Diese Episode enthält explizite Details über einen wahren Kriminalfall. Weitere Infos in der Folgenbeschreibung. Die untergehende Sonne hängt tief am Horizont. Sie verwandelt den Himmel über San José del Cabo in ein Gemälde aus Gold, Orange und Purpur. Die Luft flimmert nicht mehr ganz so sehr von der Hitze des Tages. Ein sanfter Wind trägt den salzigen Geruch der Brandung vom Meer hinein in die Küstenstadt. An einem Abend wie diesem durch die malerischen Gassen der Altstadt zu spazieren, das fühlt sich so an, wie in eine Postkarte einzutauchen. Die Straßen von San José del Cabo sind bunt und voller Leben. Kunstvolle Bemalungen ziehen hier die Häuserwände. Quer über die Straßen spannen sich Gelanden mit bunten Wimpeln und Lichterketten, die sanft im Abendwind schaukeln. Die Menschen hier hetzen nicht, sie schlendern. Denn die Nacht in diesem magischen Ort ist zum Erleben da, zum Feiern, Staunen und Genießen. Aus aller Welt finden Reisende ihren Weg hierher in das Küstenstädtchen. Kreative Seelen auf der Suche nach Inspiration.

Surffans in der Hoffnung auf große Wellen. Paare auf der Suche nach einer romantischen Auszeit vom Alltag. Und natürlich all jene, die Lust auf Abenteuer haben, auf Luxus und richtig gute Partys. Doch nicht alle Reisenden finden ihren Weg auch wieder zurück. Denn hinter der bunten, fröhlichen Fassade des Küstenparadieses hat sich vor noch nicht allzu langer Zeit ein brutaler Mord ereignet, dessen Nachbeben noch bis zum heutigen Tag spürbar sind.

Und damit herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte, mir heute digital gegenüber mit Anne Luckmann. Und natürlich auch mit Patrick Strohbusch. Hallo, schön, dass ihr heute wieder zuhört. Und meistens besprechen wir in der Schwarzen Akte ja Fälle, die etwas weiter in der Vergangenheit liegen. Doch in der heutigen Folge ist das ein bisschen anders. Das Jahr, in das wir heute zurückblicken, habt ihr alle miterlebt. Und es ist noch gar nicht lange her. Es geht nämlich um das Jahr 2022. 2022 ist eines der wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Der Klimawandel ist überall auf der Welt zunehmend spürbar. Wie viele andere Länder leiden auch die USA unter Extremwetterereignissen wie Hurricanes, Stürmen oder Dürren. Aber auch auf politischer Ebene bebt es in den Vereinigten Staaten. Das oberste Gericht kippt das bundesweite Recht auf Schwangerschaftsabbrüche, was im ganzen Land zu heftigen Debatten führt. 2022 ist auch das Jahr, in dem Russland in die Ukraine einmarschiert und in Katar die Männerfußball-Weltmeisterschaft stattfindet. Die Corona-Pandemie neigt sich langsam dem Ende zu. Aber erst im Mai 2023 wird die WHO den internationalen Gesundheitsnotstand aufheben.

Im Oktober 2022 veröffentlicht Taylor Swift ihr Midnight-Album. Einen Monat später kommt die erste Version von ChatGPT auf den Markt. Und wer in der Social-Media-Bubble auf dem neuesten Stand sein will, der muss auf jeden Fall einen TikTok-Account haben. Jeder hat unterschiedliche Erinnerungen an das Jahr 2022. Die einen eher gute, die anderen eher schlechte. Für die Familie von Shankwella beginnt in der Zeit ein Albtraum, aus dem es bis heute kein Erwachen gibt. Aber starten wir ganz von vorn. Chanquella ist 25 Jahre alt und stammt aus Charlotte, der größten Stadt im US-amerikanischen Bundesstaat North Carolina. Sie ist im Kreise einer liebevollen Familie aufgewachsen, die sie und ihre Schwester immer bei allen Ideen und Vorhaben unterstützt hat. Und so ist Chanquella auch nach ihrem Uniabschluss in Wirtschaftswissenschaften mit einem eigenen Business durchgestartet. Sie hat in ihrer Heimatstadt eine Boutique für Frauenmode eröffnet und sich damit einen langjährigen Traum erfüllt. Aber die Exquisite Boutique sollte nur der Beginn ihres Unternehmertums sein.

Shankwella hat es außerdem schon immer geliebt, Haare zu flechten. Und so gründet sie neben ihrer Boutique ein eigenes Hair-Brading-Business, das sie Exquisite Kids nennt. Sie richtet ihr Angebot an Kinder, die, wie sie selbst, Teil der schwarzen Community sind. Mit den Braids schenkt Shankwella vielen dieser Kids nicht nur eine eigene Frisur, sondern vor allem auch neues Selbstvertrauen. Wer Schenkeller kennt, schätzt sie als unglaublich lebhafte, fürsorgliche und authentische Persönlichkeit mit einem großen Herzen. Oder, wie ihre Mutter sagt, mit einem Herz aus Gold.

Wann immer jemand von ihren Freunden oder ihrer Familie ein Problem hat, dann ist Shankwella da, mit einem offenen Ohr und einer herzlichen Umarmung. Obwohl sie selbst super viel mit ihren Zweigeschäften zu tun hat, nimmt sich Shankwella immer Zeit für die Menschen, die ihr wichtig sind. Im Trubel des Alltags geht es Shankwella so wie vielen Menschen. Es ist nämlich gar nicht so leicht, zwischen all den To-dos und Terminen auch mal eine Pause zu machen und etwas Ruhe zu finden. Es kommt ihr also ziemlich gelegen, dass einige Leute von der Uni einen Kurztrip nach Mexiko planen, zu dem sie auch eingeladen ist. Einfach nur die Sonne genießen, eine gute Zeit haben und in den Tag hineinleben. Natürlich darf auch der ein oder andere Drink dabei nicht fehlen. Ihr bester Freund Khalil ist auch dabei. Die beiden sind seit über fünf Jahren befreundet. Und auch mit Canquellas Familie versteht er sich richtig gut.

Er ist regelmäßig Gast bei ihnen zu Hause und war sogar schon mit im Familienurlaub. Schenkela ist froh, dass sie Khalil an ihrer Seite hat. Die anderen Kommilitonen, die mit nach Mexiko fahren, kennen sie noch nicht so gut. Aber das kann sich auf so einer Reise ja schnell ändern. Am 28. Oktober 2022 ist es dann soweit und die Gruppe macht sich auf den Weg nach San Jose del Cabo. Das kleine Küstenparadies liegt an der südlichen Spitze von Mexiko, genau zwischen zwei Meeren. Dem Pazifischen Ozean und dem Golf von Kalifornien, der wegen seiner unvergleichlichen Artenvielfalt übrigens auch als das Aquarium der Welt bekannt ist. Südlicher liegt eigentlich nur noch der Ferienort Cabo San Lucas, der weltweit für sein buntes Nachtleben berühmt ist. Beide Orte, also San José del Cabo und Cabo San Lucas, verbindet eine ungefähr 30 Kilometer lange Küstenstraße, die eigentlich jeder einmal entlangfährt, der hier an der Südspitze Mexikos Urlaub macht.

Der Touri-Korridor führt an riesigen Luxusressorts, zahllosen Golfplätzen und einsamen Buchten vorbei. An weiten Feldern, auf denen Mangos, Avocados, Bananen und Zitronen wachsen. Kaum irgendwo sonst liegen Wüste und Meer so nah beieinander. Wer will, der kann morgens im tropischen Meer schwimmen und nachmittags durch Kakteenlandschaften wandern. Und es ist gar nicht so selten, dass man an der Küste auch den einen oder anderen Wald zu sehen bekommt, während man die weißen Sandstrände entlang schlendert und auf das türkisfarbene Wasser hinausschaut. Während Cabo San Lucas mit seinen vielen Partyspots als der gehobene Ballermann der Amerikaner gilt, so schreibt es zumindest die Welt, ist San José del Cabo eher als der ruhigere, kulturell authentische Gegenpol bekannt. Was natürlich nicht heißt, dass man hier nicht auch feiern kann. Aber die Atmosphäre ist hier deutlich entspannter als in Cabo San Lucas.

Kunst hat hier übrigens auch einen hohen Stellenwert. Wer durch die bunten, verwinkelten Gassen der Altstadt schlendert, der wird viele Galerien entdecken, die teilweise bis spät in die Nacht geöffnet sind. Das gesamte historische Zentrum verwandelt sich jeden Donnerstagabend beim Art Walk in eine offene Kunstausstellung. Dann öffnen alle Kreativschaffenden ihre Türen und es gibt Live-Musik, Weinverkostungen und Malaktionen. Ein schönes, buntes und friedliches Miteinander. Ein Ort, an dem die Fantasie sprudeln kann. Übrigens heißt es, San José del Cabo sei früher ein geheimer Zufluchtsort für Piraten gewesen, die hier spanische Handelsschiffe auf dem Weg von Asien nach Europa abgepasst haben sollen. Deshalb sollen rund um die Hügel der Stadt noch längst vergessene Piratenschätze vergraben sein. Jedes Jahr reisen über drei Millionen Touristen nach San José del Cabo. Viele kommen aus den USA, was ja auch, zumindest aus europäischer Perspektive betrachtet, relativ nah dran liegt. Kein Wunder also, dass ein Urlaub dort im Küstenparadies auch seinen Preis hat.

Ein Apartment kostet da schon mal gute zweieinhalbtausend Euro pro Nacht. Aber wenn man schon einmal da ist, dann will man sich halt auch was gönnen. Das sieht die Reisegruppe rund um Sanquella auch so. Besonders, weil es ja auch einen speziellen Anlass für den Urlaub gibt. Eine Mitreisende, die heißt Dejene, die will hier in Mexiko nämlich ihren Geburtstag feiern. Die Truppe besteht insgesamt aus sieben Personen, die sich bis auf Shankwella untereinander alle gut kennen. Für Shankwella ist das aber gar kein Problem. Sie hat ja ihren besten Freund dabei. Und außerdem besteht für sie kein Zweifel, dass sie während der Reise alle enger zusammenwachsen werden. Am Freitag, den 28. Oktober 2022, checkt die Gruppe in der Villa Linda ein. Eine Luxusvilla mit eigenem Pool und allen Annehmlichkeiten, die man sonst im Alltag zu Hause nicht so hat. Wie einen eigenen Koch zum Beispiel, der jeden Tag frische Mahlzeiten nur für die Gruppe zubereitet. Nach der Ankunft ruft Chanquella kurz zu Hause durch. Sie sagt, dass sie gut angekommen sei und dass sie sich am nächsten Tag wieder melden werde. Chanquella ist wohl sehr happy und euphorisch und kann gar nicht glauben, dass sie drei Nächte in dieser Luxusvilla verbringen darf. Sie dokumentiert alles direkt voller Begeisterung auf ihrem Instagram-Account.

Statt auszugehen und die Umgebung zu erkunden, verbringt die Gruppe den Abend aber gemütlich in der Unterkunft und lässt dort die Korken knallen. Es sieht alles danach aus, als würde es ein ganz toller Urlaub werden. Zumindest bis zum nächsten Tag. Denn am Samstag, den 29. Oktober 2022, erhält der Concierge des Luxus-Ressorts zur Mittagszeit einen besorgniserregenden Anruf aus der Villa Linda. Jemand aus der Gruppe sei bewusstlos. Und man benötige sofort einen Arzt. Es handelt sich um Schenkeller. Der Concierge kümmert sich natürlich sofort. Und innerhalb einer Stunde ist eine Ärztin da. Dr. Carolina vom American Medical Center, einem privaten Krankenhaus, das in der Gegend als wichtige Anlaufstelle für Touristen gilt. Viele der Angestellten dort sprechen nämlich Englisch. Die Mitreisenden erklären der Ärztin, dass Schenkela zu viel Alkohol getrunken habe und dass man sie auf dem Boden ihres Zimmers gefunden habe, und zwar bewusstlos. Die Ärztin stellt fest, dass Schenkela offensichtlich dehydriert und desorientiert ist und nicht mehr in der Lage, verbal zu kommunizieren.

Obwohl sie den Umständen entsprechend stabil wirkt, empfiehlt die Ärztin, Chanquella in ein Krankenhaus zu bringen, um sie dort überwachen zu lassen. Doch ihre Freunde lehnen diesen Vorschlag ab. Sie wollen, dass Chanquella in der Unterkunft behandelt wird, weil ihre Reiseversicherung angeblich in Mexiko nutzlos und eine stationäre Behandlung zu teuer sei. Diese Erklärung muss sich in den Ohren der Ärztin ziemlich seltsam anhören. Wer in einem Luxusressort wie der Villa Linda Urlaub machen kann, dem sollte doch kein Geld für medizinische Versorgung fehlen, oder? Aber Dr. Carolina muss sich mit der Entscheidung der Gruppe zufrieden geben. Sie versucht ihr Bestes mit den Möglichkeiten vor Ort und legt Schenkela eine intravenöse Infusion, um sie so schnell wie möglich mit Flüssigkeit und Nährstoffen zu versorgen. Doch all das scheint nicht zu helfen, denn der 25-Jährigen geht es zunehmend schlechter.

Der Ärztin fällt außerdem auf, dass Schenkela offensichtlich einen Bluterguss am rechten Auge hat und auch die rechte Seite ihrer Stirn aussieht, als habe sie einen Schlag drauf bekommen. Ihre Freunde erklären, dass sie sich im betrunkenen Zustand den Kopf am Klo gestoßen habe. Die Ärztin gibt sich auch mit dieser Erklärung zufrieden. Dafür bringt sie aber das Krankenhausthema noch mehrfach auf und erklärt sogar, dass es Anlaufstellen gäbe, wo man Schenkela umsonst behandeln lassen könnte. Aber die Gruppe beharrt darauf, dass ihre bewusstlose Freundin im Apartment bleiben soll. Die Ärztin tut, was sie kann. Aber der Gesundheitszustand ihrer Patientin will sich einfach nicht wieder stabilisieren. Schenquellas Körper beginnt zu krampfen, ihr Puls sinkt und ihr Atem wird unregelmäßig. Das ist der Zeitpunkt, an dem die Ärztin nicht mehr groß nachfragt. Sie bestimmt, dass auf der Stelle ein Krankenwagen gerufen wird. Das geschieht gegen 16.20 Uhr, als sie schon ungefähr eine Stunde vor Ort ist. Die Rettungssanitäter treffen kurze Zeit später ein. Sie verpassen Schenquelle 14 Herzdruckmassagen, 5 Dosen Adrenalin und 6 elektrische Schocks mit dem Defibrillator. Doch ihr Körper hat den Kampf bereits aufgegeben. Ihr Herz bleibt stehen und um 17.57 Uhr wird die 25-Jährige am 29. Oktober 2022 für klinisch tot erklärt.

Die Polizei ist zu diesem Zeitpunkt auch schon vor Ort. Eine gute halbe Stunde nach Schanquellers Tod informieren die Beamten die Generalstaatsanwaltschaft über den Tod einer US-amerikanischen Touristin durch eine Alkoholvergiftung. Sie befragen anwesende Zeugen, also die Reisegruppe und die Ärztin, schreiben einen offiziellen Ermittlungsbericht und damit ist die Sache in ihren Augen erledigt. In Wahrheit jedoch wurde nicht ein einziger Alkoholtest durchgeführt. Weder von der Ärztin noch von den Polizisten. Niemand prüft, ob Schenquellers Mitreisende wirklich die Wahrheit gesagt haben und die Verstorbene wirklich so betrunken war, wie es überhaupt behauptet wurde. Und ob der Schlag ins Gesicht tatsächlich von einem Stoß gegen die Toilette stammt. In dem Polizeibericht werden weder innere noch äußere Verletzungen erwähnt. Und auch von möglicher Fremdeinwirkung ist mit keinem Wort die Rede. Trotz der offensichtlichen Prellung rund um Chanquellas Recht im Auge. Zu Hause in den USA wartet Chanquellas Mutter Salamandra voller Sorge darauf, dass endlich das Telefon klingelt und sie ein Update aus Mexiko erhält. Khalil, Chanquellas bester Freund, der hatte sie am Frühnachmittag angerufen, als die Ärztin gerade unterwegs zur Villa Linda war und berichtet, dass es ihrer Tochter nicht gut gehe, dass sie eine Alkoholvergiftung habe.

Salamandra hat das ziemlich überrascht. Es sieht ihrer Tochter nämlich gar nicht ähnlich, es mit dem Alkohol zu übertreiben. Für sie als Mutter ist die Situation der absolute Horror. Sie weiß, dass es ihrem Kind schlecht geht, aber sie ist viel zu weit weg, um mal eben hinzufahren und zu helfen. Und dann kommt kurz nach 18 Uhr der Anruf, der alles für immer verändern wird. Ein vollkommen aufgelöster Khalil ist am Telefon und berichtet, dass Shankwella an der Alkoholvergiftung gestorben ist. Salamandra kann das alles gar nicht glauben. Ihre Tochter ist doch eine supergesunde, starke junge Frau. Wie viel Alkohol muss sie denn getrunken haben, dass sie tatsächlich daran stirbt? Wie kann das sein? Das passt doch alles nicht zusammen. Ein gesunder Mensch ohne jegliche Vorerkrankungen stirbt doch nicht so schnell. Nach dem Telefonat bleibt Chanquellas Mutter mit vielen Fragen zurück und einem Schmerz, für den es einfach keine Worte gibt.

Sie muss sich nun darum kümmern, dass der Leichnam ihrer Tochter zurück in die USA gebracht wird. Denn sie will Schenquella auf jeden Fall noch ein letztes Mal sehen. Währenddessen packen die übrigen sechs der Reisetruppe ihre Koffer und machen sich auf den Weg zum Flughafen. Sie wollen Mexiko nämlich so schnell wie möglich verlassen. Der nächstbeste Flieger bringt sie zurück in die USA. Und sie nehmen auch Schenquellas Gepäck mit. Sie alle werden Schenquellas Familie in den nächsten Tagen besuchen und ihr Beileid aussprechen. Allen voran natürlich Khalil, der die Familie ja sehr gut kennt. Im Großen und Ganzen erzählen sie alle die gleiche Geschichte, nämlich dass Shenkela an einer Alkoholvergiftung gestorben sei. Allerdings variieren die Details dieser Geschichten enorm. Der eine behauptet, es sei eine der Haushälterinnen gewesen, die Shenkela bewusstlos aufgefunden hätte. Die andere sagt, es sei jemand aus der Gruppe gewesen. Mal wurde sie auf dem Boden gefunden, mal auf dem Bett, einmal sogar auf einem Stuhl. In einer Version der Geschichte hat der Concierge die Ärztin gerufen, in einer anderen ist es jemand von den Mitreisenden gewesen. Jemand berichtet, man habe alles Mögliche versucht, um Schenkela wieder nüchtern zu kriegen, zum Beispiel sie auch unter eine kalte Dusche gestellt. Aber es habe einfach nichts geholfen. Streit habe es nicht gegeben, so der generelle Tenor, wobei einige schon von einem kleinen Konflikt berichten.

Salamandra kommt das alles sehr, sehr seltsam vor. Tief in sich drin spürt sie, dass die sogenannten Freunde ihrer Tochter nicht die ganze Wahrheit sagen. Denn die Wahrheit kennt keine unterschiedlichen Versionen. Das wird besonders klar, als sechs Tage nach Schanquellas Tod am 4. November 2022 der mexikanische Autopsiebericht veröffentlicht wird. Die beglaubigte englische Übersetzung folgt einen Tag später. In dem Bericht steht schwarz auf weiß, dass als Todesursache eine schwere Rückenmarksverletzung und Atlasluxation festgestellt werden konnte, also eine Verletzung der Wirbelsäule. Eine Alkoholvergiftung wird mit keinem Wort erwähnt. In dem Bericht heißt es außerdem, dass die Zeitspanne zwischen der Zufügung der Verletzung und dem Eintritt des Todes ca. 15 Minuten betragen haben muss. Ein gewaltsamer Tod kann also nicht ausgeschlossen werden.

Das bedeutet wiederum, dass der ursprüngliche Polizeibericht vorne und hinten nicht stimmen kann. Denn in dem steht ja, dass die Ärztin Dr. Carolina sich mehrere Stunden lang am Nachmittag um Schanquella gekümmert habe, später ja sogar noch mithilfe der Rettungssanitäter. Wie passt das zusammen? Und wie kann es sein, dass weder der Ärztin noch den Polizisten oder den Rettungssanitätern aufgefallen ist, wie schwer verletzt Schanquella eigentlich war? Shankwellers Familie versucht, Antworten von den Mitreisenden zu bekommen. In erster Linie natürlich von Khalil, der ja als Shankwellers bester Freund gilt. Er muss doch wissen, was passiert ist. Warum schweigt er? Wen versucht er zu schützen? Doch Khalil vermeidet jeglichen Kontakt mit Salamandra und dem Rest der Familie. Er nimmt keine Anrufe an und weigert sich auch, die Tür zu öffnen.

Am 12. November 2022, gut eine Woche nach Veröffentlichung des Autopsieberichts, da wird Chanquellas Leichnam in die USA zurückgeführt. Sie ist zu diesem Zeitpunkt seit genau zwei Wochen tot. Ihr Körper wurde vor der Rückführung einbalsamiert und gekühlt, damit er äußerlich weitgehend unverändert bleibt. Das ist wichtig, damit Chanquellas Angehörige sie noch einmal sehen und sich verabschieden können. Ohne Kühlung würde ein Leichnam schon kurz nach Eintritt des Todes beginnen zu faulen.

Salamandra wirft einen Blick auf ihre Tochter und ist zutiefst erschrocken. Ihr Gesicht ist angeschwollen und mit Blutergüssen übersät. Ihre Lippe ist aufgesprungen und am ganzen Körper befinden sich schwere Prellungen. Jemand muss mit voller Gewalt auf Schenkfäller eingeprügelt haben. Das ist offensichtlich. Solche Verletzungen stammen nicht von einem betrunkenen Unfall auf dem Klo. Aber man kann es nun nochmal betonen. Wie zur Hölle ist es möglich, dass in dem ursprünglichen Polizeibericht mit keinem Wort erwähnt wird, wie schlimm Schanquella zugerichtet wurde? Die Blutergüsse, die Schwellung, die aufgeplätzte Lippe. Diese Verletzungen sind so offensichtlich, dass man sie unmöglich einfach übersehen kann. Man muss nicht ein Profi sein, um zu erkennen, welcher rohen Gewalt Schanquella vor ihrem Tod ausgesetzt gewesen sein muss. Und trotzdem ist im Polizeibericht weder von inneren noch von äußeren Verletzungen die Rede. Das lässt nur eine Schlussfolgerung zu. Die beiden Polizisten und auch die Ärztin müssen Schenquellas physischen Zustand bewusst verschwiegen haben.

Was ihre Gründe dafür gewesen sein könnten, das lässt sich nur mutmaßen. Und sie sind ja auch nicht die Einzigen, die gelogen haben. Auch die gesamte Reisegruppe hat sich dazu entschieden, nicht die ganze Wahrheit zu erzählen, obwohl sie doch so offensichtlich ist. Jemand muss Schenkweller ganz bewusst angegriffen haben. Ihr Tod ist kein Unfall durch zu viel Alkohol. Nein, es ist Mord. Daran besteht für ihre Familie kein Zweifel. Doch ein Mordvorwurf muss natürlich erst einmal bewiesen werden. Und genau so ein Beweis taucht drei Tage nach Rückführung des Leichnams wie aus dem Nichts im Internet auf. Denn am 15. November 2022 geht auf damals noch Twitter ein 20-Sekunden-langes Video viral, in dem zu sehen ist, wie eine nackte Frau von einer anderen, allerdings bekleideten Frau, brutal im Schlafzimmer einer Ferienwohnung zusammengeschlagen wird. Es gibt das Video mit Sicherheit noch irgendwo online zu finden, aber wir haben ehrlich gesagt nicht mal danach gesucht, denn es gibt genug Beschreibungen in niedergeschriebenen Quellen, die an sich schon schlimm genug sind.

Innerhalb von Minuten taucht das Video auf den unterschiedlichsten Social-Media-Plattformen auf. Und es ist auch schnell klar, wer darauf zu sehen ist. Die Frau, die so brutal verprügelt wird, ist Shankwella. Und die Angreiferin ist eine der Frauen aus der Reisegruppe. Und zwar Dejene, die eigentlich in diesem Urlaub ihren Geburtstag feiern wollte. Dejene schlägt Shankwella immer wieder auf den Kopf, während sie gewaltsam an ihrem Hals zieht und ihr wehrloses Opfer dann auf den Boden fallen lässt. Sie versetzt ihr Schläge und Tritte mitten ins Gesicht, bis Shankwella reglos zusammensackt. Und dann macht sie immer noch weiter. Aus dem Off sind die Stimmen zweier Männer zu hören, die das Ganze offenbar filmen. Einer von ihnen ist Khalil, Shankwellas sogenannter bester Freund. Er fordert Shankwella auf, sich zu wehren, doch die weigert sich, ebenfalls Gewalt anzuwenden. Man hört es wohl ganz deutlich in diesem Video, wie sie Nein sagt, sie will nicht kämpfen. Der Genie schreit sie an, sie solle wieder aufstehen, sie habe die Schnauze voll von ihrem Scheiß. Aber Schenkela weigert sich und es kommt der Punkt, an dem sie einfach nicht mehr kann. Nicht mehr aufstehen, nicht mehr reden, nicht mehr richtig atmen.

Und niemand kommt ihr zur Hilfe. Niemand. Obwohl allen klar sein muss, was da gerade passiert. Das Déjeuner im Begriff ist, eine wehrlose Frau zu Tode zu prügeln. Es wirkt fast, als hätte sich die gesamte Reisegruppe aus irgendeinem Grund gegen Schenkela verschworen. Aber warum? Warum tut denn niemand etwas? Wollen die alle, dass sie stirbt? Das ergibt doch keinen Sinn. Schenkela hat niemandem etwas getan. Im Gegenteil. Sie wollte einfach nur eine gute, entspannte Zeit mit den anderen in Mexiko verbringen. Demnach zu urteilen, was Sanquella von der Reise in den sozialen Medien geteilt hat, hatte sie auch tatsächlich eine super Zeit. Sie wirbt glücklich in den Videos. In einer Instagram-Story, die kurz vor dem Vorfall aufgenommen worden sein muss, da läuft sie durch das Apartment und sucht die anderen. Es scheint, als habe die Gruppe geplant, nackt baden zu gehen.

Chanquella ruft scherzhaft, warum die anderen so lange brauchen, um sich auszuziehen. Stattdessen findet sie alle anderen in Kleidung in einem der Schlafzimmer hinter verschlossener Tür. Offensichtlich sind sie dabei, irgendwas zu besprechen. Auf dem Video ist auch Dejeuner zu sehen, die an diesem Tag Geburtstag hat und anscheinend genervt von Chanquella ist. Nach der Aufnahme des Videos geht Chanquella allein baden. Sie nimmt Khalil mit, der allerdings nicht mit ins Wasser kommt, sondern sie mit seinem Handy dabei filmt, wie sie nackt im Pool schwimmt. Nach dem Bad geht sie gemeinsam mit ihm zurück ins Apartment, wo es dann wohl zu einem großen Streit mit Dejeneh kommt. So lässt sich vielleicht erklären, warum Shankwella bei der Tat nackt ist und alle anderen nicht. Sie hatte sich nach dem Pool einfach nur ein Handtuch umgeschlungen. Unklar ist allerdings, warum Dejeuner überhaupt so eine maßlose Wut auf Shankwella hat, denn die will ja einfach nur feiern und eine gute Zeit haben. Es gibt so viele Theorien. Eine besagt, Dejeuner könnte was mit Khalil am Laufen gehabt haben und eifersüchtig auf Shankwella gewesen sein, obwohl die ja nur Freunde sind. Oder Dejeuner könnte sich daran gestört haben, dass Shankwella als Außenstehende überhaupt Teil der Reisegruppe ist. Immerhin ist es ja ihr Geburtstag. Und den wollte Dejeuner vielleicht nur im engsten Kreis feiern.

Schenkela ist ja nur dabei, weil Khalil sie eingeladen hat. Nicht, weil sie Teil der Freundesgruppe ist. Vielleicht ist sie Dejeuner also deshalb ein Dorn im Auge. Vielleicht ist sie ihr zu laut, zu fröhlich, zu betrunken oder noch etwas ganz anderes. Fakt ist, man weiß es nicht. Was man weiß ist, dass alle gemeinsam nur wenige Stunden vor der Tat noch ein Trinkspiel gespielt haben. Denn auch das wurde auf Instagram dokumentiert. Und dann ist die Stimmung umgeschlagen. Und damit bestätigt sich die dunkle Vorahnung, die Salamandra schon die ganze Zeit hatte. Der Tod ihrer Tochter war kein Unfall und das Video, in dem Shanqualla zusammengeschlagen wird, ist der Beweis dafür. Doch was machen die Behörden jetzt damit? Denn offiziell haben sie Shanquallas Tod ja längst als tragischen Alkoholunfall eingestuft und deshalb auch keine Ermittlungen eingeleitet.

In den sozialen Medien fordern jetzt allerdings viele Menschen Gerechtigkeit. Hashtags wie Justice for Shankwella werden populär. Und auch immer mehr Personen des öffentlichen Lebens schließen sich diesem Ruf an. Die sozialen Medien werden zu einem wichtigen Motor für den weiteren Verlauf des Fights. Die vielen Aufrufe auf Instagram, TikTok und Co. Sorgen dafür, dass auch die großen Mainstream-Medien auf Schenkwellers Geschichte aufmerksam werden und dabei helfen, die Story an eine breite Masse heranzutragen. Man liest und hört immer mehr von den Carbo Six, wie die Reisetruppe in den Berichterstattungen genannt wird. Eine große und sehr erfolgreiche GoFundMe-Kampagne wird gestartet, um die Familie mit den Anwaltskosten zu unterstützen. Der Kampf gegen die Ungerechtigkeit beginnt. Am 19. November 2022, vier Tage nachdem das brutale Video auf Social Media viral gegangen ist, wird Chanquella in ihrer Heimatstadt beerdigt. Hunderte Menschen wohnen der Trauerfeier bei und sprechen der Familie ihr Beileid aus. Viele Angehörige tragen an diesem Tag Pink, um Shankwella zu ehren und an ihr farbenfrohes, fröhliches Leben zu erinnern. Ihr Todestag soll von nun an ein Tag sein, an dem gefeiert wird, dass Shankwella gelebt hat, dass sie mit ihrer Arbeit einen großen Unterschied im Leben vieler Kinder gemacht hat und von ihren Mitmenschen als der wundervolle, authentische und hilfsbereite Mensch geschätzt wird, der sie nun einmal gewesen ist.

Durch den zunehmenden öffentlichen Druck werden Mitte November 2022 die Ermittlungsbehörden in Mexiko aktiv. Die Straftat ist ja auf mexikanischem Boden passiert und das Territorialprinzip sieht vor, dass sämtliche Straftaten, die in einem Staatsgebiet begangen wurden, auch dort geahndet werden. Sie stufen Schenquellers Tod als Femizid ein, also eine Form geschlechtsspezifischer Gewalt. Deutschlandfunk Kultur schreibt dazu, Viele Menschen verstehen Femizid als ein Tötungsdelikt, das begangen wurde, weil jemand Frauen grundsätzlich hasst. Das ist allerdings nicht, was der Begriff Femizid meint, sondern es geht darum, aufzuzeigen, dass auch Taten, die auf den ersten Blick wie etwas Privates erscheinen mögen, eine gesellschaftliche Dimension haben.

Der Fall von Schenkeller ist deshalb so außergewöhnlich, weil auf dem Video als Aggressor kein Mann, sondern eine Frau zu sehen ist, die wie Schenkeller ebenfalls schwarz ist. Dass eine Frau zur Täterin wird, widerspricht dem gängigen Narrativ geschlechtsspezifischer Gewalt und legt gleichzeitig offen, wie tief patriarchale Strukturen in unserem Denken und in unserer Gesellschaft verankert sind. Schenkellers Tod zeigt aber auch noch ein anderes, großes Problem auf. Die Gewalt, die Frauen und insbesondere schwarze Frauen innerhalb wie außerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft erfahren. Laut einer Studie aus dem Jahr 2022, die in der medizinischen Fachzeitschrift The Langsett veröffentlicht wurde, werden schwarze Frauen sechsmal häufiger Opfer eines Mordes als weiße Gleichaltriger. In Zahlen bedeutet das, von den über 270.000 Mädchen und Frauen, die 2022 als vermisst gemeldet wurden, sind über 36% schwarz, obwohl schwarze Frauen und Mädchen zu diesem Zeitpunkt nur 14% der weiblichen US-Bevölkerung ausmachen.

Und genau deshalb schlägt der Fall auch eine so große Welle auf Social Media. Ihre Familie und Freunde, aber auch viele Menschen, die Schenkeller nicht einmal kannten, setzen sich dafür ein, dass der Fall nicht einfach in Vergessenheit gerät, dass für Gerechtigkeit gesorgt wird. Schenkeller wird damit also zu einer Art Symbol. Es geht längst nicht mehr nur um Gerechtigkeit für sie selbst, sondern um Gerechtigkeit und Gleichberechtigung für alle schwarzen Menschen. Dieser Kontext ist wichtig, um zu verstehen, wie sich der Fall jetzt weiterentwickeln wird. Also, Mexiko nimmt kurz nach der Veröffentlichung des Videos Ermittlungen auf. Die Polizei kehrt an den Tatort zurück, um dort nach Hinweisen zu suchen, die mehr Klarheit in das Wie und das Warum bringen sollen. Und nicht nur das. Auch gegen die Ärztin wird ermittelt, die laut dem Polizeibericht Chanquella über mehrere Stunden betreut hat, obwohl in dem Autopsiebericht steht, dass sie innerhalb von 15 Minuten gestorben sein muss. In diesem Zuge nehmen die Behörden auch direkt Ermittlungen gegen die beiden Polizisten auf, die diesen dubiosen Bericht mit der Alkoholvergiftung überhaupt erst angefertigt haben.

Dabei hat die mexikanische Staatsanwaltschaft gerade auch noch mit anderen Ermittlungen zu tun. Denn Schenquella ist nicht die einzige US-amerikanische Touristin, die zu dem Zeitpunkt in Mexiko ums Leben gekommen ist. Vier Tage vor ihrem Tod ist einige hundert Kilometer nördlich von San Jose del Cabo ein 73-jähriger Rentner entführt und ermordet worden. Er hat mit seinem Hund in Mexiko Urlaub gemacht, wollte wandern, zelten und die Natur genießen. Aber das ist eine andere Geschichte und soll, um es mit den Worten von Michael Ende zu sagen, ein andermal erzählt werden. Wir wollen jetzt nämlich darüber sprechen, wie es mit den mexikanischen Ermittlungen weitergeht. Die Strafverfolgungsbehörden erlassen nämlich ungefähr eine Woche nach Aufnahme der Ermittlungen einen Haftbefehl gegen Dejeuner. Der Grund ist das Video, auf dem zu sehen ist, wie sie Chanquella brutal zusammenschlägt. Dejeunés Name wird zwar nicht öffentlich genannt, aber all unsere Quellen sind sich einig, dass sie gemeint ist. Die Behörden stellen einen Antrag, Dejeuné auszuliefern, damit sie in Mexiko vor Gericht gestellt werden kann.

Da sie sich ja wieder in den USA befindet, kann die mexikanische Polizei sie nicht einfach so festnehmen. Das Ding ist nur, dass die USA ihre Staatsbürgerinnen und Bürger in solchen Fällen zwar ausliefern könnten, es gesetzlich aber nicht müssen. Häufig spielen da auch politische Überlegungen und Strategien mit. Wenn Mexiko beispielsweise in der Vergangenheit mal die Auslieferung von Personen an die USA verweigert hat, dann kann es sein, dass die jetzt eh nicht reagieren. Fest steht auf jeden Fall, ohne die Sache selbst zu prüfen, wird die USA Dejeuner nicht nach Mexiko ausliefern. Bedeutet also, die US-amerikanischen Strafverfolgungsbehörden sind jetzt am Zug.

Und da sowohl Täterinnen als auch Opfer aus den USA stammen, kann das FBI nicht einfach nichts machen und nimmt Mitte November 2022 ebenfalls Ermittlungen auf. Das heißt, die USA und Mexiko ermitteln quasi gleichzeitig. Zwar teilt Mexiko alle bisherigen Ergebnisse mit den USA, aber trotzdem laufen die US-amerikanischen und die mexikanischen Ermittlungen komplett getrennt voneinander ab. Jeder rührt quasi in seiner eigenen Suppe. Das FBI prüft nun unter anderem das Video, untersucht den Tatort, analysiert die Daten auf Schenquellas Handy, befragt alle Mitreisenden und führt kurz vor ihrer Beerdigung sogar eine eigene Obduktion durch. Der Leichnam wurde ja einbalsamiert, das heißt, er wurde chemisch konserviert, um die Zersetzung zu verlangsamen.

Bei einer Einbeisamierung hat man irgendwie schnell das Bild vor Augen, dass der Leichnam eingecremt oder festlich mit ätherischen Ölen und Kräutern behandelt wird. Aber so ist das gar nicht. Einbeisamierung bedeutet ganz nüchtern betrachtet, dass alle Körperflüssigkeiten abgelassen werden. Zum Beispiel wird das Blut aus den Adern gelassen und mit einer speziellen Flüssigkeit ersetzt, um den Körper so für eine kurze Zeit zu konservieren. Aber zurück zur Autopsie der USA. Denn dabei wird festgestellt, dass Schanquella zwar Schwellungen im Gehirn, aber keine Rückenmarksverletzung hat. Die Behörden kommen zu dem Schluss, dass das Video nicht als Beweis für die Straftat ausreiche und es generell an weiteren Beweisen mangele. Ein gutes halbes Jahr nach Aufnahme der Ermittlungen, am 12. April 2023, verkündet das FBI offiziell, dass man in den USA keine Anklage im Zusammenhang mit Chancuellas Tod erheben werde. Und das, obwohl Chancuellas Familie so sehr dafür gekämpft hat. Was für eine bittere Enttäuschung. Dabei haben sie wirklich alles versucht. Sie hatten die Rückendeckung einer großen Breite der Öffentlichkeit und haben sogar auch einen Brief an den damaligen Präsidenten Joe Biden und seinen Außenminister Antony Blinken geschrieben, mit der Bitte um Hilfe.

Doch wie es scheint, wird niemand der Cabo-6 in den USA strafrechtlich verfolgt. Und Desjene wird auch nicht nach Mexiko ausgeliefert. Das ist der Stand im Frühjahr 2023.

Doch Schenquellas Familie gibt den Kampf nicht auf. Ja, der Entschluss des FBI war ein herber Rückschlag, aber sie werden sich davon nicht entmutigen lassen. Schenquella verdient Gerechtigkeit, sofern das jetzt noch irgendwie möglich ist.

Ähnlich sehen das auch viele Menschen, die den Fall über die sozialen Medien verfolgt haben. Niemand kann so richtig verstehen, warum das brutale Video, in dem Dejeuner Shankwella zusammenschlägt, nicht als Mordbeweis ausreichen soll. Also nehmen einige die Sache einfach selbst in die Hand. Hunderte User durchsuchen die Profile der Carbosix, um nach Hinweisen zu suchen, die vielleicht ja bisher übersehen wurden. Jeder Post wird analysiert, jedes Video Bild für Bild besprochen, jedes Foto kommentiert. Nicht wenige schreiben Dejene und ihre Freunde auch persönlich an und verlangen Erklärungen. Das führt allerdings nicht dazu, dass die Öffentlichkeit tatsächlich die ersehnten Antworten bekommt, sondern dass einige der Cabo6 ihre kompletten Profile auf Instagram, TikTok und Co. löschen. Sie reagieren auch nicht mehr auf Sprachnachrichten oder Mails und antworten auch nicht auf Anfragen größerer Medienhäuser. Aber Schanquellas sogenannte Freunde werden sich nicht aus der Verantwortung ziehen. Nicht, wenn es nach ihrer Mutter geht.

Mit der Hilfe ihrer Anwälte reicht Salamandra im Oktober 2024, also genau zwei Jahre nach dem Tod ihrer Tochter, eine Zivilklage wegen unrechtmäßigen Todes gegen alle sechs Mitreisenden ein und verlangt eine Schadensersatzzahlung von 100 Millionen Dollar. Sie wirft ihnen unter anderem Körperverletzung, unterlassene Hilfeleistung und Verschwörung vor. Aber in der Klage geht es nicht nur um die Cabo 6, sondern auch um das FBI und das US-amerikanische Außenministerium. Ihnen wird vorgeworfen, zu spät, unzureichend und fahrlässig ermittelt und wichtige Unterlagen zurückbehalten zu haben.

Salamandra geht es bei der Klage nicht nur um das Geld, sondern in erster Linie auch darum, dass der ungeklärte Fall nicht in Vergessenheit gerät. Sie will internationalen Druck aufbauen und daran erinnern, dass das Auslieferungsverfahren von Dejeuner nach Mexiko immer noch aussteht. Und sie will, dass sich die US-amerikanischen Behörden nicht einfach mal ebenso aus der Verantwortung ziehen können. Im März 2025, also ein knappes halbes Jahr später, veröffentlicht das FBI 100 Seiten aus den Ermittlungsunterlagen, in denen Einblicke in die Untersuchung gegeben werden. Viele Namen und Stellen sind geschwärzt, aber es wird deutlich, dass es wohl einige Kommunikationsprobleme mit den mexikanischen Behörden gegeben habe. Ein bisschen wirken die Unterlagen aber auch wie eine Geste, mit der das FBI zeigen will, dass sie sehr wohl gründlich ermittelt haben. Es ist ein Versuch, Transparenz zu erzeugen, der durch die ganzen Schwärzungen in den Dokumenten aber nicht ganz gelingen will.

Die Unterlagen liefern zwar keine großen neuen Erkenntnisse, beweisen dafür aber vor allem eines. Und zwar, wie kompliziert internationale Strafverfolgung sein kann. Von den Cabo-6 scheint auf jeden Fall niemand bereit, irgendeine Art von Schuld für Shankwellers Tod einzugestehen. Auch nicht Dajene, die Shankwella ja auf dem Video für alle ersichtlich zusammengeschlagen hat. Und Khalil, der ehemalige beste Freund, der das alles gefilmt hat, ohne einzuschreiten.

Nun liegt es an der Justiz zu entscheiden, wer von den Akteuren zur Verantwortung gezogen wird. Auch die Behörden weisen die Anschuldigung zurück und beantragen, dass die Klage gegen sie fallen gelassen wird. Ihr Hauptargument? Der ganze Prozess gehöre gar nicht in die USA, sondern nach Mexiko. So eine große Klage zieht sich natürlich hin und so vergehen wieder einige Monate, bis ein Bundesrichter am 13. Juni 2025 endlich eine Entscheidung verkündet. Er weist die Klage gegen das Außenministerium und das FBI zurück. Und zwar unter anderem deshalb, weil niemand dem FBI vorschreiben darf, wie es zu ermitteln hat. Auch nicht ein Gericht. Die Unabhängigkeit polizeilicher Ermittlungen muss bewahrt bleiben. Wenn das FBI also entscheidet, einem Hinweis nicht nachzugehen, kann es dafür nicht verklagt werden. Der Richter spricht abgesehen davon auch noch von Verfahrensfehlern, die von Seite der Anklage gemacht wurden und durch die die Klage unzulässig würde.

Er trifft in diesem Beschluss allerdings noch keine Entscheidung darüber, wie es mit der Klage gegen die Cabo 6 aussieht. Das wird er in einem separaten Beschluss tun, und der steht noch aus. Das heißt, zu dem Zeitpunkt, an dem wir die Folge jetzt veröffentlichen, ist der Fall noch ungeklärt. Und das wiederum bedeutet, dass auch wir geduldig abwarten müssen, wie das Gericht sich entscheiden wird. Genauso wie all jene, die von Chanquellas Tod direkt betroffen sind, ihre Familie und Freunde, also ihre wahren Freunde. Es kann also sein, dass die Klage gegen die Cabo 6 in den nächsten Monaten oder Jahren fallen gelassen wird und Dejene, Khalil und die anderen ungestraft aus der Sache rauskommen. Es kann aber auch sein, dass sie zur Verantwortung gezogen werden und eine Entschädigung zahlen müssen. Auch das Thema mit der Auslieferung ist noch nicht durch. Dejene, die übrigens mittlerweile ihren Namen geändert hat, kann noch immer von den USA ausgeliefert und in Mexiko wegen des Femizidvorwurfs vor Gericht gestellt werden. Es bleibt also weiterhin spannend. Und wer weiß, vielleicht tauchen ja doch noch neue Beweise auf oder neue Zeugen melden sich. Es hat in solchen Fällen ja schon die verrücktesten Wendungen und Twists gegeben. Und wir werden die weiteren Entwicklungen auf jeden Fall im Blick behalten.

Ich muss sagen, bei dem Fall ist mein Kopf wirklich komplett leer. Weil ich bin einfach nur enttäuscht. Ich checke so viel an diesem Fall nicht, dass auch der beste Freund Schenkweller so gesehen verraten hat einfach, mir will das wirklich nicht in den Kopf kommen. Ich versuche eigentlich immer, an das Gute im Menschen zu glauben. Deswegen, ehrlich gesagt, in meinem Kopf herrscht einfach nur Chaos gerade. Ich weiß nicht, ob wir da ein bisschen Ordnung jetzt reinbringen können. Was sind deine Takes zu diesem Fall? Ja, also weil du den besten, sogenannten besten Freund gerade angesprochen hast. Was hat der für eine dubiose Rolle in dieser Geschichte? Auch wenn er nicht der beste Freund wäre, sondern nur ein Freund oder ein Bekannter, ist ja ganz egal. Was ist das für ein Verhalten generell von dieser Gruppe? Was ist da passiert? Also wir haben hier eine junge Frau, die einfach nur eine gute Zeit haben wollte in Mexiko in einer Gruppe von anderen jungen Leuten und am Ende wird sie tot in die USA überführt. Also es ist glaube ich auch wieder so eine Folge, ein Fall, bei dem uns ein bisschen die Worte fehlen.

Ich weiß nicht, ob das vielleicht auch nochmal eine Rolle spielt, dass der Fall noch gar nicht allzu lange her ist, dass der relativ aktuell ist oder ja auch teilweise eben noch läuft. Das macht es irgendwie nochmal ein bisschen nahbarer, habe ich das Gefühl, als wenn das hier vor 100 Jahren passiert wäre, was dann natürlich genauso schlimm ist, versteht mich nicht falsch. Aber ja, sich auch die Fotos der Personen anzuschauen, die hier in diesem Fall eine Rolle spielen, das ist einfach nur unfassbar traurig. Und auch die Rolle der Ärztin müssen wir jetzt an der Stelle mal besprechen. Was ist denn da passiert eigentlich? Meinst du, dass sie bestochen wurde?

Okay, das ist sehr eindeutig. Ganz klare Antwort. Also anders kann ich mir das einfach nicht erklären. Also da haben wir ja auch unterschiedliche Aussagen, die eine Rolle gespielt haben. Und warum hat sie nicht alles dafür getan, dass Shankwella in ein Krankenhaus gebracht wird? Weil dieses Argument mit ihrer Reiseversicherung greift nicht und die Behandlung wäre dann zu teuer. Ey, die waren alle in einem fetten Luxus-Apartment. Also Geld kann ja hier jetzt nicht das Thema gewesen sein, oder? Ja, ja. Und dann kommen ja auch noch die Polizisten dazu, die dann ja auch noch falsche Aussagen irgendwie festschreiben. Also ich bin auch wirklich gespannt, weil die Urteile für die Carbo Six entsprechend ja auch noch ausstehen, ob sich da wirklich dann noch was tut, ob da Urteile gefällt werden, dass sie halt eine riesige Schadenssumme irgendwie wenigstens zahlen müssen. Viel mehr bleibt der Familie ja leider dann auch nicht. Was glaubst du... Warum hat die Gruppe oder eine Person in der Gruppe das getan? Ganz oft sind so schlimme Sachen wie Mord basieren eigentlich wirklich auf Banalitäten. Wir haben es ja hier schon angesprochen, sowas von wegen, dass Dajane davon genervt war, dass da jetzt jemand Neues irgendwie reinkommt in die Gruppe bei einem Geburtstag, den sie aber eigentlich im engsten Kreise feiern wollte. Leute, das kann ich mir schon sehr gut vorstellen. Es gibt Morde, die nur deswegen stattfinden, weil jemand anderem irgendwie zwei Euro schuldet.

Das alles kann ich irgendwo, das habe ich schon mal irgendwo gesehen. Aber dieser Punkt von wegen, dass Karl Lill nicht eingeschritten ist, das ist eben genau das, was mich so komplett leer zurücklässt innerlich. Und ich mir wirklich nicht erklären kann, warum er sich halt dafür entschieden hat, nichts zu machen. Ich weiß nicht, ob du da vielleicht einen Punkt hast, der das halbwegs erklären kann.

Das sollen ja eigentlich beste Freunde gewesen sein. Es gibt ja manchmal einfach bestimmte Gruppendynamiken, innerhalb derer du zwar deine eigene Meinung hast, dich aber nicht traust, diese laut zu äußern, wenn der Tenor der Gruppe eigentlich ein anderer ist. Also vielleicht haben wir es ja hier auch mit so einer Gruppendynamik zu tun, dass Khalil, also das entschuldigt es gar nicht, bitte versteht mich nicht falsch, aber vielleicht war das einfach so eine starke Dynamik, die einfach gesagt alle gegen Shang-Quala Und er hat sich dann nicht so getraut, aus dieser Dynamik auszusteigen und zu sagen, ey, was macht ihr eigentlich hier, seid ihr komplett bescheuert? Das macht irgendwie alles noch trauriger, dass er halt eigentlich ja so eng mit ihr und der Familie verknüpft war und ja auch mit ihrer Mutter gesprochen hat.

Und im Vorfeld muss es ja auch schon irgendwie eine komische Stimmung in der Gruppe gegeben haben. Denn wir haben ja darüber geredet, dass sie angeblich alle nackt schwimmen gehen wollten, was Shankwella ja getan hat. Und die anderen waren alle noch angezogen hinter verschlossener Tür. Also das zeigt ja auch schon irgendwie, dass diese Gruppe nicht ganz stimmig war. Und dass da irgendwie Shankwella so ein bisschen ausgegrenzt wurde, hatte ich das Gefühl. Also vielleicht hat sich die Gruppe dann ja so krass gegeneinander aufgespielt, dass das letztendlich zum brutalen Tod von Shankwella geführt hat. Und ja, wer weiß, vielleicht haben da Alkohol und andere Drogen auch noch eine Rolle gespielt, die das Ganze irgendwie weiter aufgeputscht haben. I don't know. Ja, das ist ein guter Punkt. Vielleicht hat Khalil auch irgendwie gedacht, dass er der Nächste denn ist, wenn er sich irgendwie dagegen stellt, was, wie du schon auch gerade gesagt hast, nichts entschuldigt. Ich kann mir auch irgendwie nicht vorstellen, dass während Schenkela da noch baden gegangen ist, die anderen davor wirklich darüber gesprochen haben.

Ja, lass sie jetzt umbringen. Ich kann mir das irgendwie nur so vorstellen, dass das wirklich komplett eskaliert ist und auf Basis dieses Gruppendrucks sich niemand getraut hat, einfach dann irgendwie da so einzuschreiten. Aber also ich weiß auf jeden Fall, dass mich der Fall noch wirklich lange beschäftigen wird, nachdem wir den besprochen haben. Und ich bin mir sicher, dass es euch da draußen ähnlich geht. Übrigens, dadurch, dass es ja auch ein sehr aktueller Fall ist, interessiert uns ja natürlich auch. Wir haben es ja auch schon gesagt in der Folge. Wir besprechen ja eigentlich eher Fälle, die ein bisschen älter sind. Wie fandet ihr das, dass wir heute mal über einen Fall gesprochen haben, der mit 2022 schon auch aktueller ist, teilweise ja auch sogar noch läuft. Das Urteil zu den Carbo 6 steht ja noch aus. Wie fandet ihr das? Das würde uns sehr interessieren. Ich bin mir gerade nicht sicher. Wollen wir da eine Umfrage auch auf Instagram irgendwie machen? Weil es würde ja auch ein bisschen spoilern, wenn wir eine Umfrage auf Spotify machen, zu aktuellen Fällen unten, oder? Ja, wir können das ja auf Instagram machen. Ist doch eine gute Idee.

Okay, dann können wir vielleicht so ein paar Tage, nachdem die Folge rausgekommen ist, dazu eine Story posten. Da heißen wir Schwarze Akte. Ihr wisst es alle, ich sage es trotzdem gerne nochmal zur Wiederholung, weil es gibt ja auch doch immer wieder neue Leute, die dazukommen. Besonders jetzt ja auch in der kalten Jahreszeit, da kommen immer mehr Leute dazu, was uns natürlich auch sehr, sehr freut. Übrigens, Stichwort Instagram, da teilen wir seit ein paar Monaten jeden Freitag auch so ein paar Einblicke aus unserer vergangenen Woche. Also wenn ihr uns beide ein bisschen besser kennenlernen wollt, denn wir halten ja hier im Podcast private Infos eher zurück, weil es hier eben um die echten Geschichten echter Menschen geht. Da nehmen Patrick und ich mich etwas zurück, weil es halt nicht um uns geht. Aber wenn ihr uns ein bisschen besser kennenlernen wollt, dann seht ihr das vor allem jeden Freitag bei uns auf Instagram. Absolut richtig. Und jeden Dienstag gibt es eine neue Folge. Deswegen würde ich sagen, schließen wir die Akte für heute. Wir freuen uns sehr, wenn ihr kommende Woche Dienstag wieder einschaltet, überall, wo es Podcasts gibt.

Wir sind eure Hosts. Anne Luckmann. Und Patrick Strohbusch. Redaktion Silva Hanekamp und wir Schnitt Anne Luckmann Intro und Trainer gesprochen von Pia Rohnersachse Producer Falko Schulte, Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios Musik.