Diese Episode enthält explizite Details über einen wahren Kriminalfall. Weitere Infos in der Folgenbeschreibung. Der Regen donnert auf das Dach des Autos. Ein plötzlicher Schauer, nicht ungewöhnlich in einer lauwarmen Frühlingsnacht wie heute. Noch ist die Gegend rund um Alchete, eine kleine Stadt nordöstlich von Madrid, in voller Blüte. Die Landschaft mit ihren sanften Hügeln und weiten Ebenen blüht freundlich. Auf den Feldern wiegt das gelbe Korn in schweren, dichten Wellen im Wind. Die Natur atmet. Der Blick schweift ungehindert in die Ferne, denn schattenspännende Bäume trifft das Auge nur selten. In wenigen Wochen wird sich die Hitze langsam anschleichen. Sie bringt die Luft zum Flirren, macht das Atmen schwer und zieht das Leben aus dem Boden. Dann scheinen die roten Ziegelhäuser des Ortes eins mit den ockerfarbenen, kargen Feldern zu werden, die sie umgeben. Bald steht das Leben hier still.

Aber noch ist der Frühling hier herrlich, bunt und lebendig und für Eva voller Versprechen. Vor zwei Monaten ist sie 16 geworden. Sie hat jetzt das Gefühl, dass alles möglich ist. Natürlich ist das Leben als Teenie nicht immer einfach. Eva fühlt sich manchmal fremd im eigenen Körper. Sie ist überfordert von völlig neuen Gefühlen. Gerade hat sie ihren ersten Liebeskummer überstanden und heute, am Samstagabend, darf sie zum ersten Mal bis Mitternacht ausgehen. Eva weiß, dass ihre Eltern sich schnell Sorgen machen. Deswegen möchte sie ihnen beweisen, dass sie ihr vertrauen können und will deswegen sogar eine Viertelstunde früher als vereinbart zu Hause sein. Aber dann kommt alles ganz anders. Mitternacht ist längst verstrichen.

Evas Eltern machen sich ziemliche Sorgen. Sie denken, sie kamen noch nie zu spät. Und gerade weil Eva heute zum ersten Mal so lange ausgehen durfte, würde sie doch nie das Vertrauen ihrer Eltern missbrauchen. Und während die Sorgen ihrer Eltern wachsen, brauen sich draußen langsam dunkle Gewitterwolken zusammen. Als würde die Natur das bevorstehende Unheil ankündigen. Denn Eva ist nicht auf der Party. Sie hat auch keinen Spaß und sie hat auch nicht die Zeit vergessen. Sie kämpft um ihr Leben. Der Regen donnert derweil unerbittlich auf das Land. Er erstickt jedes Geräusch, jeden Schrei. Er vermischt sich mit Evas Tränen und ihrem Blut, das den ockerfarbenen Boden rot färbt, während ihr Herz langsam aufhört zu schlagen. Die 16-Jährige wird nie wieder auf eine Party gehen.

Und damit ganz herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte mit Anne Luckmann und mit Patrick Strohbusch. Hallo, schön, dass ihr uns heute wieder zuhört. Und bevor es mit dem Fall losgeht, wollten wir euch noch ganz kurz erzählen, dass wir im Podcast Food Crimes zu Gast sein durften, sogar schon zum zweiten Mal. Lilly hat uns und Flo da einen super krassen Fall erzählt, der sich in Mexiko zugetragen hat und der ziemlich oft für Sprachlosigkeit bei uns gesorgt hat. Hört doch super gerne mal in die Folge rein, die ist nämlich heute online gegangen bei Food Crimes, was schmeckt dahinter. Und jetzt geht's los mit unserem heutigen Fall. Unser heutiger Fall trägt sich in Spanien zu. Den Ort haben wir im Intro ja genannt und wahrscheinlich haben die wenigsten von euch schon davon gehört. Arrete liegt knapp 30 Kilometer nordöstlich der spanischen Hauptstadt Madrid, auf einem kleinen Hügel, der von weitläufigem Ackerland umgeben ist. Die nüchterne, gelbbraune Landschaft wird nur selten von grünen Oliven und Eukalyptusbäumen gesprenkelt. Hier wächst nichts Überflüssiges, nur das, was mit Hitze, Wind und Geduld leben kann, wie Hafer, Weizen und Gerste.

Trotzdem haben die Menschen schon vor vielen tausend Jahren begonnen, sich hier niederzulassen. Unter der arabischen Herrschaft wurde im 8. Jahrhundert nach Christus auf dem Hügel, auf dem Alchete liegt, eine Festung errichtet, um das Tal zu bewachen. Und spätestens im 16. Jahrhundert entstand hier eine Stadt. Die Pfarrkirche dort stammt sogar noch aus dieser Zeit. Wer sich Ende der 90er Jahre dem Ort nährt, hat allerdings wieder das Gefühl, vor einer Festung zu stehen. Riesige, gleichförmige Wohnblöcke ragen aus der kargen Landschaft hervor wie moderne, strahlend weiße Burgen. Sie umgeben den Hügel wie ein Betonring. Dahinter versteckt liegt der alte, verwinkelte Stadtkern, wie ein leiser Erzähler vergangener Zeiten. Enge Straßen, alle leicht uneben. Die Häuser stehen dicht an dicht, so als hätten sie sich über Jahrzehnte gegenseitig gestützt. Die Fassaden sind Ockerfarben, sandig und ausgebleicht. Die Sonne legt sich hier nicht hart auf die Mauern, sondern strahlt direkt in sie hinein. Die Neubaugebiete hingegen beginnen ohne Übergang. Hier gibt es breite Straßen, klare Linien und gleichmäßige Fassaden in Beige, Grau oder Terrakotta. Nichts ist zufällig, alles ist rechtwinklig. Hier ist alles stiller, aber auch anonymer. Denn Achrete wird in den 80er und 90er Jahren zu einer Pendlerstadt. Ein Wohnort für alle, denen die 5-Millionen-Metropole Madrid zu laut, zu teuer und zu schmutzig ist.

Reihenhäuser und Wohnblöcke schießen aus dem Boden. Die Einwohnerzahl wächst in zwei Jahrzehnten von knapp 3000 auf 13.000. Ein unauffälliger, ruhiger Ort, der 1997 jedoch zum Schauplatz eines furchtbaren Verbrechens wird. Und nicht nur für Archete ist dieses Jahr ein Jahr der Tränen, auch andere traurige Ereignisse erschüttern die Welt. Am 15. Juli fällt der weltberühmte Modedesigner Gianni Versace vor seinem Haus in Miami Beach mehreren Schüssen zum Opfer. Der Täter ist Andrew Cunanan, ein Serienmörder, der bereits vier Menschen getötet hat. Versace wird sein letztes Opfer sein und nur wenige Tage später nimmt sich Cunanan das Leben. Und schon Monate davor, am 9. März, erschüttert ein anderes Verbrechen die Musikwelt. Der Rapper Venatorios B.I.G. wird in Los Angeles aus einem vorbeifahrenden Auto heraus erschossen. Bis heute ist unklar, wer den tödlichen Schuss abgegeben hat. Teile Deutschlands versinken beim Jahrhunderthochwasser.

Reformstau wird zum Wort des Jahres. Ein Ausdruck für das Gefühl, dass dringend nötige politische und gesellschaftliche Veränderungen einfach nicht vorankommen. Und Proll, also eine Person mit einem protzigen, angeberischen Auftreten und wenig Stil, wird zum Jugendwort des Jahres gekürt. Mehr Freude machen den Menschen damals die Tamagotchis, etwas doch eher nervige elektronische Haustiere. Der erste Harry-Potter-Band wird veröffentlicht und Boybands wie die Backstreet Boys und NSYNC lassen die Herzen von Millionen Teenies höher schlagen. Ob auch Elva zu den Liedern dieser Band getanzt hat, das wissen wir nicht. Es könnte aber gut sein, denn 1997 ist sie ja gerade 16 geworden. Sie träumt von Unabhängigkeit und der großen Liebe.

Arrete ist Ende der 90er Jahre ein sehr ruhiger Ort. Es gibt hier keine Discos oder andere Orte zum Feiern. Generell für Jugendliche also ein eher langweiliges Städtchen. Hier passiert so gut wie nie was Aufregendes. Der beliebteste Treffpunkt ist der Tennisplatz hinter der Schule. Dort sitzen und lachen die Teenager auf den Tribünen, küssen sich heimlich im Schatten darunter oder tanzen auf der Spielfläche. Alkohol ist hier auch im Spiel, Obwohl der in Spanien unter 18 Jahren eigentlich verboten ist. Aber ansonsten ist hier wirklich gar nichts los. Und genau diese Ruhe haben Olga und Manuel gesucht. Sie sind mit ihren Töchtern Eva, Rebecca und Maria hierher gezogen. Ihr Viertel heißt Montessoro. Das liegt im Westen der Stadt, am Hang unterhalb des alten Zentrums von Arrete. Hier ist alles sehr ordentlich, sauber und fast ein bisschen steril. Es finden sich keine riesigen Wohnblöcke, sondern zweistöckige Reihenhäuser.

Die in scheinbar endloser Gleichförmigkeit den Hügel hinaufwachsen. Manuel kann seiner Familie in Montessoro ein komfortables Zuhause bieten, obwohl er als Abschleppwagenfahrer ein eher kleines Gehalt bezieht. Niemand würde vermuten, dass nur wenige Meter von seinem Zuhause entfernt eine tödliche Gefahr lauert. Eva, die älteste Tochter, hat ein eigenes Zimmer, ganz oben unter dem Dach. Es ist das Schönste, deswegen haben die drei Schwestern untereinander ausgelost, wer es bekommt. Ein typisches Zimmer einer 16-Jährigen, an der Grenze zwischen Kindheit und Erwachsensein. Die Puppe sitzt noch auf dem Bett und an der Decke hängt ein Schal des Fußballclubs Real Madrid. Aber die ersten Parfumfläschchen, Cremes und Make-up-Dosen sind auch schon eingezogen. Eva ist ein fröhliches Mädchen. Ihre großen, kastanienbraunen Augen strahlen Wärme aus. Sie hat langes, dunkles Haar, auf das sie bestimmt stolz ist. Wir haben euch Fotos von ihr und ihrer Familie in den Show Notes verlinkt. Später möchte sie Tierärztin werden. Oder vielleicht doch Architektin, weil sie gut zeichnen kann. Eva liebt es zu tanzen. Videos zeigen sie beim Flamenco-Unterricht. Und das sprüht sie förmlich vor Lebensfreude. Aber im Moment beschäftigt Eva vor allem eins. Sie möchte endlich erwachsen sein und von ihren Eltern auch so behandelt werden. Deswegen hat sie sich an diesem Samstagabend, dem 19. April 1997.

Etwas in den Kopf gesetzt. Sie will mit ihren Freunden feiern gehen und zum ersten Mal bis Mitternacht wegbleiben. Eva hat einen großen Freundeskreis aus Mädchen und Jungs, einige von ihnen sind schon ein bisschen älter. Mithilfe einer Freundin versucht sie, ihre Mutter zu überreden, dass sie heute länger ausgehen darf als sonst. Sie seien schließlich schon 16 und keine Kinder mehr. Und außerdem ist Eva bislang immer pünktlich nach Hause gekommen. Mutter Olga gibt dem Drängen ihrer Tochter schließlich nach. Eine Entscheidung, die sie für den Rest ihres Lebens aber bereuen wird. An diesem Frühlingsabend feiern die Freunde eine kleine Party auf dem Tennisplatz hinter der Schule, knapp 700 Meter von Evers Zuhause entfernt. Es wird getanzt, getrunken und über Liebeskummer gesprochen. Nur Sebastian, Evers bester Freund, der übrigens auch heimlich in sie verliebt ist, ist nicht dabei.

Normalerweise begleitet er sie anschließend noch nach Hause oder setzt sie mit seinem Motorrad in der Nähe ab, damit sie nicht zu spät kommt. Und zu spät kommen will Eva heute auf keinen Fall. Sie muss ihren Eltern ja beweisen, dass sie ihr Vertrauen können. Pünktlich um 23.45 Uhr verlässt sie den Tennisplatz und macht sich auf den Heimweg. Evas Freundin Vanessa begleitet sie noch bis zum Kreisverkehr. Dann trennen sich ihre Wege. Und vermutlich spürt Eva jetzt die ersten Tropfen auf ihrem Gesicht. Ein lang ersehnter Frühlingsregen in der oft trockenen Gegend. Sie weiß, dass die Regenschauer hier sanft und kurz sein können, aber auch heftig und brutal, wie ein plötzliches Aufbäumen des sonst so blauen Himmels.

Vielleicht entscheidet sich das junge Mädchen deshalb, eine Abkürzung nach Hause zu nehmen. Nicht wie sonst die Straße entlang, sondern über Brachland und durch eine unbeleuchtete Baustelle. In der Nacht ist das ein ziemlich unheimlicher Weg. Deswegen geht Elva ihn bei Dunkelheit eigentlich nie alleine. Aber so wäre sie schneller wieder zu Hause. Elva läuft weiter, hinein in die pechschwarze Nacht. Zur gleichen Zeit, gegen 23.45 Uhr, wird ihre Mutter langsam unruhig. Normalerweise kommt ihre Tochter immer vor der vereinbarten Zeit nach Hause. Aber jetzt kann sie ihre fröhliche Stimme noch nicht hören. Nur die ersten Regentropfen, die rhythmisch aufs Dach prasseln. Eva wird jetzt bestimmt nass. Warum hat sie ihr bloß erlaubt, so lange auszugehen? Olga beginnt nervös im Haus auf- und abzulaufen. Um 23.50 Uhr ruft sie ihren Mann manuell an, der noch mit seinem Abschleppwagen unterwegs ist. Besorgt sagt sie ihm, dass ihre Tochter immer noch nicht da ist.

Sie hofft, dass Eva nichts passiert ist. Dann wählt sie die Nummer von Evas Freundin Vanessa. Die ist schon zu Hause und sagt, dass sie Eva schon vor einer Viertelstunde verabschiedet habe. Sie müsste eigentlich längst zu Hause sein. In Olga steigt Panik auf, die zunehmend größer wird. Sie rennt aus dem Haus, ruft laut Evas Namen immer und immer wieder, aber sie bekommt keine Antwort. Olga kehrt nach Hause zurück. Die Minuten vergehen, aber Eva kommt nicht. Eine halbe Stunde später hält es Olga nicht länger aus. Vielleicht wurde ihre Tochter ja angefahren und liegt verletzt im Straßengraben. Nur 900 Meter von ihrem Wohnhaus entfernt gibt es eine Kaserne der Guardia Civil. Das ist eine Art Militärpolizei, die in Spanien unter anderem für die ländlichen Gebiete zuständig ist. Olga fleht die Beamten an, doch bitte nach ihrer Tochter zu suchen. Aber die lehnen ab. Das Mädchen werde schon noch auftauchen, sagen sie Olga. Es sei ja nicht untypisch für eine Teenagerin, mal zu spät nach Hause zu kommen. Ein fataler Fehler. Denn hätten die Beamten in diesem Moment anders reagiert, dann würden wir diese Geschichte vielleicht heute gar nicht erzählen. Olga und Manuel beschließen, selbst nach ihrer Tochter zu suchen. Sie teilen sich dafür auf. Die Mutter sucht im nahegelegenen Olivenpark, läuft durch die Straßen des Wohnviertels und ruft immer wieder verzweifelt den Namen ihrer Tochter. Doch ihre Rufe heilen nur vom leeren Asphalt und den kahlen Häuserwänden zu ihr zurück.

Vater Manuel sucht die Landstraßen ab und spät dabei ständig in die Straßengräben. Aber nein, nichts ist zu sehen.

Schließlich beginnen die beiden, die Krankenhäuser und Notaufnahmen der Gegend abzufahren. Aber Eva bleibt verschwunden. Sieben Stunden lang suchen die Eltern verzweifelt nach ihrer Tochter, aber ohne eine Spur zu finden.

Als die beiden um 7 Uhr morgens wieder in der Kaserne der Guardia Civil erscheinen, beschließen die Beamten, endlich etwas zu unternehmen.

Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen. Am nächsten Morgen, dem 20. April 1997, öffnen sich die Wolken und der gewohnte blaue Himmel kehrt zurück. Aber der nächtliche Schauer hat die ockerfarbenen Felder rund um Madrid in Schlammwüsten verwandelt. Um kurz vor 9 Uhr macht sich ein Motorradfahrer auf den Weg zur Arbeit. Er möchte anonym bleiben, deswegen nennen wir ihn Juan. Wie jeden Tag nimmt Juan die Landstraße M100, knapp sechs Kilometer südwestlich von Alreta.

Die ist gerade eine Baustelle, also fährt er langsamer als sonst. Drumherum gibt es nichts als Äcker und karges Land. Nur in der Ferne ragen die grünen Gipfel des Nationalparks Sierra de Guadarrama wie ein Versprechen des Lebens aus der gleichförmigen Landschaft hervor. Im Vorbeifahren sieht Juan etwas Dunkles am Straßenrand. Vielleicht ist das ein Mensch. Vielleicht hat es einen Unfall gegeben und die Person ist verletzt. Juan kehrt um und will nachsehen. Und in der Betonabflussrinne neben der Straße, am Fuße eines Erdwalds, findet er tatsächlich etwas. Oder eher jemanden. Es ist der Körper eines Mädchens. Juan kann ihr Gesicht nicht sehen, denn sie liegt auf dem Bauch. Einen Arm hat sie wie suchend rausgestreckt. Er ist aus der Jacke gerutscht. Der andere Arm liegt unter ihrem Körper. Sie trägt eine enge Jeans, ein schwarzes Sweatshirt und Stiefel. Ihre Kleidung und ihre braunlangen Haare sind völlig durchnässt. Es scheint, als würde sie schlafen. Er kann auch kein Blut sehen. Das Mädchen ist Eva. Und sie schläft nicht. Sie ist tot.

Gegen Mittag, knapp zwölf Stunden nach Evers Verschwinden, klingeln die Beamten der Guarda Civil an die Haustür ihrer Familie. Vater Manuel sagt später, er habe sofort gewusst, was passiert ist. Was muss das für ein Gefühl sein, wenn man vom Tod der eigenen Tochter erfährt? Das ist absolut unvorstellbar. Mutter Olga will in diesem Moment einfach nur sterben. Und sie hasst sich dafür, dass sie ihre Tochter bis Mitternacht hat ausgehen lassen. Es ist ein Gefühl der Schuld, dass sie nie wieder los wird. Aber was genau ist mit Eva passiert? Wie ist sie an diesen Ort gekommen, fast sechs Kilometer von ihrem Zuhause entfernt? Joaquin, ein Mordermittler der zuständigen Dienststelle der Guardia Civil, ist dabei, als Evas Leiche geborgen und der Fundort untersucht wird. Es ist schnell klar, dass das Mädchen nicht das Opfer eines Unfalls geworden ist. Eva wurde ermordet. Auf ihrem Körper, besonders an der Hüfte, am Rücken, Nacken und Kopf, sind Stichverletzungen zu sehen. Insgesamt über 18 Stück. Der Regen hat Evers Blut und viele Spuren leider bereits weggespült. Es gibt nur noch einen Schuhabdruck im Schlamm neben Evers Körper, ungefähr Größe 42. Das könnte auf den ersten Blick auf einen Mann hindeuten. Aber stammt der Abdruck überhaupt vom Täter oder einem der Täter?

Einer der Mordermittler, Joaquin, ahnt damals nicht, dass ihn die Ermittlungsarbeiten in diesem Fall fast seine ganze Karriere lang begleiten werden. Auf den ersten Blick sieht es nämlich nicht so aus, als ob die Suche nach dem oder den Mördern besonders schwierig wird. Denn bei der Obduktion gibt es mehrere entscheidende Erkenntnisse. Eva wurde mit einem Klappmesser angegriffen, das eine Klinge mit einer Länge von 8 bis 9 cm hat. Also keine echte Waffe, sondern ein Messer, das man auch mal zufällig in der Hosentasche tragen kann. Das spricht also eher gegen eine geplante Tat, sondern eher für eine Tat im Affekt. Tödlich war wahrscheinlich schon die erste Verletzung an der Hüfte, die Evers Leber getroffen hat. Danach wurde noch über 18 Mal in schneller Abfolge von hinten auf das Mädchen eingestochen. Wahrscheinlich, als sie versucht hat, vor ihrem Angreifer zu fliehen. Rechtsmediziner sprechen in so einem Fall von passionalen Wunden, also Verletzungen, die aus starker emotionaler Erregung heraus entstehen. Zum Beispiel aus Wut, Eifersucht, Hass, Angst oder Kontrollverlust.

Haben es die Ermittler hier also vielleicht mit einem heftigen Beziehungsstreit zu tun, der tödlich ausging? Aber Eva hatte zum Zeitpunkt ihres Todes gar keinen Freund. Zumindest keinen, von dem ihre Familie und Freunde wissen. Eva wurde nach dem Angriff einfach im Straßengraben zurückgelassen, wo sie langsam verblutet ist. Irgendwann zwischen zwei und sechs Uhr morgens muss sie gestorben sein. Hätte es also gleich nach ihrem Verschwinden eine groß angelegte Suche gegeben, dann wäre sie vielleicht noch rechtzeitig gefunden worden. An Evers Körper gibt es keine Abwehrverletzungen. Sie scheint sich also nicht gewehrt zu haben. Das könnte dafür sprechen, dass sie ihren Mörder kannte oder der Angriff für sie völlig überraschend kam. Und nichts deutet darauf hin, dass sie über längere Strecken durch das Gelände geschleift wurde. Der Fundort ist also wahrscheinlich auch der Tatort. Zum Glück hat der Regen aber doch nicht alle Spuren weggewischt. Denn die Rechtsmediziner entdecken rote Faserspuren in Evas Gesicht, die mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem Autositz stammen. Sie könnte also in einem Fahrzeug gesessen haben, als sie angegriffen wurde. Dass sie der erste Stich in die linke Hüfte traf, spricht ebenfalls für die Theorie, dass sie auf dem Beifahrersitz saß. Und dann machen die Rechtsmediziner einen entscheidenden Fund, nämlich Sperma auf ihrer Kleidung, auf und in ihrem Körper und in ihrem Mund.

Eva muss also vor ihrem Tod Geschlechtsverkehr gehabt haben, entweder freiwillig mit einem Mann, den sie kannte, oder sie wurde vergewaltigt. Aus den Puzzlestücken all dieser Indizien versuchen Mordermittler Joaquin und seine Kollegen, ein erstes Bild der Tatnacht zusammenzusetzen. Demnach sei die Teenagerin auf dem Heimweg von einem Mann angesprochen worden und zu ihm ins Auto gestiegen. Gemeinsam wären sie entlang der Bundesstraße M100 an eine Stelle gefahren, an der sich heimlich Liebespaare treffen. Ein Foto davon findet ihr auch in den Shownotes. Dort sei es zum Sex gekommen. Da Evers Körper keine Abwehrverletzung aufweist, könnte der Sex einvernehmlich gewesen sein, so die Theorie der Ermittler. Irgendwann habe der Mann ein Messer gezückt und es ihr seitlich in die Hüfte gerannt.

Panisch sei die 16-Jährige aus dem Auto geflohen, aber der Täter habe sie eingeholt und sie an ihrer Jacke gepackt. Dabei sei ihr Arm aus einem Ärmel gerutscht. Der Erdwall neben der Straße wurde zu Evas tödlicher Falle. Es gab kein Entkommen. Immer wieder habe der Mann von hinten auf sie eingestochen, bis er sie schließlich sterbend im Regen zurückließ. Erwas Familie und Freunde aber widersprechen dieser Theorie vehement. Erwar war ja extrem vorsichtig, sie wäre niemals zu einem Fremden ins Auto gestiegen. Aber was, wenn es gar kein Fremder war, sondern ein Freund? Wenn sie an diesem Abend gar nicht nach Hause wollte, sondern sich heimlich mit einem Mann verabredet hat? Dann sollte es nicht allzu schwer sein, den Täter zu finden. Er müsste dann ja aus ihrem engen Umfeld stammen. Die Ermittler haben außerdem seine DNA und damit einen eindeutigen Beweis. Die ersten Verdächtigen sind die knapp 20 Jugendlichen aus Elvas Freundesgruppe. So entsteht auch der Name der Ermittlungsakte, nämlich Operation Pandea, also Operation Bande oder Clique. Allerdings besitzt keiner der Freunde einen Führerschein, weswegen der Kreis der Verdächtigen ausgeweitet werden muss. Dass es Spermaspuren an Elvas Körper gab, machen die Ermittler erstmal nicht öffentlich.

Sie beginnen damit, heimlich DNA-Proben von Tatverdächtigen zu sichern, durch angeblich zufällige Alkoholkontrollen oder das Einsammeln von Gläsern und Tassen in Bars. Das ist tatsächlich auch in Deutschland erlaubt, weil die Probe nicht heimlich von der Person selbst genommen wird, denn das geht nur mit richterlichem Beschluss und bei konkretem Tatverdacht, sondern dass es nur über einen sogenannten Spurenträger, wie eben ein Glas, eine Zigarette oder eine Türklinke erlaubt. Genau sowas war ja gerade erst in Folge 295 Thema, falls ihr die schon gehört habt. Im Fokus stehen nun also die Väter der Mitschüler, Lehrer, Hausmeister oder Mitarbeiter der Firma von Vater Manuel und sogar Evas Vater selbst. Aber es gibt keinen Treffer, kein Match.

Damit stellt sich die Frage, ob die Ermittler nicht vielleicht doch auf der falschen Fährte sind. Der Mord an der 16-Jährigen erschüttert das ganze Land. Fast 2000 Menschen nehmen drei Tage nach ihrem Tod an der Trauerfeier teil. Und es werden Erinnerungen wach an einen Fall fünf Jahre zuvor, als drei 14-jährige Mädchen aus der Nähe von Valencia entführt, gefoltert und getötet wurden. Jetzt nach Evers gewaltsamem Tod breitet sich Angst in Achretta aus. Kinder und Jugendliche, besonders Mädchen, dürfen nicht mehr alleine vor die Tür. Gleichzeitig beginnt sich der Nebel des Misstrauens über die Stadt zu legen. Er schleicht sich durch verwinkelte Gassen der Altstadt und die geradlinigen Straßen der Neubausiedlung. Er zieht durch Fenster und Türen, hinein in Häuser, Wohnungen, in Bars und Restaurants. Jeder beginnt, dem anderen zu misstrauen. War es einer von ihnen? Sitzt der Täter gerade am Tisch gegenüber? Lebt er im Haus nebenan? Der eh schon stille Ort verstummt jetzt ganz. Einmal mehr fühlt sich Alreta an wie eine Festung. Jetzt ist es eine Festung des Schweigens und der Angst.

Monate lang durchleuchten die Ermittler den gesamten Bekanntenkreis von Eva. Aber es gibt keine Spur, kein Treffer bei den DNA-Abgleichen, absolut nichts. Im Mai 1997, knapp ein Monat nach Evas Tod, hat die Guardia Civil eine neue Theorie. Demnach könnte der Mörder auch ein Mann sein, den die 16-Jährige gar nicht kannte. Ist sie also doch gar nicht freiwillig ins Auto gestiegen, sondern wurde gezwungen?

Hat sich Eva nicht gewehrt, weil sie Todesangst hatte? Wurde sie missbraucht und dann ermordet, um die erste Tat zu vertuschen? Und das macht die Suche natürlich viel schwieriger. Die Ermittler konzentrieren sich daher jetzt auf Personen, die sich rund um die Tatzeit regelmäßig in Evas Nähe aufgehalten haben, aber nicht aus dem Ort stammen. Wie zum Beispiel Bauarbeiter, die in der Gegend zu tun hatten. Und sie überprüfen auch vorbestrafte Sexualtäter in der Region. Aber keine DNA-Probe stimmt mit der des vermeintlichen Täters überein. Die Ermittlungen stecken an der Stelle fest. Im Dezember 1997, acht Monate nach dem Mord an Eva, taucht dann aber plötzlich eine neue Spur auf. Als die Guardia Civil noch einmal das Zimmer der Teenagerin durchsucht, finden die Beamten ihr Tagebuch. Eva hatte es gut versteckt und mit Klebeband unter ihrem Nachttisch befestigt. Darin schreibt sie sich die üblichen Gedanken einer 16-Jährigen von der Seele. Berichtet von heimlichen Partys und wie sehr sie sich wünscht, endlich bis Mitternacht ausgehen zu können. Und sie notiert, nur wenige Wochen vor ihrem Tod folgendes. Morgen bin ich ein halbes Jahr mit Miguel zusammen. Ich bin super nervös. Ich glaube, er fängt an mir zu gefallen. Oder besser gesagt, ich verliebe mich. Ich wünsche mir so sehr, volljährig zu sein und von zu Hause wegzugehen und mein eigenes Leben zu führen. Nur noch eine kleine Sache. Ich liebe Miguel.

Das könnte es sein. Ist das endlich die eine heiße Spur? Hat sich Elva in jener Nacht mit diesem Miguel getroffen? Aber wir machen es kurz. Leider nein. Elvas Freunde berichten, dass die Beziehung zwischen den beiden inzwischen schon wieder abgekühlt war. Das geht ja manchmal vor allem bei Teenagern ziemlich schnell. Und auch die Überprüfung des jungen Mannes bringt keine DNA-Übereinstimmung.

Interessant sind aber vor allem die letzten Einträge in Elvas Tagebuch. Zuerst wiederholt sie seitenlang die Worte Eva und Miguel, immer und immer wieder. Doch dann schreibt sie plötzlich Eva und die Zahl 343110.

Wir haben euch ein Foto davon in die Shownotes gepackt. Was hat das zu bedeuten? Vielleicht ist es die Nummer eines Liebhabers? Mit 343 könnte die Vorwahl von Achrede gemeint sein. Aber es gibt keine Erklärung für die 110. Als diese Information an die Öffentlichkeit kommt, löst sie die absurdesten Spekulationen aus. Einige behaupten öffentlich, dass sie in den Zahlen versteckte Botschaften erkennen. Andere gehen noch weiter und wollen darin sogar verschlüsselte Nazi-Codes lesen. Plötzlich steht sogar der Vorwurf im Raum, dass Eva ultra-rechte Gesinnungen gehabt haben soll. Eine Behauptung, für die die Ermittler aber keine Belege finden können. Und so wird aus dem Tagebuch, von dem sie sich einen entscheidenden Hinweis erhofft hatten, am Ende nur eines, ein weiteres Puzzlestück, das sie dem Täter keinen einzigen Schritt näher bringt. Fast zwei Jahre vergehen, ohne dass jemand im Fall vorankommt. Die Ungewissheit liegt nach wie vor wie ein bleiernder Schleier über der Stadt. Im November 1999 hält der Bürgermeister von Achete diesen Zustand nicht länger aus. Er hat eine für die damalige Zeit radikale Idee, denn er fordert einen freiwilligen Massengentest aller männlicher Einwohner über 18 Jahre. Eine Mammutaufgabe, denn es wohnen ja über 13.000 Menschen in dem Ort. Und dann geschieht etwas Bemerkenswertes.

Zwischen 3000 und 3500 Mena geben tatsächlich ihre Speichelprobe ab, in der Hoffnung, endlich zur Aufklärung beizutragen und den Schatten der Stadt zu vertreiben. Das Problem ist nur, damals wie heute ist so ein Massentest eine absolute Ausnahme und muss unter strengen Regeln ablaufen. Es darf zum Beispiel niemand dazu gezwungen werden, eine Weigerung ist nicht strafbar und ein Gericht muss den Test anordnen.

Und im Fall von Ava verbietet ein Richter, dass alle diese neuen Proben untersucht werden. Nur die von Personen, die das Gericht als tatverdächtig einstuft, dürfen ins Labor. Und das sind um die 45 Stück. Aber wieder gibt es keine Übereinstimmungen mit den Spuren, die am Körper des Mädchens gefunden werden. Drei Jahre nach dem Mord an Ava gibt es keine hilfreichen Spuren, keine Namen, keine Ermittlungsansätze mehr. Der Fall wird damit als Cold Case zu den Akten gelegt. aber er verstaubt nicht im Schrank. Jedem neuen Kollegen, der im Morddezernat anfängt, legt Ermittler Joaquin die 14-bändigen Ermittlungsordner auf den Schreibtisch. Vielleicht entdeckt der neue Kollege oder die neue Kollegin ja irgendwas, das die anderen bisher übersehen haben. Im Büro gibt es ein Glas, auf dem mahnend geschrieben steht Vergiss Eva nicht. Regelmäßig bekommt die Gruppe neue Leiter und bei jeder Übergabe wird dem Nachfolger Evas Fall eingeschärft. Immer wieder sprechen die Ermittler auch mit der Familie und den Freunden der Teenagerin, in der Hoffnung, dass sich plötzlich vielleicht doch noch eine vergessene Erinnerung meldet. Für die Angehörigen ist das ein zweischneidiges Schwert. Sie sind natürlich dankbar, dass nicht aufgegeben wird. Und doch bedeutet jedes dieser Gespräche auch, keine Ruhe zu finden und im Schmerz des Verlustes gefangen zu sein. Ihn immer wieder neu durchleben zu müssen. Es gibt keine Antworten und damit auch keinen Abschluss.

Immer neue Hoffnung und immer neue Enttäuschung. Und manchmal wirkt es so, als sei der Mann, der Eva missbraucht und ermordet hat, in jener pechschwarzen Nacht einfach mit ihr verschwunden.

Insgesamt vergehen 16 qualvolle Jahre. Und für die Ermittler wird die Zeit zum Gegner. Denn in Spanien gilt, anders als in Deutschland, eine Verjährungsfrist für Mord von bis zu 20 Jahren. Wird der Täter erst danach identifiziert, dann kann er für seine Tat nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. 2013 bedeutet das, dass nur noch vier Jahre übrig bleiben, um Evers Mörder zu finden. Mehr als 2000 Personen wurden inzwischen überprüft und über 200 DNA-Profile mit der Spur des vermeintlichen Täters verglichen. Einmal denken die Ermittler, einen Treffer zu haben. Doch ein zweiter Test ist leider negativ.

2013 strahlt der Sender La Sexta eine ausführliche Dokumentation über Spaniens bekanntesten Callcase aus und ruft die Zuschauer zur Mithilfe auf. Und tatsächlich kommen daraufhin hunderte Hinweise, von denen besonders einer die Aufmerksamkeit der Ermittler erregt. Eine Frau behauptet nämlich, sie habe in der Nacht von Evers Tod einen verdächtigen Mann gesehen und sein Gesicht nie vergessen. Ich zitiere mal ihre Aussage. Sie sagt, Ich fuhr mit dem Auto von der Arbeit zurück. Es regnete und deshalb war ich besonders aufmerksam. Es muss etwa 8 Uhr morgens gewesen sein. Ich weiß noch genau, dass Sonntag war. Ich kam an einem Kreisverkehr vorbei, der sich im Bau befand. Dort sah ich einen Mann. Er lief am Straßenrand entlang, ohne Regenschirm. Als er mich sah, blieb er stehen und starrte mich an. Mir lief ein Schauer über den Rücken. Sein Blick war bedrohlich, durchdringend. Ein paar Meter weiter, geparkt neben dem Eingang eines Feldwegs, bemerkte ich ein Auto. Ich dachte, es gehört dem Mann, den ich gerade gesehen hatte. Es war ein weißer Renault oder ein Seat. Er war schmutzig und hatte das Licht aus. War das etwa Evas Mörder, den die Zeugin da beschreibt? Erinnert ihr euch noch an die rote Faserspur, die in Evas Gesicht gefunden wurde? Tatsächlich könnte sie aus einem Renault stammen. Auf Basis dieser Zeugenaussage lassen die Ermittler jetzt ein Phantombild anfertigen und gehen damit an die Öffentlichkeit. Wir haben es euch in den Schaunouts verlinkt. Da könnt ihr euch das selbst mal anschauen.

Der Mann ist um die 40 und hat ein kantiges Gesicht. Er hat kurze, dunkle Haare, eine wettergegärbte Haut und volle Lippen. Seine Augen sind dunkel und eher tiefliegend. Aber wer es ist, bleibt zunächst unklar. Nur kurze Zeit später hört Leitner Pablo, der neue Gruppenchef der Guardia Civil, von einem innovativen genetischen Testverfahren. Die Universität Santiago de Compostela habe Techniken entwickelt, um aus DNA-Spuren Merkmale einer Person abzuleiten, wie die Augen- oder Haarfarbe. Und sogar ihren geografischen Ursprung, also von welchem Kontinent und aus welcher Region sie wahrscheinlich stammt. Man nennt das forensische DNA-Phenotypisierung. Inzwischen ist dieses Testverfahren in Deutschland stark reglementiert. Nur in Ausnahmefällen dürfen daraus Informationen über Alter, Haut, Haar und Augenfarbe abgeleitet werden. Aber die biogeografische Herkunft ist ein Tabu. Gegner befürchten, dass dadurch einzelne ethnische Gruppen in den Fokus geraten und Minderheiten unter Generalverdacht gestellt werden könnten. In Spanien gibt es, damals wie heute, keine klaren Richtlinien dazu.

Im Oktober 2013 jedenfalls erscheint dieses neue Testverfahren den Ermittlern als letzter Strohhalm-Impfwall ever. Seit 16 Jahren bewahren sie die DNA des Verdächtigen in ihrem Labor auf. Nun wird sie an der Universität Santiago de Compostela erneut untersucht. Und zum ersten Mal beginnt der mögliche Täter, Konturen anzunehmen. Denn die Biologen kommen zu dem Schluss, dass die genetische Spur mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von einem Mann nordafrikanischer Herkunft stammt, mit dunklen Augen, dunklem Haar und olivfarbener Haut. Endlich haben die Ermittler der Guardia Civil einen Anhaltspunkt. Denn jetzt wird der Kreis der Verdächtigen ja deutlich kleiner. Sie besorgen sich das Einwohnerregister von Alchete und den umliegenden Gemeinden aus dem Jahr 1997.

In dieser Zeit lebten dort rund 300 Menschen mit nordafrikanischen Wurzeln. Eine Zahl, die zunächst ganz überschaubar wirkt. Aber fast zwei Jahrzehnte nach dem Mord wohnen viele nicht mehr dort. Der Kreis der Verdächtigen ist mittlerweile über ganz Spanien verstreut und reicht weit über die Landesgrenzen hinaus, bis ins europäische Ausland und nach Nordafrika. Ermittler Joaquin und seine Kollegen machen sich an die Arbeit. Mit einem Gefühl, das sie lange nicht mehr kannten. Nämlich Hoffnung. Zum ersten Mal scheint ihnen die Wahrheit greifbar nah. Über zwei Jahre lang arbeiten sie sich geduldig durch die Liste. Ort für Ort. Sie bitten alle in Frage kommenden Personen um Speichelproben. Und die Resonanz ist überwältigend.

299 von 300 machen mit. Dann, im September 2015, kommt der Moment, auf den alle gewartet haben. Ein Ergebnis. Die Analyse von Probe Nr. 90 stimmt auffallend deutlich mit der DNA des Verdächtigen überein. Kein hundertprozentiger Treffer, aber die Männer müssen zumindest verwandt sein. Trotzdem bleiben die Beamten vorsichtig. Zu oft haben sie Hoffnung geschöpft, nur um sie wieder zu verlieren. Und niemand soll zu Unrecht beschuldigt werden. Die Spur führt zu einer Familie mit sechs Geschwistern, drei Frauen und drei Männer. Ein Bruder hat die Probe ja bereits abgegeben. Der zweite Bruder lebt in Murcia, das liegt rund 400 Kilometer südöstlich von Madrid. Auch er stimmt einem Test zu. Und wieder gibt es eine fast perfekte Übereinstimmung mit der DNA des vermeintlichen Täters. Aber wieder kein Volltreffer. Jetzt bleibt nur noch einer übrig. Der dritte Bruder. Sein Name ist Ahmed. Er lebt seit 1999 in einem kleinen Ort im Osten Frankreich. Aber zur Tatzeit wohnte er nur knapp 16 Kilometer von Ewa entfernt. Und er hat eine ziemlich große Ähnlichkeit mit dem Mann auf dem Phantombild. Schaut euch die Fotos doch mal in den Shownotes dafür an. Die Amitler beginnen zu glauben, dass sie vielleicht endlich Ewas Mörder gefunden haben. Aber wer ist dieser Ahmed? Auf den ersten Blick wirkt er nicht wie jemand, der viel Verdacht erregt.

Familienfotos zeigen einen stolzen Vater mit seinen Kindern. Einen ernsten, eher unauffälligen Mann mit freundlichen dunklen Augen, vollen Lippen und kurzem grausem Haar. Geboren wurde er 1963 in Tasa, im Nordosten Marokkos. Eine Stadt, die von Touristen eher übersehen wird. Denn die wenigen Sehenswürdigkeiten sind verfallen und das kleine Zentrum mit seinen engen Gassen ist umgeben von einfachen, funktionalen Neubauten ohne Gesicht und Charakter. In gewisser Weise ähnt Tasa also ein wenig dem spanischen Alchete. Da es in ihrer marokkanischen Heimat keine Jobs und keine Perspektiven gibt, beschließen Ahmed und seine Brüder, nach Spanien auszuwandern. Wann genau, das wissen wir leider nicht. 1989 heiratet er die 20-jährige Encarnacion, nimmt die spanische Staatsbürgerschaft an und bekommt mit ihr zwei Kinder. Ahmed schlägt sich mit Hilfsarbeiten durch, als Schweißer und auf dem Bau.

1997, das Jahr, in dem Eva stirbt, ist seine Frau erneut schwanger. Der damals 34-Jährige hat gerade einen Job als Fahrer für eine Gärtnerei. Er lebt mit seiner Familie in einem kleinen Wohnwagen auf dem Firmengelände. Sie bleiben unter sich, haben kaum Freunde oder Bekannte. Ahmeds Kollegen beschreiben ihn als etwas merkwürdig und dass er einen Hang zu Gewalt hat, wenn er trinkt. Zwei Jahre nach Evas Tod trennt sich Ahmed von seiner Frau und zieht nach Frankreich, in einen klein verschlafenen Ort namens Pierre Fontaine-le-Varane nahe der Schweizer Grenze.

Ein Neuanfang oder vielleicht eine Flucht? Vor den Ermittlern, die immer näher kommen? Lässt er sich deshalb hier nieder, in der Ruhe und Abgeschiedenheit der französischen Provinz? 2003 heiratet Ahmed die Marokkanerin Fatima und wird Vater von zwei weiteren Kindern. Er arbeitet als Schweißer bei einer Firma für Landwirtschaftsmaschinen. Die Familie hat wenig Kontakt zu den Einheimischen, wird aber als höflich und freundlich wahrgenommen. Umso größer ist der Schock, als am 1. Oktober 2015 plötzlich drei Beamte der spanischen Guardia Civil in dem kleinen Ort auftauchen. Sie kommen nicht mit leeren Händen, denn sie haben einen internationalen Haftbefehl in der Tasche. Um 15 Uhr stehen sie vielleicht dem Mann gegenüber, den sie seit 18 Jahren suchen. Achmeds kurze, schwarze Haare sind inzwischen grau geworden. Er trägt jetzt Bart und Brille. Ein Foto davon findet ihr auch in den Shownotes. Als die Beamten ihm sagen, dass es um den Fall Eva geht, scheint ein kurzer Schauer durch den Körper des Mannes zu gehen. Er senkt den Kopf und schweigt. Jetzt warten alle auf das Ergebnis des vielleicht letzten DNA-Abgleichs in diesem Fall.

Und dann steht es fest. Achmeds genetisches Profil stimmt vollständig mit der Spur überein, die damals an Evers Körper gesichert wurde. Für die Beamten, die all die Jahre nicht aufgegeben haben, ist dieser Moment kaum in Worte zu fassen. Sie empfinden Freude, Erleichterung, Genugtuung und Triumph. Am nächsten Tag steht fast die gesamte Ermittlergruppe vor der Haustür von Evers Familie. Auch Joaquin, der den Fall von Anfang an begleitet hat. Er übermittelt die Worte, die Evers Familie so dringend hören wollte. Sie haben Evers Mörder gefunden. Mutter Olga will unbedingt wissen, ob er aus der Gegend stammt, ob er einer von ihnen ist. Der Ermittler verneint. Dann umarmen sie sich weinend und voller Dankbarkeit. Sie alle sind erleichtert, dass der vermeintliche Täter niemand aus dem Ort war. Kein Nachbar oder Freund, dem man seit 18 Jahren ahnungslos in die Augen schaut, sondern ein Fremder. An diesem Tag endet für die Menschen aus Achete ein 18-jähriger Albtraum aus Misstrauen und Angst. Nun verlangen sie endlich Gerechtigkeit.

Sie sind überzeugt, dass dieser Mann in jener verregneten Frühlingsnacht Eva irgendwo zwischen dem Kreisverkehr und ihrem Zuhause aufgelauert und sie gezwungen hat, in sein Auto zu steigen. Er ist mit ihr an eine einsame Stelle entlang der Landstraße gefahren, sechs Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Er hat das Mädchen missbraucht und die 16-Jährige kaltblütig getötet, als sie verzweifelt versuchte zu fliehen. Aber war das wirklich so? Denn noch immer bleiben viele Fragen ungeklärt.

Und dann die große Überraschung. Ahmed leugnet nicht, das Mädchen an jenem Abend gesehen zu haben. Aber er präsentiert seine eigene Version der Tatnacht. Und zwar hätten ihn damit zwei fremde Personen gezwungen, in ein Auto zu steigen. Darin habe Eva gelegen, die bereits tot war. Diese Männer hätten ihn dann mit einem Messer bedroht und verlangt, dass er auf das Mädchen ejakuliere.

Nur, wie kommen seine DNA-Spuren dann in ihren Körper? Darauf gibt Ahmed keine Antwort. Und weitere Angaben zu den zwei Personen, wer sie waren, wie sie aussahen, kann er auch nicht machen. Das klingt zunächst nach einer ziemlich verzweifelten Ausrede. Aber was, wenn Ahmed doch die Wahrheit sagt? Er beharrt auf seiner Unschuld und auch seine Ex-Frau und die aktuelle Ehefrau können nicht glauben, dass er ein Mörder ist. Er sei ihnen und den Kindern gegenüber schließlich nie gewalttätig geworden. Und dann nimmt die Geschichte eine dramatische Wendung. Es ist der 5. Oktober 2015.

Seit vier Tagen sitzt Achmed in französischer Untersuchungshaft und wartet auf seine Auslieferung. Er weiß, dass ihm eine Anklage wegen Mordes und damit vielleicht eine lebenslange Haft droht. Als der Wärter an diesem Morgen die Zelle des Verdächtigen aufschließt, liegt Achmed in einer Blutlache. Er hat sich mit einer Glasscherbe die Halsschlagader aufgeschnitten. Doch sein Herz schlägt, er lebt und kann noch gerettet werden. Alle fragen sich jetzt natürlich, warum sich der Mann das Leben nehmen wollte. Ob ihn Schuldgefühle dahin getrieben haben, die Angst vor einer Strafe oder die Verzweiflung, weil er sich in einer aussichtslosen Lage gesehen hat. Denn die Untersuchungsrichterin sieht den Beweis, dass Achmeds DNA auf dem Körper des Mädchens war, als stark genug. Acht Tage nach seiner Festnahme wird der Mann nach Spanien ausgeliefert. Er soll wegen der Vergewaltigung, Freiheitsberaubung und des Mordes an Erwa angeklagt werden. Ihm drohen somit 46 Jahre Haft. Im Vergleich zu Deutschland, wo ein verurteilter Mörder unter Umständen schon nach 15 Jahren eine Chance auf Entlassung hat, ist das ein sehr hohes Strafmaß. Für den 52-Jährigen Ahmed würde das bedeuten, dass er wahrscheinlich nie wieder ein freier Mann sein wird.

Das Gericht ordnet jetzt Maßnahmen an, die einen weiteren Suizidversuch verhindern sollen. Unter anderem darf Ahmed nie alleine in einer Zelle untergebracht sein, sondern immer mit einem weiteren Gefangenen, der quasi auf ihn aufpassen soll. Er wird psychologisch betreut und engmaschig überwacht.

Gefährliche Gegenstände wie Gürtel, Schnürsenkel oder Rasierer werden aus seiner Zelle entfernt. Bis Mitte Dezember, also fast zwei Monate lang, steht Ahmed unter diesem Suizidpräventionsprotokoll. Doch dann entscheiden Gutachter, dass der Mann keine Gefahr mehr für sich selbst darstellt. Die Schutzmaßnahmen werden schrittweise aufgehoben. Er darf auch wieder Schuhe mit Schnürsenkeln tragen. Anfang Januar bekommt Ahmed eine Einzelzelle. Eine Entscheidung, die sich als fataler Fehler herausstellen wird. Das Gefängnis von Al-Qalamaco ragt wie eine weiße Betonfestung aus der kargen, ockerfarbenen Landschaft nordöstlich von Madrid. Es gibt hier keine Bäume und kein Gras. Die 1000 Insassen sehen nur das matte Grau der Wände und den maisblauen Himmel darüber. Das Leben hier scheint stillzustehen und die Freiheit weit entfernt. Seit drei Monaten ist Ahmed zurück an dem Ort, den er vor 16 Jahren verlassen hat. Nur 30 Kilometer liegt seine kleine Zelle von Alchete entfernt. War er überzeugt, sein altes Leben und ein düsteres Geheimnis weit hinter sich gelassen zu haben? Fühlte er sich in Sicherheit? Oder quälte ihn all die Jahre das, was in jener Nacht des 20. April 1997 passiert ist?

Tauchte er immer wieder in seinen Träumen auf? Empfand er Reue oder Scham? War er ein Mörder oder ein Mittäter? Es ist der 29. Januar 2015. Seit vier Monaten wartet Ahmed auf die Mordanklage und seinen Prozess. Um zwei Uhr morgens greift er sich ein seiner Schuhe und zieht langsam den Schnürsenkel aus den Ösen. Ein Ende befestigt er vielleicht am Gitter seines Fensters. Wir wissen es nicht. Das andere bindet er um seinen Hals. Um sieben Uhr sperrt der Wärter die Zelle auf Doch dieses Mal kommt er zu spät. Ahmed hat sich erhängt. Er ist tot.

Als die Öffentlichkeit davon erfährt, ist der Aufschrei riesig. Wie konnten die Experten den mentalen Zustand des Mannes so falsch einschätzen? Warum wurde er nicht weiterhin überwacht? Später entscheidet auch der oberste Gerichtshof in Spanien, dass die Psychiater und Psychologen hier eine krasse Fehleinschätzung gegeben haben. Und was bedeutet Achmed Suizid nun für Evers Fall? Das Verfahren gegen ihn wird eingestellt. Denn laut Strafgesetzbuch erlischt die strafrechtliche Verantwortung durch den Tod des Verdächtigen. Es gibt also kein Urteil und damit offiziell kein Täter. Denn obwohl die Ermittler nicht daran zweifeln, den Richtigen verhaftet zu haben, wird seine Schuld nie vor Gericht bewiesen. Was genau in jener Aprilnacht also wirklich passiert ist, bleibt wohl für immer ungeklärt. Evers Familie ist geteilt zwischen Erleichterung darüber, dass der Mann tot ist, und Wut, dass er sich einer Verurteilung entzogen hat. Trotzdem können sie und die Menschen in Alcrete jetzt anfangen, das Leid, die Angst und die Trauer der letzten 18 Jahre zu verarbeiten.

Evvas bester Freund Sebastian, der sie am Abend ihres Todes ausnahmsweise nicht nach Hause begleitet hatte, gibt später seiner eigenen Tochter den Namen Eva. Im April 2024, genau 27 Jahre nach dem Mord, errichten die Menschen von Achrete ein Denkmal für Ewa. Darauf steht, dein Dorf hat sich von dir verabschiedet, aber wir werden dich lebendig in Erinnerung behalten.

Was für ein schönes Zeichen von dem Dorf, dass sie Ewa, ja, dieses Denkmal dargesetzt haben. Ich finde, das sind auch super schöne Worte, die sie da für Ewa gefunden haben. Man muss sich diese Situation ja nochmal vor Augen führen. Das ist ein kleines Dorf, eine kleinere Stadt mit überschaubaren Einwohnern und für fast 20 Jahre lang herrschte da ja diese Vorsicht. Jeder könnte es gewesen sein, dein Nachbar, dein Freund. Alle wurden ja so ein bisschen misstrauisch beäugt. Und dass das ganze Dorf jetzt auch wieder so ein Stück aufatmen kann, das muss sehr befreiend gewesen sein, wenn das das richtige Wort ist. Ich finde auch der Faktor, also ich meine, ich komme selbst auch aus einer Stadt, wo nicht so viele Einwohner gelebt haben. So round about 40.000, sagen wir mal. Und das ist ja immer noch mehr als in Achete damals. Und bei mir damals in der Stadt hatte ich trotzdem das Gefühl, gefühlt jeder kennt sich. Aber bei wie viele waren es? 13.000 Einwohnern? Ja. Das ist ja wirklich krass. Also da kannst du ja wirklich sagen, dass sich alle untereinander gekannt haben und im Zweifel halt auch verdächtigt haben, ne? Voll, vor allem wenn man halt dachte, dass der Täter Eva gekannt hat und andersrum auch, dann guckst du ja bestimmte Leute aus ihrem Umkreis eher kritisch an und hast da vielleicht auch so ein Gefühl.

Das muss so komisch gewesen sein, theoretisch jeden zu verdächtigen und halt einfach dieses Misstrauen, das ist ja schon ein sehr hässliches Gefühl. Aber man kann es den Leuten ja auch nicht verdenken, dass sie das gefühlt haben, weil das junge Mädchen wurde so brutal ermordet und es wurde sich auch noch sexuell an ihm vergangen. Klar willst du da irgendwie den Schuldigen finden und ja, bist dann vielleicht eher vorsichtig, also... Das muss wirklich ganz schlimm für alle Beteiligten gewesen sein. Natürlich allen voran auch für Evers Familie. Also für die muss das ja am allerschlimmsten gewesen sein, dass sie ja auf bestimmte Leute einfach ein bisschen...

Genauer geschaut haben und gedacht haben, na, hat der damit was zu tun? Aber du kannst den Leuten ja nicht irgendwas vorwerfen, ohne irgendwie einen Beweis in der Hand zu haben. Also ja, das muss eine ganz schlimme Zeit gewesen sein. 18 Jahre, das ist so lange, wow. Auf jeden Fall. Und weißt du, was ich auch noch komisch finde? Als die Guardia Civil damals in der Nacht davon erfahren hat, dass ein 16-jähriges Mädchen vermisst ist, warum haben die nicht sofort nach ihr gesucht? Ich meine, sie ist nicht volljährig. Da geht man doch nochmal auf Nummer sicher, bin ich der Meinung. Ja, ich verstehe es auch überhaupt nicht. Also so dieses, hey.

Tauch bestimmt wieder auf, das nimmt man ja eher bei Erwachsenen an, dass die halt nicht jedem Bescheid sagen müssen, wo gehen die hin. Und die können auch einfach mal so untertauchen, sage ich jetzt mal ein bisschen dramatisch. Aber ja, wenn ein 16-jähriges Mädchen verschwindet, ich check das auch nicht. Wenn da so verzweifelte Eltern vor dir stehen, dann finde ich das krass, dass man denen sagt, so hey, chillt mal, die wird schon noch kommen. Hä? Man kann ja wenigstens in der Umgebung so ein bisschen die Straßen abfahren und nach ihr gucken und vor allem, es hätte ja wirklich was gebracht. Das ist einfach so krass, dass man ja was hätte bewirken können, indem man früher anfängt zu suchen. Das ist wirklich super traurig und auch ein kleines Armutszeugnis. Auf der anderen Seite muss man aber sagen, dass die sich ja wirklich über Jahre, Jahrzehnte sogar, so hart da reingehängt haben und obwohl das längst ein Cold Case war, haben sie das ja jedem neuen Kollegen auf den Tisch gelegt und gesagt, hey, vielleicht findest du irgendwas. Also sie haben es ja nie ganz aufgegeben und das muss man denen ja auch zugute halten. Ich glaube, das ist wieder dieses typische, einfach an die falsche Kontaktperson geraten. Also im Nachgang, wie du schon gesagt hast, die haben alles daran gesetzt, dass dieser Fall aufgeklärt wird. Aber wenn du halt einfach Pech hast mit der Person, die da halt am Tresen beispielsweise steht, der du dann sagst, von wegen meine 16-jährige Tochter ist verschwunden und der Polizist sagt nur, ach wir waren doch alle mal jung, die kommt schon wieder nach Hause, das wird eigentlich nicht so schlimm sein. Versus jemand, der das auch so ernst nimmt wie diejenigen im Nachgang.

Dann wäre diese ganze Geschichte ja wirklich nochmal, wie du gesagt hast, anders ausgegangen. Ich habe so ein bisschen die Vermutung, dass es daran gehabert hat. Aber insgesamt in dem Fall habe ich das Gefühl, es gibt halt wieder so viele unterschiedliche Stränge, die sich hier hätten entwickeln können. Ich finde es zum Beispiel auch interessant, warum hat Ahmed sich am Ende dann zum Beispiel suizidiert? Weil es stand ja schon relativ fest, dass er verurteilt wird. Ich bin mir sicher, dass er sich dessen auch sicher war. Meine Vermutung, kannst du ja gleich auch gerne mal sagen, was du denkst, Meine Vermutung wäre, dass er wenigstens noch dieses offizielle Zeugnis vom Gericht seiner Familie beispielsweise nicht antun wollte. Ich weiß, was du meinst, aber ich weiß nicht, ob das nicht jetzt sogar eigentlich noch schlimmer ist. Weil es gab ja das DNA-Match und ich finde, sein Suizid macht es nicht besser. Also die damit fehlende rechtskräftige Verurteilung, weil für alle Leute ist er ja trotzdem der Mörder von Eva. Daran endet ja sein Suizid nichts, weißt du. Also auch wenn die Verurteilung an der Stelle dann eben fehlt, ist er ja trotzdem für alle Leute der Täter.

Und ich weiß halt nicht, ob er es damit für seine Familie sogar noch schlimmer macht, weil er damit ja auch nicht mehr da ist. Also die müssen dann mit dem Wissen, mit dem Fakt leben, dass er Eva getötet hat, plus er ist auch nicht mehr da. Also ich finde, für die Familie macht es das sogar viel schlimmer. Ja, auf jeden Fall, da hast du vollkommen recht. Also so meinte ich es ja auch gar nicht. Ich glaube auch nur, dass es trotzdem genügend Leute gibt, die dann halt sagen, na, aber so...

Ein oder andere Problemchen könnte es ja doch noch gegeben haben, bei der Auswertung oder so, dass es halt vielleicht doch noch immer so ein minimaler Restzweifel für manche geben könnte. Ich meine, wir behandeln hier wirklich ständig True-Crime-Fälle. Wir sind da relativ tief im Thema drin. Deswegen für uns ist es relativ offensichtlich. Aber nur so könnte ich es mir zumindest erklären. Außer natürlich, ganz simpel, es sind die Schuldgefühle gewesen, die ihnen da so gesehen zugeführt haben. Ja, ich glaube auch, wenn er nicht der Täter gewesen wäre oder wenn doch seine Version der Geschichte gestimmt hätte.

Dann fühlst du dich ja auch ein Stück weit im Recht, weil dann, so wie er es gesagt hat, ist er ja nicht der Mörder von Eva, dann weiß ich nicht, ob ein Suizid nicht doch eine Art von Schuldeingeständnis ist. Also keine Ahnung, wir können nicht in die Köpfe der Menschen reinschauen und wie sie sich fühlen, aber ich finde, es lässt ihn halt nicht gut dastehen und ja, ich mag mir auch gar nicht vorstellen, wie das für Evers Familie ist, dass er eben jetzt nicht rechtskräftig verurteilt werden kann und genauso schlimm ist das aber für seine Familie. Ich finde, das darf man an der Stelle auch immer nicht so unter den Tisch fallen lassen, weil man verbindet die ja irgendwie oder man wirft sie in einen Topf, gerade weil seine Ex-Frau und seine aktuelle Frau auch gesagt haben, ey, wir können uns das gar nicht vorstellen, dass er das war. Die sind ja trotzdem auch irgendwie Opfer des Ganzen. Ich finde, das darf man immer an der Stelle auch nicht vergessen. Und ich würde sagen, damit beenden wir auch die heutige Folge. Hört doch, wie am Anfang schon erwähnt, gerne mal in die Folge rein, die wir mit Lilly und Flo aufnehmen durften. Food Crimes, was schmeckt dahinter? Ganz, ganz toller Podcast. Wirklich Empfehlung hier von uns. Wir freuen uns natürlich immer, wenn ihr dann nächste Woche hier wieder bei uns zuhört, wenn wir hier in der schwarzen Akte einen neuen Fall erzählen. Und zwar überall da, wo es Podcasts gibt.

Wir sind eure Hosts Anne Lippmann und Patrick Strobusch Redaktion Lisa Nielsen und wir Schnitt Anne Lippmann, Produktion Nadine Lenfer-Unterweger und Lea Backes Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios Besonderer Dank geht an Falko Schulte, Vertraue und glaube, es hilft, es heilt die göttliche Kraft!