Diese Episode enthält explizite Details über wahre Kriminalfälle. Weitere Infos in der Folgenbeschreibung. Es ist der 16. August 1965. Ein Montagabend in Tucson, Arizona.
Die Sonne ist gerade erst untergegangen, aber die Hitze des Tages hängt noch schwer in der Luft. Es ist einer dieser endlosen Sommerabende, an denen der Asphalt selbst im Dunkeln noch zu glühen scheint. In den Wohnvierteln am Stadtrand zirpen die Grillen. Die Luft riecht nach heißem Staub, nach Oleander und den Abgasen vorbeifahrender Autos. In der Ferne sieht man die Umrisse der Berge. Im Süden glimmt noch der Rest eines rötlichen Abendhimmels.
Auf der Auffahrt der Familie steht ein glänzender Pontiac, kaum ein Jahr alt. Gretchen, 17 Jahre alt, blond und voller Energie, hält die Autoschlüssel in der Hand. Neben ihr läuft ihre jüngere Schwester Wendy. Sie ist 13, eher zurückhaltend und vernünftiger. Ein Mädchen, das nie ohne Erlaubnis so spät aus dem Haus geht. Die beiden lachen, reden durcheinander und machen noch ein paar Scherze. Dann verabschieden sie sich von ihren Eltern und steigen in den Wagen. Es soll ein unbeschwerter Abend werden. Ein Film im Autokino, vielleicht noch ein kurzer Abstecher über den Speedway Boulevard, wo die Lichter der Drive-Ins und Tankstellen in der Nacht glitzern. Gretchen streicht sich eine Strähne ihres Haares zurück und dreht den Zündschlüssel. Der Motor brummt auf, noch ein letztes Winken, noch ein Lächeln und der Pontiac rollt vom Hof hinein in die warme Sommernacht. Es wirkt wie ein ganz normaler Abend. Doch er wird nicht enden wie geplant. Denn Gretchen und Wendy werden nicht mehr zurückkehren.
Music.
Und damit ganz herzlich Willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte mit mir gegenüber Patrick Strohbusch. Und mir gegenüber Anne Luckmann. Hello! Ja, endlich wieder gegenüber, kann man ja sagen. Wir haben es im Podcast, glaube ich, gar nicht erzählt, sondern bisher nur auf Instagram. Aber wir waren beide gerade im Urlaub. Habt ihr gar nicht gemerkt, weil die Folgen ja hier weitergegangen sind. Aber jetzt sitzen wir uns wieder gegenüber und nehmen gerade die neue Folge auf. Und falls ihr ein paar unserer Urlaubsimpressionen sehen möchtet, dann schaut doch gerne mal bei Instagram vorbei. Da heißen wir Schwarze Akte. Da haben wir letzte Woche nämlich ein paar Einblicke gepostet. Und das machen wir jetzt generell jeden Freitag. Da teilen wir so ein paar persönliche Erlebnisse, Ereignisse, Impressionen aus unserer Woche. Also wenn ihr Lust habt, da ein bisschen was aus unserem Leben zu sehen, dann schaut gerne mal bei Instagram vorbei. Werbung.
Das Tucson in der Mitte der 1960er Jahre ist eine Stadt im Wandel. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Zahl der Einwohner hier regelrecht explodiert. Von 85.000 zu einer Boomtown, in der fast 300.000 Menschen leben. Wer durch die Straßen fährt, sieht Glanz und Glitzer. Breite Boulevards mit neuen Einkaufszentren, Tankstellen und Autokinos.
Daneben aber auch endlose Reihen aus schlichten Bungalows, die irgendwann im Nichts zwischen Kakteen und Wüste enden. Das Magazin Live beschreibt Tucson damals als eine Stadt der Gegensätze. Glas und Chrom, neben wettergegerbtem Stuck. Ein urbaner Wildwuchs in der Wüste. Für die Jugendlichen aber ist Tucson vor allem eines. Ein Ort der Langeweile. Die Schulen sind überfüllt. Viele müssen in zwei Schichten unterrichtet werden, morgens oder abends. Das bedeutet, dass hunderte Teenager halbe Tage oft völlig unbeaufsichtigt sind, immer auf der Suche nach Ablenkung. Jeden Abend treffen sie sich auf dem Speedway Boulevard, der Hauptstraße der Stadt. Ein endloses Band aus grellen Neonlichtern, Hamburgerbuden und Drive-Ins. Hier tuckern Autos im Schritttempo die Straße auf und ab, während aus den Radios die neuesten Rocksongs dröhnen. Mit gefälschten Ausweisen kommt man auch in die Tanzbars rein. Wer was erleben will, fährt einfach neben einem anderen Wagen her, lässt die Scheibe runter und sucht so Anschluss.
Die Polizei weiß, wo so viele Jugendliche zusammenkommen, da gibt es Ärger. Und tatsächlich melden Eltern in Tucson damals etwa 50 verschwundene Jugendliche pro Monat. Bei der Polizei stapeln sich die Vermisstenmeldungen. Meist tauchen die Jugendlichen aber wieder auf. Nach einem Streit mit den Eltern, einer heimlichen Nacht draußen oder einem Wochenende bei Freunden. Aber manchmal bleiben die Akten auch offen. In einem der Polizeibüros hängt eine Pinnwand, voll mit Fotos und Steckbriefen. Junge Gesichter, gedruckt in schwarz-weiß, manche mit Kugelschreiber unterstrichen, andere mit Kreisen markiert. Elin steht da zum Beispiel, 15 Jahre alt, verschwunden vor einem Jahr, im Mai 1964.
Die Polizei nimmt die Meldungen auf, stempelt die Formulare ab und wartet. Denn meistens, so glauben sie, kommen die Teenies schon wieder zurück. Und so gehen die Beamten auch im Sommer 1965 davon aus, dass Gretchen und Wendy nur davongelaufen sind. Doch ihre Eltern wissen, das kann nicht sein. Am Abend des 16. August 1965 verlassen Gretchen und Wendy ja ihr Elternhaus in der East Elm Street in Tucson. Zwei Schwestern, 17 und 13 Jahre alt. Sie wollen ins Autokino, das Cactus Drive-In. Ein ganz normaler Sommerabend. Doch sie kommen nie mehr nach Hause zurück. Als die Nacht vergeht und es morgen wird, schlagen die Eltern Alarm. Ihr Vater, ein angesehener Herzchirurg und seine Frau, die wissen, irgendwas stimmt hier nicht. Sie melden ihre Töchter also als vermisst. Die Polizei reagiert erstmal zurückhaltend. Die Beamten kennen die Ausreißer von Tucson. Meist sind es Jugendliche, die nach einem Streit mit den Eltern verschwinden oder ein Wochenende bei Freunden untertauchen. Und so glauben die Beamten auch diesmal, dass die beiden Mädchen schon wieder auftauchen werden.
Auch dann noch, als die Eltern widersprechen. Gretchen, die Ältere, gilt als rebellisch und rastlos. Lehrer nennen sie erratisch und aufsässig. Gretchen schwänzt den Unterricht, war sogar mal in einen Ladendiebstahl verwickelt und hatte schon eine Vorladung bei den Jugendbehörden. Manche halten sie für ein Problemkind. Ihr könnten die Eltern noch zutrauen, dass sie über Nacht wegbleibt. Aber Wendy? Wendy ist das genaue Gegenteil. Sie ist freundlich und verantwortungsbewusst. Sie hätte ihre Eltern niemals einfach im Stich gelassen, ohne etwas zu sagen. Als die Polizei bei ihrer Einschätzung bleibt, dass die Teenies schon irgendwann wiederkommen werden, handelt der Vater auf eigene Faust. Er beauftragt einen Privatdetektiv, der den Fall übernehmen soll. Und schon bald stößt dessen Team auf eine Spur. Sie finden nur wenige Tage nach dem Verschwinden der Schwestern das Auto. Auf dem Parkplatz des Flamingo Motels steht der rot-weiße Pontiac der Familie.
Das Auto, mit dem Gretchen und Wendy ins Autokino gefahren sind. Abgestellt und verlassen. Im Wagen finden sie Gretchens Handtasche, mitsamt einem 20-Dollar-Schein. Das wirkt nicht wie ein geplanter Aufbruch von zwei Ausreißerinnen. Noch beunruhigender ist der Kilometerzähler des Autos. Er wurde nämlich abgeklemmt. Jemand hat also ganz bewusst versucht zu verschleiern, wie weit der Wagen gefahren wurde. Mit diesem Fund ist jetzt auch der Polizei klar, die beiden Mädchen sind nicht einfach davongelaufen. Hier muss was Schreckliches passiert sein. Jetzt müssen die Beamten herausfinden, mit wem Gretchen und Wendy zuletzt so ihre Zeit verbracht haben.
Schon bald zeigt sich ein Muster. Fast alle Spuren führen zurück zum Speedway Boulevard, die Hauptschlagader des jugendlichen Nachtlebens in Tucson. Hier cruisen die Jugendlichen abends in ihren Autos im Schritttempo entlang. Beglückert bekommt einen Tanz im Hi-Ho, einem Nachtclub, in dem Rockmusik aus den Lautsprechern dröhnt. Andere hängen auf Bowlingbahnen ab oder treffen sich auf Parkplätzen. Und auch mit dabei Gretchen. Die 17-Jährige ist dort nämlich bekannt und sie polarisiert. Die Ermittler befragen ihre Familie und Freunde und machen sich so ein Bild von dem Mädchen. In der Privatschule, die Gretchen zeitweise besucht, gilt sie als Außenseiterin. Sie schwänzt und fällt durch ihr Verhalten auf. Sie ist aber selbstbewusst und viele Jungs himmeln sie an. Gretchen sucht den Nervenkitzel, rebelliert gegen Regeln und sie zieht Menschen an, die ähnlich leben wollen. Die Polizei merkt schnell, Gretchen bewegt sich in Kreisen, in denen es nicht nur ums Cruisen mit dem Auto und Tanzen geht. Immer wieder fällt dabei ein ganz bestimmter Name, nämlich Charles. Seine Freunde nennen ihn Smitty. Gretchen und Smitty haben etwas miteinander. Mal sind sie ein Paar, ein anderes Mal streiten sie sich heftig. Genau diese Verbindung macht Smitty für die Ermittler natürlich sofort interessant.
Smitty ist sechs Jahre älter als Gretchen und damit 23 Jahre alt. Ein ehemaliger Gymnastik-Champion, eher klein von der Statur, aber ein Meister der Selbstdarstellung. Er färbt seine Haare rabenschwarz und trägt Make-up, um seine Haut dunkler wirken zu lassen. In seinen Stiefeln stecken alte Zeitungen und flach gedrückte Blechdosen, die ihn dann um ein paar Zentimeter größer machen. Er malt sich auch ein Muttermal auf die Wange. Smitty posiert gern wie Elvis Presley, die Lippen gespitzt und die Augen halb geschlossen.
Für die einen ist er ein Spinner. Für viele Jugendliche auf dem Speedway ist er ein Star. Immer hat er Geld in der Tasche. Seine Eltern, die ein Pflegeheim betreiben, geben ihm ein großzügiges Taschengeld. Smitty fährt schicke Autos, schmeißt Partys in seinem kleinen eigenen Haus auf dem Grundstück seiner Eltern und lässt die Mädchen glauben, er sei gefährlich. Ein angeblicher Hells Angel, ein Draufgänger. Die Clique, die sich um ihn sammelt, ist berüchtigt. Teenager, Schulabrecher, Mädchen mit Beehive-Frisuren, also so auftopierte Haare, Jungs mit Pickeln und ohne Perspektive. Für sie ist der ältere Smitty der Pied Piper, auf Deutsch ein Rattenfänger, der mehr Drama, mehr Spektakel und mehr Leben verspricht als jeder andere. Wer dazugehören will, muss nur in Smittys Haus auftauchen. Dort gibt es Partys, Bier, laute Musik und ganze Stapel Playboy-Hefte. Smitty ist aber nicht der Einzige, auf den die Polizei aufmerksam wird. Da ist noch Richard, genannt Richie, 18 Jahre alt. Ein Außenseiter mit schlechtem Ruf. Er wurde schon mehrmals vom Unterricht ausgeschlossen und saß sogar zweimal im Jugendgefängnis.
In Tucson kursieren Gerüchte, er sei früher mal in einem Mordfall verwickelt gewesen. Offiziell hat er die Tat nicht begangen, aber die Gerüchte halten sich hartnäckig. Er ist hager, auffällig gekleidet, trägt Stiefel und will cool wirken. Aber die meisten mögen Richie nicht. Nur Smitty gibt ihm eine Chance. Eine Zeit lang sind die beiden beste Freunde und wohnen sogar zusammen. Mit Gretchen versteht sich Richie allerdings überhaupt nicht. Im Gegenteil, die beiden streiten ständig. Richie macht keinen Hehl daraus, dass er sie nicht ausstehen kann. Einmal soll er sogar gesagt haben, er wünsche ihr den Tod.
Und dann gibt es da noch Mary, 19 Jahre alt. Auch sie ist ein fester Teil von Smittys Clique. Mary ist unscheinbar, aber sie ist bis zur Besessenheit in Smitty verliebt. Die beiden waren mal eine Zeit lang ein Paar. Eine ihrer Freundinnen sagt später der Presse, Mary war unglaublich in ihn verliebt. Sie saß einfach zu Hause und wartete, während Smitty mit anderen Mädchen ausging. Marys Eifersucht ist in der Clique auch bekannt. Und sie scheint bereit dafür zu kämpfen, Smitty nicht an eine andere Frau zu verlieren. Für die Ermittler ist klar, diese Clique ist der Schlüssel. Aber wer von ihnen weiß, was mit Gretchen und Wendy passiert ist? Smitty sagt der Polizei, dass Gretchen vielleicht doch abgehauen sein könnte. Nach Kalifornien, wo sie mit der Familie vor kurzem Urlaub gemacht hat. Richie und Mary sagen den Ermittlern, dass sie nichts wissen. Die Polizei verhört Dutzende Jugendliche. Immer wieder dieselben Namen, dieselben Geschichten und doch keine klaren Antworten.
Niemand will etwas gesehen haben. Niemand will etwas wissen. Die Beamten bohren weiter und weiter. So lange, dass die Eltern mancher Jugendlicher irgendwann einen Schlussstrich ziehen. Mit einem Gerichtsbeschluss erzwingen sie, dass ihre Kinder nicht länger befragt werden dürfen. Für die Polizei ist das ein Rückschlag. Sie haben das Gefühl, kurz davor zu stehen, etwas aufzudecken. Doch die Mauer des Schweigens bleibt bestehen. Und so tappen sie im Dunkeln, mehrere Wochen lang. Den gesamten August, September und Oktober 1965. Bis plötzlich das Telefon auf dem Revier klingelt. Am anderen Ende ist Richie, der Außenseiter. Der Junge, den kaum jemand leiden kann. Und der jetzt ankündigt, er habe was zu sagen. Etwas, das alles verändern wird. Aber Richie ist nicht in Tucson. Er ist weit weg, etwa 3000 Kilometer quer durch die USA, in Ohio.
Das ist noch ein kleines Stück weiter als von Berlin bis zum südlichsten Punkt des europäischen Festlandes. Ein Gericht hat nämlich entschieden, dass Ritchie die Stadt Tucson verlassen muss. Denn Ritchie hatte sich festgebissen. Nicht an den Ermittlungen, sondern an einem Mädchen. An Kathy, 16 Jahre alt und Tochter eines Postboten. Eine Zeit lang ist Kathy mit Smitty ausgegangen. Er hat ihr sogar einen billig glitzernden Verlobungsring geschenkt. Aber die Beziehung hielt nicht lange. Kathy warf ihm den Ring eines Tages wütend zurück. Smitty wandte sich ab und Richie war da, um Kathy zu trösten. Für Richie war es mehr als Trost. Er hat sich nämlich in Kathy verliebt. Als sie die kurze Beziehung wieder beendet hat, da ist er abgestürzt. Er schreibt ihr seitdem Gedichte, Kurzgeschichten und sogar Romane. Richie schickt Kathy Briefe mit dutzenden Seiten. Aber nichts hilft. Kathy hält Abstand.
Ritchie kann aber nicht loslassen. Und seine Besessenheit wird langsam zur Panik. Er träumt jede Nacht denselben Albtraum. Kathy allein in der Wüste, Smitty über ihr, die Hände an ihrem Hals. Und er selbst, Ritchie, rennt mit einer Waffe durch den Sand, kommt aber nie rechtzeitig an. Ritchie ist überzeugt, dass Smitty es auf Kathy abgesehen hat. Daraufhin ändert sich Richies Verhalten. Er fängt an, Kathy regelrecht zu überwachen.
Stundenlang patrouilliert er vor ihrem Haus, sitzt im Auto in der Nähe, folgt ihr, wo immer sie hingeht. Selbst als die Polizei ihn warnt, hört er nicht auf. Schließlich nimmt er seinen Hund mit, damit es so aussieht wie ein Spaziergang. Für Richie ist das fast schon eine Mission. Für Kathy und ihre Familie ist es Terror. Ihr Vater alarmiert mehrmals die Polizei, die schließlich auch eingreift. Ende Oktober 1965 wird Ritchie festgenommen, unter anderem wegen Belästigung. Der Richter lässt ihn frei, unter einer Bedingung. Er soll Toussaint verlassen und zu seiner Großmutter nach Ohio ziehen. Dort soll er versuchen, Arbeit zu finden, über Kathy hinwegzukommen und endlich Abstand zu gewinnen. Doch Abstand findet er nicht. In Ohio wird die Obsession nur noch schlimmer. Er findet kaum Schlaf. Die Albträume quälen ihn weiter. Eines Nachts in der Küche seiner Großmutter, da platzt es dann aus ihm heraus. Er erzählt ihr alles über Smitty, von den verschwundenen Schwestern und davon, dass es noch ein anderes Mädchen gegeben hat. Die Großmutter schüttelt nur den Kopf. Sie glaubt, dass ihr Enkel zu viel Bier getrunken hat und Quatsch erzählt.
Für Richie ist das aber der Moment, in dem er zusammenbricht. Er schlägt einen Stuhl um, schreit und greift dann zum Telefon. Er ruft aber nicht Kathy an, auch nicht seine Freunde. Er wählt die Nummer der Polizei in Toussaint.
Zum ersten Mal hören die Ermittler jetzt eine Geschichte, die alles verändert. Es geht nicht nur um die Schwestern, Gretchen und Wendy. Richie erzählt von einem dunklen Gerücht, das schon länger durch die Stadt geistert. Von einem Mädchen, das schon ein Jahr zuvor verschwunden ist, Aline. Und plötzlich stehen die Ermittler nicht mehr nur vor einem Vermisstenfall, sondern vor dem Verdacht, Tucson könnte es mit einem Serienmörder zu tun haben.
Ritchie sagt, er sei bereit, endlich alles zu erzählen, aber nur unter einer Bedingung. Kathy muss in Sicherheit gebracht werden. Kathy, das Mädchen, von dem Ritchie überzeugt ist, dass sie das nächste Opfer werden soll. Die Polizei zögert nicht. Sie bringen Kathy tatsächlich in Sicherheit. Doch vor wem eigentlich? Ritchie sagt es ihnen. Frau Smitty. Vor dem Mann, von dem Ritchie überzeugt ist, dass er schon mehrfach getötet hat. Gretchen, Wendy und auch Aline. Denn was Richie jetzt auspackt, reicht zurück bis ins Jahr 1964. Also fast ein Jahr vor dem Verschwinden von Gretchen und Wendy. Alles beginnt am Abend des 31. Mai 1964. Der Abend, an dem Smitty herausfinden will, wie es ist, jemanden zu töten. Die 15-jährige Aline verbringt einen ruhigen Abend mit ihrer Mutter in ihrem Zuhause. Sie trägt eine Art Badeanzugkleid und Pantoletten. Alines typische Kleidung, wenn sie zu Hause ist. Im Fernsehen laufen die Beatles und sie bringt ihrer Mutter den neuesten Tanz bei, den Frog. Später badet sie, wäscht sich die Haare und sagt ihrer Mutter Gute Nacht. Kurz darauf verlässt ihre Mutter das Haus für ihre Nachtschicht im Krankenhaus. Als sie am nächsten Morgen zurückkommt, ist Alines Bett leer. Ihre Tochter ist verschwunden.
Die Polizei nimmt die Vermisstenmeldung auf. Doch schon bald lautet die Einschätzung Ausreißerin. Wieder einer dieser Teenager-Fälle, wie sie in Tucson jeden Monat dutzendfach vorkommen. Alines Mutter protestiert. Sie weiß, dass ihre Tochter so etwas nicht tun würde. Aber die Beamten halten an ihrer Annahme fest. Alines Mutter vertraut ihrem Gefühl. Und sie hat sogar einen Verdacht. Denn sie weiß, mit wem Aline in den letzten Wochen viel Zeit verbracht hat. Nämlich mit ihrer Nachbarin Mary. Dem Mädchen, das so sehr in Smitty verliebt ist und alles für ihn machen würde. Und Mary wiederum hängt natürlich oft mit Smitty ab. Und mit ihrem gemeinsamen Freund, John. Ein gerade mal 19-jähriger, stiller, unsicherer Junge, den viele als leicht beeinflussbar beschreiben. Einer, der in Smitty einen großen Bruder sieht und ihm folgt, wohin er auch geht. Elynes Mutter hat direkt ein ungutes Gefühl. Sie hat Smitty schon einmal vor ihrem Haus gesehen, wie er in seinem Wagen auf Elyne gewartet hat. Sein Blick war starr und durchdringend, hat sie so verunsichert, dass sie sich bedroht gefühlt hat. Und jetzt erzählt Richie der Polizei, dass genau diese drei, also Smitty, Mary und John, in jener Nacht zu Elyne gegangen seien. Der Nacht, in der sie verschwunden ist.
Laut der Aussage habe Mary an Alines Fenster geklopft und sie herausgelockt. Für ein Doppeldate. Gemeinsam Bier trinken in der Wüste. Aline steigt aus dem Bett und klettert aus dem Fenster. Sie steigt ins Auto ein. Gemeinsam sind sie dann in die Wüste gefahren. Genau, Richtung Harrison Road. Dort, in der Dunkelheit, zwischen Kakteen und Palo Verde Bäumen, da sei es passiert. Richie erzählt der Polizei, was Mitty ihm später anvertraut haben soll. Sie hätten Aline mit Steinen erschlagen. Brutal, ohne Vorwarnung und einfach, um herauszufinden, wie es sich anfühlt, ein Menschenleben auszulöschen.
Daraufhin handeln die Ermittler sofort. Sie fahnden nach allen dreien. Schwierig wird es aber bei Mary und John. Beide sind nämlich nicht mehr in Tucson. John lebt inzwischen in Connecticut, über 4000 Kilometer entfernt, am anderen Ende der USA. Mary wohnt bei ihren Eltern in Texas, ungefähr 1200 Kilometer von Tucson entfernt. Doch beide können in Gewahrsam genommen werden. Schon bei den ersten Verhören bricht Mary ein. Sie erzählt, dass Smitty seit Wochen von der Idee besessen gewesen sei, jemanden zu töten. Nicht aus Hass oder Rache, sondern, wie sie sagt, weil er sehen wollte, wie es sich anfühlt. Mary selbst habe Eileen in jener Nacht aus dem Haus gelockt. Ihre eigene Nachbarin und Freundin.
Smitty und John hätten sie dann in der Wüste erschlagen. Mary sagt, sie sei währenddessen im Auto geblieben und habe Radio gehört. Und dann später die Schreier. Danach habe sie Eileen nur noch blutig am Boden liegen sehen, bevor sie gemeinsam das Grab geschaufelt haben. Auch John redet im Verhör. Er schildert noch zusätzliche Details, als wie Smitty und er erliehen in ein trockenes Flussbett geführt hätten, wie sie geweint und gebettelt habe. Und wie Smitty schließlich einen Stein genommen und auf ihren Kopf geschlagen habe, bis sie reglos dalag. John sagt sogar, dass Smitty sie missbraucht habe, bevor sie starb. Danach hätten sie die 15-Jährige verscharrt, nur flach unter Sand und Geröll.
Mary und John erklären sich bereit, die Ermittler zum Grab zu führen. Gemeinsam fahren sie also hinaus in die Wüste, in das Gebiet nahe der Harrison Road.
Stundenlang durchsuchen sie das unwegsame Gelände. Sie finden Haarspangen, die aussehen wie die, die Eileen getragen hat. Doch die Leiche selbst bleibt verschwunden. Vielleicht, so vermuten die Beamten, haben Regenfälle in den Monaten danach die Überreste tiefer verschüttet oder weggeschwemmt. Oder sie suchen an der falschen Stelle. Trotzdem sind die Ermittler erschüttert. Mit dieser Erkenntnis wird ein noch größeres Muster sichtbar. Ein Mädchen verschwindet 1964, erschlagen in der Wüste. Zwei weitere verschwinden ein Jahr später, wieder unter mysteriösen Umständen. Die Frage, die nun alle beschäftigt, hat Smitty nach Aline erneut getötet? Was ist mit Gretchen und Wendy passiert?
Richie führt die Ermittler hinaus in die Wüste. Er kennt diesen Ort, weil Smitty ihn selbst hierher geführt hat. An der Nordseite von Tucson, ein Gebiet nahe einer Kreuzung. Was sie dort finden, sprengt alles bisher Dagewesene. Zwischen Kakteen und ausgetrockneten Bachläufen liegt der grausige Beweis. Zwei Skelette, nur notdürftig bedeckt. Kleidung liegt verstreut in der Wüste. eine weiße Bluse, Capri-Hosen, also so halblange Hosen, ein BH. An einem Bein hängt noch ein Tennisschuh. Es sind die Überreste von Gretchen und Wendy.
Damit ist die Befürchtung leider schreckliche Wirklichkeit geworden. Ein Pathologe identifiziert die sterblichen Überreste. Die beiden wurden erwürgt, erfahren die Ermittler. Spuren von Schlägen oder Schüssen fehlen. Für Tusson, das monatelang gehofft hatte, die Mädchen könnten doch noch gesund und munter zurückkehren, bricht eine Welt zusammen. Richie erzählt den Ermittlern weiter, was Smitty ihm noch anvertraut hat. Und in seiner Geschichte zeigt sich ein Motiv, das so verstörend wie banal klingt. Hass und Liebe, eng miteinander verknüpft. Smitty und Gretchen hätten sich immer gestritten, beide seien eifersüchtig gewesen, besessen, aber gleichzeitig voller Verachtung. Gretchen wollte, dass Mitty sich ändert, nicht mehr trinken, keine Partys mehr und vor allem keine anderen Mädchen. Sie will, dass er pünktlich ist, dass er sie anruft, dass er bei ihr bleibt, dass Mitty ist nicht bereit, sich fesseln zu lassen. Ihre gegenseitige Eifersucht führt zu immer heftigeren Auseinandersetzungen.
Einmal hat Gretchen eine Flasche Schuhcreme auf sein Auto geworfen. Ein anderes Mal ist sie vor seinem Haus aufgetaucht, hat ihn mit anderen Mädchen gesehen und so lange geschrien, bis er durch die Hintertür geflohen ist und sich in einem Baum im Garten versteckt hat. Trotzdem können sich die beiden nicht voneinander lösen. Smitty versucht Gretchen immer wieder zu imponieren. Er inszeniert sogar Dramen. Er schießt Löcher in sein eigenes Auto und erzählt Gretchen, er habe sie vor Gangstern beschützt. Doch dann kippt die Beziehung.
Gretchen soll nämlich irgendwann von dem Mord an Elin erfahren haben. In einigen Quellen ist auch von einem Tagebuch von Smitty die Rede, mit brisanten Geständnissen darin. Smitty fürchtet, dass sie ihn mit diesem Wissen in der Hand hat. In einigen Quellen wird sogar beschrieben, dass Gretchen Smitty mit diesem Wissen erpresst haben soll. Was genau an jenem Abend im August 1965 im Haus von Smitty passiert ist, ist unklar. Sie weiß zu viel, soll Smitty später Richie gesagt haben. Richie sagt der Polizei, dass Smitty ihm gestanden habe. Zuerst habe er Gretchen getötet, dann ihre jüngere Schwester Wendy. Richie beschreibt, wie Smitty mit den Händen eine würgende Bewegung vorgemacht habe. Danach habe er die beiden Leichen in den Kofferraum gelegt und in die Wüste gefahren. Richie berichtet auch, wie er später mit Smitty dorthin zurückgekehrt sei. Er habe Gretchen gefunden, das Bein mit einem weißen Tuch zusammengebunden, die Kleidung verrutscht. Wendy sei nur teilweise bedeckt gewesen, ein Bein ragte aus dem Sand heraus. Smitty habe ihn gezwungen, Spuren zu verwischen, Schuhe abzuwischen, einen Tennisschuh wegzuwerfen. Danach habe Smitty ihn angeguckt und gesagt, jetzt steckst du genauso tief drin wie ich. Für die Ermittler ergibt sich nun ein Muster. Gretchen und Wendy sind keine Ausnahme. Es ist eine Serie.
Noch am selben Tag nehmen die Beamten Smitty fest. Er steht in seinem Garten, geschminkt in Stiefeln, die ihn größer wirken lassen, als er eigentlich ist. Er wehrt sich nicht.
Toussaint steht Kopf. Nachdem die Leichen von Gretchen und Wendy gefunden werden, ist die Stadt nicht wiederzuerkennen. Zeitungen berichten Tag für Tag in großen Lettern, Radiosendungen spekulieren und Nachbarn flüstern hinter vorgehaltener Hand. Und dann kommt noch ein unerwarteter Schlag. Ein Richter ordnet an, dass Polizei, Sheriff und Staatsanwaltschaft nicht mehr mit der Presse reden dürfen. Keine Details mehr über die Ermittlungen, keine Kommentare und keine offiziellen Erklärungen. Das Ziel dabei ist ein faires Verfahren für Smitty. Doch für viele fühlt es sich eher an wie eine Zensur. Lokale und nationale Medien protestieren sofort. Die Associated Press verurteilt die Entscheidung als Angriff auf die Pressefreiheit. Auch Journalistenverbände und Redakteure warnen. Schweigen öffnen nur Tür und Tor für Gerüchte. In der Arizona Daily Star schreibt der Chefredakteur, dass, Zitat, der Fall so emotional aufgeladen ist, dass fehlende Information mehr Schaden anrichtet als offene Berichterstattung. Auf der anderen Seite steht die Anwaltschaft. Für Smitty müsse ein gerechtes Verfahren garantiert werden, ohne dass die Jury durch Schlagzeilen beeinflusst wird. Tucson steckt mitten in einer Debatte, die bald landesweit geführt wird. Freie Presse oder faires Verfahren?
Währenddessen erscheint ein Artikel im Live-Magazin, der Tucson ins grelle Rampenlicht stellt. Der Artikel wirft kein gutes Licht auf die Stadt. Das sei eine Boomtown, die hinter glänzender Fassade moralisch verfallen sei. Der Artikel nennt Smitty einen sexy-eyed-pied-piper, einen Rattenfänger, der gelangweilte Teenager anführt. Für viele Bewohner der Stadt ist das ein Schlag ins Gesicht. Schüler schreiben empörte Leserbriefe, Eltern protestieren, Und das Lokalblatt Arizona Daily Star veröffentlicht ein Stück, das klarstellt, die Jugendlichen von Tucson sind nicht wie Smittys Klicker. Sie verdienen keine pauschale Verurteilung. Doch die Wirkung ist nicht mehr aufzuhalten. Das ganze Land liest nun vom Pied Piper von Tucson. Ein Bild, das die Stadt noch lange verfolgen wird.
Gleichzeitig brodelt die Gerüchteküche weiter. Viele fragen sich, wie konnte es sein, dass offenbar so viele Jugendliche von Smittys Prahlereien wussten und niemand zur Polizei gegangen ist? Das Time Magazine schreibt, mindestens 30 Teenager haben seine Geständnisse gehört, aber niemand sagte etwas. Ein Mädchen von der Highschool erklärt den Medien folgendes. Sie sagt, viele wussten es, aber da war es schon zu spät. Hätten wir geredet, hätte es nur Ärger für alle gebracht. In den Vororten reagieren Eltern mit drastischen Maßnahmen. Der Speedway-Boulevard wird für viele Jugendliche tabu. Partys, die einst zur Routine gehörten, sind plötzlich unmöglich. Ein 16-Jähriger beschwert sich in der Zeitung, ich dachte, meine Eltern waren vorher streng, aber jetzt sind sie unerträglich. Und doch, auf dem Speedway selbst, in den Drive-Ins und Tanzlokalen, kreisen die Wagen weiter.
Manche Jugendliche sagen sogar offen, dass es ohne Smitty langweiliger wäre. Aber in Toussaint war es schon immer langweilig. Für sie bleibt er offenbar trotz allem eine Art tragischer Held. In Toussaint werden derweil zwei Prozesse vorbereitet. Der eine dreht sich um den Mord an der 15-jährigen Aline, die schon 1964 verschwunden ist. Der andere um Gretchen und Wendy, die seit August 1965 tot sind. Den Anfang macht der Fall der beiden Schwestern. Schon die Auswahl der Jury wird zu einem Spektakel. Fast ein Jahr nach dem Verschwinden von Gretchen und Wendy, am 15. Februar 1966, beginnt das Verfahren und schnell ist klar, das hier ist kein normaler Prozess. Die Geschworenen sollen abgeschottet werden, eingesperrt in Hotelzimmern und ohne Kontakt zur Außenwelt. Zum ersten Mal in Toussons jüngerer Rechtsgeschichte. Die Jury darf zwar fernsehen, aber keine Nachrichten. Der Austausch mit Familie oder Freunden ist verboten und jede Zeitung wird zensiert. Einige Kandidaten werden entlassen, weil sie es nicht ertragen können, für Wochen von ihrer Familie getrennt zu sein. Andere, weil sie gestehen, dass sie die Todesstrafe nicht verhängen könnten. Es dauert Tage, bis schließlich zwölf Geschworene und zwei Ersatzleute bestimmt sind.
Und das Interesse ist wirklich riesig. Reporter aus dem ganzen Land drängen sich in den Gerichtssaal. Der Angeklagte, Smitty, tritt gepflegt auf. Gebügeltes Hemd, dunkles Jackett, die Haare ordentlich geschnitten. Vom sogenannten Rattenfänger von Tucson, wie ihn das Live-Magazin genannt hat, ist hier keine Spur zu sehen. Zumindest äußerlich. Doch die Atmosphäre ist angespannt.
Die Staatsanwaltschaft verfolgt eine klare Linie. Smitty hat Gretchen und Wendy getötet, um seine Geheimnisse zu bewahren. Der Staatsanwalt erklärt, Gretchen habe gewusst, dass Smitty schon vorher ein Mädchen getötet hat. Smitty habe gefürchtet, sie würde ihn verraten. Als Hauptzeuge tritt Richie auf. Drei Stunden lang schildert er, wie Smitty ihm von den Morden erzählt hat. Richie wirkt gefasst, während er spricht. Smitty dagegen bleibt im Saal regungslos. Nur manchmal fixiert er seinen ehemals besten Freund mit einem starren Blick. Die Verteidigung setzt alles auf eine riskante Karte. Smittys Anwalt versucht Richie selbst als Täter hinzustellen. Mehrere Zeugen, darunter auch ein früherer Mitbewohner von Smitty, behaupten, Richie habe Gretchen gehasst und gedroht, sie zu töten. Smitty selbst bietet ein Alibi. Er sei in der fraglichen Nacht zu Hause gewesen, habe Pizza gegessen und Fernsehen geschaut. Seine Mutter sagt aus, sie habe ihn dort gesehen. Doch andere Zeugen widersprechen. Auch Mary sagt aus, allerdings nicht zu den Schwestern, sondern zu Aline. Mary berichtet, wie sie damals von Smitty dazu gebracht wurde, Aileen in die Wüste zu locken. Ihre Aussage wird als Beweis für ein Muster zugelassen. Smitty habe schon einmal gemordet.
Die Tage vergehen und der Prozess enthüllt ein Bild von Smitty, das Toussaint erschüttert. Geschichten von angeblichen Mafia-Kontakten machen die Runde. Ritchie berichtet, wie sie nach den Morden von zwei Männern im Mafia-Stil befragt werden sein sollen. Die Stadt ist in Aufruhr. Ist Smitty nur ein Blender oder ein Serienmörder, der mit dunklen Kreisen in Verbindung steht? Am 1. März 1966, zwei Wochen nach Prozessbeginn, fällt die Entscheidung. Nach nur etwas mehr als zwei Stunden Beratung verkündet die Jury das Urteil, nämlich schuldig in zwei Fällen von Mord ersten Grades. Smitty wird zum Tode verurteilt.
Er nimmt das Urteil äußerlich ruhig entgegen, aber es ist Weinen im Gerichtssaal zu hören. Von einer Frau, die zum ersten Mal bei dem Prozess öffentlich in Erscheinung tritt. Diane. Sie ist erst 15 Jahre alt und die Ehefrau von Smitty. Seit nur wenigen Monaten sind die beiden verheiratet. Diane hatte Smitty im Herbst 1965 kennengelernt. Nur wenige Wochen später, im Oktober, gab sie ihm das Ja-Wort. Freunde sagen später, sie sei ihm sofort verfallen gewesen. Diesem Mann mit den tiefen Augen, der wie ein Filmstar auftrat und immer wusste, wie er sich in Szene setzen konnte. Nur wenige Wochen später verhaftet ihn die Polizei. Während die Öffentlichkeit längst über Smitty als Monster von Tucson diskutiert, hält Diane auch nach seiner Verhaftung noch zu ihm. Sie besucht die Verhandlungen, weint, als das Urteil verkündet wird, und wirkt, als könne sie nicht glauben, was man ihrem Ehemann vorwirft. Für sie ist Smitty nicht der Pied Piper, von dem in den Zeitungen die Rede ist, für sie ist er ihr Ehemann, dem sie vertraut und den sie gegen jede Anschuldigung verteidigt. Doch damit ist es nicht vorbei. Schon in wenigen Tagen soll der nächste Prozess beginnen, der um Elin. Mit ihm wird die Frage immer drängender. Ist Smitty wirklich ein Serienmörder?
Mary und John, die in der Mordnacht mit dabei waren, gestehen schon kurz nach ihrer Verhaftung 1965 ihre Beteiligung. Mary erzählt vor Gericht, dass sie Aline aus dem Haus gelockt hat, weil Smitty sie darum bat. Sie sei damals 17 gewesen und verliebt in Smitty und unfähig, sich ihm zu widersetzen. Ihre Strafe fällt vergleichsweise milde aus, 4-5 Jahre Haft. John wird zu lebenslanger Haft verurteilt, doch mit Aussicht auf Begnadigung nach 12 bis 15 Jahren. Auch er erklärt, er habe nur aus Angst vor Smitty gehandelt.
Für den zieht sich der Beginn des Prozesses lange hin. Immer wieder wird er verschoben. Erst 1967, drei Jahre nach dem Verschwinden von Aline, beginnt er dann tatsächlich. Smitty hat sich inzwischen den prominenten Anwalt Francis Lee Bailey geholt. Der wurde berühmt durch die Verteidigung von Dr. Sam Shepard, einem Arzt aus Ohio, der wegen Mordes an seiner Frau verurteilt und später wieder freigesprochen wurde. Über den Fall haben wir übrigens ganz zu Beginn auch schon mal in der schwarzen Akte gesprochen, in Folge 12. Der Fall machte landesweit Schlagzeilen. Der Star-Anwalt Bailey weiß nämlich, die Beweise gegen seinen Mandantensmitti sind erdrückend. Noch bevor die Geschworenen überhaupt ein Urteil fällen können, zieht er die Reißleine. Am 21. Mai 1967 bekennt sich Smitty überraschend schuldig. Allerdings nicht wegen Mord des ersten Grades, sondern wegen Mord zweiten Grades. Eine taktische Entscheidung. Der Anwalt Bailey will verhindern, dass sein Mann dann nochmal zum Tode verurteilt wird. Vielleicht schafft der Anwalt es ja, das eine Todesurteil noch einmal zu kippen. Aber zwei Todesstrafen lassen sich kaum noch abwenden.
Doch der Plan des Anwalts geht auf. Smitty entgeht der zweiten Todesstrafe. Das Strafmaß im Prozess um den Mord an Eileen lautet 50 Jahre bis lebenslang. Kurz darauf führt Smitty die Ermittler sogar an die Stelle in der Wüste, wo er, Mary und John, Eileen verscharrt haben. Mary und John konnten sich offenbar nicht mehr richtig an die Stelle erinnern, aber Smitty schon. Mehr als drei Jahre nach ihrem Verschwinden wird nun auch das Skelett des Mädchens gefunden. Es ist der letzte, endgültige Beweis. Smitty sitzt jetzt also hinter hohen Mauern und wartet auf seinen letzten Tag. Aber Ruhe gibt es keine. Kaum ein Jahr vergeht, ohne dass er versucht, sein Schicksal zu wenden. Seine Anwälte legen Berufung ein, doch alle scheitern. Dann, 1973, kommt eine Wendung. Wegen einer Entscheidung des US Supreme Court zur Verfassungswidrigkeit der Todesstrafe wird Smittys Todesurteil umgewandelt in zweimal lebenslange Haft. Für ihn bedeutet das, er entgeht der Todesstrafe, aber nicht im Gefängnis.
Doch auch hier spielt er weiter mit Illusion und Täuschung. Im Oktober 1972, da hat er knapp sieben Jahre schon abgesessen, versucht Smitty zum ersten Mal, dem Gefängnis zu entkommen. Mit einem Plan, der fast grotesk wirkt. Smitty versteckt sich nämlich in einem hölzernen Gymnastikpferd, das von Mithäftlingen in die Werkstatt getragen wird. Stundenlang suchen ihn die Wärter, bis sie ihn schließlich in einem Spind aufspüren. Die Zeitungen schreiben darauf spätisch vom trojanischen Pferd, in dem er sich versteckt hat. Nur wenige Wochen später gelingt ihm tatsächlich die Flucht. Gemeinsam mit einem weiteren Mörder schneidet er sich den Weg nach draußen frei. Sie sind bewaffnet mit einer Art improvisierten Pistole aus Metallrohren, Federn und einem Nagel. Die beiden nehmen vier Menschen als Geiseln, lassen sie jedoch nach Stunden wieder frei. Drei Tage lang ist Arizona im Ausnahmezustand. Straßensperren, Hubschrauber und Patrouillen im Dauerbetrieb. Smitty selbst irrt durch die Wüste, seine Füße voller Blasen und sein Haar unter einer blonden Perücke verborgen. Schließlich erkennt ihn aber ein alter Schulkamerad in Tucson. Als die Polizei ihn stellt, wehrt er sich nicht. Seine Freiheit endet nach rund 100 Kilometern Fußmarsch und zweieinhalb Tagen mit Handschellen und einer Rückfahrt ins Gefängnis. Kurz darauf wird er als maximale Sicherheitsgefahr eingestuft.
1974, zwei Jahre nach Smittys Fluchtversuch, gibt es wieder Neuigkeiten. Er lässt ganz offiziell seinen Namen ändern. Ein Versuch, wie er sagt, sein Leben neu zu beginnen, sich von der Figur des Pied Piper zu lösen. Aber in den Akten, in den Schlagzeilen und in der Erinnerung der Menschen bleibt er Smitty. Hinter Gittern sucht er weiter neue Rollen. Er schreibt Gedichte, die er an einen jungen Literaturprofessor von der University of Arizona schickt. Der ist schockiert von der Anfrage, aber auch irgendwie fasziniert. Er besucht Smitty sogar im Gefängnis, liest seine Texte und gibt Feedback. Später gründet er auf Wunsch von Smitty Schreibwerkstätten für Häftlinge, die bis heute bestehen. Der Professor sagt später, er war ein Monster, aber auch talentiert. Doch auch das Schreiben bewahrt Smitty nicht vor seinem Ende. Am 20. März 1975 greifen ihn zwei Mithäftlinge mit Messern an. Zehn Tage lang liegt er im Krankenhaus. Dann stirbt er an seinen Verletzungen.
Mit seinem Tod endet eine bizarre und grausame Geschichte, aber die Spuren, die er hinterlässt, die bleiben. Begraben wird Smitty auf dem Gefängnisfriedhof. Kein Familienmitglied holt den Leichnam ab, kein Besucher wird in den folgenden Jahren an seinem Grab gesehen. Der einstige Pied Piper of Tucson ist am Ende nur noch eine Fußnote in den Archiven. Mary kommt schon 1968, nach drei Jahren frei. Sie verlässt Arizona, zieht zurück nach Texas und will dort Kunst studieren. In Tucson spricht kaum noch jemand über sie. Sie verschwindet aus der Öffentlichkeit. John bleibt deutlich länger in Haft. Hinweise deuten darauf, dass er etwa 1990 entlassen wird, also 26 Jahre später.
Richie lebt mit den Folgen seiner Entscheidung, zur Polizei zu gehen. Jahrzehnte später, 2018, veröffentlicht er seine Geschichte. I ist Gwila, also ich ein Verräter. Darin schreibt er, warum er schließlich zur Polizei ging und dass er sein Leben lang mit den Vorwürfen leben musste, vielleicht selbst etwas mit den Morden zu tun gehabt zu haben. Und dann ist da ja noch Diane, das Mädchen, das Mitty im Oktober 65 geheiratet hat, mit gerade mal 15 Jahren. In ihrem ersten Interview im Jahr 2023 beschreibt sie, wie sie ihn in einem Hamburgerladen kennengelernt und wie er sie schnell in seinen Bann gezogen hat. Diane bleibt trotz allem an seiner Seite, sogar während seiner Fluchtversuche. Sie sagt bis heute, er war die Liebe meines Lebens. Diane heiratet noch fünfmal, doch niemand erreicht je wieder diese Liebe, die sie zu Smitty gefühlt hat. Für Tucson bleibt der Name Smitty ein Stigma. Zeitungen schreiben noch Jahrzehnte später über den Pipe-Piper. Der Fall führt zu Diskussionen über Jugendkultur, Polizei und Justiz, über Pressefreiheit und die Gefahren von Charisma und Gruppendruck.
Psychologen nennt Smitty einen Narzissten, Manipulator oder Psychopath. Eine Mischung, die ihn so gefährlich gemacht hat. Schriftsteller, Filmemacher und Journalisten greifen seine Geschichte immer wieder auf. Es gibt Bücher, Kurzgeschichten, Serien und Filme. Doch für Toussaint ist es nicht nur Literatur oder Fernsehen. Für viele bleibt er ein Symbol dafür, dass auch in einer scheinbar ruhigen Wüstenstadt das Böse lauern kann. Mitten unter den Jugendlichen, mitten in der Nachbarschaft. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie dieses böse Gefühl, nenne ich es jetzt mal, in Smitty sich aufgetan hat und er dieses Gefühl haben wollte, spüren wollte, einem Menschen das Leben zu nehmen. Und das ja gleich dann dreimal gemacht hat an den Schwestern und an Elin. Also das ist einfach so unfassbar und wir hatten schon so viele schlimme Fälle und Geschichten natürlich hier im Podcast, aber das ist ja auch an Abartigkeit eigentlich gar nicht zu überbieten. Und wie du ja auch schon sagst, dass einfach nur weil er wissen will, wie es sich anfühlt, jemanden umzubringen, er im Endeffekt ja drei Personen umbringt. Eine Person ist ja schon schlimm genug, aber ich meine, dadurch, dass er ja keine Konsequenzen dann dadurch gefühlt hat, seine, ich mache jetzt mal Anführungszeichen, Freunde, ihn ja sogar auch noch gedeckt haben.
Nicht nur gedeckt, die haben ja sogar mitgemacht. Also auch das ist ja eine Frage, die wir jetzt besprechen können. Was bringt denn Menschen dazu, da mitzugehen und einfach die Anweisungen auszuführen? Und ich meine, das war ja nicht nur der Moment in der Wüste, wo Smitty gesagt hat, so, jetzt helft ihr mir mal, sondern dieser Plan stand ja bei Aline zum Beispiel, wir gehen da jetzt zu ihr hin, wir fragen sie oder wir bringen sie dazu, dass sie mitkommt, wir fahren mit der im Auto irgendwo hin. Also das war ja so ein langer Prozess, wo ich mich frage, an Marys und Johns Stelle, habt ihr nicht einmal darüber nachgedacht, zu Smitty zu sagen, sag mal, bist du komplett bescheuert, wir bringen doch jetzt hier nicht das Nachbarsmädchen um? Ich frage mich halt auch, ob das ein längerer Prozess war oder dass er halt einfach nur einmal gesagt hat, ja, ich habe Bock jemanden umzubringen, let's go, lass uns das machen und die sofort on board waren, weil sie gesagt hat, sie war ja so in love mit ihm und der Typ hat dann so gesagt, ja, ich hatte Respekt vor ihm und dann mache ich das auch. Ob die direkt so hörig waren, das würde mich noch interessieren, um ehrlich zu sein.
Also gerade diese Besessenheit, dieses Verliebtsein, was Mary ja gegenüber Smitty gefühlt hat. Ja, ich glaube, wir alle waren auch schon mal verliebt und haben vielleicht auch mal irgendwas mitgemacht, was wir jetzt an sich nicht so cool fanden. Und ich meine jetzt damit so einfache Beispiele wie, ich finde Horrorfilme kacke, aber gucke sie mit, weil ich irgendwie cool sein will für den Typen. Über sowas spreche ich jetzt. Aber für jemanden zu morden, das ist halt so ein krasses Next Level. Und das kann ich mir nicht mal vorstellen, wie sehr man in jemanden verliebt ist, dass man so etwas mitgeht und einer Person das Leben nimmt. Und Aline war ja für Mary das Nachbarsmädchen. Nicht, dass es das irgendwie einfacher machen würde, wenn das ein anderes Mädchen aus der Siedlung gewesen wäre. Aber auch da, die haben sich jeden Tag gesehen ja wahrscheinlich. Die Eltern kannten sich und wie kann man da seinem Freund einfach so blind hinterher folgen und sagen, ja, machen wir jetzt. Also das ist, mir fehlen fast so ein bisschen die Worte hier wieder, weil ich das einfach so furchtbar finde, dass da eben so viele Leute noch mitgemacht haben und die ja...
Auch damit durchgekommen wären, wenn Richie sich nicht getraut hätte, bei der Polizei anzurufen und zu sagen, ey, ich weiß was, ich erzähle euch das jetzt. Deswegen finde ich es auch krass, dass er sich später dann als Verräter auch selbst betitelt. Aber darüber können wir gleich nochmal quatschen. Ich finde, also ich vermute mal, das, was wir ja auch schon angesprochen haben, was dazu geführt hat, dass es dann so eine Gruppenaktion geworden ist, weil es nicht die Person gab, die als erste so gesehen das Wort erhoben hat, den Finger erhoben hat und gesagt hat so, nee, das ist nicht in Ordnung. Sondern wir halt erst mal Gruppendruck drin hatten. Und irgendwie alle haben links und rechts wahrscheinlich geguckt, so sagt jemand was. Nö, scheinbar ist es ja irgendwie in Ordnung. Und wir haben ja auch irgendwie Respekt vor ihm. Und er ist ja scheinbar, er soll ja auch sehr charismatisch gewesen sein. Schaut dazu übrigens auch gerne mal in die Shownotes. Da haben wir Fotos von ihm verlinkt. Ich finde, wenn man sich die anschaut, dann versteht man diese Charismatik vielleicht auch ein bisschen besser. Also sogar das Schwarz-Weiß-Foto strahlt es total aus, dass dieser Typ irgendwas hatte. Also, dass man so in seinen Bann geraten kann. Das kann ich anhand der Fotos sogar verstehen. Aber in meinem Kopf geht es halt nach wie vor nicht rein, wie man einem Mord mitgehen kann. Also, absolut. Also, ich meine, ich will das jetzt hier auch überhaupt gar nicht schönreden. Ich will es ja wirklich nur für mich zumindest versuchen zu erklären, wie es dazu gekommen ist, im Zweifel.
Und genau, so wie wir es halt schon gesagt haben, Gruppendynamik, das Charisma, haben Mary und John dann eben auch dazu bewegt, Ja zu sagen, zu helfen und dann folgenschwer ja eben auch noch, was dazu geführt hat, dass es keine Konsequenzen gab und Smitty deswegen nochmal zweimal gemordet hat, weil er diese, wahrscheinlich eine Übermacht, so ein Übermachtsgefühl hatte, weil erstens, dir folgen jede Menge Leute, Frauen wie Jungs, dann hast du auch noch jede Menge Kohle, du bist so der Bad Boy der Stadt auch noch gefühlt. Dann ermordest du jemanden, das schlimmste Verbrechen überhaupt, kommst damit auch noch durch und nur, hast du ja auch schon gesagt, wegen Richie kommt es am Ende wirklich dann zur Polizei. Und deswegen finde ich auch, dass er sich selbst als Verräter betitelt.
Also ich habe das Buch nicht gelesen, vielleicht ist es da, es ist bestimmt noch mal ein bisschen diversifizierter aufgeführt. Aber ich habe so ein bisschen das Gefühl, dass er das fast schon bereut. Keine Ahnung. Ja, und vielleicht zeigt das auch noch mal diese Dynamik, die die damals in der Gruppe hatten, dass er sich halt als Verräter vorkam, weil er hat ja das einzig Richtige gemacht. Er hat die Wahrheit gesagt, er hat das Wissen geteilt, was er hatte, was ja vielleicht Gretchen auch gemacht hätte. Und so können wir den Bogen nochmal zurückspannen, weil sie hat ihr Leben ja nur verloren, mutmaßlich zumindest, weil Smitty Angst hatte, dass sie plaudert mit dem Wissen, was sie hatte. Was so verrückt ist, weil beim ersten Mord waren auch zwei Leute dabei, Mary und John. Aber anscheinend war Smitty sich so sicher, dass die nichts sagen werden, weil er sie auch in der Hand hat. Die waren ja dabei. Also wenn er dafür bestraft werden soll, dann würden Mary und John das auch machen. Aber ja, deswegen musste Gretchen ihr Leben lassen und wahrscheinlich, weil ihre Schwester Wendy dabei war, musste sie dann auch sterben. Also ja, es ist alles in allem einfach eine krasse, absurde, bizarre Geschichte und man kann nur froh sein, dass jeder und jede Person hier ihre gerechte Strafe bekommen hat, weil Richie sich getraut hat, den Mund aufzumachen. Und dass der keine reine weiße Weste hatte, wissen wir auch, denn Stalking, was er an Kathy betrieben hat, ist natürlich auch absolut scheiße.
Das müssen wir jetzt auch mal so klarstellen. Wir können ihn jetzt hier nicht als den heiligen Richie darstellen, denn der hat selbst auch scheiße gebaut.
Aber er hat letztendlich dazu beigetragen, dass die Personen hier ihre gerechte Strafe bekommen haben. Denke ich auch und ich glaube, damit ist das Wichtigste gesagt. Damit würde ich sagen, schließen wir die Akte wirklich komplett für heute und wir hören uns nächste Woche Dienstag wieder überall, wo es Podcasts gibt. Wir sind eure Hosts Anne Luckmann und Patrick Strohbusch. Redaktion Johanna Müssiger und wir. Schnitt Anne Luckmann Intro und Trainer gesprochen von Pia Rohnersachse Producer Falko Schulte Die Schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios.