Diese Episode enthält explizite Details über einen wahren Kriminalfall. Weitere Infos in der Folgenbeschreibung. Der Fernseher läuft leise im Hintergrund. Eine lokale Nachrichtensendung verkündet gerade das Wichtigste, was an diesem Dezembertag passiert ist. Doch Denise hört eigentlich gar nicht richtig zu. Hinter ihr liegt ein langer Tag auf der Arbeit. Und mit ihm zahlreiche Bestellungen und Namen, die sie auf Kaffeebecher mit dem Starbucks-Logo geschrieben hat. Draußen nieselt es. In Newport, Oregon, ist das im Dezember nichts Besonderes. Grauer Himmel, feuchte Luft und Straßen, die im Licht der Laternen glänzen. Es ist nicht kalt genug für Frost, aber ungemütlich genug, dass man nicht wirklich vor die Tür will. Und Denise will das heute auch nicht mehr. Also lässt sie sich berieseln. Nicht von dem Regen draußen, sondern von der Stimme des Nachrichtensprechers. Auch in ihr verschwimmt alles zu einem gleichmäßigen Rauschen. Stimmen, Bilder, Schlagzeilen. Sie lässt das alles an sich vorbeiziehen. Dann sieht sie ein Foto in den Nachrichten. Kurz muss sie ungläubig blinzeln. Denn was sie da sieht, ist ein Kind. Ein Junge mit dunkelblonden Haaren und einer kleinen, leicht nach oben gebogene Nase. Darunter steht, die Polizei bittet um Mithilfe bei der Identifizierung. Denise Herz beginnt zu rasen. Das Einzige, was sie in diesem Moment denkt, ist, dass das nicht wahr sein kann. Schnell beugt sie sich noch ein Stückchen vor und schaut genauer hin. Sie sucht nach etwas, das nicht stimmt. Ein falsches Kinn, vielleicht andere Augen. Einfach irgendwas, das ihren schlimmsten Verdacht aus dem Weg räumt. Doch da ist nichts. Nur eine Gewissheit, die langsam in ihr aufsteigt. Zwar weiß Denise noch nicht, was ihr bevorsteht, aber eines weiß sie in diesem Moment ganz genau. Sie kennt dieses Kind aus dem Fernsehen. Eigentlich sogar die ganze Familie. Noch vor drei Tagen war sie bei ihnen zu Hause. Vor drei Tagen war der Junge aus dem Fernsehen noch am Leben. Schwarze Akte Und damit ganz herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte mit Anne Luckmann und mit Patrick Strohbosch. Hallo! Heute reisen wir mit euch in die USA der frühen 2000er Jahre. Werbung Werbung Ende Der Fall trägt sich im Winter 2001 zu. Zu einer Zeit, in der das gesamte Land, eigentlich sogar die gesamte Welt, im absoluten Ausnahmezustand ist. Denn es ist erst zwei Monate her, seit die USA, wie die meisten sie kannten, aufgehört hat zu existieren. Mit den Anschlägen vom 11. September verändert sich alles, woran die Menschen bis dahin geglaubt haben. Die Sicherheit, die Unverwundbarkeit, einfach das Gefühl, weit entfernt von Krieg und Terror zu sein. Stattdessen ist da nur noch ein Gefühl präsent. Angst. Eine Angst, die allgegenwärtig ist und die nicht nur die Politik bestimmt, sondern auch die Stimmung im Land. Die Menschen kleben förmlich an ihren Fernsehern. CNN und Fox News berichten rund um die Uhr. Die Bilder vom 11. September wiederholen sich immer und immer wieder. Auch in den Köpfen der Menschen. Politisch überschlagen sich deswegen die Ereignisse. Noch im September spricht der damalige Präsident George W. Bush vor dem amerikanischen Kongress den sogenannten Krieg gegen den Terror aus. Der Ausruf richtet sich dabei besonders gegen das terroristische Netzwerk Al-Qaida, das sich zu den Anschlägen bekannt hat. Deren Anführer steht dabei besonders im Fokus. Bereits seit 1999 steht Osama Bin Laden auf der Liste der 10 Most Wanted Fugitives des FBI, also der zehn meistgesuchten Flüchtigen. Jetzt wird intensiver denn je nach ihm gesucht. Aus dieser politischen Ausnahmesituation heraus beginnt die USA nur wenige Wochen nach den Anschlägen ein Militäreinsatz in Afghanistan. Damals ahnt noch niemand, dass die Truppen 20 Jahre dort bleiben werden. Was die Menschen aber schon damals spüren, ist, dass hier etwas Großes beginnt und gleichzeitig etwas absolut Unkontrollierbares. Und trotzdem, oder vielleicht auch gerade deshalb, versuchen die Menschen irgendwie weiterzumachen. Sie versuchen, kleine Momente zu schaffen, in denen die Angst kurz nachlässt. Einer dieser Momente entsteht dabei im Wohnzimmer. Denn Microsoft bringt im November 2001 die erste Xbox-Konsole auf den Markt. Für viele eröffnet sich damit eine ganz neue Möglichkeit, dem Alltag zu entkommen. Jetzt können sie nämlich stundenlang in andere Welten eintauchen, in denen es klare Regeln und Kontrolle gibt. Kurz zählt also nur, was auf dem Bildschirm passiert. Und alles andere rückt dabei in den Hintergrund. Dass die Menschen zu dieser Zeit Momente suchen, in denen sie vor der Realität fliehen können, merkt man aber auch im Kino. Ende 2001 starten gleich zwei Filme, die bis heute Kult sind. Der Herr der Ringe, die Gefährten und Harry Potter und der Stein der Weisen. Zwei Geschichten über Freundschaft, Mut und den Kampf gegen das Böse. Vielleicht genau das, was die Menschen damals gebraucht haben. Eine Welt, in der das Böse einen Namen hat und am Ende besiegt werden kann. Beide Filme laufen genau in dem Zeitraum an, in dem sich der heutige Fall auch zuträgt. Ein Fall, der viele Fragen aufwirft und bei dem das Böse lange kein klares Gesicht hat. Es ist der 19. Dezember 2001. Im Lindslo an der Küste Oregons hängt zu dieser Jahreszeit dicht der Nebel über dem Wasser. Das Feuchtgebiet liegt am Rand von Waldport, einer kleinen Stadt mit kaum mehr als 2000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Wer hier lebt, schätzt die ruhige, überschaubare Atmosphäre. Hier passiert nicht wirklich viel. Und das spiegelt sich auch in der Kriminalitätsrate des Ortes wieder. Die liegt nämlich weit unter dem US-Durchschnitt. Eine eigene Polizeistation gibt es in Walport deswegen nicht. Wer die Polizei braucht, wendet sich an die Dienststelle in Lincoln County, 29 Kilometer nördlich. Umso ungewöhnlicher ist es, dass Detectives an diesem Tag kurz vor Weihnachten in die beschauliche Kleinstadt gerufen werden. Eigentlich freuen sich alle auf die kommenden Feiertage. Die Stimmung ist wahrscheinlich gut, die Menschen bleiben bei dem tristen Wetter aber eher zu Hause. Der Fund, den die Polizei an diesem Tag macht, passt also überhaupt nicht an diese Zeit. In der Nähe der Highway 34 Bridge, der einzigen Straße, die über das Feuchtgebiet führt, hat jemand etwas im Wasser entdeckt. Einen leblosen Körper, der mit dem Gesicht nach unten treibt. Die Polizei kann schnell feststellen, dass es sich um einen kleinen Jungen handelt. Er ist nur mit einer Unterhose bekleidet. Die Polizei schätzt ihn gerade mal auf vier bis sechs Jahre alt. Er wiegt keine 23 Kilogramm. In den kommenden Stunden sichert die Polizei die Umgebung. Alles wird fotografiert und nach Spuren abgesucht. Doch zunächst finden sich keine Anzeichen dafür, dass dem Jungen etwas angetan wurde. Es gibt weder Hinweise auf einen Kampf, noch Verletzungen am Körper des Kindes. Was die Ermittlerinnen stattdessen umtreibt, ist eine andere Frage. Wo sind seine Eltern? Dabei ergeben sich für die Detektives zunächst mehrere Vermutungen. Vielleicht ist der Junge weggelaufen und dann gestürzt. Vielleicht sucht gerade schon jemand verzweifelt nach ihm. Oder die Familie des Kindes hatte einen Autounfall und liegt noch irgendwo verletzt. Egal, welche der Vermutungen stimmen sollten, es ist Eile geboten. Also geht die Polizei die nächsten Stunden systematisch vor. Alle Vermisstenmeldungen der Region werden durchforstet. Jeder Kindergarten und jede Kindertagesstätte in der Umgebung werden kontaktiert. Doch schnell wird klar, niemand kennt diesen Jungen und auch nirgendwo wird ein Kind vermisst. Erst vergehen Stunden, dann Tage. Und weil sich schlicht niemand meldet, trifft die Polizei schließlich eine Entscheidung. Ein Foto des Jungen wird an die lokalen Medien weitergegeben. Irgendjemand muss dieses Kind doch kennen. Zeitgleich lässt die Polizei das Feuchtgebiet rund um den Fundort mit Tauchteams absuchen. Zu diesem Zeitpunkt ahnen die Detectives noch nicht, dass sie keine Antworten, sondern noch viel mehr Fragen finden werden. Am 22. Dezember, drei Tage nach dem Fund des Jungen, wird weniger als anderthalb Kilometer vor der Küste von Walport eine weitere Leiche entdeckt. Auch dieses Mal handelt es sich um ein Kind, genauer gesagt um ein kleines Mädchen. Sie ist etwas kleiner als der Junge, hat blonde Haare und blassblaue Augen. Auch sie trägt nichts außer einer Unterhose. Für die Ermittelnden stellt sich natürlich direkt die Frage, ob die Kinder vielleicht zusammengehören könnten. Sind sie vielleicht sogar verwandt? Eine optische Ähnlichkeit besteht zumindest. Doch Sicherheit gibt es zu diesem Zeitpunkt nicht. Die Ermittelnden macht bei diesem zweiten Fund allerdings eine Sache besonders stutzig. Es lassen sich zwar auch bei dem Mädchen keine offensichtlichen Verletzungen erkennen, dennoch ist etwas Entscheidendes anders. Denn an ihrem Knöchel ist eine Schnur befestigt, an der ein schwerer Stein hängt. Der wiederum steckt in einem Kissenbezug mit Blumenmuster. Für die Polizei wird so jetzt eine weitere Option möglich, die sie vorher nicht in Erwägung gezogen haben. Oder vielleicht wollten sie die auch gar nicht erst in Erwägung ziehen. Irgendjemand muss diesen Stein befestigt haben. Und das bedeutet, der Tod des Mädchens war kein Unfall. Diesen grausamen Verdacht bestätigen wenig später auch die Obduktionsergebnisse. Dabei findet die Rechtsmedizin nicht nur Wasser in der Lunge des Mädchens, sondern auch in der des Jungen. Beide Kinder sind also ertrunken. Und nicht nur das. Alles deutet darauf hin, dass die beiden, als sie ins Wasser geworfen wurden, noch gelebt haben. Noch während die Polizei alle Ergebnisse auswertet, meldet sich am 21. Dezember, also einen Tag bevor das Mädchen gefunden wird, eine Person bei ihnen. Es ist Denise aus dem Intro. Sie ist die Einzige, die den Jungen auf dem Foto in den lokalen Medien erkannt hat und damit erstmals Licht ins Dunkel bringen kann. Kurz darauf erscheint sie daher auf dem Polizeipräsidium. Jetzt bekommt der tote Junge aus dem Lindsloh endlich einen Namen. Es handelt sich um den vierjährigen Zachary. Einen Tag, nachdem das tote Mädchen gefunden wird, kann Denise auch sie schließlich identifizieren. Es ist tatsächlich Zacharies jüngere Schwester Sadie. Sie wurde gerade einmal drei Jahre alt. Der Schock sitzt bei Denise tief. Vor ein paar Tagen hat sie die Kinder doch noch lebendig gesehen. Am 15. Dezember, nur vier Tage bevor Zachary gefunden wurde, hat sie auf die Kinder aufgepasst. Auf alle drei aufgepasst. Zachary, Sadie und deren jüngste Schwester Madison, die zwei Jahre alt ist. Die Eltern, die 34-jährige Mary Jane und der 27-jährige Christian, waren an dem Abendessen und anschließend noch im Kino. Gegen 22.30 Uhr kam sie zurück und Denise verließ daraufhin das Haus der Familie. Denise kennt den Familienvater Christian von ihrer gemeinsamen Arbeit in der Starbucks-Filiale in Newport. Beide teilen nicht nur den Stundenlohn von umgerechnet etwa 7 Euro, sondern verbringen auch viel Zeit miteinander. In dieser Zeit sprechen sie vor allem über ihre Familien. Christian und Mary Jane sind erst seit September, also vor drei Monaten, in die Gegend gezogen. Es ist also nicht verwunderlich, dass sie sich noch kein soziales Umfeld aufgebaut haben. In Christians Erzählungen wirkt die Familie auf Denise immer wie eine glückliche junge Familie. Der Fund der beiden Kinder erschüttert nicht nur Denise, sondern auch die gesamte Region rund um Lincoln County. In der sonst ruhigen Küstengegend macht sich zunehmend Unruhe breit. Viele Menschen stellen sich dieselbe Frage. Ist hier jemand unterwegs, der gezielt Kinder angreift? Während diese Sorge wächst, richtet sich der Blick der Ermittelnden in eine ganz bestimmte Richtung. Denn für die Detectives steht vor allem eine Frage im Raum. Wo ist der Rest der Familie? Also beginnt eine intensive Suche nach den übrigen Familienmitgliedern. Einen der wichtigsten Anhaltspunkte liefert dabei zunächst wieder Denise. Sie erinnert sich an ein Gespräch, das sie am 10. Dezember, also fünf Tage bevor sie auf die Kinder aufgepasst hat, mit Christian bei der Arbeit geführt hat. Der Familienvater erzählte ihr an diesem Tag, dass seine Frau ihn wegen einer Affäre mit einem anderen Mann verlassen habe. Außerdem äußert er Zweifel daran, ob er überhaupt der Vater seiner jüngsten Tochter Madison sei. Für Denise kommt dieses Geständnis überraschend. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Familie auf sie ganz normal und glücklich gewirkt. Dennoch misst sie diesem Gespräch zunächst keine größere Bedeutung bei. Einige Tage später sieht sie Christian wieder. Denn am 18. Dezember ist die Weihnachtsfeier ihres Arbeitgebers Starbucks. Das ist einen Tag, bevor Zachary im Wasser gefunden wird. Dort erscheint der Familienvater gut gelaunt und entspannt. Beim gemeinsamen Wichteln verschenkt er einen angebrochenen Parfümflakon. Später am Abend, in einem ruhigen Moment, kommt er dann mit Denise noch einmal auf seine Familie zu sprechen. Er erzählt ihr, dass er und seine Frau sich nun endgültig getrennt haben. Er habe sie und die Kinder daraufhin zum Flughafen gebracht. Am nächsten Tag trifft Denise Christian wie gewohnt wieder zu ihrer gemeinsamen Schicht auf der Arbeit. Dieses Mal spricht er nicht über seine Familie. Stattdessen erzählt er ihr von seinem neuen Wagen, einem grünen Dodge Durango. Seinen alten Wagen, einen weinroten Minivan mit dem auffälligen Kennzeichen Kid Van, habe er in Portland, etwa 180 Kilometer entfernt von Newport, eingelagert. Da er nun in den neuen Wagen gerne einen CD-Player einbauen möchte und der Mann von Denise sich damit auskennt, verabreden sie sich für den kommenden Samstag. Da wollen sie gemeinsam einen CD-Player kaufen gehen und diesen dann einbauen. Doch die Dinge nehmen eine ganz andere Wendung. Denn als Zagories Körper noch am selben Tag leblos gefunden wird und Denise ihn kurz darauf in den Nachrichten erkennt, wird rückblickend schnell klar, so ganz kann das, was Christian die Tage zuvor erzählt hat, nicht stimmen. Schließlich saßen die Geschwister Zagary und Sadie niemals in einem Flugzeug, so wie er das gesagt hat. Als die Polizei dann schließlich das Apartment der Familie in Newport aufsucht, kommen weitere Ungereimtheiten dazu. Die Wohnung der Familie liegt in einem luxuriösen Apartmentkomplex, direkt an der Yakina Bay. Es ist eine malerische Flussmündung, die sich über rund acht Quadratkilometer in Newport erstreckt und damit mehr als doppelt so groß ist wie der berühmte Central Park in New York. Genau diese Lage erscheint den Ermittelnden, noch bevor sie die Wohnung überhaupt betreten haben, ziemlich seltsam. Denn wie kann sich eine fünfköpfige Familie, die von einem niedrigen Stundenlohn bei Starbucks lebt, sich eine solch luxuriöse Wohnung überhaupt leisten? Doch das ist nicht alles, was den Ermittelnden auffällt. Denn beim Betreten der Wohnung bietet sich ihnen ein eigenartiges Bild. Vom Rest der Familie fehlt nämlich jede Spur. Es wirkt sogar so, als hätten sie ihr Apartment überstürzt verlassen. Denn außer ein paar Möbeln fehlen sämtliche persönliche Habseligkeiten der Familie. Ein Teil davon entdecken die Ermittelnden wenig später in einem Müllcontainer des nahegelegenen Newport Motor Inn, einem kleinen Hotel ganz in der Nähe der Wohnung der Familie. Darunter befindet sich Kleidung der Kinder, Babybücher sowie die Brieftasche mitsamt Führerschein von Mary Jane. Als die Ermittelnden dann an Christians Arbeitsplatz noch ausgedruckte Nachrufe von vier verstorbenen jungen Männern in seinem Spind entdecken, sowie drei darauf notierte Sozialversicherungsnummern, verdichtet sich alles zu einer einzigen Frage. Ist Christian selbst ein Opfer, das seine Kinder verloren hat, oder möglicherweise sogar der Täter? Am 27. Dezember 2001, fünf Tage nachdem Sadie gefunden wurde, kommen die Ermittelnden der Antwort darauf ein ganzes Stück näher. Denn in der unmittelbaren Nähe des Wohnortes der Familie finden Taucherinnen und Taucher der Polizei zwei große, dunkelgrüne Reisekoffer. Als diese geöffnet werden, haben die ermittelnden Gewissheit, dass auch der Rest der Familie in kein Flugzeug gestiegen ist. Im ersten Koffer, den die Ermittelnden öffnen, finden sie den Körper von Mary Jane. Sie ist vollständig entkleidet und weist eindeutige Verletzungen auf. Offenbar durch stumpfe Gewalteinwirkungen. Auf diese gehen wir an dieser Stelle jedoch nicht weiter ein. Was jedoch gesagt werden kann, ist, dass sie anders als ihre ältesten Kinder nicht aufgrund von Wasser in der Lunge gestorben ist. Sie wurde stranguliert. Und auch im zweiten Koffer befindet sich ein lebloser Körper, der stranguliert wurde. Es ist die zweijährige Madison. Als letztes, noch lebendes Familienmitglied, rückt Christian damit weiter in den Fokus der Ermittlungen. Denn während für die übrigen Familienmitglieder nun Gewissheit herrscht, bleibt sein Aufenthaltsort weiterhin ungeklärt. In dieser Phase wird besonders die Aussage eines weiteren Zeugen wichtig, nämlich die von Dick. Er berichtet, dass er am 17. Dezember gegen 4.30 Uhr auf dem Weg zur Arbeit ein Fahrzeug auf der Highway 34 Bridge gesehen hat. Die Brücke befindet sich in unmittelbarer Umgebung zu den Stellen, an denen später Zagary und Sadie gefunden werden. Das weiß Dick natürlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er findet es nur ungewöhnlich, dass jemand zu dieser frühen Stunde allein dort steht. Deswegen fährt er langsamer, kommt zum Stehen und spricht den Mann schließlich an. Dieser erklärt daraufhin, er habe nur angehalten, weil seine Motor Kontrollleuchte aufgeleuchtet habe. Inzwischen sei aber alles wieder in Ordnung. Dick kann sich im Nachgang nicht mehr an viel erinnern. Er hat weder den Mann durch die getönten Scheiben erkennen können, noch hat er irgendwas anderes Ungewöhnliches gesehen. An was er sich allerdings erinnern kann, ist der Wagen, in dem der Unbekannte saß. Es war ein weinroter Minivan. Das Kennzeichen lautete Kid Van. Spätestens nach dieser Zeugenaussage höre Christian endgültig als Hauptverdächtiger in den Fokus der Ermittlungen. Denn das ist ja sein Kennzeichen. Doch wer ist dieser Mann eigentlich? Um das beantworten zu können, müssen wir einige Jahrzehnte zurückgehen. Christian wird am 23. Januar 1974 geboren und wächst in Ypsilanti Township auf, im US-Bundesstaat Michigan. Er stammt aus einem stabilen und bürgerlichen Elternhaus. Seine Familie gehört den Zeugen Jehovas an, einer christlich orientierten Religionsgemeinschaft, zu der weltweit rund 9 Millionen Mitglieder gehören. Über Christians weitere Kindheit gibt es kaum Informationen. Erst als er die sieben Jahre ältere Mary Jane auf dem Parkplatz seiner Kirchengemeinde kennenlernt, lässt sich sein Leben nachverfolgen. Nach der Begegnung auf dem Parkplatz merken die beiden schnell, dass sie nicht nur ähnliche Werte haben, sondern vor allem eines teilen. Ihren Glauben. Denn auch Mary Jane gehört den Zeugen Jehovas an. Nach diesem ersten Kennenlernen verlieben sich die beiden und heiraten schließlich im Jahr 1993. Christian ist zu diesem Zeitpunkt erst 19 Jahre alt. Mary Jane bereits 26. Für ihr Umfeld wirkt das junge Paar harmonisch und verliebt. In der CBS-Dokumentation zu dem Fall beschreibt Mary Janes Schwester Christian sogar als echten Märchenprinzen. Und in den ersten Jahren scheint dieses Bild auch zu stimmen. Die Ehe der beiden verläuft zunächst ruhig. Beide wünschen sich Kinder. Und während Mary Jane davon träumt, Hausfrau und Mutter zu sein, arbeitet Christian als Manager bei einem Vertriebsunternehmen der New York Times in Ypsilanti. Als Mary Jane schwanger mit dem ersten und dann mit dem zweiten Kind ist, versucht sich Christian Ende der 1990er Jahre als Unternehmer. Er gründet die Reinigungsfirma Final Touch, die sich auf die Säuberung von Baustellen spezialisiert hat. Und anfangs läuft es für Christian auch wirklich gut. Die Firma wächst schnell und kann bald zahlreiche Mitarbeitende beschäftigen. Das ermöglicht Christian nicht nur viel Ansehen, sondern auch einen extravaganten Lebensstil. Zu dieser Zeit kommt auch seine dritte Tochter Madison auf die Welt. Als Zahlungen von Auftraggebenden ausbleiben und die Einnahmen der Firma zunehmend wegbrechen, häufen sich allerdings die Schulden und Christian gerät immer mehr unter Druck. Trotzdem ändert er seinen Lebensstil nicht. So berichtet Mary Janes Schwester Penny später, dass die Familie regelmäßig nagelneue Autos hatte und sich kostspielige Urlaube gegönnt hat. Um diese Fassade des familiären Wohlstands weiter aufrechtzuerhalten, überschreitet Christian schnell die Grenzen des Legalen. Er fälscht Unterschriften von Kundinnen und Kunden und stellt Checks aus, die nicht gedeckt sind. Insgesamt zumehen sich seine Betrügereien so auf einen Wert von fast 30.000 US-Dollar. Doch dabei bleibt es nicht. Irgendwann hat er kein funktionierendes Auto mehr. Unsere Quellen liefern dafür aber leider keinen Grund. Um das allerdings zu ändern, geht er noch einen Schritt weiter. Mit einem gefälschten Führerschein erscheint er bei einem Autohändler und macht dort eine Probefahrt mit seinem späteren Minivan. Das Auto bringt er jedoch nie wieder zurück. Stattdessen behält er es nach der Probefahrt einfach. Schließlich wird auch die Polizei auf ihn aufmerksam. Die Detectives von der Michigan State Police ermitteln gegen Christian und können ihm die Fälschungen nachweisen. Die Beweislage ist dabei eindeutig. Christian wird angeklagt. Allein für die Scheckfälschungen hätte ihm zu diesem Zeitpunkt bereits eine lange Haftstrafe drohen können. Doch im Jahr 2000 fällt das Urteil überraschend milde aus. Christian wird zu einer Bewährungsstrafe verurteilt und erhält die Auflage, den durch ihn entstandenen Schaden zu begleichen. Auffällig bei diesen ersten Delikten ist besonders das Verhalten von Christian. Laut den Detectives zeigt er nämlich kaum Anzeichen von Einsicht oder Angst vor den Konsequenzen. Stattdessen wirkt er, als würde er fest daran glauben, sich aus der Situation schon herausreden zu können. Beinahe so, als lebe er in seiner eigenen Welt. Nach außen hin scheint es jetzt zunächst so, als wäre Christian noch einmal glimpflich davongekommen. Doch auch innerhalb der Familie kommt es wenig später zu Spannungen. Denn am 26. Mai 2000 entdeckt Mary Jane E-Mails, die eindeutig belegen, dass Christian eine Affäre hat. Für sie bricht in diesem Moment eine Welt zusammen. Völlig aufgelöst ruft sie daraufhin ihre jüngere Schwester Sally an und berichtet ihr davon. Als sie Christian wenig später mit den Vorwürfen konfrontiert, reagiert er jedoch kühl und distanziert. Er zeigt keine Reue. Stattdessen erklärt er ihr, dass er sie nicht mehr liebe. Seine Begründung ist aber ernüchternd. Seit die beiden eine Familie haben, verstehe Mary Jane, Zitat, einfach keinen Spaß mehr und konzentriere sich zu sehr auf die Kinder. Die Affäre und seine Verurteilung haben Konsequenzen. Noch im selben Jahr wird Christian aus der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas ausgeschlossen. Für Mary Jane, deren Leben stark in dieser Gemeinschaft verwurzelt ist, ist das ein schwerer Einschnitt. Und trotzdem bleibt sie bei ihm. Aus Liebe, aber auch aus dem Wunsch heraus, dass ihre Kinder nicht ohne Vater aufwachsen müssen. Christian hingegen ändert sein Verhalten nicht. Trotz Bewährung setzt er seine Betrügereien fort. Er stellt weiterhin ungedeckte Schecks aus, bestellt Waren unter falschen Angaben und verstößt damit immer wieder gegen seine Bewährungsauflagen. Die Ermittlungen nehmen daher erneut Fahrt auf. Und diesmal ist klar, Christian kommt im Falle einer erneuten Verurteilung nicht mehr mit einer Bewährungsstrafe davon. Das weiß er selbst auch. Aus diesem Grund trifft er im Sommer 2001 eine Entscheidung. Er überzeugt Mary Jane davon, dass die Familie einen Neuanfang braucht. Und sie willigt ein. Kurz darauf zieht die Familie ans andere Ende des Landes, über 4000 Kilometer von ihrer alten Heimat entfernt. Dort leben sie ohne jegliche Gemeinschaft in einem spartanischen Lagerhaus in Toledo im Bundesstaat Ohio. Mit dem heimlichen Umzug ist Christian den Ermittlungen gegen ihn daher keineswegs entflohen. Er wird vielmehr noch intensiver gesucht. Und genau deswegen bleibt die Situation entgegen Christians versprochenem Neuanfang instabil. Nur wenige Wochen später verlässt die Familie ihre neue Heimat deswegen schon wieder. In dem Lagerhaus lassen sie zahlreiche persönliche Gegenstände von großem emotionalen Wert zurück. So findet die Polizei später Mary Janes Brautkleid und Hochzeitsfotos des Paares. Alles Dinge, die doch niemand einfach so zurücklassen würde. Auch zwei Bücher werden gefunden. Ein spanisches Wörterbuch und ein Ratgeber namens The Modern Identity Changer. Zu diesem Zeitpunkt ist den Ermittelnden noch nicht klar, dass diese beiden Bücher alles andere als Zufall sind. Nachdem die Polizei das Lagerhaus in Toledo durchsucht, bricht auch der Kontakt zwischen der Familie und Mary Janes Schwestern Penny und Sally ab. Spätestens als Mary Janes Mobiltelefon abgeschaltet wird, sind die beiden alarmiert. Sie ahnen, dass etwas nicht stimmt und melden die Familie schließlich als vermisst. Nach der Flucht aus Toledo reisen Christian und Mary Jane mit ihren Kindern unterdessen quer durchs Land, in Richtung Oregon und kommen dabei immer wieder in verschiedenen Hotels unter. Genau in dieser Zeit, Anfang November 2001, erreicht die jüngere Schwester Sally überraschend eine Postkarte von Mary Jane. Und zwar aus South Dakota, etwa 1500 Kilometer von Toledo entfernt. Den Schwestern erscheint das mehr als seltsam. Dennoch wird aufgrund dieses Lebenszeichens der Familie die Vermisstenanzeige seitens der Polizei eingestellt. Am 30. November 2001 dann, etwa einen Monat bevor Mary Jane und Madison gefunden werden, zieht die Familie schließlich in ihr letztes Apartment, am Hafen von Newport. Auch hier gibt Christian wieder falsche Informationen an. Gegenüber der Hausverwaltung behauptet er, er würde als Vermessungsingenieur arbeiten. Außerdem sagt er, er habe nur zwei Kinder, die, genauso wie seine Frau, nur gelegentlich da sein. Parallel dazu bereitet er offenbar bereits seine nächsten Schritte vor. Zwei Monate nach dem Einzug und einen Monat, bevor Zachary gefunden wird, druckt er die Nachrufe der jungen Männer aus, die die Polizei später in seinem Spinn findet. Nur einen Tag später beschafft er sich zunächst bei seinem neuen Job die Kreditkartendaten eines fremden Starbucks-Kunden. Bis zu diesem Zeitpunkt wirkt es so, als würde Christian nur mit seinen kriminellen Machenschaften weitermachen. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass er etwas ganz anderes im Schilde führt und dass er längst dabei ist, sich eine neue Identität aufzubauen. Es zeichnet sich also ein Bild ab, in dem Christian vor allem folgendes ist. Ein Hochstapler und Manipulator. Und was anhand seiner Vergangenheit auch noch deutlich wird, Christian will immer mehr, als er eigentlich hat. Und das bezieht sich vor allem auf finanziellen Wohlstand und den Schein einer heilen Familie. Ein persönliches Scheitern, egal in welchem Kontext, kommt dabei für ihn nicht in Frage. So rechtfertigt er seine Taten, manipuliert sein Umfeld und erschafft sich seine eigene Welt, in der er an jeglicher Realität vorbeilebt. Genau das hatten ja bereits die früheren Ermittler der Michigan State Police festgestellt. Die Grenzen zwischen dem, was erlaubt ist und dem, was Christian tut, sind schon lange verschwommen. Doch geht er wirklich so weit, dafür seine gesamte Familie zu ermorden? Das fragen sich auch die Ermittelnden. Mittlerweile lässt sich jedoch anhand der Zeugenaussagen von Denise und Dick sowie Christians Vergangenheit ein relativ klares Bild davon zeichnen, wie die Morde höchstwahrscheinlich abgelaufen sind. So wurde die Tat vermutlich bereits zwischen dem 16. und 17. Dezember, zwei bis drei Tage bevor man den kleinen Zagery gefunden hat, begangen. Besonders auf den 16. Dezember deuten dabei Schleifgeräusche aus der Wohnung der Familie, die Nachbarn gegen 2 Uhr morgens gehört haben wollen. Denn das benachbarte Ehepaar ist sich selbst mehr als uneinig, aus welcher Richtung und damit auch Wohnung diese Geräusche überhaupt stammen. Christian wird später selbst ebenfalls uneindeutige Angaben zum Tatzeitpunkt machen. Sicher ist hingegen, dass Christian, nachdem seine Familie bereits tot war, zunächst versucht hat, so normal wie möglich weiterzumachen. So versucht er sich zunächst seinem alten Wagen zu entledigen. Schließlich hat Dick, der Zeuge von der Brücke, ihn ja darin gesehen. Aus diesem Grund greift er auf eine altbewährte Masche zurück. Er vereinbart eine Probefahrt bei einem Autohaus in Wilsonville in Oregon. Nachdem er seinen alten Wagen ohne Kennzeichen auf dem Parkplatz stehen lässt, setzt er sich in den grünen Dodge Durango und fährt einfach los, ohne dafür zu zahlen. Christian lebt danach sein Leben erstmal weiter. So geht er weiterhin zur Arbeit, bei der er Kollegin Denise davon erzählt, dass seine Frau sich getrennt habe und mit den Kindern weggeflogen sei. Wie wir ja bereits von Denises Zeugenaussage wissen, verschenkt er an der Weihnachtsfeier am 18. Dezember sogar noch einen alten Parfümflakon. Dieser Flakon gehörte seiner zu diesem Zeitpunkt bereits getöteten Ehefrau Mary Jane. Die darauffolgenden Tage geht er weiterhin zur Arbeit, leiht sich ein Video aus und spielt am 20. Dezember, also nachdem seine Familie schon tot ist, sogar noch mit einem Arbeitskollegen Volleyball. Als er dann erfährt, dass sein Sohn tot aufgefunden wurde, beginnt seine übereilte Flucht. Die Ermittlenden rekonstruieren später, dass er am 21. Dezember fast 950 Kilometer Richtung Süden nach San Francisco fährt. Das ist der Tag, an dem Denise Zachary identifiziert. Warum ausgerechnet dorthin, weiß man nicht. Was man allerdings weiß, ist, dass er sich dort erneut bei einer Starbucks-Filiale um einen Job bewirbt. Als die Ermittlungen voranschreiten, entscheidet er sich schließlich am 26. Dezember dazu, weiter nach Mexiko zu fliehen. Das ist der Tag, bevor seine Frau und jüngste Tochter tot aufgefunden werden. Mit der gestohlenen Kreditkartennummer des Starbucks-Kunden aus Oregon kauft er sich ein Flugticket nach Cancun, Mexiko. Den gestohlenen Durango lässt er einfach am Flughafen stehen. Die Ermittelnden finden darin später weitere persönliche Dokumente von Christian. Ein Scheckbuch, eine Heiratsurkunde, sein Diplom und zuletzt auch das markante Autokennzeichen Kid Ben. Als Christian am 27. Dezember, also dem Tag, an dem schließlich der Rest seiner Familie gefunden wird, in Mexiko ankommt, versucht er sein altes Leben endgültig abzulegen. Der Name Christian ist ab diesem Zeitpunkt für ihn Vergangenheit. Stattdessen gibt er sich als Journalist der New York Times aus, der über Maya-Mystizismus recherchiert. Aber Christian sagt nicht nur, dass er der Journalist wäre, nein, er lebt das auch. So reist er bald darauf zum Maya-Ruin weiter im Süden des Landes. Dort knüpft er Kontakt zu einer deutschen Urlauberin, die zufälligerweise Fotografin ist. Janina soll für seine Artikel Fotos schießen. Doch ihre Beziehung bleibt nicht nur rein beruflich. Während ihrer Recherchereise durch Mexiko entwickelt sich bald auch eine romantische Beziehung zwischen den beiden. Christian ist also bereits zwei Wochen, nachdem seine Familie tot ist, neu liiert. Schließlich reisen die beiden am 7. Januar 2002 ungefähr 130 Kilometer weiter nach Süden, in die Gegend von Tulum. Hier berichten Augenzeugen später, dass Christian seine Zeit vor allem mit Schnorcheln und Feiern in verschiedenen Resorts verbracht hat. Es scheint also, als genieße er sein neues Leben in vollen Zügen. Währenddessen suchen die Ermittlerinnen in den USA auf Hochtouren nach Christian. Als klar ist, dass er über die Landesgrenzen hinweg nach Mexiko geflohen sein muss, schaltet sich das FBI ein. Ab diesem Zeitpunkt beginnt eine der intensivsten internationalen Fahndungen der jüngeren US-Geschichte. Es werden Fahndungsplakate erstellt und zahlreiche Medien berichten über Christian und seine Familie. Am 5. Januar 2002 gibt es sogar einen Aufruf bei America's Most Wanted. Die Sendung, die vergleichbar mit Aktenzeichen XY ist. Sie bittet ausdrücklich um Hinweise aus der Bevölkerung. Das FBI greift aber noch zu einem weiteren Schritt. Am 11. Januar wird Christian offiziell auf die Liste der zehn meistgesuchten Flüchtigen des FBI gesetzt. Und wir erinnern uns, dort steht zu dieser Zeit neben anderen weltweit gesuchten Terroristen ja auch Osama Bin Laden. Den entscheidenden Tipp, wo sich Christian auffällt, erhält das FBI letztendlich aus der Bevölkerung in Mexiko selbst. Ein kanadisches Ehepaar erkennt Christian auf einem der Fahndungsplakate im Internet wieder. Doch sie kennen ihn nicht als gesuchten Mörder, sondern als den renommierten Journalisten Mike. Und auch weitere Zeuginnen und Zeugen haben diesen Mike bereits gesichtet. So informiert eine Touristin aus Montreal das FBI, dass sie ihn Ende Dezember in einem Hostel getroffen hat. Ein anderer lokaler Reiseleiter erkennt Christians Gesicht ebenfalls auf einem Steckbrief in der Region Cancun wieder. Diese Hinweise reichen dem FBI aus. Auf Grundlage der gesammelten Sichtungen können sie Christian zusammen mit seiner deutschen Begleitung am 13. Januar 2002 in einem Strandcamp in Tulum aufspüren. Der dort ansässige FBI Special Agent Daniel stürmt daraufhin gegen 18.20 Uhr das Camp. Zusammen mit 20 Beamtinnen und Beamten der mexikanischen Bundespolizei. Polizei. Berichten zufolge soll Christian in diesem Moment gerade dabei gewesen sein, Marihuana zu rauchen. Andere Quellen berichten sogar, dass Christian zunächst gedacht haben soll, es handelt sich um eine Drogenrazzia. Was er genau in dem Moment der Festnahme gedacht oder gemacht hat, wissen wir natürlich nicht. Was aber klar belegt ist, Christian lässt sich an diesem Tag, beinahe drei Wochen nachdem er seine Familie umgebracht hat, widerstandslos festnehmen. FBI-Agent Daniel präsentiert ihm nach seiner Festnahme dann drei Möglichkeiten. So kann Christian formell ausgeliefert oder abgeschoben werden. Er entscheidet sich aber für die dritte Möglichkeit, freiwillig in sein Heimatland USA zurückzukehren. Nur so entgeht er einer möglichen Inhaftierung in einem mexikanischen Gefängnis. Als die beiden einen Tag später, am 14. Januar, am George Bush International Airport in Houston eintreffen, hat FBI-Agent Daniel nicht nur eine der meistgesuchten Personen weltweit im Gepäck, sondern auch ein erstes indirektes Geständnis. Denn auf dem zweieinhalbstündigen Flug hat Christian offenbar Redebedarf. So verzichtet er bewusst auf sein Recht zu schweigen und spricht mit Daniel über den Fall. Ein Satz bleibt dabei besonders hängen. Denn als Christian auf die Tat selbst zu sprechen kommt, da sagt er den Satz I sent them to a better place. Auf Deutsch, ich habe sie an einen besseren Ort geschickt. An dieser Stelle könnte die Geschichte rund um die Familie enden. Doch so ist das nicht. Denn am 20. Februar 2002, etwa fünf Wochen nach Christians Festnahme, klingelt das Telefon eines Journalisten im US-Bundesstaat Montana. Sein Name ist Michael, Spitzname Mike. Am anderen Ende der Leitung ist ein Reporter des Portland Oregonian. Eine lokale Tageszeitung, von der auch einige der Informationen zu diesem Fall stammen. Zwischen Michael und dem Reporter entspinnt sich zunächst einmal ein seltsamer Dialog. Aus dem Buch, das Michael später schreiben wird, hat dieser Dialog wie folgt stattgefunden. Michael sagt, nun herzlichen Glückwunsch, Sie sind der Erste, der anruft. Der Reporter antwortet daraufhin verblüfft, ich bin der Erste? Das überrascht mich. Michael erwidert daraufhin, ja, Sie sind der Erste. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass vormorgen jemand anruft. Also erst nachdem der Artikel erschienen ist. Der Reporter antwortet, nein, der Artikel erscheint erst am Sonntag. Michael, nein, er erscheint morgen. Er ist schon in der Druckerei. Und der Reporter wieder entgeistert, aber ich schreibe ja noch daran. Also wird er erst am Sonntag erscheinen. Daraufhin fragt Michael schließlich, wovon reden Sie? Wovon reden Sie? Ich rede von der Anmerkung der Redaktion. Ist es nicht das, worüber sie reden? Nein, ich rufe wegen der Morde an. Dass Michael zunächst denkt, der Reporter würde ihn wegen einer sogenannten Editor's Note, also einer Redaktionsanmerkung sprechen wollen, hat dabei vor allem einen Grund. Denn Michael, eigentlich ein renommierter Journalist der New York Times, wartet genau zu diesem Zeitpunkt praktisch auf seinen beruflichen Durchstoß. Denn obwohl der ehemalige Reise- und Sportjournalist mit seinem Job bei der New York Times eigentlich das erreicht hat, was viele aufstrebende Journalistinnen und Journalisten wollen, begeht er einen folgenschweren Fehler. Dafür müssen wir kurz ein wenig ausholen. 2001 soll Michael über den Kindersklavenhandel auf Kakaoplantagen an der Elfenbeinküste berichten. Deswegen fliegt er im Sommer desselben Jahres nach Afrika. Er will sich ein Bild über die Lage vor Ort machen. Dort stellt er jedoch vor allem eins fest. Die Situation ist wesentlich komplexer, als er erwartet hat. Denn Michael findet keine eindeutigen Beweise für Sklaverei im klassischen Sinne. Stattdessen erlebt er eine Grauzone. Er spricht mit Jugendlichen, die unter harten Bedingungen für extrem niedrige Löhne arbeiten. Allerdings verkaufen sich diese dabei oft selbst an Vermittler. Einfach, um überhaupt eine Arbeitsmöglichkeit zu haben. Als Michael nach seiner Rückkehr versucht, diese Geschichte seiner Redaktion zu präsentieren, lehnt diese sie jedoch ab. Stattdessen weist seine Redakteurin Michael an, die Geschichte persönlicher und menschlicher zu gestalten. Deswegen soll er nur über ein einzelnes Kind schreiben, mit dem die Leserinnen und Leser mitfühlen können. Das Problem ist allerdings, Michael hat auf seinen Reisen dieses eine Kind, das perfekt passen würde, nie interviewt. Deswegen schafft er kurzerhand eine sogenannte fiktive Composite-Figur. Er kombiniert also Begegnungen mit mehreren Jugendlichen, mit denen er gesprochen hat, zu einer einzigen Person. Dieser Kunstfigur gibt er den realen Namen eines Jungen, den er tatsächlich getroffen hat. Yusuf. Dabei fügt er der Geschichte noch ein Bild eines Jungen an. Der ist allerdings nicht Yusuf. Unter dem Titel »Is Yusuf a Slave?«, also »Is Yusuf ein Sklave?« wird die Reportage schließlich am 18. November 2011 im New York Times Magazine veröffentlicht. Doch Michaels Schwindel bleibt nicht unbemerkt. Denn nur kurz nach der Veröffentlichung kontaktiert ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation Save the Children, die Redaktion der New York Times. Der Mitarbeiter teilt mit, dass der Junge auf dem Foto im Magazin nicht Yusuf ist. Den hat die Organisation nämlich in einem ihrer Zentren in Mali gefunden. Und augenscheinlich sieht der dem Jungen auf dem Foto gar nicht ähnlich. Nachdem Michael zunächst noch versucht hat, sich in Ausflüchte zu retten, untersucht die New York Times die Reportage vollständig. Mit dem Ergebnis, dass die gesamte Täuschung aufliegt. Im Februar 2002 wird Michaels Vertrag mit der Zeitung deswegen gekündigt. Kurz darauf, am 21. Februar 2002, veröffentlicht die Zeitung eine offizielle, ausführliche Entschuldigung der Redaktion. Es ist die Veröffentlichung, auf die Michael am selben Tag in Montana wartet. Für ihn ist also klar, dass alle Anrufe, die in dieser Zeit bei ihm eingehen, etwas damit zu tun haben müssen. Doch als der Anrufer, wie wir bereits gehört haben, von den Morden in Oregon erzählt, wird Michael neugierig. Ein ihm bis dahin unbekannter Mann hat sich also in einem anderen Land als er ausgegeben? Warum das denn? Und vor allem, wie kommt er ausgerechnet auf ihn? Und damit ist Michaels journalistisches Interesse geweckt. Und deswegen schreibt er Christian kurzerhand einen Brief ins Gefängnis. Darin gibt er offen zu, dass er gerade seinen Job und damit auch seinen guten Ruf verloren hat. Er erklärt Christian weiter, dass er ihm den Identitätsdiebstahl keineswegs übel nimmt, sondern die ganze Angelegenheit faszinierend findet. Auf eine seltsame Weise fühle er sich sogar geschmeichelt. Dennoch interessiert es ihn brennend, warum Christian ausgerechnet ihn ausgewählt hat. Um das zu klären, äußert Michael den Wunsch, Christian im Gefängnis besuchen zu dürfen. Nach diesem Brief passiert zunächst erst einmal nichts. Einige Wochen später jedoch erhält Michael plötzlich einen Anruf aus dem Lincoln County Jail. Am anderen Ende des Hörers ist Christian. Er willigt ein, Michael persönlich zu treffen. Besonders daran ist, dass Christian bis zu diesem Zeitpunkt jede andere Kontaktaufnahme seitens der Medien abgelehnt hat. Nach dem ersten Besuch folgt bald darauf ein reger Kontakt zwischen den beiden. Innerhalb eines Jahres telefonieren sie laut Michael 51 Mal und schreiben sich über 1000 handgeschriebene Seiten. Diese sind oft bis zum Rand beschrieben. Michael beschreibt die Beziehung, die sich daraufhin zu Christian entwickelt, später in einem Fernsehinterview mit CBS News als komplizierteste, faszinierendste und bizarrste Beziehung seines Lebens. In demselben Interview gesteht er außerdem, dass Christian und er keine rein professionelle Beziehung haben. Zwischen den beiden entwickelt sich vielmehr eine Art ungleiche Freundschaft. So sprechen sie auch über sehr private Dinge. Christian gibt Michael beispielsweise Beziehungstipps für dessen Partnerin. Zeitweise soll Christian sogar fast wie eine Art Therapeut für den ehemaligen Journalisten gewesen sein. Zusätzlich zu dieser Nähe ist Christian für Michael aber noch etwas anderes. – die Chance auf ein journalistisches Comeback. Irgendwann offenbart Christian dann auch, weshalb er sich ausgerechnet als Michael ausgegeben hat. Wir erinnern uns, Christian arbeitete früher ja in Michigan als Manager eines Vertriebsunternehmens der New York Times. In dieser Zeit liest er alle Artikel von Michael. Später sagt er sogar, dass wenn er selbst Autor geworden wäre, er dieselben Geschichten hätte schreiben wollen wie Michael. Christian ist also das, was man als Fan bezeichnen könnte. Bei seiner Flucht nach Mexiko nutzt er sein angesammeltes Wissen über Michael dann gezielt, um sich vor Touristen als Mike, einen internationalen Reiseschriftsteller, zu inszenieren. Dabei ist er so überzeugend, dass er sogar die tatsächlichen Artikel von Michael flüssig in Gesprächen zitieren kann. Obwohl Christian mit Michael offen über all das spricht, bleibt er, wenn die beiden auf die Morde zu sprechen kommen, immer ausweichend. So berichtet Michael in seinem Buch, dass Christian ihm gegenüber immer nur von dem Desaster oder der Katastrophe spricht. Kein einziges Mal soll er die Begriffe Mord oder Tötungsdelikt verwendet haben. Aber er verspricht Michael die wahre Geschichte. Was er genau damit meint, deutet sich bereits in einem Brief von Christian an Michael an. In dem schreibt er, dass er die Taten nicht begangen habe, sich aber schuldig fühle, nicht zu Hause gewesen zu sein, um seine Familie zu beschützen. Etwa ein Jahr nach Christians Festnahme beginnt im Februar 2003 der Prozess gegen ihn. Michael ist bei diesem ebenfalls im Gericht anwesend. Es geht dabei um siebenfachen Mord. Siebenfach deswegen, weil Christians Kinder bei ihrer Tötung unter 14 Jahre alt waren. Nach dem Gesetz in Oregon zählen sie damit doppelt. Denn ihre Tötung wird als erschwerter Umstand gewertet. Der Fall scheint eindeutig zu sein. Dennoch überrascht Christian am 14. Februar mit einem Teilgeständnis. So gibt er zu, seine Frau Mary Jane und seine jüngste Tochter Madison getötet zu haben. Für die Tötung seiner anderen beiden Kinder Zachary und Sadie plädiert er auf nicht schuldig. Dabei präsentiert er eine Version der Tat, die er bereits in den Gesprächen mit Michael angedeutet hat. Er behauptet, er habe seine Frau Mary Jane in der Nacht des 17. Dezember 2001 die finanzielle Lage der Familie und auch seine zahlreichen Lügen gestanden. Als Reaktion darauf sei Mary Jane in einen hysterischen Wutanfall geraten. Ab diesem Zeitpunkt wird, wie bereits angekündigt, Christians eigene Version etwas vage. So stirbt seine Frau in einigen seiner Aussagen bereits am 17. Dezember in den frühen Morgenstunden. Vor Gericht berichtet er, er habe sie am 18. Dezember, also einen Tag später, getötet. Vor Gericht sagt er weiter aus, dass er an diesem Tag, also dem 18., gegen 23 Uhr nach Hause gekommen sei und Mary Jane in einem verstörten Zustand vorgefunden habe. So habe die jüngere Madison vermeintlich leblos dargelegen. Zudem deutete Mary Jane an, sie habe Zachary und Sadie ins Wasser geworfen. Daraufhin, so Christians Aussage vor Gericht, habe er seine Frau im Affekt erwirkt. Im Anschluss habe er gemerkt, dass Madison noch atme. Da sie jedoch nicht weiter reagierte, entschied er, sie ebenfalls zu erwürgen. Immerhin sei sie zu diesem Zeitpunkt ohnehin so gut wie tot gewesen. Er hielt es daher für richtig, sie von ihrem Leid zu erlösen. Die Jury schenkt diesen Erklärungen allerdings kaum Bedeutung. Nach nur vier Stunden Beratungszeit befinden sie Christian am 17. April 2003 in allen sieben Anklagepunkten für schuldig. Verurteilt wird er daraufhin zum Tod durch die Giftspritze. Auch das drei Jahre später stattfindende Revisionsverfahren bestätigt das Urteil. Über 20 Jahre später wird Christians Todesstrafe im Übrigen in eine lebenslange Haft umgewandelt. Denn im Dezember 2023 begnadigt die damalige Gouverneurin von Oregon, Kate Brown, alle 17 Todestraktinsassen des Bundesstaaters. Seither sitzt Christian in Haft im Oregon State Penitentiary. Eine Möglichkeit auf Bewährung gibt es für ihn nicht. Eine letzte Frage bleibt jedoch bestehen. Warum hat Christian bei seinem ersten Gerichtsverfahren bezüglich der Tötung von Zagary und Sadie gelogen? Immerhin glaubte die gesamte Öffentlichkeit damals ohnehin bereits, er habe alle seine Familienmitglieder getötet. 2009, Jahre später, gibt er sogar selbst zu, alle vier Familienmitglieder allein getötet zu haben. Wiederum zwei Jahre später bestätigt er dieses Geständnis auch öffentlich. Warum also dieses Festhalten an einer offenkundig brüchigen Version der Ereignisse? Eine mögliche Antwort darauf lässt sich mit Blick auf seine psychologische Begutachtung erahmen. So kommt der vom Gericht beauftragte Psychologe zu einem eindeutigen Urteil. Christian hat eine kompensatorische narzisstische Persönlichkeitsstörung. Über den Ursprung dafür liefern unsere Quellen keinen eindeutigen Beleg. Allerdings könnte ein möglicher Ursprung in seiner Biografie liegen. So wurde Christian innerhalb seiner Gemeinschaft bei den Zeugen Jehovas schon früh durch den sogenannten Haus-zu-Haus-Predigtdienst darauf trainiert, nach außen hin freundlich und überzeugend aufzutreten. Hinter dieser Fassade stand jedoch ein starker Leistungsdruck innerhalb der Gemeinschaft. Genau das könnte Christians Selbstwertgefühl bereits früh geschwächt haben. Auf dieser Grundlage könnte sich sein späteres Verhalten weiter einordnen lassen. Sein extremes Geltungsbedürfnis sowie seine starke Selbstbezogenheit könnten also der Versuch sein, sein tief beschädigtes Selbstwertgefühl zu kompensieren. In seinem Fall bedeutet das teure Autos, beruflicher Erfolg und eben das Bild einer perfekten Familie. Auch weitere psychologische Gutachten bestätigen diese Beurteilung. So legt Michael seine umfangreiche Korrespondenz mit Christian drei Psychologinnen bzw. Psychologen vor, die allesamt seinen Narzissmus bestätigen. Trotz dieser Diagnose und den Taten, die Christian begangen hat, stehen der Journalist Michael und Christian übrigens noch bis mindestens 2015 in regelmäßigem Kontakt. Ob das noch heute, über zehn Jahre später so ist, darüber liegen keine eindeutigen Informationen vor. Michael selbst sagt jedoch gegenüber CBS, dass er glaubt, Christian werde nie ganz aus seinem Leben verschwinden, nicht solange er lebt. Heute ist Christian 52 Jahre alt und obwohl er seit mehr als 24 Jahren im Gefängnis sitzt, versucht er selbst hinter Gittern noch Einfluss zu nehmen. Mit der Initiative GAVE, das für Gifts for Anatomical Value from Everyone steht, setzt er sich 2011 dafür ein, dass auch Insassen im Todestrakt Organe spenden dürfen. In diesem Zusammenhang schreibt er sogar einen Gastbeitrag für die New York Times. Ist das ein Versuch aus einem Leben, das so viel zerstört hat, zumindest noch etwas Sinnvolles entstehen zu lassen? Oder doch wieder nur Geltungsbedürfnis? So ganz werden wir das wohl nie erfahren. Michael hingegen gelingt ein Neuanfang. Denn nach seinem beruflichen Absturz findet er in den Journalismus zurück. Heute schreibt er für große Magazine, wie National Geographic oder Rolling Stone. Wie bereits angedeutet, hat er außerdem ein Buch über die Begegnung mit Christian geschrieben. Und das wurde 2015 sogar verfilmt. In True Story – Spiel um Macht wird die Geschichte der beiden dabei nochmal etwas anders interpretiert. Mit Christian und Michael haben wir also zwei Leben, die sich unter ungewöhnlichen Umständen berührt haben und die danach in völlig unterschiedliche Richtungen weitergehen. Trotzdem sollte dieser Fall nicht bei ihnen enden. Denn im Zentrum stehen vor allem die Menschen, deren Leben gewaltsam beendet wurde. Mary Jane, Zagary, Sadie und Madison. Eine Familie, die nach außen hin lange wie ein Ideal wirkte und deren Geschichte heute oft nur noch im Kontext dieser Tat erzählt wird. Vielleicht ist es gerade deshalb wichtig, sich daran zu erinnern, dass sie mehr sind als Opfer eines Verbrechens und dass ihre Geschichte nicht nur durch ihr Ende bestimmt wird. So was in den Diskussionsteil zu starten, da eine Brücke zu bauen, das finde ich irgendwie immer sehr, sehr schwer. Deswegen, wir nehmen einfach jetzt genau diesen Take hier rein. Ich kann mich in diesem Fall echt nur aufregen. Ich weiß nicht, wie es bei dir ist. Ich versuche ja immer, Erklärungsversuche zu finden und wir haben ja auch hier versucht, so psychologisch auf Christian zu schauen. Aber für mich ist er einfach ein riesiger Feigling. Ich weiß nicht, wie stehst du zu dem ganzen Fall? Ich habe das Gefühl, ich kann mich in diesem Fall einfach nur aufregen. Ich weiß gar nicht, wie ich ihn nennen soll. Falkling ist ja viel zu schwach für das, was er gemacht hat. Also mal seine ganzen kriminellen Machenschaften beiseite geschoben, die er ja auch in der Vergangenheit schon gemacht hat, aber dann seine komplette eigene Familie, seine Frau, seine drei Kinder, zu ermorden, abzuhauen nach Mexiko, um sich da irgendwie ein neues Leben aufzubauen als vermeintlicher Journalist. Und dann ja auch ein paar Wochen später schon eine neue Freundin zu haben, Alter. Genau, genau und deswegen meine ich, ist es für mich einfach nur ein Feigling, weil es ist alles scheiße, dass er seine Familie umbringt und selbst wenn er sich selbst mit seiner Familie umgebracht hat oder hätte, wäre natürlich alles scheiße gewesen. Aber in der Situation ist er für mich einfach ein riesiger Feigling. Er bringt seine Familie um, macht sich dann aber ein schönes Leben, flieht vor der Polizei, ist sofort noch mit einer anderen Person danach zusammen. Ich geb dir recht, dass Feigling auf jeden Fall ein zu schwaches Wort ist für das, was er alles gemacht hat. Wirklich, mir fehlen bei ihm echt die Worte und dass er dann auch noch das Leben genießen konnte, während seine Familie schon lange tot war. Und vor allem, ihr habt es ja gehört, er hat Sadie und Zagary ertränkt. Also sie haben noch gelebt, er hat sie ertränkt und hat sie dann nur mit einer Unterhose bekleidet, einfach an die Straße gelegt. Also nicht, dass man einen Mord einfacher gestalten könnte, versteht mich nicht falsch. Aber ich finde, das ist auch noch mal so krass, dass er seine eigenen Kinder dann einfach so tot, halbnackt an den Straßenrand gepackt hat. Also das übersteigt einfach meine Vorstellungskraft. Und alles, was der gemacht hat von vorne bis hinten, ist einfach so furchtbar. Und ganz ehrlich, ich finde es ein bisschen komisch, dass der echte Journalist Michael über Jahre eine Art von Freundschaft mit dem hält. Was ist das für eine Freundschaft? Ja, auf jeden Fall. Das ist halt einfach nur aus dem Aspekt, bin ich der Meinung, weil er seine Chance da gesehen hat, wieder zurückzukommen, oder? Finde ich auch okay, wenn er seine berufliche Chance darin sieht und deswegen sehr viel Kontakt zu Christian hat. Aber er hat ja selber gesagt, dass sie so eine Art weirde Freundschaft haben. Er hat ja selber dieses Wort in den Mund genommen. Ja, stimmt, stimmt. Das ist super komisch. Also, dass das halt nicht nur eine berufliche Verbundenheit ist, die ich okay finde im Rahmen seines Jobs, aber da von der Freundschaft zu sprechen, finde ich wirklich, also nee, das finde ich nicht okay. Stimmt, die hatten ja sich sogar auch dann so gegenseitig Tipps gegeben, ne? Ja. So Beziehungstipps. Der Fall ist von vorne bis hinten einfach nur komisch. Er ist komisch, er ist super traurig, er ist... Wie wir am Ende der Folge ja auch gesagt haben, man redet viel über Christian, über den Täter und all das, was er getan hat, aber man sollte vielmehr über die Opfer sprechen, über die arme Familie, die da einfach aus dem Leben gerissen wurde, durch den eigenen Ehemann, durch den eigenen Familienvater. Und ja, dass man auf jeden Fall die nicht vergessen sollte, Mary Jane, Zagary, Sadie und Madison, das sind die vier Leute, die man hier nicht vergessen sollte. Und damit machen wir einen harten Cut, würde ich sagen, und leiten direkt über in den wahrscheinlich eher kürzeren Teil der Personalakte. Denn ich kann euch zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich noch gar nichts erzählen, weil ich immer noch im Urlaub bin, immer noch in Italien. Also ja, bis ich da ein bisschen berichten kann, da wird es noch dauern. Aber Patrick, hast du uns irgendwas zu erzählen? Hau mal raus. Ja, durch die krasse Vorproduktion hier ist es jetzt sehr, sehr weit in der Zukunft gesprochen. Deswegen bei mir, ich habe auch nochmal in meinen Terminplan geguckt, da steht jetzt kein großes Event an. Ich werde ganz normal einfach für einen Podcast Videos machen. Ich werde einfach streamen. Und hoffentlich, ich weiß nicht, vielleicht können wir darüber ja kurz debattieren, hoffentlich werden wir ein bisschen besseres Wetter haben, oder? Weil jetzt, wo wir gerade das aufnehmen, wir sind Anfang Juli und es fühlt sich an, also ich hätte heute, ich habe es hier vor der Aufnahme schon gesagt, ich hätte mich auch einfach hier mit einer Decke hinchillen können. Ich weiß schon, im Stream haben wir ein paar Leute erzählt, besonders die Leute, die im Dachgeschoss wohnen, aber auch Leute, die eher im Süden Deutschlands wohnen, dass es da natürlich wärmer ist. Aber hier bei uns in Berlin ist schon sehr verregnet, ist schon sehr kühl, sehr frisch eigentlich dafür, dass jetzt gerade Sommer sein sollte. Ja, ist ja ein bisschen lustig, weil heute am Aufnahmetag war gestern mein Geburtstag. Und obwohl ich im Sommer Geburtstag habe, habe ich seit fünf Jahren Regen, egal wo ich bin. Ich habe ja erzählt, dass ich meine letzten Geburtstage immer irgendwo im europäischen Ausland verbracht habe, egal wo ich war. Es hat immer geregnet und das ist jetzt fast schon so ein bisschen Running Gag, weil es gestern einfach den ganzen Tag in Berlin geregnet hat. Aber ich war in der Saunalandschaft, dafür war das Wetter wirklich perfekt. Sauna und Lesen ist für mich ja wirklich die absolute Entspannungskombination. Es war richtig, richtig toll. Entweder Sauna und Lesen oder Strand und Lesen. Das ist wirklich so mein Happy Place, wo ich gerne ein Buch aufschlage. Aber ja, schauen wir mal, wie es dann nächstes Jahr am 7.7. wird. Und ich würde sagen, damit beenden wir doch hier mal diese wahrscheinlich wieder sehr, sehr lange Folge und würden uns super doll freuen, wenn ihr am Donnerstag hier wieder einschaltet, denn da gibt es eine neue Folge Schwarze Akte Paranormal oder natürlich wie immer am Dienstag, da gibt es eine reguläre Folge von uns. Bis dann! Wir sind eure Hosts Anne Luckmann und Patrick Strobusch. Redaktion Lina von Coburg und wir. Anne Luckmann Produktion Nadine Lenfer-Unterweger und Lea Backes Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios. Besonderer Dank geht an Falko Schulte.