Diese Episode enthält explizite Details über einen wahren Kriminalfall. Weitere Infos in der Folgenbeschreibung.
Wenn er durch die Gänge des Gefängnisses geführt wird, dann geht keiner dicht neben ihm. Sechs Aufseher begleiten den Mann, doppelt so viele wie üblich. Zwei vorne, zwei hinten und zwei an den Seiten. Seine Hände sind gefesselt, zusätzlich noch eine Kette um den Bauch und die Beine in schweren Eisen. Die Geräusche seiner Schritte hallen von den Betonwänden nieder. Der Mann in der Mitte ist fast zwei Meter groß und über 120 Kilo schwer. Eine Erscheinung, die alles in seiner Umgebung kleiner wirken lässt. Seine Haut ist übersät mit Tätowierungen, Runen, Schädel und Symbole, die aus der Ferne wie dunkle Schatten über seinen Körper laufen. Unter den Aufsehern herrscht angespannte Stille, denn niemand möchte derjenige sein, der ihm zu nahe kommt. Sie wissen alle nur zu gut, warum. Das letzte Mal, als er mit einem anderen Insassen in einem Raum war, hat der Insasse es nicht überlebt. Seitdem ist dieser Mann hier allein, immer ohne Ausnahme. Die Tür fällt ins Schloss, ein metallisches, dumpfes Geräusch, das durch die Wände dringt. Danach ist es still. So klingt der Alltag in Einzelhaft. Kein Gespräch, kein Schritt auf dem Flur, nur das eigene Atmen. In dieser Zelle, kaum größer als ein Abstellraum, verbringt er fast jeden Tag.
Draußen zieht ein Gewitter über der Stadt auf. Der Wind drückt Regen gegen die schmalen Fenster des Gefängnisses.
Drinnen sitzt der Mann, allein, den Blick auf die Wand gerichtet. Seit Wochen spricht er. Mit Wärtern, mit Psychologen, mit Ermittlern. Immer wieder erzählt er von Morden, von Orten, von Menschen, deren Namen niemand kennt. Doch niemand weiß, ob das, was er sagt, auch die Wahrheit ist oder das Fantasieprodukt eines Mannes, der in der Dunkelheit längst den Bezug zur Realität verloren hat. Fest steht, er ist einer der gefährlichsten Männer, die Colorado je inhaftiert hat. Und einer, der im Gefängnis mehr Macht besitzt als viele Wärter da draußen. Musik.
Und damit ganz herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte mit Patrick Strohbusch und mit Anne Luckmann. Hello! In dieser Folge befinden wir uns im Bundesstaat Colorado in den USA, Anfang der 1990er Jahre. Colorado ist einer der Staaten, in dem die Gefängnisse zu der Zeit aus allen Nähten platzen. Werbung. Werbung Ende. Die Kriminalitätsraten sind hoch und das Vertrauen in die Justiz gering. In vielen Einrichtungen herrscht Überbelegung und Gewalt gehört zum Alltag, drinnen wie draußen. Es ist eine Zeit vor dem Internet und vor DNA-Datenbanken, die Verbrechen miteinander verbinden könnten.
Informationen werden nur langsam weitergegeben, per Fax zum Beispiel, per Post oder manchmal auch gar nicht. Was in einem Bundesstaat passiert, das bleibt manchmal auch nur dort. Auch das Gefängnis in Colorado ist ein Produkt dieser Zeit. Eine Welt aus Beton und Stahl, gebaut, um Menschen voneinander zu trennen. Und doch voll von Geschichten, die sich unbemerkt hinter den Gittern abspielen. Hier beginnt die Geschichte eines Mannes, der in diesen Mauern zu einer Art Mythos wird. Ein Mann, der behauptet, viele Menschen getötet zu haben. Und bei dem niemand weiß, ob er ein Serienmörder ist oder doch nur ein Lügner, der in seiner Isolation den Verstand verloren hat. Der Mann in dieser Zelle heißt Marvin. Jahrzehntelang wird er die Akten nur so füllen, als Gewalttäter, Vergewaltiger und mutmaßlicher Mörder. Seine Geschichte beginnt aber lange, bevor er in das Hochsicherheitsgefängnis in Colorado kommt. Marvin wächst in den 1950er und 60er Jahren im ländlichen Kentucky, im Caldwell County, auf. Das ist eine kleine Farmgegend im Westen des Staates. Er wird in einer Familie groß, in der Arbeit, Gehorsam und religiöse Disziplin über allem stehen. So beschreibt es Autor Ryan Green, der für sein Buch in der Kindheit von Marvin recherchiert hat.
Marvins Vater ist streng und arbeitet lange Tage auf den Feldern. Seine insgesamt zehn Kinder müssen mitschuften. Schon früh lernt Marvin, dass Fehler Konsequenzen haben. Wer widerspricht, der wird bestraft.
Die Strafen sind hart und grausam. Wenn der Junge sich widersetzt, sperrt ihn der Vater in eine leere Kiste, wie in einem alten Reisekoffer am Fußende des Elternbetts. Stundenlang bleibt Marvin dann darin eingeschlossen. Im Dunkeln, ohne sich bewegen zu können und ohne frischen Sauerstoff. Als er drei Jahre alt ist, entwickelt Marvin eine ausgeprägte Klaustrophobie. Die Angstattacken kommen dann ganz plötzlich. Der Arzt verschreibt ihm deswegen Medikamente, Tabletten gegen die Panik. Sie enthalten allerdings Amphetamine, ein Mittel, was die Angstattacken noch mehr verstärken kann. Der Junge nimmt sie sieben Jahre lang. Sie helfen aber leider nicht, sie machen ihn stattdessen nur noch unruhiger. In der Schule ist Marvin erst ein stiller Junge, pflichtbewusst und diszipliniert. Er erledigt seine Aufgaben, weil er es eben gewohnt ist, zu gehorchen. Aber eigentlich hat er darauf gar keinen Bock, ihm fehlt das Interesse. Er weiß, dass ihn kein Abschluss aus den Feldern herausholen wird. Und doch fallen seine Noten besser aus als die vieler anderer. Wahrscheinlich, weil Marvin gelernt hat, durchzuhalten und nicht, weil er lernen will. Marvins Leben hat schon in jungen Jahren einen festen Rhythmus. Schule, Feldarbeit, Gebet, Strafen.
1965, als Marvin elf Jahre alt ist, bricht dieser Rhythmus plötzlich weg. Denn sein Vater stirbt an einem Herzinfarkt. Mit einem Schlag gibt es die Autorität nicht mehr, die das Haus zusammengehalten hat. Seine Angstattacken hören zwar auf, aber auch die Disziplin verschwindet.
Marvins Mutter versucht den Alltag irgendwie aufrechtzuerhalten, aber das Geld reicht vorne und hinten nicht. Einige der älteren Geschwister brechen die Schule ab, um zu arbeiten und so die Familie zu unterstützen. Marvin beginnt jedoch, sich von allem zu lösen. Seine Noten werden schlechter und sein Verhalten aggressiver. Er widerspricht plötzlich Lehrern und gerät in Streit mit Mitschülern. Und er fängt an, sich mit älteren Jugendlichen herumzutreiben. Aus Mitleid lassen ihm die Erwachsenen vieles durchgehen. Immerhin hat er seinen Vater verloren. Doch der Spielraum, den sie ihm geben, der wird zu einer Freiheit, die er schamlos ausnutzt. Es beginnt erst mit kleinen Diebstählen. Essen, das er aus Läden stiehlt, weil er hungrig ist. Bald lernt er von einem älteren Cousin, wie man sich in Spielhallen Zutritt verschafft und Häuser ausräumt. Marvin ist der kleinere, der wendiger ist. Er klettert durch Fenster, während sein Cousin draußen Wache hält. Mit zwölf ist Marvin einer, der in der Stadt für ordentlich Probleme sorgt und gleichzeitig der, der das meiste Geld nach Hause bringt. Von seinen Beutezügen kauft er Essen für die Familie. Niemand will genau wissen, wo das herkommt. Ein Jahr nach dem Tod des Vaters wird Marvin zum ersten Mal festgenommen, wegen Einbruch und Diebstahl.
Ironischerweise wird er in demselben Gerichtsgebäude, in dem er später noch viele Male stehen wird, verurteilt. Der Richter schickt ihn in eine Jugendstrafanstalt. Marvin muss zwei Jahre in Haft. Die Einrichtung ist hart, fast wie ein Gefängnis für Erwachsene. Die Jungen dort sind älter, stärker und brutaler. Es gibt eine feste Rangordnung und Gewalt ist der Preis fürs Überleben. Für Marvin wird das zu einer Lektion, die er nie wieder vergisst und nie wieder hinterfragt. Wer schwächer ist, wird geschlagen, missbraucht und gedemütigt. Marvin ist zwölf und die Zeit im Gefängnis zeigt ihm, dass Macht nicht von Moral kommt, sondern davon, wer bereit ist, sie einzusetzen. Zwei Jahre später wird er dann entlassen. Aber es gibt keine Willkommenszeremonie vor der Einrichtung. Niemand holt ihn ab. Keiner wartet da draußen auf ihn. Er steigt einfach alleine in den Bus und fährt zurück nach Hause, nach Kentucky. Doch dort ist nichts mehr so, wie es einmal war. In zwei Jahren hat sich hier viel verändert. Die Geschwister sind fort und die Mutter ist überfordert und Marvin, der ist auch nicht mehr der Junge, der er mal war. Zurück in der Schule trägt er immer ein Messer bei sich, spricht kaum und provoziert die Lehrer. Bei einem Streit mit dem Direktor zieht Marvin plötzlich eine Klinge und droht ihm zuzustechen. Dann wird er endgültig von der Schule verwiesen.
Ab da ist längst klar, Marvin wird nie wieder ein Klassenzimmer betreten. Von diesem Moment an lebt er außerhalb jeglicher Ordnung. Er zieht von Verwandten zu Bekannten und bleibt nie lange an einem Ort. Wenn jemand versucht, ihn zu kontrollieren, schlägt er zurück. Verbal oder sogar körperlich. Er stiehlt weiterhin, er dealt und schlägt sich irgendwie durchs Leben. Jedoch immer härter und immer kälter.
1970, mit 17 Jahren, bricht er in die Garage eines Nachbarn ein. Er ist auf der Suche nach etwas, das er verkaufen kann. Und er findet dabei eine geladene Pistole und steckt die ein. Nur drei Tage später ist die ganze Kleinstadt in großer Aufruhr, denn es kommt zu mehreren Raubüberfällen, die alle mit derselben Waffe durchgezogen werden. Die Polizei braucht nur ein paar Stunden, um Marvin zu finden. Seine Vorstrafen, die Menge der Taten und seine Brutalität, das alles zusammen reicht für ein hartes Urteil. Es werden ihm Raub, Einbruch, Waffenbesitz und versuchter Mord vorgeworfen. Marvin wird zu fünf Jahren Haft verurteilt. im härtesten Gefängnis, das Kentucky zu bieten hat. Dem Kentucky State Penitentiary, auch genannt The Castle.
The Castle ist ein Name, der aber kaum irreführender sein könnte. Wir haben es hier nämlich nicht mit einem Schloss oder irgendwas Ähnlichem zu tun. Diese Mauern hier, die sind alt, kalt und in den Zellen herrscht ein anderes Gesetz. Das des Stärkeren. Wer schwach ist, der wird zum Ziel. Wer sich nicht unterordnet, der wird nicht lange überleben. Für Marvin, mit 15 Jahren der Jüngste im Gebäude, ist es ein Rückfall in eine Welt, die er schon kennt. Nur noch grausamer. Hier ist niemand neugierig auf seine persönliche Geschichte. Hier zählt allein, wer zuschlägt, bevor er selbst getroffen wird. Und so beobachtet er genau, wie eigentlich die Macht verteilt ist. Nach Körperkraft, nach Angst und nach Loyalität.
Schon kurz nach seiner Ankunft in The Castle spricht sich herum, dass der Neue hier kein gewöhnlicher Junge ist. Seine dicke Akte und sein Verhalten machen ihn für jene interessant, die innerhalb der Mauern bestimmen, wer lebt und wer fallen soll. Die Aryan Brotherhood, das ist eine Neonazi-Gefängnisgang, die bietet ihm Schutz im Tausch gegen Gehorsam. Für Marvin ist das keine schwierige Entscheidung. Die Gruppe gibt ihm, was ihm immer gefehlt hat, nämlich Zugehörigkeit, klare Regeln und die Illusion von Kontrolle. Ihre Ideologie des Hasses trifft bei ihm auf offene Ohren. Er hasst nämlich ohnehin alles, was ihn an Schwäche erinnert.
Innerhalb weniger Monate ist Marvin also einer von ihnen. Auch seine Haut wird zur Projektionsfläche dieser neuen Identität. Marvin bekommt nämlich Tätowierungen, Runen, Schädel, Symbole, die Macht und Tod zugleich zeigen. Die Tattoos werden zu sowas wie seinem Panzer. Er beginnt zu trainieren. Er hebt erst nur Gewichte, doch dann scheint es, als lebe er nur noch dafür. Stundenlang trainiert Marvin im Hof, im Zellenblock und mit allem, was sich heben lässt, bis Muskeln und Schmerz eins werden. Bodybuilding wird zu seiner Sprache und Powerlifting zu seiner Religion. Was erst mit Disziplin beginnt, wird schnell zur richtigen Obsession. Er testet seine Grenzen aus, er sprengt sie und wächst zu einer körperlichen Erscheinung, die selbst unter Strafgefangenen Furcht auslöst. Innerhalb weniger Jahre bringt er über 130 Kilo reine Muskelmasse auf die Waage. Die Wärter finden keine Handscheinen mehr, die ihm passen. Sie müssen ihm Ketten um die Handgelenke legen, die eigentlich für die Beine gedacht sind.
Marvins Name wird zu einem Begriff in diesem System. Die Wachen kennen und die Häftlinge meiden ihn. Seine Stärke verschafft ihm etwas, das er als Kind nie hatte, nämlich Macht. Und mit ihr kommt die Kontrolle. Wer ihm widerspricht, der wird bestraft. Wer ihm nicht folgt, der verliert. Gewalt wird für ihn zu einer Art Währung im Gefängnis. Doch unter der Oberfläche bleibt etwas von dem kleinen Jungen zurück, der früher im Dunkeln eingeschlossen wurde. Nur, dass er jetzt derjenige ist, der andere in die Enge treibt. Er hat gelernt, dass Angst ein Werkzeug ist. Und er setzt sie präzise ein. In The Castle wird aus ihm ein Mann den Selbstwerter nur mit Misstrauen und Furcht ansehen. Marvin hat also sein Ziel erreicht. Niemand beherrscht ihn mehr. Aber was er dafür aufgibt, ist alles, was ihn einmal menschlich gemacht hat. In The Castle wird er zu einem Symbol für rohe Gewalt. Als Marvin 1975 aus dem Gefängnis entlassen wird, ist er erst 22 Jahre alt. Aber alles an ihm wirkt älter und schwerer. Fünf Jahre im Gefängnis The Castle, einem der brutalsten Gefängnisse Kentuckys, haben ihn geformt. Seine Muskeln sind wie Panzerplatten. Sein Blick ist kalt und wachsam.
Die neu gewonnene Freiheit bedeutet für Marvin aber leider keine Erlösung, sondern Unsicherheit. Er kehrt zuerst wieder nach Hause zurück, in das Haus seiner Mutter. In eine Gegend, in der ihn ja immer noch alle kennen und in der auch alle wissen, wo er gerade herkommt. Die Leute flüstern, wenn er in der Nähe ist und meiden ihn. Seine Familie versucht, irgendwie Normalität herzustellen. Marvin trainiert währenddessen in der Garage weiter und hält sich damit beschäftigt. Doch die Unruhe in ihm wächst. Für einen Mann, der Macht nur durch Kontrolle kennt, ist das Leben draußen viel zu weich und zu leise.
Marvins Verwandte drängen ihn neu anzufangen, weit weg von den Feldern und von der Vergangenheit. Einer seiner älteren Brüder lebt in Denver, in Colorado. Der Bundesstaat ist etwa 1700 Kilometer von Kentucky entfernt. Das wäre ungefähr so weit wie eine Autofahrt von Berlin nach Rom. Er will Marvin dort eine kleine Unterkunft stellen.
Marvin entscheidet sich für einen Neuanfang. In Denver findet er dann auch überraschend schnell Arbeit. Ein Hotel stellt ihn nämlich als Gepäckträger ein. Wahrscheinlich, weil niemand so stark ist wie er. Die Gäste sehen nur den muskulösen Mann im schlichten Anzug, die Tätowierung und den stillen Blick. Die Kollegen sehen, wie er Möbel hebt, als würden sie nichts wiegen. Vielleicht denken sich die Hotelmanager, dass es ja nicht schaden kann, so jemanden im Team zu haben. Zuerst scheint es auch gut zu funktionieren. Marvin arbeitet regelmäßig und hält sich an die Regeln. Doch Routine ist für ihn wie Stillstand. Die Kontrolle, die das Gefängnis ihm gegeben hat, die klare Ordnung und die Angst, die er ausgelöst hat, die fehlt ihm hier. Im Hotel ist er nur ein kleiner Arbeiter. Kein Anführer und kein Mann, vor dem andere zurückweichen. Dann, nachts, bleibt der Generalschlüssel eines Kollegen auf dem Tresen liegen. Marvin nutzt die Gelegenheit und steckt ihn ein. Laut Autor Ryan Green, der ein Buch über Marvin geschrieben hat, ist diese Aktion kein Plan oder kalkulierter Diebstahl. Es ist eher die Versuchung zu sehen, was möglich ist. Marvin durchsucht die Hotelzimmer, öffnet Schubladen und durchsucht die Koffer der Gäste. In einem davon findet er eine Pistole, und zwar geladen. Marvin steckt sie kurzerhand ein. Ab diesem Moment ist alles wie früher. Die Grenzen verschwimmen.
Marvin zieht nachts durch die Straßen. In einer dieser Nächte landet er in einem Parkhaus. Ein Mann kommt gerade aus dem Treppenhaus. Der heißt Joseph. Ein Bankangestellter, der sich gerade auf den Heimweg machen will. Es ist nur ein kurzer Moment. Ganz zufällig und banal. Und doch verändert er alles. Marvin spricht Joseph an und fordert Geld. Joseph reagiert verunsichert, aber dann doch gehorsam. Er öffnet sein Portemonnaie und reicht es ihm. Für einen Sekundenbruchteil zögert Marvin. So beschreibt das Autor Green in seinem Buch. Marvin erinnert sich demnach, wie Zeugen in früheren Prozessen gegen ihn ausgesagt hatten. Das passiert ihm nicht noch einmal. Er feuert zwei Schüsse ab. Joseph fällt. Marvin macht sich ohne einen Blick zurück aus dem Staub. Josephs Leiche wird nur wenige Tage später gefunden. Für die Polizei ist der Mord zunächst ein Rätsel. Denn es gibt kein Motiv, keine Spuren und keinen Zusammenhang. Bis die Polizei Marvin und einen seiner Freunde kennenlernt. Der Freund heißt William. Er ist älter als Marvin und ebenfalls ein Ex-Häftling. Sie teilen denselben Zorn, dieselbe Abneigung gegen Autoritäten und denselben Glauben daran, dass nur der Stärkere überlebt.
Bald werden sie unzertrennlich sein. Im September 1975 ziehen sie gemeinsam durch die Straßen von Denver. Erst Diebstähle, dann Überfälle. Eine dieser Nächte endet in der Nähe der East 10th Avenue.
Ihr Opfer ist ein Mann, der zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Er heißt James und ist der Polizeichef von South San Francisco. Er ist gerade für eine Konferenz in der Stadt. James ahnt nicht, dass ihn jemand angreift, als Marvin und William ihn umzingeln. Es geht alles so schnell. Ein Griff, ein Schrei und ein Schuss. Die Kugel trifft den Polizeichef direkt ins Bein. Passanten alarmieren daraufhin sofort die Polizei und die ist super schnell. Nur Minuten später werden Marvin und sein Komplize William festgenommen. Die Ermittler stellen fest, dass die Pistole, mit der der Polizeichef angeschossen wurde, dieselbe ist, mit der auch der Bankangestellte Joseph erschossen wurde. Die Zeugenberichte sind allerdings widersprüchlich und das ganze Verfahren ziemlich chaotisch. Marvin gibt den Mord an Joseph zwar zu und gesteht auch, dass er den Polizeichef angeschossen hat, aber der Polizeichef selbst sagt später aus, dass Marvins Freund William auf ihn geschossen habe. Marvin gesteht die Taten wiederum auch vor Gericht. Doch die Aussage des Polizeichefs scheint glaubwürdiger.
Komplize William muss 20 Jahre in Haft, Marvin nur vier. Der Mord an Joseph bleibt offiziell ungelöst. Marvin und William werden nur wegen des Angriffs auf den Polizeichef verurteilt. Im Fall Joseph kommt es gar nicht erst zu einem Prozess. Die Beweislage war einfach zu schwach. Es gibt keine Fingerabdrücke, keine weiteren Zeugen und kein Geständnis, das standhält. Und während die Presse sich auf den angeschossenen Polizeichef stürzt, verliert der Mord an dem Bankangestellten Joseph an Aufmerksamkeit. Es ist absolut nicht nachvollziehbar, aber so konzentriert sich die Staatsanwaltschaft nur auf den sicheren Fall, den bewaffneten Überfall auf den Polizeichef. Als Marvin 1976 mit 22 oder 23 Jahren also wieder ins Gefängnis kommt, da ist er erneut in seinem Element.
Dieses Mal sitzt er in einem Gefängnis in Colorado. Er kennt das System. Er weiß, wie man überlebt und wie man andere einschüchtert. Seine alten Verbindungen zur Aryan Brotherhood sind da schon längst wieder aktiv. Er genießt den Respekt und die Angst, die die anderen vor ihm haben. Ein Jahr nach seiner Rückkehr ins Gefängnis wird ein Häftling im Hochsicherheitsbereich tot aufgefunden. Sein Name ist David. Er ist keiner, der auffällt. Er ist eher still und zurückhaltend. Einer, der sich aus Ärger heraushält. Jetzt liegt er hinter dem Block, übersät mit Blutergüssen, das Gesicht entstellt und der Hals voller Würgemahle. Die Aufseher wissen sofort, das war kein Unfall. David wurde geschlagen, misshandelt und erwürgt.
Unter den Insassen dauert es auch nicht lange, bis das erste Gerücht auftaucht. David, heißt es, habe mit den Wertern gesprochen. Über Drogen, über verbotene Geschäfte und über Namen. In der Welt hinter Gittern ist sowas das Todesurteil. Eine Snitch, ein Verräter. Und wer verrät, der muss sterben. Schnell fällt ein Name. Marvin. Er wurde zuletzt in der Nähe gesehen. Und jeder im Blog weiß, wozu er fähig ist. Ein Häftling mit seiner Größe, seinem Ruf und seiner Loyalität zur Nazi-Gefängnis-Gang kann keine Zeugen gebrauchen. Doch als die Ermittler ihm Fragen stellen, stoßen sie auf Schweigen. Einige geben zunächst an, Marvin in der Nähe gesehen zu haben. Wenige Tage später widerrufen sie ihre Aussagen. Und zwar alle. Zufällig genau, nachdem sie Besuch von anderen Mitgliedern der Brotherhood bekommen hatten.
Ohne Beweise, ohne Zeugen und ohne Geständnis läuft die Untersuchung ins Leere. Vielleicht kommt euch das ja schon bekannt vor. Marvin wird jedenfalls nie dafür angeklagt. Insasse David bleibt damit leider nur eine Aktennummer. Doch innerhalb des Systems, da weiß jeder, wer es war. Als er 1978 mit nur 23 Jahren entlassen wird, gilt er offiziell als Häftling mit guter Führung. Vielleicht ist er aber auch einfach zu gefährlich geworden. So vermuten manche. Vielleicht will niemand mehr die Verantwortung tragen, ihn zu beaufsichtigen. Denn Fakt ist, Marvin kommt früher raus. Zwei Jahre früher als geplant.
Draußen versucht er zunächst so zu tun, als hätte er ein ganz normales Leben. Er kehrt wieder einmal nach Kentucky zurück, zieht in ein kleines Haus am Rand einer Landstraße und verdient sich Geld mit Gelegenheitsarbeiten. Möbel schleppen, Baustellen, das sind einfache Jobs, aber sie bringen ein bisschen Geld. Auf den ersten Blick wirkt Marvin ruhig und kontrolliert. Doch wer ihm begegnet, der merkt schnell, dass da etwas in ihm brodelt. Er redet kaum, schläft wenig und trainiert wieder. Seine Muskeln wachsen und seine Wut in ihm gleich mit. In dieser Zeit lernt er Sheila kennen. Sie ist 17, er 23.
Sheila ist eine Teenagerin und neugierig auf das Leben außerhalb ihres kleinen Heimatortes. Für sie ist Marvin das, was sie bisher nur aus Geschichten kannte. Er ist geheimnisvoll, gefährlich und ein Mann, der schon richtig was erlebt hat. Für ihn ist sie das Gegenteil seiner Welt, freundlich und unschuldig. Was anfangs wie Zuneigung aussah, kippt schnell in Richtung Kontrolle. Marvin sagt Sheila, mit wem sie sprechen darf, wann sie das Haus verlassen darf oder wie sie sich kleiden soll. Wenn sie widerspricht, wird er laut. Wenn sie es doch wieder tut, was er ihr verboten hat, wird er gewalttätig. Sheila zieht trotzdem zu ihm, verliert zunehmend den Kontakt zu ihren Freunden und distanziert sich immer mehr von ihrer Familie. Als Sheila von ihm schwanger wird, hofft sie, dass das endlich etwas ändern würde. Und für kurze Zeit scheint es auch so. Seine Angriffe auf sie stoppen und das Haus wird still. Marvin arbeitet wieder und wirkt fast normal. Doch die Ruhe wird leider nicht lange anhalten. Er fühlt sich eingesperrt, sucht den Nervenkitzel und die Kontrolle, die ihm offenbar nur Gewalt geben können. Er beginnt wieder zu stehlen, kleine Einbrüche und streift nachts durch die Straßen.
Im Sommer 1997 erwischt ihn die Polizei, als er gerade zusammen mit zwei Bekannten ein Auto stehlen will. Marvin ist da erst 24 Jahre alt. Als die Polizisten ihn abführen, da steht Sheila schwanger an der Tür und beobachtet die Szene. Sie sieht zu, wie der Polizeiwagen davonfährt und verschwindet selbst kurz darauf. Sie packt ihre Sachen und flieht zu ihren Eltern, so weit weg, wie sie nur kann. Für Marvin schließt sich parallel ein fast altbekannter Kreis. Wieder landet er im Gefängnis. Wieder sitzt er unter Männern, die ihn respektieren und fürchten. Aber dieses Mal scheint etwas in ihm gebrochen zu sein. Die Jahre der Kontrolle und der Disziplin, die sind vorbei. Jetzt will er nicht mehr abwarten, nicht mehr gehorchen. Vielleicht hat er auch zum ersten Mal etwas, das draußen auf ihn wartet. So formuliert es zumindest Autor Ryan Green. Marvin hat laut Green gelernt, dass er die Gewalt und Kontrolle auch außerhalb des Gefängnisses haben kann, nämlich mit Sheila.
Und nur ein Jahr später, im Frühjahr 1980, da zeigt sich, was das genau bedeutet. Es ist die Nacht, in der Marvin beschließt, dass keine Mauern der Welt ihn mehr halten werden. Der Gefängnisausbruch beginnt in den frühen Morgenstunden, am 16. März 1980. Marvin ist mittlerweile 25 Jahre alt. Er sitzt gerade in einem kleineren Gefängnis in Kentucky ein. Es ist kein Hochsicherheitsbau, sondern eher ein Ort für Männer, die man für gebrochen hält. Doch Marvin ist nicht gebrochen. Er hat ein Ziel, einen Plan.
Gemeinsam mit zwei Mitgefangenen, Jerry und William, bereitet er seine Flucht über wochenlang vor. Es ist übrigens ein anderer William als der, mit dem Marvin in Denver Überfälle und den Raubüberfall auf den Polizeichef begangen hat. Marvin freundet sich also mit diesem William im Gefängnis an. Jerry ist eher Mittel zum Zweck. Er ist ein Häftling, der schon länger im Gefängnis sitzt. Das heißt, er kennt den Ablauf der Nachtschichten und die Schwachstellen des Gebäudes ziemlich gut. Er weiß, wann die Gänge leer sind oder wann die Wäschewagen aus den Werkstätten geholt werden. In jener Nacht im März 1980 kriechen die drei durch einen Wartungsschacht, zwängen sich durch einen Lüftungsschlitz und erreichen schließlich das Dach. Niemand bemerkt sie. Draußen wartet nur die Kälte und das Dröhnen des Windes. Von dort springen sie dann über einen Zaun in die Dunkelheit und damit in die Freiheit. Auf einer Landstraße zwingen sie dann einen Lieferwagen zum Anhalten. Marvin ist bewaffnet mit einem Schraubenzieher. Sie stoßen den Fahrer hinaus, steigen ins Auto ein und rasen davon. Da ist es kurz nach drei Uhr morgens.
Zuerst herrscht Euphorie unter den Dreien. Sie lachen, fluchen und reden über die Zukunft. Darüber, wohin sie fahren und wie weit sie kommen könnten. Marvin will nach Denver. Dorthin, wo er Leute kennt und wo er glaubt, unterzutauchen. Jerry will dagegen irgendwo in der Gegend bleiben. Vielleicht in den Bergen. William sagt nur wenig. Doch je länger sie unterwegs sind, desto lauter wird der Streit. Jerry will nämlich das Steuer übernehmen. Er will nicht in eine Richtung fahren, die sie in seinen Augen ins Verderben führt. Marvin wiederum sieht das anders. Widerspruch ist nicht erlaubt. Er will keine Diskussion. Irgendwo auf einer abgelegenen Straße eskaliert es dann so richtig. Jerry greift ins Lenkrad. So gerät der Wagen ins Schleudern und Marvin muss auf die Bremse treten. Er schaltet den Motor aus und dreht sich zu Jerry um. Dann schlägt er zu. Immer wieder. Mit Fäusten und schließlich mit dem Schraubenzieher. Die Wut, die jahrelang in ihm gegärt hat, die bricht aus ihm heraus. Als es vorbei ist, liegt Jerry reglos hinten im Wagen. Er wird sich nie wieder bewegen.
William sitzt vorne und ist wie erstarrt. Marvin blickt auf die Leiche, wirft sie nach hinten in den Van und fährt los. Ein paar Kilometer weiter, vor einem Krankenhaus, lässt er die Tür aufspringen. Jerrys regloser Körper fällt auf die Straße.
Dann verschwindet der Van in der Dunkelheit. Als die Polizei den Toten findet, da ist schnell klar, was passiert sein muss. Die Namen der drei Männer stehen nämlich längst auf der Fahndungsliste. Einer ist also schon mal wieder aufgetaucht, tot. Auch Marvins Name wird bald wieder auftauchen. Der dritte hingegen, der stille William, der bleibt verschwunden, bis heute. Niemand weiß, ob er irgendwo untergetaucht ist oder ob Marvin auch ihn getötet hat. Wenige Tage später wird Marvin jedenfalls in Denver festgenommen. Er ist wie geplant dorthin zurückgekehrt. Zu alten Kontakten aus der Szene. Doch jemand verrät ihn. Und zwar gegen das Kopfgeld, das auf ihn ausgesetzt ist. Die Staatsanwaltschaft verlängert seine Strafe wegen des Ausbruchs. Für den Tod von Jerry wird er aber nie angeklagt. Für das Verschwinden von William auch nicht. Es fehlt leider an Beweisen und Zeugen, um das zu tun. Marvin muss also zurück ins Gefängnis. Und das, was er draußen getan hat, ist nichts im Vergleich zu dem, was noch folgen wird. Als Marvin Anfang der 80er Jahre also wieder inhaftiert wird, da ist er erst Mitte 20 und hat eigentlich schon mehr Jahre hinter Gittern verbracht als in Freiheit. Für viele Männer würde das reichen, um innerlich zu brechen, für ihn aber nicht. Er kennt dieses Leben ja so. Die Routine, die Enge der Gefängniszellen, die Regeln, die Blicke der Aufseher, all das ist für ihn ja längst zum Alltag geworden. Und doch scheint ihn nichts davon hier zu halten.
1982, zwei Jahre nach seiner Rückkehr ins Gefängnis, verschwindet er einfach wieder. Der nächste Ausbruch. Wieder schafft er das eigentlich Unmögliche. Es ist nicht viel über diesen Ausbruch bekannt, schreibt Autor Ryan Green. Niemand kann später erklären, wie und wann genau Marvin es geschafft hat. Ein paar Tage lang tauchen in der Umgebung gestohlene Autos auf. Dann ist Marvin wieder einmal gefasst. Und dann passiert das eigentlich Unbegreifliche, zumindest für amerikanische Verhältnisse. Es gibt keine zusätzliche Strafe, keine Verschärfung der Haftbedingungen und keinen neuen Prozess.
Werbung Werbung Ende In den USA gilt ein Gefängnisausbruch normalerweise als eigene schwere Straftat. Ganz anders als bei uns in Deutschland, wo die Flucht an sich nicht strafbar ist, weil es dem natürlichen Drang nach Freiheit entspricht. Doch mitten in Colorado scheint es niemanden zu interessieren. Man steckt Marvin einfach wieder in dieselbe Zelle. Es ist, als würde das System nur mit den Schultern zucken.
Als würde man akzeptieren, dass jemand wie Marvin sowieso immer wiederkommt. Zwei Jahre später, 1984, da ist er 30 Jahre alt, ist er tatsächlich wieder draußen in Freiheit. Dieses Mal bricht er aber nicht aus, nein, er hat seine Strafe abgesessen. Wieder in Denver begegnet er einer jungen Frau, die heißt Jolene. Jolene ist 21 Jahre alt, also neun Jahre jünger als Marvin. Sie hat einen Job, hat Freunde und ein ganz normales Leben. bis sie an einem sonnigen Tag in der Innenstadt auf Marvin trifft. Zeugen sagen später, er habe sie angesprochen. Marvin ist selbstbewusst, fast zu selbstsicher. Er spricht sie an, so wie er es gelernt hat, laut und übergriffig. Er redet von Dingen, die er will, von Orten, wo sie hingehen könnten. Jolene antwortet ruhig, vielleicht höflich, bis sie merkt, dass er nicht aufhört zu reden. Sie weicht einen Schritt zurück und sagt etwas. Niemand weiß später, was genau. Vielleicht ist es ein Nein. Vielleicht einfach nur sowas wie, lassen Sie mich in Ruhe. Aber in Marvins Welt gibt es kein Nein. Es gibt nur Gehorsam und Strafe. So hat er es gelernt und so lebt er. Wer widerspricht, der widersetzt sich seiner Macht. Und das darf nicht passieren.
Zeugen berichten später, dass die Szene fast lautlos abgelaufen ist. Ohne einen Schrei oder einen ersichtlichen Streit. Nur eine schnelle Bewegung, die kaum zu erkennen ist. Marvin greift in seine Jacke, zieht ein Messer und hält es tief, fast beiläufig. Dann sticht er zu. 14 Mal. Passanten stehen wie erstarrt in der Nähe. Marvin steht für einen Moment einfach nur da. Seine Brust hebt sich gleichmäßig. Sein Gesicht bleibt leer. Dann steckt er das Messer wieder weg, dreht sich um und geht. Einfach so.
Parallel bricht hinter ihm das Chaos aus. Jemand ruft laut um Hilfe. Passanten versuchen, Jolene wiederzubeleben, während Sirenen in der Ferne aufheulen. Als die Polizei Marvin nur wenige Stunden später festnimmt, da zeigt er keine Regung. Er wirkt nicht geschockt, zeigt kein Bedauern und sagt auch kein Wort. Später vor Gericht wirkt er ebenfalls ruhig und fast schon teilnahmslos. Das Urteil lautet 16 Jahre Haft wegen Totschlags. Er hat ein junges Leben ausgelöscht, einfach so. Und Marvin geht wieder einmal dorthin zurück, wo er sich am sichersten fühlt, nämlich hinter Gittern. Er kommt in die Centennial Correctional Facility in Colorado. Das ist eine Anstalt für Männer, die zu gefährlich oder zu unberechenbar für andere Gefängnisse sind. Mit 30 Jahren hat Marvin schon mehr auf dem Kerbholz als die meisten, die hier lebenslang einsitzen. Bewaffnete Raubüberfälle, ein ungeklärter Mord in Denver, ein Totschlag mitten auf offener Straße, mehrere Gefängnisausbrüche und zahllose Disziplinarverstöße.
Alle, die seinen Namen lesen, wissen, dass dieser Mann kein gewöhnlicher Häftling ist. Im Gefängnis muss er sich auch nicht erst einen Ruf erarbeiten. Er bringt ihn ja schon mit. Die Wächter kennen seine Akte, die Mitgefangenen kennen seine Geschichten. An einem Ort, in dem Stärke über alles andere entscheidet, ist Marvin ein Mann, der keine Worte braucht. Seine bloße Präsenz reicht, um Gespräche zu beenden. Seine Ruhe aber ist trügerisch. Sie ist die Stille vor dem Sturm.
1987, drei Jahre nach seiner Verurteilung, beschuldigt ein anderer Häftling Marvin, ihn vergewaltigt zu haben. Die Beschreibung ist eindeutig. Das Opfer sagt, er sei freiwillig zu Marvin gegangen, aber nur, weil er Angst gehabt habe. Angst vor dem, was passieren würde, wenn er sich weigert. Doch statt einer Anklage, statt eines Prozesses, passiert das, was in diesem System zu oft geschieht. Nämlich nichts. Nur eine interne Notiz, die da lautet, sexueller Übergriff, Teilnahme an Therapiegruppe empfohlen. Eine Gruppe, die es aber nie geben wird. In den nächsten Jahren wird sich Marvins Gefängnisakte still und leise verwandeln. Laut dem Autor Ryan Green verschwinden nämlich Gewaltakte darin. Disziplinarverstöße werden einfach umgeschrieben. Und als Colorado Ende der 1980er Jahre beginnt, seine überfüllten Gefängnisse zu entlasten, steht Marvins Name auf einer bestimmten Liste, nämlich Häftlinge, die man verlegen oder frühzeitig entlassen kann. Damit das klappt, bekommt Marvin eine neue Beurteilung. Laut der Zeitung Westworld schreibt ein Beamter, ich bin nicht sicher, ob er die ihm vorgeworfene Tat wirklich begangen hat. So etwas liegt außerhalb seines Charakters. Ein Satz, der alles verändert. Vielen Dank. Der Bundesstaat Washington lehnt den Vorschlag ab, Marvin zu übernehmen. Er ist einfach zu gefährlich. Aber der Vermerk zu seinem Charakter bleibt in der Akte. Bis zum 18. Januar 1991.
An diesem Wintertag öffnet sich die Tür des Gefängnisses und ein Mann tritt hinaus in die Freiheit. Nach nur sieben Jahren Haft verlässt Marvin wieder einmal das Gefängnis. Auf Bewährung. In seiner Akte steht, vorbildlicher Häftling, keine Zwischenfälle. Eigentlich hätte er 16 Jahre hinter Gitter bleiben müssen. Was niemand verstehen kann, ist, dass Marvin in den Jahren davor in mehrere Gewaltvorfälle verwickelt war. Und er wurde von Mitgefangenen wegen sexueller Übergriffe beschuldigt. Zeugen haben ausgesagt, sie seien zu seiner Zelle unter Zwang gegangen. Doch die Gefängnisleitung belässt alles bei einem internen Verfahren. Und als Colorados Gefängnisse Ende der 80er Jahre überfüllt sind, sucht man eben nach Wegen, gefährliche Häftlinge loszuwerden. So entsteht ein Aktenbild, das mit der Realität nichts mehr zu tun hat. Eine Erklärung, die einfach niemand versteht. Marvin ist alles andere als ein Modellhäftling und stabil.
All das steht aber in seiner Akte, obwohl viele wussten, dass er zu den gefährlichsten Männern im System gehört. Für jemanden wie Marvin bedeutet Freiheit wieder eine neue Gelegenheit. Laut seinem Bewährungshelfer soll er in Denver bleiben, sich einen Job suchen und regelmäßig Bericht erstatten. Doch schon zwei Tage nach seiner Freilassung kauft er sich ein Ticket für den Bus nach Kentucky, 1700 Kilometer von Denver entfernt. Während der Bus durch den Mittleren Westen rollt, reagiert sein Bewährungshelfer und schreibt an die Behörden in Colorado. Er verständigt auch die Familie von Marvin. Die Nachricht verbreitet sich ziemlich schnell. Marvins Familie hat Angst. Niemand will ihn bei sich aufnehmen. Entfernte Verwandte werden losgeschickt, um ihn abzuholen. Sie sollen ihn von der engeren Familie fernhalten.
Stundenlang fahren sie mit ihm durch die Nacht, von Stadt zu Stadt, auf der Suche nach einem Busbahnhof. Aber alle, an denen sie vorbeikommen, die sind geschlossen. Schließlich halten sie vor einem Diner, mitten im Nirgendwo. Sie geben Marvin 200 Dollar in die Hand und sagen ihm, er solle damit nach Denver zurückfahren. Dann lassen sie ihn einfach da stehen. Was danach geschieht, das weiß niemand.
Klar ist nur, Marvin verschwindet erneut. Er taucht unter, sucht sich Gelegenheitsjobs, stiehlt und schlägt sich durch. Die alte Leier, die kennen wir ja schon. Und das System, das ihn so oft gesehen, so oft gewarnt und so oft weggesperrt hat, lässt ihn einfach wieder laufen. Das ist kein Zufall. Das ist Fehler mit Ansage. Und einer, der noch teurer werden wird. Marvin ist also wieder draußen. Und wieder scheitert er. Es ist keine Überraschung. Nur ein Jahr nach seiner Entlassung wird er wieder festgenommen. Ein bewaffneter Raubüberfall und ein verletztes Opfer. Es ist dieselbe Spirale wie zuvor. Aber diesmal greift das Gesetz härter durch. Er gilt jetzt als Gewohnheitsverbrecher. Dass er so viele Vorstrafen hat, wird nach dem Recht des Bundesstaates Colorado nun mit eingerechnet. Er muss lebenslang ins Gefängnis. Und zwar ohne Aussicht auf Entlassung. Das Urteil klingt eindeutig, aber die Geschichte, die darauf folgt, die ist das gar nicht. Denn wieder zeigt sich, in einem System, das eigentlich ja zum Schutz der Bevölkerung gedacht ist, geschieht leider das Gegenteil. Im November 1992 wird Marvin für einen Gerichtstermin nach Denver gebracht. Er sitzt seit ungefähr einem Jahr im Gefängnis und ist mittlerweile 38 Jahre alt. Er wird in eine Wartezelle gebracht.
Dort sitzen sieben weitere Männer, dicht gedrängt, bewacht von einem einzigen Beamten. Unter ihnen ist ein Mann namens Daniel. Daniel soll im Prozess gegen einen mutmaßlichen Drogenboss aussagen. Er ist ein Informant. Für Leute wie Marvin ist so jemand unterstes Niveau im Gefängnis. Wie schon bei David, der 1977 im Gefängnis mutmaßlich von Marvin getötet wurde. Niemand weiß genau, was in dieser Zelle passiert ist. Einige sagen später, Marvin habe Daniel gepackt, ihn gegen die Wand geschleudert und auf ihn eingeschlagen. Immer wieder. Als die Wachen endlich die Tür öffnen, da liegt Daniel schon am Boden. Er stirbt wenig später im Krankenhaus. Fünf Männer sagen erst aus, sie hätten alles gesehen. Fünf Zeugen, die einen Mörder benennen könnten. Doch Tage später widerrufen sie alle ihre Aussagen. Kein einziger bleibt bei seiner ersten Version. Vielleicht wieder aus Angst. Vielleicht, weil jemand mit ihm gesprochen hat. Das Verfahren wird jedenfalls eingestellt. Mal wieder geht Marvin straffrei aus. Er kommt in ein anderes Gefängnis, mit anderer Sicherheitsstufe. Sogenannter Claw Security, also im Hochsicherheitsbereich.
Er landet in Limon, eine Haftanstalt 160 Kilometer von Denver entfernt. Das ist eine ganz neu gebaute Anstalt, die eigentlich für Einzelzellen gebaut wurde. Aber die Realität sieht anders aus. Die Zellen sind doppelt belegt und das Personal ist überfordert. Marvin bekommt zuerst einen älteren Mitgefangenen als Zellengenossen. Der ist ruhig und unauffällig. Es gibt keine Zwischenfälle.
Wochenlang herrscht diese gefährliche Ruhe zwischen ihnen, bis ein neuer einzieht, Gary. Gary ist 27 Jahre alt, blond und schmächtig. Kein Mann, der in eine Zelle mit Marvin gehört. In der ersten Nacht wird Gary brutal vergewaltigt. Später, in einer eidesstattlichen Erklärung, beschreibt er, wie Marvin ihn geschlagen, gewürgt und missbraucht habe. Als er am nächsten Morgen in die Krankenstation gebracht wird, da sagt er, er sei angegriffen worden. Aber er nennt keinen Namen. Vielleicht wieder einmal aus Angst oder aus Scham. Vielleicht, weil er weiß, dass im Gefängnis andere Regeln gelten als draußen. Denn wer spricht, der stirbt. Und so bleibt Marvin, wo er ist. Das zweite Bett in seiner Zelle darf aber nicht leer stehen. Die Verwaltung sucht also einen neuen Zellengenossen und findet James. James kennt Marvin schon. Sie saßen schon einmal gemeinsam in einer anderen Anstalt und schon damals hat James versucht, Marvin aus dem Weg zu gehen. Als James hört, dass er in Marvins Zelle soll, protestiert er. Er bittet darum, woanders unterzukommen. Doch seine Bitte bleibt ungehört. Vielleicht, weil die Beamten glauben, zwei kräftige Männer könnten sich gegenseitig in Schach halten. Vielleicht, weil sie einfach keine Zeit haben, sich darum zu kümmern.
Die Nacht ist wie eine tickende Zeitbombe. James sagt später, Marvin habe ihn zuerst in ein Gespräch verwickelt, ruhig und fast schon freundlich, und dann sei er laut geworden, fordernd und schließlich aggressiv. Irgendwann bricht die Gewalt wieder aus ihm heraus. James überlebt, aber er weiß, dass er jetzt handeln muss, bevor er der Nächste ist, der einfach verschwindet. Am Morgen geht er also zu einem Wärter. James zittert, er weint und sagt, dass er nicht zurück in diese Zelle kann. Doch damit endet die Geschichte noch nicht. Sie verschiebt sich nur. James reicht Klage ein gegen den Staat Colorado. Er wirft den Behörden vor, ihn bewusst einem gefährlichen Mann ausgesetzt zu haben. Und er hat Recht. In den internen Unterlagen steht längst, dass Marvin als extrem gewaltbereit gilt, dass er schon wegen einer mutmaßlichen Vergewaltigung hinter Gittern auffällig wurde, dass er körperlich jeden Gegner dominiert. Trotzdem hat man ihn mit anderen Häftlingen zusammengelegt. Wieder und wieder. Am Ende erkennt das Gericht eine Mitschuld des Systems an. James bekommt 70.000 Dollar. Eine hohe Summe, aber kein Geld der Welt kann das ungeschehen machen, was in dieser Zelle passiert ist.
Nach dieser Klage zieht die Anstalt Konsequenzen. Marvin kommt aus Sicherheitsgründen in Einzelhaft. Das bedeutet 23 Stunden am Tag allein sein, nur eine Stunde Hofgang und auch dabei ist er allein und dazu auch gefesselt. Es gibt keinen Kontakt mit anderen, keine Gespräche, keine Berührungen. Die Psychologen nennen das später lebensbedrohlich isoliert. Für die Gefängnisverwaltung ist es vor allem eins, nämlich praktisch. Niemand muss mehr entscheiden, was man mit ihm tun soll. Marvin wird weggeschlossen und quasi aus dem System genommen. In dieser Zeit sieht ihn nur noch das Wachpersonal. Manchmal vielleicht noch der Gefängnisarzt. Der erinnert sich später, dass Marvin fast höflich war. Gepflegt und ruhig, mit geföhntem Haar und gestutzten Bart. Ein Mann, der wusste, dass er gefährlich ist. Und das genoss, dass alle anderen das auch wussten.
Meine Akte spricht für sich, soll er einmal gesagt haben. Er verbringt viele Jahre so. Im amerikanischen Strafvollzug gilt die Einzelhaft als Maßnahme der Sicherheit, nicht als Strafe. Offiziell. Viele Häftlinge überstehen das nur wenige Wochen, manche ein paar Monate. Marvin hingegen lebt so sieben Jahre. Sieben Jahre, in denen Zeit jede Bedeutung verliert. Psychiater nennen es sensorische Deprivation. Wenn das Gehirn beginnt, sich selbst Geschichten zu erzählen, um den Mangel an Reizen zu füllen. Stimmen, Gesichter, Erinnerungen. Irgendwann verschwimmt alles. Ob Marvin irgendwann den Bezug zur Realität verliert, das wissen wir nicht. Aber seine Akten zeigen, dass sich etwas ändert. Ab Mitte der 90er Jahre beginnt er nämlich zu reden. Da ist er um die 40 Jahre alt.
Die langen Jahre in Isolation haben etwas in ihm ausgelöst, das nicht mehr allein mit Kraft oder Einschüchterung zu tun hat. Er sucht Aufmerksamkeit, aber auf eine andere Weise. Es sind keine kleinen Geständnisse, sondern eine ganze Flut. Marvin gibt an, in mehreren Staaten unzählige Menschen getötet zu haben. Über 40, behauptet er. Er sagt das in verschiedenen Interviews und Vernehmungen. Er nennt Orte, mutmaßliche Taten, manchmal sogar sehr konkrete Details. Namen von Straßen zum Beispiel oder Beschreibungen von Gräbern, Abläufe oder wie er Opfer gelockt und getötet hat. Die Liste, die er im Laufe der Jahre vorlegt, umfasst Straftaten in mehreren US-Bundesstaaten.
Es geht um Morde, Entführungen und Vergewaltigungen. Manche seiner Schilderungen passen zu ungeklärten Fällen, Bei anderen liegen offensichtliche Widersprüche oder zeitliche Unmöglichkeiten vor. Die Behörden reagieren darauf. Sie bilden eine Taskforce, das FBI wird eingeschaltet und die Fälle werden gesichtet.
Experten und Ermittler wühlen sich durch seine Aussagen, vergleichen Datenbanken, sprechen mit Familien und Ermittlern in mehreren Bundesstaaten. Die Bilanz ist ambivalent. In einigen Einzelfällen liefert Marvin Details, die nicht allgemein bekannt waren, Indizien, die nicht leicht abgetan werden können. In vielen anderen Fällen aber stimmen Zeiten, Orte oder Umstände einfach nicht überein. Er erzählt dieselbe Tat in verschiedenen Versionen. Er verwechselt Jahreszeiten und Reisewege. Ein Lügendetektortest soll also Antworten liefern. Aber der bringt eine merkwürdige Erkenntnis. Denn Marvin glaubt offenbar das, was er da sagt. Vielleicht ist seine Fantasie mittlerweile seine Realität. Später aber wird das Testergebnis relativiert. Medikamente gegen Angstzustände und andere Präparate, die Marvin über lange Zeit genommen hat, machen Polygrafen weniger aussagekräftig. Der Test verliert damit an Gewicht. Auch Psychologen kommen zu Wort. Ein Arzt vertritt eine klare Meinung. Marvin sei nicht primär ein Trickser, der Fakten erfindet, um zu manipulieren. Vielmehr deutet vieles darauf hin, dass die lange Isolation die Grenzen zwischen Erinnerung, Fantasie und Wunschvorstellung verwischen. Die Ermittlungen geraten deshalb ins Stocken. Manche Aussagen führen zu neuen Spuren. Andere kippen sofort. Die Presse spaltet sich auch.
Sensationsgier auf der einen Seite und Zweifel an der Glaubwürdigkeit auf der anderen. In der Öffentlichkeit wird Marvin bald als Hochstapler gebranntmarkt und gleichzeitig als potenziell gefährlicher Serienmörder, falls sich auch nur ein Bruchstück seiner Behauptung bestätigen lässt. Ein Zwischenfall vor Gericht bringt die Sache in eine neue Lage. Bei einem Transport kommt es offenbar zu einem Fehler. Marvin sitzt nicht wie sonst allein, sondern in einer halbvollen Arrestzelle neben einem anderen Gefangenen. Was dann passiert, ist klar dokumentiert. Marvin greift den Gefangenen an, wirft ihn herum, schlägt ihn bewusstlos. Er muss später medizinisch versorgt werden. Der Vorfall wird zur Begründung, Marvin künftig noch strenger zu kontrollieren. Seine Transporte werden von nun an anders überwacht und die Zahl der Termine, bei denen Marvin persönlich außerhalb seiner Zelle erscheinen muss, sinkt. Die Taskforce arbeitet währenddessen weiter, überprüft Hinweise und verschickt Anfragen in mehrere Staaten. Ein besonders auffälliges Muster ist, dass Marvin über sich in einer Weise erzählt, die an Romane über Serienmörder erinnert. Als würde er sich selbst zu einem Serienmörder machen wollen, so als würde er eine Art Vermächtnis setzen wollen. Es sind die Motive, Rituale und Details, die er beschreibt. Er konstruiert Bilder, die einer Art Tätermythos entsprechen.
Am Ende lautet die nüchterne Bilanz, die ganzen Geständnisse enden nicht mit Urteilen über all die behaupteten Taten, sondern mit noch mehr offenen Fragen. Über die Opfer, über das System und über die Grenze zwischen Wahrheit und Erzählung, wenn ein Mensch Jahre in der Dunkelheit verbringt. Am 19. Juli 2013 findet ein Werter Marvin leblos an seiner Zelle. Er stirbt mit 58 Jahren an Herzversagen. In den letzten Jahren seines Lebens war von dem Mann, der einst als stärkster Häftling der USA galt, kaum mehr etwas übrig. Die Muskeln geschwunden, die Haut grau und der Blick leer.
Ärzte berichten später von einem Menschen, der gezeichnet ist von Infektionen, Entzündungen, Medikamenten und von einem Geist, der sich längst irgendwo zwischen Fantasie und Realität verloren hat. Sein Tod löst kein großes Aufsehen aus. Die Leiche wird eingeäschert und die Asche an einem unbekannten Ort verstreut. All die Geständnisse, die Interviews, die Geschichten, die er in den letzten Jahren seines Lebens erzählt hatte, bringen ihm nicht den Ruhm, den er sich vermutlich erhofft hatte. Nur eine Akte in den Archiv. Und doch wird sein Name weiter auftauchen, wenn es um die psychischen Folgen jahrelanger Isolation geht und um die Frage, ob Einzelhaft Folter ist. Dann wird Marvins Name manchmal erwähnt. Seine Geschichte lässt sich auf zwei Arten lesen. Als die eines Mannes, der früh gelernt hat, dass Gewalt ein Mittel zum Überleben ist, und als die eines Systems, das zu lange zugesehen hat, wie aus dieser Gewalt fast schon ein Lebensprinzip wurde.
Aber dabei darf man natürlich nicht vergessen, dass Marvin kein Opfer seiner Umstände ist. Er war Täter. Immer wieder. Er hat Menschen verletzt, gedemütigt und getötet. Nicht, weil ihn jemand dazu gezwungen hat, sondern weil er es wollte. Was das System getan hat, war, ihn nicht rechtzeitig zu stoppen. Es hat ihn falsch eingeschätzt, zu früh entlassen und zu spät isoliert. Aber es hat ihn nicht zum Täter gemacht. Am Ende stirbt Marvin, wie er gelebt hat. Allein, ohne Reue und ohne Zeugen. Und zurück bleibt eher die Frage, was man daraus lernt.
Boah, eine gute Frage, um ehrlich zu sein, was man daraus lernt. Ich finde, wir haben es im Vorgespräch schon so ein bisschen bequatscht miteinander, ohne dass jetzt das Band nebenbei mitgelaufen ist. Aber ich finde, es gibt so ein paar Parallelen zu der Haftbefehl-Doku. Ich weiß nicht, ob viele von euch draußen das schon gesehen haben. Ich muss sagen, ich war wirklich zu Tränen gerührt bei der Doku. Das musste ich auch posten auf Instagram, weil wirklich seid dafür bereit, wenn ihr euch die angucken wollt. Da müsst ihr wirklich ready für sein. Absolut. Ja, in der Stimmung. Auf jeden Fall. Und ich könnte mir vorstellen, wir haben ja jetzt auch wirklich einen sehr tiefen Einstieg hier in Marvins Leben gemacht. Wenn man so eine Doku über ihn machen würde, der Vater, der früh verstorben ist, aber auch mit viel Gewalt zu Hause geherrscht hat. Marvin, der auch sehr früh auf eine schiefe Bahn geraten ist, dass man sehr schnell auch Mitleid mit ihm hat.
Aber gleichzeitig finde ich, für die Taten ist er am Ende des Tages selbst schuld und verantwortlich. Voll und du musst gleich auf jeden Fall nochmal sagen, was die Parallelen für dich in der Doku sind, weil ganz wichtig zu sagen, Haftbefehl hat niemanden ermordet. Absolut. Das ist jetzt hier nicht die Parallele, der hat viel Scheiße gebaut, aber das gehört nicht dazu. Ganz wichtig an der Stelle, hier haben super viele Leute versagt. Also das System, wie die mit seiner Inhaftierung umgegangen ist, nämlich so, jo, Gefängnisse sind überfüllt, dann lassen wir den jetzt mal frei, weil der ist uns zu gefährlich, der ist uns zu brutal. Was ist denn das für eine Logik? Also das erschließt sich mir überhaupt nicht, dass man dann sagt, dann lassen wir ihn wieder frei, weil man hat ja gesehen, was passiert ist. Also die heutige Story zusammengefasst ist, Marvin geht ins Gefängnis, kommt raus, geht ins Gefängnis und das geht hin und her, bis er im Gefängnis stirbt. Und klar hat er eine ultrabeschissene Kindheit gehabt, in der er ganz früh den Glaubenssatz eben gelernt hat, okay, Kontrolle und Macht in Kombination mit Strafe, also das prägt ja sein Leben. Wenn ich nicht gehorche, dann werde ich bestraft. Das hat er ja früh schon gelernt. Aber trotzdem heißt das ja nicht automatisch, dass man deswegen zum Mörder wird. Also das rechtfertigt das ja überhaupt nicht, das Leben von anderen Menschen zu nehmen oder ihnen Gewalt anzutun. Und ich meine, er hat ja auch Geschwister.
Die sind nicht zu den krassesten, stärksten Häftlingen der Geschichte der USA geworden. Also die haben die gleiche Kindheit erlebt wie er, aber haben sich für einen anderen Lebensweg entschieden. Genau, das ist auch, was ich gedacht habe und nochmal ganz kurz zu der Parallele, weil du es gerade richtigerweise nochmal erwähnt hast.
Also deswegen, ich wollte jetzt auch nicht zu sehr spoilern für Leute, die dann die Haftbefehl-Doku vielleicht noch schauen wollen. Bei dem Vater sehe ich zum Beispiel einfach viele Parallelen, sodass das ein sehr krasser Blick einfach, also ein sehr krasser Fokus auf den Vater ist, dass der sehr dafür verantwortlich auch einfach ist. Dass er Brüder, Geschwister hat, die aber doch irgendwie anders mit der gesamten Situation umgehen. Wie du es ja auch gerade schon gesagt hast, hier bei Marvin in dem Fall scheinen die Geschwister ja ein halbwegs normales Lebengefühl zu haben. Also am Ende des Tages sind wir vielleicht doch bei dieser Diskussion, wie viel ist Genetik und wie viel sind Umwelteinflüsse, weil, so habe ich es zumindest früher mal gelernt, das ist so eine 50-50-Sache eigentlich und das würde auch erklären, warum Familienmitglieder ganz anders auch damit umgehen, auch wenn die Umwelteinflüsse vielleicht relativ ähnlich sind, weil die Hälfte vielleicht doch, also nicht vielleicht, aber weil die Hälfte eben doch aus der Genetik herauskommt.
Und die andere Hälfte... Naja gut, wenn er halt auf die schiefe Bahn gerät, dann wird eben diese Umwelt um ihn herum auch einfach noch schiefer. Das versteckt sich natürlich umso mehr und das System hat da auch nicht weiter geholfen. Aber das System hat eben auch nicht dafür gesorgt, dass er die Taten begangen hat. Naja, und vor allem, er hat ja auch gelernt, dass er mit diesen Diebstählen, damit fing es ja an, dass er damit Erfolg hat und durchkommt. Und deswegen hat er das Ganze ja ausgeweitet und ist ja eigentlich immer krasser geworden. Also irgendwann hat er ja so tief in sich drin gehabt, dass diese Macht über andere, die Kontrolle über andere und auch dieses Gefühl, dass sie Angst vor ihm hatten, dass das so alles ist in seinem Leben, dass das sein Lebensinhalt geworden ist. Und ja, der kam da halt gar nicht mehr raus aus diesem Teufelskreis. Das ist ja auch so ein bisschen das Traurige, dass es wirklich so ein Teufelskreis ist, weil wenn du so lange, jetzt, oh Gott, jetzt werden wir richtig popkulturell hier auch schon letzte Woche ein paar Filme besprochen und dieses Mal auch. Du meinst GZSZ? Ja, und aber auch. Falls ihr die Folge gehört habt, wisst ihr, was ich meine. Ja, weil beispielsweise bei die Verurteilten, dem Film, der wirklich wunderwundervoll ist und mich genauso zu tränen rührt, um ehrlich zu sein. Ich glaube, der ist sogar auf der IMDb-Liste auf Platz 1. Aber wir schweifen ab.
Da ist es ja auch so, dass eine Person aus dem Gefängnis entlassen wird. Und gut, da ist es jetzt nochmal wirklich deutlich extremer. Der ist wirklich unglaublich lange im Gefängnis. Aber der kommt auf die Welt draußen auch überhaupt nicht klar.
Und ja, das endet dann halt einfach auch wirklich nicht schön so. Und das heißt, du lernst einfach auch in diesem System. Du lernst das System einfach. Das ist halt das Ding. und hier bei uns draußen so gesehen, hilft dir dieses System eigentlich nicht weiter. Jedenfalls so, wie ich es kennengelernt habe, so ein bisschen. Ich könnte mir vorstellen, dass da auch noch einige von euch ein bisschen was zu erzählen haben, weil, wer weiß, vielleicht gibt es ja doch bestimmte Punkte, die man dort im Gefängnis lernen kann. Wir haben ja hier auch mitbekommen, dass das System es eben nicht geschafft hat, in den USA, ihm wirklich zu helfen. Das heißt, hier in Deutschland wird ja eben darauf vorbereitet, zu resozialisieren. Das heißt, das System bereitet ja darauf vor, hier draußen auch wieder klar zu kommen. Das will ich auch nochmal kurz als Relation dazu einfügen.
Deswegen würde es mich auch oder würde es uns auch sehr interessieren, wenn ihr eure Meinung dazu auch nochmal auf Instagram, bei Spotify in die Kommentare reinhaut. Ich finde es so krass, dass das Gefängnis oder die Gefängnisse, er war ja in mehreren, oder das System, dass es sich an zwei so gegensätzlichen Polen orientiert hat. Nämlich, okay, der Typ ist einfach saubrutal und gefährlich. Option A, wir entlassen ihn in die Freiheit. So, wir schieben das Problem weg.
Option B, wir stecken ihn in Isolationshaft. Also einfach die zwei größten Gegensätze wurden hier angewandt. Also das heißt ja, dass das System einfach selber so krass damit überfordert war und überhaupt nicht wusste, wie gehen wir mit jemandem wie ihm um. Und ich kann mir das nicht mal eine Woche lang vorstellen, in Isolationshaft zu sein und 23 Stunden ohne Beschäftigung in einer kleinen Zelle nur eine Stunde raus, das auch allein, also... Ich meine, soziale Kontakte sind ja für uns alle super wichtig. Für den einen vielleicht mehr, für den anderen weniger. Einer zieht sich Energie aus der Gesellschaft anderer und der andere muss sie im Stillen wieder aufladen. Aber unter Zwang immer alleine zu sein, das muss echt richtig krass sein. Und ja, der Typ hat Leute umgebracht. Also ich will jetzt nicht sagen, der arme Marvin, den hätte man nicht in Isolationshaft stecken sollen, aber der Punkt ist eher, dass das System sich einfach für so zwei unterschiedliche Wege entschieden hat, um ihn zu bestrafen. Und ja, vielleicht war es auch eine Strafe für ihn, wieder in die Freiheit zu kommen. Also ja, ich glaube, wir können da jetzt noch ganz lange drum herum reden.
Tun wir nicht. Wir beenden, würde ich sagen, die Folge jetzt an dieser Stelle und freuen uns über eure Meinung und eure Gedanken dazu. Hat Patrick ja auch schon gesagt und freuen uns dann sehr, wenn ihr nächste Woche Dienstag hier wieder zuhört, wenn wir euch von einem neuen Fall erzählen. Wir sind eure Hosts, Anne Luckmann und Patrick Strohbusch. Redaktion, Johanna Müsiger und wir. Schnitt, Anne Luckmann. Intro und Trainer gesprochen von Pia Rohnersachse. Producer, Falko Schulte. Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios.