Diese Episode enthält explizite Details über einen wahren Kriminalfall. Weitere Infos in der Folgenbeschreibung. Es ist ein milder Herbstabend Ende Oktober 2006. Die Sonne ist schon untergegangen, aber es sind immer noch wohlige 18 Grad. Cher rennt durch die Straßen von New York City, gefolgt von Spider-Man und Captain Jack Sparrow. Kinder, die als Feuerwehrmänner und Polizisten verkleidet sind, tragen Eimer mit Schokoriegeln, Gummibärchen und Lollis durch die Gegend. Es ist Halloween und ganz schön viel los. Kostümierte Menschen drücken sich in Schlangen vor Clubs. Heidi Klum präsentiert sich auf ihrer weltberühmten Halloween-Party als grüne Schlange, die sich um einen saftig-roten Apfel schlängelt. Ein paar Leute versuchen leicht angetrunken, eines der berühmten gelben New Yorker Taxis heranzuwinken. Jeder versucht irgendwo hinzukommen, in der Stadt, die niemals schläft. Nur wenige Straßen entfernt, in einer Wohnung in Sri Lanka, brennt warmes Licht. Eine Kürbis-Gilande hängt schon in der Küche. Das Ehepaar, das hier wohnt, trifft gerade die letzten Vorbereitungen für ihre Halloween-Party. Die Gastgeberin des heutigen Abends heißt Adrian. Eine zierliche Frau, 1,57 groß. Neben ihr freut sich Ehemann Andy schon auf den Abend. Dazwischen ihre zweijährige Tochter Sophie in einem hellblauen Prinzessinnenkleid. Es dauert nicht mehr lange, bis die ersten Gäste eintrudeln werden. Adrian klebt noch schnell einen Pappkürbis an den Kühlschrank, bevor sie sich die Haare zusammenbindet und sich eine frische Bluse anzieht. Wenig später sind die ersten Gäste da. Adrian lacht in die Kamera. Ehemann Andy, Tochter Sophie und sie haben sich zu dritt vor die Kameralinse geschoben und die Köpfe für ein Foto zusammengesteckt. Adrians Lächeln zieht sich über ihr ganzes Gesicht. Hinter ihnen blitzt der Kürbis am Kühlschrank auf. Freudiges Gelächter füllt den Raum. An diesem Abend denkt Adrian ausnahmsweise mal nicht an ihren Film Waitress, für den sie das Drehbuch geschrieben, Regie geführt und sogar selbst vor der Kamera gestanden hat. Nein, heute wird gefeiert. Niemand auf dieser Party ahnt, dass das Foto, das Adrienne gerade zusammen mit ihrer Familie geschossen hat, die letzte Aufnahme ist, die es von ihr geben wird. Als der letzte Gast weit nach Mitternacht die Wohnung verlässt, bringen Andy und Adrian ihre Tochter ins Bett. Sie räumen noch ein paar Gläser weg, löschen das Licht und legen sich schlafen. Keine 24 Stunden später wird Andy seine Frau finden. Er hängt im Badezimmer ihres Büros in Manhattan. Die Polizei spricht sofort von Suizid. Doch Andy ist überzeugt, seine Frau wurde ermordet. Und damit ganz herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte mit mir endlich wieder persönlich gegenüber Patrick Strohbusch. Yes, und mir gegenüber Anne Lugmann, die heute ein persönliches Announcement hat. Ja, ich würde euch empfehlen, unbedingt heute die Personalakte zu hören am Ende dieser Folge. Yes, auf jeden Fall. So, jetzt aber zurück zu dem Fall, über den wir heute sprechen werden, denn das ist die tragische Geschichte hinter Waitress, einem der größten Musicals der letzten Jahrzehnte. Und es geht um eine der vielversprechendsten Filmemacherinnen der frühen 2000er, die ihren eigenen Welterfolg nicht mehr miterleben durfte. Werbung. Werbung Ende. Wir befinden uns im Jahr 2006, genauer gesagt im Oktober 2006. Der US-amerikanische Präsident George W. Bush ist gerade in seiner zweiten Amtszeit. Die neue Bundeskanzlerin Angela Merkel war für ihren Antrittsbesuch im Januar bereits bei Bush in den USA und in Russland bei Wladimir Putin. In Deutschland träumt man im Oktober noch immer vom Sommermärchen, der Männerfußball-Weltmeisterschaft. Jubelnde Kanzlerin und unglaubliche Tore auf den Fernsehbildschirm. So geht das jedenfalls bis zum WM aus für die deutsche Mannschaft im Halbfinale gegen Italien. Es ist ein spektakuläres Sportjahr. Mit sieben Weltmeistertiteln hat Michael Schumacher seine Formel-1-Karriere Ende Oktober gerade an den Nagel gehängt, und sich von Ferrari verabschiedet. Seit Sommer liegen in allen Buchhandlungen des Landes stapelweise Editionen des zweiten Teils der Twilight-Reihe, New Moon oder auf Deutsch Bis zur Mittagsstunde. Endlich die lang ersehnte Fortsetzung, die ich übrigens auch total schnell gelesen habe damals. In Deutschland stand außerdem Sebastian Fitzsacks erster Thriller Die Therapie, gerade mehrere Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste. In den Kinos läuft im Herbst Cars und der zweite Teil von Fluch der Karibik. Und in wenigen Wochen wird Casino Royale Premiere feiern. Es ist der erste Bond-Film mit dem britischen Schauspieler Daniel Craig. Gerade wird aber noch heftig darüber diskutiert, ob ein Blonder, gerade einmal 1,78 Meter großer Mann überhaupt einen guten James Bond spielen kann. Vor wenigen Tagen, im Oktober 2006, hat die bisher eher unbekannte Country-Sängerin Taylor Swift ihr erstes gleichnamiges Album veröffentlicht. Die Charts werden im Oktober allerdings noch von anderen Künstlerinnen und Künstlern dominiert. Wenn man das Radio auftritt, dann stehen die Chancen gut, dass irgendwo Sexy Back von Justin Timberlake, How to Save a Life von The Fray oder Promiscuous von Nelly Furtado und Timberland läuft. Zum Jahresende schießen die Häuserpreise in den Vereinigten Staaten immer weiter nach oben und werden bald ihren Höhepunkt erreichen. Immer mehr Familien in den USA sind von Zwangsvollstreckungen betroffen. Von der baldplatzenden Immobilienblase und der Wirtschaftskrise, die in wenigen Jahren folgen wird, ahnen bisher allerdings noch wenige. Und in New York City sitzt die amerikanische Filmemacherin Adrienne tagsüber an Halloween vor dem Computerbildschirm in ihrem Büro. Ihre Augen verfolgen gerade den Final Cut ihres zweiten Spielfilms Waitress, an dem sie die letzten Monate unermüdlich gearbeitet hat. Überall um sie herum liegen Sachen verstreut. Adrians ehemalige Wohnung ist jetzt ihr Büro und ein einziges Chaos, wie immer eigentlich. Den Film haben sie und der Filmproduzent Michael viele Monate zuvor im Umland von L.A. gedreht. Waitress ist Adrians Herzensprojekt. Der Film handelt von einer Frau namens Jenna, die in einem amerikanischen Diner arbeitet und ein außergewöhnliches Talent fürs Backen von Kuchen besitzt. Sie ist in einer unglücklichen Ehe gefangen, in der sie schließlich von ihrem Mann schwanger wird. Während der Schwangerschaft beginnt sie eine Affäre mit ihrem Arzt. Adrian hatte begonnen, das Skript zu schreiben, als sie selbst mit ihrer Tochter Sophie schwanger war. Das war 2003. Ein zentrales Thema des Films ist die Angst einer schwangeren Frau davor, wie ein Kind ihr Leben verändern wird und die besondere, einmalige Art von Liebe, die mit der Geburt eines Kindes einsetzt. Es ist ein Thema, das Adrian selbst während und nach ihrer Schwangerschaft sehr beschäftigt hat. In einer Filmaufnahme nennt sie Waitress einen Liebesbrief an mein Baby, an ihre Tochter Sophie. Michael, der Filmproduzent aus L.A., war sofort Feuer und Flamme von Adriens Skript. Es ist eine ungewöhnliche Geschichte. Und sie hat Humor. Er nimmt also Kontakt mit der Autorin auf. Und gleich am nächsten Morgen steht Adrienne gemeinsam mit ihrem Ehemann Andy und einem Baby auf dem Arm in seinem Büro. Michael entscheidet, Adrians Film zu produzieren. Und bereits vor den Dreharbeiten entwickeln die beiden eine enge Arbeitsbeziehung, ja, sogar eine Freundschaft zueinander. Adrian hat für den Film nicht nur das Drehbuch geschrieben, sondern auch Regie geführt und in einer Nebenrolle die Figur Dawn gespielt. Adrian ist schon seit Jahren in der Filmbranche etabliert. Bereits während der 90er Jahre, zehn Jahre vor dem Dreh von Waitress, hatte sie ihren Durchbruch als Schauspielerin. Und zwar mit dem Indie-Film The Unbelievable Truth. Seither ist Adrienne auf Covern und Magazin zu sehen und gibt Interviews, wird fotografiert und erkannt. Aber sie will nicht nur Schauspielerin sein, sondern auch selbst Filme schreiben und drehen. 1996 hat sie deshalb mit Sudden Manhattan bereits ihren ersten Film herausgebracht, bei dem sie sowohl das Drehbuch geschrieben als auch die Regie geführt hat und auch noch die Hauptrolle gespielt hat. Waitress soll nun ihr Durchbruch als Filmemacherin werden. Michael und Adrian haben Carrie Russell in der Hauptrolle als Jenner gecastet. Carrie hatte wenige Monate zuvor den Mega-Blockbuster Mission Impossible 3 an der Seite von Tom Cruise abgedreht. Ein Star und die einzig richtige Wahl für ihren Film. Die Dreharbeiten laufen gut. Waitress wird in einem typisch amerikanischen Diner in der Nähe von Los Angeles gefilmt. Und Adrians Tochter Sophie, für die sie den Film geschrieben hat, bekommt sogar eine kleine Rolle als Jennas Tochter im Film. Nach dem Abschluss der Dreharbeiten arbeiten Adrian und Michael für mehrere Monate zusammen an der Postproduktion des Films. Dafür ist Michael extra vorübergehend nach New York gezogen. Jeden Tag treffen die beiden sich in Adrians Büro im Abington Square Nummer 15. Adrian hat ja ihre ehemalige Wohnung nicht aufgegeben, nachdem sie mit Andy zusammengezogen ist. Seit einigen Jahren benutzt sie die Wohnung im dritten Stock des hellen Backsteingebäudes daher als Büro. Nach Monaten harter Arbeit ist der Film endlich fertig. Jetzt muss er an einen Filmverleih verkauft werden. Doch das geht nur schleppend voran. Waitress wird in nächster Zeit zum Dauerthema zwischen Michael und Adrian. Die beiden warten nicht nur auf Rückmeldungen von Filmverleihern, sondern auch auf die Antwort des Sundance Filmfestivals. Dort haben sie den Film dieses Jahr eingereicht. Sundance ist eines der renommiertesten Indie-Filmfestivals Nordamerikas und vielleicht ihre letzte Chance, den Film zu verkaufen. Für das Toronto Film Festival wurde Waitress bereits abgelehnt. Zurück in Los Angeles nimmt Michael Kontakt zu mehreren Verkäufern auf. Seit Wochen schon versenden er und Adrian Bewerbung, sprechen mit ihren Kontakten. Aber es flattert eine Absage nach der nächsten in ihren Posteingang. Niemand will Waitress repräsentieren und an Studios herantragen. Ein Verkäufer sagt Michael sogar, dass die ersten 15 Minuten des Films komplett herausgeschnitten werden müssen. Sonst würde Waitress niemals in einem Kino gezeigt werden. Der Film ist vielen der Verkäufer zu langweilig und zu komisch. Wenn es mit ihrer Einreichung beim Sundance Film Festival auch nicht klappen sollte, sieht es ganz danach aus, als müssten sie ernsthaft überlegen, den Film neu zu schneiden. Vielleicht kommt eine neu geschnittene Version des Films ja besser an. Aber ihr Budget ist aufgebraucht. Sie haben eigentlich kein Geld mehr übrig, um einen Cutter zu bezahlen, der den Film neu schneiden könnte. Was uns zurück zu unserem heutigen Intro bringt. Adrienne versucht, sich mit ihrer eigenen Halloween-Party abzulenken. Normalerweise denkt sie rund um die Uhr an ihren Film und dessen Vermarktung. Produzent Michael und sie warten auch immer noch auf die Antwort des Sundance Film Festivals. Sie wissen noch nicht, ob ihr Film dort gezeigt werden kann oder eben nicht. Sollten sie also wieder abgelehnt werden, ist das vielleicht die letzte Möglichkeit, den Film in seinem aktuellen Zustand zu verkaufen. Doch an diesem Abend, am 31. Oktober 2006, wird alles hinten angestellt. Adrienne feiert Halloween mit ihrer Familie. Das ist jetzt wichtig. Über die Frage, was mit dem Film passiert, wenn Sundance sie ablehnen sollte, kann sie auch noch am nächsten Tag mit Michael sprechen. Adriens Mann Andy wird später sagen, dass jeder furchtbare Tag in der Geschichte einen viel glücklicheren Tag habe, der ihm vorausgeht. Und das war sein Tag. Er sei nach der Party als der glücklichste Mann der Welt zu Bett gegangen. Nur, um am nächsten Tag seinen schlimmsten Albtraum zu leben. Der nächste Tag, der 1. November, so erzählt Andy später im Podcast Media Circus, beginnt ironischerweise sehr gut. Adrian und er hatten überlegt, von ihrer Wohnung in Trebaker im Süden von Manhattan in eine neue Wohnung an der Upper West Side zu ziehen. An diesem Mittwoch soll jemand vorbeikommen, um ihre aktuelle Wohnung verkaufsfähig zu machen. Deshalb verlässt Andy nicht, wie gewöhnlich, um 6.30 Uhr die Wohnung, um zur Arbeit zu gehen, sondern bleibt bis ungefähr 9.30 Uhr bei Adrian und Sophie. Danach fährt er Adrian zu ihrem Büro am Abington Square. Um die Ecke des Gebäudes wird gerade gebaut, daher ist dort schon früh Lärm zu hören. Gegen 10 Uhr verabschieden sie sich voneinander. Adrian steigt aus dem Auto. Andy sieht ihr dabei zu, wie sie durch die große, dunkle Eingangstür ins Gebäude verschwindet. Anschließend fährt er selbst zur Arbeit. Es wird das letzte Mal sein, dass er sie lebend sieht. In der von ihm produzierten und 2021 veröffentlichten HBO-Dokumentation Adrian erzählt Andy, dass er den ganzen Tag nichts von seiner Frau gehört habe. Andy hat seine eigene Marketingfirma. Auf der Arbeit hat er alle Hände voll mit Klienten zu tun, die an diesem Tag in die Stadt gekommen sind. Zwischen den Gesprächen mit ihnen versucht Andy seine Frau sowohl per Mail als auch über Mobilfunk und Festnetz zu erreichen. Auch das Kindermädchen habe den ganzen Tag keinen Kontakt mit Adrian gehabt. Und das ist schon sehr ungewöhnlich. Als er sein Büro am frühen Abend verlässt, hat Andy immer noch nichts von seiner Frau gehört. Und langsam beginnt er sich Sorgen zu machen. Andy befürchtet, dass etwas Schlimmes passiert sein könnte. Nach der Arbeit, auf dem Weg zu einem gemeinsamen Event mit seinem Freund Brian, beschließt er, einen Umweg über Adrians Büro zu machen, um mal nach ihr zu sehen. Er wird das Gefühl einfach nicht los, dass etwas nicht stimmt. Die ganze Fahrt über sei Andy enorm aufgekratzt gewesen, erinnert sich sein Freund Brian. Die ganze Zeit habe Brian versucht, Erklärungen dafür zu finden, weshalb Adrian nicht antwortet. Andy und Brian parken den Wagen an einer Bushaltestelle auf der anderen Straßenseite des Büros. Andy bittet seinen Freund, den Motor einfach laufen zu lassen. Er werde nur schnell nach Adrian sehen und dann gleich wieder zurückkommen. Doch Adrian, so erzählt Andy in der Dokumentation, antwortet auch nicht über die Gegensprechanlage. In einem New York Post-Interview erzählt der Portier des Gebäudes, dass Andy aufgewühlt war. Kurz vor 18 Uhr erreicht er den Eingang des Gebäudes und erklärt auch dem Portier, dass er den ganzen Tag noch nichts von seiner Frau gehört habe. Er bittet ihn, gemeinsam zu Adrians Wohnung bzw. Büro hochzugehen, um mal nach ihr zu sehen. Der Portier und Andy gehen also zusammen zur Eingangstür von Adrians Büro. Als Andy versucht, die Tür zu öffnen, schwingt die sofort auf. Die Tür ist nicht abgeschlossen. Und sofort setzt dieses ungute Gefühl wieder ein. Er betritt Adrians Büro, in dem eine verdächtige Stille herrscht. Auf dem kleinen Röhrenfernseher läuft leise CNN im Hintergrund. Andy fühlt sich in seinem Gefühl bestätigt, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt. Die Energie des Raums ist von etwas Bösem zersetzt, als wäre ein Monster an diesem Ort gewesen. Er beginnt, das kleine Büro nach Adrian zu durchsuchen. Er ruft nach ihr und findet seine Frau schließlich im Badezimmer. Adrian hängt mit einem Bettlaken, das um ihren Hals geknotet ist, an der Duschstange in der Badewanne. Andy schreit und rennt zu seiner Frau, aber sie hat keinen Puls mehr. Adrian ist tot. Andy kann nicht fassen, was er hier sieht und welch schrecklicher Realität er von einer auf die nächste Sekunde ausgesetzt sein wird. Aber er schafft es, sich irgendwie zu beruhigen und den Notruf der Polizei zu wählen. Schon kurz darauf treffen die Beamten ein, zusammen mit einem Notarzt. Sie rennen in den vierten Stock, wo die Wohnungstür noch immer offen steht. Aber sie können nichts mehr für Adrian tun. Der Arzt kann nur noch feststellen, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehreren Stunden nicht mehr am Leben ist. Andy kommt die ganze Nacht nicht zur Ruhe. Er weiß nicht, wie er seiner Tochter erklären soll, dass ihre Mutter nie wieder nach Hause kommen wird. Die Polizei geht indessen von einem Suizid aus. Beim ersten Betreten des Büros konnten die Beamten nämlich keine Indizien feststellen, die für einen Einbruch sprechen. Oder von Fremdeinwirkungen an Adrians Leiche. Die Abduktion steht zwar noch aus, aber für den zuständigen Polizeikommissar deutet alles darauf hin, dass Adrian sich erhängt hat. Doch Andy beteuert, dass es nichts gibt, was einen Suizid seiner Frau erklären würde. Wieso sollte Adrian sich selbst das Leben genommen haben? Sie war doch so glücklich und liebte ihre Tochter so sehr. Adrian und Andy haben sogar überlegt, ein weiteres Kind zu bekommen. Es gab so viele Dinge, die sie erfüllt haben. Wie konnte sich jemand, der vermeintlich so glücklich war, sich das Leben nehmen? Auf der Station fragt der Kommissar Andy, ob es einen beruflichen Einschnitt gegeben habe. Gab es vielleicht Probleme mit ihrem letzten Film? Hatte Adrian sich vielleicht aufgrund einer Ablehnung vom Sundance Film Festival umgebracht? Am frühen Donnerstagmorgen, nur wenige Stunden nach Adrians Tod, versucht Andy, ihren Kollegen Michael zu kontaktieren. Andy ist verzweifelt. Er sucht händeringend nach Antworten, um den Tod seiner Frau zu erklären. Und vielleicht weiß Michael ja etwas. Am anderen Ende des Landes, in Los Angeles, wacht Michael vor dem Morgengrauen auf. Draußen vor dem Fenster ist es noch dunkel. Nur vereinzelt fährt ein Auto auf der Straße vorbei. Im grellen Schein seines Displays sieht er eine E-Mail von Andy, mit der Bitte, ihn dringend zurückzurufen. Mit einem mulmigen Gefühl wählt Michael Andys Nummer. Der Wählton zieht sich unendlich in die Länge. Fast 4000 Kilometer weiter östlich sieht Andy Michaels Nummer auf dem Display aufleuchten. Er hofft vielleicht gleich, dass eine entscheidende Puzzleteil zu bekommen, das fehlt. Andy nimmt den Anruf an und berichtet Michael, dass etwas Furchtbares passiert sei. Denn vor wenigen Stunden habe er Adrians Leiche im Badezimmer ihres Büros im West Village gefunden. Er hängt in der Dusche. Michael ist zutiefst erschüttert über das, was er da hört. Darüber, dass Adrian tot sein soll. Sie hatten doch erst vor wenigen Tagen miteinander gesprochen. Er hätte sie doch am 31. Oktober, dem Tag vor ihrem Tod, noch anrufen sollen. Andy fragt Michael, ob er etwas vom Sundance Filmfestival gehört hat. Wurden er und Adrian vielleicht abgelehnt? Aber Michael verneint. Sundance hatte sich noch nicht gemeldet. Er ist geschockt. Dass Adrian Suizid begangen haben soll, passt gar nicht zum Bild der motivierten Kollegin und Freundin, mit der er über viele Monate hinweg so eng zusammengearbeitet hat. Auch Adrians Familie glaubt nicht an einen Suizid. In der HBO-Dokumentation erinnert sich Adrians Bruder, dass sein erster Gedanke der kleinen Sophie galt, dass Adrian so etwas Endgültiges niemals getan hätte, dass sie Sophie so etwas nie angetan hätte. Laut Adrians Mutter habe ihre Tochter sich auf dem Höhepunkt ihres Lebens befunden. Und jetzt ein Suizid? Als Adrians zwölf Jahre alt war, erlitt ihr Vater einen schweren Herzinfarkt, den er nicht überlebt hat. Adrians Mutter ist überzeugt, dass Adrians ihrer kleinen Tochter niemals einen Elternteil genommen hätte, weil sie selbst genau weiß, wie schmerzhaft das ist. Andy beteuert außerdem, dass es Nachweise von Telefonaten und E-Mail-Verläufe bis kurz vor Adrians Tod gäbe. Sie hatte Pläne mit Freunden fürs Wochenende, Dinge für ihre Tochter in der Vorschule abgegeben. Andy ist überzeugt, dass seine Frau sich nicht umgebracht hat und dass seine Tochter die Wahrheit darüber verdient, was wirklich mit ihrer Mutter passiert ist. Adrians Tod sickert schließlich auch an die Presse durch. Zwei Tage nach der Entdeckung ihrer Leiche titelt die New York Post Indie-Film-Star Selbstmordüberraschung. Ihr Mann findet Mädchen, 40, aufgehangen in Village-Wohnung. Im Artikel wird Adrian aus einem Interview von 2002 zitiert. Da sagte sie, dass sie mit der Gewissheit durchs Leben gehe, dass es jederzeit vorbei sein könne und dass sie Filme mit dem Hintergedanken produziere, dass sie vielleicht keine sieben Jahre mehr hätte. Zurück zu Andy. Der geht sofort zur Polizeistation, die Adriens Fall betreut, und fragt nach dem zuständigen Polizisten. Dieser habe sich, so erklärt man ihm dort, schon ins Wochenende verabschiedet. Andy fragt, welcher andere Polizist stattdessen den Fall betreut. Mit wem er sonst sprechen könne. Niemand ist die Antwort auf der Station. Man wisse, er höre das nicht gern, aber Adriens Fall werde als Suizid behandelt. Andy weiß nicht, was er denken soll. Er fühlt, wie die Trauer ihn verlässt und ein anderes Gefühl einsetzt. Die Gewissheit, dass seine Frau nicht hier ist, um für sich selbst sprechen zu können und für sich selbst und die Wahrheit zu kämpfen. Er wird das für sie tun müssen. Andy und Adrians Familie sind nicht die einzigen, die beginnen, an einem Suizid zu zweifeln. Auch der Polizeikommissar Jimmy, der in der Manhattan South Homicide Einheit arbeitet, ist sich unsicher, ob es sich hierbei wirklich um einen Suizid handelt. Zu sehr beteuert Andy, dass seine Frau sich niemals umgebracht hätte. Der Polizeikommissar sieht sich die Bilder des Knotens genau an, mit dem sich Adrian eine Schlinge gebunden haben soll. Der Knoten sieht überraschend kompliziert aus. Jimmy ruft Andy an und bittet ihn, aufs Revier zu kommen. Dort zeigt er ihm das Bild des Knotens und fragt, ob seine Frau so ein Knoten gebunden haben könne. Ob sie gewusst habe, wie das geht. Andy verneint die Frage und gibt die Frage zurück. Er fragt Jimmy, ob er denn wisse, wie man so einen Knoten binde. Dieser verneint ebenfalls. Am Samstagmorgen, dem dritten Tag nach Adrians Tod, soll Dr. Michael Baden, ein bekannter Rechtsmediziner, die Autopsie durchführen. Im Laufe des Tages erhält Andy einen Anruf von ihm. Seine Frau habe wie ein Tier gekämpft, sagt er ihm am Telefon. Laut dem Rechtsmediziner weist Adrians Leiche Verletzungen an ihrem Körper auf. Vor allem auf der linken Seite ihres Gesichts und an den Händen. Verletzungen, die nicht auf einen Suizid hindeuten. Andys schreckliche Vermutung bestätigt sich. Jemand hat seine Frau ermordet und versucht, es wie ein Suizid aussehen zu lassen. Doch wer könnte Adrian so etwas angetan haben? Die Beamten kehren unter Anbetracht der neuen Beweislage zum Tatort zurück. Bei einer erneuten Begutachtung finden sie tatsächlich sogar einen Fußabdruck mit Gipsstaub auf dem Toilettendeckel im Badezimmer. Dort, wo man Adrian gefunden hat. Doch der Fußabdruck passt nicht zu Adrians Schuhen. Und auch nicht zu den Schuhen der Rettungssanitäter, denen man den Schuhabdruck ursprünglich zugeordnet hatte. Außerdem scheint Geld in Adrians Tasche zu fehlen. Und langsam ergibt sich ein furchtbares Bild. Adrian hat sich nicht umgebracht. Sie wurde ermordet und jemand hat versucht, die Tat wie ein Suizid aussehen zu lassen. Der Kommissar Jimmy bemerkt eine dünne Staubschicht an der Tür des Büros, als er den Tatort erneut aufsucht. Es handelt sich um Baustaub, genau wie der, der den Schuhabdruck im Badezimmer hinterlassen hat. Er fragt im Gebäude herum, ob irgendwo gebaut werde. Er wird auf die Baustelle unten vor der Tür verwiesen. Auf der Baustelle findet er denselben Schuhabdruck, der auch auf Adrians Toilettendecke gefunden wurde und bisher niemandem zugeordnet werden konnte. Die Polizei findet schnell heraus, dass der Schuhabdruck zu einem auf dem Bau beschäftigten Arbeiter gehört. Er heißt Diego. Diego ist 19 Jahre alt und für etwas weniger als einem Jahr als illegaler Einwanderer aus Ecuador in die USA gekommen. Er wird aufs Revier gebracht und dort zu Adrians Fall befragt. Eine Polizeikommissarin namens Irma verhört den jungen Mann. In der HBO-Dokumentation erzählt sie, dass sie mit Standardfragen begonnen habe. Seinem Namen, woher er kommt, wie lange er bereits in den USA sei. Während des Verhörs bemerkt Irma, dass Diego eine kleine Gebetskarte in den Händen hält. Er flüstert wieder und wieder ein Gebet auf Spanisch. Irma entscheidet, von den Standardfragen abzuweichen. Sie hat eine Idee, wie sie Diego zu einem Geständnis bringen kann. Ob er Kinder habe, fragt ihn die Polizeikommissarin. Er verneint. Aber seine Schwester habe Kinder, seine Nichten und Neffen. Insgesamt vier Kinder. Irma bittet ihn, die Namen und das Alter seiner Nichten und Neffen aufzuzählen. Die jüngste Nichte, Tiffany, ist gerade zwei Jahre alt, erzählt Diego. Ungefähr so alt wie Adrian und Andys Tochter Sophie. Irma beugt sich nach vorn und fragt, ob er von der Frau weiß, die in der Wohnung oben gestorben ist. Diego nickt. Werbung. Werbung Ende. Irma fährt fort und sagt, manchmal, wenn wir etwas Falsches getan haben, bestraft Gott nicht uns, sondern jemanden in unserer Familie. Diego lässt daraufhin kurz den Kopf hängen, bevor er den Blick wieder nach oben richtet, der Polizistin direkt ins Gesicht schaut und folgenden Satz sagt. Okay, ich habe es getan. Irma erinnert sich an diesen Moment und wiederholt ihre Gefühle für die HBO-Dokumentation. Dort sagt sie, als ich im Auto saß, habe ich einen kühlen Luftzug im Nacken gespürt. Meine Herrchen haben sich aufgestellt und ich dachte, das ist Adrian, wie sie mir für das Geständnis dankt. Jahre später, für die Dokumentation über Adrian, besuchen Polizeikommissarin Irma und Andy das Haus, in dem Diego 2006 in einem Kellerzimmer gewohnt hat. Andy blickt auf das Backsteingebäude vor ihm. Es ist nur ein unscheinbares Haus in Brooklyn. Nichts verrät, wie es mit seiner Geschichte und Adrians Schicksal verwoben ist. Er war etwas nervös, hierher zu kommen. Aber letztendlich, sagt er zu Irma, sei es nur ein Haus, in dem ein Mörder im Keller gewohnt hat. Diego wird an einem Montag festgenommen, keine Woche nach dem Mord an Adrian. Wenige Tage später gehen Bilder eines kleinen, junghaft aussehenden Mannes durch die Presse. Auf den Fotos, die von allen großen Tageszeitungen abgedruckt werden, wird Diego zu beiden Seiten von hochgewachsenen Beamten in Anzügen abgeführt. Weitere Beamte folgen ihm. Diego selbst trägt ein grauen Hoodie mit dunkelblauen Ärmeln und einem roten, geschwungenen Schriftzug mit Paco-Jeans über seiner Brust. Sein Gesicht versucht er durch ein schwarzes New York Yankees-Cabby vor den Kamerablitzen zu verstecken. Die Bilder erreichen natürlich auch Michael in Los Angeles. Auch er liest die Schlagzeilen und Artikel. Am Tag der Festnahme, an diesem Montag, hat er auch eine Antwort vom Sundance Film Festival erhalten. Ihr Film Waitress soll am kommenden Januar auf dem Festival gezeigt werden. Aber was ist denn nun genau an diesem Mittwochnachmittag passiert, an dem Diego Adrian in ihrem Büro ermordet hat? Wie sind diese beiden Welten, die des Bauarbeiters Diego und der gefeierten Indie-Schauspielerin, Regisseurin und Autorin Adrienne, aufeinander getroffen? Es existieren keine Videoüberwachungsaufnahmen. Es gibt keine weiteren Augenzeugen. Der einzig lebende Zeuge ist der Mörder selbst und seine Geständnisse gehen ziemlich auseinander. Während seines ersten Geständnisses erzählt Diego der Polizei, dass Adrian nach unten gelaufen sei, um sich über den Baulärm zu beschweren. Sie habe ihn angeschrien und ins Gesicht geschlagen. Anschließend habe sie Diego mit der Polizei gedroht, wegen Lärmbelästigung. Diego erzählt weiter, er habe Angst bekommen, Adrian könne wirklich die Polizei rufen. Er hat nach wie vor keinen gesicherten Aufenthaltsstatus und läuft damit Gefahr, zurück nach Ecuador ausgewiesen zu werden. Deshalb sei er Adrian nach oben gefolgt. In seiner Panik habe er Adrian geschlagen und auf den Boden gestoßen. Sie habe, laut Diego, dabei das Bewusstsein verloren. Er sei davon ausgegangen, dass er sie versehentlich ermordet habe und hat, um seine Spuren zu verwischen, einen Laken genommen und so ihren Suizid im Badezimmer vorgetäuscht. Aber ist das wirklich die Wahrheit? War ein Streit um Baulärm und das Androhen mit der Polizei wirklich Auslöser für diesen Mord? Je länger sich die Beamten den Fall ansehen, desto weniger ergibt Diegos erstes Geständnis Sinn. Wenn Adrian wirklich auf der Baustelle gewesen wäre und dort einen Streit mit Diego gehabt hätte, so wie dieser behauptet, wieso findet sich keinerlei Staub an ihrer Leiche? Der Baustaub ist überall auf der Baustelle. Wäre Adrian tatsächlich unten gewesen und hätte dort mit Diego gestritten, müsste Staub an ihren Schuhen, Socken oder Hosenbeinen gewesen sein. Das ist aber nicht der Fall. Der einzige Staub, den man am Tatort finden konnte, stammte von Diego selbst. Der staubige Schuhabdruck, der ihn ja auch überführt hat. Doch kann man Diego vor Gericht eine Falschaussage nachweisen? Trotz des fehlenden Staubes ist die Beweislage schwach. Es gibt ja keine Zeugen. Und während einer Gerichtsverhandlung kann alles passieren. Die Staatsanwaltschaft befürchtet, dass Diego vor einer Jury seine lückenhafte Aussage glaubhaft wiederholen könnte. Unter diesen Umständen würde er mit maximal 15 Jahren im Gefängnis davon kommen. Vielleicht auch nur drei oder fünf. Also schlägt die Staatsanwaltschaft im Namen von Adrians Familie einen außergerichtlichen Vergleich vor. Für sein Schuldeingeständnis bekommt Diego 25 Jahre. Diego willigt ein. Im Februar 2008, fast anderthalb Jahre nach Adrians Tod, wird Diego in einem Gerichtssaal in Manhattan zu einer Haftstrafe von 25 Jahren verurteilt. Nach der Urteilsverkündung legt Diego ein weiteres Geständnis ab. Er gesteht, dass es kein Mord aus Angst vor Adrians Drohung mit der Polizei war. Es ging nie um Baulärm. Diego habe versucht, Geld aus Adrians Portemonnaie zu stehlen. Und das ist schiefgegangen. Diego erzählt vor Gericht, was wirklich passiert sein soll. Er hat Adrian im Gebäude gesehen und ist ihr hoch zu ihrem Büro im vierten Stock gefolgt. Dort verschafft er sich durch die offene Tür Eintritt in ihr Büro und entwendet Geld aus ihrer Tasche. Doch Adrian erwischt ihn. Sie greift nach dem Telefon, um die Polizei zu rufen. Er reißt ihr das Telefon aus der Hand und hält Adrian den Mund zu, um ihren Schrei zu unterdrücken. Adrian fällt zu Boden. Diego sieht ein Laken und entschließt sich dazu, die junge Mutter zu würgen. Danach hat er der bewusstlosen Frau, die er bereits für tot gehalten hat, eine Schlinge um den Hals gelegt und sie im Badezimmer erhängt. Es sollte wie ein Selbstmord aussehen. Hätte Diego dieses Geständnis vor einer Jury abgegeben, dann wäre er ja zu mindestens 25 Jahren Haft verurteilt worden. Andy und Adrians andere Familienmitglieder sitzen ebenfalls im Gerichtssaal, als Diego nach dem Schuldspruch sein zweites Geständnis abgibt. Bevor Diego von Polizeibeamten abgeführt wird, bittet er die Familie um Vergebung. Doch die wird er nicht bekommen. Adriens Familie und Freunde müssen damit leben, dass sie nicht mehr zurückkommt. Sie müssen lernen, mit ihrer Trauer und ihrer Wut umzugehen und irgendwie weiterzumachen. Mehr als zehn Jahre nach dem Mord an seiner Frau sitzt Andy in seiner Wohnung und tippt einen Brief an ihren Mörder. Er arbeitet schon länger an einem Buch über Adrian, doch während eines Musical-Besuchs am New Yorker Broadway kommt ihm eine ganz andere Idee. Eine bessere Idee, um seiner Frau zu gedenken. In einem Radiointerview erzählt er, dass seine Schwiegermutter Elaine und er sich verabredet haben, um gemeinsam das Musical Waitress zu sehen. Das basiert auf Adrians Film, dessen Veröffentlichung sie nicht mehr miterleben konnte. Gemeinsam mit hunderten anderen Besuchern treten sie durch den Eingang zum Theater. Darüber hängt ein großes Schild, auf dem folgende Worte zu lesen sind. Basierend auf dem Spielfilm, geschrieben von Adrienne Shelley. Andy und seine Schwiegermutter suchen ihre Plätze im bereits vollen Theatersaal. Und Elaine beginnt mit ein paar Frauen, die hinter ihr sitzen, zu reden. Sie erzählt ihnen begeistert, dass das die Show ihrer Tochter ist. Die Frauen sind begeistert und wollen wissen, ob ihre Tochter heute denn auch zur Vorstellung gekommen ist. Und in diesem Moment macht es bei Andy Klick. Viele kennen Adrians Arbeit, aber die wenigsten kennen ihre Geschichte. Sie war eine Filmemacherin und er will ihr Andenken in dem Medium erhalten und ehren, das ihr so viel bedeutet hat. Statt einem Buch will er einen Dokumentarfilm über das Leben seiner Frau drehen. Über ihre Arbeit, ihre Familie und ihren Tod. Andy beginnt, Archivaufnahmen zu sichten und durchforstet Adrians alte Tagebucheinträge. In einem Schrank stapeln sich Manuskripte, die seine Frau vor ihrem Tod geschrieben hat und die nie zu Filmen geworden sind. Er spricht mit seiner Tochter Sophie, die mittlerweile eine Teenagerin ist. Andy interviewt außerdem Freunde und Adrians Familie. Und langsam beginnen die Stücke ihres Lebens zueinander zu finden. Doch ein Teil fehlt. Der genaue Ablauf ihres Todes. Und es gibt nur eine Person, die die Antwort darauf liefern kann. Du erkennst meinen Namen vielleicht, so beginnt Andys Brief an Diego. Er hat schon länger darüber nachgedacht, den Mörder seiner Frau zu treffen, aber nicht, um ihm zu vergeben, sondern weil er die Wahrheit wissen muss. Auch für seine Tochter Sophie. Was ist an diesem Novembertag 2006 wirklich passiert? Diego antwortet sogar auf Andys Brief und auf seine Anfrage, ihn für ein Interview im Gefängnis besuchen zu dürfen. Diego beteuert, dass er Andys Familie alles schuldig sei, dass er bereit ist zu tun, was auch immer er tun muss. Als er jedoch hört, dass Andy vorhat, das Gespräch zwischen ihnen für die Dokumentation aufzuzeichnen, zögert er. Andy schreibt daraufhin einen weiteren Brief, nachdem Diego schließlich einem aufgezeichneten Gespräch im Gefängnis zustimmt. 2019, an einem grauen Vormittag, macht sich Andy auf den Weg ins Gefängnis, in dem Diego gerade seine Zeit absitzt. 13 Jahre sind mittlerweile seit Adrians Tod vergangen. Schon im Auto spricht Andy in die Kamera, die für die Dokumentation mitläuft. Er ist sichtlich nervös. Das Gefängnis, in dem der Mörder seiner Frau die Haftstrafe absitzt, ist ein großes, rotes Backsteingebäude. Andy parkt seinen Wagen auf dem Besucherparkplatz. Er hat vor, ruhig zu bleiben. Sachlich. Aber wird ihm das wirklich gelingen? Er weiß selbst noch nicht, wie es für ihn sein wird, dem Mörder seiner Frau gegenüber zu stehen. Es sind mehr als zehn Jahre vergangen, seit er den jungenhaften Diego das letzte Mal in einem Gerichtssaal gesehen hat. Im Gefängnis wird Andy in einen kahlen Besuchsraum geführt. Im Raum selbst stehen nur Stühle und Tische. Andy setzt sich an einen Tisch. Neben ihm die Übersetzerin, die Diegos Worte aus dem Spanischen übertragen wird. Kurz darauf wird auch Diego in den Raum geführt. Es fällt ihm schwer, Andy in die Augen zu sehen. Diego ist mittlerweile leicht untersetzt, ein Mann mittleren Alters. Und er wartet, bis Andy das Wort ergreift. Andy erklärt ihm, dass er hier ist, um Antworten zu bekommen. Er will wissen, was an dem Tag damals genau passiert ist. Die ersten Worte, die Diego an ihn richtet, sind kaum mehr als ein Hauch. Er flüstert, es tut mir leid. Die Frau neben Andy beginnt zu übersetzen, was Diego sagt. Es tue ihm leid. Er wünschte, er könnte die Zeit zurückdrehen. Er beteuert, dass er nie aggressiv gewesen sei, nie jemandem Gewalt angetan habe, bis zu jenem verhängnisvollen Tag. Andy kann nicht verstehen, wie jemand, der nie auch nur einer Fliege etwas zu Leide habe tun können, eines Tages einfach zum Mörder geworden ist. Wie er seine Frau hatte töten können. Doch diese Frage kann Diego ihm auch nicht beantworten. Diego fährt fort, er habe unter großem finanziellen Druck gestanden. Seine Mutter habe einen hohen Kredit aufgenommen und damit Schmuggler bezahlt, die ihren Sohn in die USA bringen sollten. Um Geld an seine Eltern zurückzuschicken, habe er begonnen, in Wohnungen einzubrechen und Geld zu stehlen, so erzählt er. Adrian habe ihn dabei überrascht. Er habe Angst bekommen, sie würde die Polizei rufen, woraufhin man ihn abschieben würde. Diegos Erzählung deckt sich teils, aber nicht ganz mit seiner zweiten Aussage vor Gericht. Hatte er vor Gericht noch behauptet, Adrian mit einem Tuch gewürgt zu haben, so sagt er jetzt, er habe sie mit seinen Händen gewürgt. Als er seine Hand von ihrem Mund genommen hat, waren ihre Lippen bereits blau angelaufen. Er ist damals an diesem Tag einfach durchgedreht und habe den Mord anschließend vertuschen wollen. Ob Diegos Schilderungen der Wahrheit entsprechen, wird Andy leider nie mit vollkommener Sicherheit wissen. Fest steht nur, dass Adrians Todesursache nicht auf einen Schlag zurückzuführen ist. Das hat die Autopsie ergeben. Adrian ist durch das anschließende Erwürgen bzw. Erhängen gestorben. Das Tragische daran, hätte Diego nicht versucht, seine Tat zu vertuschen, wäre es gut möglich, dass Adrian überlebt hätte. Im Befragungsraum fällt es Andy mittlerweile schwer, die Fassung zu bewahren. Er fragt Diego nochmal ganz direkt, ob er wirklich geglaubt habe, mit dem Mord davonzukommen. und der antwortet mit einem knappen Ja. Andy zieht einen Stapel Bilder hervor, den er mit zitternden Fingern auf den Tisch legt. Es sind Fotografien von Adrian und ihrer Tochter. Er zieht auch ein Foto hervor, auf dem Adrian, Sophie und er zu sehen sind. Es ist das Foto, das die Familie auf ihrer Halloween-Party am Abend vor dem Mord an Adrian aufgenommen hat. Andy fasst es für Diego in folgenden Worten zusammen. Er sagt, Adrian hat viel verpasst. Die Geburtstage ihrer Tochter. Wie Sophie Fahrradfahren gelernt hat, ihren ersten Schultag. Das ist das Leben, das du genommen hast. Die Fotos, die diese Ereignisse festgehalten haben, liegen verteilt auf dem Tisch. Diego wird nach dem Gespräch wieder zurück in seine Zelle geführt. Bevor er den Tisch verlässt, flüstert er noch einmal ein leises, es tut mir leid. Andy bricht am Tisch über den Fotos in Tränen aus. Die Übersetzerin neben ihm legt die Hand auf seine Schulter. Damit endet Adrians Geschichte aber noch nicht. Über die Jahre wird sie sogar immer bekannter. Schon im Januar 2007 wird Waitress ja der Film des Sundance Filmfestivals. Kritiker schreiben größtenteils positive Rezensionen und auch die tragische Geschichte hinter Adrians Tod hat sich auf dem Festival herumgesprochen. Freunde und Familie sind extra nach Park City gereist, um die erste öffentliche Vorstellung in einem der Festivaltheater zu sehen. Viele Freunde können die Tränen nicht zurückhalten, als sie Adrian in ihrer letzten Rolle durch das Film Deiner laufen sehen. Filmkollege Michael ist einige Tage vor Festivalbeginn angereist für ein privates Screening und ein Interview mit der New York Times. Wenige Tage später, am Abend der offiziellen Premiere, verkauft er die Rechte am Film an die Produktionsfirma Searchlight Pictures. Für heute umgerechnet mehr als 5,8 Millionen Euro. Die Verhandlungen dauern bis spät in die Nacht, in der Michael mögliche weitere Rechte verhandelt. Searchlight lehnt die meisten Anfragen von ihm und seinem Team ab. Erst als Michael nach den Musical-Rechten fragt, stimmen sie zu und der Deal wird geschlossen. Und was im Januar 2007 noch keiner ahnen kann, nicht nur der Film wird ein großer Erfolg, sondern auch das Musical, das einige Jahre später Premiere feiert. 2015, acht Jahre später, wird Adriens Geschichte erstmals als Musical-Adaption aufgeführt. Die Sängerin Sarah Bareilles hat den Soundtrack geschrieben. Vielleicht kennt ihr ja ihr Lied Love Song. In den Jahren nach der Musical-Veröffentlichung folgen internationale Adaptionen. Erst in London, bald darauf aber auch oft in Philippinen, in Japan, in Australien und in Kanada. 2021 wird die Broadway-Produktion mit Sarah Bareilles aufgenommen. Das Musical bringt über die Jahre Millionen von Dollar ein. Und dann hätten wir noch Andys Dokumentation Adrian. Die wird 2021 von HBO veröffentlicht und sehr von der Kritik gelobt. 15 Jahre nach Adrians Tod erreicht ihre Geschichte also nicht nur eine breitere Masse, sondern auch eine neue Generation. Nur ihre Protagonistin fehlt weiterhin sehr. Und damit würde ich sagen, steigen wir in die Diskussion ein, die sich, ehrlich gesagt, wieder so ein bisschen ungewohnt anfühlt, dadurch, dass wir uns jetzt ja auch endlich wieder sehen. Was sind deine ersten Gedanken zu dem Fall? Also das Erste, woran ich hier gedacht habe, ist irgendwie das große Thema Timing. Also generell ist das was, worüber ich voll oft nachdenke. So, ne, wäre man zehn Minuten später da gewesen, dann wäre das passiert oder das wäre nicht passiert. Und irgendwie muss ich auch bei Adrians Geschichte daran denken, ne, also wäre sie an dem Tag nicht in ihr Büro gefahren, sondern wäre vielleicht irgendwie, weiß ich nicht, verkatert nach ihrer Halloween-Party zu Hause geblieben. Dann wäre sie nicht Diego über den Weg gelaufen und dann hätte er sie nicht überfallen und ermordet. Weißt du, also so, ja, was für eine große Strahlkraft einfach Timing hat. So Zeit, Ort, ja, das macht es irgendwie, finde ich, noch mal ein bisschen trauriger hier an der Stelle. Ja, und gleichzeitig auch der Punkt, dass sie ja auch hätte überleben können an der Stelle. Du meinst, wenn er es nicht wie einen Suizid hätte aussehen lassen wollen, Weil dann die Ermittlung zum Beispiel schneller in Gang gekommen wäre, wobei dann wäre sie ja trotzdem, hätte sie trotzdem nicht überlebt. Naja, er wollte ja, dass es aussieht wie ein Suizid. Also er wollte es ja vertuschen und dadurch hat er es nur noch schlimmer gemacht. Ja. Und das ist für mich auch das besonders Tragische. Du weißt, ihr wisst, ich bin auch ein großer Filmfan, deswegen finde ich das auch wieder noch aus einem weiteren Grund tragisch, weil ich mir denke, was hätten da noch für tolle Filme kommen können von ihr, von. Dem Team, was sie vielleicht eines Tages aufbaut und alles nur wegen scheinbar Geld. Wegen Geld. Ja, dieses Motiv, das hat er ja schon mehrmals ausgedrückt. Da haben wir auch schon häufiger drüber gesprochen. Also es gibt kein Motiv, das erklärt, jemanden umzubringen. Aber Geld, finde ich, ist auch eins dieser Motive, wo ich mir denke, das ist sowieso ganz weit unten auch noch. Warum glaubst du, hat er teilweise seine Aussage geändert? Also Beispiel mal hat er ja gesagt, er hat Adrian mit einem Laken erwürgt. Und dann hat er gesagt, er hat es mit seinen eigenen Händen gemacht. Boah, also um ehrlich zu sein, könnte ich mir vorstellen, dass sich halt nach einer gewissen Zeit auch einfach diese Erinnerungen ändern vielleicht im Kopf. Man kann ja auch Erinnerungen in den Köpfen mancher Person einfach so hineinpflanzen und vielleicht hat er mit verschiedenen Personen darüber gesprochen. Er hat immer mal wieder selbst über diese Situation nachgedacht und dann hat sich die verselbstständigt, könnte ich mir vorstellen. Oder auch andere Möglichkeit, aus welchem Grund auch immer, hat er versucht, es halt weniger schlimm darzustellen, weil die eigenen Hände natürlich nochmal viel drastischer sind als ein Laken, wenn ein Gericht sowas überhaupt zulassen würde als Argument. Das wären so die beiden Ansätze, die ich da jetzt wählen würde. Auch krass, dass Andy ihn über zehn Jahre, nachdem er ihn zuletzt im Gericht gesehen hat, im Gefängnis besucht hat, oder? Ja, definitiv. Ich weiß nicht, ob ich das könnte. Ob ich demjenigen so nah am Tisch nochmal gegenüber sitzen könnte. Also finde ich richtig krass, dass er das gemacht und auch geschafft hat und ihn ja auch nochmal mit Fotos dann konfrontiert hat. Also da gehört, glaube ich, schon einiges an Stärke dazu, um das zu schaffen. Und dann würde ich sagen, machen wir auch direkt den nächsten harten Cut und springen in die Personalakte rein, weil es ist ein absolut makabrer Fall, wie so oft hier in der schwarzen Akte und genau deswegen wollen wir euch ja auch hier einen positiven Abschluss bieten. Denn wie ich in einigen Kommentaren gelesen habe, werde ich auch scheinbar hier oder falle ich scheinbar auch sehr zurück in meine Anglizismen. Also you're welcome, was das angeht. Aber es gibt ja auch noch was, was wir am Anfang der Folge angekündigt haben. Oder besser gesagt, was du ja ankündigen wolltest, wo ich schon nicht die ganze Zeit drauf freue, um ehrlich zu sein. Deswegen, the stage is yours. Ja, es ist glaube ich das Persönlichste, was ich jemals im Podcast erzählt habe oder generell auch auf Instagram erzählt habe. in den sechs Jahren, in denen es diesen Podcast gibt. Vielleicht hat es der ein oder andere ja schon bei Instagram gesehen, im Weekly Recap. Aber. Ja, die schwarze Akte bekommt ein kleines neues Teammitglied, würde ich mal sagen, denn ich erwarte ein Baby. Im Herbst diesen Jahres, es ist total verrückt, das laut auszusprechen, obwohl ich das schon so lange weiß, du weißt es fast genauso lange. Es fühlt sich gerade, ehrlich gesagt, schon wieder wie beim ersten Mal an. Ich freue mich gerade genauso wie beim ersten Mal, es wieder zu hören. Ja, also ich habe es dir ja sehr, sehr früh schon erzählt. Und ja, ich bekomme ein Baby diesen Herbst. Es dauert gar nicht mehr so lange. Ich habe das sehr lange in den Weekly Recaps noch verstecken können, den Babybauch, der mittlerweile echt schon eine ganz gute Größe eingenommen hat. Also jetzt kann ich es auch nicht mehr verstecken. Und ja, für mich ändert sich gefühlt alles demnächst. Für euch verändert sich eigentlich nichts. Das können wir schon mal an der Stelle sagen. Also die schwarze Akte wird ganz normal weitergehen. Fast ganz normal, würde ich mal sagen. Aber ja, wie das alles oder was da so passiert, das erzählen wir euch alles noch an gegebener Stelle. Aber es wird keine Podcast-Pause für euch geben. Das können wir an der Stelle schon mal sagen. Keine Sorge. Und ja, das ist meine persönlichste News ever wahrscheinlich. Und ich weiß, du stehst immer gar nicht so gerne. Boah, ich merke wirklich, dass ich schon wieder ein bisschen emotional werde dadurch. Super süß. Ich weiß ja, du stehst gar nicht so gerne in meinem Mittelpunkt, aber wirklich bitte, ich will von euch allen jetzt in den Kommentaren, egal wo, auf Instagram diese Folge, wenn ihr kommentieren könnt, wenn ihr es auf YouTube hört, ich will nur Herzen überall sehen bitte für Anne, für den Nachwuchs und ich würde sagen, das ist doch ein wunderbarer Abschluss an der Stelle und damit würde ich sagen, schließen wir die Akte, schließen wir diese wunderbare Personalakte und dann hören wir uns, haben wir gerade ein bisschen Beideträne in den Augen, ich weiß es nicht, aber, wir hören uns auf jeden Fall kommende Woche Dienstag wieder überall, wo es Podcasts gibt. Bis dahin. Wir sind eure Hosts Anne Luckmann und Patrick Strobusch. Redaktion Antonia Leise und wir. Schnitt Anne Luckmann. Produktion Nadine Lenfer-Unterweger und Lea Backes. Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios. Besonderer Dank geht an Falco Schulte.