Diese Episode enthält explizite Details über einen wahren Kriminalfall. Weitere Infos in der Folgenbeschreibung. Es ist Mitternacht in Iowa. Vor dir erblickst du ein kleines Holzhaus. Unscheinbar, weiß gestrichen, fast harmlos. Doch sobald du die Tür zum Inneren öffnest, ist es so, als würdest du in eine andere Zeit treten. Drinnen ist es finster. Kein Strom, kein Wasser und kein Geräusch, das dich beruhigen und dir zeigen könnte, dass du nicht alleine bist. Dich erwartet nur die Stille. Schwer, fast schon drückend. Sie legt sich auf deine Haut wie ein kalter Film. Die Luft riecht nach altem Holz. Nach etwas, das sich zu lange in den Wänden festgesessen hat. Deine Taschenlampe wirft zitternde Kreise auf die Tapeten. Das Muster darauf wirkt blass. wie aus einer anderen Welt. Du bewegst dich langsam vorwärts. Jeder deiner Schritte knarrt unglaublich laut. Es klingt so, als würde das Haus zuhören, als würde es dich beobachten. Die Treppe vor dir ist schmal und steil, als würde sie ins Dunkel selbst führen. Oben, das weißt du, befinden sich die Schlafzimmer. Betten, die noch immer dort stehen, wo sie schon vor über 100 Jahren standen. Dort, wo sechs Kinder und zwei Erwachsene sich friedlich schlafen gelegt haben und nie wieder aufgestanden sind.
Du atmest flach, als du die erste Stufe betrittst. Das Holz ächzt, langgezogen, beinahe wie ein Stöhnen. Für einen Moment bist du dir sicher, dass da ein Laut über dir war. Vielleicht Schritte? Ein leises Kichern? Vielleicht ist es aber auch nur dein Verstand, der dir einen Streich spielt. Vielleicht aber auch nicht. Der Flur oben ist eng. Die Decke dort drückt sich auf dich herab und löst ein beklemmendes Gefühl in dir aus. Links befindet sich das Zimmer der Eltern. Rechts das Kinderzimmer. Alles wirkt so, als wäre die Familie nur mal eben kurz fortgegangen. Doch die Dunkelheit hier ist dicht. Sie bewegt sich. Sie lebt. Und während du dort stehst, in dieser Stille, da weißt du, du bist hier nicht allein. Willkommen im Villisca Ex-Mörderhaus.
Und auch ganz herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte mit Patrick Strohbusch und mit Anne Luckmann. Und auch ganz herzlich willkommen zur Halloween-Folge. Ihr habt es ja wahrscheinlich schon gehört, der Jingle am Anfang klang ein bisschen anders und da wollen wir wirklich ein herzliches Dankeschön an Tim sagen. Der hatte nämlich über den Stream bei mir mal angefragt, ob er da nicht irgendwie einen neuen Jingle für uns basteln kann. Aber für alle, die jetzt nicht so auf die Halloween-Edition einer Serie oder eines Podcasts stehen, keine Sorge, wir erzählen hier heute natürlich einen True-Crime-Fall, einen wahren Kriminalfall, wie ihr das auch sonst aus der schwarzen Akte kennt. Wir gehen jetzt aber alle zurück ins Jahr 1912. Vor ein paar Monaten erst ging die Titanic im Nordatlantik unter. Ein Schiff, das eigentlich als unsinkbar galt. Diese Nachricht erschüttert damals die Menschen überall, auch im Mittleren Westen.
Werbung. Werbung Ende. Aber der Alltag läuft trotzdem weiter. Die Männer tragen Anzüge mit steifen Kragen, die Frauen lange Kleider und breite Hüte. Kinder tollen auf staubigen Straßen, die noch nicht asphaltiert sind. Auf den Wegen klappern Pferdekutschen. Daneben ruckieren schon die ersten Automobile vorbei. Und in den Läden taucht ein neues Produkt auf, der Oreo-Keks. Wir richten unseren Blick auf einen kleinen Ort im Südwesten von Iowa, nach Willisga. Hier leben ungefähr zweieinhalbtausend Einwohnerinnen und Einwohner. Fast jeder kennt hier jeden und man grüßt sich auf der Straße. Die Eisenbahn hat den Ort wachsen lassen. Entlang der Gleise gibt es Geschäfte, Restaurants und sogar ein Theater.
Von außen wirkt Willisga wie das perfekte Bild einer amerikanischen Kleinstadt. Viktorianische Häuser, jedes mit dieser typischen weißen Veranda, die ihr aus Filmen kennt. Davor Gärten voller Blumen und schattige Bäume entlang der Straßen. Sogar ein Reiseführer schwärmt damals, dass Willisga einer der schönsten Orte im ganzen Staat Iowa sei. Aber schon im Namen liegt hier ein seltsamer Widerspruch. Der Ort heißt ja Willisga. Getauft wurde er von einem Angestellten der Eisenbahngesellschaft, als er den neuen Bahnhof und die Siedlung im 19. Jahrhundert auf den offiziellen Karten eingetragen hat. Dieser Angestellte war überzeugt, dass das Wort aus der Sprache der indigenen Bevölkerung stammt. Er glaubte, es bedeutet schöner Ort oder liebliche Aussicht. Doch später fanden Historiker raus, dass sich der Mann geirrt hat. Vermutlich meinte er wohl ein anderes, ähnlich klingendes Wort, nämlich Waliska statt Williska. Und das heißt nicht schön, es heißt böser Ort.
Ja, ob das ein Fehler in der Übersetzung war, ob das zufällig passiert ist oder ein böses Vorzeichen. Denn schon bald wird dieser Ort, der auf Postkarten und in Reiseführern noch wie ein Bilderbuch-Idyll wirkt, für immer mit einem der grausamsten Verbrechen Nordamerikas verbunden sein. Es ist Montag, der 10. Juni 1912. Noch vor Sonnenaufgang geht Mary in ihren Garten, um Wäsche aufzuhängen. Um 5 Uhr ist das schon fast ein Ritual. Doch heute fällt ihr etwas auf. Das Haus ihrer Nachbarsfamilie, das sonst voller Leben und Kinderlärm ist, ist merkwürdig still. Fast schon unheimlich still.
Mary schiebt den Gedanken aber schnell beiseite und hängt weiter ihre Wäsche auf. Sie bemerkt erst eine Stunde später, dass noch immer kein Laut von nebenan zu hören ist. Keine Schritte und auch kein Lachen. Nur die Tiere sind unruhig, die Pferde wiehern hungrig in der Scheune. Jetzt wächst auch an Mary ein ungutes Gefühl.
Gegen sieben Uhr morgens entschließt sie sich, mal rüber zu gehen und nachzusehen. Sie klopft an die Tür ihrer Nachbarn. Aber keine Antwort. Sie will die Türklinke betätigen, aber die Türen sind verschlossen. Auch die Fenster sind verhängt. Sie kann keinen Blick von draußen ins Innere des Hauses werfen. Kurz vor acht ruft sie schließlich Ross an. Das ist der Bruder ihres Nachbarn, der heißt Josiah. Ross macht sich sofort auf den Weg. Auch er findet die verschlossenen Türen und die zugezogenen Vorhänge irgendwie merkwürdig. Schließlich zieht er einen Ersatzschlüssel aus der Tasche und öffnet die Tür. Mary bleibt draußen auf der Veranda stehen, während Ross vorsichtig ins Haus hineingeht. Es sind nur ein paar Schritte durch den Flur bis zum ersten Raum. Dann stößt Ross die Tür zum Gästezimmer auf. Im Halbdunkel erkennt er zwei Gestalten auf dem Bett. Körper zugedeckt mit einem Laken. Für einen Moment kann er nicht begreifen, was er da sieht. Dann fällt sein Blick auf eine Hand, die schlaff unter dem Laken hervorragt. Regungslos und blutverschmiert. Ein schwerer, metallischer Geruch liegt in der Luft. Eindeutig Blut.
Ross sieht dunkle Flecken, die sich schon in die Bettwäsche gefressen haben. Ross stolpert zurück. Sein Gesicht wird in diesem Moment vermutlich kreidebleich. Er schlägt die Tür zu und stürzt nach draußen auf die Veranda. Dort steht ja noch Mary und wartet. Als er sie sieht, ringt er nach Luft und die Worte kommen kaum heraus. Er sagt, etwas Schreckliches ist passiert. Ross schickt sofort jemanden los, um den Marshal der Stadt zu holen. Der war damals der wichtigste Gesetzeshüter der Stadt. Wenig später durchsucht der das ganze Haus. Als er wieder nach draußen tritt, sagt er nur einen Satz, nämlich, in jedem Bett liegt jemand ermordet. Im Inneren des Hauses liegen acht Menschen. Der Vater Josiah, 43 Jahre alt, seine Frau Sarah, 39, ihre vier Kinder, Herman, elf, Catherine, zehn, Boyd, sieben und Paul, fünf Jahre alt. Außerdem sind bei ihnen noch zwei Übernachtungsgäste, Freundinnen der zehnjährigen Catherine. Es sind die Schwestern Lena, zwölf, und Ina, acht. Sie alle liegen tot in ihren Betten. Diese Grausamkeit lässt sich nicht in Worte fassen.
Was den Männern im Haus sofort auffällt, ist nicht nur das Blut, es ist die seltsame Ordnung, die über der Szene liegt. Jedes Opfer wurde sorgfältig bis oben hin zugedeckt, als wollte jemand die Gesichter verbergen. Außerdem sind alle Spiegel verhängt. Sogar die Fenster wurden abgedeckt, mit Kleidern oder Decken, die hastig über die Scheiben geworfen wurden. Es wirkt so, als hätte jemand das ganze Haus in eine dunkle Hülle gepackt. Warum macht jemand sowas? Will er verhindern, dass jemand von draußen hineinsehen kann? Kann er es selbst nicht ertragen, die Gesichter seiner Opfer anzusehen? Oder hat es eine tiefere, unheimlichere Bedeutung, wie ein makaberes Ritual, das niemand anderes versteht? Für die, die es mit eigenen Augen sehen, muss das wirklich entsetzlich gewesen sein. Ein Bild, das man nie wieder los wird.
Und während die ersten Schreckensnachrichten durchsickern, passiert etwas, das den Fall für immer verändern wird. Gegen 8.40 Uhr am selben Tag löst das Telefonbüro von Willisga einen sogenannten All-Call aus. Das war damals ein Sammelruf, ein Signal an jedes Telefon im Ort. Der sogenannte All-Call war eigentlich für Notfälle gedacht. Ein Sammelruf, mit dem das ganze Dorf auf einmal informiert werden konnte. Doch an diesem Morgen sorgt er nicht für Ordnung, sondern für Chaos. Alle Leitungen klingeln gleichzeitig, jeder hebt ab und jeder hört die gleiche Durchsage. Die Botschaft, die die Bewohnern hören, lautet, in Riliska hat es ein Massaker gegeben.
Minuten später strömen die ersten Nachbarn herbei. Es werden schnell immer mehr. Fast 100 Menschen drängen sich erst vor und dann sogar durch das Haus der ermordeten Familie. Neugier treibt sie an, aber auch Angst und vor allem die Frage, wer kann sowas tun? Ist der Täter womöglich noch hier? Ist der Täter ein Fremder? Oder etwa einer von uns? Das Haus verwandelt sich in das reinste Chaos. Die Leute laufen durch die Zimmer, direkt an den Leichen vorbei, die noch immer hier in den Betten liegen. Das kann man sich fast gar nicht vorstellen.
Einige fassen sogar verschiedene Gegenstände an, hinterlassen damit ja ihre eigenen Fingerabdrücke. Später heißt es, ein paar Leute hätten sogar Teile von Josias Schädel als makabre Erinnerungsstücke mitgenommen. Von diesem Moment an ist der Tatort natürlich zerstört. Spuren, die hätten helfen können, werden ausgelöscht. Fingerabdrücke, Fußabdrücke, vieles davon geht im Gedränge unter. Ein Tatort, der schon am ersten Tag im Chaos versinkt. Es dauert auch nicht lange, bis weitere Menschen ins Haus gerufen werden. Ärzte, der Pfarrer der Gemeinde und der Prediger zum Beispiel. Und natürlich viele Schaulustige. Erst gegen 9 Uhr morgens trifft der County Coroner ein. Ein Leichenschaubeamter, kein Arzt im klassischen Sinne, das ist ein gewähltes Amt. Seine Aufgabe ist es, Todesfälle zu untersuchen. Er ordnet Obduktionen an und leitet später den Inquest, eine Art öffentliche Anhörung mit Geschworenen, die die Todesursache feststellen sollen.
Der Coroner ist entsetzt über das Chaos am Tatort. Er verlangt, dass sofort die Nationalgarde eingesetzt wird. In Willisga gibt es eine eigene Kaserne. Und so stehen gegen halb elf tatsächlich Soldaten rund um das Haus und sichern die Straße ab. Doch da ist es längst zu spät. Vieles, was an Spuren hätte helfen können, ist inzwischen verwischt, zerstört und für immer verloren. Trotzdem durchsuchen die Beamten das Haus natürlich. Und sie werden trotzdem noch einiges finden. Inzwischen versuchen die Ermittler, das Geschehen zu rekonstruieren.
Familienoberhaupt Josiah ist einer der bekanntesten Geschäftsmänner im Ort. Er führt ein Landmaschinen- und Eisenwarengeschäft. Er ist Franchise-Nehmer von einer der bekanntesten US-Firmen. Er war früher jahrelang angestellt, bevor er sich mit dem Franchise selbstständig gemacht hat. Seine Frau Sarah ist im Gemeindeleben der Kirche aktiv und organisiert dort das Kinderprogramm. Die beiden wohnen seit 1903, also seit neun Jahren, in ihrem Haus in Willisga. Die Familie ist gut vernetzt und ein bekannter großer Familienclan im Ort. Eltern, Geschwister, alle sind in der Nähe. Nachbarn hatten die Familie am Abend, am 9. Juni 1912, noch lebend gesehen. Gemeinsam mit Freunden der zehnjährigen Tochter Catherine haben die Eltern Josiah und Sarah und die anderen Kinder ein Kinderprogramm in der Kirche besucht, nur ein paar Straßen vom Haus entfernt. Mutter Sarah hatte die Feier selbst organisiert und die Kinder sind aufgetreten. Sie sagten unter anderem Verse auf. Gegen halb zehn am Abend hat sich die Gesellschaft aufgelöst. Die Familie von Josiah und Sarah und die beiden Mädchen sind zusammen nach Hause gegangen. Vielleicht gab es vorm Zu-Bett-Gehen noch ein Glas Milch und einen Keks. Dann sind alle schlafen gegangen.
Die Gerichtsmedizin legt den Todeszeitraum auf die Nacht zwischen Mitternacht und den frühen Morgenstunden fest. Ob zwischen 0 und 2 Uhr oder zwischen 0 und 5 Uhr, variiert je nach Quelle. Sicher ist, die Opfer wurden im Schlaf überrascht. Nur ein einziges Opfer zeigt Abwehrverletzungen. Lena, eine der Freundinnen. Während der Hausdurchsuchung stoßen die Ermittler schließlich auch auf die Mordwaffe. Im Gästezimmer, dort, wo die beiden Mädchen, also die Freundinnen liegen, da lehnt eine Axt an der Wand. Es ist die Axt des Vaters, Josiah, die normalerweise draußen im Schuppen gelagert wird. Der Täter hat sie nach der Tat gründlich gereinigt. Leider befinden sich weder ein Fingerabdruck noch irgendein anderer Hinweis darauf, wer sie benutzt haben könnte.
Die Polizei versucht also, die Tat zu rekonstruieren. Der Täter beginnt vermutlich oben im Schlafzimmer der Eltern. Vater Josiah wird mit einer Brutalität zugerichtet, die alle anderen Opfer übersteigt. Während die übrigen mit der stumpfen Seite der Axt erschlagen werden, trifft Josiah die Schneide. Über 30 Hiebe. Sogar die Decke trägt Spuren. Es gibt Kerben vom Ausholen. Mutter Sarah liegt daneben. Sie wurde erschlagen, vermutlich ohne je wach geworden zu sein. Danach muss der Täter zu den Kinderzimmern gegangen sein. Vier Betten, vier Schläge. Alles spricht dafür, dass sie im Schlaf gestorben sind. Danach muss er sich das Gästezimmer unten vorgenommen haben. Dort haben die Freundinnen Ina und Lena geschlafen. Ina ist vermutlich im Schlaf gestorben, Lena aber nicht. Sie liegt quer im Bett und ihr Arm weist Spuren eines Abwehrversuchs auf. Später wird vermutet, dass sie nach dem Tod noch bewegt wurde. Ihr Nachthemd ist hochgeschoben worden und ihre Unterwäsche fehlt. Die Ermittler denken zunächst an ein sexuelles Motiv, doch spätere Untersuchungen finden keinen Beweis dafür. Als wäre das alles nicht furchtbar genug, kehrt der Täter dann wahrscheinlich noch einmal zurück ins Schlafzimmer der Eltern. Wieder und wieder schlägt er auf Josiah ein. So lange, bis sogar ein Schuh am Bett voller Blut überquillt.
Anschließend wird jede Leiche sorgfältig zugedeckt. Auch Fenster, Türen und Spiegel. So als wollte jemand die Welt draußen ausschließen. Die Ermittler finden aber noch etwas anderes. In einer Ecke im Gästezimmer steht eine Lampe. Der Glaszylinder wurde abgenommen und der dort so weit heruntergedreht, dass nur ein Schimmer Licht bleibt. Vielleicht hat sich der Täter so durch das Haus bewegt, nur mit einem kaum sichtbaren Schimmer. In der Küche finden die Ermittler eine Schüssel mit blutigem Wasser. Der Täter muss sich nach der Tat damit offenbar die Hände gewaschen haben. Auf dem Tisch finden die Polizisten außerdem ein angerichtetes Essen. Aber unberührt. Einige Berichte schreiben sogar von einem Stück Speck, das im Gästezimmer neben der Axt gelegen haben soll. Aber nirgendwo können die Ermittler Fingerabdrücke finden. Auch Wertsachen fehlen keiner. Sie finden aber einen Teil eines Schlüsselanhängers, das der Familie offenbar nicht gehört hat. Und dann sind da noch die Spuren, die für immer ein Rätsel bleiben werden. In der Scheune entdecken die Ermittler nämlich eine Mulde im Heu, direkt neben einem Astloch. Von dort kann man direkt ins Haus sehen. Es wirkt so, als hätte jemand dort gelegen, das Haus beobachtet und gewartet.
Auf dem Dachboden des Hauses sollen außerdem zwei Zigarettenstummel gelegen haben. Oder vielleicht auch nicht, denn einige Berichte erzählen davon, andere wiederum gar nicht. Sollte es sie gegeben haben, dann würde das bedeuten, dass der Täter im Haus gewartet hat, bis sich alle Bewohner und Bewohnerinnen schlafen gelegt haben. Die Ermittler sehen auf der einen Seite unfassbare Gewalt und gleichzeitig aber fast schon penible Ordnung. Ein Blutbad, das auf sie wirkt wie ein Ritual. Ein Täter, der sich Zeit nimmt, der abdeckt, der erwäscht, der fast unbemerkt verschwindet. Ein Mörder, der die Tür hinter sich abschließt und dann ungesehen verschwindet. So wird die Tat auch im sogenannten Inquest beschrieben. Mittlerweile ist der 11. Juni 1912, der Tag nach dem Pfund der Leichen. Im Gerichtsgebäude von Willisgar findet jetzt diese öffentliche Anhörung statt, geleitet vom Coroner. Eine Jury sitzt dabei und Zeugen werden aufgerufen, um die Ereignisse dieser schrecklichen Nacht so gut wie möglich zu rekonstruieren.
Den Anfang macht Mary, die Nachbarin. Sie sagt, sie habe die Familie zuletzt gesehen, als sie vor zwei Tagen zur Kirche aufgebrochen ist. Danach sei sie früh ins Bett gegangen. In der Nacht habe sie nichts gehört. Erst am nächsten Morgen habe sie bemerkt, wie still es im Nachbarhaus war. Als nächstes sagt ein Angestellter von Josiah aus, der mit ihm in seinem Geschäft arbeitet. Er erzählt von Anrufen am Morgen. Zuerst habe Mary im Laden angerufen und nach Josiah gefragt. Dann habe er bei Josias Eltern angerufen. Schließlich sei er selbst zum Haus gegangen und habe die Pferde gefüttert. Und er erwähnt etwas, das später noch wichtig werden wird. Denn Josias habe ihm einmal gesagt, er fühle sich von seinem Schwager bedroht. Es gehe um Rache, habe er gesagt. Dann folgt einer der Ärzte, der als erstes am Tatort war. Er schildert, wie er zusammen mit dem Marshal ins Haus gegangen ist. Er beschreibt, dass die Köpfe der Toten völlig zertrümmert waren und dass Decken über die Gesichter gelegt wurden. Die Jury fragt nach Gerüchen und ob ein Betäubungsmittel im Spiel war. Der Arzt verneint. Er habe keinen Geruch wahrgenommen, der darauf hindeuten würde.
Toxikologische Untersuchungen waren damals aber noch kein Teil der Routine. Dann sagen Josias Geschwister aus. Vor allem auch Ross, der die Leichen ja gefunden hat. Aber sie kennen keine Feinde oder Streitigkeiten, die Josiah das Leben hätten kosten können. Es folgen Zeugen aus der Nachbarschaft. Ein Nachbar erzählt, dass er in der Mordnacht gegen 11 Uhr nachts ein merkwürdiges Geräusch gehört hat. Damals hielt er es für irgendwelche Rufe der Jungen draußen. Erst später, als er vom Massaker erfuhr, dachte er, vielleicht war es doch das Stöhnen einer Frau. Andere berichten, sie hätten Fremde in der Gegend gesehen. Zwei Männer, die niemand im Ort kannte. Eine Nachbarin berichtet sogar, sie habe einen der Fremden reden hören. Sie hätten sowas gesagt wie, erst nehmen wir uns Josiah vor, der Rest ist dann einfach. Doch das klingt ehrlich gesagt mehr nach Gerücht als nach einer wirklichen Beobachtung. Zum Schluss sagt auch der Vater von den beiden ermordeten Freundinnen Ina und Lena aus. Die Jury erfährt, dass Josiah am Sonntagabend angerufen habe, ob die Mädchen über Nacht bleiben dürfen. Der Vater sorgt aus, dass seine Frau am nächsten Morgen mehrfach im Haus angerufen habe. Doch niemand hat abgenommen. Das muss so grauenvoll gewesen sein, dass die eigenen Töchter von der Übernachtung bei Freunden nie wieder zurück nach Hause kehren.
Als die Zeugen durch sind, da steht für die Jury fest, alle acht Opfer starben durch massive Kopfverletzungen. Sie wurden im Schlaf überrascht. Nur Lena wehrte sich. Raub wird übrigens als Motiv ausgeschlossen, denn Geld und Wertsachen wurden ja nicht entwendet und die Haustür war nach der Tat verschlossen. Die wichtigste Frage ist also, wer hat das getan und warum? Nach der Anhörung bleibt ein Raum voller Fragen und eine Stadt, die Namen braucht. Verdächtige, Motive, irgendetwas, das Sinn ergibt. Die Ermittler arbeiten sich von nahe nach fern. Sie starten also in der Familie. Da ist Josias Schwager Sam. Zwischen ihm und Josia gibt es offenbar Spannung. Auch beim Inquest hat hier ein Angestellter von Josia von Drohungen gesprochen. Also wird der Schwager vorgeladen, befragt und sein Weg in der Tatnacht abgeklopft. Doch diese Spur ist schnell abgehakt, denn das Alibi des Schwagers hält. So schmerzhaft nah dieser Verdacht auch liegt, er wird nicht bestätigt. Der Blick der Polizei wandert aus der unmittelbaren Nähe der Familie auf die Hauptstraße, zu Frank. Frank ist Kaufmann, Politiker und in Villisca eine Institution. Jahre zuvor hat Josiah in seinem Laden gearbeitet. Er ist der Star-Verkäufer, bis er geht und direkt gegenüber sein eigenes Geschäft aufmacht.
Josiah bekommt das begehrte Franchise-Geschäft, das auch sein Ex-Chef Frank gerne gehabt hätte. Das ist also nicht nur ein geschäftlicher Verlust, sondern auch ein Gesichtsverlust für Frank.
In einem Ort, in dem jeder jeden kennt, bleibt sowas natürlich nicht unkommentiert. Dazu kursiert ein weiteres Gerücht, das allerdings nie belegt wird. Nämlich eine Affäre zwischen Josiah und der Schwiegertochter von Frank. Die Stadt spaltet sich. Die einen halten Frank für unfassbar gekränkt, die anderen für unfähig, einen so grausamen Mord zu begehen. Eine Grand Jury schaut sich den Fall also an. Es kommt aber nicht zur Anklage. Aber der Schatten bleibt und frisst sich in die lokale Politik. Aus der Feder wird eine Geschichte, die Willisga noch jahrelang teilt. Wenn Frank es nicht selbst war, dann vielleicht jemand in seinem Auftrag? So vermutet es 1916, vier Jahre nach den Morden, ein Privatdetektiv. Er arbeitet für die berühmte Burns Detective Agency und er ist überzeugt, Frank hat den Killer bezahlt.
Der Name des angeblichen Killers soll William lauten, auch genannt Blackie. Ein Mann mit kriminaler Vergangenheit, gewalttätig und unberechenbar. Zwei Jahre nach den Willisker-Morden gerät Blackie im benachbarten Bundesstaat Illinois selbst in die Schlagzeilen. Seine Frau, sein Schwiegervater, seine Schwiegermutter und sogar sein eigenes Kind werden alle erschlagen, und zwar mit einer Axt. Blackie ist der Hauptverdächtiger, wird aber nicht verurteilt. Für den Privatdetektiv ist die Sache klar. Genau dieser Mann muss auch hinter den Morden in Willisga stecken. Die Parallelen sind zu auffällig. Eine ganze Familie wird ausgelöscht, immer mit einer Axt, die Gesichter zugedeckt und Spiegel verhängt. Der Detektiv fügt Fall an Fall zusammen und baut so die Theorie eines Serienkillers auf, der im Auftrag von Josias Ex-Chef Frank nach Willisga gekommen sei.
Blackie wird also verhaftet und zur Polizei gebracht. Doch dann fällt die Anklage in sich zusammen. Denn Blackie kann belegen, dass er zur Tatzeit in Illinois, also über 700 Kilometer entfernt, gearbeitet hat. Die Lohnlisten sind eindeutig. Ein Alibi, das niemand widerlegen kann. Blackie wird entlassen und später bekommt er sogar Geld zugesprochen, weil der Privatdetektiv ihn zu Unrecht beschuldigt hat. Eine Theorie, die fast wie aus einem Kinofilm klingt, kann in der Realität also ganz einfach widerlegt werden. Einer der auffälligsten Verdächtigen ist ein Mann, der von Anfang an durch sein Verhalten für Unruhe sorgt. Nämlich Reverend George. Er ist ein englischer Wanderprediger und bekannt für sein seltsames, manchmal auch verstörendes Auftreten. Schon früher wurde er beim Spannen erwischt und Nachbarn erinnern sich daran, wie er Mädchen angesprochen hat, ob sie sich nackt für ihn zeigen würden. Er ist intelligent, aber psychisch labil und er ist mehrmals Patient in psychiatrischen Kliniken.
Am Abend vor den Morden hält der Prediger sich in Williska auf. Er besucht denselben Kindergottesdienst, den auch Josias Familie besucht. Mutter Sarah hatte ja das Programm organisiert und ihre Kinder sind dort aufgetreten. Am nächsten Morgen steigt der Reverend dann sehr früh in einen Zug und fährt aus der Stadt. Und dort, so berichten Mitreisende, spricht er plötzlich von acht Menschen, die in ihren Betten erschlagen wurden. Also zu einem Zeitpunkt, als die Leichen offiziell noch gar nicht entdeckt waren. Das ist aber nur der Anfang. In den Wochen danach fängt der Reverend an, lange und wirre Briefe zu schreiben. An Ermittler, aber auch an die Hinterbliebenen. In seinen Briefen beschreibt er Details, spekuliert über die Tat und wirkt fast besessen. Vieles davon ist unheimlich genau. So genau, dass die Polizei sich fragt, woher weiß er das alles? Und warum kann er nicht aufhören, darüber zu schreiben? Vielleicht ist es eine Art Obsession, vielleicht eine Mischung aus Aufmerksamkeitssucht, religiösem Wahn oder Voyeurismus. Wenige Tage nach der Tat taucht dann ein blutiges Hemd in einer Reinigung auf. Der Name, unter dem das Hemd abgegeben wird, Reverend George. Ein weiterer Makel auf einer ohnehin langen Liste.
Werbung. Werbung Ende. Aber als wäre das nicht genug, kehrt der Prediger später tatsächlich nach Willisga zurück. Er mischt sich unter die Schaulustigen und gibt sich sogar als Ermittler von Scotland Yard aus, um ins Haus und damit ja an den Tatort zu kommen. Alles, was er tut, wirkt irgendwie bizarr. Es scheint fast so, als ob er unbedingt mit dem Mord in Verbindung gebracht werden will. Man könnte fast denken, er will die Polizei provozieren, die ihn ohnehin ja schon auf dem Kieke hat. Doch es dauert, bis die Justiz ihn wirklich anklagt. Erst 1917, fünf Jahre nach der Tat, sitzt der Reverend in Untersuchungshaft. Er wird stundenlang verhört, immer wieder, bis er schließlich ein Geständnis unterschreibt. Darin beschreibt er, wie er zuerst die Kinder oben erschlagen habe, dann die Eltern, dann die beiden Mädchen unten. Er behauptet, Gott habe ihm befohlen, die Kinder zu schlachten.
Aber schon kurz darauf widerruft er alles. Vor Gericht bleibt nicht viel übrig, außer einem Geständnis, das unter enormem Druck zustande kam, ein paar verdächtigen Briefen und seinem sonderbaren Verhalten. Der erste Prozess endet in einer sogenannten Hung-Jury. Die Geschworenen können sich also nicht einstimmig für ein Urteil entscheiden. Und das Verfahren wird abgebrochen. Es gibt dann einen zweiten Prozess und der endet mit einem Freispruch. Der Reverend verlässt den Gerichtssaal also als freier Mann.
1917, dem Jahr, als der Reverend festgenommen wird, gerät noch ein anderer Mann mit den Morden in Verbindung und in die Schlagzeilen. Ein Mann namens Henry Lee. Er wurde in Columbia, Missouri verurteilt, weil er seine eigene Mutter und seine Großmutter mit einer Axt erschlagen hatte. Sein Motiv war dabei Habgier. Er wollte das Haus der Familie bekommen. Schon einige Jahre zuvor, 1913, da gab es den Verdacht, dass Henry Lee vielleicht nicht nur ein einmaliger Täter sei, sondern für eine ganze Serie von Axtmorden im Mittleren Westen verantwortlich sein könnte.
Ein Special Agent vom Bureau of Investigation, dem Vorläufer des FBI, hat diese Serienmordtheorie geprägt. Zwischen 1911 und 1912 wurden in mehreren Städten Familien erschlagen. Unter anderem in Colorado Springs, Monmouth, Ellsworth und Paola. Immer wieder tauchen Parallelen zu den Morden in Willisga auf. Überfälle in der Nacht, ganze Familien im Schlaf ermordet, teilweise abgedeckte Gesichter oder Spiegel. Für einige passte das Muster. Ein Wanderer, ein Serienmörder, der immer wieder zuschlägt und schließlich nach Willisga weiterzieht. Doch in dem Fall, für den Henry verurteilt wurde, ging es um ein sehr persönliches, handfestes Motiv. Nämlich das Erbe seiner Familie. Dass er zugleich ein ziellos durchs Land ziener Serienkiller gewesen sein sollte, wirkte auf viele Ermittler widersprüchlich. Angeklagt für die Morde in Willisga wurde er nie. Die Theorie bleibt bis heute eher ein Gedankenspiel. Interessant, weil es die Axtmorde in einen größeren Zusammenhang stellt, aber nie durch Beweise gestützt werden konnte. Neben den großen Namen gibt es aber auch die Kleinverdächtigen. Männer, die nur kurz im Rampenlicht stehen, viel Verdacht auf sich ziehen und dann wieder fallen gelassen werden. Einer von ihnen ist Andy.
Andy ist ein Tagelöhner aus der Gegend, der jede Zeitungsmeldung über Willisga verschlingt und unablässig davon redet. Er zeigt auf einer Zugfahrt durch die Stadt sogar angebliche Fluchtwege des Täters. Sein Vorarbeiter wird daraufhin misstrauisch und lässt ihn festnehmen. Doch der Verdacht zerbricht schnell. In der Mordnacht saß Andy wegen Landstreicherei nämlich im Gefängnis. Ein Alibi, das ja wirklich wasserdicht ist. Ähnlich ergeht es einem Mann namens Joe. Er wird wenige Tage nach dem Massaker im 150 Kilometer entfernten Monmouth, Illinois, von der Polizei festgenommen.
Sein Verhängnis sind blutverschmierte Schuhe. Auch er wird schließlich wieder freigelassen, weil man ihm nichts nachweisen kann. Und dann sind da die Geständnisse, die aus dem Nichts auftauchen und genauso schnell wieder verschwinden. Ein Mann auf dem Sterbebett, der angeblich alles beichtet. Jahre später ein Häftling in Detroit, der erzählt, er sei für 5000 Dollar angeheuert worden, um die Familie zu töten. Doch die Geschichten halten nie stand. Ohne Namen, ohne belastbare Details. Jedes Mal zerbröseln sie bei genauerem Hinsehen. Was bleibt, ist eine größere, unheimliche Frage, die schon damals viele beschäftigt. War Willisga überhaupt ein Einzelfall? Oder war es Teil einer ganzen Serie von Axtmorden, die sich zwischen 1911 und 1912 wie ein Muster entlang der Eisenbahn schienen durch den Mittleren Westen ziehen? Genau dort setzen wir als nächstes an, nämlich bei der These eines Serienmörders. Denn plötzlich sieht es so aus, als ob Willisga nur eine Station auf einer viel größeren, tödlichen Route gewesen sein könnte.
Ermittler und auch später Forschende denken darüber nach. Denn zwischen 1911 und 1912, da taucht ein Muster auf, das einem echt Gänsehaut bereitet. Überfälle auf ganze Familien, immer nachts, immer in ihren Betten. Der Täter kommt und geht, wie ein Schatten, und zurück bleiben immer dieselben Spuren.
Gesichter verhüllt, Spiegel abgedeckt, die Axt am Tatort zurückgelassen. Eine Lampe ohne Glaszylinder, der dort heruntergedreht. Da ist Colorado Springs im September 1911. Zwei Nachbarfamilien werden ausgelöscht. Dann Monmouth, Illinois, nur zwei Wochen später, 400 Kilometer entfernt, eine Familie erschlagen mit einem Eisenrohr. Im Oktober 1911, Ellsworth, Kansas, 500 Kilometer entfernt, Vater, Mutter, drei Kinder, alle zugedeckt, die Waffe sorgfältig gesäubert. Und dann, nur wenige Tage vor Willisgar, Paula, Kansas, 300 Kilometer entfernt. Ein Mann und eine Frau, erschlagen im Schlaf. Türen verschlossen, Fenster verhängt und die Axt neben dem Bett. All diese Orte haben noch etwas gemeinsam. Sie liegen direkt an den Bahnlinien. Das bedeutet Züge, die nachts halten, und Fremde, die niemand kennt. Ein Mörder, der einfach aufspringt und mit dem nächsten Zug verschwindet. Ihr wisst ja bereits, dass 1913 ein Ermittler des Bureau of Investigation diese Fälle sammelt. Er erkennt ein Muster.
Heute greifen Historiker und Autoren diesen Faden wieder auf. Die Forscherin Beth Kingsmith zählt bis zu zehn solcher Fälle, von Kansas bis in den Nordwesten der USA.
Der Autor Troy Taylor schreibt in seinem Buch Murdered in their Beds von einem unsichtbaren Ex-Man, der wie ein Gespenst durch den Mittleren Westen zog. Und 2017 formuliert Journalist Bill James in seinem Buch The Man from the Train eine spektakuläre These. Er glaubt, all diese Morde, auch Willisga, könnten auf einen bestimmten Mann zurückgehen. Einen deutschen Einwanderer namens Paul. Ein Wanderarbeiter, der schon in Massachusetts unter Mordverdacht stand und dann spurlos verschwunden ist. Der Journalist vermutet, dass Paul mit den Nachtzügen gefahren ist und so Familien quer durchs Land getötet hat. Das alles sind und bleiben aber Spekulationen. Aber die Parallelen, die sind ziemlich unheimlich. Die Spuren wiederholen sich fast wie ein Ritual. Ein Täter, der nicht aus Willisca kam, einer, den niemand kannte und der gerade deswegen nie gefasst wurde. Das beunruhigt auch die Menschen in Willisca und im ganzen Staat. Aber nicht nur in Iowa, sondern auch in den gesamten USA.
Wie sehr zeigt sich in den Zeitungen. Zwei Monate vor den Morden war die Titanic gesunken. Die größte Katastrophe ihrer Zeit. Doch kaum sind die Leichen in Willisca gefunden, verdrängt das Massaker selbst diese Schlagzeilen von den Titelseiten. Überall liest man von der Axtstadt Willisca. Die Stadt spaltet sich, vor allem an der Frage, ob der angesehene Geschäftsmann und Politiker Frank etwas mit der Tat zu tun hatte. Diese Risse bleiben ja über Jahre sichtbar.
Auch wirtschaftlich hinterlässt die Tatspuren. Willisga hatte gerade seine Blütezeit erreicht. Das kleine Städtchen war wohlhabend und ein regionales Zentrum. Nach dem Massaker strömen zunächst die Schaulustigen herbei, aber bald versiegt der Alltagstourismus und die Menschen meiden den Ort. Die Kaufkraft sinkt und mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs gehen viele fort und suchen Arbeit in größeren Städten. Willisga schrumpft, ein Prozess, der bis heute anhält.
Heute leben nur noch rund 1200 Menschen hier. Zur Tatzeit waren es zweieinhalbtausend. Der Name des Ortes ist für immer mit der Tat verknüpft, wie ein Brandmal. Und dieser Schrecken hat nie aufgehört zu wirken. Denn das Haus, der Tatort steht noch immer. Und mit ihm die Geschichten. Von Geistern, unsichtbaren Stimmen und kalten Schatten. Manche sagen, dass es in Williska spukt. Über jahrzehntelang verfällt das kleine Holzhaus von Josias Familie an der East Second Street in Willisgar. Es wechselt mehrere Male die Besitzer, wird zwischenzeitlich als Mietobjekt genutzt und steht dann wieder leer. Manchmal nur Wochen, manchmal aber auch Jahre. In den 1960er und 70er Jahren dient es zum Beispiel als billige Unterkunft. Doch immer wieder ziehen die Mieter fluchtartig aus. Manche berichten von unerklärlichen Geräuschen, von Schritten in der Nacht, obwohl niemand da war, von Türen, die sich von selbst öffnen und schließen. Ein Mann will eines Abends in der Küche gekocht haben, als ein grelles Licht aufgeflackert ist. Er fiel dann in eine Art Trance und kam erst wieder zu sich, als er mit einem Messer in der Hand verletzt am Boden lag.
Solche Geschichten machen die Runde, verstärken den Ruf des Hauses als unheimlicher Ort und treiben viele Bewohner schnell wieder hinaus. Andere berichten von kalten Zonen im Haus, in denen der Atem zu sehen ist, obwohl draußen Sommer ist. Von Kinderstimmen, die flüstern, wenn das Haus eigentlich leer ist. Und von Schritten auf der Treppe, die stoppen, sobald man das Licht der Taschenlampe hebt. Ende 1994 steht das Haus kurz vor dem Abriss. Da greift das Ehepaar Martha und Darwin Lin zu. Er ist Immobilienmakler und nebenbei lokaler Historiker. Beide betreiben ein kleines Museum in Willisgar. Sie kaufen das Gebäude und beginnen eine aufwendige Restaurierung. Vinylverkleidungen, Stromleitungen, Badezimmer, alles, was in dem Haus im 20. Jahrhundert modernisiert wurde, wird entfernt. Stattdessen rekonstruieren die Linz mit Fotos und Zeitzeugenberichten den Zustand von 1912.
Außenfassade aus Holz, Nebengebäude wie Hühnerstall und Plumpsklo, Räume ohne Elektrik oder Wasseranschluss. Ein lebendes Museum, das genau so aussieht wie in der Nacht der Morde. 1997 wird das Haus mit einem Preis für historische Erhaltung ausgezeichnet. Ein Jahr später noch ins National Register of Historic Places aufgenommen. Das ist das offizielle Verzeichnis der erhaltenswerten Kulturdenkmäler in den USA.
Damit ist das Mordhaus nicht nur lokal geschützt, sondern auch als nationales Denkmal anerkannt. Von da an öffnen die Linz die Tür für Besucher. Tagsüber gibt es Führungen. Nachts kann man, wenn man den Mut hat, im Mordhaus übernachten. Und genau da beginnt das zweite Leben des Hauses. Nicht als Museum, sondern als Spukort. Besucher berichten von unerklärlichen Geräuschen. Schritte, Stimmen, Kinder lachen. Manche schwören, eine kalte Hand gespürt zu haben. Ghost-Hunter-Teams rücken mit Kameras und EMF-Messgeräten an, drehen Fernsehfolgen und YouTube-Videos. Podcasts erzählen von Übernachtungen, bei denen Gäste kaum ein Auge zumachen können.
EMF steht übrigens für Electromagnetic Field Detectors. Die Geräte messen elektromagnetische Felder, also Schwankungen in elektrischen oder magnetischen Energien. In der Paranormalforschung werden sie oft eingesetzt, weil Geisterjäger glauben, dass übernatürliche Erscheinungen solche Felder beeinflussen oder Störungen verursachen können. Einige Vorfälle sind besonders gespenstisch. 2014 sticht sich ein Besucher, ein selbsternannter Geisterjäger, in genau dem Zimmer, in dem die beiden Mädchen, Ina und Lena, ermordet wurden, mit einem Messer selbst in die Brust. Er überlebt schwer verletzt und sagt später, er könne sich gar nicht erinnern, warum er das getan habe. Heute ist das Willisga-Ex-Mörderhaus ein Magnet für den sogenannten Dark Tourism.
2024 übernimmt ein Unternehmer das Haus. das jetzt Teil einer US-Ghost-Adventures-Reihe historischer Spukorte ist. Für knapp 200 Dollar pro Nacht kann man ein Zimmer mieten und wer will, für 600 Dollar gleicht das ganze Haus. Ohne Komfort. Es gibt kein fließendes Wasser und keine Elektrik im Haus. Nur das nackte 1912. Stattdessen knachende Dielen, Finsternis und das Wissen, dass hier acht Menschen auf brutalste Art und Weise ermordet wurden.
Die Nachfrage ist aber trotzdem groß. Fernsehsender, Blogger, Influencer, alle zieht es nach Willisga. Für die Stadt bedeutet das natürlich neue Einnahmen und ein Stück touristische Identität. So bleibt das Haus, mehr als 100 Jahre nach der Tat, beides zugleich. Ein Mahnmal für eines der grausamsten Verbrechen Iowas und eine Bühne, auf der sich das Unheimliche, das Spektakuläre und das Kommerzielle mischen. Manche suchen dort Geschichte. Andere suchen Gänsehaut. Der Fall selbst konnte leider nicht gelöst werden. Bis heute gibt es drei große Lager. Die einen halten an Frank als Täter fest, den mächtigen Geschäftsmann. Andere sind überzeugt, dass der Reverend der wahre Täter war. Und wiederum andere glauben an den Fremden, den Serienmörder, der mit den Nachtzügen kam und wieder verschwand. Das Haus in Willisga steht noch immer. Dort sind die Grenzen zwischen Erinnerung, Aufarbeitung und Schaulust fließend.
Bei den ganzen Theorien im Fall. Also ich gehe einfach mal davon aus, dass wir jetzt nicht der gleichen Theorie anhängen. Würde mich interessieren, wer sagst du oder wer vermutest du war es eher? Ach, das ist eine schwierige Frage. Also wir haben ja schon im Fall gehört heute oder in der Folge, dass viele Personen verdächtigt wurden. Was ich schon beachtlich finde, weil der Tatort ja gar nicht mehr so viel hergegeben hat. Also es gab ja gar nicht mehr viele Beweise oder Hinweise oder Spuren für die Ermittler. Deswegen finde ich das schon mal krass, dass da trotzdem noch so viele Leute verdächtigt wurden. Und die lange Pause schneide ich jetzt raus, die es hier gerade in Real Life gab. Ich finde das super schwierig. Also das Erste, woran man ja immer denkt, ist eine Person, die irgendeine Verbindung hat zu der Familie. Da irgendeine Person, die Rache, Gelüste hat. Auf der anderen Seite hast du ja keine Rache, Gelüste gegen eine ganze Familie. Was haben die Kinder auch damit zu tun? Und warum ermordet man dann trotzdem die ganze Familie? Auch wenn man vielleicht nur ein Groll gegen den Vater Josiah hat. Also widerspricht es für mich der Theorie, dass Frank, der Geschäftsmann, irgendwas damit zu tun haben könnte.
Ich kann mir vorstellen, dass die nahegelegene Bahnstrecke tatsächlich was damit zu tun hat, weil der Täter eben schnell gekommen ist und schnell wieder gehen konnte. Aber ich habe keine Ahnung, warum jemand das machen sollte.
Also, okay, interesting. Also würdest du weder Frank noch den Reverend irgendwie jetzt großartig bei den ganzen Thesen fokussieren? Irgendwie nicht, nee. Also der Reverend hat ja sogar ein Geständnis abgelegt und hat es dann wieder rufen und hat ja auch diese weirden Briefe geschrieben. Also er wäre eigentlich der Täter, der auf der Hand liegt, aber trotzdem glaube ich irgendwie nicht, dass der das war. Ich glaube, dass das ein Fremder war. Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass da wirklich niemand aus dem Ort irgendwas mitbekommen hat. Aber dann stellt sich natürlich die große Frage, warum sollte eine random Person an der Bahnstrecke so viele Personen ermorden? Das ergibt irgendwie auch keinen Sinn. Ja, am Ende des Tages kannst du ja aber auch nicht in den Kopf der Leute reingucken, aber finde ich immer noch krass, dass du den Reverend und Frank nicht so krass fokussierst, weil tatsächlich habe ich so überlegt, habe ich so gedacht, okay, wenn du jetzt Frank sagst, dann sage ich, okay, dann werde ich jetzt dafür argumentieren, dass es wahrscheinlich der Reverend war, jetzt werde ich einfach beides machen, so gesehen, aber ich finde.
Ich sage ja häufiger, dass ich ältere Fälle sehr, also dass ich die interessanter finde als die neueren Fälle. Hier muss ich sagen, ist es so ein bisschen blöd, weil dadurch, dass die ganzen Schaulustigen dann ja auch dazu gekommen sind, die ganzen Beweise irgendwie vernichtet haben, sehr wahrscheinlich, vermutlich sind auch deswegen überhaupt erst so viele Verdächtige ins Spiel gekommen, weil sie sich einfach nicht so, also sie müssen ja viele Verdächtigen, die Polizei, aber ich glaube, die teils fehlenden Beweise haben es einfach noch viel krasser, also noch viel schwieriger für die gemacht, klar, vollkommen.
Und da fand ich es jetzt ein bisschen schade, dass man zum Beispiel jetzt nicht die heutige Technik da anwenden konnte. Ja, weil es nichts mehr gibt. Aber können wir mal bitte ganz kurz darüber sprechen, wie krass das auch ist, dass da ganz viele Ortsbewohner und Bewohnerinnen gesagt haben, ach, da ist was passiert, da wurden Leute ermordet, na da gehen wir doch erstmal hin zum Tatort und wir gehen auch rein ins Haus. Also wie kommt man denn auf die Idee? Hat man da selber nicht den Gedanken, okay, hier ist vor ein paar Stunden etwas ganz Furchtbares passiert. Ich selber sehe jetzt noch die Leichen. Wer will das überhaupt sehen? Und denen muss doch klar gewesen sein, dass sie damit Beweise vernichtet haben. Also wie kann man, wie kann man denn? Weiß ich gar nicht, ob denen das so bewusst war, aber mein erster Gedanke wäre auf jeden Fall nicht, da hinzugehen und mir irgendwas vom Schädel mitzunehmen als Andenken. Auf gar keinen Fall, nein, es geht. Aber gut, da sind wir halt auch einfach alle, auch die jetzt hier zuhören, wir haben einfach alle ein anderes Verständnis dafür. Und ich finde auch, weil es ist ja doch schon auch ein bisschen ein paranormaler Fall. die erste... Du meinst aufgrund der Stimmen, die noch gehört wurden im Haus, der knarzenden Bretter und so weiter, ja. Ich finde, das erste Paranormale, was hier passiert ist, war tatsächlich dieser All-Call, dass die ganze Stadt angerufen wurde. Also entweder war das perfekt geplant, um halt wirklich für jede Menge Chaos zu sorgen. Aber da übrigens, um wieder zurück zu den Thesen zu kommen, würde ich dann zum Beispiel nämlich eher sagen, also entweder es war ein riesiger Zufall oder.
Weil ich kann mir nicht vorstellen, weil du ja vorhin gesagt hast, das könnte jemand gewesen sein, der in den Zügen hin und her gefahren ist. Wenn der das wirklich geplant haben soll, warum hat er das nicht woanders auch gemacht? Dann wäre das in dem Muster ja auch noch aufgetaucht. Das würde für mich auch noch ein bisschen dagegen sprechen. Aber der Täter hat ja nicht diesen Call ausgelöst. Na, wer weiß. Ja, aber das wurde ja von offizieller Stelle ausgeführt, um die Leute zu warnen. Aber war das nicht aus Versehen? Nee, ich dachte, das war geplant. Okay, ich habe das irgendwie so im Kopf, dass es tatsächlich aus Versehen eher war, weil warum solltest du die ganze Stadt in Aufruhr versetzen? So, es ist ja eigentlich für Notfälle geplant. Ja, vielleicht hat keiner damit gerechnet, dass die Leute so ausrasten und dahin rennen. Meinst du, war eher gut gemeint? Naja, egal. Auf jeden Fall würde ich tatsächlich bei der Theorie bleiben, dass es Frank war. Würde mich auch interessieren, was ihr dazu draußen übrigens sagt. Der Geschäftsmann. Genau, der Geschäftsmann. Weil klar, es gab den Blackie, der möglicherweise das für ihn gemacht hat, der dann aber ja ein Alibi hatte. Aber ich würde Frank nicht so einfach so loslassen, um ehrlich zu sein. Ich vermute mal, der hat viel Geld, der hat da schon auch einen Zwist gehabt mit dem Familienvater und weil du ja auch vorhin gesagt hattest, warum bringst du dann die ganze Familie um? Wahrscheinlich, weil dem Auftragsmörder gesagt worden ist, ey, hinterlass keine Spuren im Zweifel so gesehen. Und was sind die krassesten Spuren, die es geben kann? Zeugen. Also ich meine, im Endeffekt gab es ja trotzdem jede Menge Spuren.
Und deswegen ist es aber weiter so eine Idee, die ich habe. Vielleicht war dieser All Call doch ein Plan, dass da nämlich für Chaos gesorgt wird, dass da, weil Frank ist ja doch auch sehr politisch engagiert gewesen, beziehungsweise hatte sehr viel politischen Einfluss. Wenn du jetzt sagst, es war eher von der offiziellen Stelle, dass das alles so ein bisschen zusammenspielt. Und also ich merke auf jeden Fall, auf welcher Seite ich gewesen wäre. Aber ich mag deinen Gedankengang. Also ich finde, das ist schon nachvollziehbar, dass man das eben doch mit Absicht gemacht hat, alle Leute zu informieren, weil der Ort war ja relativ klein. Man kannte sich und vielleicht wusste man auch, okay, da wohnen super viele neugierige Menschen, die da sofort hinrennen würden und hat das mit einkalkuliert. Das finde ich gar nicht so schlecht. Also vielleicht kann ja jemand unter unseren Zuhörerinnen und Zuhörern deinen Gedankengang noch ein bisschen ausformulieren und findet dann noch mal weiterführende Erklärungen, sodass die ganze Geschichte Sinn ergeben würde. Ja, damals, vor über 100 Jahren, ist es leider niemandem gelungen, sonst wäre der Fall ja aufgeklärt worden.
Aber ja, es gibt halt noch super viele Fragen, die hier nicht geklärt sind. Und eine letzte Frage habe ich auch tatsächlich an dich, die du jetzt hier klären kannst. Nämlich wurde ja das Haus, in dem die Familie gelebt hat, zu seiner Art lebendigem Museum umgebaut, sodass es eben aussah wie damals. Und viele Leute haben ja auch von Geräuschen und Stimmen und so weiter berichtet. Und es gibt ja auch die Möglichkeit oder gab sie zumindest dort zu übernachten. Würdest du das tun? Okay, also ich versuche es halbwegs schnell zu beantworten. Ich glaube eher nicht, weil, also ganz besonders nicht alleine. Die Leute im Stream wissen, ich bin eh ein riesiger Angsthase. Ich weiß nicht, wenn wir beide da jetzt hingehen, das ganze schwarze Akte-Team oder so, vielleicht, wer weiß. Ich weiß nicht, wie sieht es bei dir aus? Auf gar keinen Fall, auch nicht mit euch, mit dem Team. Nein, ich hätte da so krass Angst. Ich glaube an sich ja nicht an dieses paranormale, übernatürliche. Das wisst ihr ja auch schon, wenn ihr unsere paranormalen Folgen gehört habt, die wir im Sommer gemacht haben.
Nein, trotzdem würde ich mich das nicht trauen. Und ich weiß, das ist total kurios, wenn ich nicht dran glaube, warum habe ich trotzdem Angst. Aber alleine mit dem Wissen, was da vor 100 Jahren passiert ist, das finde ich irgendwie so gruselig, diese Vorstellung. Nee, das muss nicht sein. Also diesen Ausflug könnt ihr dann gerne mal ohne mich tun. Da wäre ich nicht dabei. Das würde ich mich auf gar keinen Fall trauen. Also auch da die Frage gerne an euch, wer würde sich das trauen und wenn ja, warum würdet ihr das machen? Wie kann man so mutig sein, sich das anzutun? Also ja, schreibt uns das gerne bei Instagram, da heißen wir schwarze Akte und schreibt uns da auch gerne einfach so, das freut uns auch immer von euch zu lesen und dann würde ich sagen, wird es Zeit, die heutige Akte hier zu schließen. Und wir beide würden uns super freuen, wenn ihr auch nächste Woche Dienstag hier wieder bei diesem Podcast landet, denn da haben wir eine neue Folge der Schwarzen Aktuellen.
Wir sind eure Hosts Anne Luckmann und Patrick Strohbusch. Johanna Müsiger und wir. Anne Luckmann. Intro und Trainer gesprochen von Pia Rohnersachse. Producer Falko Schulte. Die Schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios.