Diese Episode enthält explizite Details über einen wahren Kriminalfall. Weitere Infos in der Folgenbeschreibung. Der Boden unter Charlies Stiefeln gibt leicht nach. Jeder seiner Schritte versinkt ein Stückchen weiter in feuchten Nadeln, altem Laub und dunkler Erde. Zwischen den Fichten hängt kalter Dunst und irgendwo rechts von ihm rauscht der South Nahanni River. Man sieht ihn nicht, aber man hört ihn die ganze Zeit. Dieses tiefe, gleichmäßige Rauschen, das zwischen den Bäumen hervorkommt und nicht aufhört. Charlie geht vorweg. Hinter ihm kämpfen sich weitere Männer durch das Gestrüpp. Einer zieht seinen Mantel enger um den Körper. Ein anderer bleibt kurz mit dem Gewehrriemen an einem Ast hängen. Dann geht es weiter. Geradeaus. Immer tiefer in den Wald hinein. Sie sind schon seit Tagen unterwegs und suchen nach Frank und Willie, Charlies Brüdern. Zwei erfahrene Männer, die eigentlich wissen, wie man in so einer Gegend überlebt. Die wissen, wie schnell das Wetter hier umschlagen kann oder wie gefährlich ein Fluss wird, wenn der Pegel steigt und wie weit man von jeder Hilfe entfernt ist, wenn man sich hier draußen herumtreibt. Aber die Brüder Frank und Willie sind nicht wieder nach Hause gekommen. Es sind mittlerweile Jahre vergangen, seit sie zu ihrem Abenteuer aufgebrochen sind. Seitdem gibt es keinen Brief, nicht mal eine kurze Nachricht an einen Handelsposten. Niemand hat sie gesehen. Erst versucht Charlie noch, sich nichts einzureden. Hoch im Norden verschwinden Abenteurer eben manchmal für eine Weile. Gerade Goldsucher, wie Frank und Willie. Aber nach nun Jahren ist diese Funkstille nicht mehr normal. Und mit diesem unguten Gefühl im Magen läuft Charlie jetzt durch den Wald. Dann bleibt er plötzlich stehen. Die Männer hinter ihm halten ebenfalls inne. Für einen Moment bewegt sich niemand. Charlie dreht langsam den Kopf und lugt zwischen den Bäumen in die Dunkelheit. Der Nebel hängt tief zwischen den Stämmen. Ein paar Zweige zittern noch leicht. Vielleicht war es nur ein Tier. Oder vielleicht ist einer der Männer hinter ihm auf einen Ast getreten. Charlie wartet noch einen Moment. Dann geht die Gruppe weiter. Ein paar Minuten später wird der Wald lichter. Nicht richtig hell, aber die Bäume stehen hier nicht mehr ganz so dicht. Vor ihnen sehen die Männer eine kleine freie Stelle am Fluss. Dort befindet sich ein Lagerplatz, beziehungsweise das, was davon übrig ist. Charlie bemerkt zuerst die alte Feuerstelle. Graue Asche im nassen Dreck. Daneben Reste einer Ausrüstung. Ein Stück Metall, ein verrosteter Topf und Stofffetzen, die so lange draußen gelegen haben, dass man kaum noch erkennt, was sie mal waren. Ein paar Holzstangen sind ineinander gefallen. Vielleicht war das mal ein Unterstand. Niemand sagt etwas. Für einen kurzen Moment sieht es einfach nur so aus wie ein verlassenes Camp. Möglicherweise ist es das Camp von Frank und Willie. Vielleicht mussten sie die Ausrüstung zurücklassen oder haben irgendwo eine Nachricht hinterlassen, die Charlie nur noch nicht gesehen hat. Seine Augen wandern suchend über den Boden. Dann sieht er tatsächlich etwas Helles zwischen dem Gras. Er kneift die Augen zusammen und geht langsam näher ran. Seine Stiefel drücken mit jedem Schritt schmatzend Wasser aus dem Boden. Hinter ihm folgen die anderen Männer. Aber niemand traut sich, ihn zu überholen. Sie alle starren auf das, was da am Boden liegt. Knochen. Der erste Körper liegt nahe der Feuerstelle. Nur noch ein Skelett. Ein Arm ist nach vorne ausgestreckt. So als hätte der Mann im letzten Moment noch nach etwas greifen wollen. Direkt daneben liegt ein Gewehr im Dreck. Der Lauf ist dunkel und verrostet. Ein paar Schritte weiter liegt der zweite Körper. Halb verborgen unter einer alten Decke. Sie ist feucht, schwer und an manchen Stellen schon mit Erde und Moos bedeckt. Charlie muss nicht näher ran, um zu wissen, wer dort liegt. Das sind Frank und Willie, seine Brüder. Für ein paar Sekunden hört Charlie nur den Fluss. Alles andere scheint ganz weit weg zu sein. Doch er weiß sofort, dass etwas nicht stimmt. Er schaut auf das erste Skelett, dann auf das zweite. Und plötzlich sieht er es. Oder besser, er sieht, was fehlt. Denn beiden fehlt der Kopf. Plötzlich kommt Wind auf. Nicht stark, nur ein kurzer, kalter Stoß, der durch die Bäume weht. Einer der Männer zuckt zusammen und macht einen Schritt zurück. Charlie schaut auf, denn er hört wieder etwas. Ein Knacken. Diesmal kommt es nicht von hinten, sondern aus dem Wald vor ihn. Zwischen den Fichten. Für einen Moment glaubt Charlie, dort eine Bewegung zu sehen. Einen dunklen Schatten zwischen den Stämmen. Er starrt in den Nebel, aber nichts, nur Bäume und Dunkelheit. Und trotzdem hat er dieses komische Gefühl, dass sie an diesem Ort nicht allein sind. Charlie steht zwischen den Knochen seiner Brüder und starrt in den Wald. Was ist hier nur passiert? Wer oder was hat ihnen das angetan? Schwarze Akte. Und damit ganz herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Schwarze Akte Paranormal mit Patrick Strohbusch und mit Anne Luckmann. Hello! Werbung. Werbung Ende. Und wenn man heute auf einer Karte nach dem Nahanni Valley sucht, muss man weit nach oben in den Nordwesten Kanadas gehen. In die Nordwest-Territorien, mehrere hundert Kilometer westlich der Stadt Yellowknife. Dort liegt das Nahanni National Park Reserve, ein riesiges Schutzgebiet rund um den South Nahanni River. Es gehört zum UNESCO-Weltnaturerbe. Parks Canada beschreibt es als eines der spektakulärsten und abgelegensten Schutzgebiete des Landes. Der Park ist über 30.000 Quadratkilometer groß, also ungefähr so groß wie Belgien. Nur ohne Städte oder Straßen. Selbst heute kommt man dort nicht einfach mit dem Auto hin. Für normale Besucher ist der Zugang nämlich aufwendig. Meist per Wasserflugzeug oder über den Fluss. Und Anfang des 20. Jahrhunderts, als Charlie dort unterwegs war, ist das alles noch viel extremer. Das Leben spielt sich eher in kleinen Siedlungen und Handelsposten ab. Da steigt man nicht einfach aus dem Zug. Die Eisenbahn gibt es zwar schon, aber nicht so weit im Norden. Die abgelegenen Handelsposten sind eher Treffpunkte für Jäger, Goldsucher und Händler. Es gibt keine Satellitentelefone, GPS oder Rettungskräfte, die innerhalb weniger Stunden irgendwo auftauchen könnten. Wer damals in dieses Gebiet aufbricht, der trägt schwere Stiefel, Wollkleidung, Decken, Werkzeuge, ein Gewehr und Vorräte bei sich. Man reist mit Booten, Pferden oder zu Fuß. Und wenn etwas schief geht, dann ist man auf sich alleine gestellt. Und das Nahanni Valley ist keine gemütliche Wildnis. Der South Nahanni River schneidet sich durch tiefe Canyons und enge Schluchten. An manchen Stellen ragen die Felswände hunderte Meter nach oben. Es gibt dichte Wälder, Nebel, der über das Wasser kriecht, heiße Quellen, eiskalte Nächte und generell Wetter, das ganz plötzlich umschlagen kann. Im Sommer können Flüsse anschwellen, im Winter wird alles zu Eis. Und irgendwo zwischen den Bäumen leben Grizzlies, Wölfe und Elche. Trotzdem zieht es Anfang des 20. Jahrhunderts immer wieder Männer hierher. Denn nach dem Goldrausch von Klondike ist der Traum vom schnellen Reichtum noch immer da. Ende der 1890er sind tausende Menschen nach Klondike Fields und an den Klondike River in den Nordwesten Kanadas und nach Alaska gezogen, weil dort Gold gefunden wurde. Auch Jahre später hoffen viele noch, dort irgendwo in der Wildnis reich zu werden. In Handelsposten und Kleinsiedlungen machen Geschichten von Gold im Nahanni River die Runde. Für Frank und Willie klingt das nach einem Ort, den sie unbedingt sehen müssen. Die beiden sind aber keine unerfahrenen Männer, die einfach blind einem Gerücht folgen. Frank und Willie kommen aus Fort Leard, einer Kleinsiedlung südlich vom Nahanni-Gebiet. Ihr Vater arbeitet dort für eine große Handelsgesellschaft, die damals den Pelzhandel geprägt hat. Die Brüder wachsen zwischen Handelsposten, Flüssen, Jägern und mit tagelangen Reisen durch die Wildnis auf. Wie alt Frank und Willie zu dieser Zeit genau sind, lässt sich anhand der Quellen nicht sicher sagen. Aber sie sind erwachsene Männer, erfahren und mit der Gegend vertraut, in der man sehr schnell sterben kann, wenn man sie unterschätzt. Anfang der 1900er macht im Norden das Goldgerücht die Runde. Angeblich taucht einmal sogar ein Mann aus dem Nahanni-Gebiet in der Siedlung auf und bezahlt mit Goldstücken, mit kleinen Nuggets. Woher genau er sie hat, soll er nicht verraten haben. Nur, dass sie aus der Nahanni-Gegend stammen. Und man muss sich vorstellen, wie so eine Geschichte damals klingt. Draußen ist es kalt, im Handelsposten riecht es nach Rauch, nach nasser Kleidung und Tee und plötzlich steht da jemand, der aus einer Gegend kommt, die viele lieber meiden und bezahlt einfach mit Gold. Reichtum wollen auch Frank und Willie. Um 1904 machen sich die beiden, und in manchen Versionen auch Charlie, zum ersten Mal auf den Weg ins Nahanni-Gebiet. Sie nehmen Werkzeuge, Vorräte, Gewehre und Goldwaschpfannen mit und ziehen los. Sie fahren mit Booten über Flüsse, tragen Ausrüstung über Land, kämpfen sich durch Wald, Matsch und Kälte. Und irgendwann kommen sie zurück. Offenbar aber nicht mit leeren Händen. Was sie gefunden haben, weiß man heute nicht genau. Aber die drei Brüder sollen genug Gold mitgebracht haben, um sicher zu sein, dass sich die lange Reise gelohnt hat. In einer Erzählung heißt es, dass sie einige besonders schöne Goldnuggets zu einer Kette für eine Taschenuhr verarbeiten lassen. Genau die sieht ein Mann namens Robert. In manchen Quellen wird er als schottischer Ingenieur beschrieben, der für die Handelsgesellschaft arbeitet. Und natürlich interessiert er sich für das Gold der drei Brüder, schmeißt seinen Job hin und schließt sich den Goldsuchern an. Er will die nächste Expedition mit Vorräten ausstatten, wenn er dafür mitkommen darf. Im Sommer 1905 brechen Frank, Willie und Robert zu ihrer Reise auf. Dieses Mal bleibt Charlie zurück. Und er wartet lange. Erst Wochen und dann Monate. Am Anfang ist das noch kein Grund zur Panik. Frank und Willie kennen sich ja aus und solche Reisen dauern damals nun mal deutlich länger. Aber dann vergeht der Herbst, der Winter kommt und dann der Frühling. Es vergehen Jahre und immer noch gibt es keine Nachricht von ihnen. 1908, fast drei Jahre nach dem Aufbruch seiner Brüder, hat Charlie endlich eine kleine Suchgruppe zusammengestellt. Er will Frank und Willie aufspüren. Die Gruppe fährt den South Nahani River hinauf, sucht die Ufer ab und achtet auf alles, was nicht in die Landschaft gehört. In einer Version der Geschichte finden sie unterwegs einen alten Teil eines Hundeschlittens. Darauf soll eine kurze Nachricht gestanden haben, nämlich wir haben einen guten Fund gemacht. Die Männer sind also auf der richtigen Fährte. Kurz darauf findet die Suchtruppe dann das Lager am Fluss. Das ist die Szene aus dem Intro. Sie finden die alte Feuerstelle, die verstreute Ausrüstung und die zwei Skelette. Charlie erkennt seine Brüder an Kleidungsresten und persönlichen Gegenständen. Die Quellen sind sich oft uneinig. In einer steht etwas von einem Ring, in einer anderen wird eine Taschenuhr erwähnt. Einer der Toten soll noch in seiner Decke gelegen haben, so als wäre er im Schlaf überrascht worden. Der andere liegt so, als hätte er im letzten Moment noch versucht, an sein Gewehr zu kommen. Wo sich aber alle Geschichten einig sind, ist, dass den beiden Toten der Kopf fehlt. Charlie und seine Männer suchen die Umgebung ab, finden aber nichts. Keine Schädel im Gras oder am Ufer. Und auch der Ingenieur Robert, der mit den Brüdern unterwegs war, ist spurlos verschwunden. Die Suchtruppe findet keine Hinweise darauf, was hier am Fluss passiert ist. Frank und Willie könnten verhungert sein. Tiere könnten die Köpfe später verschleppt haben. Das wäre in der Wildnis nicht völlig unmöglich. Aber Charlie glaubt nicht an so ein Unglück. Für ihn sieht das alles nach Mord aus. Er glaubt, dass Ingenieur Robert seine Brüder getötet hat und mit dem Gold geflohen ist. Es gibt sogar später Zeugen, die behaupten, Robert sei weit entfernt gesehen worden, mit ungewöhnlich viel Geld. Bewiesen wird das allerdings nie. Und in einer anderen Quelle heißt es, dass irgendwo weiter südlich ein unbekanntes Skelett gefunden wurde, das einige für das von Robert halten. Was wirklich passiert ist, das weiß keiner. Aber genau daraus wächst ein Gerücht. Die Brüder müssen irgendwo Gold gefunden haben. Und daraus entsteht die Geschichte einer verlorenen Goldgrube, irgendwo im Nahanni-Gebiet. Einige nennen sie später die Lost Mine. Eine verlorene Mine, von der immer mehr Männer glauben, dass sie wirklich existiert. Denn wenn Frank und Willie kurz vor ihrem Tod tatsächlich Gold gefunden haben, dann liegt es ganz bestimmt immer noch dort draußen. Und zwar im Deadman Valley, das Tal der toten Männer. So wird die Gegend seit dem Tod der beiden Brüder nämlich genannt. Der Bach in der Nähe bekommt den Namen Headless Creek, also kopfloser Bach. Schon vorher erzählen sich Menschen in der Region von gefährlichen Gegenden im Nahanni-Gebiet, von Bergen, Höhlen und übernatürlichen Wesen, denen man lieber aus dem Weg geht. Darauf kommen wir später noch zurück. Denn wenn es nur bei Frank und Willie geblieben wäre, dann hätte man vielleicht irgendwann von einem einzelnen schrecklichen Fall gesprochen. Aber genau das passiert leider nicht. In den Jahren danach verschwinden im Nahanni-Gebiet noch mehr Menschen. Und wieder fehlt ihnen der Kopf. Einer der ersten Männer, der nach Frank und Willie wieder das Nahanni-Gebiet betritt, heißt Martin. Allerdings fangen schon bei seinem Namen an, die Geschichten leicht auseinanderzugehen. In einigen Quellen ist er ein Schweizer, in anderen ein Norweger oder allgemein ein skandinavischer Holzfäller. Auch wie Altmarten damals ist, weiß niemand. Er gilt jedenfalls als kräftiger, erfahrener Mann. Einer, der da draußen gut zurechtkommt und wahrscheinlich nicht sofort umdreht, nur weil andere gruselige Geschichten erzählen. Wahrscheinlich um 1910 herum macht Martin sich auf den Weg ins Nahanni-Gebiet. Nur wenige Jahre, nachdem Charlie die kopflosen Skelette seiner Brüder gefunden hat. Die Geschichte von Frank und Willie ist da längst bekannt, aber Martin lässt sich davon nicht abschrecken. Er zieht also tief hinein in das Gebiet und baut sich eine Hütte in der Nähe eines Flussarms. Er hackt Holz, legt sich Vorräte an und stellt Fallen. Er sucht währenddessen in den Bächen nach Gold und lebt von dem, was die Wildnis ebenso hergibt. Eine Zeit lang scheint alles gut zu gehen. Irgendwann schickt Martin sogar eine Nachricht zurück in die Zivilisation. Ein Mann, der durch die Gegend gereist ist, bringt sie mit und wird dafür von Martin mit purem Gold bezahlt. Auf dem Stück Papier schreibt Martin, dass er Gold gefunden habe. In manchen Erzählungen klingt es sogar so, als sei er sicher, jetzt steinreich zu werden. Das muss die Männer in der Siedlung ja sofort an die toten Brüder erinnern. Es ist das gleiche Muster. Wieder einer, der ins Nahani geht. Wieder einer, der Gold findet. Und wieder einer, der nicht zurückkehrt. Denn nach Martins Nachricht hört man nichts mehr von ihm. Das kann natürlich vieles bedeuten. Vielleicht bleibt Martin über den Winter draußen oder will seine Goldmine noch nicht verlassen. Vielleicht hat er mehr gefunden, als er tragen kann. Schließlich macht sich aber doch wieder ein Suchtrupp auf den Weg. Als die Männer bei Martins Hütte ankommen, steht diese allerdings gar nicht mehr. Stattdessen finden sie nur noch verbranntes Holz und Asche. In einigen Versionen der Geschichte liegt noch ein Eimer in der Nähe, so als hätte Martin verzweifelt versucht, Wasser zu holen. Er selbst liegt in der Nähe der verbrannten Hütte. Es sind nur noch Knochen von ihm übrig. Und auch sein Kopf fehlt. Die Männer suchen in der Umgebung nach dem verlorenen Schädel, finden aber keinen. Und auch keine Erklärung für sein Fehlen. Sie begraben also, was von Martin übrig ist, und markieren die Stelle mit einem einfachen Holzkreuz. Dann verlassen sie den Ort wieder. Später erzählen die Leute in der Gegend nicht alle dieselbe Version. Einige sagen, Martin sei ermordet worden. Andere glauben an einen Bären. Wieder andere meinen, er sei im Winter verhungert und Tiere hätten den Kopf mitgenommen. Gerade wenn die Körper länger im Wald liegen, ist es zwar normal, dass Tiere Teile des Körpers wegzerren, aber nur den Kopf? Das ist doch eher ungewöhnlich. Und jedes Mal, wenn die Geschichte erzählt wird, gibt es diesen einen gruseligen Moment. Martin war ja nicht der Erste. Und er wird auch nicht der Letzte sein, der in der Wildnis auf so merkwürdige Weise ums Leben kommt. Diese Fälle kennen wir nicht aus Ermittlungsakten, sondern aus Berichten, Lokalgeschichten und Abenteuerbüchern. Deshalb verändern sich Namen, Jahreszahlen und Details von Version zu Version. Aber gerade dieses Verschwimmen macht die Legende ja nur noch stärker. Da gibt es zum Beispiel die Geschichte von John, ein ehemaliger Soldat, der im Nahani-Gebiet unterwegs ist, um seine Fallen zu kontrollieren. Er will in ein paar Tagen zurück in der Zivilisation sein, aber er taucht nicht wieder auf. Als Sucher seine Spur verfolgen, finden sie ihn auf einem Berghang, zusammengesunken über einem kleinen Haufen Zunder. In einer Hand umklammert er noch eine Schachtel Streichhölzer, als hätte er noch im letzten Moment versucht, ein Feuer zu machen. Aber er hat es nicht geschafft. Nicht lange danach verschwindet eine junge Frau, die in den Erzählungen mal Annie, May oder Tenny genannt wird. Sie ist eigentlich mit einer Gruppe im Wald unterwegs, als sie plötzlich aber nicht mehr zu sehen ist. Am Anfang denkt man vielleicht noch, Annie ist nur kurz vom Weg abgekommen. Zwischen den Bäumen und Felsen sieht ein Weg aus wie jeder andere. Dann findet die Gruppe plötzlich doch eine Spur. Kleine Abdrücke im Boden. Annies Schritte, die nicht zurück zum Lager führen, sondern sich immer weiter davon entfernen. tiefer hinein in die Wildnis. Die Männer folgen der Spur erst durch den Wald, dann über steiles Geländer. Irgendwann entdecken sie Kleidungsstücke, die an Ästen hängen. Sie sind zerrissen, so als wäre Annie einfach blind links durch das Gestrüpp gerannt. Die Spuren führen über Stellen, an denen selbst erfahrene Jäger vorsichtig unterwegs sind. Dann hören die Spuren an einer steilen Felswand aber plötzlich auf. Als die Männer von außen herum nach oben steigen, finden sie aber wieder was. Oben auf dem Felsen. Danach folgen sie ihr noch ein Stück. Aber sie verliert sich. Annie wird nie wieder gesehen. Trotz dieser Geschichten kommen auch weiterhin Menschen in das Nahanni-Gebiet. Goldsucher, Jäger und Männer mit Landkarten und Gewehren. Einer von ihnen ist Yukon. Ein Mann, der selbst fast schon wie eine Legende beschrieben wird. Groß, wertig, wortkarg und meistens allein unterwegs. Wenn er an einem Handelsposten auftaucht, kauft er Tee, Salz, Streichhölzer und Munition. Das bezahlt er mit Gold. Ende der 1920er wird wieder eine Leiche ohne Kopf im Nahani-Gebiet gefunden, die viele später mit Yukon in Verbindung bringen. Es ist damit die vierte kopflose Leiche. Es verschwinden noch weitere Menschen, ohne dass man überhaupt ihre Leichen findet. Zum Beispiel Angus, der sich von seinen Begleitern im Wald trennt, weil sie ihm zu langsam sind. Sie sehen ihn nie wieder. Nur ein einzelner Stiefelabdruck bleibt am Boden zurück. Auch Bill und Joe erleiden dieses Schicksal. Die beiden brechen im Winter in eine abgelegene Gegend auf, um dort zu jagen. Im Frühjahr wollen sie eigentlich zurückkommen, aber auch sie tauchen nicht wieder auf. Dort, wo sie gelebt haben, finden Sucher später eine verbrannte Hütte. Aber keine Skelette, nur Asche. Irgendwann tauchen einzelne Dinge auf, die vielleicht zu ihnen gehört haben könnten. Eine ordentlich zusammengelegte Plane und eine Tabakdose. Aber nichts davon erklärt, was mit ihnen passiert sein könnte und wo sie sind. Mitte der 1940er kommt noch ein Fund dazu. Ein stark verwester Körper nahe des Flusses. Ein Mann in einem Schlafsack. Sein Kopf ist fast vom Körper abgetrennt. Und dann ist da noch Phil. Er lebt als Jäger draußen im Nahani-Gebiet. Seine Verlobte erwartet ihn im Frühjahr zurück zu Hause. Aber Phil bleibt verschwunden. Seine Verlobte organisiert daraufhin eine Suchmannschaft, die loszieht. Und die finden etwas. Erst sind es Fallen, die seit langer Zeit niemand mehr kontrolliert hat. Dann stoßen sie auf ein Gewehr am Ufer und Reste eines Bootes im Treibholz. Schließlich erreichen sie Filzhütte. Auch sie ist abgebrannt. In den Berichten widersprechen sich aber mal wieder einige Details. Einige halten alles nur für einen Unfall. Vielleicht der Ofen oder ein Feuer, das sich zu schnell ausgebreitet hat. Andere erzählen die Geschichte deutlich unheimlicher. An seinem Vorratslager soll nämlich ein Stück Holz befestigt gewesen sein, mit einer Nachricht drauf. Phil. Sein Ende, August 1932. Niemand weiß sicher, wer das geschrieben hat oder wann oder warum. Irgendwann stehen all die Namen sogar auf Landkarten und in Zeitungen. Die Gegend heißt offiziell Dead Man Valley, Headless Creek, Funeral Range und Valley of the Headless Man. Und dann kommen noch andere Geschichten dazu. Denn im Nahani-Gebiet gibt es schon viel ältere Erzählungen über Orte, die man besser meiden sollte. Über Wesen in den Bergen, über Höhlen, Nebel, heiße Quellen und Dinge, die sich nicht so einfach erklären lassen. Eine dieser alten Geschichten kommt von den Dene, den indigenen Völkern im Norden Kanadas, die seit sehr langer Zeit in dieser Region leben. Im Deutschen nennt man sie Athabasken. Für sie ist das Nahanigebiet keine Goldgrube, keine gefährliche Wildnis und auch kein Abenteuerspielplatz. Es ist ein Land mit Flüssen, heißen Quellen, Bergen und Orten, die eine Bedeutung haben und über die man sich alte Geschichten erzählt. Wichtig dabei ist, diese Erzählungen sind nicht einfach Monstergeschichten. Viele wurden später von Zeitungen, Abenteurern und Autoren aus ihrem kulturellen Kontext gerissen und mit kolonialen Wildnisfantasien vermischt. Es geht auch darum, wie solche Geschichten weitergegeben und manchmal ausgeschlachtet werden. In diesen alten Erzählungen gibt es einen Namen, der immer wieder auftaucht, die Naha. Ein Volk, das hoch in den Bergen gelebt haben soll. Es heißt, sie seien von dort heruntergekommen, hätten Lager überfallen und seien dann wieder verschwunden, bevor ihnen irgendjemand folgen konnte. In einigen Versionen sind sie einfach nur ein Volk. In anderen klingen sie viel größer, brutaler und fast schon nicht mehr richtig menschlich. Ein Volk, das aus den Bergen kommt, schnell zuschlägt und dann wieder im Nebel verschwindet. Irgendwann, so wird es erzählt, wollen die Dainé das nicht länger hinnehmen. Eine Gruppe von Kriegern macht sich auf den Weg in die Berge. Sie folgen den alten Wegen, steigen höher und gehen tiefer ins Nahanni-Gebiet hinein. Dort sehen sie irgendwann Rauch und finden ein Lager mit Unterständen und Feuerstellen. Alles sieht so aus, als müssten die Naha ganz in der Nähe sein. Die Krieger bereiten sich auf einen Angriff vor. Sie gehen mit Waffen in der Hand ins Lager, aber dort ist niemand. Keine Männer, Frauen oder Kinder. Aber auch keine Toten oder Spuren eines Kampfes. Nur ein verlassenes Lager mitten in den Bergen. Als hätten alle, die dort gelebt haben, gerade noch Feuer gemacht und wären dann im nächsten Moment spurlos verschwunden. Die Dene bleiben also nicht lange dort. In der Geschichte verlassen sie den Ort schnell wieder und kehren zurück nach Hause. Danach sollen die Naha nie wieder gesehen worden sein. Später sprechen einige nicht mehr von den Naha, sondern von den Nukhani, haarige, menschenähnliche Wesen, die in den Bergen leben sollen. Gestalten, die sich in Höhlen verstecken und Menschen beobachten, wenn sie den Fluss hinaufkommen. Und Höhlen gibt es dort genug. Dunkle Öffnungen im Fels über dem South Nahani River, Spalten im Gestein und Stellen, an denen man nicht sehen kann, wie tief es hineingeht. Dort hätten früher die Naha gelebt, heißt es in einigen Erzählungen. Andere sagen, dort leben die Nukani. Wieder andere erzählen von Geistern, die in den Höhlen warten und Menschen verschwinden lassen können. In windigen Nächten soll man in den Canyons manchmal ein Heulen hören, das nicht wie ein Tier klingt, aber auch nicht wie ein Mensch. Auch die heißen Quellen passen in diese Welt. Für die Dene haben solche Orte nämlich eine besondere Bedeutung. Manchmal werden dort zum Beispiel Gaben hinterlassen, damit eine Reise gut verläuft. In einer Erzählung lebt bei den Quellen ein alter Riese, der sein Essen im heißen Wasser kocht. Wenn man solche Erzählungen heute hört, dann wirken sie vielleicht erstmal weit weg von unserer Welt. Aber man muss sich vorstellen, wie die Geschichten damals im 20. Jahrhundert auf eine Person wirken, die tagelang durch Kälte, Wälder und über Felsen läuft und dann plötzlich Dampf zwischen den Bäumen sieht. Warmes Wasser, das aus der Erde kommt. Dichter Nebel, der über dem Boden hängt. Der Ort sieht dann für sie einfach magisch oder mystisch aus. Werbung. Werbung Ende. Genau daraus entsteht das Gerücht eines versteckten, warmen Tales, irgendwo im Nahani-Gebiet. Ein Tal, in dem der Schnee nicht liegen bleibt, wo es schwarzen, fruchtbaren Boden gibt, dichtes Grün und Tiere, die riesig und gut genährt sind. Fast wie ein Paradies, versteckt mitten im Norden. In einem wissenschaftlichen Artikel des Magazins The Northern Review heißt es, dass sich diese Geschichte wahrscheinlich mit anderen Erzählungen über heiße Quellen und nördliche Oasen vermischt hat. Aber für die Leute in der Gegend ist das erstmal egal. Sie hören nicht, dass das alles vielleicht übertrieben dargestellt wurde. Sie hören, dass es irgendwo da draußen ein warmes Tal gibt, ein Paradies und vielleicht ja sogar Gold. Und dann gibt es noch Gerüchte über Spuren. Jäger erzählen von Abdrücken im Schnee oder im weichen Schlamm, die zu groß für normale Tiere sind. Von Knochen, von Elfenbeinen und Wesen, die aussehen sollen, als kämen sie aus einer anderen Zeit. Mammuts und Mastodons, die es eigentlich längst nicht mehr geben dürfte. Mastodons waren große, elefantenähnliche Tiere aus der Eiszeit, so ähnlich wie Mammuts. Wahrscheinlich sind viele dieser Geschichten falsch weitererzählt worden. Vielleicht stammen einige Spuren in Wirklichkeit von Bären. Aber wenn man nachts da draußen sitzt und etwas Schweres durchs Gebüsch trampelt, dann denkt man eben oft nicht zuerst an eine ganz normale Erklärung. Vielleicht ist ein Wahila mit Köpfen im Maul im Dickicht verschwunden. Ein Wahila ist ein Tier, das aussehen soll wie ein riesiger Wolf, nur größer und schwerer. Es ist nicht in einem Rudel, sondern allein unterwegs. Einige bringen es mit uralten Raubtieren in Verbindung, mit einem sogenannten Bärenhund, der eigentlich seit Millionen Jahren ausgestorben ist. Bewiesen ist das nicht. Aber in einem Tal, in dem immer wieder Skelette ohne Kopf gefunden werden, ist die Vorstellung von einem riesigen Wolf nicht ganz abwegig. Es könnte aber auch der Nukluk sein, ein kleiner, haariger, halbnackter Mann mit dunklem Bart. Er trägt ein Ländenschutz aus Tierhaut und schwingt manchmal eine Keule. Er soll unter anderem in der Gegend von Fort Liat gesehen worden sein. Ein verwilderter Mensch. Oder eine Fantasie aus den alten Geschichten über die Wesen in den Bergen. Und dann gibt es noch diese Lichter. Seltsame Lichter über dem Wald und den Bergen, wo nachts eigentlich nichts leuchten sollte. Viele halten die heute für Ufos. Früher hätte man vielleicht von Geistern gesprochen. Nicht alles davon passt zusammen. Vieles klingt widersprüchlich. Einiges wahrscheinlich sogar ausgeschmückt. Und vieles wurde vielleicht auch einfach falsch verstanden. Aber stellt euch vor, ihr seid einer dieser Männer Anfang des 20. Jahrhunderts. Ihr sitzt in einer Siedlung, wollt in ein Tal aufbrechen, um nach Gold zu suchen, aus dem andere aber nicht mehr zurückgekommen sind. Und dann erzählt euch jemand vom kopflosen Frank und Willie, von verbrannten Hütten, einem verschwundenen Volk und einem Riesenwolf. Was passiert, wenn Zeitungen diese Geschichten nehmen, sie zuspitzen und verkaufen? Die Geschichten über das Nahani-Valley verbreiten sich nämlich nicht nur in Kanada. In den 1930er und 1940er Jahren werden die Legenden immer weiter nach Süden getragen. Erst sind es Erzählungen, dann kurze Berichte in Zeitungen und schließlich größere Artikel, in denen alles zusammenkommt. Die kopflosen Brüder, die verbrannten Hütten, die verlorene Goldmine, die alten Warnungen, die seltsamen Wesen und dieses angebliche Paradies irgendwo im Norden. Aus einer gefährlichen Wildnis wird ein Ort den Menschen kennen, obwohl sie nie dort waren. Die gruseligen Namen helfen natürlich dabei. Deadman Valley, Headless Creek, Funeral Range, Broken Sky River, Doom Canyon und Vampire Peaks. Diese Namen gibt es wirklich auf den Landkarten und die klingen nicht nach einer gemütlichen Wanderroute. Sie klingen wie etwas, das man auf einer Karte sieht und dann lieber doch nicht besucht. Im Jahr 1946 greifen mehrere Zeitungen die Geschichten auf. In kanadischen und amerikanischen Zeitungen erscheinen Artikel über das Nahanni-Gebiet. Der Norden wird darin nicht einfach nur als schwer zugängliche Region beschrieben, sondern als ein Ort, an dem etwas nicht stimmt. Eine Zeitung schreibt von einem Tal voller Geheimnisse. Von Toten, Gold und Wesen, die angeblich aus den Bergen kommen. Das klingt übertrieben, und vieles daran ist es wahrscheinlich auch, Aber es funktioniert. Die Leute lesen das und wollen wissen, was dort oben wirklich passiert. Und je mehr darüber geschrieben wird, desto größer wird das Tal in den Köpfen der Menschen. Und dann taucht Pierre Burton auf der Bildfläche auf. Er ist damals ein junger Reporter bei der Zeitung Vancouver Sun. 1947 wird er in den Norden geschickt, um über das Headless Valley zu berichten. Und das ausgerechnet mitten im Winter. Es ist extrem kalt, zusammen mit einem Piloten und einem Fotografen in einem Buschflugzeug. Schon die Reise klingt wie ein unheimliches Abenteuer. Er schreibt eine ganze Serie über das Headless Valley. Die Zeitung will natürlich Drama. Und der Reporter liefert. Er nimmt die Geschichten ernst genug, damit sie spannend bleiben, aber nicht so ernst, dass man vergisst, dass er eigentlich als Journalist unterwegs ist. Später gibt er selbst zu, dass viele Behauptungen über die Gegend auf sehr bröckeligem Fundament standen. Aber damals ist genau das ein Teil der Story. Niemand weiß sicher, was stimmt. Also wird alles erzählt. Als Burton und seine Begleiter das Gebiet schließlich erreichen, sieht er allerdings nicht das, was die Zeitungen versprochen haben. Kein Paradies voller riesiger Pflanzen. Keine Nebelwand, die eine verborgene Welt schützt. Keine Riesen, keine Monster und auch keine lebenden Überreste aus der Urzeit. Nur Schnee, Felsen, Wald und eine Stille, die fast noch unangenehmer ist als jede Legende. In einem Artikel schreibt Burton, dass sich das Geheimnis in Luft auflöst, sobald man erstmal dort ist. Das Headless Valley sei kein magischer Ort, sondern ein einsames, schwer zu erreichendes Tal. Verflucht, höchstens durch seine Stille. Und trotzdem macht gerade diese Expedition die Legende noch größer. Denn auch wenn Burton vieles entzaubert, bringt er das Nahanni-Gebiet nochmal verstärkt in Zeitungen, Magazine und Radiosendungen. Plötzlich kennen Menschen weit weg vom Norden Kanadas diesen Namen. Valley of the Headless Man. In dem Magazin MacLeans erscheint 1947 ein Satz, der die Geschichte ziemlich gut zusammenfasst. Das Gold des Nahanni könnte Mythos sein, aber die Morde seien harte Fakten. Und genau da steckt das Problem. Man kann sagen, dass Zeitungen übertrieben haben und dass Goldsucher gerne Geschichten ausschmücken. Aber Frank und Willie, Martin und viele andere sind ja trotzdem tot. Andere sind spurlos verschwunden. Die Legende lebt nicht, weil alles daran wahr ist. Sie lebt, weil genug daran wahr ist. In den 1960er und 70er Jahren besuchen wieder Reporter von Magazinen, Filmteams und Abenteurer das Tal. Ein Mann, der aus der Gegend zurückkommt, wird später mit diesem Satz zitiert. Man könnte die düstere Atmosphäre dieses Tals nicht leugnen. Und dieses merkwürdige, dauernde Heulen des Windes werde er auch nicht mehr vergessen. Wenn man die ganzen Geschichten einmal zur Seite schiebt und nur auf das schaut, was wirklich übrig bleibt, merkt man ziemlich schnell, man braucht keine Monster, damit das Nahanni-Gebiet gefährlich ist. Der South Nahanni River ist nämlich auch nicht ohne. Das ist kein ruhiger Fluss, er hat wilde Stromschnellen, das kann plötzlich zu Hochwasser kommen, das gefriert und dann im Frühjahr alles mitreißen kann. Wer sein Boot verliert, der verliert Vorräte, Werkzeuge, Kleidung, Munition und vielleicht die einzige Möglichkeit, überhaupt wieder zurückzukommen. Vielleicht war es also doch kein Mord. Vielleicht ist genau das den Brüdern Frank und Willie passiert. Wenn ein Körper lange genug draußen in der wilden Natur liegt, bleibt er nicht unberührt. Tiere können ihn finden, Schnee ihn bedecken, im Sommer kommen Insekten dazu. Im Winter friert alles ein. Nach Monaten oder Jahren kann ein Fundort ganz anders aussehen als am Tag des Todes. Für den verbliebenen Bruder Charlie ist und bleibt Robert der Hauptverdächtige. Der Ingenieur, der mit Frank und Willie losgezogen ist und danach spurlos verschwindet. Der Mann, von dem einige später sagen, er sei irgendwo weit weg mit auffällig viel Geld gesichtet worden. Das ist keine bewiesene Geschichte. Aber sie passt zu dem, was damals überall im Norden passiert. Goldgier ist wahrscheinlich die einfachste menschliche Erklärung für vieles im Nahanni Valley. Und dann sind da noch die Erzählungen über die Naha, über die Nukani, über den Wahila und all die Wesen, die angeblich in den Bergen leben. Dafür gibt es zwar keine Beweise, aber die Geschichten entstehen an einem Ort, der für die indigenen Völker schon lange eine Bedeutung hat, bevor Goldsucher dort auftauchen und ihn Headless Valley nennen. Darum muss man mit diesen alten Geschichten vorsichtig sein. Für die indigenen Völker ist die Gegend kein verfluchtes Tal aus einer Gruselgeschichte, sondern ein wichtiger Teil ihres Landes mit großer traditioneller Bedeutung. Erst die Zeitungen machen daraus später Monstersichtungen und einen Fluch, der über dem Ganzen schwebt. Vielleicht, weil sich das einfach besser verkauft. Der Historiker Robert Vranes schreibt, dass die Legende vom Headless Valley nicht einfach nur wahr oder falsch ist. Sie ist eine Mischung aus Geschichte, Mythos und Fantasie. Aber sie hat trotzdem echte Folgen. Sie verändert, wie Menschen diesen Ort sehen, welche Namen sie benutzen, welche Geschichten sie weitererzählen und welche anderen Geschichten dadurch in den Hintergrund gedrängt werden. Denn unter dem Namen Headless Valley liegt Naha Dehe, das Land der indigenen Völker. Die Legende von den kopflosen Männern legt sich darüber wie eine zweite Schicht. Und genau das ist eine der seltsamsten Wendungen dieser ganzen Geschichte. Denn diese Legende trägt später dazu bei, dass das Tal geschützt wird. In den 1970er Jahren tauchen Pläne auf, Teile des Flusses für Wasserkraft zu nutzen. Das würde bedeuten, dass der wilde Fluss und Teile der Täler verändert oder überflutet werden könnten. Naturschützer wollen, dass das Gebiet geschützt wird. Und dabei half, dass die Gegend schon berühmt war. Gerade wegen der ganzen düsteren Geschichten. Und damit würde ich sagen, springen wir direkt in die Diskussion rein. Davor aber noch ganz, ganz kurz. Vielen lieben Dank, Erik, für den Fallvorschlag. Du hast uns Valley of the Headless Man vorgeschlagen und damit würde ich jetzt sagen, Anne, was sind deine Takes zu dem Fall? Ich finde das bei der Geschichte gar nicht so einfach, jetzt so konkrete Gedanken zu äußern, weil wir so viele verschiedene Details in so vielen verschiedenen Quellen haben. Wir haben es ja auch an den jeweiligen Stellen immer gesagt, dass teilweise die eine Quelle das gesagt hat, die andere Quelle hat das gesagt. Das macht es halt ein bisschen uneindeutig, aber auf der anderen Seite, finde ich, macht es das auch so ein bisschen unbekannt. Ja, mystischer, oder? Spannender, dass man eben dann doch nicht genau weiß, wie war das da jetzt alles. Aber ich finde es total schwierig, da jetzt in klaren Gedanken zu fassen, weil ich habe ja jetzt schon Angst vor so einem deutschen Wald, weißt du? Also ich würde ja jetzt schon nicht in einen dunklen Wald gehen. Und wenn ich dann noch wüsste, dass es so Geschichten gibt im Sinne von, ey, wenn du da dich jetzt länger im Wald aufhältst, dann kann dir das und das passieren. Na, im Leben würde ich da ja nicht reingehen. Warst du schon mal, als du junger warst oder so, in einem Wald, wo es dann langsam draußen dunkel und schummrig wurde? Ich sag mal so, ich wurde gezwungen auf Klassenfahrt bei einer Nachtwanderung. Da sind wir durchaus mal durch den Wald. Oh, ich hab Nachtwanderung geliebt früher. Ich hab's gehasst. Ich war so ein Schisser. Ich hatte wirklich so, so Angst, weil Lehrer sind dann ja auch manchmal ein bisschen gemein und versuchen die Kinder dann auch so ein bisschen zu erschrecken. Ey, ich bin ja so schreckhaft, ich hatte so Angst bei Dunkelheit und im Wald. Also für mich war Nachtwanderung wirklich der absolute Horror. Das war auf jeden Fall, wie du schon sagst, Horror, aber ich fand es so cool damals. Nee, ich kann mich nämlich erinnern, dass ich auch in meiner Heimatstadt, in einem nahegelegenen Wald mal ein bisschen umherspaziert bin und ja, nicht den Ausgang so schnell gefunden habe. Und draußen ist es langsam, aber sicher immer dunkler geworden. Und sobald es dann einsetzt, dass es so schummrig wird im Wald, sage ich ganz ehrlich, trotz dessen, dass wir heute und hier leben und so viele Erklärungen für alles haben, ich sage ehrlich, ich habe mich überall nochmal doppelt umgedreht und geguckt, dass da nicht irgendjemand oder irgendetwas ist. Ja, voll, das haben wir ja vorhin auch einmal gesagt, dass obwohl man manchmal ja weiß, okay, da kann jetzt nichts sein, wenn es irgendwie hinter dir knackt in der Natur und es ist dunkel. Dann redet man sich plötzlich doch irgendwie so übernatürliche Erklärungen ein. Also geht mir ja auch so, dass ich dann in bestimmten Situationen denke, okay, also rein rational weiß ich eigentlich, woher dieses Geräusch kommt. Aber was ist, wenn? Ja, ist wahrscheinlich auch menschlich, so zu denken. Und damals in der Zeit, in der diese ganzen Geschichten sich zugetragen haben, da, waren die Leute ja noch ein bisschen, ich sag mal, uninformierter und haben sich wahrscheinlich noch mehr solche Geschichten zusammengesponnen oder Erklärungen. Genau das wollte ich nämlich sagen, weil ich kann mir richtig gut vorstellen, wie früher denn. Die unterschiedlichen Storys, was wir ja auch jetzt euch hier schon erzählt haben, dass die einen sagen so, die anderen sagen so, aufeinander getroffen sind und dann sagen die einen so, nein, das war so und so, die anderen sagen, nein, das war so und so, dann steht mittendrin nochmal eine komplett neue Geschichte irgendwie, aber so einen richtigen Abschluss, finden sie gar nicht heutzutage Heutzutage, und da mache ich mal direkt den nächsten Schritt in. Der Diskussion, heutzutage wird so eine Diskussion ja auch ganz schnell durch Google und Co. Finde ich einfach dann totgeschlagen, weil man diskutiert, dann googelt man und dann ist die Diskussion vorbei. Aber nichtsdestotrotz finde ich es voll schön, dass wir hier, das ist jetzt ein ganz komischer Take, aber im Hier-und-Jetzt-Leben, weil ich kann mir gut vorstellen, dass so ein Fall heutzutage halt natürlich viel schneller mit den Handys, die wir haben, mit allgemeiner Technologie, viel schneller aufgeklärt worden wäre, Und es hoffentlich natürlich dann auch viel weniger Tode gegeben hätte. Aber ja, das finde ich, das brannte mir noch unter den Fingernägeln. Das wollte ich irgendwie noch so sagen, dass ich so manchmal echt das Gefühl habe, weil ich ja schon mal gesagt habe, ich mag alte Fälle, dass ich doch schon sehr gerne im Hier und Jetzt einfach lebe. Ja, geht mir auch so. Und ihr könnt ja mal sagen, ob ihr eher Team Patrick seid und Nachtwanderung früher geliebt habt, wenn ihr das mit der Schule gemacht habt. Oder ob ihr da eher so ein bisschen schissrig unterwegs wart wie ich und da nicht so viel Freude hattet. Vielleicht können wir ja bei Spotify so eine kleine Umfrage mal machen, weil es würde mich wirklich interessieren. Ja, ob ich zur Mehrheit gehöre oder du, Patrick? Ja, ich bin sehr, sehr gespannt. Du stehst ja eher auf so andere Thriller-Sachen. Oder hast du noch was für die Diskussion? Weil sonst würde ich sagen, ist das die perfekte Brücke, um jetzt in die Personalakte zu springen. Denn auch wenn wir hier über Mord und Totschlag sprechen, wollen wir euch immer noch einen möglichst positiven Weg hier raus irgendwie zeigen. Möglichst positiven Vibe am Ende zusammenfinden. Und bei mir steht aktuell nichts an. Ihr wisst, bei mir wie immer streamen. Wenn ihr Bock habt, kommt gern vorbei. Links sind in der Folgenbeschreibung. Ich mache jetzt mal ganz dreist Eigenwerbung, weil bei uns ein Minecraft Hide and Seek ansteht. Aber damit sei genug von meiner Seite erzählt. Ich bin nämlich sehr gespannt auf deine Thriller-Empfehlungen. Ich lehne mich jetzt zurück einfach. Ja, es passt gar nicht, dass ich sowas so gerne lese, weil ich ja so ein ängstlicher Mensch bin und dann beschäftige ich mich hauptsächlich mit True Crime und lese in meiner Freizeit auch noch Thriller. Keine Ahnung, wieso das so ambivalent ist, aber gut. Ja, ich habe tatsächlich wieder eine Empfehlung und zwar von einer Autorin, deren Thriller ich sowieso total gerne mag. Und zwar heißt sie Claire Douglas. Vielleicht kennt ihr die schon. Die hat so Bücher geschrieben wie Perfect Crime, Girls Night, Vergessen, Schönes Mädchen. Also über die Titel kann man sich streiten, die sind jetzt nicht so gut, aber der Inhalt, der ist wirklich super spannend. Und es gibt ein neues Buch, das heißt Geliebte Schwester. Das kam erst vor kurzem raus und ich habe es sofort gelesen, weil es gibt so ein paar Autoren und Autorinnen, da weiß man, ey, alle Bücher sind irgendwie gut und machen mir Freude. Und das kann ich auf jeden Fall sehr empfehlen. Das habe ich super schnell durchgelesen. Und ich gebe mal ganz kurz nur eine Übersicht, damit ihr wisst, worum es geht. Es geht nämlich um zwei Schwestern, um Tasha und um Alice, die sich optisch sehr ähnlich sehen, obwohl sie eigentlich komplett verschiedene Leben haben. Denn Tasha ist verheiratet, sie hat Kinder und lebt eher bodenständig. Und ihre Schwester Alice, die macht Fettkarriere, lebt super luxuriös und reist mit ihrem Mann um die Welt. Und Tasha, die braucht dringend mal eine Auszeit. Deswegen lässt Alice sie in eine ihrer Ferienwohnungen in Venedig und zieht so lange mit ihrem Mann in Tashas Haus. Also die tauschen sozusagen kurz zusammen. Ihre Leben. Und dann passiert aber was ziemlich Heftiges, denn Alice wird nachts in Tashas Haus brutal angegriffen. Und nach und nach wird klar, dass der Täter aber vielleicht die falsche Schwester erwischt hat. So viel vielleicht erstmal dazu, sonst würde ich zu viel verraten. Ich fand es super spannend, ich habe es super gerne gelesen und wenn ihr auch gerne Thriller lest, dann schaut euch mal Geliebte Schwester von Claire Douglas an. Das ist ja meine ganz persönliche Empfehlung. Das mache ich gerade ganz freiwillig, also keine Werbung oder irgendwas. Ich fand es wirklich einfach nur gut. Wie viele schwarze Akten würdest du verteilen in dem Fall? Ich würde fünf von fünf schwarze Akten verteilen. Falls ihr weitere Empfehlungen für mich habt, wisst ihr doch Bescheid. Bitte immer gerne her damit. Ich freue mich, wenn meine Buchwunschliste jederzeit erweitert wird. Und dann würde ich aber sagen, schließen wir diese paranormale Akte für heute und freuen uns doch, wenn ihr nächsten Dienstag wieder hier am Start seid, wenn wir eine reguläre Folge der Schwarzen Akte für euch haben. Wir sind eure Hosts Anne Lippmann und Patrick Strobusch. Redaktion Johanna Müsiger und wir. Schnitt Anne Lippmann. Produktion Nadine Lenfer-Unterweger und Lea Backes. Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios Besonderer Dank geht an Falco Schulte.