen. Heute unterscheidet das Schweizer Recht allerdings nicht mehr zwischen diesen beiden Begriffen. Der Prozess gegen Fabrice wird so wieder aufgenommen und neu verhandelt. Während das passiert, läuft er weiterhin frei herum. Und das soll sich schnell als Fehler herauskristallisieren. Nach seiner Verurteilung zur Bewährung und während sein Fall neu verhandelt wird, fliegt Fabrice noch im Oktober 2000 nach Irland. Dort will er sich ein neues Leben aufbauen und sucht sich einen Job bei einer bekannten Autovermietung in Dublin. Warum ausgerechnet Irland, lässt sich nicht vollends klären. Vielleicht, weil Fabrice dort Freunde hat. Vielleicht aber auch, weil er bereits im März 2000, nachdem er Daniel bedroht und vergewaltigt hat, während das St. Patrick's Day in Irland eine andere junge Frau kennengelernt hat. Die 18-jährige polnische Gymnasiastin Eva, die in Irland Urlaub macht. Der Name der jungen Frau ist durch die Medien anonymisiert. Gemeinsam verbringen die beiden eine Woche in Irland und träumen bald schon von einer gemeinsamen Zukunft dort miteinander. Deswegen bleiben sie auch nach dieser Zeit in engem telefonischen Kontakt. Derweil arbeitet Fabrice im Sommer 2000 zwischenzeitlich als Pferdeknecht und entdeckt dort seine Leidenschaft für die Tiere, mit denen er später auch die Reittherapie machen soll. Allerdings erleidet er schon bald einen schweren Reitunfall und liegt zwei Tage im Koma. Eva ist direkt zur Stelle. Sie reist sofort in die Schweiz, um Fabrice im Krankenhaus zu besuchen. Die Verbindung der beiden wird daraufhin noch inniger. Nach Fabris' Genesung reist er daher noch zwei weitere Male nach Polen, um Eva dort für einige Tage zu besuchen. Werbung Ende Doch auch diese zunächst normal erscheinende Beziehung bekommt schnell Risse. Als Fabrice sich ab Oktober 2000 in seinem neuen Leben in Irland bzw. Dublin einrichtet, kommt Eva ihn abermals im Frühjahr 2001 besuchen. Doch nach wenigen Tagen schon reißt die junge Frau verstört wieder ab. Sie beschuldigt ihn, sie vergewaltigt zu haben. Zu einem Gerichtsverfahren kommt es jedoch nicht, denn Eva erstattet keine Anzeige gegen ihn. Stattdessen beendet sie die gemeinsame Beziehung. Fabrice kann diese Zurückweisung nicht akzeptieren. Ein paar Monate später reist er deswegen nach Polen und stellt Eva nach. Er terrorisiert sie telefonisch und schickt ihr Blumen. Seine Versuche, die junge Polin zurückzugewinnen, scheitern jedoch. Eva ist verängstigt und versteckt sich vor ihm. Schließlich wechselt sie sogar ihre Telefonnummer und setzt zusätzlich noch das Gerücht in die Welt, sie sei tot. So hofft sie, nie wieder etwas von ihrem ehemaligen Liebhaber zu hören. Fabrice erzählt daraufhin seinen Bekannten und seinen Eltern, Eva sei während einer Schwangerschaft gestorben. Zwar glaubt ihm das niemand, da er bereits vorher häufig mit seinen Lügen aufgeflogen ist, allerdings lässt sich an dieser Stelle erkennen, dass es für ihn wohl kein Nein zu geben scheint. Trotz seiner Nachstellungen verliert er Evas Spur in Polen und kehrt nach einigen Wochen, im August 2001, ausgebrannt nach Genf zurück. Dort sieht er sich wieder mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Denn nun steht die Neuverhandlung seiner Tat gegenüber Daniel unmittelbar bevor. Diesmal wird er wahrscheinlich nicht so glimpflich davon kommen. Höchstwahrscheinlich wird es sogar auf eine Gefängnisstrafe hinauslaufen. Das ist Fabrice selbst auch klar. Und trotzdem kann er offenbar nicht anders, als sich erneut eine junge Frau zu suchen, die er manipulieren kann. So begegnet er seiner früheren Arbeitskollegin Rachel in seinem Bekanntenkreis. Gemeinsam mit der 21-Jährigen hatte Fabrice kurzzeitig in einer Pizza Hut-Filiale gearbeitet. Das muss irgendwann nach seinem Umzug 1996 gewesen sein, als er verschiedene Gastronomiejobs hatte. Seitdem haben die beiden eigentlich kaum Kontakt. Als er sie nun allerdings über Bekannte wieder trifft, erzählt Rachel, dass sie dringend eine Unterkunft sucht. Genau diese Information nutzt er, um sie zu einem Treffen zu zweit zu bewegen. So gaukelt er ihr vor, dass er eine günstige Wohnung kenne. Um diese zu bekommen, müsste sie ihm lediglich eine Kaution von 2.500 Franken in bar vorbeibringen. Das wären 2001 umgerechnet um die 1.600 Euro. Zwar findet Rachelle das etwas seltsam, doch ihre Not siegt. Am 24. August 2001 macht sie sich daher mit dem Betrag auf den Weg zu einem Treffen mit Fabrice. Doch das Geld ist nicht das einzige, das die junge Frau dabei hat. Da ihr das Angebot dubios vorkommt und sie sich zudem mit so viel Bargeld unwohl fühlt, nimmt sie eine Freundin mit zum vereinbarten Treffen. Doch Fabrice, der so etwas in der Art bereits vermutet hatte, hat vorgesorgt. Um mit Rachel ungestört zu sein, leiht er sich einen kleinen Smart aus, so einen, der nur zwei Sitze hat, nur für ihn und Rachel. Als die beiden dann aufeinandertreffen, ist Rachel zwar nicht begeistert von der Idee, mit Fabrice allein loszufahren, doch schließlich steigt sie mit ihm in den Smart, um zu der vermeintlich freien Wohnung zu fahren. Nachdem Fabrice Rachel durch seine Manipulation also erfolgreich isoliert hat, spult er einen schon bekannten Modus Operandi ab. So behauptet er, eine Abkürzung zur Wohnung zu kennen und fährt in ein Gebiet, das er sehr gut kennt. Es sind die Weinberge bei Fernie Voltaire, genau die, in denen er zwei Jahre zuvor schon Daniel vergewaltigt hat. Und genau das hat er nun auch mit seiner ehemaligen Arbeitskollegin vor. In den Weinbergen bedroht er Rachel mit einem Messer und fesselt sie mit Handschellen. Da ihm das allerdings nicht mehr ausreicht, muss er sich etwas in Stimmung bringen. Mit der Klinge des Messers streicht er Rachel über Hals und Geschlechtsteile, und droht schließlich, ihr die Halsschlagader durchzutrennen. Als er von diesen Tötungsfantasien und Rachels Angst schließlich genug erregt ist, vergewaltigt er sie. Dieses Mal ohne ein Kondom zu benutzen. Danach nimmt er die 2500 Franken an sich und verlässt die Weinberge, in denen Rachel nun alleine zurückbleibt. Mit dem Geld flüchtet er zunächst nach Lyon und fliegt von dort weiter nach Dublin. Hier kommt er bei Bekannten unter. Doch er bleibt nicht lang. Im Oktober 2001, keine zwei Monate nach seiner Tat an Rachel, reist Fabrice per Fähre zurück nach Frankreich. Dort möchte er sich der Fremdenlegion, einer militärischen Elitegruppe, anschließen. Doch dazu kommt es nicht. Als Fabrice sich schließlich am 22. Oktober 2001 in der Stadt Pamier bei der Fremdenlegion melden will, wird er kurzerhand festgenommen, denn Rachel hat ihn in Frankreich angezeigt. Der inzwischen 27-jährige Fabrice sieht sich nun gleich mit zwei seiner Taten konfrontiert. Denn während er sich kurz zuvor noch auf der Fähre Richtung Frankreich befand, wurde in seiner Abwesenheit am 4. Oktober 2001 das ursprüngliche Urteil im Fall Daniel vom Genfer Gericht aufgehoben. Anstelle der 18 Monate Bewährungsstrafe wird er nun zu fünf Jahren Zuchthaus, also Gefängnis, verurteilt. Genauso wie es der Staatsanwalt gefordert hatte. Zusätzlich läuft gegen ihn in Frankreich das Verfahren wegen der Vergewaltigung an Rachel. Nach seiner Festnahme in Pamier befindet sich Fabrice deswegen erstmal in Untersuchungshaft in Frankreich. Im November 2003 kommt es dann zu dem Prozess wegen der Tat an Rachel. Bei diesem Verfahren ist Fabrice dann persönlich anwesend. Da er nun allerdings nicht mehr als Ersttäter gilt, fällt die Strafe entsprechend härter aus als noch bei seinem ersten Verfahren. So verurteilt ihn das französische Schwurgericht zu 15 Jahren Gefängnis. Zusammen mit der Schweizer Strafe ergibt das eine Gesamtstrafe von 20 Jahren, die er zunächst in einem französischen Gefängnis in Villefranche absitzt. Während des zweiten Verfahrens zeigt Fabrice im Übrigen keinerlei Einsicht. Stattdessen versucht er, genau wie bei seinem ersten Mal vor Gericht, die Richter und Geschworenen zu manipulieren. So gibt er an, dass er Rachel ursprünglich nur bestehlen wollte. Als er aber dann an den Weinbergen in Fanny Voltaire vorbei fuhr, in denen er auch Daniel zuvor vergewaltigt hatte, kam die, Zitat, Geschichte hoch und er hat seinen Plan geändert. Doch dieses Mal gibt Fabrice gegenüber dem Gericht und auch den Psychiatern, die ihn begutachten, noch einiges mehr zu. Zum Beispiel, dass er gerade durch die Todesangst der Opfer erregt würde. Außerdem gesteht er, dass er seit seinem ersten Delikt eine große Vergewaltigungsfantasie habe. Es sei einfach jedes Mal ein guter Trip. Unter anderem wegen solchen Aussagen attestiert der Gerichtspsychiater in Frankreich ihm einen gefestigten perversen Charakter mit einer auffälligen sexuellen Perversion. Außerdem stellt er seine sadistischen Züge als besonders stark ausgeprägt heraus. Zwar lässt sich bei Fabrice keine krankhafte psychische Störung feststellen, Psychologische Tests weisen jedoch auf hochgradige narzisstische Züge und psychopathische Anteile hin. Gerade diese Kombination macht ihn nach Einschätzung des Gerichtspsychiaters hochgradig gefährlich. Denn sein zunächst gewinnendes Auftreten lässt ihn nach außen häufig harmlos erscheinen, obwohl hinter dieser Fassade eine erhebliche Gefährlichkeit liegt. In seinem Bericht hält der Gerichtspsychiater deswegen ausdrücklich fest, dass Fabrice als gemeingefährlich einzustufen sei und ein extrem hohes Risiko für weitere Taten bestehe. Nach der psychologischen Beurteilung und dem erneuten Urteil wird es zunächst ruhig um Fabrice. Mehrere Jahre lang bleibt er in der französischen Haftanstalt von Villefranche, bis er schließlich im Januar 2006 aus unbekannten Gründen nach Mossack im Südwesten Frankreichs verlegt wird. Doch in Frankreich will er nicht bleiben. Und er hat auch schon eine Idee, wie er von dort wieder wegkommt. Als jemand mit französischer und schweizer Staatsbürgerschaft kann er nämlich eine Überstellung in die Schweiz beantragen. Und genau das macht er auch, dass seine Familie mittlerweile am Genfer See lebe und die direkte Nähe zu ihnen seine Resozialisierung fördern würde. Außerdem führt er an, dass er sich in seiner Zeit in Haft zum Sprachlehrer hat ausbilden lassen und jetzt hoffe, in einer Haftanstalt in der Schweiz als Lehrer arbeiten zu können. Das würde seine Wiedereingliederung ebenfalls fördern. Als sich der Kanton Genf im Oktober 2007 dann grundsätzlich zu einer Haftübernahme bereit erklärt, schlägt die französische Haftanstalt Alarm. Denn sie glauben nicht, dass das seine eigentlichen Beweggründe sind. Der Gefängnisdirektor aus Mossack verfasst deswegen am 5. Dezember 2007 einen eindringlichen Warnbericht. In diesem erinnert er an Fabriess' sadistische sowie perverse Persönlichkeit, und sein hohes Rückfallrisiko. Außerdem führt er an, dass er sich im Gefängnis von Mossack bislang sehr schlecht eingeordnet habe. Und das spricht aus seiner Sicht ganz klar gegen eine bisher erfolgreiche Resozialisierung. Außerdem spreche Fabrice durchgegend schlecht über seine Mutter. Und auch sein Vater könne ihm bei seiner Resozialisierung nur wenig beistehen. Er ist nämlich inzwischen verstorben. Neben diesen Ausführungen formuliert der Gefängnisdirektor auch noch eine ausdrückliche Warnung. Fabrice sollte auf keinen Fall als potenzielle Lehrkraft eingesetzt werden und so in eine Machtposition kommen. Die Justiz müsse daher unbedingt verhindern, dass der Verurteilte in Kontakt mit jungen Schülerinnen und Schülern komme. Nach seiner Auffassung hat Fabriess' Antrag auf Überstellung einzig und allein einen Grund. Er erhofft sich schlicht ein milderes Vollzugsregime, inklusive Haftlockerungen und begleitenden Freigängen. Denn während in Frankreich zu der Zeit der Fokus vor allem auf die öffentliche Sicherheit und härtere Strafen als Abschreckung gelegt wurden, fokussierte man sich in der Schweiz vor allem auf die Wiedereingliederung der Strafgefangenen. Trotz dieser eindringlichen Warnung aus Frankreich wird Fabriess' Transfer schließlich bewilligt. Zunächst wird er 2007 in eine Strafvollzugsanstalt in der kleinen Gemeinde Orb im Kanton Wart verlegt. Die ist rund 90 Kilometer von seinem eigentlichen Wunschgefängnis in Genf entfernt. Doch lange wird er auch dort nicht bleiben. In dem Komplex in Orb kommt Fabrice zunächst in dem zur Anstalt gehörenden Gefängnis unter. Hier wird er alle zwei Wochen von einer Psychotherapeutin begutachtet. Das Problem dabei ist jedoch, dass genau diese Psychotherapeutin überhaupt keine forensische Ausbildung hat. Außerdem hat sie auch keine Kenntnis von Fabrice' Gerichtsakten. Anstatt den Fall an einen geschulten Kollegen abzugeben, behandelt sie Fabrice einfach weiter. Und dabei bemerkt sie nicht, wie der sie ebenfalls beginnt zu manipulieren. Letztendlich übernimmt die Psychotherapeutin deswegen fast kritiklos die Selbstdiagnosen ihres Patienten. In ihrem psychologischen Bericht steht, dass Fabris Probleme auf Alkoholismus und sexuelle Zügellosigkeit zurückzuführen seien. Als er dann schließlich am 1. Oktober 2008 in seinen Wunschkanton Genf überführt wird, ist seine gefährliche sadistische Ader unter einem neuen und vor allem verfälschten Gutachten verschleiert. In der neuen Haftanstalt in Champs-Dolore bleibt er zunächst vier Jahre. Als er dann als potenzieller Anwärter auf einer Sozialtherapie in dem angesiedelten Zentrum La Parcret geprüft werden soll, kommt es erneut zu einer Fehleinschätzung. Denn auch bei dieser Prüfung werden frühere Polizeiakten, Gerichtsurteile und das psychiatrische Gutachten aus Frankreich nicht beachtet. Stattdessen werden wieder nur Gespräche mit dem Häftling geführt, die zu einem ähnlichen Ergebnis kommen. Der inhaftierte Fabrice ist therapierbar und nur Moderatrückfall gefährdet. Am 29. August 2012 wird Fabrice deswegen als Patient in La Parcrette aufgenommen. Hier trifft er nicht nur auf Juan, der ihn ein Jahr lang betreuen wird, er trifft auch auf sein späteres Opfer Adeline. Beide halten ihn auf Grundlage der Fehleinschätzung der Psychotherapeuten für ungefährlich. Adeline sagt sogar gegenüber Bekannten, Fabrice wäre mittlerweile ganz zahm. Dass das allerdings nicht stimmte, musste Adeline auf traurige und brutale Weise erfahren. Nur acht Tage nach ihrem Fund im Waldstück wird die 34-Jährige am 23. September 2013 beerdigt. Rund 300 Menschen kommen in die Kirche im Kanton Genf zusammen, um Abschied von ihr zu nehmen. Unter ihnen sind auch etwa 100 ehemalige Kollegen sowie der Direktor des Gefängnisses Jean Dolan. Auch Vertreter der Genfer Politik sind anwesend. Doch politische Worte fallen an diesem Tag keine. Denn Adelins Familie hat ausdrücklich darum gebeten, dass auf jegliche politische Reden verzichtet wird. Ihnen ist eines ganz wichtig, dass die Beerdigung nicht für politische Auftritte instrumentalisiert wird, sondern ein Ort des Abschieds und der Trauer bleibt. Doch auch ohne politische Reden tobt die Schweizer Öffentlichkeit. Der Tod der jungen Therapeutin löst landesweit Trauer und Entsetzen aus. Als dann nach und nach bekannt wird, welche Straftaten Fabrice bereits zuvor begangen hat, schlägt die Trauer schließlich in Empörung um. Und das auch, weil die Schweizer eigentlich gerade erst dabei sind, eine andere Tat zu verarbeiten. Denn nur vier Monate zuvor passierte etwas, das beunruhigende Parallelen mit dem Mord an Adeline aufweist. Im Mai 2013 entführt und tötet der Mörder und Vergewaltiger Claude während eines Hafturlaubs die 19 Jahre alte Marie. Auch er war eigentlich hochgradig rückfallgefährdet. Auch er durfte seine Haftanstalt im Kanton Wart verlassen. Und das im Zuge seines Hafturlaubs gleich mehrere Tage und ohne Aufsicht. Nicht nur die Bevölkerung, auch die Medien und Politiker sind sich einig, dass diese beiden Fälle kein Zufall sind. Denn wie können schwere Sexual- und Gewaltstraftäter überhaupt Freigang bekommen? Und weshalb wurde im Fall Fabrice eine junge Therapeutin allein mit ihm losgeschickt? Genau um diese Fragen entbrennt nun eine öffentliche Debatte in der Schweiz. Es ist eine Debatte, die sich jahrelang ziehen wird und dabei besonders den Fall von Adeline als Schreckensbeispiel des Schweizer Systems instrumentalisiert. Im Zentrum der Kritik steht dabei zunächst der Strafvollzug in der Schweiz selbst. Denn im Gegensatz zu Deutschland oder Frankreich, wo der Strafvollzug im ganzen Land einheitlich gehandhabt wird, ist die Umsetzung in der Schweiz wesentlich unterteilter. Zwar gibt es für Straftäter seit 2007 einheitliche und in der ganzen Schweiz geltende Grundregeln und Sanktionen, aber wie diese konkret umgesetzt werden, liegt allerdings weiterhin bei den insgesamt 26 Kantonen. Konkrete Vollzugspraktiken wie Hafterleichterungen, Urlaub oder Freigänge unterscheiden sich daher weiterhin zwischen den Regionen. Und das ist in Adelines Fall auch besonders entscheidend. Denn in den deutschsprachigen Kantonen wäre es ihr überhaupt nicht möglich gewesen, einen Sexualstraftäter auf einem Freigang zu begleiten. Das obliegt dort allein den männlichen Therapeuten. In der Romandie sieht das allerdings anders aus. Hätte Adeline demnach in einem anderen Kanton gearbeitet, wäre sie heute vielleicht noch am Leben. Doch die Kritik bleibt nicht nur auf den Strafvollzug beschränkt. So schalten sich zunehmend auch Opferschutzvertretungen und Medien in die Debatte ein. Und auch sie fordern Veränderungen. Und das nicht nur im Schweizer Strafrecht, sondern vor allem auch speziell im Sexualstrafrecht. Denn die rechtliche Definition davon, was Vergewaltigung tatsächlich ist, ist 2013 noch extrem eng gefasst. Als Vergewaltigung gilt damals nur eine Tat, wenn es zu einer erzwungenen vaginalen Penetration einer Frau durch einen Mann kommt. Kritiker sehen genau darin eine rechtliche Lücke, die es Tätern ermöglicht, schwere Gewalttaten zu verharmlosen. Und genau diese Lücke hat sich Fabrice auch in seinem ersten Verfahren gegen Daniel zunutze gemacht. Schließlich war es ihm dort gelungen, die Geschworenen und Richter mit der Geschichte des einvernehmlichen sadomasochistischen Rollenspiels zu verunsichern und so zunächst eine geringe Strafe zu erhalten. Die öffentliche Debatte nach Adelines Tod weitet sich so immer weiter aus. Es geht nun nicht mehr nur um die Frage, wie gefährliche Straftäter während ihrer Haft behandelt werden, es geht auch darum, wie sexualisierte Gewalt strafrechtlich definiert und geahndet wird und wie Opfer besser geschützt werden können. So fordert beispielsweise die Sicherheitsdirektorin des Kantons Wart eine Vereinheitlichung des Strafvollzugs. Außerdem will sie, dass dieser grundsätzlich strenger wird. So wirft sie dem eher liberalen Schweizer Justizsystem öffentlich vor, sich zu sehr um die Täter zu kümmern und so den Schutz der Bevölkerung zu vernachlässigen. Und genau dieser Vorwurf erhärtet sich auch bei genaueren Untersuchungen des Sozialtherapiezentrums La Parcret. Ehemalige Mitarbeitende berichten, dass in dem Zentrum eine regelrechte Distanzlosigkeit zwischen Therapeuten, Aufsehern und Inhaftierten herrschte. Teilweise sprechen sie sogar von einer Art Stockholm-Syndrom. Bei diesem veralteten Phänomen entwickeln eigentlich Opfer von Geiselnahmen oder Missbrauch eine positive emotionale Bindung zu ihren Peinigern. In La Parcret soll das ähnlich gewesen sein. So hat sich das Personal immer mehr mit den Tätern solidarisiert. Auch mit Fabrice. Den Patienten wurden weitreichende Freiheiten gewährt. Bei späteren Durchsuchungen von Fabrice Seller werden so nicht nur Landkarten und Gewaltpornos gefunden, sondern auch ein Buch mit dem Titel Psychologie für Dummies. Dass bei solchen Zuständen keine objektive Beurteilung der Inhaftierten erfolgen kann, das liegt auf der Hand. Und so kommt es zu weiteren psychologischen Fehleinschätzungen in La Pagret. Und weil es wiederum den Therapeuten dort nicht erlaubt war, mit ihren Patienten über vergangene Straftaten zu sprechen, blieb Fabris' Gefährlichkeit weiter unerkannt. Und auch bei den Freigängen wird so eine objektive Analyse versäumt. Niemand hat ein externes Gutachten angefordert, was Fabris gesondert geprüft hätte. Stattdessen wurde lediglich auf das institutseigene psychiatrische Gutachten vertraut. Und dort stand, dass er nur als moderat rückfallgefährdet eingestuft werden kann. Als Folge dieser gravierenden Fehler kommt es zunächst zu einigen personellen Veränderungen im Zentrum. Die Direktorin von La Parcret wird erstmal freigestellt. Nach einer offiziellen Rüge wird sie schließlich in eine andere Funktion versetzt. Und auch die Leiterin des Straf- und Maßnahmenvollzugs im Kanton Genf bekommt eine Strafe auf Zeit. Auch sie wird zunächst freigestellt und schließlich für zwei Jahre auf den Rang einer einfachen Beamtin zurückgestuft. Fabrice, behandelnder Psychiater hingegen, muss seinen Posten unwiderruflich räumen. Schließlich lag es in seiner Verantwortung, Fabrice zu beurteilen. Doch auch nach diesen personellen Veränderungen ist der Ruf von La Parcret nicht mehr zu retten. Am 15. Januar 2014 wird die einstige Fortsageeinrichtung deswegen schließlich geschlossen. Gleichzeitig wird eine parlamentarische Untersuchungskommission eingesetzt, um die Fehler der Einrichtung systematisch aufzuarbeiten. Der sogenannte Puck-Bericht, der erst 2018 veröffentlicht wird, Der umfasst 180 Seiten und bestätigt unter anderem genau jene systematischen Fehler, die schließlich zu Adelins Tod geführt haben. Doch diese Aufarbeitung hilft den Opfern nicht mehr. Juan und der Rest von Adelins Familie sieht sich unabhängig von den öffentlichen Debatten noch mit einer ganz anderen Herausforderung konfrontiert. Denn sie müssen noch das Gerichtsverfahren gegen Fabrice durchstehen. Dieser hatte die Tat an Adelins zwar bereits nach seiner Festnahme gestanden, dennoch versucht er sich während des Prozesses weiter herauszureden. Beim Prozessauftakt am 3. Oktober 2016, also drei Jahre nach Adelins Tod, da bestreitet er, geplant zu haben, sie zu töten. Vielmehr betitelt er die Tat als eine Flucht, die aus dem Ruder gelaufen sei. Bevor diese Darstellung vor Gericht allerdings widerlegt werden kann, wird der Prozess nur drei Tage, nachdem er überhaupt erst begonnen hat, schon wieder unterbrochen. Denn das Genfer Strafgericht fordert neben den zwei schon bestehenden psychiatrischen Gutachten zu Fabrice noch ein drittes an. Das wird allerdings abgelehnt. Nach dieser Unterbrechung befürchtet das Obergericht nun allerdings, dass die Richter befangen sein könnten. Das Verfahren wird deshalb vorläufig für gescheitert erklärt. Sieben Monate nach dem ersten Prozessbeginn wird das Verfahren dann im Mai 2017 mit einem neuen Richtergremium wieder aufgerollt. Hier werden Fabriess Behauptungen, Adelines Tod sei lediglich ein Kollateralschaden seiner Flucht schließlich entlarvt. So kann belegt werden, dass Fabrice die Tötung der Therapeutin bereits monatelang zuvor im Gefängnis detailliert geplant hat. Dafür sprechen nicht nur die in seiner Zelle gefundenen Landkarten und Gewaltpornos, sondern auch, dass er Juan zuvor den genauen Tatort auf Google Maps gezeigt hat. Außerdem belegen die psychiatrischen Gutachten, dass Fabrice während seiner Tat von seiner lang gehegten sadistischen Fantasie überwältigt wurde. Das zeigt sich auch besonders deutlich an seinem immer gewaltvoller werdenden Tatmuster. So reichte es ihm bei Daniel noch aus, sie in Anführungsstrichen nur zu vergewaltigen. Bei Rachel drohte er ihr hingegen bereits mit dem Tod. Und bei Adeline setzte er das dann schließlich in die Tat um. Und das ohne sie zu vergewaltigen. Denn 2013 hatten sich seine Fantasien bereits so gesteigert, dass er allein aufgrund der ausgeübten Gewalt eine Art Orgasmus bekommen hat. Fabriestat wird deswegen vom Gericht auch nicht nur als Freiheitsberaubung, Diebstahl und Mord gewertet, sondern auch als sexuelle Nötigung. Der Genfer Generalstaatsanwalt fordert auf dieser Grundlage die sogenannte lebenslange Verwahrung für Fabrice. Somit hätte er keine Aussicht auf Entlassung und wäre auch von Hafterleichterungen wie Urlauben oder Freigängen ausgeschlossen. Auch Adelines Eltern sehen das als einzig logische Bestrafung. Schließlich wurden ihrer Tochter etliche Jahre ihres Lebens geraubt. Bei der Verhängung der lebenslangen Verwahrung gelten allerdings besonders hohe Hürden. So müssen unabhängige psychiatrische Gutachter bestätigen, dass ein Täter bis an sein Lebensende untherapierbar bleibt. Im Fall von Fabrice können die Gutachter das allerdings nicht mit Sicherheit sagen. Genau aus diesem Grund wird Fabrice vier Jahre nach der Tat an Adeline am 24. Mai 2017 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe und einer sogenannten ordentlichen Verwahrung verurteilt. Das bedeutet, dass er nach 15 Jahren Freiheitsstrafe weiter verwahrt wird. Diese Verwahrung wird allerdings in regelmäßigen Abständen gerichtlich geprüft. Sollte ein Gericht dann feststellen, dass von ihm keine Gefahr mehr ausgeht, könnte er Vollzugslockerung erhalten oder sogar nochmal auf freien Fuß kommen. Die Angehörigen stehen nach diesem Urteil deswegen erstmal unter Schock. Eine Person aus dem Umfeld der Familie verlässt während der Urteilsverkündung lautstark den Gerichtssaal. Fabrice hingegen nimmt das Urteil regungslos hin. Weder seine Verteidigung noch die Anklage fechten das Urteil später an. Seit seiner Verurteilung im Jahr 2017 sitzt Fabrice in einer Justizvollzugsanstalt im Kanton Zug, 300 Kilometer von Genf entfernt. Aber er schafft es noch ein weiteres Mal in die Medien, und zwar sechs Jahre nach seiner Verurteilung. Denn obwohl er im Hochsicherheitstrakt in Einzelhaft untergebracht ist, belästigt er von dort aus eine Frau. Fabrice hat nämlich weiterhin ein Recht auf Briefe und Telefonate. Und ein Recht, sich aus Warenkatalogen Produkte auszusuchen. Und so gibt er im Frühjahr 2022 eine Lebensmittelbestellung in einem Genfer Geschäft auf. Als dem gelieferten Paket ein Werbeprospekt beiliegt, auf dem eine der Verkäuferinnen mit Foto und einer Kurzbiografie abgebildet ist, nutzt er das sofort aus. Mithilfe der Infos aus dem Prospekt kontaktiert er die Frau mehrfach per Post und Telefon an ihrem Arbeitsplatz. Dabei wird er immer aufdringlicher und versucht sogar die Privatadresse der Verkäuferin herauszubekommen. Seine wahre Identität versucht er unterdessen zu verschleiern. Als die Verkäuferin schließlich trotzdem herausbekommt, um wen es sich bei Fabrice handelt, ist sie zutiefst verängstigt. Das Ladenpersonal schaltet daraufhin umgehend die Polizei ein. Für Fabrice hat das allerdings wenig Konsequenzen. Er erhält ein Kontaktverbot zu der Verkäuferin und bekommt im Gefängnis lediglich einen Verweis. Schließlich hat er nicht gegen die Gefängnisregeln als solche verstoßen. Für Adelines Eltern zeigt dieser Vorfall nur nochmal, was sie bereits wissen. Der Mörder ihrer Tochter wird sich niemals ändern. Und auch Juan, der sein Kind nun allein großziehen muss, fühlt sich bestätigt. Fabrice wird Frauen immer manipulieren und ihnen nachstellen, da ist er sich sicher. Umso größer ist für die Angehörigen die Angst vor dem Tag, an dem Fabrice das Gefängnis vielleicht doch wieder verlassen könnte. Sei es im Rahmen einer Haftlockerung oder sogar eines Tages für immer. Und obwohl diese Angst wohl nie ganz verschwinden wird, hat sich zumindest im System etwas verändert. So haben die jahrelangen Debatten nach Adelines Tod zu strengen Regeln bei Vollzugslockerung und sogar eine Reform des Sexualstrafrechts geführt. Diese Veränderungen im System können Adeline nicht mehr schützen. Aber vielleicht können sie verhindern, dass andere Menschen dasselbe Schicksal erleiden. Menschen, die im Vollzug arbeiten, als Aufseher oder als Psychiater und Therapeuten. Und vor allem Menschen, die eines Tages zu potenziellen Opfern werden könnten. Denn aus den Fehlern, die im Fall Adeline gemacht wurden, sollte zumindest eines bleiben. Der Schutz von Menschenleben muss immer Vorrang haben. Und damit würde ich sagen, steigen wir rein in die Diskussion. Davor aber nochmal ganz kurz. Jean-Marc, du hast uns den Fall über unsere Webseite vorgeschlagen. Vielen lieben Dank an der Stelle. Und bei so einem langen Fall interessiert mich natürlich sehr, was sagst du zu dem Fall? Was hast du für Gedanken zu dem Fall? Ja, das große Thema hier ist ja Resozialisierung eigentlich. Und ich muss sagen, ich habe da nicht so diese eine Meinung, sondern meine Meinung, meine Ansichten schwanken da so ein bisschen hin und her. Und ich glaube, das haben wir auch schon mal in irgendeiner Folge gesagt, darüber könnte man eine eigene Folge machen. Ist das gut? Ist das schlecht? Sollte man auf härtere Strafen setzen? Sollte man auf Resozialisierung setzen? Das ist ja ein riesiges Thema. Aber ganz konkret jetzt hier in diesem Fall ist es mir einfach nur ein unfassbar großes Rätsel, wie es sein kann, dass der Typ Freigang bekommen hat. Also ja, wir wissen warum, weil die Gutachten einfach scheiße waren und da nicht genug geprüft wurde. Aber Leute, also sorry, aber wenn so ein Typ Frauen vergewaltigt hat. Dann ja sogar ermordet hat, dann müssen diese Gutachten doch sitzen. Also wie kann man der Person dann schon Freigang mit einer Frau, alleine mit einer Frau? ihr merkt schon, es kommt hier gerade so eine Wut in mir hoch, gewährleisten. Also in dem Fall muss ich wirklich sagen, kann ich es absolut nicht nachvollziehen, wie die da auf einen Reiterhof fahren konnten. Und jetzt stolpere ich ja schon über meine Worte, weil mich das wirklich wütend macht. Ja, vollkommen verständlich. Also ich meine, ich bin auch immer so ein bisschen hin- und hergerissen, was die Resozialisierung angeht. Grundsätzlich bin ich, ehrlich gesagt, ein Fan davon, weil ich mir halt denke... Wenn diejenigen, die sich damit auskennen, die Psychologen sagen, der ist resozialisierbar, der kann einen Beitrag zur Gesellschaft wieder leisten, weil wir wollen ja auch nicht, dass die Gefängnisse überquellen an Leuten irgendwann. Ich glaube, das will auch niemand, dass von den eigenen Steuergeldern die Leute dann halt die ganze Zeit im Gefängnis sind. Aber halt auch nur unter den Bedingungen, dass die Gesellschaft trotzdem geschützt bleibt. Voll, auf jeden Fall. Und deswegen sage ich auch, ich bin da hin und her gerissen. Es ist halt super schwer und wahrscheinlich ist es auch so, wenn du drei Psychologen fragst, kriegst du fünf unterschiedliche Meinungen. Das ist wahrscheinlich auch nochmal das Problem dabei. Aber mein Gedanke zu der ganzen Sache ist wirklich, ich würde niemals zulassen, dass er wurde ja in Frankreich verurteilt. Dass selbst wenn er die Staatsbürgerschaft in Frankreich und auch in der Schweiz hat, dass jemand, der jetzt in dem Fall in Frankreich verurteilt wird, überhaupt die Chance hat, in ein anderes Land zu kommen. Weil in Frankreich, die Richter, die haben sich ja was dabei gedacht, wie sie ihn verurteilen, wie auch das System mit ihm weiter danach umgehen wird. Und dann wird ja ein komplett anderes System gepackt, was. Schon auch in gewissen Teilen eine andere Rechtsprechung dann wahrscheinlich auch hat. Und die Richter beurteilen das auch nochmal ganz anders und wissen ja, wie deren System dann wieder mit solchen Leuten umgeht. Und deswegen finde ich, hätte das halt auch überhaupt gar nicht passieren dürfen und dürfte auch insgesamt aus meiner Sicht, und ich weiß, das wird jetzt vielleicht ein bisschen anecken bei einigen, aber dürfte auch überhaupt gar nicht möglich sein. Und der Gefängnisdirektor in Frankreich hat ja auch damals gesagt, ey, mach das auf gar keinen Fall. Der ist hier überhaupt gar nicht resizialisiert at this point. Und ich bin da auch komplett bei Juan, bei der Familie, die sagen, der wird sich niemals ändern. I'm sorry. Das ist schon krass, dass da jemand, der ja auch Ahnung hat, Gefängnisleitung, dass der sagt, nein, mach das nicht und man scheißt auf seine Meinung, oder? Also das ist doch auch schon super krass. So, warum wird dem das trotzdem gewährt, in ein anderes Land so überstellt zu werden? Und ja, Juans Familie, Adelins Familie, wie du sagst, wenn der sogar aus dem Gefängnis heraus nur auf Grundlage eines Prospekts einer Frau nachstellt, dann kannst du den doch nicht wieder auf die Gesellschaft loslassen. Ich finde, man kann gar nicht so alle über einen Kamm scheren. Man muss sich die Leute ja auch einzeln anschauen und eben Gutachten erstellen. Das ist ja auch wichtig. Aber wirklich ganz konkret hier in diesem Fall hoffe ich, dass der niemals aus dem Gefängnis freikommt. Bin ich vollkommen bei dir. Das einzig Gute, was man wahrscheinlich aus diesem Fall rausziehen kann, ist, dass es wenigstens Systemänderungen danach gegeben hat. Gesetzesänderungen auch. Aber auch da ist es wieder dasselbe Thema, was wir auch letztens schon mal hatten. Ich wünschte mir, dass sowas eigentlich schon davor eigentlich stattfindet. Und da hatten auch einige ja so geschrieben, so von wegen, ja gut, aber solange nichts passiert, so kann man ja nichts ändern. Aber es gibt so viele Experten, Expertinnen und Meinungen, die sagen, ey, wir müssen da was machen. Und die Politik hört halt nicht darauf, weil eben halt nichts passiert. Also da sage ich ganz ehrlich, dann ist die Politik einfach schuld. Nicht, weil nicht schon den Leuten, den Experten klar war, dass sowas passieren kann. Und deswegen, das ist für mich zumindest das einzig Gute, was da jetzt noch bei rausgekommen ist. Und ich sehe es genauso wie du. Ich hoffe, dass er niemals da rauskommt. Ja, und damit kann man die Diskussion zum heutigen Fall, glaube ich, auch schon beenden. Auch wenn wir natürlich nur oberflächlich darüber jetzt sprechen konnten. Wie gesagt, man kann wahrscheinlich eine eigene Folge zu diesem großen Thema härtere Strafen versus Resozialisierung machen. Aber wir müssen ja hier auch mal zum Ende der Folge kommen. Deswegen habe ich eigentlich nur eine abschließende Frage an dich. Ihr wisst, die Personalakte soll uns alle so ein bisschen losgelöster von den ganzen schrecklichen Ereignissen am Ende des Tages hier rausbringen aus dieser Folge. Deswegen steht bei dir aufgrund des Timings eine Halloween-Party an, habe ich mich gefragt. Ja, tatsächlich schon. Ich muss auch sagen, ich mag das wirklich sehr mit der Personalakte, auch für uns beide, um ganz ehrlich zu sein. Für unseren Kopf einfach da rauszukommen, immer noch mal so positiv ist. Also ich hoffe auch für euch da draußen, aber das ist wirklich immer noch mal sehr, sehr angenehm. Nichtsdestotrotz, also so viel steht gar nicht an, aber genau, die Halloween-Party, da freue ich mich sehr, sehr doll drauf, weil wir, glaube ich, jetzt schon seit langer Zeit gar keine Halloween-Party mehr gemacht haben. Und ich bin eigentlich gar kein großer Fan von Verkleidung, aber dieses Jahr wird es wahrscheinlich soweit sein. Hast du eine Idee schon für dein Kostüm? Ja, ich vermute mal, es wird so in Richtung Vampir gehen oder so. Das ist mir auf dem Tourplakat übrigens aufgefallen. Ich bin da voll so voll blass und ich dachte mir da so, holy shit, ist mir selbst gar nicht so bewusst gewesen, ich muss mich gar nicht nochmal ein bisschen weißer anmeilen oder so. Ich kann basically genau so rausgehen. Aber es passt ja dann thematisch irgendwie so ein bisschen. Nein, also nicht, dass wir einen Vampirfall behandeln, das nicht, aber so in dieser Halloween-Grusel-Richtung passt das ja eigentlich ganz gut dann. Ja, definitiv. Und damit würde ich sagen, schließen wir die Personalakte für heute ein bisschen kürzer. Genauso aber auch die schwarze Akte natürlich. Und ich würde sagen, wir hören uns in ein paar Tagen wieder, wenn ihr Lust habt, nämlich bei der Paranormalen-Folge. Und dann würde ich sagen, bis dahin, wir freuen uns sehr. Bye. Wir sind eure Hosts, Anne Luckmann und Patrick Strohbusch. Redaktion, Lina von Coburg und wir. Schnitt Anne Luckmann Produktion Nadine Lenfer-Unterweger und Lea Backes Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios. Besonderer Dank geht an Falco Schulte.