Diese Episode enthält explizite Details über wahre Kriminalfälle. Weitere Infos in der Folgenbeschreibung. Ungefähr 100 Kilometer östlich von Manhattan, da befindet sich ein kleiner, exklusiver vor Ort namens Bell Terra. Wunderschön an der Nordküste von Long Island gelegen, im US-Bundesstaat New York. Grüne Hügel, gepflegte Gärten und kleine Waldstücke wechseln sich mit felsigen Küstenlinien und Sandstränden ab. Belterra bedeutet auf Französisch übrigens »schönes Land« und das nicht ohne Grund. Denn der kleine malerische Küstenort ist für seine weitläufigen Anwesen und exklusives Ambiente bekannt. Hier findet man vor allem Ruhe und wohlhabende Bürgerinnen und Bürger. Die Immobilienpreise sind nicht gerade niedrig. Hier lassen sich Menschen nieder, die Ruhe, Privatsphäre und die Nähe zur Natur suchen, fernab des Trubels von New York City. Aber immer noch in guten zwei Stunden mit dem Auto erreichbar. Hier, in dieser exklusiven Wohngegend, lebt auch der 17-jährige Marty mit seinen Eltern Seymour und Aline.
Es ist Mittwoch, der 7. September 1988. Als Marty an diesem Morgen aufwacht, da weiß er, dass heute ein ganz besonderer Tag wird. Im Grunde genommen sogar ein besonderes Jahr. Denn heute startet der erste Tag seines letzten Highschool-Jahres. Eine aufregende Zeit für den Teenager. Nach der Schule will er ein erfolgreicher Unternehmer werden, so wie sein Vater Simo. Ein bisschen konnte er ihm schon mal über die Schulter schauen und im gemeinsamen Business lernen. Denn die beiden kaufen Baseballkarten günstig ein und verkaufen sie dann teurer weiter. So kann Marty im Prozess lernen und erste wichtige Erfahrungen sammeln. Marty steckt an diesem Morgen aus seinem noch warmen Bett. Es ist früh, so gegen 6 Uhr. Alles ist ruhig, seine Eltern schlafen wohl noch. Er verlässt sein Zimmer und wundert sich für einen Moment, denn im Haus brennt Licht. Ist vielleicht doch schon jemand wach? Aber nein, er hört keinen Mucks. Die Tür zum Arbeitszimmer seines Vaters ist angelehnt. Marty schiebt die Tür vorsichtig auf, um einen Blick ins Zimmer zu werfen. Und von einer Sekunde auf die nächste verändert sich alles.
Adrenalin schießt durch seinen Körper. Sein Gehirn kann die Informationen, die seine Augen da gerade aufnehmen, überhaupt nicht verarbeiten. Vor ihm, im Bürostuhl seines Vaters, sitzt eben genau dieser. Blut überströmt. Aber Seymour lebt. Marty hört seinen Vater noch atmen. Er will panisch den Notruf 911.
Unzählige Fragen schießen durch seinen Kopf. Was ist hier passiert? Wer hat seinem Vater das angetan? Und wo ist seine Mutter Aline? Marty rennt durchs Haus, auf der Suche nach seiner Mutter. Und er findet sie, nur wenig später. Im Schlafzimmer, auf dem Boden. Für Aline kommt jede Hilfe zu spät. Sie ist tot. Marty ist in dem Moment klar, dass dieser Tag der schlimmste Tag seines Lebens ist. Was er aber da noch nicht weiß, er noch nicht einmal ahnt, das Schlimmste, das kommt erst noch.
Music.
Schwarze Akte Und damit ganz herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte mit Patrick Strohbusch und mit Anne Lückmann. Welcome! Ja, wir freuen uns, dass ihr natürlich wieder zuhört hier und wir haben auch in der heutigen Folge wieder unseren kleinen stummen Gast, vielleicht habt ihr das ja auf Instagram gesehen, die kleine Nala schläft hier hoffentlich ganz leise während der Aufnahme zu unseren Füßen. Nala macht gerade Ferien in Berlin. Deswegen, ja, hoffen wir jetzt hier mal, dass sie im Gegensatz zu euch mega gelangweilt sein wird von der heutigen Folge und schön schläft. Aber wir hoffen natürlich, dass ihr diese Folge wie immer mit großer Spannung verfolgt, denn Spannung wird es auf jeden Fall geben.
Werbung. Werbung Ende. Wir befinden uns in der heutigen Folge ja in einem noblen Vorort auf Long Island, Ende der 80er Jahre. Und der 17-jährige Marty hat sich eigentlich auf den Start seines letzten Highschool-Jahres gefreut. Doch von jetzt auf gleich ändert sich sein Leben komplett. Mutter Aline ist tot auf dem Schlafzimmerboden. Sein Vater Seymour, der kämpft noch um sein Leben. Der Fall, von dem wir euch heute erzählen wollen, der hat uns wirklich schockiert, auf so vielen Ebenen. denn es passieren Dinge, bei denen man während des Zuhörens eigentlich nur den Kopf schütteln kann und es nicht glauben wird. Aber wir beginnen natürlich erstmal von vorn. Wir möchten euch zuerst von Seymour und Aline und ihrem Sohn Marty erzählen. Marty heißt eigentlich Martin und wird am 29. August 1971 geboren. Als Seymour 45 und Aline 36 Jahre alt sind, adaptieren sie den kleinen Marty, weil die beiden selbst keine Kinder bekommen können. Vor allem Mutter Aline ist ganz vernarrt in das süße Baby. Sie vergöttert Marty. Und Marty vergöttert auch seine Mutter. Auch zu seinem Vater Seymour hat er ein enges Verhältnis. Er schaut zu ihm auf. Vor allem auch, was seine Erfolge im Geschäft angeht.
Martys Vater, Seymour, hatte eine von Armut geprägte Kindheit. Er hat sich da aber selbst herausgekämpft, hart gearbeitet und sein eigenes Vermögen aufgebaut. Seymour ist ein kluger und zäher Unternehmer. Ihm gehört ein Versicherungsunternehmen, das er später gewinnbringend verkauft. Seitdem investiert er sein Geld in andere Firmen. Zum Beispiel in ein Fitnessstudio und in einen Bagel-Shop. Das ermöglicht ihm wiederum mehr Zeit mit der Familie zu verbringen.
Seitdem reisen die drei vier, kochen oft gemeinsam und gehen zusammen spazieren. Marty hat eine wirklich wundervolle Kindheit. Er bekommt alles, was er sich wünscht. Er beschreibt sich später selbst in einem Podcast-Interview als kontaktfreudigen, aufgeschlossenen Teenager, der viele Freunde und Ziele im Leben hat. Je älter er wird, desto mehr möchte er beispielsweise in die Geschäftswelt seines Vaters eintauchen, von ihm lernen, um später selbst erfolgreich zu sein. Die beiden haben ja schon das gemeinsame Business mit dem Baseballkartenhandel. Also ihr merkt schon, wir haben es hier mit einer harmonischen, erfolgreichen Familie zu tun. Die drei leben in einem noblen Haus am Wasser. Marty muss noch einen Stuhl herumkriegen, bevor dann sein eigenes Leben beginnen kann.
Doch dann kommt der verhängnisvolle 7. September 1988, der eben alles verändert und der Leben kostet. Als Marty an diesem Morgen aufwacht, findet er ja als erstes seinen Vater Seymour. Er hängt wie ein Schluck Wasser in seinem Bürostuhl auf der Schwelle zum Tod. Er befindet sich in einem äußerst kritischen Zustand. Der Anblick des blutüberströmten Vaters muss wirklich schrecklich gewesen sein. Um 6.11 Uhr verständigt Marty den Notruf, noch im Arbeitszimmer seines Vaters. Er klingt panisch. Die Frau am Telefon versucht den Teenager zu beruhigen und gibt ihm konkrete Anweisungen. Er solle ein Handtuch holen und das auf die blutende Wunde seines Vaters drücken. So lange, bis der Rettungsdienst eintrifft. Nur kurze Zeit später findet Marty dann ja seine Mutter Aline. Beide Elternteile wurden erschlagen und erstochen. Der leitende Ermittler, der heißt James McCready, der anderthalb Stunden nach dem Notruf, so gegen 7.40 Uhr eintrifft, der beschreibt die Szenerie als sehr brutal. Aline ist leider nicht mehr zu helfen. Sie stirbt im Alter von 53 Jahren. Seymour wird ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht.
Marty sagt in einer Dokumentation, dass er einfach nicht glauben konnte, was er da gesehen hat. Er dachte, er befinde sich in einem Albtraum. Er möchte auch ins Krankenhaus fahren, um bei seinem Vater zu sein. Aber statt ins Krankenhaus wird Marty gute 30 Minuten lang woanders hingefahren. Und zwar aufs Polizeirevier von Suffolk County in Japan. Im Haus konnten keine Spuren eines Einbruchs festgestellt werden. Und aus diesem Blutbad ist Marty als einziger Unverletzt herausgekommen. Damit gilt er schnell als Hauptverdächtiger. Der Vorwurf lautet, Marty soll seinen Vater angegriffen und seine Mutter getötet haben. Marty wird jetzt stundenlang vernommen. Er sitzt dort barfuß, nur in Shorts und Sweatshirt bekleidet. Er bekommt laut eigener Aussage nur eine Tasse Kaffee, mehr nicht. Er wird auch nicht über sein Recht auf einen Rechtsbeistand belehrt. Kein Anwalt oder sonst irgendjemand steht ihm zur Seite. Auch keine Kamera und kein Mikrofon zeichnen auf, was da genau besprochen wird. Und Marty kann den Ermittlern auch etwas geben. Einen Namen. Er weiß, wer seinen Eltern das angetan hat. Ein Mann namens Jerry. Jerry ist ein Geschäftspartner seines Vaters. Seymour ist nämlich in Jerrys Bagel Shop investiert. Strathmore Bagel. Und dieser Jerry war am Abend vor dem Blutbad bei einem Pokerspiel dabei, das Seymour bei sich zu Hause veranstaltet hat.
Marty erzählt den Ermittlern, Jerry schulde seinem Vater viel Geld. Eine halbe Million Dollar. Daraufhin habe sich die Freundschaft der beiden aufgelöst. Aber sie pokern trotzdem einmal in der Woche mit anderen Freunden und Geschäftspartnern. Dieser Jerry wird auch befragt. Er berichtet aber, dass er zwar bei diesem Pokerabend dabei war, dass er aber kurz nach drei Uhr morgens zu seiner Tochter nach Hause zurückgekehrt sei. Und da sei Seymour sehr lebendig gewesen. Seine Tochter bestätigt das Alibi. Der leitende Ermittler, James McCready, glaubt, dass er und seine Kollegen den wahren Täter längst haben, nämlich Marty.
McCready beschreibt Marty als ruhig, so ruhig, wie man nur sein kann. Er müsste doch aber eigentlich weinen und zittern. Er müsste doch sehr traurig sein. James McCready hat das Gefühl, dass Marty lügt. Nicht wegen dem, was er sagt, sondern wie er es sagt. Kurz darauf wird Marty verhaftet. Aber warum sollte er seine Eltern ermorden? Darauf hat McCready schon eine Antwort. Nämlich aus einem der ältesten Gründe überhaupt. Habgehe. Martys Eltern sind ja sehr wohlhabend. James McCready und sein Partner verhören Marty jetzt vier Stunden lang in einem kleinen, fensterlosen Raum. Marty berichtet in der Doku, dass sie ihm immer und immer wieder gesagt haben, dass sie wissen, dass er seine Eltern getötet hat. Alles werde gut, er solle es einfach zugeben. Dann verlässt McCready den Raum. Er müsse nur kurz mit einem Kollegen telefonieren. Nur wenige Momente später kommt er zurück und hat News. News aus dem Krankenhaus von Seymour. Denn der sei endlich aus dem Koma erwacht. In einem klaren Moment hat er einem Polizisten vor Ort etwas erzählt. Seymour kann nämlich den Täter benennen, der ihn und seine Frau angegriffen hat. Es war Marty, sein eigener Sohn.
Marty kann es nicht fassen. Das kann doch nicht wahr sein. Er soll seine Eltern tödlich angegriffen haben? Er bettet darum, einen Lügendetektortest machen zu dürfen, um das Gegenteil zu beweisen. Und das ist ja schon ungewöhnlich. Die meisten Verdächtigen wollen ja eher keinen Test machen. Aber die Ermittler gestatten ihm das nicht. Der Chefermittler sagt, er sei besser als jeder Lügendetektortest. Morty beginnt zu zweifeln. Er fragt sich selbst immer wieder, ob er nicht vielleicht doch sowas wie einen Blackout hatte und sich vielleicht nur nicht an den Mord erinnern kann. Er ist schließlich in einem System aufgewachsen, in dem die Polizei stets die Wahrheit sagt. Wenn dir also ein Ermittler wiederholt sagt, dass du etwas getan hast, dann hast du das doch auch, oder?
Der Druck in Marty wächst. Er will, dass das aufhört. Er erträgt das alles nicht mehr. Die Schuld, die Trauer, die Vorwürfe. Es gibt nur einen einzigen Weg, der ihn endlich aus diesem Raum rausbringt, damit das alles aufhört. Marty erzählt den Beamten das, was sie hören wollen. Er gesteht den Mord an seiner Mutter Aline und den Angriff auf seinen Vater Seymour. Der leitende Ermittler James McCready bereitet daraufhin zufrieden ein handschriftliches Geständnis vor. Marty kann es aber nach wie vor nicht so richtig glauben. Er soll das getan haben? Aber sein Vater hat ihn ja als Täter benannt. Und sein Vater hat ihn noch nie belogen. Marty darf anschließend an der Beerdigung seiner Mutter teilnehmen. In Handschellen, Fußfesseln und Gefängniskleidung. Er sagt gegenüber CBS News, es war keine Trauerfeier, Es war nur ein Begräbnis. Man konnte nicht wirklich trauern. Man konnte sich nicht verabschieden. Nur ein Monat nach dem Angriff auf Seymour und Aline erliegt auch Seymour seinen Verletzungen. Er stirbt am 6. Oktober 1988 im Alter von 62 Jahren. Marty muss sich nun also für zwei Morde verantworten. Was ist, wenn wir euch jetzt sagen, dass der leitende Ermittler, James McCready, gelogen hat? Er wurde gar nicht von einem Kollegen aus dem Krankenhaus angerufen.
Martys Vater ist auch gar nicht mehr aus dem Koma erwacht. Er hat dementsprechend auch nie behauptet, dass sein Sohn Marty ihn angegriffen hat. James McCready hat sich das alles nur ausgedacht. Er hat sich diese Strategie überlegt, um Marty zu einem Geständnis zu bewegen. Mit Erfolg. Okay, wir haben also ein Geständnis. Aber können wir dem wirklich glauben? Hat Marty es wirklich getan? Marty wird jetzt jedenfalls der Prozess gemacht. Insgesamt wird der sich über 13 Wochen erstrecken. Wir möchten an der Stelle nochmal betonen, dass es zu diesem Zeitpunkt keine Beweise dafür gibt, dass Marty seine Eltern ermordet hat oder daran beteiligt war. Wir haben nur sein vermeintliches Geständnis. Was nur auf einer, ja, man könnte sagen Lüge, James McCready nennt es Strategie beruht. Martys Familie jedenfalls steht hinter ihm. Sie glauben an seine Unschuld. Und sie beschweren sich, dass ihnen die Polizei im Rahmen der Ermittlungen nie auch nur eine einzige Frage gestellt hat. James McCready widerspricht dem und behauptet, sie würden lügen. Was sollen sie außerdem schon zum Fall beitragen, sagt er in einem Interview. Eine ganze Menge, sagt die Familie dazu. Denn zuallererst einmal kennen sie Marty. Niemand aus der Familie wundert sich darüber, dass er auf dem Polizeirevier so emotionslos gewirkt hat. Das ist typisch für ihn. So ist er eben.
Auch zu MacReady's vermutete Motiv der Habgier haben sie was zu sagen. Denn in ihren Augen ist das völliger Quatsch. Marty hätte eh kein Geld geerbt, bis er das Alter von 25 Jahren erreicht hat. Das wurde im Vorfeld so festgelegt. Was hätte er denn noch acht Jahre bis dahin tun sollen? Da hätte er im Zweifel mit so einer Tat ja gewartet. James MacReady muss zugeben, dass er die Info mit der Altersbeschränkung nicht hatte. Mit Einsichtigkeit hält er sich ansonsten aber eher zurück. Immerhin wussten die Ermittler doch schon nach einem Tag, dass sie mit Marty ihren Täter gefasst haben. Ihr erinnert euch ja sicher noch an Jerry. Den Namen hat Marty ins Spiel gebracht. Der Geschäftspartner seines Vaters, der ihm viel Geld schuldet. Die Ermittler sehen in ihm keinen Verdächtigen. Okay, wir fragen mal euch. Wie würdet ihr folgende Info dazu im Fall bewerten? Kurz nach dem verhängnisvollen 7. September verschwindet dieser Geschäftspartner Jerry. spurlos. Seymour liegt zu diesem Zeitpunkt noch im Koma. Vorher hebt Jerry aber noch 15.000 Dollar von einem gemeinsamen Firmenbankkonto ab. Zwei Wochen, nachdem sein Verschwinden auffällt, können ihn Beamte aber aufspülen. Und zwar auf der anderen Seite des Landes, in Long Beach, Kalifornien. Dort lebt er unter einem falschen Namen. Er hat sich außerdem den Bart abrasiert und seine Frisur geändert. Warum?
Jerry erklärt dazu, dass ihn persönliche und finanzielle Gründe dazu gebracht haben, zu fliehen. Er hat seinen Tod vorgetäuscht und wollte ganz neu anfangen. Einmal Reset sozusagen. Er gibt zwar zu, dass er Seymour viel Geld schulde, aber er streitet ab, irgendetwas mit dem Mord zu tun zu haben. Man könnte ja meinen, dass ihn der vorgetäuschte Tod und die Flucht verdächtig machen, oder? Der leitende Ermittler McCready schmettert diesen Vorwurf aber ab. Nur Marty hätte seinen Namen ins Spiel gebracht. Er wird also auch weiterhin nicht als Verdächtiger wahrgenommen. Stattdessen steht Marty nun vor Gericht. Er hat Angst, aber gleichzeitig auch Hoffnung, weil er weiß, dass er unschuldig ist. Er glaubt nicht mehr an einen Blackout. Schließlich habe ihn McCready ja belogen, indem er behauptet habe, sein Vater hätte ihn beschuldigt. Die Lage ist tatsächlich gar nicht so einfach. Denn dieses Geständnis, das er ja nun mal abgegeben hat, das wiegt schwer. Es ist ein starkes Beweismittel. Wie kann man denn jemanden besser überführen als mit seinen eigenen Worten?
Allerdings sind auf der anderen Seite kaum physische Beweise vorhanden. Marty wurden natürlich Blut-, Speichel- und Haarproben entnommen. Aber nichts davon kann mit den Morden in Verbindung gebracht werden. Also kein Match mit Proben, die man von Aline und Seymour genommen hat. Mutter Aline hat sich auf jeden Fall vor ihrem Angreifer gewehrt. Das beweisen Abwehrspuren an ihrem Körper. Das bedeutet ja, dass Marty auch, zumindest irgendwo, hätte verletzt sein müssen. Schnitte oder blaue Flecken am Körper. Irgendwas. Aber nein. Marty wird vor Gericht gefragt, ob er seine Mutter und seinen Vater getötet hat. Er antwortet, absolutely not. Keinesfalls. Marty beteuert also weiterhin seine Unschuld. Mehr als ein Jahr nach dem Angriff auf seine Eltern, am 28. Juni 1990, steht das Urteil. Die Geschworenen haben sich eine Woche lang beraten. Und Marty wird des Doppelmordes an seinen Eltern für schuldig befunden.
Er wird zu zwei aufeinanderfolgenden Haftstrafen von 50 Jahren bis lebenslang verurteilt. Als Marty das Urteil hört, da sieht man ihm richtig an, wie verzweifelt er ist. Er kann das gar nicht glauben. Man hört auf Videoaufnahmen auch seine Familie im Hintergrund so aufschluchzen und laut weinen. Arlins Schwester und damit seine Tante sagt dazu, dass dieser Tag genauso furchtbar war wie der Tag, an dem sie erfahren hat, dass ihre Schwester ermordet wurde. Und alleine diese Aussage zeigt ja die große Unterstützung seitens Martys Familie. Sie glauben auch weiterhin an seine Unschuld.
Mittlerweile ist Martin 19 Jahre alt und muss jetzt seine Haftstrafe antreten. Er sagt gegenüber Reportern, ich glaube, niemand kann jemals ganz begreifen, wie es ist, als Kind eines Verbrechens beschuldigt zu werden, das man nicht begangen hat und im Grunde genommen gesagt zu bekommen, dass man für den Rest seines Lebens weggesperrt wird. Er sagt weiter, es gibt keine Möglichkeit, dass ich meine Eltern getötet habe. Ich liebe sie.
Marty denkt jeden Tag an sie, an all die guten Zeiten, die sie zusammen hatten. Er wird viele Jahre in abgelegenen Gefängnissen im Bundesstaat New York verbringen. Jeden Tag lebt er jetzt mit der Angst, dass ihm irgendwas in Haft passiert, dass man ihm was antut. Er hat Angst vor dem Tod. Er schreibt in Haft tausende Briefe an unterschiedlichste Menschen, um von seinem Fall zu erzählen. Er gibt nicht auf. Er will Gerechtigkeit. Jeden Tag beschäftigt er sich mit seinem Fall. Das lenkt ihn ab und gibt ihm Hoffnung. Der Fall beruhe für ihn schließlich auf einem falschen Geständnis, das er der Polizei nach stundenlang zermürbenden Verhören unter einer falschen Behauptung gegeben hat. Das Marty übrigens nie unterschrieben hat. Auch seine Anwälte bemühen sich darum, seine Unschuld zu beweisen. Sie reichen einen sogenannten Habeas-Korpus-Antrag ein. Darin fordert eine inhaftierte Person oder seine Anwälte eine gerichtliche Überprüfung der Verurteilung. Ein Gericht kann daraufhin entscheiden, dass die Haft rechtswidrig ist, zum Beispiel aufgrund von Verfahrensfehlern, fehlender Beweise oder falschen Geständnissen.
Das Gericht kann dann das Urteil aufheben und ein neues Verfahren oder sogar eine Freilassung anordnen. Der Bundesbezirksrichter lehnt den Antrag im Januar 97 allerdings ab. Sechseinhalb Jahre nach dem Urteilsspruch. Aber eine neue Person kommt 2003 ins Spiel, die nicht lockerlassen wird. Fast 13 Jahre nach dem Urteilsspruch. Ein pensionierter Ermittler und mittlerweile Privatdetektiv namens Jay Salpeter.
Er glaubt auch, dass Martys angebliches Geständnis erzwungen wurde. Marty war nur ein junger Teenager, der ausgetrickst wurde, indem er seine eigenen Erinnerungen angezweifelt hat. Falsche Geständnisse gab es ja schon ein paar Mal in den Fällen, von denen wir euch hier erzählt haben. Zum Beispiel letztens erst, in Folge 262, die heißt »Bin ich ein Mörder? Die Nacht ohne Erinnerung«. Martys vermeintliches Geständnis passt jedenfalls nicht zu den Beweisen am Tatort. Da ist sich auch J. Solpita sicher. Marty hatte der Polizei damals zum Beispiel gesagt, dass er angeblich eine Langhantel und ein großes Küchenmesser als Tatwaffe benutzt hat. An diesen Gegenständen, die im Haus sichergestellt wurden, konnte aber kein Blut gefunden werden. Klar, er hätte es abwischen können. Aber hätte man nicht trotzdem kleine Rückstände darauf finden müssen? Was dafür am Tatort gefunden wurde, ist ein blutiger Handabdruck. Der weist so ein wabenförmiges Muster auf, was typisch für eine Hand ist, die in einem Latex-Handschuh steckt. Marty selbst hat nie irgendwelche Handschuhe erwähnt. Es wurden auch keine am Tatort gefunden. Der leitende Ermittler McCready kommentiert diese Ungereimtheit nur so. Er sagt, dass jedes Geständnis nicht immer hundertprozentig die Wahrheit enthält, weil der Täter eben nie die ganze Wahrheit erzählt.
Und apropos Wahrheit und Geständnis. McCready und seine Kollegen des Suffolk County New York haben insgesamt eine ziemlich hohe Geständnisrate. Nämlich um die 94%. Das ist eine echte Hausnummer. Ob all die Verdächtigen aufgrund der, ja, sagen wir mal, guten Verhörmethoden gestehen, oder ob da vielleicht doch immer ein bisschen nachgeholfen wird, das wissen wir nicht.
Etwas anderes bringt dann aber wieder Bewegung in Martys Fall. Privatdetektiv Jayser Peter gelingt es nämlich, nach all den Jahren einen neuen Zeugen aufzuspüren. Und der verrät ziemlich interessante Details über die Mordnacht. Dieser Zeuge heißt Glenn, ein klassischer Berufsverbrecher mit Einbrüchen und Diebstahl auf dem Kerbholz. Glenn hat 14 Jahre lang geschwiegen. 14 Jahre, bis er endlich zugibt, dass er in den Doppelmord von Aline und Seymour involviert war. Aber er ist nicht derjenige, der zugestochen hat. Glenn sagt, dass er der Fahrer an jenem Abend war. Er behauptet, auf dem Weg zu einem Hauseinbruch gewesen zu sein. Von einem geplanten Mord habe er nichts gewusst. Glenn war gemeinsam mit einem gewissen Joseph unterwegs, den die Leute nur als Joey Gans kennen und einen Mann namens Peter. Die drei Männer haben sich alle nicht mit Ruhm bekleckert, wenn es um ihre kriminelle Vergangenheit geht.
Glenn berichtet, er habe Joey Gans und Peter in die noble Nachbarschaft gefahren, in der Marty mit seiner Familie gelebt hat. Vor einem Haus hält Glenn an, auf Anweisung von Joey Gans. Joey Gans und Peter gehen ins Haus hinein. Glenn wartet so lange im Auto. Als die beiden Männer zum Auto zurückkehren, da weiß Glenn sofort, dass irgendwas passiert ist. Irgendwas, das schlimmer als ein gewöhnlicher Einbruchsdiebstahl ist. Die beiden Männer verhalten sich nämlich irgendwie komisch, die sind irgendwie nervös und ganz anders als sonst. Und sie haben auch gar kein Diebesgut mitgebracht und wollen einfach nur ganz schnell weg. Peter verbrennt kurz darauf sogar seine Klamotten, die er an diesem Abend getragen hat. Als Glenn dann wenig später von dem Mord in der Gegend hört, da zählt er eins und eins zusammen. Er hält sein Wissen aber jahrelang für sich. Bis jetzt. Jetzt will er endlich das Richtige tun. Auf Wunsch des Privatermittlers macht Glenn sogar einen Lügendetektortest. Und besteht. Vermutlich sagt er also die Wahrheit. Solche Tests sind ja trotzdem mit Vorsicht zu betrachten.
Joey Gantz hat außerdem eine ziemlich interessante Verbindung zu einer Person, über die wir heute schon gesprochen haben. Und zwar zu Jerry, dem Bagel-Shop-Besitzer und Geschäftspartner von Seymour, der ihm ziemlich viel Geld schuldet. Und der von Marty als Hauptverdächtiger am Mord seiner Eltern beschuldigt wird. Das ist schon komischer Zufall, oder? Der Privatermittler J. Sarpita glaubt, dass Jerry den Kleinkriminellen Joey Gantz mit dem Doppelmord beauftragt hat. Sich also nicht selbst die Hände schmutzig machen wollte. Seine Theorie lautet wie folgt. Er glaubt, dass Seymour in seinem Bürostuhl saß. Jerry redet in der Nacht nach dem Pokerspiel noch mit ihm und versucht, dessen Aufmerksamkeit bei sich zu behalten. Joey Guns und sein Komplize Peter schleichen sich von hinten in den Raum, sodass Seymour sie nicht sofort sehen kann. Sie schlagen zuerst Seymour nieder und suchen dann seine Frau Aline. Viele Mitglieder aus Martys Familie sehnen Jerry ebenfalls den Täter bzw. Den Strippenzieher hinter den Morden.
Laut Long Island Business News wurde ein Brief auf Seymours Schreibtisch gefunden, von Seymour an Jerry. Darin fordert er eine erste Rückzahlung der Schulden in Höhe von 50.000 Dollar. Jerry hatte also ein Motiv, nämlich seine Geldschulden und eine Gelegenheit. Und trotzdem, Jerry wurde nie von der Polizei von Suffolk County als Verdächtiger betrachtet. Warum nicht?
Vielleicht, weil ein weiterer Zeuge aussagt, dass der leitende Ermittler James McCready in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren öfter in Jerry's Bagel-Shop abhing, obwohl der stets behauptet hat, er und Jerry würden sich nicht kennen? Wer weiß. Wir wollen euch noch eine letzte Person vorstellen, die sich stark für Marty einsetzt. Und zwar heißt der Mann Mark. Mark ist ein ehemaliger Klassenkamerad von Marty und studiert der Rechtswissenschaftler. Auch er will Martys Unschuld beweisen. Er besucht ihn auch mehrmals im Gefängnis. Gemeinsam sammeln sie juristische Argumente für die Aufhebung der Verurteilung. Mark bereitet zum Beispiel einen neuen Schriftsatz vor, der alle Beweise beinhaltet, die Martys Unschuld stützen. Darin werden neben neuen Beweisen insgesamt 20 Zeugen aufgeführt. geführt. Zum Beispiel die Aussage von Glenn, dem Komplizenfahrer in der Tatnacht. Der stellvertretende Staatsanwalt ist jedoch der Ansicht, dass dieser neue Zeuge Glenn lügt, denn der verweigert plötzlich im Zeugenstand seine Aussage.
Später erklärt er dazu, dass er Angst bekommen hat, direkt in die Morde verwickelt zu werden. Glenn sitzt mittlerweile übrigens selbst im Gefängnis und vertraut sich dort einem Priester an. Der soll das Wort für ihn im Zeugenstand übernehmen. Der Priester gibt dort die gleiche Story wieder, die Glenn auch dem Doku-Team von 48 Hours erzählt hat. Also, dass Joey Gunz und Peter im Auftrag von Jerry die Morde ausgeführt haben müssen.
Weitere Zeugen stärken Glens Aussage. Zum Beispiel eine Frau, die berichtet, dass Joey Gunz auf einer Party mit den Morden angegeben habe. Der stellvertretende Staatsanwalt tut diese Aussage aber ab. Joey Gantz hätte das ja nur gesagt, um seinen gewalttätigen Ruf in der Gegend zu stärken. Ein anderer Zeuge erzählt, dass auch er in die Mordpläne eingebunden werden sollte. Ein Plan sah nämlich vor, Seymour im Bagel-Shop zu überfallen. Auch ein Drogendealer stützt Glantz' Aussage. In einem Gespräch mit Joey Gantz soll der nämlich Folgendes gesagt haben. Joey Gantz würde für jemanden arbeiten, der ein Problem mit einem Geschäftspartner im Bagel-Business hat, das geklärt werden muss. Dabei ginge es um viel Geld. Joey Gunz solle den Partner bedrohen oder ihn verprügeln.
Marty selbst ist von der Ehrlichkeit dieser neuen Zeugen überrascht, dass sie nach all den Jahren doch noch ihre Beteiligung oder Beobachtung bei einem so brutalen Verbrechen offenbaren. Die Gegenseite hat aber auch noch ein Ass im Ärmel. Einen Zeugen, der die Anhörung fast schon surreal erscheinen lässt. Ihr Hauptzeuge ist nämlich Peter, der angebliche, von Glenn beschuldigte Komplize.
Der soll ja zusammen mit Joey Guns ins Haus eingebrochen und Seymour und Aline ermordet haben. Doch Peter streitet ab, auch nur irgendetwas mit den Morden zu tun zu haben. Er sagt weiter, dass er nicht mit Glenn und Joey Guns im Haus war. Außerdem sei Joey Guns zwar ein Krimineller, würde aber keine Morde verüben. Die Handschellen klicken. Aber nicht bei Joey Guns, Peter oder Glenn. Sondern erneut um die Handgelenke von Marty. Bis, und das ist schon echt krass, dass immer noch neue Zeugen auftauchen, noch jemand eine Aussage tätigt. Dieser jemand heißt Joe. Er ist erst 17 Jahre alt und der Sohn von Joey Guns. Er beschuldigt vor Gericht seinen eigenen Vater des Mordes an Seymour und Arlene. Als Joe nämlich einen Bericht über den Doppelmord sieht, da fragt er seinen Vater einfach mal ganz direkt, ob er dafür verantwortlich ist. Ob er das eher aus Spaß fragt oder direkt so ein Gefühl hatte, denn immerhin ist die kriminelle Seite seines Vaters bekannt, das wissen wir nicht. Auf jeden Fall antwortet sein Vater Joey ganz sinngemäß, ja, das war ich.
Joe behält dieses Wissen monatelang für sich, bis er sich seiner Mutter anvertraut. Und die rät ihm, das unbedingt offiziell auszusagen. Der stellvertretende Staatsanwalt nimmt aber auch diese Aussage wieder nicht ganz so ernst. Denn er glaubt, dass Joe seinem Vater nur eins reinwürgen will. Er glaubt generell keinem Zeugen, der Marty entlasten würde, weil viele einen kriminellen Hintergrund haben. Das macht sie in seinen Augen automatisch weniger glaubwürdig. Sie alle würden Joey ganz hassen und deswegen falsche Aussagen machen, um ihn vielleicht endlich los zu sein. Es entsteht auf jeden Fall das Gefühl, dass ja schon der leitende Ermittler, James McCready, und jetzt auch noch der stellvertretende Staatsanwalt, Marty, nicht glauben wollen. Sie glauben nicht an seine Unschuld und wollen, dass er im Gefängnis bleibt. Im März 2006, 17,5 Jahre nach dem Doppelmord an Martys Eltern, steht eine weitere Entscheidung fest. Der Richter weist die neuen Zeugen als unglaubwürdig aus und weigert sich, Marty ein neues Verfahren zu gewähren. An seinem Urteil soll sich also nichts ändern.
Wiederum anderthalb Jahre später, im Oktober 2007, da hören sich vier Richter am Berufungsgericht Martys Fall nochmal an. Marty hat mittlerweile auch einen prominenten Unterstützer, nämlich den Schauspieler James Gandolfini. Der spielt zum Beispiel die Hauptrolle des Tony Soprano in der gleichnamigen Serie Die Sopranos und er besucht Marty sogar im Gefängnis und sichert ihm seine Unterstützung zu. Am 27. Dezember 2007, 19 Jahre nach dem Doppelmord und 17 Jahre nachdem Marty ins Gefängnis musste, passiert das, was sich fast niemand mehr zu träumen gewagt hat. Der Tag, an den sich alle für immer erinnern werden. Der New York Supreme Court hebt tatsächlich einstimmig Martys Verurteilung auf. Marty kommt auf Kaution in Höhe von einer Million Dollar frei. Dee übernimmt großzügigerweise sein Cousin Ron, bei dem er auch erstmal unterkommt. Marty hat so viele und wichtige Jahre seines Erwachsenenlebens im Gefängnis verbracht. Aber er hat keine Angst vor der Freiheit. Im Gegenteil. Er freut sich auf alles, was jetzt kommt. In der 48 Hours Doku sieht man Aufnahmen von einer Pressekonferenz, die Marty nach seiner Freilassung gibt. Die Medien interessieren sich jetzt natürlich wieder riesig für ihn. Freunde und Familie stehen da um ihn herum. liegen sich in den Armen, weinen und freuen sich gleichzeitig.
Marty erzählt von einem jahrelangen Albtraum. Von dem üblen Geruch und den Geräuschen im Gefängnis. Er erzählt, dass er immer irgendwie den Tag überstehen musste, bis sich am nächsten Tag nur alles wiederholt hat. Aber jetzt ist sein größter Traum endlich wahr geworden. Selbst die einfachsten Dinge bereiten ihm schon große Freude. Er kann beispielsweise endlich wieder normale Klamotten tragen und gutes Essen zu sich nehmen. Er kann morgens aufstehen, sich einen Kaffee machen und den Sonnenaufgang anschauen. Nur die neue Technologie überfordert ihn noch etwas, denn die hat sich ja im Laufe der Zeit ziemlich schnell weiterentwickelt, während Marty im Gefängnis saß. Sein Körper war zwar all die Jahre eingesperrt, aber sein Verstand und seine Seele nicht, das hat ihn am Leben gehalten. So schön das alles für Marty ist, so dürfen wir nicht vergessen, dass er nur auf Kaution in Freiheit ist. Denn der endgültige Prozess, die endgültige Aufhebung seines Urteils, steht ihm noch bevor. Sechs Monate nachdem er auf Kaution freikommt, gibt es die Entscheidung. Marty muss dafür wieder vor Gericht. Das Berufungsgericht entscheidet am 22. Juli 2008, wir machen es kurz, dass alle Anklagepunkte fallen gelassen werden. Marty ist damit ganz offiziell ein freier Mann. Sein Klassenkamerad Mark hat auch einen großen Beitrag dazu geleistet.
Marty sagt über ihn Folgendes. Er hat einen Teil von sich selbst geopfert, um mich zu retten. Ich verdanke ihm alles. Wir haben euch eine Sache über Marty bisher nur mal so am Rande erzählt. Etwas, das er während seiner Zeit in Haft gemacht hat, nämlich Jura studiert. Als Kind hatte er nie den Wunsch, Anwalt zu werden. Aber die Situation hat sich eben verändert. Er hat viel Zeit in der Gefängnisbibliothek verbracht und sich mit seinem eigenen Fall beschäftigt. Er will sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, fokussiert sich auf das große Bild, nämlich aus dem Gefängnis rauskommen. Und das ja am Ende mit Erfolg. Im April 2017 besteht Marty dann die Anwaltsprüfung des Bundesstaats New York. Mittlerweile kämpfen Schulfreund Mark und er gemeinsam für die Freilassung anderer zu Unrecht Verurteilter. Es gibt sogar einen passenden Kurs an der Georgetown University. Darin sollen die Studierenden lernen, wie sie potenziell zu Unrecht verurteilte Fälle erneut untersuchen können, wie sie Dokumentarfilme über ihre Ergebnisse produzieren und Social-Media-Kampagnen für Entlassungen starten können. Seit 2008 ist es Marty und Marc gelungen, die Verurteilungen von insgesamt sieben unschuldigen Menschen aufzuheben. Marty kommentiert das so. Diese Arbeit hat mir einen Sinn im Leben gegeben. Wir befreien die Unschuldigen. Wer könnte das System besser verstehen als jemand, der das System durchlaufen hat?
Marty reicht außerdem eine Zivilklage ein, wegen seiner unrechtmäßigen Verurteilung und seelischen Belastung. Am 7. Januar 2014, fünfeinhalb Jahre nach seiner endgültigen Freilassung, bekommt er angeblich um die 13 Millionen Dollar als Vergleich. Und noch ein, nennen wir es mal, Funfact zum Schluss. Wegen persönlicher Differenzen hat Marty später einen seiner Anwälte und Unterstützer entlassen. Ihr müsst wissen, dass Martys Anwälte pro bono gearbeitet haben, also kein Geld für ihre Hilfe verlangt haben. Einer seiner Anwälte hat ihm später dann, als Marty schon in Freiheit war, in unzähligen Mails und Sprachnachrichten immer wieder Geldforderungen geschickt, weil er glaubt, dass ihm jetzt doch etwas zustünde. Und zwar handelt es sich dabei um den Privatermittler J. Solpita, der für Martys Verteidigungsteam gearbeitet hatte. Er wird wegen schwerer Belästigung zweiten Grades angeklagt und später auch verurteilt. Marty und Schulfreund Mark treffen sich mittlerweile regelmäßig auf ein Bier und ein Burger in der Bar The Toms in Georgetown. Mark sagt dem People Magazine über seinen, ja, alten, neuen Freund, Er ist einer der fröhlichsten Menschen. Es ist schwer, nicht zu lachen, wenn man mit ihm zusammen ist.
Die Polizeibehörde hat gegen den leitenden Ermittler James McCready übrigens nie ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Er stirbt am 14. Januar 2016. Der Geschäftspartner Jerry hat keine Konsequenzen zu tragen. Er lebt später in Boca Raton in Florida. Bis heute wurde also niemand anderes für den Mord an Seymour und Aline zur Rechenschaft gezogen. Zum jetzigen Zeitpunkt, wenn diese Folge rauskommt, ist Marty 53 Jahre alt und seit 15 Jahren mit einer Frau namens Laurie verheiratet. Marty arbeitet als Rechtsanwalt und setzt sich auch weiterhin für unschuldig Inhaftierte ein.
Also wir haben es ja schon am Anfang gesagt, der Fall hat uns wirklich komplett schockiert, weil was für Ausmaße das hier einfach genommen hat. Und dass hier irgendwie gefühlt einfach nur die Falschen die Schuld bekommen haben. Deswegen, was mir schon die ganze Zeit unter den Nägeln brennt. Und ich weiß nicht, vielleicht hast du direkt eine Antwort drauf, vielleicht auch nicht, du hast ja den Fall recherchiert.
Warum musste sich der Chefermittler keinem Disziplinarverfahren entgegenstellen? Ja, das ist schon krass. Also wir sagen ja oft im Diskussionsteil, dass es im Nachhinein immer voll easy ist, so Fälle zu bewerten und auf die Arbeit der Polizei zu schimpfen oder sie zu loben, weil während die mitten in den Ermittlungen stecken, wissen sie ja noch nicht das, was wir jetzt wissen. Deswegen ist es immer sehr einfach, die Arbeit zu bewerten.
Aber, also Strategie hin oder her, was er sich da zurechtgelegt hat, sicherlich brauchen Ermittler irgendeine Strategie, um an ein Geständnis zu kommen. Aber der hat ja einfach hart gelogen. Also der hat einfach ja behauptet, so, ey, dein Vater ist aus dem Koma erwacht und hat gesagt, du bist das. Das finde ich, das ist keine Strategie, das ist einfach eine harte Lüge, das kann doch nicht... Die Vorgehensweise gewesen sein und das hat Marty ja so hart verwirrt, so wie mein Vater hat gesagt, ich war das, dass er ja dann, ich sag mal in Anführungsstrichen, gestanden hat und alles ist einfach auf dieser Lüge aufgebaut. Es gab keinerlei Beweise, außer dass Marty auch in diesem Haus war, aber that's it, das war's und das finde ich einfach schon krass, weil das, sorry, das ist doch keine gute Arbeit, oder? Absolut. Also ich meine, wir hatten es ja auch schon im Fall gesagt, wir haben ja letztens erst einen relativ ähnlichen Fall gehabt, also was dieses Detail angeht. Mit dem Geständnis meinst du, oder? Genau, mit dem Geständnis erzwingen, nennen wir es mal so. Und ich finde, okay, da konnte man retrospektiv vielleicht ein bisschen argumentieren und vielleicht auch ein bisschen den Polizisten entgegenkommen. Auch wenn wir da ja mit einigen in den Instagram-DMs diskutiert haben, verstehe ich auch komplett, wenn man das völlig anders sieht, kann ich komplett nachvollziehen. Aber in diesem Fall habe ich wirklich gar kein Verständnis. I'm sorry.
Absolut nicht. Und ich habe mir ja auch viele Videos angeschaut, auch die zitierte Doku natürlich. Und da kommt der leitende Ermittler James McCready auch öfter zu Wort. Also der wurde auch interviewt und hat Fragen beantwortet. Und das ist so krass, wenn man sich das anschaut, weil der wird natürlich konfrontiert zu den ganzen Aussagen, oder zu den ganzen Sachen, die passiert sind, nachdem Marty auch wieder in Freiheit war. Also nachdem klar war, er war es nicht und der findet wirklich für jede Frage irgendeine Antwort, wo du denkst so, hä, es ergibt gar keinen Sinn, was du da gesagt hast. Also zum Beispiel sowas wie, er ist krasser als die Maschine, als der Lügendetektortest oder na, was kann denn wohl eine Familie dazu beitragen in einer Ermittlung, die dann ja gesagt hat, so hä, eine ganze Menge, wir wissen, dass Martys Reaktion nach dem Tod seiner Eltern total normal war. Der bricht halt nicht in Tränen aus, sondern der zieht sich eher zurück und ist sehr ruhig.
Und dass er dann sagt, was sollen die denn schon dazu beitragen? Also der hat halt versucht, sich da irgendwie so ein bisschen rauszuwinden. Und wer weiß, wie er das dann auch auf dem Polizeirevier gemacht hat. Und vielleicht ist er deswegen so einem Disziplinarverfahren entkommen. Weil anders kann ich mir das auch nicht erklären. Weil Martin, der war sieb, zehn Jahre lang unschuldig im Gefängnis. All diese Jahre hat er verloren. Und wenn man sich seine Interviewsequenzen anschaut, dann sitzt da kein Mann, der sauer ist auf alle anderen, sondern ein sehr positiver Mensch, der sich eben jetzt sehr stark für andere einsetzt und kämpft und so das, was er durchmachen musste.
Das soll anderen zugutekommen. Also das ist wirklich total, ja, faszinierend. Der wird im Inneren natürlich schon sauer sein und traurig, klar. Aber so nach außen hin war der einfach ein sehr lebenslustiger, fröhlicher Mensch. Und wir dürfen ja auch nicht vergessen, und ich bin gleich fertig mit meinem Monolog, der saß ja nicht nur 17 Jahre unschuldig im Gefängnis, der hat auch seine Eltern verloren. Also das kommt ja auch noch dazu. Und 17 Jahre lang war er der Beschuldigte. Also dieses Gefühlschaos aus Trauer und Wut, das kann sich, glaube ich, niemand vorstellen. Absolut. Also ich kann es auch schwer nur in Worte fassen, was für ein Respekt ich gegenüber Martin habe, gegenüber Marty. Das, was du gerade beschrieben hast, dass er das halt einfach alles durchgestanden hat. Er hat ja auch zum Glück wirklich ein sehr, sehr unterstützendes Umfeld einfach gehabt, die ja wirklich die ganze Zeit an ihn geglaubt haben.
Wer weiß, wie der ganze Fall sonst ausgegangen wäre, wenn auch die gesagt hätten, ja, McCready hat recht. Übrigens noch mal ganz kurz zu McCready. Meinst du vielleicht, er hat sich deswegen keinem Disziplinarverfahren stellen müssen, weil seine Abteilung ja so eine hohe, so eine tolle Aufklärungsrate hat? Wobei sich sein Team ja rein theoretisch trotzdem dieser Frage stellen muss. Im Zweifel habt ihr nicht noch mehr Lügen, also nicht noch mehr Geständnisse auf Lügen basiert? Klar, kann natürlich auch sein. Ich meine, 94 Prozent, das ist einfach eine extrem hohe Rate. Und der Druck auf die Polizei ist natürlich immer sehr groß, wenn sie von jetzt auf gleich irgendwas aufklären sollen, was ja nicht von Zauberhand passiert. Also so eine Ermittlung, die ist ja auch einfach... Super anstrengend, wenn du nichts hast, womit startest du erstmal?
Deswegen natürlich, das kann auf jeden Fall eine Rolle spielen, wenn du so eine gute Arbeit leistest über all die Jahre, dass jetzt gesagt wird, naja gut, der eine Fehler, mein Gott, nicht so schlimm, dafür waren ja die anderen Fälle aufgeklärt. Klar, kann auch eine Rolle spielen. Und ich glaube, abschließend kann man hier nochmal positiv hervorheben, dass das wirklich total bewundernswert ist, wie Marty sich jetzt für andere vermeintlich unschuldig inhaftierte. Muss man ja auch immer ein bisschen vorsichtig formulieren, einsetzt und dass seine Familie, die ja auch eine Schwester, einen Bruder verloren hat, dass die sich so stark für ihn eingesetzt hat, das ist wirklich auch richtig, richtig schön anzusehen. Und wir sollten, denke ich mal, auch genau mit dieser positiven Note das schließen, weil es ist ein schockierender Fall durch und durch, aber das ist wirklich das, woran man sich festhalten kann und woran Marty sich ja auch die ganze Zeit festgehalten hat, dass er wusste, dass er im Recht ist und dass das Gute doch irgendwie siegen wird. Und falls ihr, und ich bin mir da sehr sicher, dass ihr da auch jede Menge Meinungen habt, sehr viel Lust auf Diskussionen habt, wenn ihr Lust habt, kommt rüber auf Instagram, da heißen wir schwarze Akte, alles klein und zusammengeschrieben. Und ansonsten würde ich sagen, hören wir uns kommende Woche Dienstag wieder überall da, wo es Podcasts gibt.
Wir sind eure Hosts, Anne Luckmann und Patrick Strohbusch. Redaktion und Schnitt Anne Luppmann Intro und Trainer gesprochen von Pia Rohnersachse Producer Falko Schulte, Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios.
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