Diese Episode enthält explizite Details über einen wahren Kriminalfall. Weitere Infos in der Folgenbeschreibung. Aufmerksamkeit ist für viele wichtiger als alles andere. Für sie ist Aufmerksamkeit wertvoller als Gesundheit, Liebe oder Geld. Wer viral geht, muss dementsprechend also auch glücklich sein, oder? Oder ist es nur Glück, das zur Aufmerksamkeit führt?

Fest steht zumindest, die meisten, die von vielen Menschen Aufmerksamkeit bekommen, wollen sie so schnell nicht wieder abgeben. Es ist wie eine Droge. Jedes neue Video könnte der große Durchbruch sein. Jeder Moment muss dafür dokumentiert werden. Alles in der Hoffnung, die nächste große Welle an Likes reiten zu können. Wenn ein Mensch aber völlig unvorbereitet und über Nacht zum Star wird, dann zeigt sich, wie schwer Aufmerksamkeit und der damit einhergehende Ruhm wirklich wiegt. Ob man unter dem Druck zum Diamanten wird oder daran zerbricht. Aber was passiert, wenn jemand Aufmerksamkeit bekommt, dem all der Trubel scheinbar völlig egal ist? Dem egal ist, dass sich neue Türen für ihn öffnen könnten, die ihn reich und sogar noch berühmter werden lassen könnten, der scheinbar ganz andere Prioritäten setzt als alle anderen. Wie geht man mit diesem Menschen um? Lässt man ihn in Ruhe oder versucht man dem Publikum mehr davon zu geben, in der Hoffnung, selbst Geld zu verdienen? Und wenn die Welt zusieht, wie ein neuer Stern am Nachthimmel so schnell verglüht, wie er angefangen hat zu scheinen, sind wir dann an seinem Niedergang genauso schuldig?

Schwarze Akte Und damit ganz herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte mit Patrick Strobusch, mir gegenüber. Und mir gegenüber mit Anne Luckmann. Unser heutiger Fall führt uns nach Kalifornien ins Jahr 2013, also noch gar nicht so lange her. Genauer gesagt in die Stadt Fresno, die mit ihren damals etwa 500.000 Einwohnern damals wie heute zu den größten Städten des Bundesstaats zählt. Nicht nur die Kunst blüht hier auf, sondern auch der Weinbau oder der sogenannte Blütenpfad in der ländlichen Region rund um Fresno. Den 100 Kilometer langen Pfad kann man zum Frühlingsbeginn bestaunen, der den Weg mit seinen Obst- und Nussbäumen in viel Weiß und Rosa taucht. Ab Mitte Februar versammeln sich deswegen jede Menge Fotografen, Auto- und Radfahrer, um den Weg entlang zu fahren und die Blütenpracht zu genießen. Und während das Jahr 2013 noch relativ frisch ist und sich viele wieder auf das alljährlich anstehende Spektakel freuen, beginnt für andere in Fresno ein Albtraum. Am Anfang dieses Schreckens steht ein 24-jähriger Tramper namens Kai, der mit seinem Rucksack per Anhalter unterwegs ist. Am 1. Februar 2013 steigt Kai nichtsahnend in das Auto des 54-jährigen Jet.

Eigentlich ist es ein Tag wie jeder andere für den 24-jährigen Kai, dessen richtiger Name eigentlich Caleb ist. Warum er seinen Namen geändert hat, dazu kommen wir später noch. Es ist relativ frisch zu dieser Jahreszeit. Kai ist wahrscheinlich froh, überhaupt jemanden gefunden zu haben, bei dem er mitfahren kann. Doch er ahnt nicht, auf wen er sich da gerade eingelassen hat. Der Mann, bei dem er einsteigt, misst ganze 1,93 Meter, wiegt fast 136 Kilogramm und prahlt Kai gegenüber damit, eine 14-Jährige vergewaltigt zu haben. Ja, richtig gehört. Damit hört es aber nicht auf. Denn während sie weiter durch Fresno fahren.

Erzählt Jed weiter, dass er sich für die Reinkarnation von Jesus Christus hält. Aus diesem Grund könne er auch machen, was er wolle, ohne dafür bestraft zu werden. Wie um seinen Punkt zu untermauern, lenkt Jed das Auto auf eine Gruppe Arbeiter, die gerade Straßenarbeiten durchführen. So wird es Kai später in einem Interview erzählen, das ihn berühmt machen wird. Die meisten aus der Gruppe schaffen es noch rechtzeitig wegzuspringen, aber ein schwarzer Arbeiter wird von Jed angefahren. Dabei wird er zwischen Jeds Auto und einem anderen Nutzfahrzeug eingequetscht. Für Außenstehende sieht diese gesamte Szene wie ein schrecklicher Unfall aus. Zwei Passantinnen versuchen daher, dem Arbeiter zu helfen. Eine wird aber selbst zu Jets Ziel. Denn der steigt jetzt aus dem Auto aus. Laut Zeugenaussagen schreit er, dass er Gott und Jesus sei und fügt jede Menge rassistische Beleidigungen hinzu. Er geht auf den schwarzen Arbeiter los, der das Ziel seines Hasses ist, bemerkt aber die Passantin, die eigentlich nur zu Hilfe gekommen ist, und greift auch sie an.

Während sich das ganze Chaos vor ihm ausbreitet und Kai, der ja eigentlich nur per Anhalter fahren wollte, sieht, wie Jed jetzt auch noch die unschuldige Frau angreift, springt er aus dem Fahrzeug. Aus seinem Rucksack zückt er ein Beil, mit dem er auf den völlig freidrehenden Jed losgeht.

Alle wollen diesen fast zwei Meter Hühn zurückhalten. Die restlichen Arbeiter versuchen, ihren Kollegen vor weiteren Angriffen zu schützen, während Jed die Passantin in einer Art Bärenumarmung hält. Bei diesem Griff schlingt man seine Arme beispielsweise um die Hüfte der anderen Person und hebt sie dann in die Luft. Laut Kai hätte Jed die Passantin mit dieser Umarmung jede Sekunde wie einen Bleistift brechen lassen können. Kai schreit den Hühnen an, dass er die Frau loslassen soll, aber der hört nicht. Also greift Kai ihn an. Zweimal schlägt er ihm mit der stumpfen Rückseite der kleinen Axt auf den Hinterkopf und direkt danach noch einmal mit der scharfen Seite. Dadurch lässt er die Frau auch endlich los. Sie wird später sagen, dass Kais Aktion ihr das Leben gerettet hat. Als die Polizei endlich eintrifft, wird Jet festgenommen und Rettungskräfte kümmern sich um die Verletzten. Den Arbeiter, der zwischen den beiden Autos eingequetscht wurde, den bringen sie schnellstmöglich ins nächste Krankenhaus. Sowohl der Arbeiter als auch Jet überleben. Ohne das Eingreifen der Kollegen, der Passantin und auch von Kai, hätte dieser Tag noch grausamer enden können.

Polizisten nehmen direkt am Tatort die Zeugenaussagen der Passantinnen von Kai und den Arbeitern auf und sichern Beweise für den anstehenden Prozess. Und mittendrin der damals 30 Jahre alte Sportjournalist Jessup, der für den Fox-Sender KMPH-TV arbeitet. Er ist gerade erst am Tatort angekommen. Dass er dort das wahrscheinlich wichtigste Interview seines Lebens führen wird, damit hat er in diesem Moment wohl nicht gerechnet. Eigentlich wäre er auch gar nicht vor Ort gewesen, denn sein Plan für den Tag war es, wie sonst auch, Sportaufnahmen zu machen. Als er am Polizeifunk dann aber von dem Unfall hört, bläst er den eigentlichen Plan ab und düst mit seinem Kameramann zum Ort des Geschehens. Zuerst interviewt er eine der Passantinnen, die dem eingequetschten Arbeiter zu Hilfe kommen wollte. Sie erzählt, wie sie von Jed angegriffen wurde und dass Kai ihr das Leben gerettet hat.

Während Reporter Jessop die Frau interviewt, sieht er, wie Kai auf der anderen Straßenseite langläuft. Er beendet sofort das Gespräch mit ihr und rennt über die Straße zu Kai. Jessop will diesen Helden, der die Frau gerettet hat, natürlich unbedingt interviewen. Der damals 24-jährige Kai weiß wahrscheinlich selbst nicht, was schon bald auf ihn zukommen wird. Die Kamera ist jetzt auf ihn gerichtet. Kai mustert den Journalisten und sein Kameramann für einen Moment, ist dann aber offen für das Gespräch. Er trägt ein Bandana auf dem Kopf mit unregelmäßig verteilten Peace-Zeichen drauf. Das hält seine braunen Haare, die fast bis zu den Schultern reichen, halbwegs zusammen und hindert sie auch daran, in sein Gesicht zu fallen. Kai ist relativ groß und schmächtig. Auf dem Rücken trägt er einen riesigen Rucksack, auf dem eine eingerollte Luftmatratze angebracht ist. Das Interview fängt eher untypisch an. Denn direkt zu Beginn spricht Kai einfach direkt in die Kamera mit den Worten, bevor ich etwas anderes sage, möchte ich betonen, dass ihr, egal was ihr getan habt, Respekt verdient, auch wenn ihr Fehler macht. Ihr seid liebenswert und dabei spielen euer Aussehen, eure Fähigkeiten, euer Alter, eure Größe oder irgendetwas anderes keine Rolle. Ihr seid wertvoll. Das kann euch niemand nehmen.

Es ist ein direktes Zitat aus einem spirituellen Buch von Charlotte Cussell, auch wenn viele im Internet Kai als Verfasser dieser Zeilen halten.

Anschließend erzählt er, wie er all das Geschehene wahrgenommen hat, wie Jett im Auto von der Vergewaltigung erzählt hat, dass er sich für Jesus Christus halte und niemand ihm etwas könne, weswegen er den Arbeiter mit seinem Auto anfährt. Besonders hervorstechend ist in diesem Interview aber der nächste Teil. Die Art, wie er davon berichtet, die Frau gerettet zu haben. Den Moment, in dem er auf den Hinterkopf von Jet mit dem Ball einschlägt, stellt Kai im Interview durch ausladende Gestik dar. Die Kamera zeigt, wie er die drei Schläge nachstellt. Er schlägt symbolisch mit einer Axt in die Luft, begleitet mit den Worten Smash, Smash, Smash.

Schaut euch das auf jeden Fall mal in den Shownotes an, da haben wir euch das verlinkt. Das muss man einfach mal gesehen haben dazu. Im Verlauf des Interviews fragt der Reporter Jessop ihn noch, was Kai jetzt als nächstes vorhabe. Seine Antwort darauf? Hoffentlich etwas surfen. Wieder spricht er direkt in die Kamera und bittet die Leute da draußen um eine Gelegenheit, sich Ausrüstung fürs Surfen auszuleihen und grinst dabei mit offenem Mund. Es ist, als würde er die Situation nicht ganz so ernst nehmen. In einem Moment erzählt er zwar mit voller Inbrunst vom Geschehen, ist im nächsten aber direkt aufgelöst, blödelt etwas herum und macht Witze. Zum Ende stellt ihm der Reporter die Frage, ob Kai keine Bedenken in dem Moment hatte, als das ganze Chaos ausgebrochen ist und ob er rückblickend wieder so gehandelt hätte. Kai ist kurz verwirrt, bejaht aber und geht sogar noch weiter.

Er sagt, dass wenn er eine Zeitmaschine hätte und zurück in der Zeit reisen könnte, er Jet schon in dem Moment geschlagen hätte, als er mit der Vergewaltigung geprallt hat. Außerdem hätte Kai auch keine Bedenken gehabt, denn laut ihm hat er eh keine Familie. Für diejenigen, mit denen er aufgewachsen ist, sei er eh längst gestorben. Und mit diesen Worten endet das Interview. Andere Journalisten, die mit Kai sprechen wollen, lässt er abblitzen und er verlässt den Tatort. Das heißt, Jessop ist in diesem Moment der einzige Journalist, der ein Interview mit ihm hat und seine Kontaktdaten besitzt. Sein Nachrichtensender lässt die Szene über die nächtlichen Fernsehgeräte flimmern. Der nächste Tag scheint dann so normal wie jeder andere zu sein. Den großen Durchbruch verschafft Kai aber das Internet. Nämlich nachdem Jessop das sechsminütige Interview am Tag danach, dem 2. Februar 2013, auf YouTube hochlädt. Da explodiert das Interesse an Kai. Von einem Moment auf den anderen macht ihn das Interview zu einem Online-Star. Innerhalb kürzester Zeit sammeln sich mehrere hunderttausend Aufrufe. Memes und Musik-Remixes, die das Video und besonders die Smash-Stelle parodieren, gehen genauso viral wie das originale Video. Kai wird das Top-Thema in den USA. Alle wollen einen Teil von ihm haben. Besonders Nachrichtensender, die die digitale Nachfrage bedienen möchten.

Da Jessop aber noch immer der Einzige mit Kais Kontaktdaten ist, sucht er ihn einige Tage später erneut auf, für ein weiteres exklusives Gespräch. Mittlerweile ist der 7. Februar 2013. Seit dem Smash-Interview sind also gerade mal sechs Tage vergangen. In dem Beitrag, der auch wieder unter dem KMPH-Banner läuft, nennt Jessop Kai einen Weltklasse-Helden und fragt ihn, ob er sich überhaupt bewusst ist, was für einen Ruhm er da gerade online einfährt und ob er sich darüber freut. Besonders in diesem zweiten Interview ist Kais freche Art gut zu erkennen. Er zeigt dem Journalisten Hasenohren, macht Witze und gibt wieder unerwartete Antworten. Er habe zwar mitbekommen, dass um seine Person so viel Wirbel gemacht wird, aber sei noch immer geschockt und ehrfürchtig. So richtig freuen kann er sich aber scheinbar nicht. Er würde es bevorzugen, US-Amerikaner zu sein, sagt er. Wieder eine eher unerwartete Aussage. Aber Jessup kennt das ja bereits und macht einfach weiter.

Auf die Frage, ob er seinen Fans da draußen noch was sagen will, da antwortet Kai so freigeistig, wie die Leute ihn schon im ersten Interview kennengelernt haben. Ich zitiere, Ich besitze euch nicht. Ich hab euch nicht. Bitte seid nicht besessen. Dankeschön. Liebe. Respekt. Ich schätze euch. Ein bisschen kurios, aber mit seinen Antworten spielt sich Kai nur noch weiter in die Herzen der Leute im Internet. Aber seine Fans können sich auch noch über eine weitere Ebene mit ihm identifizieren. Denn es gibt auch noch einen dunklen Teil in seinem Leben, über den wir noch nicht im Detail gesprochen haben. Neben all seinen kleinen Witzchen und seiner frechen Art, erzählt er in den Interviews auch immer wieder von einer harten Kindheit.

Diese Kindheit schauen wir uns jetzt mal genauer an. Denn Kais Eingreifen im Fall von Jed, der eine Vergewaltigung gesteht, wie aus dem Nichts Menschen angreift und sich für Jesus hält, wird nicht das einzige Mal sein, dass Kai im Zusammenhang mit einem Kriminalfall steht. Am 3. September 1988 wird Kai in Edmonton geboren. Das ist die Hauptstadt der kanadischen Provinz Alberta und tatsächlich konträr zu Kais Aussagen in den Interviews. Dort wiederholt er nämlich immer wieder, dass er aus dem US-Bundesstaat West Virginia kommen würde. Er behauptet zudem, dass seine Eltern Teil eines christlichen Kultes seien. Kais Vater, der heißt Jill, der erzählt in einem Artikel der Tageszeitung New Jersey Starletcher, dass er Kai als Kleinkind mit auf Flugshows genommen hat, dass sie zusammen campen waren und Motorradtouren gemacht haben. Bis zu dem Zeitpunkt, als sich Kais Eltern scheiden lassen. Da ist er gerade mal vier Jahre alt. Der Grund für die Scheidung ist aber unklar. Laut Kais eigener Darstellung nimmt sein Vater Jill ihn mit zu sich. Kai sagt auch, dass er in dieser Zeit von Jill und seiner neuen Freundin misshandelt wird. Außer Kais Aussagen gibt es dazu aber keine weiteren Hinweise, die das bestätigen.

Er bleibt aber nicht die ganze Zeit bei seinem Vater, sondern wohnt auch mal wochenlang bei seiner Mutter, während die beiden sich um das Sorgerecht streiten. Dabei, so Kai, würden ihm beide Seiten versuchen, das Gehirn zu waschen, ihn auf ihre jeweilige Seite zu ziehen. Sein Vater versucht es wohl mit Videospielen und Fast Food, wenn er Sabotageanleitungen von ihm in die Tat umsetzt. Darin sollen Erklärungen stehen, wie Kai die Toilette im Haus seiner Mutter überlaufen lassen kann oder er die Luft aus den Reifen ihres Autos bekommt. Bei seiner Mutter sei es aber kaum besser, so sagt es Kai. Dort würde sie ihn für ihren Kult indoktrinieren. Trotzdem muss er zu ihr, nachdem der Streit ums Sorgerecht geklärt ist. Seiner Mutter wirft Kai auch mehrere Male ganz öffentlich harte Anschuldigungen in Interviews entgegen.

Laut Kai hätte man ihn misshandelt, seit er zwei Jahre alt ist. Er erzählt davon, für 20 Stunden am Tag in einem Raum eingeschlossen worden zu sein. Wenn er sich daneben benommen hat, bekommt er Schläge mit dem Besen und man stellt ihn unter die kalte Dusche. Mehrere Jahre lang soll das so gegangen sein. Die Mutter bestreitet Kais Vorwürfe und führt sie auf seine Stimmungsschwankungen zurück, auch wenn sie in keinem der Interviews, das sie gibt, weiter auf die Art der Verhaltensprobleme eingehen möchte. Die Behauptungen des Vaters, dass Kai ADHS hat, weist die Mutter aber zurück. In der Netflix-Doku Der axt schwingende Anhalter von 2023 spricht die Mutter allerdings über eine kurze Zeit, in der sie Maßnahmen getroffen hat, um ihren Sohn davon abzuhalten, zu früh aufzustehen. Damit wollte sie verhindern, dass er sich nicht, Zitat, mit Dingen beschäftigt, die ihm schaden könnten. Wie genau diese Maßnahmen aussehen, fühlt sie nicht weiter aus. Aber sie unterstreicht, dass sie ihn nie in einem Zimmer eingesperrt habe. In der gleichen Netflix-Doku erinnert sich ein Cousin auch daran, dass Kai nicht einfach nach draußen durfte, um zu spielen, sondern drinnen bleiben musste. Er erzählt weiter, dass Kai in ein Heim für schwer erziehbare Kinder gesteckt wird, nachdem er mit 13 Jahren versucht hat, ein Haus in Brand zu setzen.

Mit 17 soll ein Mann Kai angegriffen und vergewaltigt haben, so erzählt es Kai selbst im zweiten Interview mit Jessup. Im ebenfalls 2023 erschienen Buch Smash, Smash, Smash, Die True Story of Kai the Hitchhiker von Philip Fairbanks führt Kai weiter aus, dass seine Mutter ihn in die Psychiatrie des örtlichen Krankenhauses gebracht habe. Zu dem Zeitpunkt sind sie bereits nach St. Paul umgezogen, was gute zwei Stunden Fahrzeit mit dem Auto von Kais Heimatstadt Edmonton entfernt liegt. Und dann ist da noch Kais Name. Das hatten wir ja vorhin schon mal erwähnt. Eigentlich heißt er nämlich Caleb. So nennen ihn seine Eltern auch in den Interviews, die sie geben. Aber Kai hat für sich entschieden, diesen Namen abzulegen, nachdem er ein sechsmonatiges Heilungsprogramm im Man Awareness Native American Indian Friendship Center abschließt. Das ist eine Institution, die die Begegnung zwischen indigenen und nicht-indigenen Menschen fördern soll.

Sein genaues Alter schwankt dabei übrigens in den Quellen. Im Buch von Philipp Fairbanks lässt er Kai seine Hintergrundgeschichte in einem Kapitel völlig selbstständig beschreiben. Der Beschreibung von Kai nachzufolge müsste er etwa 17 Jahre alt sein, als er seinen Namen geändert hat, nachdem er an diesem Heilungsprogramm in einem Reservat für indigene Völker teilnimmt. Jessup sagt im zweiten Interview zwischen den beiden aber, dass Kai diesen Namen bereits seit dem 14. Lebensjahr trägt. Ihr merkt schon, Kais Geschichte ist ganz schön durcheinander. Wie sehr kann man Kais Ausführungen also Glauben schenken? Viele seiner Aussagen werden von Familienangehörigen bestritten, einiges aber auch bestätigt. Am Ende des Interviews, das Kai hat berühmt werden lassen, da sagt er, dass er für diejenigen, mit denen er aufgewachsen ist, ja gestorben sei, dass er keine Familie mehr habe. Das überrascht sie. Er hat eine Familie, die ihn vermisst, sagt die Mutter in dem Artikel vom New Jersey Starletcher, der beide Elternteile interviewt hat. Sie hatten versucht, Kai zu erreichen, haben aber keinen Weg, ihn zu kontaktieren, erzählt sie. Sie hat ihre Nummer nicht geändert. Er könnte also jederzeit anrufen und Hilfe bekommen.

Zuletzt haben sich die beiden im Herbst 2012 gesehen. Zu der Zeit soll er auch noch in Kanada gelebt haben. Vater und Sohn sahen sich das letzte Mal im Dezember 2010, also knapp drei Jahre, bevor Kai ein Internetstar wird, dessen Ruhm schon bald zu verglühen droht. Kai soll seinen Vater damals unangekündigt an Weihnachten überrascht haben und wollte ihn überreden, zusammen abzuhauen. Seiner Vermutung nach kommt Kai nicht damit klar, dass sein Vater ein neues Leben mit einer neuen Frau und drei Kindern begonnen hat. Das letzte Mal im Kontakt hätten die beiden im Februar gestanden, nachdem das Fernsehinterview viral geht. Aber Kai will nichts mit seinem Vater zu tun haben, weil er denkt, der Vater würde nur von seinem neuerlichen Ruhm profitieren wollen. Und auch, wenn es nicht seine Absicht gewesen sein soll, respektiert er den Wunsch seines Sohnes.

Die Leute bewundern Kai für seine Art, positiv zu denken, obwohl er von so viel Schrecklichem berichtet. Und dadurch, dass er so schwer zu erreichen ist, indem er ja keinen festen Wohnsitz hat und gerade einmal eine Facebook-Seite als Kommunikation zur Außenwelt nutzt, umgibt ihn irgendwie auch eine mysteriöse Aura. Das lässt ihn für seine Fans natürlich nur noch begehrenswerter erscheinen. Facebook-Fanseiten werden ins Leben gerufen. Wer das Glück hat, ihn auf der Straße zu treffen, fragt direkt nach einem Foto. In dem die ikonische Smash-Szene nachgestellt wird. Selbst aus Hollywood bekommt er eine Vielzahl an Angeboten. Sogar ein Producer der Reality-TV-Serie Keeping Up With The Kardashians versucht, über den Reporter Jessup an Kai zu kommen. Und Justin Biebers Team versucht ebenso, Kontakt mit ihm für eine Zusammenarbeit an einem Song aufzubauen. Aber es gibt auch eine andere Seite der Medaille. Denn Kai verkörpert eine in den USA weit verbreitete Angst. Nämlich das typische Bild des verrückten Trampers, der diejenigen umbringt, die ihn mitnehmen. Viele fragen sich, machen wir gerade die richtige Person berühmt? Ein Artikel des Unreality Magazins vom 13. Februar 2013 setzt sich genau damit auseinander. Wenn auch mit einem großen Missverständnis, dem nicht wenige auferliegen.

Im Artikel steht sinngemäß, wir machen jemanden zu einem Nationalhelden, der einen anderen Menschen getötet hat, ganz im Stil einer Selbstjustiz. Dabei hat Kyle den fast zwei Meter großen Jet gar nicht umgebracht, auch wenn man das tatsächlich denken könnte, bei drei Schlägen mit dem Beil. Ein Schlag war ja sogar mit der scharfen Seite der Axt. Gefüttert wird dieses Vorurteil auch durch reichweitenstarke Sendungen wie The Colbert Report auf Comedy Central.

Der Moderator Stephen Colbert erzählt von Kais Anhalter-Geschichte in dem Segment, in dem er wie so oft das aktuelle Tagesgeschehen satirisch aufbereitet. Und er scherzt, dass er selbst Vorurteile gegenüber Anhaltern hat. Es soll aber nicht die einzige Late-Night-Show in den USA bleiben, die vom Axt schwingenden Anhalter berichtet. Dieses Mal soll aber mit Kai gesprochen werden und nicht über ihn. Am 11. Februar und damit zehn Tage nach Kais Axt-Aktion ist es dann endlich soweit. Er tritt in Jimmy Kimmels Show auf, die wöchentlich von Millionen Menschen gesehen wird. Es ist wie ein Ritterschlag, der jedem normalen Menschen durch den kurzen Moment im Rampenlicht zu einem Leben der Stars und Sternchen verhelfen kann. So ganz normal läuft diese Aufzeichnung aber auch nicht ab. Denn schon vor Showbeginn sorgt Kai für Chaos. Das Hollywood Roosevelt Hotel in Los Angeles, in dem das Team von Kimmel den Anhalter vor dem Dreh unterbringt und das nur zwei Gehminuten vom Studio entfernt liegt, schmeißt Kai nämlich raus. Der Grund? Er fährt betrunken mit dem Skateboard durch die Lobby. Und als ob das nicht ausreicht, pinkelt Kai auch noch vor Kimmels Studio.

Dafür läuft der Auftritt selbst ziemlich reibungslos ab, was auch an Jimmys Fähigkeit liegt, Kais unvorhergesehene Antworten mit Bravour zu parieren. Zu Beginn spricht Jimmy Kimmel mit Jessup, Dem Journalisten, der noch vor Ort damals Kai als einziger interviewen konnte. Jessup sitzt im Publikum und Jimmy fragt ihn, was ihm durch den Kopf gegangen ist während des Interviews damals. Jessup antwortet, dass er Kai möglichst lange zum Reden bringen wollte, da er pures Gold von sich gab.

Dann, und extra für die Show, hat Kimmels Team ein Auto auf die Bühne gestellt. Kai steigt ein, so als würde er ein paar Anhalter mitfahren, während Jimmy Kimmel am Lenkrad sitzt. Das Video dazu haben wir euch auch nochmal in den Shownotes verlinkt. Kai bekommt am Ende ein Surfbrett, einen Neoprenanzug und 500 Dollar überreicht. Das Geld gibt er nach der Show direkt dem Wachmann, als Entschuldigung für das Pinkeln vor dem Studio. Und damit könnte man jetzt einen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen. Kai hätte in einer Show nach der nächsten auftreten können. Er hätte sein musikalisches Talent mittels hochwertig produzierter Studioalben gezeigt. Und er würde sogar ein eigenes Segment in Kimmels Show bekommen, in der er die Menschen durch seine unterhaltsame Art begeistert hätte. Aber so ist es nicht. Kais Leben steht noch vor einer weiteren großen Abbiegung, die sein Leben drastischer ändern wird als der Tag, an dem er in Jets Auto eingestiegen ist.

Knapp drei Monate, nachdem Kai zum Internetstar aufgestiegen ist, fährt er weiter per Anhalter durch die USA. Er ist gerade in Richtung New York City unterwegs, als der 73-jährige Anwalt Joseph in seinem Zuhause in Clark, New Jersey, tot aufgefunden wird. Der Mann wurde zu Tode geprügelt. Arbeitskollegen rufen sofort die Polizei, nachdem Joseph nicht mehr auf der Arbeit erscheint. Es ist der 13. Mai 2013, ein Montag. Der Gerichtsmediziner bestätigt, dass Joseph an den Folgen stumpfer Gewalteinwirkungen durch zahlreiche Schläge auf seinen Körper gestorben ist. Darunter auf Augen, Mund, Ohren, Hinterkopf, Hals, Schultern, Arme und seine Rippen. Seine Augenhöhlen und seine Nase sind gebrochen. Außerdem ist eines seiner Ohren fast völlig abgerissen. Die Polizei findet ihn auf dem Boden seines Schlafzimmers liegend, umgeben von Blutspritzern. Sein Gesicht ist nach unten gerichtet und er ist nur mit seiner Unterwäsche bekleidet. Einen Tag später postet Kai folgenden Beitrag auf Facebook. Was würdest du tun, wenn du mit einem benommenen Kopf und einem metallischen Geschmack im Mund in einem fremden Haus aufwachst, zum Spiegel gehst und Sperma aus deinem Mund an der Seite deines Gesichts herunterlaufen siehst und dich übergeben musst, weil dir klar wird, dass dich jemand unter Drogen gesetzt, vergewaltigt und in dich reingespritzt hat.

Aber erst als Ermittler im Haus des ermordeten Josephs ein Stück Papier finden, entsteht eine ganz neue Dynamik. Auf dem Papier steht Kais Name und seine Telefonnummer.

Außerdem finden die Ermittler ein Zugticket, datiert auf den 12. Mai 2013, einen Tag bevor Joseph tot in seinem Haus gefunden wird. Sie beginnen eins und eins zusammen zu zählen. Sie recherchieren im Internet über Kai, den axtschwingenden Anhalter, und fragen sich, ob sie womöglich den Mörder von Joseph schon gefunden haben. Das Zugticket ist nur für eine Richtung vorgesehen, nämlich von Rorway zum Asbury Park. Warum genau dieser Park, dazu kommen wir gleich noch. Es veranlasst die Polizei, die Überwachungsaufnahmen vom besagten Bahnhof zu überprüfen, der etwa 10 Minuten Autofahrt von Josephs Haus in Clark entfernt liegt. Und tatsächlich, die Kameras zeigen, wie der Anwalt einen Tag zuvor, am 12. Mai, ein Ticket am Automaten kauft und es jemandem in die Hand drückt. Die andere Person umarmt Joseph daraufhin. Und die Ermittler sind mehr als erstaunt. Denn die andere Person, die man eigentlich nur von hinten sieht, scheint Kai zu sein. Es soll jetzt auch gar nicht lange dauern, bis die Ermittler ihn in die Finger kriegen. In der Zwischenzeit gehen die Ermittler weiteren Hinweisen nach. Sie finden Textnachrichten zwischen Joseph und Kai, in denen der Anwalt ihm schreibt, gleich am Bahnhof zu sein.

Daraufhin erwirken die Beamten eine gerichtliche Anordnung, die Telefondaten von Kais Handy auslesen zu dürfen. Das ist zwar kurz davor deaktiviert worden, der letzte gespeicherte Standort ist aber Klag gewesen. Und noch etwas Interessantes kommt dabei heraus. Denn die Person, die Kai zuletzt kontaktiert hat, ist eine Frau namens Kimberly.

Werbung. Werbung Ende. Kimberly wird später vor Gericht aussagen, dass sie Kai über Facebook angeschrieben und ihm einen Platz zum Schlafen bei sich angeboten hat, falls er mal in New Jersey sein sollte. Und das ganz einfach, weil sie ein Fan von ihm ist. Sie schreiben auch generell über Kais Fahrt nach New Jersey. Am Samstag, den 11. Mai und damit einen Tag vor dem Mord an Joseph, erzählt er ihr, wie sich die beiden Männer am Times Square in New York City zufällig getroffen haben. Kai sagt Joseph, dass New Jersey sein nächstes Ziel ist und der Anwalt bietet ihm seine Hilfe an, dorthin zu kommen.

Fetschlicherweise geht Kai aber davon aus, dass Joseph ihn in die Stadt Newark fährt und nicht nach Clark. Beide Städte liegen direkt westlich von New York City und gehören jeweils zu New Jersey. Kimberly warnt ihn zwar davor, dass Newark gefährlich ist, Kai winkt aber ab und antwortet, dass er eine gute Person gefunden hat, bei der er auch die Nacht bleiben kann. Für den nächsten Tag machen Kai und Kimberly ein Treffen im Asbury Park aus, der direkt an der Ostküste der USA und etwa 40 Minuten Autofahrt von Clark entfernt liegt. Am Abend vor dem ausgemachten Treffen mit Kimberly gehen Kai und der Anwalt in einem Restaurant in der Nähe von Josephs Haus essen. Anschließend trinken sie bei ihm zu Hause Bier, dass der Anwalt seinem Gast in ein Glas schüttet, während sie Fernsehen schauen. Laut eigener Aussage trinkt Kai etwa fünf Biergläser und fühlt sich irgendwie benommen, schafft es aber alleine ins Gästezimmer. Der Anwalt soll ihn davor gefragt haben, ob die beiden zusammen duschen gehen wollen, was Kai aber verneint. Am nächsten Tag wacht Kai mit einem metallischen Geschmack im Mund und Kopfschmerzen auf. Als er ins Bad geht und in den Spiegel guckt, erschreckt er für einen Moment, weil er denkt, dass er an der Seite seines Gesichts getrocknetes Sperma sieht.

Trotzdem konfrontiert er Joseph nicht damit, weil er nicht wüsste, wie er darüber denken soll, behauptet er selbst während eines Verhörs. Danach passiert, was wir euch gerade schon geschildert haben. Der Anwalt bringt ihn zur Bahnstation und gibt ihm das Ticket zum Asbury Park. Aber da Kimberly durch einen Brunch mit der Familie an dem Tag dann doch verhindert ist, als Kai am Morgen des 12. Mai dort auftaucht, ändern sie den Plan. Sie wollen sich am nächsten Tag wieder in Asbury Park treffen und von dort dann weiter nach Philadelphia fahren. Das liegt etwa 120 Kilometer von Clark entfernt, also etwa anderthalb Stunden mit dem Auto.

Das heißt jetzt aber erstmal, Kai hat keine Unterkunft für die Nacht. Deswegen ruft er Joseph an und bittet ihn erneut um Hilfe. Er ist also wieder bei dem Anwalt zu Hause. Joseph macht an diesem Abend für die beiden Burger und sie trinken wieder Bier.

Danach erinnert sich Kai nur noch daran, dass er auf dem Boden aufwacht. Joseph soll über ihm nur in Unterwäsche bekleidet stehen und Kais Hose herunterziehen. Der rastet aber völlig aus und schlägt den Anwalt. Vor Gericht wird Kai später aussagen, dass er sich nicht mehr daran erinnern kann, wie er das Haus des Anwalts verlassen hat oder wohin er gegangen ist. Er kommt wohl auf einem Parkplatz zu sich, mit schmerzenden Muskeln, Kopfschmerzen und wieder einem metallischen Geschmack im Mund. Danach holt er sich was zu essen und macht sich mit dem Zug auf den Weg nach Long Branch, was etwas nördlich vom vereinbarten Treffpunkt mit Kimberley liegt. Dort kommt er um 2.30 Uhr morgens an. Kimberly beschreibt, wie Kai ihr mehrere Sprachnachrichten hinterlassen hat, die sein neues Aussehen beschreiben. Denn seit dem viralen Video hat sich einiges getan. Er trägt jetzt ein rundes Tattoo im Gesicht, das sich vom Ohr bis zum Kinn erstreckt und das aus vielen kleinen Symbolen besteht. Außerdem hat er seine Haare am Tag zuvor mit einem Messer auf eine Länge von etwa 5 cm gekürzt. Eine Erklärung, warum er seine Haare geschnitten hat, gibt er ihr nicht. Dafür sagt er vor Gericht, dass er sie vorsorglich geschnitten hat, weil sein nächstes Reiseziel Atlanta gewesen sei, wo es, wie er sagt, ziemlich heiß ist.

Kimberleys Aussage zufolge erzählt Kai ihr sofort von der Vergewaltigung, als sich die beiden später am Tag am Bahnhof im Asbury Park treffen. Er hätte auch die Polizei angerufen, aber die würden nichts machen, weil es sich bei Joseph um einen Anwalt handelt. Kai erzählt weiter, dass er Joseph nach der ersten Nacht damit konfrontiert hätte, aber er hätte geleugnet, dass er irgendwas gemacht habe. Diese Darstellung ist deswegen interessant, weil Kai ja eigentlich im Verhör aussagt, den Anwalt erst gar nicht darauf angesprochen zu haben. Und interessanterweise kann Kimberley auch keine Prellungen, Kratzer oder sonstige Verletzungen an Kais Händen oder Gesicht erkennen. Den restlichen Tag soll er die Vergewaltigung nicht mehr erwähnt haben. Sie beschreibt ihn als typisch freundlich, gesprächig und eigenwillig. Nach einiger Zeit setzt sie ihn bei Freunden von ihr ab, die ihm einen Platz zum Schlafen anbieten und sie machen schnell noch zusammen ein Foto. Dieses Bild, das Kimberly auf Facebook hochlädt, wird der Polizei später dabei helfen, ihn zu identifizieren. Denn drei Tage, nachdem der Anwalt tot aufgefunden wird, spürt man Kai am 16. Mai an der Greyhound-Station in Philadelphia auf. Greyhound, nur ganz kurz, kann man bei uns in etwa mit Flixbus vergleichen. Dabei handelt es sich nämlich um Fernbuslinien. Kai hatte also scheinbar vor, weiterzufahren. Aber seine Reise endet erstmal im Verhörraum, in dem Sergeant Johnny Ho und sein Kollege ihn zum Fall des Anwalts aushorchen.

Kais erste Reaktion, nachdem die Ermittler ihn danach fragen, was passiert ist, lautet, er ist gestorben? Kai wird erstmal von der Polizei festgehalten. Er könnte zwar gegen eine Kaution von 3 Millionen Dollar freikommen, aber da niemand diese Summe zahlt, bleibt er 5 Jahre bis zum Prozess in Haft. Kurz sieht es sogar so aus, als könnte er gar nicht erst teilnehmen. Weil er sich knapp zwei Monate nach Chaucers Tod selbst verletzt und ins Krankenhaus eingeliefert wird. Die Wunden sind aber nicht lebensbedrohlich und Kai überlebt. Seine Aussagen und die anderer Zeugen als auch die gesammelten Beweise werden am 1. April 2019 vor einer Jury präsentiert. Kai zeigt sich im Kreuzverhör kämpferisch, plädiert auf Notwehr und wird mehrmals ausfällig während des Prozesses. Er fällt seinem eigenen Anwalt ins Wort und fügt Themen hinzu, die laut dem Richter Robert Kirsch keinerlei Relevanz für den Fall haben, was ihm auch fast den Rausschmiss aus dem Gerichtssaal beschert. Die Staatsanwaltschaft argumentiert aber, dass die Verletzungen des Anwalts weit über Notwehr hinausgehen. Der Anwalt Joseph war 73 Jahre alt und kleiner als Kai. Mit 1,65 und aufgrund einer Herzerkrankung mit einem Stent in der Brust wird er sich nicht großartig gewehrt haben können. Und auch Josephs Nachbar und Freund Bob, der in der Netflix-Doku interviewt wird, meint, dass er sich in einem Kampf nicht auf ihn verlassen hätte.

Knapp drei Wochen laufen die Verhandlungen, aber dann, am 24. April 2019, befindet die Jury Kai für schuldig, und zwar wegen Mord ersten Grades. Seine Haftstrafe beläuft sich auf 57 Jahre. Um die Möglichkeit zu bekommen, auf Bewährung entlassen zu werden, müsste Kai 85% der Strafe absetzen, was im Oktober 2061 der Fall wäre. Das heißt, Kai, der zur Zeit der Verurteilung 30 Jahre alt ist, wird 73 Jahre alt sein, wenn er diese Möglichkeit bekommt. Genauso alt wie der Mann, den er umgebracht hat. Kai ist nach dem Schuldspruch völlig außer sich. Er beschwert sich über seinen Pflichtverteidiger, der ihm mehr ein Klotz am Bein gewesen sei, als eine richtige Hilfe im Gerichtssaal. Einen Tag nachdem er für den Mord verurteilt wird, kündigt er auf seiner Facebook-Seite an, dass er in Berufung gehen will. Dabei hofft er auf einen berühmten Anwalt. Seine Anhänger stehen weiter hinter ihm. Und das Smash-Video generiert auch weiter nach dem Prozess Millionen von Klicks. Im August 2021 bestätigt das Berufungsgericht in New Jersey zwar das Mordurteil, Kai und seine Anhänger geben aber nicht auf. Sie suchen weiter nach Beweisen, dass es sich beim Prozess um ein abgekatertes Spiel gehandelt haben soll.

Im Buch von Philip Fairbanks zu dem Fall listet er gleich mehrere verdächtige Punkte auf. So sollen zum Beispiel Kameras im Gerichtssaal verboten worden sein, weil sonst aufgefallen wäre, dass Kai ungerecht behandelt werden würde. Richter Kirsch hält aber dagegen. Er sagt, dass Kai das Spiel mit den Kameras liebt. Sowas hätte er nur selten gesehen. Weil er Kais Fokus aber vollkommen auf den Fall und nicht die Kameras lenken wollte, hätte er diese im Saal verboten. Aber Fairbanks zählt weitere Punkte auf. Die beiden medizinischen Experten, die im Fall ausgesagt haben, sollen danach von Josephs Stiftung Geld erhalten haben. Und noch was. Ein sogenanntes Rape-Kit, das viele verschiedene Behälter für Körperflüssigkeiten und mehr beinhaltet, womit man dann eine Vergewaltigung nachweisen kann, wird nur bei Joseph, aber nicht bei Kai benutzt. Der leitende Ermittler Johnny Ho meint dazu, dass bei Kai einfach zu viel Zeit zwischen der angeblichen Vergewaltigung und seiner Festnahme gelegen hat, als dass die Anwendung des Rape-Kits sinnvoll wäre.

Außerdem wäre laut Autor Fairbanks der Geschirrspüler in Josephs Haus in der Zeit vom 13. bis 15. Mai benutzt worden. Also genau die Zeit, in der es sich ja um einen Tatort gehandelt hat. Er wirft Josephs Bruder James vor, sich als ehemaliger Vizepolizeichef Zutritt verschafft und Beweise vernichtet zu haben, die Kai womöglich entlastet hätten. Er zeichnet das Bild einer korrupten Justiz und stößt damit bei Kai und seinen Anhängern auf offene Ohren. Wie viel davon der Wahrheit entspricht, bleibt vorerst aber offen. Fest steht, dass Kais Leben eine wahre Achterbahnfahrt ist. Der fast zwei Meter große Jed übrigens, der sich für Jesus Christus gehalten hat und von Kais Axtangriff gestoppt wurde, wird 2014 aufgrund von Unzurechnungsfähigkeit für nicht schuldig befunden. Jed kommt in das Atesca-Darrow State Hospital, ist dort aber letztendlich nur vier oder fünf Jahre. Statt der in der Netflix-Doku beschriebenen neun Jahre, wie sein Anwalt es in einem Artikel richtig stellt.

2019 müsste er in etwa freigekommen sein. Das Jahr, in dem Kai verurteilt wird. Für viele Menschen bleibt Kai der Hitchhiker eine Identifikationsfigur, selbst nachdem er für den Mord an Joseph verurteilt wurde. Josephs Familie erhält aber ebenso Mitleidsbekundung von Menschen, die vom Fall tief ergriffen sind. Und wir müssen uns entscheiden, wie gehen wir mit einer Person um, die scheinbar ein Held war, uns vielleicht zum Lachen gebracht hat und dann womöglich jemanden umbringt. Schenken wir ihr mehr Vertrauen, weil wir glauben, sie zu kennen? Weil wir glauben, dass jemand, der sonst so positiv durch die Medien gezeichnet wird, im Inneren einfach nicht böse sein kann? Oder ist er nur jemand, der alles sagen würde, um im Rampenlicht zu stehen?

Also ich muss sagen, der Fall in der Recherche, es war wirklich ein riesiges Wirrwarr. Weil du hast Aussagen, das haben wir auch im Fall besprochen, du hast Aussagen von Kai, beziehungsweise Vorwürfe von Kai, die von den Familienmitgliedern wirklich komplett, Und ja, wo die Familienmitglieder wirklich komplett sagen, das ist absoluter Schwachsinn, dann sagen sie wiederum auch ein paar Sachen Stimmen. Da habe ich mich dann in der Recherche doch häufiger gefragt, okay, wie viel denkt er sich da gerade aus von all dem, was er sagt? Weil ja auch interessanterweise in dem Buch, worüber wir gesprochen haben, von Philip Fairbanks, er Kai wirklich ein ganzes Kapitel lässt, wo er seine ganze Hintergrundgeschichte komplett erzählen kann.

Er ordnet, glaube ich, wirklich nur so eine medizinische Bezeichnung da ein, aber mehr nicht. Er versucht da jetzt nicht großartig mit anderen Belegen durch die Familie oder so, das dann besser zu erklären. Deswegen bin ich echt nach dem Fall, ich bin nicht zwiegespalten, weil Kai ist verurteilt so, aber ich finde es trotzdem krass, wie viele Leute, also wie sehr dieser Fall trotzdem diskutiert wird einfach. Ja, ist natürlich immer ein bisschen schwierig, wie viel Wahrheit steckt dahinter. Also Kai hat ja schon krasse Anschuldigungen ausgesprochen, also er spricht von Missbrauch und da wundert es mich jetzt ehrlich gesagt nicht, dass die Familie das zum Beispiel zurückweist. Deswegen, das finde ich total schwierig, da einzuschätzen, ob das wirklich passiert ist, ob er sich das ausgedacht hat, weil ich finde, beides klingt relativ plausibel, weißt du, dass er sich das ausgedacht hat, um seine eigene Geschichte irgendwie krasser und wichtiger in Anführungsstrichen, in ganz großen Anführungsstrichen zu machen.

Aber falls es doch stimmt, dann wundert es mich nicht, dass die Familie sagt, nein, das ist nicht passiert. Weil wer gibt denn freiwillig den Missbrauch zu, sage ich mal. Ich finde auch in der ganzen Geschichte dieses Social-Media-Thema, den Social-Media-Hype, den eine ganz normale Person zu dem Zeitpunkt erfahren hat, die das ja gar nicht wollte. Weil hätte er Bock auf Reichweite gehabt, hätte er ja selber schon einen YouTube-Channel vorher starten können und seine Reisen dokumentieren oder so. Und nur über dieses weirde Interview, das kann man eigentlich gar nicht anders sagen, hat er dann so eine Berühmtheit erlangt, also schaut euch das wirklich unbedingt mal an, das ist ganz komisch, wie er so diese Smash-Smash-Smash-Geste da macht und das bespricht, also ich merke richtig, dass es mir voll schwerfällt, das irgendwie in Worte zu fassen, weil... Wenn seine Vergangenheit der Wahrheit entspricht, dann ist das natürlich super traurig und super krass, rechtfertigt ja aber nicht, dass er eine andere Person tötet.

Also genau, das Letzte, was du gerade gesagt hast, ist ultra wichtig und das muss einfach unterstrichen werden, weil da kann am Ende des Tages natürlich einfach vieles wahr sein von dem, was er seiner Familie davor wirft und das habe ich auch die ganze Zeit so im Hinterkopf einfach gehabt. Du siehst, es gibt auch wirklich viele Interviews von ihm, die jetzt nicht so bekannt geworden sind. Es gibt wirklich so eine Art Outtake-Interview, wo man, ich würde mal halbwegs behaupten, sein wahres Ich sieht. Weil das wurde nicht zusammengeschnitten oder so, das sind irgendwie 20 Minuten auf unterschiedliche Teile verteilt, wo der die ganze Zeit durchredet und ich kann verstehen, warum die Leute ihn charismatisch, freundlich, warum er Fans hat, warum er so angesehen wird und ich kann auch deswegen verstehen, warum die Leute ihm denn, also das wäre meine Vermutung, ihm denn eher glauben wollen auch irgendwo.

Und noch ein anderer Punkt, der vielleicht jetzt so ein bisschen ein Hot Take ist, dass in diesem ganzen Prozess Kai sich das auch ein bisschen selbst verbaut hat. Also dass zum Beispiel die Kameras rausgeschmissen worden sind, zumindest laut der Begründung des Richters, liegt an Kai, dass er eher auf die Kameras fokussiert gewesen wäre, als auf den Fall. Dass Kai auch fast rausgeschmissen worden wäre in dem ganzen Prozess, weil er sich da über die ganze Jury aufgeregt hat. Ich bin der Meinung, das würde vielleicht weniger, ja im Nachhinein jetzt auch weniger Druck auf die Justiz wiederum geben, was auch fies ist, wäre er gesitteter gewesen in diesem ganzen Prozess, denn hätten seine Fans jetzt gar nicht mehr so viel Zündstoff, den sie nutzen könnten.

Ja, die Sache bei diesem ersten exklusiven Interview, was er ja noch am Tatort dem Journalisten gegeben hat, da guckt Kai ja auch immer direkt in die Kamera. Und ich hatte gerade den Gedanken so, ja, das spricht ja irgendwie dafür, dass er Bock hatte auf diese Aufmerksamkeit, weil er eben auch immer wieder direkt in die Kamera schaut und auch eine direkte Ansprache hat an die Zuschauer. Dann habe ich mich aber erinnert, dass ich vor, boah, wie lange ist das her? Über zehn Jahre, glaube ich, muss es her sein, habe ich mal für TAF gearbeitet und da musste ich unter anderem auch so Straßenumfragen machen. Das heißt, du gehst durch die Fußgängerzone und sprichst einfach Leute an und fragst sie zu irgendeinem Thema was. Und da ist es auch ganz oft vorgekommen, dass die Leute zum ersten Mal mit einer Fernsehkamera konfrontiert waren und auch in die Kamera geguckt haben. Weil das sich für sie irgendwie natürlich angefühlt hat. Und dann musste ich denen immer sagen, nein, hey, schau mich an und nicht in die Kamera. Also ja, ist mein erster Gedanke jetzt fast doch wieder ein bisschen widerlegt worden.

Aber auf der anderen Seite hat er ja eine direkte Ansprache an die Leute gemacht. Und das ja auch mehrmals. Aber ich finde den Gedanken voll interessant, den du gerade sagst. Weil ich bin tatsächlich auch erst davon ausgegangen, dass es eher professionell ist, in die Kamera zu gucken. Weil wenn ich so drüber nachdenke, ein bisschen Selbstkritik, wenn ich streame beispielsweise, ich gucke auch relativ selten in die Kamera, wenn ich mit den Leuten im Chat rede. Ich gucke eher auf den Chat, wo die Leute reinschreiben, weil ich das Gefühl habe, so die Person anzugucken eher so.

Es wirkt natürlicher, oder? Weil wenn du als Zuschauer auf deinen Fernsehbildschirm schaust und jemand startet dich direkt an, das ist ein komisches Gefühl, weil du kennst die Person nicht. Die ist ja sonst irgendwo und irgendwer, aber wenn die Person so ein bisschen seitlich vorbeiguckt, dann ist es irgendwie angenehmer, dem zuzuschauen. Und ich glaube, deswegen sollen die Leute auch nicht unbedingt direkt in die Kamera gucken. Ja, ja, interessant. Würde mich mal interessieren, was ihr da draußen dazu sagt. Wenn ihr vielleicht schon mal in so einer Situation gewesen seid, in so einem Fernsehinterview oder so, ob ihr auch erst intuitiv in die Kamera geguckt habt, ob die Person euch erst sagen musste, gucken sie gerne mich an oder es nochmal komplett anders abgelaufen ist vielleicht? Ich habe noch eine letzte Frage, bevor wir die Akte für heute schließen. Bist du schon mal getrampt? Ähm, nee, tatsächlich nicht, weil ich auch irgendwie ein bisschen, nicht Angst, aber ich weiß nicht, ist es schon auch irgendwo so ein Risikofaktor, wo ich mir denke, den muss ich mir nicht unbedingt geben. Bei dir? Nee, auf gar keinen Fall. Also würde ich niemals machen. Ich hätte da auch viel zu viel Angst vor und der heutige Fall zeigt ja.

Dass Kai auch sich in das Auto einer, ja sagen wir mal, zweifelhaften Person gesetzt hat. Auf der anderen Seite gibt es so ein YouTube-Format, das heißt The Race, da trampen verschiedene Teilnehmer durch Europa und da ist es irgendwie total schön anzusehen, wie hilfsbereit und freundlich die ganzen Leute sind, deswegen würde ich das jetzt gar nicht mehr so verteufeln, also pauschal verteufeln oder sagen, hey, das ist immer super gefährlich, aber ich glaube, das ist einfach ein bisschen, ja, nicht mehr die Zeit, in der Leute trampen müssen. Dafür gibt es zu viele auch günstige Alternativen, wie zum Beispiel bei uns der Fernbus, Flixbus, wie auch immer sie alle heißen. Deswegen, glaube ich, müsste man das jetzt nicht mehr so zwingend machen.

Ja, stimmt. Ich erinnere mich. Du hattest mir The Race vorgeschlagen. Ich finde, das wärmt einem richtig, das Herz zu sehen, wie gutmütig eigentlich der Großteil der Menschen ist. Das ist immer wieder schön zu sehen. Ja, wenn ihr ganz viel Hilfsbereitschaft sehen möchtet, dann schaut euch mal dieses Format an. Können wir ja auch mal was empfehlen hier an der Stelle. The Race heißt das, da gibt es zwei Staffeln. Und ja, ich würde sagen, jetzt ist es aber Zeit, die heutige Akte zu schließen und wir freuen uns natürlich auch sehr, wenn ihr wieder nächste Woche mit dabei seid und wenn ihr wie Lia uns Vorschläge schickt, denn Lia hat uns über Discord, also bei dir, von diesem Fall erzählt und den vorgeschlagen. Wenn ihr auch von irgendwelchen Fällen gehört habt, die wir uns mal ein bisschen näher anschauen sollen, dann schickt uns das am besten bei Instagram, da heißen wir schwarze Akte oder auch auf TikTok. Dann schauen wir mal, ob es auch genug seriöse Quellen dazu gibt, sodass wir hier im Podcast davon erzählen können. Also bis nächste Woche Dienstag, überall, wo es Podcasts gibt.

Wir sind eure Hosts. Anne Luckmann. Und Patrick Strohbusch. Redaktion Patrick Strohbusch Schnitt Anne Luckmann Intro und Trainer gesprochen von Pia Rohnersachse Producer Falko Schulte Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios.