Diese Episode enthält explizite Details über einen wahren Kriminalfall. Weitere Infos in der Folgenbeschreibung. Der Rauch hängt noch spürbar in der Luft, als die Einsatzkräfte die Haustür aufbrechen. Das Holz splittert. Eine Welle aus Hitze und Brandgeruch strömt ihnen entgegen. In den Räumen über dem Keller knistert noch die Glut und irgendwo tropft etwas Löschwasser auf den Boden.

Während sie das Haus systematisch absuchen, entdecken sie in der Garage eine Tür. Eine Tür, die nicht wie eine gewöhnliche Kellertür wirkt. Dahinter führt ein schmaler, abfaltender Gang in die düstere Tiefe. Der Boden hier ist staubtrocken und der Luftzug seltsam still. Am Ende des Gangs trifft das flackernde Licht ihrer Taschenlampen auf Stoffbahnen. Der Raum am Ende des Gangs öffnet sich abrupt zu einem Saal, der irgendwie nicht in diese Umgebung passt. Roter Stoff verhüllt hier die Wände. Auf dem Boden ist ein roter Teppich ausgerollt, im Raum selbst stehen Säulen. In der Mitte des Saals steht ein Pult und rundherum große Spiegel, die jeden Lichtstrahl vervielfachen. Eine Kulisse, die wie für Zeremonien gebaut wirkt. Und das alles liegt unter einem unscheinbaren Bauernhof verborgen. Die Einsatzkräfte wagen sich langsam vorwärts. Und dann, im Schein ihrer Taschenlampe, sehen sie sie. Auf dem Boden liegen Menschen. Viele Körper, alle geordnet und auf dem Rücken liegend. Sie tragen weiße Gewänder, darüber dunkle Umhänge. Ihre Hände ruhen gefaltet auf dem Bauch oder dem Schoß. Über zahlreiche Köpfe wurden graue Plastiksäcke gezogen. Einige Handgelenke sind sogar gefesselt. In der Stille des Raumes wirken die Menschen hier wie zurückgelassen, unberührt. Als hätte jemand diese Anordnung genau so geplant.

Die Lampen der Einsatzkräfte gleiten weiter, über Gesichter, über Stoff und über Haut. Aber nirgends gibt es auch nur ein kleines Zeichen von Bewegung. Sie sind alle tot, keine Überlebenden. Die Einsatzkräfte stehen vermutlich einen Moment lang einfach nur reglos da, während sie die Anzahl der Körper erfassen. Über 20 Tote, in einem geheimen Saal unter einem Bauernhaus. Noch weiß niemand, wer diese Menschen sind. Noch weiß niemand, was hier überhaupt los ist und dass dies kein Einzelfall ist. Nur wenige Stunden später wird ein neuer Alarm eingehen. Ein weiteres Haus, noch ein Feuer und weitere Tote. Das Ausmaß dessen, was hier begonnen hat, ist da noch niemandem klar.

Und damit herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte, mir gegenüber mit Anne Luckmann und mit Patrick Strohbusch. Schön, dass ihr uns wieder zuhört. Bevor wir aber hier näher in diesen Fall eintauchen, müssen wir ein paar Jahrzehnte zurück in die Vergangenheit gehen. Nämlich in die 70er, 80er und sogar noch in die frühen 90er Jahre, in denen so viele Menschen nach was Neuem gesucht haben. Nach Gemeinschaft, nach einem Leben, das sich richtiger anfühlt als der normale Alltag.

Werbung Ende Vielerorts entstehen damals Projekte, Wohngemeinschaften oder kleine Kommunen. Menschen bauen zum Beispiel Gemüse im eigenen Garten an, meditieren zusammen oder probieren alternative Heilmethoden aus. Die Umweltbewegung wächst, Politik und Gesellschaft verändern sich und viele sind überzeugt, dass man zusammen tatsächlich etwas bewegen kann.

Wenn wir heute darüber sprechen, dann wirkt einiges davon fast romantisch. Aber für die Menschen damals war es ernst gemeint. Sie wollten Teil von etwas Größerem sein. Etwas, das Sinn gibt und vielleicht sogar auch Hoffnung. Und genau in dieser Stimmung, mitten in diesem Aufbruch, beginnt unser heutiger Fall. Er wird sich über zwei Jahrzehnte ziehen. Er führt durch verschiedene Länder, durch Gemeinschaften, durch Freundschaften und am Ende zu grauenvollen Ereignissen, die sich niemand vorstellen konnte, als alles anfing. Wir beginnen in einem kleinen Ort im Kanton Freiburg in der Schweiz. Das kleine Dorf Cherie hat rund 240 Einwohner und liegt eingebettet zwischen Feldern und Hügeln. Wer hier vorbeifährt, der erwartet Kuhglocken und vielleicht ein paar Familienbetriebe. Aber sicher kein Ort, der in nur wenigen Stunden internationale Schlagzeilen machen wird. Vielen Dank. Am 5. Oktober 1994, kurz vor Morgengrauen, da rückt die Feuerwehr zu einem abgelegenen Bauernhof am Rande des Ortes aus. Von außen wirkt das Gebäude wie ein typischer Schweizer Hof. Ein breites Dach, verwittertes Holz, daneben eine Scheune, ein kleiner Garten. Es ist eine eher einfache Struktur. Doch dieses Mal ist die Szenerie anders. Als die Einsatzkräfte ankommen, da steht ein Teil des Hofes noch in Flammen.

Rauch hängt schwer über dem Dachstuhl und verkohlte Holzbalken ragen wie Rippen aus den Brandresten. Der Dachfürst steht noch, also die höchste Kante eines Dachs, an der die zwei Dachflächen oben zusammenstoßen. Doch der Rest des Dachs wirkt instabil. Die Feuerwehr bricht die Haustür auf. Das erste, was die Einsatzkräfte finden, stoppt sie sofort. Denn im Schlafzimmer liegt der Besitzer des Hofs, tot, getötet mit einem Kopfschuss. Über dem Kopf trägt der Tote eine Plastiktüte. In der SRF-Doku Die Bruderschaft erzählen die Einsatzkräfte selbst, wie irritierend dieser Anblick war. Ein Brandopfer sieht nämlich ganz anders aus. Hier stimmt etwas nicht.

Als die Polizei eintrifft, beginnt sie damit, das Gebäude zu durchsuchen. Feuerwehr und Ermittler arbeiten dabei parallel. Oben am Dach der Brand und unten mögliche Spuren. In der Garage stoßen die Ermittler dann auf eine Tür, die ihnen irgendwie seltsam vorkommt. Sie wirkt nicht wie eine normale Kellertür. Denn hinter ihr führt ein schmaler, abfallender Gang in die Tiefe. Davon haben wir euch ja schon im Intro erzählt. Der Boden hier ist trocken. Hier gibt es kein Wasser, kein Rauch und auch sonst kein Hinweis darauf, dass der Brand diesen Teil des Hauses erreicht hat. Die Einsatzkräfte gehen hinein. Am Ende des Gangs öffnet sich ihnen ein Raum, der gar nicht zum Bauernhof passt. Auf Fotos, die später in den Medien veröffentlicht werden, erkennt man einen Saal, der aussieht wie eine Mischung aus Kapelle und Kultraum. Zwei Säulen tragen an der Tür ein kleines Giebeldach mit einem Kreuz drauf. Der Boden ist mit rotem Teppich ausgelegt und die Wände sind mit rotem Stoff verkleidet. Vorne steht ein hölzernes Pult. Dahinter befindet sich ein Altar mit drei Bildern, darunter ein christusähnliches Motiv. An der Wand hängt noch ein grüner, samtiger Umhang mit Kapuze.

Ihr könnt euch die Fotos auch gerne mal selbst anschauen, die verlinken wir ja immer im Beschreibungstext zur Folge. Man erkennt übrigens auch Spiegel an den Wänden. Nicht nur einen, sondern mehrere, die wie in einem Spiegelsaal angeordnet sind. Es sieht aus wie in einem Spiegelkabinett, in dem jede Bewegung und jeder Lichtstrahl vervielfacht wird. Was die Einsatzkräfte in dem Raum sehen, haben wir euch ja in der Einleitung schon erzählt. Auf dem Boden liegen Leichen. Viele Leichen. Alle auf dem Rücken. Viele mit weißen Gewändern bekleidet, andere in dunklen Umhängen, teilweise über Anzughosen und Hemden getragen. Die Hände liegen gefaltet auf Bauch oder Schoß. Über zahlreiche Köpfe sind graue Plastiktüten gezogen. Einige Hand- und Fußgelenke sind gefesselt. In der vorhin genannten SRF-Doku, da erinnert sich ein Beamter an diesen Moment, als er und seine Kollegen diese Entdeckung gemacht haben. Als er den Raum betreten und die ersten toten Körper gesehen hat, da habe er sofort gesagt, sie sind alle hier.

Die Zahl der Toten ist erdrückend, denn 22 Leichen liegen in dieser Art Kultraum. Zusammen mit dem toten Hofbesitzer im Schlafzimmer sind es also 23 Leichen. Besonders schlimm muss es gewesen sein, als die Ermittler auch ein kleines Kind unter den Toten finden. Die Medien beschreiben später, wie die Polizisten die Leichensäcke über die Treppe nach oben tragen. In Zeitungsartikeln steht, dass die Leichen im Raum kreis- oder sternförmig ausgerichtet am Boden lagen. Die Toten liegen so angeordnet, dass man sofort erkennt, dass das alles hier kein Zufall sein kann. Also dass sie nicht in Panik bei einer Flucht vor Rauch oder so zusammengesackt gestorben sind. Die Anordnung hier wirkt wie geplant, fast schon choreografiert. Der Raum selbst ist unversehrt. Die Einsatzkräfte stehen im Saal und versuchen zu erfassen, was sie hier alles sehen. Weiße Gewänder, plastikumhüllte Köpfe, rote Wände, Spiegel, Säulen, ein Altar, ein Pult. Der Kontrast zwischen dem brennenden Bauernhof oben und dem unversehrten Kultraum unten könnte kaum größer sein. Noch weiß niemand in diesem Moment, wer diese Menschen hier sind. Niemand weiß, warum sie hier liegen. Niemand hat eine Erklärung für diese Szenerie, die eher an einen vorbereiteten Abschiedsraum als an einen Tatort erinnert. Während die Polizei versucht, den Bereich zu sichern und die ersten Spuren festzuhalten.

Trifft eine neue Meldung ein. Ein Notruf, rund 100 Kilometer weiter südlich. In der Gemeinde Salva steht ein Chalet in Flammen.

Autobahnpolizisten haben das Feuer bemerkt. Und auch dort, so heißt das im ersten Funkspruch, gäbe es Tote, viele Tote. Die Ermittler auf dem Hof in Cherie haben gerade erst damit angefangen, diesen Kultraum zu verstehen und die Identitäten der Opfer zu klären. Aber schon jetzt wissen sie, der Brand in Chérie ist kein isoliertes Ereignis. Das hier ist nur einer, und zwar der erste Tatort. Die Gegend am zweiten Tatort in Salva, im Südwesten der Schweiz, ist geprägt von engen Straßen, dichten Wäldern und traditionellen Ferienhäusern, die im Winter Familien für einen gemütlichen Skiurlaub anziehen.

Salva selbst ist ein kleiner Ort mit etwa 1200 Einwohnerinnen und Einwohnern. Es liegt ruhig und abgeschieden. Keine Gegend, in der man große Polizeieinsätze erwarten würde. Doch in dieser Nacht ist alles anders. Die Feuerwehr kämpft sich den steilen Weg zum brennenden Haus hinauf. Als sie ankommen, ist das Chalet La Roche des Cristals schon fast vollständig verkohlt. Nur Reste des Holzgerüsts zeichnen noch die Umrisse des Gebäudes nach. Was die Einsatzkräfte im Inneren finden, beschreibt später ein Polizist in den Medien. Er erinnert sich daran, dass ihm beim Anblick die Luft wegblieb. Das Chalet gleicht einem Trümmerfeld. Überall verbrannte Wände, eingestürzte Balken und verkohlte Böden. Die Hitze des Feuers hat jeden Raum verzerrt, geschwärzt und entstellt. Und doch lassen sich inmitten dieses Chaos Leichen finden. 25 Menschen, um genau zu sein, darunter fünf Kinder. In der Neuen Zürcher Zeitung und dem Spiegel ist von einem Massengrab die Rede.

Als die Polizisten beginnen, die Körper aus dem zerstörten Gebäude zu bergen, wird erst die Dimension der Ereignisse so richtig deutlich. Erst Cherie, jetzt Salva. Innerhalb weniger Stunden findet die Polizei im Westen der Schweiz so viele Tote. Die Presse lässt natürlich nicht lange auf sich warten. Aus aller Welt reisen Reporter an. Einige Medien nennen es das bizarrste Massenmorddrama, das die Schweiz je erlebt hat. Das ist ein Zitat aus dem Spiegel von 1995. Reporterinnen und Reporter, die in Salva eintreffen, die berichten von einer Szenerie, die kaum zu beschreiben ist. Ein Ferienhaus, das von außen wie ein idyllisches Postkartenmotiv gewirkt hat und im Inneren jetzt ein Bild des Grauens zeigt. Was die Behörden in diesen Stunden nicht verstehen, warum hier, warum diese Menschen und wer steckt dahinter? Während die Polizei versucht, erste Spuren zu sichern, beginnen die Medien bereits zu spekulieren, ob es sich hier um einen Massensuizid handeln könnte oder doch ein Gruppenverbrechen. Oder doch etwas vollkommen anderes.

Der Druck, schnell Antworten zu finden, der steigt. Die Polizei weiß, dass sie jetzt Zusammenhänge verstehen muss. Doch viel Zeit bleibt dafür nicht. Denn noch bevor die Ermittler die Funde aus Cherie und Salvar überhaupt richtig auswerten können, noch bevor die ersten Opfer eindeutig identifiziert sind, da erreicht sie schon die nächste Nachricht. Diesmal aus einem ganz anderen Teil der Welt, nämlich aus Kanada. Auch dort brennt ein Haus. Und auch dort sind ebenfalls Leichen gefunden worden. Was in der Schweiz begann, reicht offenbar weit über ihre Landesgrenzen hinaus. Und diese neue Meldung führt zeitlich betrachtet sogar noch vor die Ereignisse in der Schweiz. Denn in Kanada hat das Ganze schon Tage vor dem 5. Oktober 1994 begonnen, 5.600 Kilometer entfernt. Einige Tage vor den Bränden in der Schweiz, am 29. September 1994, da landet ein Mann in Montreal, im Osten Kanadas. Er kommt aus der Schweiz. Sein Name wird später in kanadischen Unterlagen stehen, doch zu diesem Zeitpunkt wissen die Schweizer Behörden noch nichts davon. Wichtig ist zunächst die zeitliche Abfolge. Zwischen dem 29. September und dem 3. Oktober 1994 muss sich in der kanadischen Gemeinde Moring Heights etwas Tragisches ereignet haben.

Moringhades liegt etwa eine halbe Stunde nördlich von Montreal. Es ist ein ruhiger Ort, inmitten bewaldeter Hügel. Hier gibt es Holzhäuser, Skipisten und Ferienschalets. Auch das ist eine Gegend, die nach Natur und Erholung aussieht und nicht nach einem Tatort.

Aber am 4. Oktober, nur einen Tag bevor in der Schweiz die vielen Leichen entdeckt werden, da brennt dort ein Doppelschalet vollständig aus. Die Feuerwehr findet im Inneren erst zwei Leichen, später dann insgesamt fünf. Das Ausmaß der Zerstörung ist so groß, dass die genaue Rekonstruktion der Ereignisse schwierig ist. Fest steht nur, das Feuer wurde absichtlich gelegt und nicht zufällig durch einen Unfall verursacht. Zu diesem Zeitpunkt gehen die kanadischen Ermittler noch von einem isolierten Fall aus. Doch schon einen bzw. Zwei Tage später, am 5. und 6. Oktober, als die Schweizer Medien über die Funde in Cherry und Salva berichten, entsteht der erste Kontakt zwischen den Behörden beider Länder. In den Unterlagen aus Mourning Heights tauchen Hinweise auf Menschen auf, die in Verbindung zu Personen in der Schweiz stehen, zu denen, die dort Chalets besaßen oder bewohnt haben. Zwei Namen fallen dabei ins Auge, Joseph und Luc. Diese beiden Namen werden später noch wichtig. In derselben Zeit wird im unterirdischen Saal von Cherie in der Schweiz ein Abschiedsbrief gefunden. Darin ist vage die Rede von einem Übergang und einem Verlassen dieser Welt. Kein klares Bekenntnis, aber genug, um die ersten Vermutungen auszulösen. Erste Medien beginnen, von einem möglichen Massensuizid zu sprechen.

Innerhalb von wenigen Tagen gibt es also drei Tatorte. Moringhades in Kanada sowie Cherie und Salvan in der Schweiz. Überall hat es gebrannt. Überall gab es viele Tote. Alle im Abstand von nur wenigen Stunden oder Tagen. Und genau jetzt fällt zum ersten Mal Einnahme, der bis dahin kaum jemandem bekannt ist. Ein Begriff, den selbst Sektenexperten auf Nachfrage nur selten zuordnen können.

Ordre du Temple Solaire, der Orden der Sonnentempler. Eine Bezeichnung, die weder in den Schweizer Akten noch in gängigen Sektenübersichten auftaucht. Selbst erfahrene Fachleute kennen die Gruppe kaum. Und doch gibt es sie. Die Polizei braucht dringend jemanden, der zumindest ansatzweise einordnen kann, womit sie es hier zu tun hat. Und so wenden sie sich an den Historiker Jean-François Maillard. Er ist zu diesem Zeitpunkt eine der wenigen Personen, die überhaupt schon einmal mit Mitgliedern dieser Bewegung gesprochen haben. In einem Interview innerhalb der SRF-Doku-Reihe »Die Bruderschaft«, da beschreibt er später, wie ungewöhnlich es für ihn war, dass plötzlich Reporter und Ermittler aus mehreren Ländern gleichzeitig bei ihm angerufen haben. Innerhalb weniger Tage wird er zu einer zentralen Figur, die helfen soll, die vielen verstreuten Informationen zusammenzuführen. zu führen. Als der Historiker die ersten Namen liest, erkennt er zwei davon sofort, Joseph und Luc. Er hat Luc Jahre zuvor bei einer großen Konferenz erlebt und ihn damals als charismatischen, überzeugten und rhetorisch starken Redner wahrgenommen. Für Historiker Maillère war Luc damals ein Mediziner, der sich für esoterische Themen interessiert hat. Nicht mehr und nicht weniger. Nichts, was auf eine spätere Katastrophe hingedeutet hätte.

Dass beide Namen nun in Verbindung mit abgebrannten Häusern und so vielen Toten auftauchen, wirft für ihn und auch für die Polizei sofort die Frage auf, mit wem sie es denn jetzt hier genau zu tun haben. Um das zu verstehen, müssen die Ermittler weit zurückgehen, in die 1970er Jahre umgenaut zu sein. Zu den Wurzeln einer Gemeinschaft, die zunächst harmlos, offen und fast idealistisch begonnen hat.

Damals, Mitte der 1970er, hat sich in der Nähe von Genf eine Gruppe von Menschen gebildet, die gemeinsam leben und arbeiten wollen. Eine Art Kommune, die auf Austausch, Spiritualität, Naturverbundenheit und einem alternativen Lebensstil basiert. Viele Projekte dieser Art entstanden damals in Europa. Für viele war es eine Zeit der Aufbruchstil. Von dieser frühen Phase erzählt ein Dirigent namens Michel, später in der SRF-Doku. Er ist ein ehemaliges Mitglied der Gruppe. Michel habe die Gemeinschaft als warm, offen und solidarisch erlebt. Er beschreibt Menschen, die ihr Geld geteilt haben, gemeinsam kochen, diskutieren und schlicht versuchen, ein anderes, vielleicht besseres Leben zu gestalten. Michel ist damals Gründungsmitglied einer Stiftung namens Golden Way, einer der frühen Organisationsformen, aus denen später die Sonnentempler hervorgehen. Diese Gruppe trifft sich in einer Villa in der Nähe von Genf und lädt Künstler und Wissenschaftler ein. Die Gruppe wirkt auf Außenstehende nicht geheimnisvoll oder so, sondern eher wie ein ambitioniertes, etwas esoterisches Kultur- und Lebensprojekt. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk veröffentlicht sogar mehrere Sendungen über die Gruppe.

Doch im Hintergrund beginnt sich etwas zu ändern. Eine Gründungsfigur tritt zunehmend in den Vordergrund. Joseph. Er wurde 1924 im Süden Frankreichs geboren. Er ist gelernter Goldschmied und spirituell interessiert. Für Außenstehende wirkt er eher unscheinbar. Später wird er dennoch die zentrale Figur. Joseph gründet Mitte der 1970er Jahre in Genf eine eigene Loge, angezogen von Leuten, die seine Ideen verbreiten. Er behauptet, mit Wesen jenseits der sichtbaren Welt in Kontakt zu stehen. Daraus entwickelt sich später die Stiftung Golden Way. Zu diesem Zeitpunkt wirkt das für manche einfach wie eine weitere esoterische Strömung. Anfang der 1980er Jahre trifft Joseph dann auf Luc, einen belgischen Arzt und Homöopathen. Luc hat Ausstrahlung, er kann Menschen begeistern und spricht gern über alternative Heilmethoden und spirituelle Themen. Er hält Vorträge in mehreren Ländern und füllt ganze Seele. Auch Ärzte, Geschäftsleute und gut situierte Familien sind unter seinen Zuhörenden. Viele empfinden ihn als glaubwürdig. Aus der Verbindung zwischen Joseph und Lüg entwickelt sich ein Netz aus Gruppen und Untergruppen, das schließlich unter einem gemeinsamen Namen geführt wird. Orden der Sonnentempler. Es ist eine Mischung aus okkulten Ideen, Symbolen der Tempelritter und esoterischen Rosenkreuzerlehren.

Das sind Vorstellungen eines uralten Geheimwissens. Dazu gehören weiterhin die ägyptische Mythologie, christliche Motive und die typischen New Age Ideen dieser Zeit. Energie, Wiedergeburt und ein neues Zeitalter, das alles verändern soll. Dazu kommen außerdem Meditation, alternative Ernährungsregeln und eine Vorstellung von einem wahren, ursprünglichen Christentum. In dieser Zeit gehören geschätzt bis zu 500 Menschen weltweit zum weiteren Umfeld oder Kern des Ordens. In der Schweiz, in Frankreich, in Belgien und in Kanada. Die Außenwirkung bleibt lange relativ positiv. In einem Werbevideo, das auch in der SRF-Doku zu sehen ist, da sieht man lachende Kinder, Gemüse aus biologischem Anbau und Menschen in weißen Gewändern, die meditieren. Es wirkt eher wie ein spirituelles Landprojekt.

Doch das Bild bekommt erste Risse, als sich innerhalb der Gruppe zunehmend Hierarchien bilden. Einige Mitglieder berichten rückblickend, dass aus der offenen Gemeinschaft schleichend ein geschlossenes System wurde, dass Projekte in Kanada geplant wurden. Es wird von Überlebenszentren gesprochen und dass die Lehren sich verändert haben. Weg von Lebensverbesserung hin zu Endzeitinterpretation. Für die Ermittler ist diese ganze Organisation zum Zeitpunkt der Leichenfunde noch schwer einzuordnen. Haben sie es hier mit einem Endzeitkult zu tun? Oder nur mit einem spirituellen Kreis, der ein bisschen entgleist ist? Was davon stimmt? Welche Teile sind belegt und welche nur wirre Erzählung? Dann, wenige Tage nach den Leichenfunden in der Schweiz, gehen die ersten Briefe ein. Es sind Testamente, die an Mitglieder, Politiker und Pressevertreter geschickt wurden. Einige Personen erhalten sogar eine Videokassette mit einer aufgezeichneten Botschaft. Einige enthalten esoterische Passagen. Andere sprechen davon, dass die Verfasser die Erde freiwillig verlassen hätten. Wieder andere deuten einen Übergang an, eine Art Reise. Nichts davon ist ganz eindeutig. Alles wirkt zugleich rätselhaft und beunruhigend. Vielen Dank.

Die Ermittler erkennen, dass, um zu verstehen, was in Cherie, Salva und Mooring-Hates passiert ist, sie diese Gruppe wirklich begreifen müssen, also ihre Strukturen und ihre Entwicklungen und vor allem ihre letzten Monate. Denn irgendwo in dieser Geschichte zwischen einer idealistischen Kommune der 70er Jahre und verbrannten Chalets im Herbst 1994 muss der Punkt liegen, an dem alles gekippt ist. Nur, wann war dieser Moment? Und warum hat die niemand früher bemerkt? Ein Satz aus den Briefen wird dabei besonders häufig zitiert, nämlich »Wir verlassen diese Erde ohne Bedauern«. In einigen Briefen finden sich ganze Passagen der Lehre der Sonnentempler. Eine Mischung aus Templermythen, Rosenkreuzer-Symbolik, ägyptischen Motiven und einer Art esoterischen Christentum.

Kurze Zeit später rückt ein weiterer Name in den Fokus der Ermittlungen. Patrick, ein junger französischer Geschäftsmann, der Sohn eines berühmten Skirennläufers und Unternehmers. Patrick war es, der diese Vermächtnisbriefe der Führungsfiguren des Kultes per Post verschickt. Und zwei Dinge machen ihn verdächtig. Erstens, er hat das Massaker offensichtlich überlebt. Und zweitens, er wurde am Tag vor dem Feuer in Salva gesehen. Patrick wird verhaftet, aber nach einer Woche schon wieder freigelassen. Ein Untersuchungsrichter sieht ihn nicht als hinreichend verdächtig an. Sein Vater erklärt später gegenüber den Medien, dass sein Sohn hypnotisiert worden sei und dass er den Inhalt der Briefe nicht wirklich verstanden habe. In der Doku erzählt Patriks Bruder, dass er erst durch die Ermittlung erfahren hat, dass Patrick Teil der Sekte war. Wohl auch wie die gemeinsame Mutter übrigens.

Währenddessen versucht die Polizei diejenigen zu finden, die ausgestiegen sind oder überlebt haben. Die Ermittler gehen die Mitgliederlisten durch und fragen in der Szene herum. Einer der ersten, der sich aktiv meldet, ist ein Mann namens Thierry. Er war viele Jahre im Orden. Er hat ihn zwei Jahre vor den Massakern verlassen und wurde kurz vor dem 5. Oktober nach Salvar bestellt. Und zwar mit dem Versprechen, sein Geld zurückzubekommen, das er in die Sekte investiert hat. Er reist zwar an, wird dann aber doch misstrauisch und reist wieder ab. Rückblickend sagt er in der SRF-Doku folgendes dazu. Er sei überzeugt, dass er wie die anderen hätte sterben sollen und dass er nur zufällig nicht unter den Toten war. Aussteiger Thierry verbringt fast 14 Stunden bei der Polizei und versucht zu erklären, was das für eine Gemeinschaft ist. Er erzählt von den frühen Jahren, der Bruderschaft und den Ritualen im Schrein, in dem meditiert wurde und man sich sicher gefühlt hat. Er erzählt von den weißen Umhängen und den Rosen in der Hand. Er spricht auch von einem sogenannten Tunnel nach Sirius, von einer Mission und von einer großen kosmischen Aufgabe.

Sirius, der hellste Stern am Nachthimmel, der spielt in vielen apokalyptischen Bewegungen eine Rolle. Wir haben über das Thema sogar schon mal in der Akte gesprochen, und zwar in Folge 267, Sterben, um zu leben, der Sirius-Fall. Da ging es auch um diesen Mythos. Hört da gerne mal rein. Ein Polizist erinnert sich daran, wie er damals neben diesem Mann saß, der mit ernster Stimme von einer Reise zu einem Sternsystem sprach. Er habe damals nicht verstanden, was Thierry überhaupt damit aussagen wollte. Ein weiteres Mitglied, das sich freiwillig meldet, ist Charles. In einem Interview im französischen Fernsehen sagt er später, er habe lange geglaubt, was man ihm da erzählt hat. Er habe die Lehren studiert und sich erleuchtet gefühlt. Heute sagt er, er halte Joseph für einen unberechenbaren Psychopathen. Joseph, der Mann, der sich selbst öffentlich nie in den Mittelpunkt gestellt hat, aber im Hintergrund jede Faser des Ordens kontrolliert hat. Die Aussagen der Aussteiger ähneln sich. Am Anfang hat alles idealistisch gewirkt. Es ging um Freundschaft, gemeinsames Arbeiten und eine spirituelle Suche. Doch irgendwann hat Joseph begonnen, das Bedürfnis der Menschen nach Sinn für seine eigenen Zwecke auszunutzen.

Die Ermittler hören von Ritualen in einem Raum, den die Mitglieder nur den Schreien nennen. Dort sollen außergewöhnliche Erscheinungen stattgefunden haben.

Lichtblitze, die wie Zeichen einer anderen Welt wirkten. Symbole wie das Schwert Excalibur, die angeblich materialisiert wurden. Viele der damaligen Mitglieder erzählen, sie hätten geglaubt, Zeugen von etwas Übernatürlichem zu sein. Erst später, nach dem Bruch mit dem Orden, da begreifen einige, wie sehr sie getäuscht wurden.

Auch Schal beschreibt in einem späteren Interview, dass er irgendwann begriffen hat, dass diese Erscheinungen nur simple technische Effekte waren. Projektoren, versteckte Mechanismen, ganz einfache Tricks, die in einem abgedunkelten Raum eingesetzt wurden, um sie bewusst zu täuschen. Er sagt, alles waren Hologramme, eine schamlose Lüge. Auch über Josephs Macht, was die Beziehungen im Orden angeht, erfahren die Ermittler immer mehr. Mehrere Zeugen berichten davon, dass er Paare getrennt und neu zusammengesetzt hat. Mehrere Aussteiger erzählen auch von einem Kind mit besonderem Status. Emmanuel, ein Mädchen, das innerhalb der Gruppe als kosmisches Kind galt, als eine Art göttliche Inkarnation. Als sie Anfang der 80er Jahre geboren wird, erklären Joseph und seine engsten Vertrauten, dass das Kind durch eine besondere Form der Empfängnis entstanden sei, und zwar durch Theogamie, also ohne sexuellen Kontakt. Für Außenstehende klingt das absurd, doch innerhalb der Gruppe verleiht das Joseph dem Verkünder dieses Wunders eine ungeheure Autorität.

Wenn Joseph sagt, Emmanuel sei ein Zeichen aus einer höheren Welt, dann zweifeln die wenigsten daran. Emmanuel ist später übrigens eines der toten Kinder, das die Polizei in Salvar findet. Für die Ermittler wird damit deutlich, dass Joseph nicht nur spirituelle Sehnsüchte ausgenutzt, sondern gezielt eine Parallelwelt erschaffen hat, mit eigenen Regeln, einer eigenen Mythologie und einer eigenen Logik.

Während die Polizei ermittelt, meldet sich noch ein weiterer, viel bekannterer Name. Und zwar Michel, der Komponist und Dirigent, von dem wir euch vorhin ja schon erzählt haben. Viele Ermittler kennen ihn aus dem Fernsehen. Jetzt steht er also vor ihnen und sagt, dass auch er viele Jahre Teil der Bewegung gewesen sei. Er schildert den Beamten, was er alles gesehen hat. Die frühen Jahre der offenen Kommune, die Treffen in der Villa in der Nähe von Genf, die idealistische Stimmung und die große kulturelle Offenheit. Doch schnell wird klar, dass Michel zwar viel über die Ursprünge weiß, aber wenig über die letzten Monate vor den Massakern. Er selbst war 1994 auf Konzertreise. Auf seine Rolle und seine Nähe zur Gruppe kommen wir später nochmal zu sprechen. Die Polizei steht damit vor zwei Ebenen, die sie gleichzeitig bearbeiten muss. Die Forensik und die Ideologie. Für die zweite holen sie wieder Jean-François Maillard ins Boot, den Historiker, der die Gruppe schon einmal vor 1994 getroffen und wissenschaftlich eingeordnet hat.

Maillard erstellt für die Ermittler ein Organigramm des Ordens. Er versucht, das Dogma in verständliche Worte zu fassen. Da wäre an der Spitze der Hierarchie ein innerer Kern von sogenannten Erweckten, darunter eine weitere Schicht von überzeugten Anhängern. Und dann noch viele Sympathisanten, die nur am Rand beteiligt sind.

Parallel dazu liefern die Tatorte selbst immer mehr harte Fakten. Die Gerichtsmedizin stellt fest, dass viele der Opfer betäubt waren, bevor sie gestorben sind. In den Berichten ist von diversen Betäubungsmitteln die Rede. Von Schüssen, Stichverletzungen und Erstickung. Das Ergebnis ist erschreckend. Nur ein Teil der Menschen ist freiwillig in den Tod gegangen. Die meisten wurden gezielt getötet. In Chérie werden über 60 Schüsse gezählt. Oft mehrere Schüsse pro Person, in einem Fall sogar bis zu neun Kopfschüsse, wie es später in den Berichten erwähnt wird. An beiden Schweizer Tatorten und in Kanada werden Brandsätze mit Zeitzündern gefunden. Der Plan war offensichtlich, alle töten und dann alle Spuren im Feuer vernichten. Allerdings versagt in Cherie der Zündmechanismus im Kultraum. Dadurch bleiben dort Dokumente und Videokassetten erhalten.

Für die Polizei ist das alles kaum zu entschlüsseln. Die Texte lesen sich wie spirituelles Kauderwelsch. Ein Kriminaltechniker erzählt später im Tagesanzeiger, dass die Sichtung der Tonbänder und Videos fast nicht auszuhalten gewesen sei. Er sagt, das war ein solcher Blödsinn, die Kollegen drehten fast durch. Aus diesen Kassetten und Schriften ergibt sich dann aber nach und nach ein Bild der Lehrer, die kurz vor den Massakern dominiert hat. Joseph und Luc sprechen darin vom Transit, vom Übergang zu Sirius, dem hellsten Stern am Nachthimmel. In Genf hätten sich Anhänger sonntags zu Weltuntergangsmessen getroffen, so schreibt es der Spiegel. Auf Zetteln, die in den Wohnungen einiger Opfer gefunden werden, da steht, der Tod existiert nicht, er ist reine Illusion. In einem früheren Radiointerview hatte Luc mal Folgendes gesagt. Die Stunde der Offenbarung ist gekommen. Es ist die Stunde der Apokalypse. Und Joseph hatte mal gepredigt, dass, um auf den Sirius zu gelangen, die Anhänger im Feuer gereinigt werden müssten. Feuer als Reinigung, Tod als Übergang. Das sind Gedanken, die später in den Ermittlungsakten als zentrale ideologische Grundlage des Transits auftauchen. Alles ziemlich weh, oder?

Schon früh wird bei den Ermittlungen klar, dass Joseph und Luc auch unter den Toten sind. Beide sterben im Chalet in Salvan in der Schweiz. Ein Umstand, der erstmal nicht zur Vorstellung eines geplanten Massensuizids passt. Denn Sektenführer überleben solche Ereignisse normalerweise. Aber hier ist es anders. Die beiden zentralen Figuren sterben auch. Aber warum? Dafür suchen die Ermittler mögliche Motive. Es gab zum Beispiel finanzielle, strukturelle und auch persönliche Konflikte. Laut dem Sektenexperten Georg Schmidt, der in SAF-Berichten zitiert wird, wird eine Bewegung dann gefährlich, wenn die versprochene Zukunft ausbleibt. Wenn der Messias nicht erscheint oder die Apokalypse nicht eintritt, dann stehen die Sektenführer unter Druck. Die Mitglieder fordern dann natürlich Antworten. Und manchmal, sagt der Sektenexperte, wollen sie ihr Geld zurück. Und genau das sei bei den Sonnentemplern passiert.

Und tatsächlich, in Cherie findet die Polizei Unterlagen, die darauf hindeuten, dass mehrere Mitglieder unzufrieden waren. Sie haben ihr Geld zurückgefordert, haben Fragen gestellt und langsam gezweifelt. Wie zum Beispiel ja auch der Aussteiger Thierry, von dem wir euch schon erzählt haben. In einem Brief eines langjährigen Mitglieds an Joseph heißt es, mehrere Personen würden den Orden verlassen wollen. Veruntreuung und Hinterziehung lautet der Vorwurf. Ein Mitglied schreibt von klaren Haltungen, die man nun brauche. Es klingt fast wie ein Ultimatum. Gleichzeitig lebt Joseph auf großem Fuß. Er fliegt erste Klasse, kauft mehrere Häuser und ständig neue Autos. Mitglieder der Sekte beschreiben seinen Lebensstil als völlig unangebracht, angesichts der Opfer, die einfache Mitglieder bringen müssen. Genaue Summen sind leider nicht bekannt. Viele Mitglieder finden das nicht gut und fangen an, bestimmte Dinge zu hinterfragen. Das Bild, das sich nun also abzeichnet, ist düster. Eine Bewegung, die jahrelang gewachsen ist, aber jetzt zunehmend instabil wird. Eine Führung, die ihre Autorität verliert. Ein Kern an loyalen Anhängern, aber viele, die aussteigen wollen. Und ein Gründer, dessen Gesundheit offenbar ebenfalls angeschlagen ist, wie es später heißt.

Historiker Maillère beschreibt diese Phase später als eine Zeit, in der Joseph mit dem Rücken zur Wand gestanden habe. Und dass man viel Energie darauf verwandt habe, eine Legende zu konstruieren. Also eine Erzählung, die erklärt, warum manche ermordet wurden und andere sich angeblich auf eine Reise zum Sirius gemacht haben. Die Ermittlungen ziehen sich über mehr als ein Jahr hin. Die sichergestellten Materialien werden ausgewertet und jedes einzelne Detail eingeordnet. Die Ermittler erstellen schließlich eine wahrscheinliche Chronologie der Ereignisse. Der Plan beginnt vermutlich in Kanada, mit dem Ziel, Feinde innerhalb der Sekte zu beseitigen. Hier in Moringhates lebt ein Ehepaar mit ihrem drei Monate alten Sohn. Beide Elternteile haben ihre Wurzeln in der Bruderschaft, haben Joseph und seine Familie gut gekannt. Der Ehemann war Techniker. Er war zuständig für die Installation im Schrein der Sekte. Er weiß also genau, wie diese Illusionen funktionieren, die Joseph als Materialisation heiliger Objekte präsentiert hat. Das Paar hat sich aber mittlerweile vom Orden distanziert und sich ein eigenes Leben fern der Bruderschaft aufgebaut. In der Logik des inneren Zirkels sind sie also nicht mehr Teil der Mission. Doch sie wissen zu viel. Und sie stellen Joseph in Frage.

Laut den späteren Ermittlungen wird der Ehemann mit einem Baseballschläger niedergeschlagen und dann mit mehr als 50 Messerstichen getötet. Die Ehefrau wird mit 8 Stichen ermordet. Sogar das Baby wird getötet. Als Symbol, sagen einige Quellen. Der Spiegel schreibt übrigens, dass Joseph ziemlich sauer gewesen sein soll, weil das Ehepaar ihren Sohn Emmanuel genannt hat. Also genau wie das kosmische Kind, das kleine Mädchen Emanuel. Die Polizei rekonstruiert später, die Täter, die Joseph schickt, sind Mitglieder des Ordens. Einige kehren ins Doppelschalet der Bewegung zurück. Ihr Auftrag ist erledigt, die Familie ist tot. Im Doppelschalet in Kanada beginnen zwei Sektenmitglieder Suizid und brennen das Haus mithilfe eines Zeitzünders ab, damit alle Beweise vernichtet werden. Ihre Überreste werden in den Ruinen gefunden. Andere Täter fliegen zurück in die Schweiz.

Nach Kanada verlagert sich das Geschehen dann in die Schweiz. Chérie ist der nächste zentrale Punkt. Der Besitzer des Hofes, ein langjähriger Unterstützer, der dem Orden Grundstücke und Häuser gesichert hat, hat sich von Joseph abgewandt. Die Ermittler finden später im Zimmer dieses Mannes ein Abhörsystem. Ein Hinweis darauf, dass man ihn überwachen wollte. Er wollte seine Anteile am Hof zurück und sich von der Sekte distanzieren. Aus Sicht der Führung ist er damit ein Verräter. Am Sonntag, dem 2. Oktober 1994, werden mehrere Mitglieder also nach Cherie bestellt. Sie glauben, dort an einer Zeremonie teilzunehmen. Sie ziehen daher ihre besonderen Kleider an und bereiten sich auf ein Ritual vor. Nach der Rekonstruktion der Ermittler werden sie betäubt, anschließend erschossen und dann wird der Hof in Brand gesteckt, auch wieder mit Hilfe von Zeitzündern. Unter den Tätern ist laut den späteren Ermittlungen auch Lüg. Den exakten Tatablauf kann die Polizei natürlich nicht hundertprozentig rekonstruieren. Sie wissen aber, dass Luc zu den Personen gehört, die aus Chéri dann nach Salva fahren, um dort den nächsten Schritt des Plans umzusetzen. In Salva leben einige Kerngruppen des Ordens in zwei Chalets. Viele der Menschen, die dort sind, die wissen, was sie erwartet, zumindest in ihrer eigenen Logik. Sie sehen den Tod nicht als das Ende, sondern als Transit, als Abreise in eine andere Dimension.

In der SRF-Doku erzählt ein Gerichtsmediziner von einem Detail, das ihn besonders beschäftigt hat. Und zwar wurde über dem Kopf eines der getöteten Kinder in Salvar eine Zeichnung gefunden, mit einer Widmung für unseren Herrn, der unsere Schritte auf dem Weg ins ewige Licht lenkt.

Er sagt, er hoffe nur, dass die Kinder in diesem Glauben Trost gefunden hätten. Denn die Kinder hatten ja keine Wahl. Unter den Opfern ist auch Josefs Sohn, der ist 24 Jahre alt. In der SRF-Doku heißt es, er habe erkannt, wer sein Vater wirklich war, hatte sich von ihm abgewandt und wusste offenbar nicht, was in dieser Nacht konkret passieren würde. Die Ermittlungen kommen zu dem Ergebnis, dass in Salva sowohl Menschen gestorben sind, die den Transit wollten, als auch solche, die ermordet wurden. In einer Pressekonferenz nach den Ereignissen erklären die Behörden, dass Luc in Salva eine aktive Rolle gespielt habe und Joseph im Hintergrund die Befehle gegeben habe. Beide werden später ja dann selbst unter den Toten identifiziert. Zusammen mit zwei weiteren Mitgliedern, die kurz zuvor in Kanada gewesen sind, um das Ehepaar zu töten. Vor diesem Hintergrund wirken die Ereignisse von Moring Hates, Cherie und Salva wie ein letzter großer Versuch, die Kontrolle zu behalten. Die Verräter beseitigen, die Loyalisten in den Transit mitnehmen, die Zeugen aus der Welt schaffen und dabei eine Geschichte hinterlassen, die den Zerfall der Bewegung in etwas Erhabenes umdeuten soll.

Im Frühjahr 1996 legen die Untersuchungsbehörden ihren Abschlussbericht vor. Sie können nachweisen, dass von den 53 Ordensmitgliedern, die in Kanada und der Schweiz gestorben sind, nur 15 freiwillig in den Tod gegangen sind. 38 wurden ermordet. Die Ermittler unterscheiden dabei drei Gruppen. Den inneren Kern der Erweckten, fanatisierte Anhänger, die den Tod als Übergang akzeptierten, die Unsterblichen, die zwar an die Reise glaubten, aber nicht in ihren Tod eingewilligt hätten und die Verräter, deren Todesstrafe Joseph angeordnet haben soll. Trotz all dieser Arbeit bleiben viele Fragen offen. Wer hat wen erschossen? Wer hat die Betäubungsmittel verabreicht? In den Akten steht, dass es keine überlebenden Täter gibt. Viele seien gleichzeitig Opfer und Ausführende gewesen. Und so endet der Bericht mit einem Kompromiss. Offiziell ist von einem kollektiven Suizid die Rede, der von Joseph und Lüg vorangetrieben wurde. Obwohl die Fakten klar zeigen, dass ein großer Teil der Menschen gegen ihren Willen gestorben ist.

Joseph muss also der zentrale Architekt dieses Plans gewesen sein. Unterstützt von Lüg und einem kleinen Kreis im inneren Zirkel. Es scheint also, als sei das Kapitel der Sonnentemplar endgültig beendet. Die Strukturen liegen ja alle offen. Die Ideologie ist entzaubert. Und doch werden bereits Ende 1995 plötzlich Gerüchte laut. Noch bevor der Abschlussbericht überhaupt veröffentlicht wird.

Ehemalige Mitglieder melden, dass sich bestimmte Gruppen weiterhin treffen sollen. Die Behörden können aber nur wenig tun. Ein Polizist erklärt, man habe rechtlich keine Grundlage, die Personen nur wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppierung zu überwachen. Was bleibt, ist also ein wachsendes Gefühl der Gefahr. Und dann passiert es tatsächlich. Am 22. Dezember 1995. Eineinhalb Jahre nach Cherie und Salva. In der Nähe des französischen Vercourt-Massivs, einem weitläufigen Waldgebiet südwestlich von der Stadt Grenoble, werden mehrere Fahrzeuge gefunden. Sie stehen verlassen am Rand eines Waldwegs. Eine Gruppe von Personen ist spurlos verschwunden.

Unter ihnen ist auch ein Name, der schon aus den Ermittlungen bekannt ist, nämlich Patrick und seine Mutter. Der Geschäftsmann, der nach den Bränden von Chéry und Salvin die Vermächtnersbriefe der Führungsfiguren des Kultes per Post verschickt hat. Die Angehörigen wissen sofort, was das bedeutet. Patriks Bruder berichtet in der SRF-Doku, dass er sofort Angst hatte. Denn alle wussten, dass wenn diese Leute zusammen unterwegs sind, dann passiert etwas. Und dann wird es schlimm. Die französischen Behörden starten also eine Suchaktion. Waldstücke werden abgesucht und Helikopter kreisen über dem Gebiet. Dann machen sie die grausame Entdeckung. In einer Mulde weit abseits der Wege, so versteckt, dass man sie nur mit guten Ortskenntnissen findet, dort liegt ein Kreis. Ein großer, sorgfältig angelegter Kreis. 16 Tote, darunter auch drei Kinder.

Patrick und seine Mutter befinden sich ebenfalls unter den Toten. Diese Bilder sind schwer auszuhalten. Die Körper liegen auf dem Rücken, die Füße zeigen auf einen zentralen Scheiterhaufen. Viele haben graue Plastiksäcke über den Köpfen. Und bei fast allen finden die Ermittler Betäubungsmittel im Blut. Die Gerichtsmedizin kommt zu dem Schluss, dass die meisten im Schlaf gestorben sind, und zwar durch Schüsse. Später wird die Szene rekonstruiert. Die Gruppe hat sich in Genf getroffen, ist gemeinsam nach Frankreich gefahren und noch in derselben Nacht den Hang hinaufgestiegen. Mit drei kleinen Kindern im Schlepptau. Sie haben Benzinkanister und Waffen mitgenommen. Und das mit dem festen Vorsatz, den Transit durchzuführen. Für die Familien der Opfer ist dieser Fund ein erneuter Schlag. Viele hatten gehofft, dass die Mitglieder ausgestiegen seien. Dass sie nicht mehr an Josefs Erzählungen glauben würden. Dass die Morde von 1994 ihnen gezeigt hätten, wie gefährlich diese Ideologie ist. Doch leider ist das Gegenteil der Fall. Diese Menschen hier sind nicht geflohen. Sie sind diesem Glauben gefolgt, und zwar bis in den Tod.

Wie weit dieser Glaube reicht, zeigt eine Aussage von einem Polizisten. Er erzählt in der SRF-Doku, dass einzelne Aussteiger sogar bedauert haben, nicht ausgewählt worden zu sein. Sie sprachen davon, dass die Gruppe sie zurückgelassen habe, während andere angeblich in eine höhere Existenz übergegangen sind. Das zeigt, wie stark die Überzeugung selbst nach den Massakern weitergewirkt hat. Die Vorstellung, der Tod sei kein Ende, sondern eine notwendige Etappe, war für einige so verinnerlicht, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie diesen Transit nachholen wollten. Und genau diese Dynamik zeigt sich in Verkort, wo der letzte Kreis Leichen gefunden wurde. Die Menschen, die hier starben, waren nicht zufällig zusammen. Sie gehörten zu jenen, die sich erneut gesammelt haben. Einer kleinen, übrig gebliebenen Gruppe, die sich als Nachzügler verstand. Als diejenigen, die den Übergang zum Sirius nicht verpassen wollten. Die glaubten, dass Josephs Mission noch nicht vollständig erfüllt sei. Im März 1997 brennt in Kanada dann erneut ein Chalet.

Zweieinhalb Jahre nach Chérie und Salva. Dieses Mal nördlich von Québec. Die Feuerwehr wird zu einem nächtlichen Brand gerufen. Im Inneren stoßen sie dann auf fünf Leichen. Wieder Plastiksäcke, wieder Schussverletzung, wieder ein Zeitzünder, der das Haus in Brand gesetzt hat. Aber dieses Mal gibt es Überlebende. In einem Nebenhaus entkommen nämlich drei Kinder im Alter von 13, 14 und 16 Jahren. Sie wurden betäubt und als sie aufwachen, steht das Haupthaus bereits in Flammen. Die Jugendlichen rennen nach draußen und treffen schließlich auf Feuerwehr und Polizei. Ihre Aussagen geben den Ermittlern zum ersten Mal einen unmittelbaren Einblick in das Denken dieser letzten Sonnentempler. Die Teenager erzählen, dass ihre Eltern auf die Reise zum Sirius gegangen seien. Dass das bereits der zweite Versuch gewesen sei. Die kanadischen Behörden finden außerdem Briefe, die diesen Gedanken bestätigen. In einem davon steht, behaltet uns als glückliche Menschen in Erinnerung, die kein einfaches Leben wählten. Vergibt uns den menschlichen Schmerz. Wir sind glücklich, unsere Arbeit vollbracht zu haben. Stellt euch vor, wir sind umgezogen, noch weiter weg.

Für den Historiker Jean-François Maillère ist dieser letzte Fall besonders aufschlussreich. Die Gruppendynamik, die Ideologie, die jahrzehntelange Manipulation, all das habe selbst nach den Massakern von 1994 noch genug Kraft gehabt, um Menschen zu binden. Und zwar so sehr, dass sie ihre eigenen Kinder betäuben und allein zurücklassen. Mit diesen beiden letzten Vorfällen, Vercors 95 und Québec 97, steigt die Zahl der Toten auf insgesamt 74. Doch diese letzte Phase hat juristische Folgen. Denn im Nachgang der Ereignisse in Vercors rückt eine Person in den Fokus, die schon seit 1994 immer wieder genannt wurde, nämlich der Schweizer Dirigent Michel. Und damit beginnt vor Gericht endlich ein Prozess.

Dass ausgerechnet er in den Fokus gerät, hat mehrere Gründe. Er ist der einzige prominente Kopf, der noch lebt. Die sogenannten Anführer Joseph und Luc sind ja tot. Viele aus dem inneren Zirkel ebenfalls. Für Angehörige, die Antworten suchen, bleibt damit nur Michel, der Letzte, der überhaupt noch irgendwas wissen könnte. Hinzu kommt, dass sein Name an zentralen Stellen im Ordensmaterial auftaucht. Er war in den frühen Jahren ja eng mit der Bewegung verbunden und galt laut Medien in manchen internen Kreisen als Nummer 3 hinter Joseph und Luc.

Michel bestreitet das vehement, doch für Außenstehende wirkt die Nähe eindeutig. Besonders, weil er nur zehn Tage vor dem Massakern noch auf Wunsch von Joseph auf einer Konferenz gesprochen hat. Zeugen erinnern sich, dass Joseph ihn dabei regelrecht inszeniert habe. Ob als Werkzeug, als Aushängeschild oder als jemand, den er noch mitnehmen wollte, bleibt unklar. Für Angehörige wirkt das verdächtig. Für Antisektenverbände wie die französische UNADFI ist es ein Beleg seiner Verantwortung. Für die öffentliche Debatte ist er der einzige, der noch zur Rechenschaft gezogen werden kann. Die französische Justiz erhebt schließlich Anklage, wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. Man wirft ihm vor, seine Schriften hätten Mitglieder geistig auf den Transit vorbereitet. Der Prozess beginnt im April 2001 im französischen Grenoble.

Sieben Jahre nach den Massakern in der Schweiz. Schnell wird aber klar, dass dieser Prozess nicht normal verläuft. Die Nebenklägerfamilien sind gespalten. Einige fordern ein Urteil. Andere zweifeln an den Ermittlungen und verweisen auf Ungereimtheiten. Zum Beispiel unklare Brandmuster und widersprüchliche Fotos. Ein externes Gutachten verweist sogar auf mögliche Phosphorspuren, die auf einen Flammenwerfer hindeuten könnten. Das heißt, ein Teil der Opferfamilien glauben, dass es in Vekor kein Suizid, sondern Mord war, dass jemand von außen beteiligt war. Andere Gutachter widersprechen. Am Ende bleibt auch diese Spur ohne Ergebnis.

Währenddessen wird Michelle selbst kaum befragt. Alles dreht sich zuerst nur um die Gutachten. Erst am achten Verhandlungstag sagt Michelle aus. Acht Stunden lang. Er beschreibt sich als Betrogenen, als jemanden, der Joseph vertraut habe, aber nichts von dessen Plänen wusste. Einige glauben ihm, andere halten es für eine taktische Strategie und wiederum andere für Selbstschutz. Ein Jurist fasst die Spannung im Gerichtssaal zusammen. Jeder muss seine eigene Verantwortung tragen. Michel fühlt sich nicht verantwortlich. Er hat es immer wieder betont. Entweder man hat ein Gewissen oder nicht. Für die Familie von Patrick und dessen Mutter, die in Verkort gestorben sind, ist die moralische Dimension zentral. Patriks Bruder habe nie eine Entschuldigung gehört. Michels Einfluss auf viele im Orden sei doch offensichtlich gewesen, sagt er. Juristisch fehlen leider die Beweise. Der Staatsanwalt fordert fünf Jahre Haft für ihn. Die Verteidigung nennt das absurd, weil niemand sagen könne, welche Wirkung Michels Texte tatsächlich hatten. Nach zwei Wochen folgt das Urteil. Freispruch. Die Staatsanwaltschaft legt Berufung ein. Ein zweiter Prozess folgt dann 2006, fünf Jahre später. Die Familien der Hinterbliebenen schöpfen neue Hoffnung.

Sie wollen beweisen, dass jemand von außen beteiligt war, dass es nicht nur Suizid war. Weitere Gutachten werden eingeholt, Leichen exhumiert und Proben analysiert. Der Richter sieht allerdings nach wie vor keine Einflüsse von außen. Michelle wird im Berufungsprozess also wieder freigesprochen. Mit diesem Urteil wird die Akte der Sonnentempler offiziell geschlossen. Für die Familien ist das schwer zu akzeptieren. Einige bleiben überzeugt davon, dass ihre Angehörigen nicht freiwillig gestorben sind. Juristisch ist vieles abgeschlossen. Aber moralisch bleibt fast alles offen.

Wer trägt Verantwortung für 74 Tote, wenn diejenigen, die die Befehle gegeben haben, selbst unter den Opfern sind? Die Sonnentempler haben in der Schweiz, in Frankreich und in Kanada eine riesige Debatte ausgelöst, über Sekten, über Kontrolle und über die Frage, wie Radikalisierung überhaupt entsteht. Und auch darüber, ob sich so etwas heute wiederholen könnte. Der Sektenexperte Georg Schmidt sagt dem SRF dazu einen interessanten Satz, nämlich, dieser plumpe Beschiss mit den billigen Spezialeffekten und die wilden Behauptungen von angeblichen Meistern, die in unterirdischen Bunkern in Zürich leben, das wäre heute nicht mehr möglich. Und trotzdem fügt er hinzu, dass die Gefahr nicht kleiner geworden sei, nur anders, subtiler, digitaler und oft näher, als man glaubt.

Okay, ich glaube, wir müssen alle einmal ganz kurz durchatmen. Das war bisher schon eine ziemlich lange Folge. Wir haben ziemlich viele Informationen bekommen aus sämtlichen Ländern und generell finde ich, ist das Thema Sekte irgendwie so ein Mysterium, dass man immer gar nicht so genau weiß, wo man jetzt eigentlich anzusetzen hat, oder? Geht dir das auch so? Also wir haben ja ziemlich viele, ja ich nenne es mal vorsichtig, interessante Informationen zu den, vor allem den Sonnentemplern heute gehört. Ja, mir geht es ganz genauso. Also ich finde Sekten wirklich auch immer extra spannend, um ehrlich zu sein. Weil am Ende des Tages ist es eigentlich immer das Gleiche, weil die Menschen einfach sehr, sehr krass in einer gewissen Lehre manipuliert werden. Und so tief dann drin sind, das kann man ja irgendwie verstehen, dass sie halt an nichts anderes irgendwie glauben wollen und komplett davon überzeugt sind. Das haben wir leider auch in dem Fall jetzt wirklich mehrfach gesehen. Und deswegen finde ich besonders auch diese Sonnentempler-Sekte wirklich sehr, sehr spannend, weil die ja auch besonders als was, so wie es sich angehört hat, sehr friedliches eigentlich auch gestartet hat. Ja, so fing es zumindest an, haben ja einige Leute beschrieben. Mir geht es auch so, dieses Thema Sekte, Das geht ja in ganz verschiedene Bereiche. Ich habe da auch gerade...

Eine Podcast-Reihe zugehört, Seelenfänger, kennt ihr vielleicht, da kam jetzt eine neue Staffel. Und ich finde das so, in Anführungsstrichen, faszinierend. Faszination verbinde ich eigentlich mit was Positivem, so meine ich das hier nicht. Ich finde es total interessant. Man kann auch, finde ich, von so negativen Sachen faszinierend sein.

Ich möchte nur, dass ihr mich nicht falsch versteht, aber ich finde das so krass faszinierend, wie Leute da immer tiefer in diesen Strudel geraten können. Also klar, letztendlich fängt es ja mit einer Art Gemeinschaft an und Leute sind für dich da und je nachdem, in welcher Lebenssituation du gerade bist, was du erlebt hast, ist das ja auch sehr hilfreich, wenn du jemanden hast, der dir ganz genau sagt, das musst du tun, das musst du nicht tun. Wenn du einen deiner Liebsten verloren hast oder irgendwie eine schwierige Krankheit überwunden hast oder so. I don't know, es gibt ja verschiedene Gründe, warum Menschen Halt brauchen oder ja auch eine Art von Lenkung und die kriegt man ja in der Sekte. Du passt dich da irgendwie an und tust Dinge, die man dir sagt, aber dass man da immer tiefer, immer tiefer reinrutscht, das finde ich so krass, oder? Oder dass man am Ende bereit ist, ja, oder glaubt, dass man irgendwie auf einen anderen Stern kommt und sich dafür jetzt das Leben nehmen muss. Das ist also wow. Ich weiß gar nicht. Also das ist, ihr merkt, ich stammel hier vor mich hin. Ich finde das total crazy. Ja, also ich, wie gesagt, ich kann das komplett nachvollziehen. Und deswegen, ich bin auch von sowas gewohnt. Bösartig, durchaus komplett fasziniert, allein aus diesem psychologischen Aspekt heraus, weil, wie du es ja auch gerade schon gesagt hast, es ist leider ganz normal, dass wir alle mal Zeiten durchleben, die besonders schwer sind und besonders, wenn man ja dann auch noch jünger ist.

Dann hat man einfach noch nicht die Mechanismen, damit klarzukommen, irgendwie gelernt und wenn du dann halt in eine Gesellschaft kommst, die dir erstmal hilft, und dann auch dabei hilft, genau mit solchen Problemen klarzukommen, dann kannst du irgendwann auch natürlich nicht so einfach sagen, wenn diese Gesellschaft was ganz besonders Extremes von dir verlangt, kannst du nicht einfach Nein sagen. Das kann ich schon psychologisch irgendwo verstehen. Deswegen fasziniert mich das auch, dass... Also finde ich das halt so psychologisch interessant, dass es auch wirklich immer wieder ja auch eigentlich funktioniert. Weil wie gesagt, am Ende des Tages ist es eigentlich immer das Gleiche und wir haben es ja auch schon besprochen. Leider eskaliert das ja auch sehr oft einfach genau deswegen, weil dann oft irgendwie so eine Apokalypsenlehre im Hintergrund ist, die aber einfach nicht eintritt und dann spielt wieder Geld eine Rolle. Geld haben wir sowieso ständig als Motiv und Leute wollen raus und dann muss dieses Ultimatum gezogen werden. Und Menschen sind ja auch fasziniert von so apokalyptischen Themen. Also auch so Filme greifen dieses Thema ja oft auf, so Weltuntergang, alles neigt sich dem Ende zu und so.

Also ja, es ist wirklich super, super spannend, diese Thematik. Und letztendlich, wenn das Menschen hilft und das alles friedlich ist und die da in ihrer Gemeinschaft glauben, was sie wollen und niemand anderen stören, dann du es, dann macht er euer Ding. Aber spätestens, wenn hier Suizide und Morde im Spiel sind, dann geht es sowas von deutlich zu weit. Und die Frage, die wir uns ja auch vor allem gegen Ende der Folge heute gestellt haben, nämlich, ob das nochmal so passieren kann. Da hat ja der Sekten-Experte gesagt, so in der Form nicht, aber halt anders passiert es heute, so digitaler. Und ich finde, das ist auch ein Punkt, so das Internet gibt uns ja die Möglichkeit, uns viel schneller zu vernetzen, als das vorher zu war. Man kann irgendwie kleine geheime Gruppen erstellen und sich da austauschen weltweit. Und so ein bisschen kann man das ja auch generell auf zum Beispiel Nachrichtenkonsum beziehen. Also damit meine ich, dass nicht immer die Leute die Quellen prüfen. Die lesen manchmal ja auch irgendwie nur eine Überschrift.

Überschriften sind super reißerisch, damit... Die verbreitenden Medien ihre Klicks bekommen, sehe ich auch schon ein. Aber manchmal oder auch sehr oft sind die Überschriften ja super irreführend und sagen gar nicht das, was da eigentlich im Text steht. Aber manchmal, ich kenne das ja auch beim Scrollen, dass man dann so liest und aber sich gar nicht weiter damit beschäftigt und schon entstehen irgendwelche Fake News. Und ja, ich meine, das ist ja auch ein heutiges Problem, oder? Also auch so in Zeiten von KI zum Beispiel. Ganz ehrlich, ich sehe manchmal auch nicht, ist das Video hier gerade KI generiert oder ist das echt? Ja, genau, KI war nämlich das, was ich jetzt auch gerade ansprechen wollte. Besonders bei dem Thema Videos. Vor ein paar Monaten hätte ich safe noch sagen können, das ist auf jeden Fall KI. Jetzt, ich sehe immer bei mir auf meiner For You-Page so einen Typen, der das einordert und versucht zu erklären, ey, an den Kleinigkeiten kann man noch erkennen, dass es irgendwie doch noch KI ist. Zum Beispiel? Naja, zum Beispiel, also alles, was menschlich ist, da kannst du es schon gefühlt gar nicht mehr rausfinden.

Besonders, wenn es so um Physik geht. Ich habe letztens so ein Video gesehen von einem Hund, der so einen ultra krassen Stunt einfach gemacht hat. Und da haben Leute gesagt, das ist KI. Und der Typ hat gesagt und auch bewiesen, das ist keine KI, das ist wirklich ein krasser Stunt von einem Hund. Weil er hat zum Beispiel auch mal durch gängige KI-Modelle gejagt, die das versucht haben nachzustellen. Die sind darauf überhaupt nicht klar gekommen. Der Hund flog auf einmal irgendwie so, das hat alles gar nicht funktioniert und man erkennt es an Bildrauschen und so, aber das geht jetzt sehr ins Detail so, aber auf jeden Fall kann ich mir wirklich vorstellen, besonders auch durch die ganzen Filterbubbles und das sieht man finde ich auch weltweit sowieso schon, dass die Leute sich halt einfach immer weiter...

In einen Extrem rein eskalieren, so gesehen. Und die KI halt sowas auch noch viel, viel krasser befördern kann. Ihr dürft auch nicht vergessen, weil du das auch gerade mit den Quellen gesagt hast, vertraut nicht immer nur auf KI, um eure Quellen zu checken, weil am Ende des Tages, es ist, da steckt zwar Intelligenz drinnen in dem Begriff, aber die sind nicht intelligent. Das sind einfach nur irgendwelche Modelle, die Large Language Models sind, die also eigentlich nur Wahrscheinlichkeiten von Wörtern zusammenrechnen und dir dann halt ein Output geben. Das heißt, wenn du lange genug dem Internet eine Lüge verkaufst und dann eine KI fragst, ey, stimmt das? Dann wird dir die KI mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sagen, ja, das stimmt. Auf jeden Fall. Obwohl es halt nicht der Fall ist. Und deswegen kann ich es mir in der digitalen Era sowas von vorstellen leider, dass das passiert. Wir nutzen KI ja auch vor allem für die Übersetzung von nicht englischsprachigen Quellen, Aber eine reine True-Crime-Recherche zum Beispiel funktioniert überhaupt nicht, weil da so falsche Informationen teilweise kommen. Aber ja, warum ich diesen Schlenker jetzt eigentlich gemacht habe, war, wie der Sekten-Experte ja auch schon gesagt hat, dass sich so die Gegebenheiten einfach so stark verändert haben und dass sich wahrscheinlich so diese Extrem-Bubbles, nenne ich jetzt mal, oder auch die Sekten-Bubble, um diesen Begriff zu nennen.

Dass die sich jetzt einfach an anderen Orten, nämlich digital treffen, vernetzen, austauschen können und sie so irgendwie ihr ... Ihr extremes Gedankengut verbreiten können. Also ja, das ist schon auf jeden Fall heutzutage auch noch möglich, nur anders. Ist ja auch die Frage, was definiert man jetzt direkt als Sekte? Also was ich voll oft sehe, denn auf TikTok, Instagram sind dann irgendwelche Videos von, also KI-Videos halt, wo Leute auch wirklich denken, dass es echt ist. Und da frage ich mich jetzt, okay, wo fängt das jetzt mit der Sekte an, sobald man sich mit anderen Leuten vernetzt und dann halt glaubt, dass es echt ist oder so? Ja, wir könnten jetzt wahrscheinlich noch eine Stunde weiter darüber diskutieren und sprechen. Aber ich glaube, die Folge war ja schon lang genug heute. Deswegen schließen wir diese schwarze Akte für heute und freuen uns natürlich wie immer, wenn ihr uns Fälle vorschlagt. Ihr schickt uns ja immer ganz viel über Instagram, da heißen wir schwarze Akte. Also tut das sehr gerne weiterhin, da freuen wir uns. Und dann hören wir uns nächste Woche Dienstag auf eurer Lieblings-Podcast-Plattform. Bis nächste Woche.

Wir sind eure Hosts Anne Luckmann und Patrick Strohbusch Redaktion Johanna Müsiger und wir Schnitt Anne Luckmann Intro und Trainer gesprochen von Pia Rohnersachse Producer Falko Schulte, Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios.