Diese Episode enthält explizite Details über einen wahren Kriminalfall. Weitere Infos in der Folgenbeschreibung.
Kennst du die Angst, jemand könnte dir in der Dunkelheit deines eigenen Zuhauses auflauern? Dieses Gefühl, wenn du nach Hause kommst und schnell das Licht anmachst, weil man weiß ja nie? Wenn das Monster unter dem Bett lauert und daher beim Schlafen auf keinen Fall ein Fuß unter der Decke herausschauen darf? Die gute Nachricht ist, meistens verbergen sich im Schatten zu Hause nicht die Bedrohungen, die wir in ihnen vermuten. Die schlechte Nachricht ist aber eben nur meistens. Denn hinter einer bestimmten Tür in einem kleinen Haus in einer großen Stadt steht ein Mann, der gekommen ist, um zu töten. In seiner Hand hält er einen Hammer, die Finger fest um den Griff geschlossen. Er wartet. Viele Stunden. Er wartet darauf, dass die Frau nach Hause kommt, die in diesem kleinen Haus in der großen Stadt lebt. Während er wartet, schwitzt er in den gelben Gummihandschuhen und unter der Baseballkappe, die er sich tief ins Gesicht gezogen hat. Er darf sich nicht bewegen, denn er kann nicht riskieren, die Alarmanlage auszulösen. Er wartet und atmet und schwitzt und hält den Hammer ganz fest, während er mit den Schatten hinter der Tür verschmilzt.
Und damit herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte, mir digital gegenüber mit Anne Luckmann. Und mit Patrick Strohwusch. Hallo, herzlich willkommen zur letzten Folge der Schwarzen Akte in diesem Jahr. Und dafür entführen wir euch heute in den Nordwesten der USA. Und zwar in die größte Stadt Oregons, die am Fuße eines Vulkans liegt. Es geht nach Portland, in die Stadt der vielen Brücken. Anderthalb Stunden braucht man von hier aus mit dem Auto bis an den Pazifik, wobei es in Portland auch selbst jede Menge Wasser gibt. Mitten durch die Stadt fließt nämlich ein großer Fluss, der von zwölf Brücken überspannt wird. Das ist übrigens der Grund, warum Portland auch Bridge City oder Bridgetown genannt wird.
Weit über eine halbe Million Menschen leben hier. Zu Gründungszeiten, knapp 200 Jahre zuvor, waren es nicht einmal 1000. Wer hier heutzutage durch die Straßen schlendert, dem wird sofort der schneebedeckte Gipfel des Mount Hood auffallen, der immer wieder am Horizont auftaucht. Der Vulkan ist zwar seit vielen Jahren schon nicht mehr ausgebrochen, geht aber als potenziell aktiv und steht daher unter genauester Beobachtung. Aber noch etwas fällt beim Gang durch die Straßen auf. Immer wieder ist auf Schildern, Häuserwänden oder Aufklebern der Slogan Keep Portland Weird zu lesen, was übersetzt so viel heißt wie Portland, bleib schräg.
So lautet nämlich das inoffizielle Motto der Stadt, bei dem es darum geht, Individualität, verschiedene Lebensstile und lokale Kunst zu fördern. Also eben alles, was nicht in irgendeine Schublade passt. Das klingt bunt und fröhlich, aber Portland hat auch eine ernste Seite. Unser heutiger Fall ereignete sich im Jahr 2006. In diesem Jahr liegt der Drogenkonsum in Oregon über dem nationalen Durchschnitt. Als größte Stadt des Bundesstaates gilt Portland als eine Art Zentrum und Treffpunkt für viele Menschen, die konsumieren. Dabei handelt es sich häufig um harte chemische Drogen. Auch die häusliche Gewalt ist und bleibt eine der größten Krisen im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Aktuelle Zahlen zeigen, dass jede Minute 24 Menschen in den USA Opfer von häuslicher Gewalt oder Stalking werden. Das betrifft 41% aller Frauen und 26% aller Männer. Und das wiederum bedeutet, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit an jedem Ort, an dem Menschen aus irgendeinem Grund zusammenkommen, jemanden gibt, dem diese Art von Gewalt widerfahren ist. In jedem Hörsaal, in jedem Büro, sogar in jedem Bus oder in jeder U-Bahn.
Portland ist wahrlich eine Stadt mit vielen Facetten, hell und dunkel, so wie wohl viele große Städte. Wie gerade schon kurz erwähnt, möchten wir euch heute von einem Fall erzählen, der sich im Jahr 2006 zugetragen hat, und zwar im September. Während die Fußballherzen in Deutschland nach der WM wieder in einer normalen Geschwindigkeit schlagen, macht sich die 51-jährige Susan in Portland nach einer langen Schicht in der Notaufnahme auf den Weg nach Hause. Sie mag ihr kleines Haus in der großen Stadt mit dem blauen Anstrich und dem weißen Lattenzaun. Hier fühlt sie sich wohl, in ihrem kleinen Reich und vor allem fühlt sie sich hier sicher. Bis zum 6. September 2006. Susan arbeitet schon seit fast 30 Jahren in der Notaufnahme des Providence Portland Medical Centers. Dort hat sie schon so ziemlich alles gesehen. Sie weiß, wie man aggressiven, drogenabhängigen Infusionen legt und Brustkörbe öffnet, um Herzdruckmassagen durchzuführen. Sie weiß, wie Schmerz Menschen verändern kann und wie man ruhig bleibt, wenn andere in Panik geraten. Und sie weiß, wie man innerhalb des Bruchteils einer Sekunde Entscheidungen trifft, die den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.
Susan liebt ihren Job, auch wenn er körperlich ziemlich fordernd ist. Und je älter sie wird, desto mehr zwickt und schmerzt es überall, besonders in den Knien. Aber das hält sie nicht davon ab, weiterhin ihre Schichten anzutreten und zu tun, was sie am liebsten macht, nämlich Leute zu retten. Susan ist zudem auch noch eine ziemlich coole Frau. Wenn sie lacht, dann laut und herzlich. Und wenn sie in ihren Lieblings-Comedy-Club geht, dann sitzt sie immer in der ersten Reihe. Ihre Freunde und Familie schätzen sie als die lebensfrohe, temperamentvolle Frau, die sie ist. Immer für einen Spaß zu haben und absolut vernaht an ihre Katzen. Allerdings hat Susan in ihrem Leben lange etwas gefehlt, und zwar ein Partner an ihrer Seite. Ja, so richtig gefunkt hat es mit den Männern irgendwie nie. Und dabei hat sie sich so sehr jemanden gewünscht, mit dem sie sich austauschen, kuscheln und gemeinsam die kleinen und die großen Herausforderungen des Lebens bestreiten kann. Jemand, mit dem sie natürlich auch so richtig herzlich lachen kann. Im Januar 1988, da ist Susan Anfang 30, nehmen ihre Mutter und eine Freundin Susans Glück einfach selbst in die Hand. Sie schalten in einer Wochenzeitung nämlich eine Kontaktanzeige, in der Folgendes steht.
Alleinstehende weiße Frau, 33 Jahre alt, übergewichtig, aber dem Leben nicht überdrüssig. Sucht alleinstehenden Mann, dem es in einer Beziehung um mehr geht als nur um die Kleidergröße. Aktive Gesundheitsfachkraft, die es genießt, den Nordwesten zu erkunden. Interessiert an Gesprächen und einer guten Zeit mit jemandem, der intelligent, aufmerksam und humorvoll ist. Muss emotional reif und finanziell stabil sein. Wenn du eine kluge, witzige Frau suchst, die abenteuerlustig genug ist, hier eine Anzeige zu schalten, dann melde dich bitte. Zwei Wochen später erhält Susan eine Antwort vom 39-jährigen Michael, genannt Maik. Maik ist Vietnam-Veteran, geschieden, hat zwei Kinder und teilt Susans Leidenschaft für die Natur. In den nächsten Wochen schreiben und telefonieren sie viel. Und mit jedem Gespräch hat Susan mehr das Gefühl, dass ihr Schicksal tatsächlich einen Mann fürs Leben geschickt hat. Sie erinnert sich noch gut an ihr erstes Telefonat mit Mike und daran, wie aufgeregt sie war. Sie mochte direkt den Klang seiner Stimme und war positiv überrascht, dass sie mit ihm über wirklich tiefgründige Themen sprechen konnte. Und weil das alles einfach so schön und aufregend war, hat sie den Tag direkt mit einem dicken Smiley in ihrem Terminkalender markiert. Ungefähr 100 Stunden am Telefon und einen Monat später treffen sich die beiden zum ersten Mal persönlich.
Sie spazieren durch einen wunderschönen öffentlichen Garten in Portland, der bekannt ist für seine seltene, vielfältige Flora und die vielen kleinen Oasen der Ruhr. Sie füttern Enten und Eichhörnchen und unterhalten sich richtig gut. Susan ist einfach nur glücklich. Sie hat keinen Zweifel, endlich ihren Seelenverwandten gefunden zu haben. Sie ist bereit, es mit Mike zu versuchen. Und das, obwohl sie eigentlich gar nicht so richtig an das Konzept der Ehe glaubt. Zumindest hat sie in ihrem bisherigen Leben noch nicht wirklich viele glückliche Ehen miterlebt. Ihre eigenen Eltern haben sich getrennt, als sie in der zweiten Klasse war. Susan kann gar nicht zählen, wie oft sie von da an zwischen den Eltern hin und her gependet ist und immer wieder umziehen und die Schule wechseln musste. Heißt also, Susan hat keinen Plan, wie eine glückliche Ehe funktionieren kann. Aber sie ist bereit, es zu versuchen. Und Mike auch. Er war schon einmal verheiratet, hat aber keine Angst, der Liebe eine neue Chance zu geben. Fünf Monate nach ihrem Kennenlernen zieht Mike zu Susan in ihr kleines blaues Häuschen in Portland.
Zum Glück versteht sie sich ziemlich gut mit Mikes Kindern, die zu der Zeit ungefähr im Teenager-Alter sind und jedes zweite Wochenende zu Besuch kommen. Auch zu seinen Eltern hat Susan einen guten Draht. Im Dezember 1988, also knapp ein Jahr nach ihrem Kennenlernen, geben sich Susan und Mike in einer kleinen intimen Zeremonie das Ja-Wort. Es könnte alles nicht schöner sein.
Nach einigen Jahren der Ehe zeigen sich auch in ihrer Beziehung die ersten Risse. Mike ist längst nicht mehr der charmante, unternehmenslustige Mann, der er zu Beginn war. Statt raus in die Natur zu gehen, hockt er lieber in der Bude, raucht eine Zigarette nach der anderen, trinkt Unmengen an Kaffee und häufig auch mal Limonade oder eine Coke. Sein Job als Aufsichtsleiter im Reinigungsdienst bei einem Videoverleih für Erwachsene macht ihn auch nicht wirklich glücklich. Er muss häufig bis spät in die Nacht arbeiten und kann sich wirklich Schöneres vorstellen, als die Videokabinen zu reinigen, nachdem die Kunden sich dort ihre Erotik-Filmchen reingezogen haben. Fantasy Adult Video heißt der Laden und da ist der Name wohl Programm. Tatsächlich sagt Mike einmal zu Susan, dass er sich nicht sicher sei, ob er überhaupt jemals glücklich gewesen ist. Dass er ja gar nicht wisse, was Glück überhaupt bedeutet. Er hat auch eine ziemlich außergewöhnliche Einstellung zum Leben. Sein Motto lautet, das Leben ist wie ein schlechtes Sandwich und jeden Tag nimmst du ein weiteres Bissen, bis du stirbst.
Susan ist da ganz anders. Die Schichten in der Notaufnahme sind zwar hart, aber der Job erfüllt sie und macht ihr Freude. Ihre Vorstellung von Entspannung ist es, nach einer stressigen Woche Zeit mit Freunden zu verbringen, auszugehen und einfach mal aus dem Alltag rauszukommen. Mike sieht das etwas kritisch. Er will nicht, dass Susan so viel mit anderen Leuten unterwegs ist, weshalb sie manchmal auch einfach alleine ausgeht, um Streit mit ihm zu vermeiden. Aber auch das taugt Mike nicht. Er wirft ihr immer wieder vor, viel zu viel Geld für extravagante Sachen auszugeben, was Susan ziemlich wundert. Ihrer Meinung nach geht sie ziemlich verantwortungsvoll mit ihren Ausgaben um. Sie hat halt einfach ein aktives Leben. Und ganz abgesehen davon verdient sie ja auch deutlich mehr als ihr Mann. Mike wird zunehmend kontrollierender und wütender. Seine Wutausbrüche, so behauptet er, stammen noch von einem Trauma, das er während seiner Zeit im Vietnamkrieg erlitten hat. Doch als Susan seine Militärgeschichte überprüft, da stellt sie fest, dass er nie wirklich an der Front war, sondern einen Schreibtischjob beim Militär hatte. Er war Telefonvermittler. Seine Wutausbrüche machen Susan zunehmend Angst. Deshalb stellt sie ihm im Sommer 2005 ein Ultimatum. Entweder geht er mit ihr zur Eheberatung oder sie reicht die Scheidung ein. Zu diesem Zeitpunkt sind die beiden seit etwa 17 Jahren verheiratet.
Mike will erst nicht, überlegt es sich dann aber anders.
Tausende Dollar versenkt Susan in der Paartherapie. Doch am Ende hilft alles nichts. Die beiden finden einfach nicht wieder zueinander und Susan hat nicht den Eindruck, dass Mike wirklich etwas ändern will. Es ist nicht nur sein kontrollierendes Verhalten, sondern es sind auch viele kleine Momente im Alltag, auf die Susan einfach keinen Bock mehr hat. Zum Beispiel Mikes Angewohnheit, gerade dann zu rülpsen, wenn sie versucht, ihn zu küssen. Im September 2005 vereinbaren sie eine vorübergehende Trennung. Mike zieht zu seinem Vater, aber die beiden bleiben in freundschaftlichem Kontakt.
Mikes Kinder sind mittlerweile Selbsteltern geworden. Und zum Wohl der Enkel bemüht sich Susan, Mike auf Familientreffen unbeschwert und freundlich gegenüberzutreten.
In ihrem gemeinsamen Haus darf Mike kommen und gehen, wie es ihm passt. Vorausgesetzt, Susan ist da. Sie hat die Sorge, dass er in ihrer Abwesenheit ihre Sachen durchsuchen könnte. Allerdings hat sie das Gefühl, er macht es trotzdem. Es ist wahrlich nicht immer leicht, mit Mike befreundet zu sein. Und Susan merkt, dass sie ohne ihn viel glücklicher ist, was natürlich auch ihren Freunden direkt auffällt. An Weihnachten 2005 beschließt sie also nun endgültig den Schlussstrich zu ziehen. Sie trennt ihre Bankkonten und entscheidet sich, auch offiziell von ihm scheiden zu lassen. Das ist also der Punkt, an dem Susan steht, als sie sich am 6. September 2006 nach ihrer neunstündigen Schicht in der Notaufnahme auf den Weg nach Hause macht. Susan ist glücklich. Sie ist froh, dass sie ihren weiteren Weg ohne Mike gehen wird. Und wer weiß, vielleicht kriegen sie das ja echt noch gut hin mit der Freundschaft. Susan hat auf jeden Fall große Lust auf den Neuanfang. Und was gibt es Besseres, um einen Neuanfang zu zelebrieren, als eine neue Frisur? Bevor sie also in ihr kleines blaues Häuschen zurückkehrt, macht sie einen Stopp bei dem Friseur ihres Vertrauens. Es ist Frühjahrabend und während sie wartet, blättert Susan in einem Magazin. Dabei fällt ihr ein Gedicht auf, in dem es heißt Ich werde nicht ein ungelebtes Leben sterben und ich werde nicht in Angst leben.
Zu diesem Zeitpunkt hat Susan keine Ahnung, dass diese Zahlen ein düsteres Foreshadowing sind für das, was sie zu Hause erwartet. Denn hinter der Tür in ihrem Schlafzimmer steht noch immer der Mann mit dem Hammer und wartet darauf, dass sie nach Hause kommt. Er steht dort bereits seit vier Stunden und er wird auch noch länger warten, wenn es nötig ist. Er wird durchziehen, wofür er gekommen ist, ein schneller, wenn nötig, auch gewaltsamer Tod.
Eine vollkommen entspannte Susan steigt also nun mit guter Laune und neuer Frisur in ihr Auto und macht sich auf den Weg nach Hause. Sie parkt ihr Auto und schließt die Küchentür auf. Dann geht sie erst einmal zur Alarmanlage, die bei ihrem Eintritt angefangen hat zu piepen, und stellt sie aus. Alles wie immer. Dabei fällt ihr ein Zettel auf, der neben der Mikrowelle liegt und der am Morgen noch nicht da war. Sie erkennt Mikes Handschrift sofort. Auf dem Zettel steht, Sue, habe nicht geschlafen, musste weg, bin zum Strand gefahren. Er schreibt dazu, dass er sie am Freitag oder Samstag sehen werde. Susan ärgert sich kurz darüber, dann nimmt sie es mit Gelassenheit. Eigentlich hatte sie Mike gebeten, auf die Katzen aufzupassen, da sie in den nächsten Tagen zu einer Fachtagung der Notfallpflegevereinigung außerhalb der Stadt muss. Das ist dann wohl Mikes Antwort. Eigentlich sollte sie das nicht groß überraschen. Von wegen Freundschaft. Aber dann überlegt sie sich eben etwas anderes für ihre Katzen. Susan läuft einmal durchs Haus nach vorn zum Briefkasten, um ihre Post hereinzuholen. Es ist ein klarer, warmer Abend, um kurz nach 18.30 Uhr. Sie verweilt ein paar Augenblicke in ihrem Vorgarten, während sie die Post durchblättert. Dann kehrt sie zurück ins Haus und schließt die Haustür hinter sich. Ihr Blick fällt auf ihre Schlafzimmertür, die halb angelehnt ist. Weit genug, um zu erkennen, dass es im Schlafzimmer merkwürdig dunkel ist.
Sie hat am Morgen doch die Vorhänge geöffnet, so wie sie es jeden Tag tut. Oder doch nicht? Sie macht einen Schritt ins dunkle Zimmer hinein. Und dann geht alles ganz schnell. Ein fremder Mann tritt hinter der Tür hervor und schlägt Susan mit einem Hammer auf die linke Schläfe. Der Mann ist 1,75 groß, fast 90 Kilo schwer und überragt die kleine Susan mit ihren 1,63 deutlich. Der Hammer, den er dabei hat, hat auf einer Seite zwei spitze Klauen, die im Normalfall dafür da sind, Nägel aus Holz zu ziehen. In diesem Fall macht ihn das zu einer tödlichen Waffe. Sein langes Haar hat der Mann unter seiner Baseballkappe zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Seine Hände stecken in gelben Gummihandschuhen, die eigentlich dafür da sind, den Abwasch zu erledigen. Susan nimmt all diese Details innerhalb eines Herzschlags wahr. Der Mann ist nicht nur größer als sie und bewaffnet, sondern hat auch den Überraschungseffekt auf seiner Seite. Aber er hat Susan offensichtlich unterschätzt. Denn ihre jahrelange Erfahrung in der Notaufnahme kickt sofort. Sie hat in der Zeit viel über Selbstverteidigung gelernt. Sie weiß, wie man in Notfallsituationen einen kühlen Kopf behält. Und das hier ist definitiv ein Notfall. Ihr Training und ihr Instinkt übernehmen. Statt wegzulaufen und zu riskieren, dass der Angreifer hinter ihr herkommt, stürzt sich Susan auf den fremden Mann.
Am sichersten ist sie so nah wie möglich neben ihm, so unlogisch sich das auch im ersten Augenblick anhören mag. Dadurch, dass er bewaffnet ist, darf sie ihm keinen Platz geben, um den Hammer zu schwingen. Der Schreck und das Adrenalin, das mit aller Macht durch ihren Körper pumpt, verleihen ihr zusätzliche Kraft. Und auch die vielen Kilos auf ihrer Hüfte werden plötzlich zum Vorteil. Susan knallt mit voller Wucht und ihrem ganzen Gewicht gegen den Mann und versucht ihn zu Fall zu bringen. Aber der Angreifer lässt sich nicht so leicht aus dem Gleichgewicht bringen. Er packt Susan und drückt sie gegen die Wand ihres Schlafzimmers. Und dann sagt er etwas, das wohl auch die letzten Zweifel an seinen Ambitionen aus dem Weg räumt. Nur drei kurze Worte. Du bist stark. In seiner Stimme klingt die Überraschung mit, und Susan weiß mit jeder Faser ihres Seins, dass dieser Mann hier ist, um sie zu töten. Er stellt keine typischen Fragen, die zum Beispiel ein Einbrecher stellen würde. Er will nicht wissen, wo ihr Geld ist oder ob sie einen Tresor besitzt. Susan hat keine Ahnung, wer er ist oder warum er sie umbringen will. Alles, was sie weiß, ist, dass sie irgendwie überleben muss. Es kommt zu einem Kampf, bei dem Susan es schafft, dem Mann den Hammer zu entreißen. Sie schlägt ihn damit mehrfach auf den Kopf, doch voller Zorn entreißt er Susan den Hammer wieder. Sie weiß, dass ein gezielter Schlag mit den Klauen ihren Tod bedeuten kann. Sie darf auf keinen Fall zulassen, dass er damit ausholt.
Also greift sie da an, wo jeder Mensch am verwundbarsten ist. Sie packt seinen Hals und drückt ihm mit aller Kraft die Luftröhre zu. Das Gesicht des Mannes verfärbt sich lila, dann blau. Während sie drückt, fragt sie den Mann, wer ihn geschickt hat. Aber sie bekommt keine Antwort. Er kann und will auch nicht sprechen. Und Susan glaubt, dass sie ihn außer Gefecht gesetzt hat. Sie lässt los und rennt aus dem Zimmer, so schnell sie kann. Sie will einfach nur raus.
Aber sie hat zu früh losgelassen. Der Angreifer stürzt hinter ihr her, bekommt sie im Flur zu fassen und beginnt, ihr brutal ins Gesicht zu schlagen. Susan fällt zu Boden. Der Mann steht mit dem Hammer über ihr. Sie weiß, dass sie jetzt sterben wird. Doch ihr Selbstverteidigungstraining erlaubt ihr nicht, der Angst Raum zu geben. Susan bleibt stark und irgendwie schafft sie es tatsächlich, den Mann mit auf den Boden zu ziehen.
Wenn sie hier und heute stirbt, dann wird sie dafür sorgen, dass ihr Mörder nicht ungeschoren davon kommt. Sie weiß, dass sie den Hammer nicht wieder in ihren Besitz bringen kann. Also wird sie selbst zur Waffe. Sie beginnt ihn zu beißen, weil sie weiß, dass sie durch die Bissspuren eine forensische Verbindung zwischen ihm und ihr herstellen kann. Sie beißt ihn überall dort, wo sie ihn erreichen kann. In seinen Arm, seinen Brustkorb, seinen Oberschenkel. Dabei reißt sie sogar ein kleines Stück Gewebe heraus. Sie weist auch durch seinen Reißverschluss hindurch, bis in seine Genitalien. Parallel dazu sucht sie in den Taschen des Mannes nach einem Ausweis oder irgendetwas, das sie unter die Kommode werfen kann, damit die Polizei es dort später finden wird. Susans Gegenangriff verfehlt seine Wirkung nicht. Benommen von dem Schmerz lässt der Mann den Hammer fallen. Beide sind mittlerweile auf dem Boden des Flurs ineinander verkeilt. Susan manövriert jetzt ihr linkes Bein über seinen Körper und schafft es, so auf ihn drauf zu klettern. Dann legt sie ihren linken Arm um seinen Nacken, drückt mit dem rechten Unterarm gegen seine Kehle und nimmt ihn in den Würgegriff.
Sie fordert Antworten von ihm, aber der Mann sagt nichts, sondern knurrt nur. Susan schreit, ich zitiere.
Der Mann bleibt aber still und Susan hält ihn weiter fest im Würgegriff. Sie wird nicht noch einmal den Fehler begehen, ihn zu früh loszulassen. Sie hat verstanden, dass dieser Mann bis aufs Letzte gegen sie kämpfen wird. Er versucht auch, gegen den Griff anzukämpfen, aber Susan drückt nur noch fester zu. Sie merkt, wie seine letzte Kraft langsam nachlässt, wie er immer schlapper wird und wie er schließlich ganz aufhört, sich zu bewegen. 14 Minuten hat dieser Kampf um Leben und Tod gedauert. 14 Minuten, die sich anfühlen müssen wie eine Ewigkeit. Sie lässt den reglosen Körper los, greift den Hammer und rennt so schnell sie kann nach draußen auf die Straße. Sie klingelt so lange bei ihrer Nachbarin stumm, bis diese Gott sei Dank die Tür öffnet und die völlig erschöpfte und verletzte Susan ins Haus lässt. Sie bittet die Nachbarin, den Notruf zu wählen. Sie erzählt, was passiert ist und dass sie glaubt, dass sie den Angreifer getötet hat. Als die Polizei eintrifft, bestätigt sich Susans Vermutung. Der Mann, der sie ermorden wollte, liegt nun selbst tot auf dem Boden in ihrem Flur. Zunächst sieht alles wie ein Raubüberfall aus, doch eben nur auf den ersten Blick.
Schlafzimmer und Flur sind voller Blut. Es ist auf dem Boden, an den Wänden und lässt das Haus aussehen wie in einem Horrorfilm. Da der Mann aus unerklärlichen Gründen sein Portemonnaie mit zum Mordanschlag genommen hat, inklusive Ausweis darin, ist er schnell identifiziert. Er heißt Edward, ist 59 Jahre alt und der Polizei gut bekannt. Sein Vorstrafenregister ist lang. Missbrauch von Drogen und anderen Substanzen, Einbruch, Raub und sogar auch Anstiftung zum Mord. Knapp 15 Jahre zuvor hat er die Ermordung seiner Ex-Freundin arrangiert. Ihre Leiche hat man später vollkommen verwest am Ufer eines Flusses gefunden.
Edward wurde daraufhin zu neun Jahren Haft verurteilt und 2003 auf Bewährung entlassen, also drei Jahre vor dem Mordanschlag auf Susan. Bei der Autopsie seiner Leiche stellt man fest, dass er bei der Tat eine ziemlich hohe Dosis Kokain im Blut hatte. Eine Dosis, die auch mal schnell tödlich sein kann. Allerdings wohl nicht in Edwards Fall. Die Ergebnisse der Autopsie stimmen mit dem Bericht von Susan überein. Sie hat Edward getötet, indem sie ihm die Luft abgedrückt hat. Die Polizei zweifelt keine Sekunde daran, dass ihre Entscheidung absolute Notwehr war. Es ist keine einzige Spur zu finden, dass der Täter gewaltsam in das Gebäude eingedrungen ist. Da ja auch die Alarmanlage eingeschaltet war, muss der Mann entweder den Code gekannt haben oder er wurde von jemandem hereingelassen, der weiß, wie man die Alarmanlage an- und ausschaltet. Und Susan weiß ganz genau, dass außer ihr nur eine Person den geheimen Code kennt.
12.10. Das ist der Hochzeitstag von ihr und Mike. Susan hat diese vier Zahlen nie geändert, auch nach der Trennung nicht. Aber will Mike ihren Tod? Sie hat keinen Zweifel, dass dieser Edward engagiert wurde, um sie zu töten. Aber nochmal, war es wirklich Mike, der ihn geschickt hat? Susan ist mit der ganzen Angelegenheit verständlicherweise komplett überfordert. Sie muss erstmal den Schock verarbeiten, dass sie fast gestorben wäre und dann mit der Tatsache klarkommen, dass sie einen anderen Menschen getötet hat. Ihr Job ist es doch, Leben zu retten, ein anderes Leben zu nehmen, das geht gegen alles, für das sie steht. Susan schläft an diesem Abend, was ebenfalls sehr verständlich ist, nicht in ihrem Bett. Ein Krankenwagen bringt sie erst einmal in die Notaufnahme, wo sie kurz zuvor noch gearbeitet hat. Man ist dort natürlich ziemlich erstaunt und erschrocken darüber, sie so schnell und unter diesen Umständen wiederzusehen. Sie blutet, hat unter anderem ein blaues Auge und mehrere Prellungen im Gesicht und am Körper. Ihre Verletzungen sind aber zum Glück nicht lebensgefährlich.
Am nächsten Tag begleitet eine Freundin sie zurück zu ihrem Haus, damit Susan ein paar persönliche Gegenstände einsammeln kann. Bis klar ist, was genau hier los ist, wird sie woanders unterkommen. Den beiden Frauen fällt ein Rucksack im Keller auf, der dort eigentlich nicht hingehört. Schnell wird klar, dass es Edwards Rucksack ist. Er hat den vermutlich dort abgelegt, um ihn nach Susans Ermordung wieder mitzunehmen. Beiden Frauen ist bewusst, dass sie den Fund sofort der Polizei melden müssen. Vielleicht liefert der Inhalt ja wichtige Informationen darüber, wer den Auftragsmörder engagiert hat. Und dem ist wirklich so.
Werbung. Werbung Ende. In dem Rucksack befinden sich eine Flasche Schokoladensirup, 200 Dollar in Bar, Diabetes-Tabletten, eine Gehaltsabrechnung, ein Umschlag und ein Terminkalender. Und in diesem Kalender hat Edward für den 4. September, also zwei Tage vor der Tat, einen Eintrag gemacht, der alles erklärt. Zwei Wörter hat er da aufgeschrieben. Mike anrufen. Und zwar nicht irgendein Mike, sondern der Mike. Das wird klar, als die Polizei den Umschlag öffnet. Darin befindet sich nämlich ein Zettel, auf dem die Telefonnummer von Susans Ex-Mann notiert ist. Dieser Fund bestätigt Susans Theorie. Ihr Noch-Ehemann hat Edward angeheuert, um sie zu töten. Anders lässt sich das alles nicht erklären.
Mike muss die Alarmanlage deaktiviert und Edward in das Haus gelassen haben, bevor er die Nachricht an Susan neben die Mikrowelle gelegt und beim Hinausgehen die Alarmanlage dann wieder aktiviert hat. Die Polizei findet auch recht schnell einen Beweis dafür, dass Mike und Edward sich kannten. Denn als Edward 2003 aus dem Gefängnis entlassen wurde, braucht er ja erstmal einen Job. Und den hat er bei Fantasy Adult Video gefunden, wo Mike ihn als Reinigungskraft angestellt hat. Edward stammt eigentlich aus einer wohlhabenden Familie und war wohl laut Freunden und Verwandten früher mal ein begeisterter Tennisspieler. Ein ziemlicher Kontrast zu dem Leben, das er dann als Erwachsener geführt hat. Mike muss sich jetzt also ein paar ziemlich unbequemen Fragen stellen. Das Problem ist nur, er ist weg. Er weiß, dass der Mordanschlag missglückt ist und hat sich schnell aus dem Staub gemacht. Eine Überprüfung seiner Kreditkarte zeigt, dass er am Tag des Angriffs wie angekündigt an die Küste gefahren ist und dort in einem Hotel eingecheckt hat. In der Nacht ist er allerdings nach Portland zurückgekehrt und hat in einem Pfandhaus einen Revolver gekauft. Allerdings wohl nicht, um Susan nun eigenhändig zu töten. Wobei man das natürlich auch nicht hundertprozentig weiß.
Seine Tochter meldet sich zwei Tage nach dem Angriff bei der Polizei, um zu erzählen, dass Mike anscheinend einen Abschiedsbrief im Haus seines Vaters hinterlassen habe. Bei seinem Vater ist Mike ja, ihr erinnert euch, nach der Trennung untergekommen. In dem Brief steht unter anderem, alles was ich je wollte, war geliebt zu werden. Und jedes Mal, wenn ich es hatte, habe ich es vermasselt. Die Fahndung nach ihm läuft auf Hochtouren und fünf weitere Tage später entdeckt ein Beamter Mike auf einem Parkplatz am Stadtrand von Portland, etwa 20 Minuten Autofahrt von Susans Arbeitsplatz entfernt. Seit dem Mordanschlag ist also mittlerweile eine Woche vergangen. Der Parkplatz gehört zu einem medizinischen Zentrum, in das Mike sich wohl, zumindest laut eigener Aussage, selbst einweisen wollte. Er sagt, er habe nichts mehr, wofür es sich lohnt zu leben. Seine beiden Kinder scheint er da vergessen zu haben. Der Beamte nimmt Mike an Ort und Stelle fest. Man setzt ihn erst einmal für elf Stunden unter psychiatrische Beobachtung, bevor er für stabil genug erklärt wird, um sich einem Verhör zu unterziehen. Es wird eine Kaution von einer Million Dollar für ihn festgelegt. Eine Summe, die Mike unter keinen Umständen aufbringen kann. Was die Polizei auch genau weiß. Sie wollen ihn auf jeden Fall vor Ort in U-Haft behalten.
Und Susan? Die ist natürlich mega erleichtert, dass Mike sich endlich in Polizeigewahrsam befindet. Am Tag nach seiner Festnahme reicht sie nun wirklich final die Scheidung ein und ändert ihren Nachnamen zurück zu ihrem Mädchennamen.
Währenddessen bestreitet Mike im Polizeiverhör jegliche Beteiligung an dem Mordversuch. Er behauptet, Edward nicht einmal zu kennen. Die Daten der Security-Firma zeigen allerdings, dass die Alarmanlage an jedem Tag zweimal in Susans Abwesenheit deaktiviert und dann wieder scharf gestellt wurde. Und Mike ist die einzige Person neben Susan, die den Code kennt. Aber auch dafür hat er eine Erklärung. Er sei an dem Tag einzig und allein deshalb in Susans Haus gewesen, um die Nachricht an sie zu hinterlassen und sich eine Limo zu holen. Die Limo sei warm gewesen, deshalb sei er zurückgegangen, um sich eine Kalte zu holen. So einfach sei das. Auch als die Beamten ihm Beweise zeigen, dass er Edward durch die Arbeit kennt, beharrt er darauf, nie etwas mit diesem Mann zu tun gehabt zu haben. Heißt also, er lügt der Polizei offen ins Gesicht. Irgendwann gibt er dann aber doch zu, Edward als Reinigungskraft angestellt zu haben. Doch das, so meint er, bedeutet noch lange nicht, dass er irgendeine Schuld an dem Mordanschlag hätte. Diese Lügen sind natürlich ziemlich anstrengend, aber die Polizei geht entspannt in dieses Verhör. Die Beweislast gegen Mike ist erdrückend. und auch wenn er nicht kooperiert, wird man vor Gericht viel gegen ihn in der Hand haben. Vor allem, weil das noch gar nicht alles war. Denn es meldet sich ein paar Tage nach Mikes Festnahme ein ehemaliger Zellengenosse von Edward bei der Polizei.
Er berichtet, dass Edward ihn gebeten habe, ihm bei einem Einbruch zu helfen. Es gehe um Versicherungsbetrug. Die beiden Männer hätten sich daraufhin mit einer dritten Person getroffen, um alles zu besprechen. Die dritte Person sei niemand anderes als Mike gewesen. Er habe dem Zellengenossen angeboten, ihm 5000 Dollar zu zahlen, wenn er Edward dabei helfe, seine Frau zu töten. Doch der habe das Angebot abgelehnt. Ein Monat später meldet sich ein weiterer Zeuge über der Polizei, der eine ganz ähnliche Geschichte berichtet. Auch er kann Mike eindeutig identifizieren und sagt, dieser habe ebenfalls versucht, ihn als Auftragsmörder anzuheuern. Im Laufe der nächsten Monate tragen die Beamten so immer mehr Hinweise gegen ihn zusammen. Mike selbst sieht dann irgendwann doch endlich ein, dass die Karten für ihn nicht gut aussehen. Nach zwei Tagen intensiver Verhandlungen zwischen der Polizei, ihm und seinem Anwalt bekennt sich Mike am 30. August 2007 der Verschwörung zum Mord schuldig. Fast ein Jahr nach der Tat und nur wenige Tage, bevor der Prozess gegen ihn beginnt. Er gibt zu, Edward 50.000 Dollar versprochen zu haben, wenn er Susan tötet. Er müsse es aber wie einen Einbruch aussehen lassen, damit die Polizei kein Verdacht schöpft. Dieser Plan ist wohl misslungen.
Susan kommt in Begleitung ihrer Freunde und Familie in den Gerichtssaal. Einige von ihnen sagen aus, wie es Susan in ihrer Ehe zunehmend schlechter ging. Und Susan selbst spricht natürlich auch. Sie erzählt, dass sie am Tag nach dem Mordanschlag mit Mike telefoniert habe und er sich ziemlich unemotional gezeigt habe. Auf jeden Fall nicht so wie ein Ehemann, der gerade erfahren hat, dass jemand versucht hat, seine Frau zu ermorden. Sie erzählt auch, wie es ihr seit der Tat geht und dass sie nicht nur körperliche, sondern auch seelische Wunden davongetragen habe. Wunden, die vielleicht nie wieder heilen werden. Und sie sagt auch, wenn sie gewollt hätte, dass Mike stirbt, dann hätte sie die Eier in der Hose gehabt, ihn mit ihren eigenen Händen zu töten und sich nicht feige hinter einem Auftragsmörder zu verstecken. Mike selbst hält sich an den Deal, den er mit der Polizei gemacht hat. Er gesteht, den Mord an Auftrag geben zu haben. Er habe Susan tot sehen wollen, weil er nach ihrer Trennung keinen wirklichen Ort zum Leben gehabt habe. Dass er bei seinem Vater untergekommen ist, war ja nur eine Notlösung.
Dazu kommt, dass er eine Woche vor dem Angriff auch noch seinen Job verloren hat. Mike wusste, dass Susans Haus abbezahlt ist und dass er dieses Haus erben würde, wenn Susan stirbt. Denn sein Name steht mit im Grundbuch und zum Zeitpunkt der Tat waren die beiden ja auch noch nicht geschieden. Susan hatte zwar den Entschluss gefasst, nach 17 Jahren Ehe endlich die Scheidung einzureichen, aber sie hatte es ja noch nicht getan. Er wusste auch, dass sie nach der Trennung ihre Lebensversicherung hat anpassen lassen. Statt Mike ist seitdem ihr Bruder der Begünstigte. Auf das Geld hätte er also nicht hoffen können. Aber nicht so wild, denn das Haus hat einen Wert von 300.000 Dollar. Genug Kohle also, um davon den Auftragsmörder zu bezahlen und sich ein neues Leben aufzubauen. Mike erklärt, dass er sich einfach in einer ziemlich verzweifelten Situation wiedergefunden habe. Das Mitleid, das ihm entgegengebracht wird, hält sich allerdings in Grenzen. Das Gericht verurteilt ihn zu einer Haftstrafe von zehn Jahren mit der Möglichkeit auf eine Minderung bei guter Führung. Mike hatte bis zu diesem Zeitpunkt keine Vorstrafen.
Doch das ist noch nicht ganz das Ende. Denn Susan kann sich jetzt zwar für ein paar Jahre sicher sein, dass ihr Mike persönlich keinen weiteren Schaden zufügen kann, aber sie weiß auch, dass er in absehbarer Zeit wieder freikommen wird. Und was ist, wenn er aus dem Gefängnis heraus etwas organisiert? Von der einst so lebensfrohen und abenteuerlustigen Susan ist in den Jahren nach der Tat nicht mehr viel zu sehen. Sie fühlt sich wie ein Teller, der zerbrochen ist und dann wieder zusammengeklebt wurde. Wenn sie in ein Restaurant geht, dann setzt sie sich immer so hin, dass sie vom Tisch aus die Tür sehen kann. Sie nimmt jeden Tag eine andere Route zur Arbeit und wenn sie das Gefühl hat, verfolgt zu werden, fährt sie eine Extraschleife. Zudem hat sie ständig den Eindruck, beobachtet zu werden. Für sie ist es, als würde sie eine lebenslange Strafe dafür verbüßen, dass sie den falschen Mann geheiratet habe. Eine Zeit lang nach Mikes Festnahme lebt Susan noch in ihrem kleinen blauen Häuschen. Doch so richtig wie ihr Zuhause fühlt es sich nicht mehr an. Sie weiß, dass das Böse hier nicht mehr lebt, aber die Angst bleibt. Die Erinnerung ist einfach zu frisch. Die Bilder tauchen immer wieder vor ihrem inneren Auge auf.
Susan beschließt, dass es Zeit ist, sich ein neues Zuhause zu suchen. Und dieses neue Zuhause richtet sie sich so sicher wie möglich ein. Sie installiert verschiedene Sicherheitssysteme und legt rund um das Haus Kies, damit sie jederzeit hören kann, wenn sich jemand nähert. Sie besorgt sich sogar eine Waffe und lernt zu schießen. Viele Stunden verbringt sie auf dem Schießstand, um im Fall der Fälle vorbereitet zu sein. Susan arbeitet außerdem einen Fluchtplan aus, damit sie jederzeit untertauchen kann. Und sie schreibt ein Testament. All das, während sie hofft, dass Mike nicht noch irgendwelche Gelder versteckt hat, um jemanden aus der Haft heraus anzuheuern, sie zu töten.
Wobei sie auch einen Weg findet, diesem Problem vorzubeugen. 2008, ein paar Monate nach seiner Verurteilung, verklagt sie Mike wegen seelischer Belastung. Die Klage hat eine Höhe von einer Million Dollar und Susan hat damit Erfolg.
Ihr Ziel ist es nicht, Mike jeden letzten Cent wegzunehmen, sondern sie will sicher gehen, dass er kein Geld hat, um einen neuen Auftragsmörder anzuheuern. Ihre Geschichte verbreitet sich natürlich wie ein Lauffeuer in den Medien. Und sie bekommt eigentlich vom ersten Tag an super viele Nachrichten von Menschen, die ihre Bewunderung ihr gegenüber ausdrücken und ihre Freude, dass Susan überlebt hat. Susan möchte aber nicht dafür gefeiert werden, dass sie einen anderen Menschen getötet hat. Sie tut sich schwer damit, dass die Medien sie als eine Art Heldin darstellen. Die Wochenzeitung, in der fast 20 Jahre zuvor auch ihre Kontaktanzeige gedruckt wurde, veröffentlicht eine Ausgabe, bei der ein Bild von Susans Gesicht nach dem Angriff auf dem Cover zu sehen ist. Aber auch andere Medienhäuser berichten über den Fall. Alle wollen Interviews mit Susan machen und die Frau feiern, die überlebt hat. Die Polizei von Portland verleiht ihr sogar eine Medaille für ihren außergewöhnlichen Mut und ihre Entschlossenheit. Die Civilian Medal of Heroism. In Wahrheit hat sie aber ziemlich damit zu kämpfen, dass sie zu dieser Entscheidung gezwungen worden ist.
Auch wenn Edward kein guter Mensch war, das sagt sie selbst, sei sein Tod für sie der schwerste Teil an der ganzen Sache. Nach dem Kampf hat Susan sofort an Edwards Familie gedacht und daran, dass jeder Mensch jemanden hat, der ihn liebt. Kinder, Ehepartner, Eltern, Freunde. Aber Susan schämt sich nicht dafür, wie sie gehandelt hat. Sie sagt selbst, dass sie den Tod nicht für Edward gewählt habe, sondern dass sie sich für das Leben entschieden habe. Edward habe ihr schlicht und einfach keine andere Wahl gelassen.
Im September 2010, vier Jahre nach dem Mordanschlag, erhält sie einen Brief von Edwards Tante, der noch einmal viel Last von ihren Schultern nimmt. Darin steht, obwohl dies eine schreckliche Sache war, die passiert ist, hegt niemand in dieser Familie einen Groll gegen sie. Sie haben getan, wozu sie gezwungen waren, und dadurch viele vor dem gleichen Trauma bewahrt, das sie erlebt haben. Die Angst und die Paranoia werden vielleicht für immer ein Teil ihres Lebens bleiben. Aber sie erinnern Susan auch daran, dass sie lebt. Seit jenem Abend im September 2006 feiert sie jeden einzelnen Tag, an dem sie lebt. Jeden Atemzug, den sie macht und jedes Jahr, wenn sich der Mordanschlag jährt, dann feiert sie, dass sie mutig genug war, ihr eigenes Leben zu retten. Und nicht nur das. Susan teilt ihre Erfahrungen mit anderen Opfern häuslicher Gewalt und von Gewaltverbrechen. Sie leistet wertvolle Aufklärungsarbeit und setzt sich für die Rechte der Opfer ein. Sie arbeitet eng mit Justizorganisationen im Raum Portland zusammen und hat unter anderem bei der Entwicklung einer Website geholfen, auf der viele Fragen zum Justizsystem beantwortet werden. Auf der Website haben Opfer von Gewaltverbrechen auch die Möglichkeit, die Gerichtstermine der Täter einzusehen, ebenso wie Infos zu den Strafmaßnahmen und Details über Entlassungstermine zu bekommen.
Und dann kommt doch wieder alles anders als gedacht. Drei Monate vor seiner Entlassung, im Juni 2014, stirbt Mike im Gefängnis an Prostatakrebs. Susan sagt dazu in einer Stellungnahme gegenüber den Medien Folgendes. Ich trauere nicht um sein Ableben. Stattdessen trauere ich um das Leben, das er hätte haben können, wenn er nur sein Herz geöffnet hätte für uns, die wir uns um ihn gesorgt haben. Wir möchten diese Folge gern noch mit einem letzten Zitat beenden. Und zwar mit einem Gedanken, den Susans Arbeitgeber ihr mitgegeben hat, weil sie das Heldinnen-Narrativ der Öffentlichkeit so zu schaffen gemacht hat. Er sagt folgendes. Sie nennen dich nicht eine Heldin, weil du einen Mann getötet hast. Sie nennen dich eine Heldin, weil sie glauben wollen, dass sie unter denselben Umständen auch überleben könnten.
Für die allerletzte Folge des Jahres ist es wirklich nochmal ein sehr, sehr heftiger Fall, finde ich, der für Susan zum Glück ja noch gut ausgegangen ist. Aber trotzdem bin ich mir sicher, dass uns beiden da viele, viele, ja, viele Gedanken zu im Kopf herumschwirren. Und deswegen würde mich mal interessieren, was du dazu sagst. Ja, ich kann mir vorstellen, dass einige, während sie die Folge heute gehört haben, wahrscheinlich gedacht haben, dass dieser Kampf für Susan tödlich endet. So ging es mir zumindest, als ich das erste Mal von der Geschichte erfahren habe. Aber dass sie es am Ende geschafft hat, diesen Angreifer zu Boden zu bringen, Das finde ich so bewundernswert und einfach nur unfassbar, weil ihr müsst euch ja mal diesen Moment vorstellen. Du kommst von einer 9-Stunden-Schicht oder von einem langen Arbeitstag nach Hause in deinen sicheren Safe Space, wo du ja keine fremde Person erwartest, die dich gerade versucht umzubringen und irgendwie so diesen Schockmoment vorstellt. Ganz schnell beiseite zu schieben und in diesen Überlebensmodus überzugehen und wie clever sie auch war in diesen Momenten. Also an was für Dinge sie gedacht hat, um den Angreifer eben zur Strecke zu bringen, auf den Boden zu bringen, wie auch immer.
Das finde ich einfach so beeindruckend und kann ich mir gar nicht vorstellen und will ich mir auch wirklich gar nicht vorstellen, wie das für sie in diesem Moment gewesen sein muss. Ja, also, dass sie dann den Mann beißt, dass, falls sie doch stirbt.
Eine Verbindung irgendwie zwischen den beiden geschaffen werden kann, dass sie sogar noch im Kampf versucht, ihm irgendwas rauszunehmen, das irgendwo hinzuwerfen, dass die Polizei das vielleicht dann doch findet und dann noch einen weiteren Hinweis hat.
Also, ne, sie hat selbst gesagt, sie will ungern irgendwie als Heldin gesehen werden. Aber ich hab wirklich, als wir den Fall besprochen haben, hatte ich echt den Gedanken, ich kann komplett nachvollziehen, warum Leute zu ihr aufschauen. Ich finde deswegen auch das Zitat am Ende nochmal wirklich sehr, sehr passend. Weil, ja, auf jeden Fall. Ich glaube, alle, die irgendwie True Crime hören, die wünschen sich, könnte ich mir vorstellen, natürlich genau das, dass sie auch in so einer wirklich harten Situation genau so orientiert, so zielorientiert reagieren könnten. Ich finde ehrlich gesagt kaum Worte dafür, weil diese, ich finde, das zeigt trotzdem weiterhin noch ihre Größe einfach, weil sie ist für mich trotzdem ultra bewundernswert und gleichzeitig sagt sie, ey, ich will gar nicht großartig bewundert werden. Und alleine das, es tut mir irgendwie leid, aber alleine dieser Move schon führt dazu, dass ich sage, wow, okay.
Ich bewundere dich jetzt noch mehr so irgendwie, weil du diesen, nennen wir es mal Ruhm jetzt, Ruhm ist vielleicht auch das falsche Wort jetzt in dem Fall, aber obwohl sie ja sogar sagt, ey, ich will das gar nicht, denke ich mir, oh mein Gott, Du willst es nicht mehr, aber deswegen verdienst du es einfach noch mehr, weil es einfach zeigt, was für ein guter Mensch du wirklich bist, weil du willst ja eigentlich auch Menschenleben retten und wurdest dazu gezwungen, eins zu nehmen. Das spricht ja wirklich gegen alles, wofür sie steht. Ja, vielleicht muss man sie als Person davon ein bisschen loslösen, dass man eher so den Überlebenskampf, den sie da an den Tag gelegt hat, diesen Überlebenskampfgeist ja fast schon.
Dass man den ja aufs Podest stellt sozusagen. Also, dass man auch innerhalb einer lebensbedrohlichen Situation an gewisse Dinge denkt, die eben dazu helfen, dass man überlebt. Weißt du, also, dass man eher so dieses Verhalten heroisiert und nicht sie als Privatperson, als Persönlichkeit, weil sie eben das ja genau eben nicht wollte. Vielleicht muss man es eher so sehen. Aber ja, das Zitat am Ende der Folge bringt es eigentlich auf den Punkt. Und ich würde sagen, damit beenden wir auch die Diskussion, oder? Mit diesem in Anführungsstrichen positiven Gedanken. Auf jeden Fall. Und wie ich es am Anfang ja auch schon gesagt habe, das war jetzt die letzte Folge für 2025. Krass, schon wieder ein Jahr rum. Wir haben auf jeden Fall viele coole Sachen fürs nächste Jahr geplant. Da freuen wir uns auch schon sehr, mit euch das zusammen erleben zu dürfen.
Und deswegen würde ich sagen, wünschen wir wirklich vom ganzen Team der Schwarzen Akte euch einen guten Rutsch und tippen. Alles, was hier euch vorhin fürs nächste Jahr auch genau so passiert. Genau, und wir würden uns natürlich super doll freuen, wenn ihr auch noch im nächsten Jahr die schwarze Akte hört. Wenn ihr weiterhin mit dabei seid oder auch neue Leute dazukommen. Vielleicht ist das ja heute gerade die erste Folge, die jemand von der schwarzen Akte hört. Dann würde ich sagen, macht bitte direkt weiter. Denn der nächste Fall, den wir euch als erstes erzählen im kommenden Jahr, der ist auf jeden Fall auch krass. Das können wir euch an der Stelle schon mal versprechen. Und dann ist es Zeit, die schwarze Akte für heute und für das Jahr 2025 zu schließen. Guten Rutsch. Wir freuen uns auf alles, was im nächsten Jahr passiert. Und hören uns dann nächste Woche Dienstag wieder überall, wo es Podcasts gibt.
Wir sind eure Hosts Anne Lugmann und Patrick Strohbusch. Redaktion Silva Hanekamp und wir. Schnitt Anne Lugmann. Intro und Trainer gesprochen von Pia Rohnersachse. Producer Falko Schulte. Die Schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios.
Vertraue und glaube, es hilft, es heilt die göttliche Kraft!