Diese Episode enthält explizite Details über einen wahren Kriminalfall. Weitere Infos in der Folgenbeschreibung.
Am Anfang fällt es erstmal gar nicht auf. Es ist früher Nachmittag, die Luft ist ruhig und das Haus liegt still inmitten des grünen Dschungels. Nach dem Mittagessen haben sich alle erstmal ein bisschen zurückgezogen. Türen bleiben angelehnt. Jemand legt sich hin, Jemand anderes blättert noch kurz in einer Zeitung. Jim aber bleibt draußen. Er hat gesagt, dass er noch eine Runde dreht. Ein kleiner Spaziergang, nicht weit. Er geht gern allein spazieren, das wissen alle. Er kommt normalerweise einfach irgendwann wieder zurück. Niemand schaut ihm noch lange nach. Niemand merkt sich die exakte Uhrzeit, wann er geht. Es gibt ja auch keinen Grund dafür.
Drinnen vergeht die Zeit langsam. Vielleicht schläft jemand ein, vielleicht döst jemand nur. Irgendwann richtet sich jemand auf. Mehr aus Zufall als aus Absicht. Jim ist noch nicht zurück. Das fühlt sich aber auch nicht falsch an. Er geht manchmal auch gern ein Stück weiter. Das ist nicht ungewöhnlich. Er kommt aber sicher gleich zurück. Das Licht draußen verändert sich währenddessen langsam. Es wird später und später. Ein Blick auf die Uhr. Beiläufig, fast automatisch. Dann noch ein Blick. Jetzt müsste Jim normalerweise wieder da sein. Niemand spricht das sofort laut aus. Es ist eher ein Gedanke, der im Raum steht. Vielleicht ist er den anderen Weg zurückgegangen, der länger dauert. Vielleicht sitzt er noch irgendwo und schaut sich etwas an. Jim ist neugierig, das kennt man von ihm. Aber mit jeder weiteren Minute, die vergeht, wird dieses mulmige Gefühl immer schwieriger wegzuschieben. Er ist sonst nie so lange weg, nicht ohne etwas zu sagen.
Schließlich geht jemand ans Fenster, schaut hinaus auf die Straße, auf den Weg, von dem man weiß, dass er dort irgendwo beginnt. Alles sieht aus wie vorher. Die gleiche Ruhe, das gleiche Grün, die gleiche Stille. Nur Jim ist nicht da. Es gibt nicht diesen einen Moment, an dem alles kippt. Kein Punkt, an dem plötzlich klar ist, jetzt ist etwas passiert. Es ist eher dieses langsame Umdenken von Er kommt gleich zu Er hätte doch längst da sein müssen Als der Nachmittag in den Abend übergeht Verändert sich die Stimmung im Haus Und irgendwann ist da die Erkenntnis Die sich nicht mehr wegdrücken lässt Das hier ist kein normaler Spaziergang mehr Es ist Ostersonntag Der 26. März 1967 Die Cameron Highlands in Malaysia Und Jim Ist nicht nach Hause zurückgekehrt.
Und damit herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte mit Anne Luckmann und mit Patrick Strohbusch. Hallo, schön, dass ihr heute wieder zuhört. Wir sind vor unserem heutigen Fall im Jahr 1967. In den USA laufen jeden Abend Bilder aus Vietnam im Fernsehen und Proteste füllen die Straßen, während im Radio Songs von den Beatles und den Rolling Stones laufen. In Europa träumt man vom Fortschritt, vom Reisen und vom modernen Leben. Flugzeuge bringen Menschen weiter als je zuvor. Urlaub ist kein Luxus mehr für nur wenige reiche Menschen, sondern ein Rauskommen, ein Luftholen und kurz vergessen, was daheim und in der Welt eigentlich so alles passiert. In den Cameron Highlands in Malaysia hingegen wirkt diese Welt weit weg, auch wenn der Dschungel nur ein paar Autostunden von Kuala Lumpur entfernt ist.
Hier schiebt sich die saftig-grüne Wildnis dicht an die Häuser heran. Nebel hängt morgens zwischen den Hügeln und Teeplantagen ziehen sich in ordentlichen Linien über die Hänge. Die Luft ist kühler als unten im Tiefland, fast europäisch. Und genau deshalb kommen die Menschen hierher. Missionare, Plantagenbesitzer und Geschäftsleute auf der Durchreise. Ein Ort für Spaziergänger, für Nachmittage ohne Termine und für das Gefühl, für ein paar Tage aus der Zeit gefallen zu sein. Aber trotzdem ist dieser Dschungel kein Postkartenmotiv. Er ist dicht bewachsen, steil und unübersichtlich. Wege enden abrupt, Hänge brechen ab und hinter jeder Kurve sieht alles gleich aus. Ein Irrgarten. Wer hier vom Pfad abkommt, verliert schnell jedes Gefühl für Richtung und Entfernung. Und trotzdem gilt dieser Ort 1967 als sicher, als beherrschbar, als Erholungsgebiet. Auch für Jim. Ein paar Tage Abstand, nur ein kleiner Spaziergang an diesem Ostersonntag. Dass es sein letzter Spaziergang sein wird, das weiß er in diesem Moment nicht. Jim heißt eigentlich James. Als er im März 1967 verschwindet, ist er 61 Jahre alt. Er wurde am 21. März 1906 in Greenville im US-amerikanischen Bundesstaat Delaware geboren. Er kommt aus einer angesehenen Familie. Sein Vater ist ein wohlhabender Textilunternehmer.
Jim ist das Jüngste von fünf Kindern. Er und seine Geschwister wachsen behütet auf. Er besucht ein Internat und studiert später an der Princeton University. Danach wechselt er an die University of Pennsylvania und beginnt ein Architekturstudium. Einen Abschluss macht er nicht. Trotzdem arbeitet er in den 30er Jahren ziemlich erfolgreich als Architekt und Innenausstatter in New York. Er entwirft Häuser für wohlhabende Familien. Er hat ein gutes Einkommen und ein gutes, sicheres Leben. Dann kommt der Krieg. 1940, mit 34 Jahren, meldet sich Jim freiwillig zum Militär. Er fängt als einfacher Soldat in der Nationalgarde an, aber innerhalb kurzer Zeit wird er Offizier.
1943 wechselt er zum amerikanischen Geheimdienst Office of Strategic Services, kurz OSS. Das ist ein Vorläufer der CIA. Jim spricht fließend Französisch. Das macht ihn für den Geheimdienst besonders interessant. Er wird in Nahkampf, Tarnung, Sabotage, Flucht und Überleben ausgebildet. Auch im Dschungel. Er dient in Nordafrika, später in Frankreich, Italien und im Balkanraum. Danach reist er weiter nach Asien. Über seine konkreten Einsätze ist aber nicht viel bekannt. Viele Akten sind teilweise bis heute geschwärzt. Jim selbst spricht kaum darüber. In der Familie heißt es später, er habe in Anführungsstrichen hinter feindlichen Linien gearbeitet. Der Forscher Llewellyn Tullman, der über Jims Leben recherchiert hat, findet eine persönliche Geschichte heraus.
Eine von Jims Nichten fragt ihn einmal nach dem Krieg. Und Jim empfiehlt ihr Jahre später ein Buch, statt Fragen zu beantworten, das heißt The White Rabbit. Das Buch erzählt die Geschichte eines britischen Saboteurs, der als Fallschirmspringer gefangen genommen und gefoltert wird und mehrmals versucht zu fliehen. Mehr sagt Jim nicht. Aber er erzählt, dass auch er im Krieg mit dem Fallschirm in besetztes Gebiet gesprungen ist. Am Ende des Zweiten Weltkriegs ist Jim Lieutenant Colonel. Er hat in weniger als sechs Jahren einen ungewöhnlich schnellen Aufstieg hingelegt. 1946 wird er nach Bangkok geschickt. Dort übernimmt er für mehrere Monate die Leitung der OSS-Station, also dem Geheimdienst. Er ist der ranghöchste amerikanische OSS-Offizier vor Ort. Er arbeitet eng mit thailändischen Politikern, Militärs und Widerstandsgruppen zusammen. Es ist eine einflussreiche Position, die er hier inne hat. 1947, mit 41 Jahren, verlässt Jim offiziell den Geheimdienst. Doch auch hier bleibt vieles unklar.
Interne Dokumente legen nahe, dass er weiterhin Kontakte dorthin pflegt. Ob er danach noch Aufgaben übernimmt, ist unklar. Die Quellen geben dazu keine genauen Infos. Aber sicher ist, Jim bleibt in Thailand. Er kehrt nicht in die USA zurück. Nach dem Krieg sucht er eine neue Aufgabe. Er versucht, beim berühmten Oriental Hotel in Bangkok einzusteigen. Aber das klappt nicht. Jim gibt aber nicht so schnell auf. Auf Reisen durchs Land entdeckt er etwas, das sonst kaum jemand ernst nimmt. Nämlich handgewebte thailändische Seider. In den 40er Jahren ist das noch kein internationales Produkt. Familien weben sie für den Eigenbedarf. Für Feste, für Zeremonien. Jim sieht darin ein größeres Geschäft. 1948 gründet er daher die Thai Silk Company. Er investiert sein eigenes Geld da rein. Er organisiert Rohstoffe, Farben und Webstühle. Jim kümmert sich um Vermarktung, den Export und das Design. Und der Erfolg kommt schnell. 1958, im Alter von 52 Jahren, widmet ihm das Time-Magazin einen großen Artikel. Darin heißt es, Jim habe die thailändische Seidenindustrie fast im Alleingang vor dem Verschwinden bewahrt. Seine Firma beschäftigte tausende Menschen. Thailändische Seide werde in mehr als ein Dutzend Länder exportiert. Kaum ein Flugzeug verlasse Bangkok ohne Stoffe aus seiner Produktion. Jims Seide landet sogar am Broadway. Und zwar für Kostüme.
Internationale Hotels bestellen ebenfalls bei ihm. Designer schwärmen von seinen Farben und Texturen. Prominente tragen seine Stoffe. Jim wird dadurch zum Millionär. Und für Thailand wird seine Firma zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor. Parallel baut er sich in Bangkok ein Zuhause, das bald schon legendär ist. Er kauft mehrere traditionelle Teakolshäuser aus verschiedenen Regionen Thailands. Er lässt sie an einem Kanal in der Stadt dann neu aufbauen. Das Haus füllt er mit Kunst, Buddha-Figuren, Porzellan und Textilien. Es ist quasi halb Wohnhaus, halb Museum. Die offizielle Website könnt ihr auch besuchen. Wir haben euch die mal in den Shownotes verlinkt. Jim lädt dort auch Gäste ein. Fast jeden Abend kommen Schauspieler, Schriftsteller, Diplomaten und Politiker. Charlie Chaplin ist dort, Catherine Hepburn, Mitglieder der Kennedy-Familie. Auch die thailändische Elite geht bei Jim ein und aus. Er gilt als charismatisch und als großzügiger Gastgeber, als jemand, der überall dazugehört.
Zeitungen beschreiben ihn damals als den bekanntesten Amerikaner Thailands, als Mann mit Geschmack, als Geschäftsmann, aber auch als jemanden mit Vergangenheit. Seine Geheimdienstzeit wird dabei auch immer wieder erwähnt, seine Kontakte und seine Nähe zur Macht und Politik. Manche bewundern ihn, andere sind eher skeptisch. Jim eckt eben auch an. Er wird zum Beispiel beschuldigt, Kunstwerke außer Landes gebracht zu haben. Ein hoher Beamter wirft ihm vor, Buddha-Köpfe geplündert zu haben. Drei Stücke werden beschlagnahmt. Jim streitet das alles ab. Gleichzeitig wird er in den 50er Jahren von der französischen Regierung beschuldigt, Waffen an Widerstandsgruppen in Kambodscha geschmuggelt zu haben. Auch hier gibt es keine Verurteilung, aber die Vorwürfe bleiben.
In den 60er Jahren verändert sich dann die politische Lage in Südostasien. Der Vietnamkrieg rückt näher. Jim äußert sich öffentlich kaum dazu. Manche Biografen sagen später, er habe sich von der amerikanischen Politik distanziert. Andere widersprechen. Sicher ist nur, Jim ist zu diesem Zeitpunkt eine bekannte, einflussreiche und umstrittene Person. Als er im März 1967 in die Cameron Highlands reist, ist er auf dem Höhepunkt seines öffentlichen Lebens.
Als Jim sich auf die Reise begibt, liegt ja schon eine Menge hinter ihm. Er ist mittlerweile 61 Jahre alt. In Bangkok hat er erst wenige Tage vorher einen neuen Firmensitz eröffnet. Ein großes Gebäude mit zwei Stockwerken. Seine Tagesabläufe bestehen aus Empfängen, Reden und Terminen. Danach ist klar, Jim will weg. Nicht weit und nicht lange, aber einfach kurz raus aus der großen, lauten Stadt. Er reist aber nicht allein. Jim wird aber nicht von seiner Ehefrau oder seiner Familie begleitet. Nein, er ist seit 1946 geschieden und hat keine Kinder. Nach der Trennung heiratet er auch nicht wieder. Bei ihm ist eine Frau namens Constance, auch Conny genannt. Die beiden kennen sich schon seit Jahren.
Jim lebt ein sehr unabhängiges Leben, umgeben von Freunden, Bekannten und wechselnden Begleiterinnen. Conny gehört schon lange zu diesem Kreis. Am 23. März 1967 fliegen Jim und Conny von Bangkok nach Penang in Malaysia. Penang ist nur ein kurzer Zwischenstopp. Am nächsten Morgen geht's schon weiter. Von Penang fahren sie ins Landesinnere. Zuerst mit einem Mietwagen und einem Fahrer. Am Fuß der Berge wechseln sie das Fahrzeug. Das ist damals so üblich. Die Straßen werden schmaler, steiler und kurviger. Auch die Luft verändert sich spürbar. Hier wird es kühler, feuchter und ruhiger. Ja. Ihr Ziel sind die Cameron Highlands, etwa 225 Kilometer nördlich von Kuala Lumpur. Ein Hochland auf rund 1500 Metern. Die Gegend wurde in der Kolonialzeit als Rückzugsort entdeckt. Für Europäer, die das Klima der Städte nicht ertragen. Zeitungen beschreiben die Highlands in den 60er Jahren als idyllisch. Mild am Tag und kühl in der Nacht. Es gibt Nebel, der morgens zwischen den Hügeln hängt. Dazwischen dichter, wilder Dschungel. Jim und Conny kommen am Freitag an, dem 24. März 1967.
Sie sind bei Dr. Tianji eingeladen, einem Chemiker aus Singapur, und seiner Frau Helen. Die beiden wohnen oberhalb des kleinen Hauptortes der Region und ihr Haus trägt den Namen Moonlight Bungalow. Der Moonlight Bungalow ist aber kein kleines Ferienhäuschen. Es ist ein großes zweistöckiges Anwesen, weiß gestrichen, mit einem braunen Ziegeldach und roten Zierelementen an Fenstern und Balkonen. Rundherum gibt es Grasflächen und eine breite Terrasse. Das Haus liegt erhöht auf einem Hügel. Von hier oben hat man richtig guten Blick auf die Straße, die Teeplantagen und direkt dahinter den Anfang des Dschungels. Es ist ruhig dort. Es gibt keine Nachbarn in direkter Nähe. Eine einzige Straße führt am Grundstück vorbei. Dahinter fällt das Gelände steil ab. Jim fühlt sich dort wohl. Man sitzt zusammen, isst, spricht über Reisen, Politik und Kunst. Doch er ist müde, erinnern sich später Freunde. Erschöpft. Er nimmt außerdem Medikamente gegen Gallenblasenanfälle. Also Schmerzanfälle, die meist wegen Gallensteinen entstehen. Die Reise ist nur kurz geplant. Über Ostern in den Highlands. Dann soll es nach Singapur weitergehen. Dort finden dann die nächsten Termine statt. Zum Beispiel ein Dinner beim amerikanischen Botschafter.
Der nächste Tag, Samstag, der 25. März, startet ruhig. Die vier verbringen den Vormittag gemeinsam. Sie arbeiten im Garten und gehen anschließend ein Stück spazieren. Es gibt kein Programm, keinen Zeitdruck. Einfach eine entspannte Zeit, wie ein Kurzurlaub. Am Morgen ziehen Jim und der Doktor alleine los. Sie wollen in den Dschungel. Nicht auf einem offiziellen Weg, sondern einfach hinein. Jim liebt es, abseits der Pfade zu gehen. Er sucht Pflanzen, alte Spuren und Ruinen. Er ist nicht zum ersten Mal beim Doktor und seiner Frau zu Besuch. Jim kennt den Dschungel. Zumindest glaubt er das. Doch irgendwann verlieren sie die Orientierung im dichten Dickicht der grünen Pflanzen. Es dauert Stunden, bis sie wieder da rausfinden. Jim bleibt aber ruhig. Er soll sowas gesagt haben wie Keine Sorge, wir folgen dem Bach und dann kommen wir raus. Ob dieser Satz genau so gefallen ist, lässt sich aber nicht sicher belegen. Überliefert ist, dass sie zurückfinden, noch vormittag. Zwar erschöpft, aber unverletzt. Der Rest des Tages verläuft ruhig, mit Gesprächen, Lesen und Ausruhen. Der Dschungel umschließt derweil das Haus. Niemand weiß, dass das der letzte vollständige Tag sein wird, den Jim in den Cameron Highlands verbringt.
Der 26. März 1967 ist der besagte Ostersonntag. Im Moonlight-Bungalow beginnt der Tag wieder recht früh. Es ist kühl an diesem Morgen, deutlich kühler als unten im Tiefland. Nebel liegt noch zwischen den Hügeln und die Luft ist feucht. Die vier haben vor, heute gemeinsam zur Kirche zu gehen. Während sich Conny, TNG und Helen fertig machen, sagt Jim, dass er noch vorher kurz raus will. Nur ein kleiner Spaziergang. Er geht ja gerne eine Runde allein. Das ist nichts Ungewöhnliches. Jim nimmt die Kamunting Road, die schmale Straße, die direkt am Grundstück vorbeiführt. Nach etwa zwei Kilometern mündet sie in die größere Hauptstraße. Dort will er später wieder zu den anderen stoßen. Jim zieht also allein los. Etwa 20 Minuten ist er für sich, bis er wieder auf die anderen trifft. Helen, die Frau des Chemikers, erinnert sich später, dass Jim darauf bestanden habe, den Weg zu Fuß zu gehen, während die anderen gefahren sind. Als sie wieder aufeinandertreffen, wirkt Jim erschöpft. Wie ihr schon wisst, nimmt Jim ja Medikamente gegen schmerzhafte Gallenblasenanfälle und eine Darmerkrankung. Aber das ist an diesem Vormittag kein Gesprächsthema. Niemand macht sich Sorgen. Gemeinsam fahren sie dann zur Kirche. Der Gottesdienst dauert über eine Stunde.
Rekonstruiert wird dieser Ostersonntag später übrigens anhand von Zeugenaussagen, von Polizeiberichten und den Medien, die damals berichtet haben, wie zum Beispiel das Time Magazine. Später gibt es dann Recherchen, zum Beispiel von der BBC oder dem Forscher Tullman, von dem wir vorhin schon mal kurz gesprochen haben. Nach der Kirche fahren sie alle gemeinsam weiter, aber noch nicht nach Hause, sondern zu einem Ausflug. Ein Picknick an einem der höchsten Berge der Cameron Highlands. Er ist über 2000 Meter hoch. Von dort oben sieht man weit über die Teeplantagen und den Dschungel hinweg. Später heißt es, Jim habe diesen Ausflug eigentlich absagen wollen. In einigen Quellen ist zu lesen, Jim habe gedrängt zurückzufahren. Beim Picknick wirke er ungewöhnlich still, nicht wie sonst. Obwohl er eigentlich für seine Höflichkeit bekannt ist, soll Jim das Essen sogar frühzeitig beendet haben. Am frühen Nachmittag fahren sie dann zum Moonlight Bungalow zurück. Der Vormittag war lang, daher wollen sich alle erstmal ein bisschen ausruhen. Alle außer Jim. Sein Bett bleibt unberührt. Stattdessen setzt er sich noch eine Weile raus auf die Veranda.
Später berichten Helen und Dr. TNG, sie hätten gehört, wie er einen Stuhl über den Boden zieht. Vielleicht, um in der Sonne sitzen zu können. Jim raucht dort eine Zigarre. Dann steht er auf. Die genauen Uhrzeiten dieses Nachmittags lassen sich nicht mehr eindeutig nachvollziehen. In einigen Quellen heißt es, dass er sich schon gegen 13.30 Uhr aufgemacht hat. Andere vermerken sein Aufbrechen erst etwas später. Fakt ist, Jim sagt, dass er noch einmal spazieren gehen möchte. Nur ein kurzer Gang. Bevor er loszieht, winkt er Helen und Connie zum Abschied. Sie sehen noch, wie er das Grundstück verlässt. Jim überquert die schmale Straße vor dem Haus. Dann geht er die Camontane Road entlang, weg vom Bungalow. Es ist ein vertrautes Bild. Im Inneren des Moonlight Bungalow wird es ruhig. Niemand wartet hier bewusst auf Jim. Niemand schaut auf die Uhr. Es gibt ja auch keinen Grund dafür. Kurz nach 15 Uhr hören der Doktor und seine Frau Schritte auf dem Kiesweg. Sie schauen aber nicht nach, wer es ist. Sie nehmen an, dass es sich um Jim handeln könnte. Dabei ist er ja eigentlich schon früher los.
Später meint der Doktor, noch einmal Schritte gehört zu haben, vielleicht gegen 15.30 Uhr, nahe seines Fensters. Auch das ordnet er Jim zu. Ob das stimmt, kann keiner mehr nachvollziehen. Stimmen hören sie keine, nur Schritte. Dann wieder Stille. Was genau nach Jims Aufbruch passiert, lässt sich nicht mehr ganz genau nachvollziehen. Aber es gibt Beobachtungen verschiedener Menschen, die später Aussagen zu Protokoll geben werden. Gegen 16 Uhr habe ein Gärtner aus der Gegend, so berichtet er später, Jim auf dem Rand des Plateaus in der Nähe eines Bungalows gesehen, der zur lutherischen Mission gehört. Die Entfernung zu dem Mann ist aber sehr groß, über 100 Meter. Die beiden sollen sich zugewunken haben. Fast zeitgleich sagt jemand der gleichen Mission aus, Jim aus wenigen Metern Entfernung im Garten gesehen zu haben. Beide Aussagen werden aufgenommen. Sie liegen auch zeitlich nah beieinander.
Zur gleichen Zeit will ihn eine weitere Zeugin weiter östlich gesehen haben, im Bereich eines Geländes, wo später mal ein Resort gebaut werden soll. Die Frau arbeitet als Hausangestellte in der Gegend. Sie sagt, sie habe Jim von der anderen Seite einer Schlucht gesehen. Etwas später, gegen 16.45 Uhr, will eine andere Angestellte Jim am Straßenrand gesehen haben. Er soll auf einem großen Stein gesessen und dabei irgendwie müde gewirkt haben. In einer Version heißt es, Jim habe dabei eine Zigarette geraucht. Es gibt noch weitere Sichtungen. Eine Person will jemanden gesehen haben, der aussah wie Jim auf einem Pfad in Richtung Golfplatz. Eine andere spricht von einer Gestalt, die hangabwärts ging. Das Problem bei all den Aussagen ist, Zeiten und Orte variieren und Details widersprechen sich. Während Jim draußen unterwegs und noch immer nicht zurück ist, wird die Stimmung im Moonlight-Bungalow langsam unruhig. Als Jim gegen 18 Uhr noch immer nicht zurück ist, mischen sich Sorgen in die Gedanken.
Der Doktor fängt an, Freunde anzurufen. Vielleicht hat Jim ja jemanden besucht. Aber nein, niemand berichtet von einem spontanen Besuch. Dann macht sich der Doktor auf den Weg zur Polizei. Für Dr. TNG, seine Frau Helen und Connie ist klar, dass Jim etwas passiert sein muss. Jim trägt an diesem Nachmittag ein kurzärmliges weißes Hemd und eine graue Hose. Jim hat kurze graue Haare. Er ist mittelgroß und schlank. Als er losging, hatte er keine Jacke dabei. Keine warme Kleidung. Er lässt auch seinen Pass, Geld und Medikamente im Moonlight-Bungalow zurück. Ebenso wie seine Zigaretten. Wer so loszieht, leicht bekleidet und ohne Vorbereitung, der will doch wirklich nur zu einem kurzen Spaziergang und nicht abhauen oder so.
Außerdem ist Jim erst seit wenigen Tagen in den Cameron Highlands. Er kennt die Gegend also noch nicht besonders gut. Er weiß auch, dass das Gelände schwierig ist. Und wie ihr schon wisst, hat er sich am Tag zuvor ja sogar verlaufen. Vielleicht hat er sich ein zweites Mal verlaufen und findet wieder den Rückweg nicht. Noch bevor eine organisierte Suche beginnt, improvisieren die Anwohner und ziehen auf eigene Faust los. Auch Kinder, Hotelgäste und ein Arzt, der zufällig in den Highlands Urlaub macht, werden für die Suche rekrutiert. Sie alle suchen Wege ab, rufen laut Jims Namen und leuchten mit Taschenlampen in den Dschungel. Es ist inzwischen schon dunkel geworden. Später stoßen dann auch Polizisten dazu. Sie durchsuchen zuerst den Moonlight Bungalow, dann das Gelände rund um die Gegenden, in denen Jim von den verschiedensten Personen gesehen worden sein soll. Der Dschungel um die Cameron Highlands verändert sich schnell, sobald das Licht schwindet. Geräusche werden lauter, Entfernungen schwerer einschätzbar. Wege verlieren sich in der Dunkelheit. In dieser Nacht findet niemand auch nur eine Spur von Jim. Am nächsten Morgen ist Ostermontag. Die Feierlichkeiten sind vorbei, aber die Gegend wirkt so, als hätte jemand den Atem angehalten. Heute wird aus der improvisierten Suche etwas Offizielles.
Polizisten kommen zurück zum Moonlight-Bungalow. Soldaten werden angefordert und Suchtrupps eingeteilt. Der Bungalow wird zum Ausgangspunkt einer groß angelegten Suchaktion. Es ist immerhin der Ort, an dem Jim zuletzt sicher gewesen ist. In der Sprache der Suchteams heißt so ein Punkt Last Noun Point.
Werbung Werbung Ende, Schon in den ersten zwei Tagen wächst die Suche auf eine Größenordnung an, die die Cameron Highlands so noch nicht gesehen haben. In Tullmans Zusammenfassung ist von bis zu 400 Leuten die Rede. Es sind sehr unterschiedliche Gruppen dabei. Zu den Polizisten der malaysischen Polizei und den Soldaten der Armee kommen Boy Scouts, also Pfadfinder aus der Region dazu. Das sind Jugendliche, die bei dieser Suche in organisierten Trupps losziehen und Wege und Pfade absuchen. Geführt werden sie oft von den indigenen Volksgruppen der malayischen Halbinsel. Sie sind erfahrene Tracker und haben gelernt, Spuren im dichten Gelände zu lesen. Auch sogenannte Gurkhas sind dabei. Das sind nepalesische Soldaten, die zu dieser Zeit in britischen Einheiten in Malaysia stationiert sind. Dazu kommen britische Helfer, zum Beispiel Soldaten, die sich gerade zur Erholung in den Highlands aufhalten, sowie Freiwillige aus Missionen und Hotels. Selbst Vertreter aus dem Umfeld der US-Botschaft in Kuala Lumpur reisen an. Nicht nur, um die Suche zu leiten, sondern weil hier ein prominenter Amerikaner verschwunden ist. Niemand kann diesen Fall einfach ignorieren. Die Berichte schwanken später, was die Zahlen betrifft. Einige sprechen von 300 Menschen, die an der Suche beteiligt sind. Andere von 400 oder sogar mehr.
Eine DPA-Zusammenfassung, die Jahrzehnte später erscheint, spricht sogar von nahezu 1500 Beteiligten über die gesamte Zeit. Das passt auch zusammen, wenn man es in Wellen denkt. Nicht 1500 gleichzeitig, sondern immer neue Gruppen, die dazukommen. Einzelne Tage, an denen besonders viele suchen, und dann wieder weniger, sobald die Tage vergehen. Am Anfang sind es aber keine Spezialisten, die zuerst losziehen, sondern Menschen, die die Wege in der Gegend kennen.
Straßenränder, Abzweigungen und Pfade, die in den Dschungel führen. Ein ehemaliger Boy Scout erinnert sich daran, dass alle gerufen hätten. Er berichtet dem Forscher Tullmin, wie sie verzweifelt Mr. Jim, Mr. Jim rufen, während sie die Hauptwege ablaufen und bei jedem kleinen Nebenfahrt entscheiden müssen, ob sie hineingehen oder weiterziehen. Wie ihr schon wisst, ist die Gegend hier kein flaches Gelände. Es sind Hügel, Schluchten, steile Kanten, Bambusdickicht, rutschige Erde und überall diese Vegetation, die sich nicht einfach zur Seite schieben lässt. In den Beschreibungen aus dem Material der Suche tauchen Sätze auf, die hängenbleiben. Dass im dichten Bergdschungel ein Hügel aus der Nähe aussieht wie der nächste. Dass es keine Landmarken gibt, kein Gefühl für Entfernung und dass man ständig vom Kurs abkommt. Genau das macht die Suche so mühsam. Und genau das macht sie so leicht zu überschätzen, weil viele Leute nicht automatisch heißt, dass auch viel Fläche wirklich gründlich abgesucht werden kann.
Trotzdem ist die Suche groß und zieht auch international viel Aufmerksamkeit auf sich. Time Magazine schreibt Anfang April 1967 von dem massivsten Manhunt, also der größten Personensuche, die diese Berge je gesehen hätten. Soldaten und Polizei, Spürhunde, Helikopter über den Baumwipfeln und Angehörige indigener Gruppen, die das Gelände kennen.
Time berichtet auch, dass die Gegend zwar ein Erholungsort ist, aber zugleich ein Ort, an dem Banditen und sogar Tiger als Vorstellung im Raum stehen. Jim könnte also angegriffen worden sein und irgendwo verletzt oder sogar tot im Dschungel liegen. Diese Mischung aus Ferienkulisse und Wildnis macht die Geschichte noch unrealer und so wahrscheinlich noch spannender für die Medien damals. Wir haben euch ein paar Artikel mit Fotos in den Show Notes verlinkt. Dort könnt ihr euch auch Fotos von der Suche und dem Dschungel anschauen. Einer der Suchleiter erzählt Forscher Tulmen später, dass drei Spürhunde am Moonlight-Bungalow Geruchsspuren aufnehmen. Aber keine Spur, die eindeutig den Zugangsweg hinunterführt oder in den Dschungel hinein. Damit ist es leider kein Beweis für irgendwas. Aber es verändert das Vorgehen der Einsatzkräfte. Vielleicht ist Jim gar nicht in den Dschungel gegangen, sondern vielleicht ist er in ein Auto gestiegen. Vielleicht hört die Geruchsspur deswegen so abrupt auf. Forscher Tulmen betont später selbst, dass niemand am Bungalow ein Auto gesehen oder gehört hat. Und trotzdem ist diese Hundespur einer der Gründer, warum die Suche früh zwischen zwei Welten hängt, nämlich dem Dschungel oder der Straße.
Und dann passiert noch etwas, das typisch für so große Suchaktionen ist. Je mehr Tage vergehen, desto mehr Leute tauchen auf. Einige, weil sie wirklich helfen wollen, andere, weil sie hoffen, etwas zu finden, um sich zu profilieren. Abenteurer, sogar Schüler aus den USA. Leute, die sich einen Finderlohn erhoffen, oder Mystiker, die das mysteriöse Verschwinden dahinter reizt. Das klingt übertrieben, bis man sich die Dynamik dahinter mal vorstellt. Ein berühmter Amerikaner, der verschwunden ist. Überall hängen Zettel mit der Bitte um Hinweise. Alle in der Gegend reden und sämtliche Zeitungen berichten darüber. Mit der Größe der Suchteams wächst auch ein anderes Problem. Nämlich wer sucht eigentlich wo? Wer hat welches Gebiet schon abgedeckt? Wer spricht mit den Zeugen? Wer entscheidet, welche Spur verfolgt wird? Der Forscher Tulmen beschreibt, dass die Suche zwar die größte ihrer Art gewesen sei, aber nicht automatisch auch die beste Suche. Und während die offiziellen Teams noch versuchen, irgendwie eine Struktur zu halten, kippt langsam die Stimmung. Das ergibt sich zumindest aus dem, was später berichtet wird. Mit jedem Tag, ohne Fund, ohne Hinweise, ohne eine Spur, wird der Raum für Erklärungen, was passiert sein könnte, immer größer. Und irgendwann, als die Suche schon lange läuft und die Hoffnung nicht mehr so hoch ist, wird es auch noch seltsam.
Thulman schreibt, dass über 100 Mystiker, Wahrsager und Medien auftauchen. Manche schlagen Gongs oder zünden Feuerwerkskörper im Wald, um Geister zu vertreiben. Das klingt erstmal absurd, aber eigentlich erzählt das etwas sehr Menschliches, oder? Wenn es keine richtigen Spuren gibt, greifen Menschen nach allem, was überhaupt noch irgendwas verspricht.
Offiziell läuft die große Suche rund elf Tage. Danach geht es weiter, nur eben anders. Nicht mehr als eine geschlossene Operation, sondern in Schüben. Kleine Gruppen suchen an einzelnen Tagen und trotzdem endet jeder Tag gleich. Niemand findet Jim. Schon während der Suche und erst recht danach kursieren unterschiedliche Vorstellungen davon, was Jim passiert sein könnte. Manche wirken aus heutiger Sicht weit hergeholt.
Damals erscheinen sie vielen Menschen aber plausibel. Am naheliegendsten ist zunächst die einfachste Erklärung. Ein Unfall. Jim könnte sich im Dschungel verirrt haben. Oder er könnte gestürzt sein. Auch ein medizinischer Notfall kommt in Frage. Denn Jim leidet ja an Gallenblasenanfällen und nimmt Medikamente dagegen, die er nicht dabei hatte. Es wäre denkbar, dass er plötzlich irgendwo zusammengebrochen ist. Viele halten das für wahrscheinlich. Gerade weil Jim allein unterwegs war. Ohne Ausrüstung, ohne warme Kleidung oder ohne jemanden, der hätte Hilfe holen können. Aber hätte man dann nicht etwas gefunden? Hätte man nicht ihn gefunden? Die Suche ist ja ziemlich groß angelegt. Sie dauert lange und es gibt Hunde und Helikopter, die mitsuchen. Und trotzdem findet niemand auch nur den kleinsten Hinweis auf Jims Verbleib. Dazu kommt diese Hundespur am Moonlight Bungalow, die ja plötzlich aufhört.
Es gibt noch eine andere Idee, die in der Presse viel Anklang findet. Nämlich eine Entführung. Jim ist ziemlich wohlhabend und er ist bekannt. In Südostasien gibt es zu dieser Zeit Entführungen gegen Lösegeld, vor allem von Geschäftsleuten. Diese Theorie hat allerdings einen Haken. Denn es gibt keinen Erpresserbrief. Niemand meldet sich und will Geld. Und sehr wenige Menschen wissen überhaupt, dass Jim über Ostern in den Cameron Highlands ist. Sein Spaziergang an diesem Nachmittag ist auch nicht geplant gewesen, sondern war ja spontan. Eine gezielte Entführung macht das eher unwahrscheinlich.
Dann gibt es noch die Spekulationen, die mit Jims Vergangenheit zu tun haben. Es geht um seine Zeit beim Geheimdienst. Manche glauben, Jim habe noch immer für amerikanische Dienste gearbeitet. Andere drehen es um und vermuten, er sei gerade deshalb zum Ziel geworden. Vielleicht sollte er ausgeschaltet werden, weil er etwas wusste, was mit seiner Geheimdienstarbeit zusammenhängt. Wieder andere glauben, Jim habe sich freiwillig abgesetzt, um ein neues Leben zu beginnen.
Monate später taucht sogar eine angebliche Sichtung in Tahiti auf. Das ist ziemlich weit weg, so 12 bis 15 Flugstunden. Ein amerikanischer Geschäftsmann will Jim dort gesehen haben. Und zwar mit einer Frau, die er nicht kennt. Das lässt sich aber nie belegen. Und dann gibt es all die Erklärungen, die mit der Gegend zu tun haben. Tiger, Schlangen, Fallen im Wald oder geheime Höhlen. Die üblichen Geschichten, die sich schnell verbreiten, wenn Menschen anfangen, sich vorzustellen, was einem in einem Dschungel alles passieren könnte. All diese Theorien existieren lange nebeneinander her. Zeitungen greifen sie immer wieder auf. Ein Jahr später, fünf Jahre später, zehn Jahre später. Je länger Jim verschwunden bleibt, desto größer wird der Raum für Spekulationen. Fast 50 Jahre später, ohne einen Hinweis auf Jims Verbleib, schaut sich jemand diese Theorien systematisch an. Nämlich Tullman, von dem haben wir euch heute ja schon viel erzählt. Er ist kein ehemaliger Ermittler und auch kein Journalist, der nach einer neuen Geschichte sucht. Er will die Suche aus wissenschaftlicher Perspektive analysieren. Dafür wertet er Interviews mit Suchleitern aus, spricht mit Menschen, die damals gesucht haben, analysiert Karten, Wetterdaten, Geländeprofile.
Liest Akten von FBI, OSS, CIA und dem US-Außenministerium. Und er nutzt mathematische Modelle aus der modernen Such- und Rettungsforschung, unter anderem Formeln der amerikanischen National Association for Search and Rescue.
Tullman kommt in seinem Bericht auf eine große Anzahl sogenannter Person Days. Das ist ein Begriff aus der Such- und Rettungsarbeit. Der beschreibt den Arbeitsaufwand. Also ein Person Day heißt, eine Person sucht einen Tag lang. Wenn also zehn Personen einen Tag lang suchen, dann sind das zehn Person Days. Bei der Suche nach Jim gab es laut Tullman etwa 1448 Person Days. Das ist eine beeindruckende Zahl. Gleichzeitig steht die aber einer enormen Fläche gegenüber. Je nachdem, wie weit Jim sich vom Moonlight Bungalow entfernt haben könnte, reden wir von bis zu 46 Quadratkilometern. Das ist größer als zweimal die Fläche des Frankfurter Flughafens. Selbst wenn die Suche strukturiert ist, berechnet Truman nur eine Erfolgswahrscheinlichkeit von etwa 30 bis 43 Prozent.
Anders gesagt, es ist realistisch, dass Suchtrupps oft an einer Stelle vorbeigegangen sind, ohne etwas zu sehen. Tolman hat sich aber nicht nur die Suche nach Jim angeschaut, sondern auch die Theorien, was ihm zugestoßen sein könnte. Er schließt aber viele dieser Theorien aus. Tigerangriffe etwa gelten statistisch als extrem unwahrscheinlich. Für Höhlen, Treibsand oder Fallen gibt es in der Gegend keine Belege. Auch Entführung, Mord oder freiwilliges Verschwinden hält er für wenig plausibel, weil sie voraussetzen würden, dass Jim ohne Geld, ohne Pass und ohne Vorbereitung ein neues Leben beginnt. Oder dass Täter unter perfekten Umständen handeln, ohne Spuren zu hinterlassen. Am Ende bleibt für Tulmin die unspektakulärste Erklärung die wahrscheinlichste. Jim geht in ein Gelände, das er kaum kennt. Er verlässt Wege und ist dabei allein. Vielleicht stürzt er und verletzt sich, landet dort, wo ihn niemand sehen kann. Vielleicht kommt noch ein medizinisches Problem dazu. Seine Leiche könnte sich im Laufe der Zeit über eine größere Fläche verteilt haben, zum Beispiel durch Tiere. Aber das würde erklären, warum bisher nichts gefunden wurde. Tullman sagt aber auch, dass das keine Gewissheit ist, sondern nur eine Wahrscheinlichkeit.
1974 wird Jim in Thailand offiziell für tot erklärt, also sieben Jahre nach seinem Verschwinden. Aber auch nachdem Jim offiziell als tot gilt, taucht sein Name immer wieder auf. Zum Beispiel die Sichtung in Tahiti, von der ihr ja schon wisst. Der Mann, der glaubt, Jim gesehen zu haben, räumt aber selbst ein, dass es eine Verwechslung gewesen sein könnte. Fast 20 Jahre nach seinem Verschwinden taucht 1985 wieder etwas auf. In den Cameron Highlands werden Knochenfragmente gefunden. Sie liegen am Rand eines Gemüsefelds, nahe einer Straße. Es gibt keinen Schädel und keine eindeutigen Hinweise auf die Identität oder Todesumstände. Die Polizei sammelt die Überreste ein, aber es gelingt nicht, sie Jim zuzuordnen. Der Fundort liegt auch nicht in der unmittelbaren Nähe des Moonlight Bungalows. Später tauchen die Knochen in Akten als mögliche Knochen von Jim wieder auf, ohne dass je bewiesen wird, ob sie überhaupt menschlich sind. Und dann verschwinden sie irgendwann bei einem Behördenumzug. Was an den Knochen genau untersucht wurde und was nicht, lässt sich rückblickend leider nicht mehr klären. Und dann gibt es noch einen zweiten Fall, der bis heute wie ein dunkler Schatten über dem Verschwinden von Jim liegt. Am 30. August 1967, gut fünf Monate nach seinem Verschwinden, wird seine ältere Schwester tot in ihrem Haus in Pennsylvania aufgefunden.
Sie wurde mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen. Es ist ein extrem brutales Verbrechen. Es gibt keine Einbruchsspuren und es wird auch nichts gestohlen. Am Tatort bleiben auch keine verwertbaren Spuren zurück. Der Mord wird nie aufgeklärt. Schon damals versuchen Zeitungen, eine Verbindung zwischen den beiden Fällen herzustellen. Die Parallelen sind da. Zwei Geschwister, zwei ungelöste Rätsel innerhalb weniger Monate. Tull Min prüft diese Verbindung später auch in seinem Bericht. Er spricht mit Ermittlern und wertet Akten und Nachlassunterlagen aus. Aber es gibt keinen beweisbaren Zusammenhang zwischen Jims verschwindenden Malaysia und dem Mord an seiner Schwester in den USA. Die beiden Fälle sind nach allem, was sich rekonstruieren lässt, unabhängig voneinander geschehen. Dass sie zeitlich so nah beieinander liegen, könnte also nur ein großer Zufall sein. Und trotzdem hinterlässt das ja ein komisches Gefühl. Als Jim 1974 für tot erklärt wird, gehen sein Haus und seine Kunstsammlung in eine Stiftung über. Sein Name wird zu einer Marke, zu einem Museum und Teil der thailändischen Geschichte. Aber das Entscheidende fehlt. Der Moment, an dem sich alles schließt. War es ein tragischer Unfall im Dschungel? Liegt irgendwo noch eine Spur, die nie gefunden wurde?
Wollen wir direkt in die Diskussion mit genau dieser Frage einsteigen? Meinst du, es gibt da irgendwo draußen eine Spur, die bis heute nicht gefunden wurde? Also so vermissten Fälle, die nicht aufgeklärt werden, sind ja immer super frustrierend. Keine Ahnung, ob das das richtige Wort ist. Aber mir bleibt ja seit Beginn dieses Podcasts immer der Fall von Lisanne und Chris im Kopf, zwei junge Frauen, die im Dschungel von Panama verschwunden sind. Da wurden zumindest Knochenfragmente gefunden, die man den beiden Frauen zuordnen konnte. Und hier in diesem Fall bei Jim haben wir einfach nichts, gar nichts. Der ist einfach weg. Und... Ich glaube, dass er tatsächlich in den Dschungel reinspaziert ist und dass er nicht in ein Auto gestiegen ist oder so und dass er entweder einen Unfall hatte im Dschungel und vielleicht gestürzt ist, irgendein Hang runtergerollt ist und dann verborgen unter dem Blätterdickicht nicht gefunden werden konnte. Also vielleicht waren die Helfer, die Suchenden wirklich in seiner Nähe, konnten ihn aber einfach nicht erkennen, weil er zu weit weg und zu verdeckt war. ich glaube, dass er da irgendwo liegt. Ich meine, wir wissen ja auch, dass er sowieso schon die ganze Zeit davor super erschöpft war. Also, wenn er dann noch irgendwie gestürzt ist, dann davor sogar noch erschöpfter wahrscheinlich war, vom ganzen Spazieren, kann ich mir auch vorstellen, dass sollten da irgendwie Suchende in der Nähe unterwegs gewesen sein, er halt deswegen auch nicht rufen konnte oder so.
Weil er vielleicht zu verletzt, zu erschöpft war. Kann ich mir ehrlich gesagt auch sehr gut vorstellen. Ich war echt überrascht, dass man auch so krass mathematisch an diese ganze Thematik rangehen kann. Also, dass man mit diesen Wahrscheinlichkeiten rechnet, dass so ein Tigerangriff zum Beispiel auch super unwahrscheinlich wäre, weil das wäre mein erster Gedanke tatsächlich. Ach echt, ja? Okay, wildes Tier im Dschungel, ja? Genau so, weil der Mensch ist draußen unterwegs und denkt, ach, mir passiert dir doch eh nichts. Und es ist halt immer noch ein Dschungel am Ende des Tages. Also aus meiner Sicht, da kann immer noch alles passieren. Ich meine, es ist unwahrscheinlich. Es könnte genauso ja auch trotzdem passiert sein. Und es wurden ja auch Knochen später gefunden. Nur konnten die ja ihm nicht zugeordnet werden. Und dann wurde halt da irgendwie gefuscht beim Umzug. Also vielleicht waren es wirklich seine Knochen. was ich mir für ihn wünschen würde, wäre komplett neues Leben natürlich, was wir auch gehört haben, aber ganz ehrlich, ich habe mir auch ein bisschen was vorgenommen jetzt für 26. Verschwinden.
Nicht verschwinden, aber ich versuche mir jetzt vorzunehmen, dir immer ein bisschen was zu entlocken. Deswegen meine Frage, ist das bei dir auch voll häufig, dass du von Friends gefragt wirst, Anne, warst du gerade hier und hier, weil ich glaube, ich habe dich gesehen? Oder war das jemand ähnliches? Weil ich habe das so häufig, weil ich werde entweder mit Leuten verwechseln, die aussehen wie Harry Potter oder so von früher. Oder Freunde sagen so von wegen, ja, warst du da gerade? Und ich so am Zuhause chillen und denke mir, nein, ich habe das Haus seit drei Tagen nicht verlassen. Nee, habe ich nicht. Also den Fall, ich kann mich zumindest nicht daran erinnern, dass das jemand mal so gefragt hat. Ich habe das eher, wenn ich neue Leute kennenlerne und mich vorstelle, dann sagen sie ganz oft so, kennen wir uns? Du kommst mir irgendwie bekannt vor. Aber ich kenne die Person dann meistens wirklich nicht. Also das habe ich tatsächlich schon oft gehabt. Aber du spielst jetzt auf diese Sichtung in Tahiti an, die jemand hatte. Ja, ganz ehrlich, das war ja auch so viel später.
Und ach ja, manche Personen, glaube ich, sehen anderen ähnlicher, weil ihr Gesicht so ein bisschen, wie soll ich denn das jetzt sagen, also vielleicht so ein bisschen unauffälliger ist. Und ich glaube, dann ist es leichter, jemanden zu verwechseln. Oder eine andere Person sieht halt derjenigen Person ein bisschen ähnlicher. Ich glaube nicht, dass der in, auf Tahiti, weiß ich gar nicht, wie man das richtig sagt. Wahrscheinlich auf Tahiti, kann ich mir vorstellen. Auf Tahiti, dass das Gym war. Irgendwie... Kann ich mir auch nicht vorstellen, dass er freiwillig verschwunden ist. Also klar, er hat seinen Pass und so zu Hause gelassen, aber ja, wenn du verschwinden willst, dann hast du wahrscheinlich einen gefakten Pass, weil sonst kann man dich ja aufspüren, wenn du einfach deinen benutzt. Aber irgendwie passt das nicht zu dem, der für den Geheimdienst gearbeitet hat, der, wobei, vielleicht passt es doch. Ja, jetzt kommt es nämlich. Ja, vielleicht passt es doch. Ich meine, ich wollte gerade sagen, jemand, der beim Geheimdienst arbeitet, der hat irgendwie alles schon durchgemacht. Warum sollte der denn verschwinden? Und dann dachte ich so, Moment. Der weiß doch am allerbesten, wie man verschwindet. Ja, okay, damit ist mein eigenes Argument gerade von mir selbst widerlegt worden. Aber irgendwie fühlt es sich trotzdem falsch an, zu glauben, dass er einfach so verschwunden ist. Ich weiß es nicht. Es war so schön, dich gerade beim Denken beobachten zu können. Es war so wonderful, ihr hättet es sehen müssen. Hä? Moment.
Also ich finde auch, das ist ein guter Punkt. Er weiß ja als Geheimdienstler, wie man super verschwindet, ohne großartig Spuren zu verstreuen.
Gleichzeitig ist diese Spion-Theorie immer irgendwie möglich und immer irgendwie so, dass wenn man halt kein Strohhalm mehr hat, dann greift man nach dem. Aber er war halt auch einfach ein Geheimdienstler, das muss man sagen. Ja, wir würden uns das wünschen, wie du schon gesagt hast, dass er einfach selbst freiwillig verschwunden ist. Das wäre zumindest der Wunsch, ja. Und um auch auf diese zweite Geschichte zu sprechen zu kommen mit seiner Schwester, die ja so brutal in den USA ermordet wurde.
Ich glaube, dass das einfach Zufall ist. Ja, denke ich auch. Die ist ja fünf Monate später ermordet worden. Ja, ich glaube nicht, dass das was mit seinem Verschwinden zu tun hat. Oder was denkst du? Ja, denke ich leider auch. Also da kann ich mir auch keine passende Verbindung irgendwie ausdenken. Also die einzige Verbindung, die mir da in den Kopf käme, wäre halt, dass Jim irgendwie entführt worden ist. Und das so eine ganz große Konstellation ist. Das ergibt aber keinen Sinn, weil ja niemand irgendwie Geld erpresst hat, um ihn wieder freizulassen. Also ich glaube auch, dass es nichts miteinander zu tun hat, um ehrlich zu sein. Aber ich könnte mir vorstellen, dass ihr da draußen Theorien habt. Und falls ihr die mit uns teilen wollt, dann schreibt uns gerne auf Instagram. Da ist mir schwarze Akte, alles klein und zusammengeschrieben. Oder wo jetzt echt viele immer überrascht sind, dass wir auf TikTok sind. Schon ein bisschen jetzt tatsächlich auch. Könnt ihr uns auch gerne da schreiben, falls ihr irgendwelche Theorien zu dem Fall habt. Und ansonsten würde ich sagen, schließen wir die Akte für heute und wir hören uns kommende Woche Dienstag überall, wo es Podcasts gibt.
Wir sind eure Hosts Anne Luckmann und Patrick Strohbusch. Redaktion Johanna Müsiger Schnitt Anne Luckmann Produktion Nadine Lenfer-Unterweger und Lea Backes Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios. Besonderer Dank geht an Falco Schulte.