Music.
Die Moika fließt mitten durch das Herz von Sankt Petersburg. Ganz in der Nähe des Winterpalastes und der Eremitage, einer der bekanntesten kulturellen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Direkt am Fluss stehen wunderschön erhaltende Gebäude im barocken Stil, aus deren Fenstern die Bewohner einen malerischen Blick auf das Wasser und die Boote haben, die hinter den Gardinen vorbeiziehen. An dieser erstklassigen Adresse in St. Petersburg ist am 9. November 2019 ein Taxifahrer unterwegs. Es ist ein kalter und nasser Samstagmorgen. Langsam geht der Herbst in den Winter über. Es ist noch dunkel und die Stadt liegt ganz ruhig da. Nur das Plätschern der Moika ist zu hören. Leise schwappt der Fluss gegen das steinernde Ufer. Es sind nur wenige Menschen auf der Straße unterwegs.
Und dann hört der Taxifahrer sie, die Hilfeschreie. Im Licht der Straßenlaternen sieht sich der Taxifahrer um. Sein Blick wandert über die Straßen, die Brücke, die über den Fluss führt, und dann schließlich zum Fluss selbst. Dort plätschert das Wasser jetzt lauter als sonst. Der Taxifahrer steigt aus, läuft auf das Ufer zu und lehnt sich über das eiserne Gitter am Rand. Die Moika ist nur ein schwarzer, wabernder Teppich, auf dem die fahlen Lichter der Straßenlaterne glitzern. Der Taxifahrer sieht das dunkle Wasser und den Mann, der darin schwimmt. Der ist aber zu weit weg, als dass er nach ihm greifen könnte. Das Wasser ist an der Stelle des Flusses zwar nicht tief, aber eiskalt. Der Taxifahrer weiß, dass der Mann dort im Fluss bei diesen Temperaturen nicht lange überleben kann und greift sofort zu seinem Handy. Als in der Nähe schon die Sirenen des Krankenwagens zu hören sind, plätschert das Wasser am Ufer wieder lauter.
Der Taxifahrer schaut nach unten. Dort stößt ein schwarzes Bündel immer wieder gegen die Steine. Er bückt sich, bekommt das Bündel zu fassen und zieht es nach oben. Ein Rucksack. Als ein Rettungswagen und eine Polizeistreife in der Straße ankommen, zeigt der Taxifahrer ihnen die Stelle am Ufer. Die Lichter der Einsatzwagen spiegeln sich im Wasser, als ein Boot über die Molka fährt und mehrere Hände nach dem Mann greifen, der im eiskalten Fluss treibt. Kurz darauf sitzt der nasse Mann in eine Decke gehüllt im Rettungswagen. In der Hand den ebenfalls durchnässten Rucksack, den der Taxifahrer ihm gegeben hat. Der Mann lässt das Bündel nicht aus den Augen. Einer der Sanitäter versucht dem Mann, die klamme Kleidung vom Körper zu ziehen, aber der wehrt sich. Er schwankt nach links und rechts, sagt einige unverständliche Wörter und zieht den Rucksack noch enger an sich. Dem Sanitäter schlägt der Atem des nassen Mannes entgegen, denn der ist offensichtlich betrunken. Als der Sanitäter versucht, ihm den Rucksack aus der Hand zu ziehen, da fällt der Mann nach hinten um.
Der Arzt stellt den Rucksack zur Seite und greift nach dem Arm des Mannes, um ihm eine Infusion zu geben. Einer der Streifenpolizisten steht daneben, beobachtet alles und macht sich Notizen. Als der Sanitäter den Rucksack neben ihm abstellt, bemerkt der Polizist den roten Fleck am Boden. Ein kleiner, roter Tropfen, der sich langsam mit dem Wasser am Boden verdünnt. Der Polizist sieht zu dem Mann hinüber, studiert ihn von Kopf bis Fuß, kann aber keine Wunde erkennen. Jetzt greift der Polizist nach dem Rucksack, biegt ihn in der Hand und hebt ihn dann nach oben, um den Boden anzusehen. Dann stellt er das Bündel ab und öffnet den Verschluss. Der Sanitäter dreht sich ruckartig um, als er den verzerrten Laut hört. Er sieht den Polizisten einige Schritte zurück taumeln, den Blick auf den offenen Rucksack gerichtet. Der Sanitäter sieht zu Boden und schaut in das nasse Bündel hinein. Dann macht auch er einen Satz zurück, als er den roten Nagellack an den manikürten Fingerspitzen sieht, die aus der Tasche heraus lugen.
Und damit herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte, wie immer mit euren Hosts Anna Lugmann und mir Patrick Strohbusch. Ein kurzer Hinweis noch, bevor es losgeht. In dieser Folge sprechen wir über sensible Themen, die für euch belastend sein könnten. Wir sprechen über Suizid und toxische Beziehungen. Wenn ihr von diesem Thema betroffen seid, empfehlen wir euch, diese Folge gemeinsam mit einer vertrauten Person anzuhören oder sie ganz zu überspringen. Ihr habt es bestimmt schon vermutet, der heutige Fall spielt in Russland. Es ist das Jahr 2019, also kurz bevor die Corona-Pandemie das Leben überall auf der Welt einschränkt. An der Uferstraße der Moika stehen schöne alte Häuser.
In diesem kulturellen Zentrum der Stadt wohnen reiche Leute, mit einer großartigen Aussicht auf das Wasser und der Kuppel der Isaacskathedrale. Es ist der frühe Samstagmorgen des 9. November 2019. Als der Taxifahrer die Hilferufe hört, einen Mann im Fluss bemerkt und die Rettungskräfte ruft. Ein Feuerwehrmann sagt später, dass er den durchnässten und unterkühlten Mann aus dem Wasser gezogen hat. Als er ihn zum Krankenwagen bringen will, da habe sich der Mann auf diesen Rucksack gestürzt, sich festgehalten und wollte nicht weitergehen. BBC Russia berichtet von der Aussage eines Rettungssanitäters. Der erzählt, dass der Mann sich weigert, angefasst und behandelt zu werden. Er klammert sich regelrecht an seinen Rucksack. Als der betrunkene Mann dann schließlich am Tropf im Rettungswagen liegt, nimmt sich einer der Polizisten den Rucksack vor. Vielleicht ist er auf der Suche nach einem Portemonnaie oder Ausweis, um herauszufinden, wer der Mann auf der Liege im Krankenwagen ist. Als er den Rucksack öffnet, strecken sich ihm zwei Hände entgegen. Rot, manikürte, bleiche Hände. Einer der Polizisten vor Ort ist so schockiert, dass er den Dienst abbrechen muss. In dem Rucksack, den der Taxifahrer aus der Molka gefischt hat, stecken zwei abgetrennte Hände. Das sind die Hände einer jungen Frau. Sie sind in eine Plastiktüte eingepackt. Daneben findet die Polizei einen Elektroschocker.
Der Mann im Rettungswagen wird direkt an die Trage gefesselt, auf der er liegt. Trotzdem muss er ins Krankenhaus gefahren werden, um dort von einem Arzt behandelt zu werden. Mit einer Unterkühlung kommt er in die Klinik. Dem Mann geht es aber schnell besser. Ein Arzt kann ihm die nasse Kleidung ausziehen und dann wird der Mann in eine Decke gewickelt und mit Handschellen gefesselt in einen Rollstuhl gesetzt. Die Polizei weicht ihm nicht von der Seite. Der Mann ist ja mehr als verdächtig, denn immerhin hat er den Rucksack mit den abgetrennten Händen kurz vorher nicht loslassen wollen. Mittlerweile ist der Mann auch wieder nüchterner. Im Licht des Krankenhauses machen sich die Polizisten ein Bild von ihm. Er hat schütteres, ergrautes Haar und ein faltiges, grimmiges Gesicht. Er ist um die 60 Jahre alt. Nach einigen Stunden im Krankenhaus ist auch seine Alkoholfahne verflogen. Er erzählt dem Polizisten, dass er am Fluss vorbeikam und ein Paket im Wasser sah. Er habe beschlossen nachzusehen, was darin sei und sei dann versehentlich ins Wasser gefallen. Ein Arzt sagt laut BBC Russia später, dass der Mann ganz ruhig und normal gewesen sei. Der Mann erzählt, ich bin Professor, ich habe heute Abend mit meinen Freunden etwas getrunken, dann ging ich spazieren. Ich sah einen Rucksack auf dem Wasser treiben. Irgendwie fand ich mich im Wasser wieder. Ich konnte nicht alleine raus. Werbung Werbung Ende.
Music.
Während die Polizei den Mann im Krankenhaus befragt, sind die Kollegen an der Molka weiter im Einsatz. Sie suchen das Wasser ab, denn die Ermittler haben einen schrecklichen Verdacht. Wenn im Rucksack abgetrennte Hände gefunden wurden, dann muss es dazu ja auch einen Körper geben. Womöglich finden die Polizisten weitere Säcke im Wasser. Der Anruf erreicht die Polizei am Samstagnachmittag, nur wenige Stunden, nachdem der Mann aus dem Fluss gefischt wurde. Ein Passant hat in einem anderen Fluss im Westen von St. Petersburg, ungefähr dreieinhalb Kilometer vom Ufer entfernt, etwas gefunden, und zwar die Überreste einer Frau. Die Polizei vermutet, dass die Strömung die Überreste dorthin getrieben hat. Vielen Dank. Dann klingelt schon wieder das Telefon. Ein Reinigungsarbeiter hat in einem Fluss bei der Arbeit eine große Tasche gefunden.
In einer schwarzen Plastiktüte stößt er auf den Torso einer Frau. Es sind grauenvolle Entdeckungen. Den ganzen Samstag über ist die Polizei im Einsatz und sucht die Innenstadt von St. Petersburg ab. Auch mehrere Taucher sind dabei. Sie stoßen auf weitere schwarze Plastiksäcke. Auf diese große Suche mitten in St. Petersburg wird auch schnell die Presse aufmerksam. Sie berichten, dass ein Mann aus dem Wasser gezogen wurde. Es gibt erste Gerüchte und Spekulationen. Mit jedem neuen Fund wird es der Polizei immer klarer. Eine Frau wurde getötet und dann auf grausame Weise entsorgt. Die Polizisten konfrontieren den Mann in Handstellen natürlich mit ihren Entdeckungen. Sie glauben ihm nicht, dass er den Rucksack im Fluss nur zufällig gefunden und dann in den Fluss gefallen ist. Sie raten ihm, die Wahrheit zu sagen. Und nach kurzem Zögern fängt der Mann tatsächlich an zu reden. Er habe seine Freundin im Schlaf erschossen. Vier Kugeln habe er abgefeuert.
Die Polizisten sind natürlich total geschockt über diese Aussage. Diese Information sickert nicht zu den Journalisten durch. Die wissen aber bereits, dass die Polizei gegen einen 63-Jährigen ermittelt. Sogar ein Name steht schon in den Zeitungen, allerdings noch unbestätigt. Zur gleichen Zeit klingelt bei einem Ehepaar weit weg von St. Petersburg, im Süden von Russland, das Telefon. Hier leben die Eltern von Anastasia. Als der Vater ans Telefon geht, da fragt ein Bekannter seiner Tochter, ob es denn wahr sei, dass Anastasia von ihrem Freund umgebracht wurde.
Auch dieser Fall zeigt wieder, wie schnell Informationen in der Presse verbreitet werden. Es gibt noch keine Bestätigung, keine offiziellen Informationen, aber Namen und Gerüchte, die in den Zeitungen verbreitet werden. Die Hände, der Torso und die anderen gefundenen menschlichen Überreste sollen der 24 Jahre alten Anastasia gehören. Die Medien berichten, dass ihr 63 Jahre alter Freund Anastasia umgebracht haben könnte. Er sei betrunken gewesen, als er versucht habe, ihre Überreste in der Molka zu entsorgen und dabei in den Fluss gefallen sei. Der Freund sei Universitätsprofessor. Vermutlich sind deswegen die Medien auf Anastasia und ihren Freund gekommen. Die Polizei bestätigt das alles nicht und sagt der Öffentlichkeit erstmal nur, dass sie gegen einen 63-jährigen Mann ermitteln.
Anastasia ist zum Studieren nach St. Petersburg gezogen. Ein weiter Weg für die junge Frau, denn die nordwestliche Großstadt liegt etwa 2000 Kilometer von ihrer Heimat im Süden entfernt. Anastasia hat an der Universität ihren Bachelor- und Masterabschluss gemacht und hat auf einen Doktortitel hingearbeitet. Ihr Spezialgebiet ist die französische Geschichte. Sie lebt auch mit ihrem älteren Freund zusammen. Anastasias Freunde und Unikollegen können sie seit Donnerstagabend aber nicht mehr erreichen. Eigentlich war die junge Frau am Freitagabend auf die Geburtstagsparty eines Freundes eingeladen, aber sie ist nicht aufgetaucht. Auch Anastasias Bruder bekommt seit Freitagabend keine Antwort auf seine Nachrichten. Und seine Aussage bei der Polizei wirft weitere Fragen auf. Anastasias Bruder erzählt, dass seine Schwester ihn Donnerstagnacht, also der Nacht vom 7. Auf den 8. November 2019, noch angerufen habe. Sie habe geweint und erzählt, dass ihr Freund sie geschlagen habe. Sie habe auf eine Geburtstagsparty gehen wollen und dann habe es Streit gegeben. Ihr Bruder habe ihr dann geraten, ins Wohnheim zu ziehen, aber nach einiger Zeit hätte sich die Situation dann wieder beruhigt.
Anastasia habe dann kurz vor zwei Uhr morgens nochmal angerufen. Alles sei in Ordnung, sagt sie. Sie sei wieder zurück in der Wohnung ihres Freundes.
Anastasias Bruder beschreibt den älteren Freund seiner Schwester als sehr eifersüchtig. Fassen wir schon mal kurz zusammen an der Stelle. Es werden die Überreste einer Frau gefunden, die vermutlich ermordet und zerteilt worden ist. Ein Mann wurde aus dem Fluss gezogen, in dem die Überreste der Frau gefunden wurden. Der Mann war betrunken und gesteht dann der Polizei im Krankenhaus, seine Freundin erschossen zu haben. Die 24 Jahre alte Anastasia wird vermisst. Sie hat einen älteren Freund. Der Mann im Krankenhaus ist 63 Jahre alt und er sagt, er sei Universitätsprofessor. Die Polizei fragt bei Anastasias Freunden nach. Und tatsächlich, sie ist mit ihrem Professor zusammen, dem 63 Jahre alten Olek. Auch die Presse kann diese Poseteile schnell zu einem Bild zusammenlegen. Nur wenige Stunden nach dem Auffinden von Olek und dem blutigen Rucksack steht es in allen Zeitungen. Der Universitätsprofessor Olek soll seine fast 40 Jahre jüngere Studentin und Freundin Anastasia umgebracht und ihre Leiche zerteilt haben. Aus der Presse erfahren die Leserinnen und Leser auch noch weitere Infos. Die beiden haben zusammengearbeitet und zusammen gelebt. Kommilitonen sagen aus, dass das Paar schon seit einigen Jahren zusammen sei. Olek ist ein berühmter Historiker und unterrichtet an der Universität von St. Petersburg.
Der 63-Jährige ist Experte für europäische Militärgeschichte und großer Napoleon-Kenner und Liebhaber. Und er wohnt direkt am Ufer der Moika, in einem der schönen alten Häuser an der Uferstraße. Dort fährt die Polizei an jenem Samstag, dem 11. November 2019, auch direkt hin. Wolak ist zu diesem Zeitpunkt noch im Krankenhaus. In dem Haus an der Moika aus dem 19. Jahrhundert gibt es mehrere Wohnungen. Die von dem Professor hat drei Zimmer. Die Ermittler brechen die große Holztür auf, durchsuchen seine Wohnung und machen mehrere grausige Entdeckungen. In der gemeinsamen Wohnung von Orlek und seiner Freundin Anastasia, da finden sie eine blutige Säge, ein Messer, eine Axt, eine Pistole und Patronen. Und der schrecklichste Fund überhaupt, sie finden den Kopf von Anastasia.
Am Samstagnachmittag wird Orlec festgenommen. Sofort gibt es in der Presse natürlich Reaktionen, national und international. Und auch von der Universität gibt es ein offizielles Statement. Der Pressedienst der Uni schreibt, Die Uni ist von dieser Nachricht schockiert. Wir drücken der Familie und den Freunden der Verstorbenen unser tiefstes Beileid aus. Vor dem Haus an der Moika legen die Leute Blumen nieder. An der Tür hängen rot-weiße Flatterbändchen. Die Bewohner des Hauses vermeiden es, mit der Presse zu sprechen. Die Polizei nimmt ihre Aussagen aber auf. Zum Beispiel die der Nachbarin der beiden. Sie sagt den Ermittlern, dass sie in der Nacht von Donnerstag und Freitag einen Streit mitbekommen habe. Oleg und Anastasia haben sich demnach öfter gestritten. Laut der Nachbarin lief der Streit so ab. Anastasia habe Oleg gesagt, dass sie abends weggehen wollte. Er habe ihr das verboten, sie beleidigt und wurde dann lauter und aggressiver. Es gab laute Geräusche, Möbel, die verschoben wurden und etwas fiel herunter. Die Nachbarin will sogar Schläge gehört haben. Etwa anderthalb Stunden hat der Streit gedauert. Das Mädchen soll geschrien haben. Von dem Streit in jener Nacht berichtet nicht nur die Nachbarin, sondern auch Anastasias Bruder hat bei der Polizei seine Aussage gemacht. Mit ihm hat Anastasia ja während und kurz nach dem Streit telefoniert.
Das haben wir euch ja vorhin auch schon mal erzählt. Was nach dem Streit passiert ist, das ist aber unklar. Der nächste Zeuge, der etwas beobachtet hat, ist keine Person, sondern eine Überwachungskamera. Und zwar am Samstagmorgen, einen Tag später, am 11. November 2019. Das ist kurz bevor Olek aus dem eiskalten Wasser der Molka gezogen wird. Es ist 4 Uhr morgens, als eine Kamera an einem benachbarten Gebäude in der Straße das Ufer filmt. Ihr könnt euch dieses Video übrigens auch selbst anschauen, das haben wir euch in den Shownotes verlinkt.
Zu sehen ist ein Mann, vermutlich Oleg, der zum Flussufer geht und etwas ins Wasser wirft. Es sind drei Pakete, die er in den Fluss schmeißt, während ein ahnungsloser Radfahrer an ihm vorbeifährt. Dann geht Oleg weg. Als er wiederkommt, hat er einen Rucksack dabei. Ein zweites Video zeigt ihn schließlich, wie er aus dem Wasser gezogen wird. Oleg und Anastasia haben also einen lautstarken Streit in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Am Samstagmorgen wird Olek dann von einer Überwachungskamera gefilmt, wie er Pakete in den Fluss wirft. Dann fällt er selbst hinein. Als er gerettet wird, entdecken die Polizisten die Überreste einer Frau. Das klingt nach einem eindeutigen Fall. Olek hat seine Freundin umgebracht, zerteilt und entsorgt. Aber ist es wirklich Anastasia? Ihr Vater muss zwei Tage später in der Gerichtsmedizin die Überreste seiner eigenen Tochter identifizieren. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schlimm das gewesen sein muss, aber der Vater bestätigt das schließlich. Die Tote ist Anastasia. Die Gerichtsmedizin obduziert die Überreste von Anastasia. Offenbar wurde die Frau zuerst gewürgt und dann erschossen.
Vier Schüsse wurden aus der Nähe abgefeuert, direkt in den Kopf. Bereits der erste Schuss war tödlich. Die Person, die den Körper danach zerteilt hat, die hatte laut den Experten aber kein gutes Wissen über die menschliche Anatomie.
Die Polizei rekonstruiert, was in jener Nacht von Donnerstag auf Freitag in der Wohnung passiert sein könnte. Oleg und Anastasia hatten Streit. Er hat sie danach erschossen. Ermittlungen ergeben, dass Oleg am Freitag noch Besuch in der Wohnung hatte. Und das ist wirklich krank, denn ihr müsst euch kurz mal vorstellen, dass der Professor abends noch Freunde zu einer Party eingeladen hat, während in einem Zimmer in der Wohnung die tote Anastasia gelegen haben muss. Nach der Party zerteilt er ihre Leiche und versucht, die Überreste loszuwerden. Dabei fällt er in den Fluss. Oder er springt freiwillig. Denn einige Zeitungen spekulieren, dass sich der Professor vielleicht versucht hat, das Leben zu nehmen.
Die Geschichte sorgt für riesengroße Aufmerksamkeit in den russischen Medien und in der Gesellschaft. Jede Information über das ungleiche Paar Oleg und Anastasia wird bis ins kleinste Detail analysiert und auseinandergenommen. und dabei kommen verstörende Erkenntnisse ans Licht. Oleg wird 1956 geboren. Er ist Historiker und hat vor allem die napoleonische Zeit erforscht. Er hat erst einen Abschluss in St. Petersburg in Physik- und Ingenieurswissenschaften gemacht, dann eine Dissertation in französischer Geschichte geschrieben und lehrt dann als Dozent an der Universität. Er hat viele Bücher und Artikel geschrieben, die vor allem ins Französische übersetzt wurden. Für diese Arbeiten hat ihn Frankreich sogar geehrt. Er wurde in die Ehrenlegion aufgenommen und in ein privates Forschungsinstitut der Extremrechten in Frankreich. Er ist auch Mitglied des Wissenschaftlichen Rates der Russischen Militärhistorischen Gesellschaft. Die wird vom russischen Kulturminister geleitet. Orlak hat zweimal geheiratet. Seine erste Frau stirbt an Krebs. Von seiner zweiten Frau Anna lebt er getrennt. Er hat zwei minderjährige Töchter und seit drei Jahren hat er eine Beziehung zu seiner Studentin Anastasia. Das ist aber keine geheime Beziehung oder Affäre, denn alle wissen davon. Dozenten und Studenten an der Uni geben der Polizei und der Presse bereitwillig Auskunft über die Beziehung der beiden.
Diese Beziehung beginnt im Herbst 2014, als sich Anastasia und Oleg kennenlernen. Sie ist Studentin von ihm und im dritten Jahr ihres Studiums. Eine Kommilitonin sagt den Medien, davor hatte sie sich weder für die französische Militärsgeschichte noch für Napoleon interessiert. Diese Kommilitonin erzählt der Presse, dass Orlec oft mit seinen Schülerin geflirtet habe. Viele Studentinnen bleiben nach den Vorlesungen sogar länger, um mit ihm allein zu sein und zusätzliche Fragen zu stellen.
Anastasia war eine der besten Studentinnen. Im vierten Jahr ihres Studiums gibt es schließlich erste Gerüchte über eine Beziehung zu ihrem Professor. Sie fängt an, ihn bei den Vorlesungen zu unterstützen, reicht ihm Material an und dann veröffentlichen sie auch einen gemeinsamen Artikel über die Geschichte der Napoleonischen Kriege. Als sie ihren Abschluss macht, geht sie mit Oleg gemeinsam zu der Feier. Sie begleitet den fast 40 Jahre älteren Freund auf Veranstaltungen, Reisen und ist Mitautorin bei seinen Veröffentlichungen. Sie sind offiziell ein Paar.
Oleg sagt später, dass ich Anastasia ihm angenähert habe. Zitat Ich sehe, dass dieses Mädchen in den ersten Reihen sitzt und mich mit einem so enthusiastischen Blick anschaut. Ich habe ihr nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Viele Jungen und Mädchen hören sich meine Vorlesung mit Freude an. Aber dann sei es immer wieder passiert. Oleg sagt weiter Die erste Vorlesung war im November. Alle Studenten gingen raus. Ich hole meine Aktentasche ab. Die Tür öffnet sich abrupt. Sie tritt ein, schließt die Tür hinter sich und kommt nahe. Fast Nase an Nase. Dort war schon alles klar. Seit 2017 leben die beiden zusammen. Oleg sagt später, dass der Altersunterschied nicht zu spüren gewesen sei. Es sei wahre Liebe gewesen. Sie hatten geplant zu heiraten und Kinder zu bekommen. Es gibt auch Fotos von Oleg und Anastasia am Internet. Wir haben euch davon eins in den Shownotes verlinkt. In den Medien wird durch den Mord an Anastasia viel über die Beziehung zwischen Dozenten und Studenten gesprochen. Eine Studentin erzählt der Presse, dass die Studenten von den Professoren abhängig seien. Hätte Anastasia Orlak verlassen, hätte sie ins Wohnheim ziehen müssen. Er hätte ihre Karriere beenden können, bevor sie überhaupt angefangen hat. Vor allem unter den Studierenden entsteht eine öffentliche Diskussion über den Machtmissbrauch und häusliche Gewalt. Vor allem, weil auch noch weitere schlimme Details bekannt werden.
Eine russische Zeitung veröffentlicht schon 2018, also ein Jahr vor dem Mord an Anastasia, einen Artikel über Orlek. Darin wird ein Text zitiert, den eine andere Studentin des Professors damals an die Polizei geschickt hat. Vor etwa zehn Jahren soll Orlek sie nämlich geschlagen und gefoltert haben. Auch sie war mit ihrem Professor zusammen. In dem Text steht, dass sich das Mädchen von Orlek trennen wollte und er sie daraufhin gefesselt, geschlagen, gewürgt und gedroht habe, sie mit einem Bügeleisen zu verbrennen. Es gibt damals aber keine Ermittlungen und der Fall landet auch nie vor Gericht. Und es gibt noch weitere Vorwürfe gegen Oleg. Ein wissenschaftlicher Rivale beschuldigt ihn des Plagiats. Als ein Student Oleg während eines Vortrags darauf anspricht, wirft der den jungen Mann einfach hinaus. Andere Studenten ziehen ihn mit Gewalt aus dem Hörsaal. Er sagt, er sei geschlagen worden. Die Universität gibt später zu Protokoll, dass man den Fall untersucht habe, aber kein Verfahren gegen Oleg einleitete. Werbung Werbung Ende Jetzt, nach dem Mord 2019.
Music.
Ist der Druck aber zu groß und die Universität feuert Oleg. Die Pressestelle schreibt, die Universität ist schockiert über dieses monströse Verbrechen.
Sie veröffentlicht aber auch Ergebnisse einer Umfrage unter Studenten der Uni, denn bei einer Befragung zu den Dozenten habe Orleck regelmäßig gute Bewertungen erhalten. Auch auf die Gewaltvorwürfe vor zehn Jahren nimmt die Uni Bezug und sagt, in Bezug auf die Veröffentlichung in den Medien, die Informationen über Schläge und Todesdrohungen enthält, sollte beachtet werden, dass der Text die Ereignisse von vor zehn Jahren beschreibt. Gleichzeitig gab niemand den Namen des möglichen Opfers oder die Möglichkeiten, sie zu kontaktieren an. Olek selbst wurde nicht strafrechtlich verfolgt. Man wollte aber Maßnahmen einleiten, um solche Situationen zu verhindern. Das zeigt uns auch, dass die Diskussion und Aufarbeitung von Machtmissbrauch in Russland gerade erst angefangen hat oder überhaupt noch anfangen muss. Denn Oleks Anwalt weist alle Vorwürfe als falsch zurück. Das sei Rufmord und Verunglimpfung seines Mandanten. Die Presse und andere Personen würden versuchen, Olek zu diskreditieren. Der Anwalt veröffentlicht währenddessen, dass sein Mandant Oleg aus dem Krankenhaus entlassen und in Untersuchungshaft gebracht wurde. Das ist nur wenige Tage nach dem 11. November 2019 und dem Fund der Leiche in der Moika. Oleg wird von der Polizei zum Verhör und für eine offizielle Aussage abgeholt. Und seine Geschichte zum Ablauf der Ereignisse ist plötzlich ganz anders als noch im Krankenhaus. Das Verhör dauert etwa eine Stunde.
Olek gesteht die Tat zwar ein weiteres Mal, wie er es ja auch schon im Krankenhaus getan hat, aber einige Details sind jetzt komplett anders. Er beschreibt Anastasia als schreckliches Monster, das unser ganzes Leben zerbrach, wie er sagt. Anastasia sei eifersüchtig auf seine Kinder gewesen. Während eines Streits hätten er und sie die Kontrolle verloren. Anastasia sei dann mit einem Messer auf ihn losgegangen. Er habe sie nur mit einem Schuss erschrecken wollen, um sie zu stoppen. Er habe die Waffe geholt, dann sei sie hereingestürmt und er habe automatisch in ihre Richtung geschossen. Er sagt, dass er das zutiefst bereut. Er habe also in Notwehr gehandelt. Anastasia sei schuld an dem Streit gewesen und sei ja zuerst mit einem Messer auf ihn losgegangen. Auch diese Version wird von den Medien in Russland diskutiert. Und es scheint, dass sich gerade in den sozialen Netzwerken eine Kampagne zur Verteidigung des Wissenschaftlers anbahnt. So schreibt es zumindest BBC Russia. Denn der russische Kulturminister, ihr erinnert euch, Oleg ist ja Mitglied in dessen militärhistorischer Gesellschaft, meldet sich in der Presse zu Wort. Er kritisiert die Journalisten, dass sie den Fall aufbauschen würden und fragt, warum sie nicht lieber über die Probleme der Kultur berichten. Die Medien seien in Unsinn verwickelt. Das sei peinlich. Wahnsinn, oder?
Und das ist nicht alles. Der russische Kulturminister vergleicht die Geschichte von Oleg mit dem Film Joker von Todd Philip. Der Film, in dem Schauspieler Joaquin Phoenix die Hauptrolle des Jokers spielt. Der Joker wird in dem Film durch Gewalt zum Helden. Der Kulturminister fragt, wenn du den Joker so sehr magst, warum magst du dann nicht Oleg? Und nur nochmal, um das zu verdeutlichen. Das sagt ein russischer Minister. Und ganz ehrlich, Mahlmagen nach, verwechselt er hier eindeutig Fiktion mit Realität, weil ich selbst bin auch Joker-Fan, muss ich zugeben, Heath Ledger, sehr, sehr cool, aber am Ende des Tages ist es alles eine Geschichte.
Deswegen würden wir es niemals irgendwie in die Realität umsetzen und ich finde, dass er hier so ein bisschen die Tatsachen einfach verdreht. Ich weiß nicht, ob das schon Whataboutism ist, also dass er einfach ein anderes Thema, was damit an sich jetzt nicht so viel zu tun hat, heranzieht. Aber ich finde, das ist auf jeden Fall ein krasses Ablenkungsmanöver einfach. Naja, und selbst wenn er das so sehen sollte wie du, also dass man diese Figur schon irgendwie hypen kann, weil es eben eine Geschichte ist, dann muss er das in seinem Amt aber so sagen. Also er hat ja wirklich eine sehr hohe politische Position. und da finde ich, oder finden wir wahrscheinlich alle, muss man halt ganz genau darauf achten, was sage ich, wie kommt es an, weil eben nicht jeder das hinterfragt, der das hört. Also ich glaube, da sind wir uns alle einig, dass das totaler Quatsch ist, den er da erzählt hat. Absolut. Und weil du gerade gesagt hast, dass er so absolut darauf achten muss, was er sagt, weil ja auch Oleg in seinem Gremium oder was auch immer genau das ist, arbeitet und da sehr wahrscheinlich auch mit ihm befreundet ist, setzt er sich vielleicht nochmal extra für ihn ein, um in Zukunft vielleicht nochmal einen Gefallen gut bei ihm haben zu können. Ja, und der Fall von Oleg, der schlägt hier nicht nur gerade in unserem Aufnahmezimmer zu hohen Wellen, sondern ja wirklich im ganzen Land. Und auch der Kreml-Sprecher beschäftigt sich damit. Und sogar Putin wurde über diesen Mord informiert.
Der Sprecher gibt bekannt, dass die Motive und Gründe dieses monströsen Verbrechens ermittelt werden und er beschreibt die Tat als Wahnsinn. Ein Zitat eines Kommilitonen von Anastasia in der Presse zeigt auch, wie die Gesellschaft den Mordfall einschätzt. Er sagt, Oleg wird drei bis vier Jahre bekommen, obwohl er eigentlich 15 bekommen müsste. Olegs Verteidigung und Anwalt geht auch noch andere Wege, um seinen Mandanten zu verteidigen, nicht nur den politischen.
Einige Tage nach dem Leichenfund taucht ein Video auf. Es ist ein Video des Streits aus der Nacht von Donnerstag auf Freitag, aufgenommen von Oleg selbst. Medien suggerieren, dass der Anwalt das Video selbst geleakt haben könnte. Dutzende Zeitungen berichten über den Inhalt. Zu sehen ist eine weinende Anastasia, die Oleg verlassen will, woraufhin er sie schlägt. Sie rennt aus der Wohnung. Vielleicht hofft Oleg, dass das Video ihn entlastet, weil Anastasia ja die gemeinsame Wohnung verlassen hat. Eine sehr schwache Verteidigung. In Orleks Wohnung wurden ja Leichenteile von Anastasia gefunden. Orleks Anwalt macht auch deutlich, dass Orlek Vater zweier minderjähriger Kinder ist, an einer chronischen Krankheit leidet und ein Teil der wissenschaftlichen Elite des Landes sei. Außerdem gehe es seinem Mandanten in der Untersuchungshaft nicht gut. Orlek sei in einem depressiven Zustand und sehe den Sinn in seinem Leben nicht mehr. Der Anwalt versucht auch, Orlek aus der Haft herauszuholen und ihn unter Hausarrest stellen zu lassen. Die Haft mit anderen Sträflingen sei unmenschlich, sagt der Anwalt der russischen Nachrichtenagentur Interfax.
Orlek wolle auch Anastasias Familie finanziell unterstützen, so der Anwalt. Er ruft diese in der Presse auf, sich bei ihm zu melden, weil er keine Telefonnummer von ihnen hat. Es scheint so, als versuche der Verteidiger des Professors alles, um seinen Mandanten im guten Licht oder sogar als Opfer darzustellen. Der Anwalt berichtet auch, dass Oleg während der Ermittlungen versucht habe, Suizid zu begehen. Das konnte aber verhindert werden. Die Verteidigung geht sogar so weit, dass sie Spezialisten für Mondphasen befragen wollen. Laut der Nachrichtenagentur Interfax hat es zum Zeitpunkt der Tat eine aktive Phase des Mondes gegeben. Nur drei Tage vor dem Vollmond könnte das psychische Störungen auslösen, so der Anwalt von Olek. Ein weiterer Aspekt, der in diesem Fall immer wieder auftaucht, ist Napoleon. Wenn man nach Olek im Internet sucht, dann findet man sehr viele Bilder, auf denen er ein Kostüm des Franzosen trägt. Ein Kollege von Olek sagt BBC Russia, Olek ist ein normaler Wissenschaftler, aber mit einem Narren. Er stellt Napoleon in Vorträgen dar und organisiert historische Rekonstruktionen, in denen er Napoleon ist. Charmant, überzeugend.
Orlek ist Mitbegründer der Re-Enactment-Bewegung in Russland. Er und andere stellen historische Schlachten dar, bei denen er selbst die Rolle von Napoleon einnimmt. Er organisiert Kostümbälle, auf denen er in Uniform unterwegs ist. Einige russische Medien berichten, dass Orlek am Samstagmorgen, dem 11. November 2019, auch in einem Napoleon-Kostüm aus der Moika gezogen wurde. Auch der Spiegel schreibt davon. Aber Belege gibt es dafür keine.
Offenbar wollte sich Oleg nach der Tat das Leben nehmen. Laut 47 News hat es in seiner Tasche angeblich einen Abschiedsbrief gegeben. Er habe sich als Napoleon verkleidet, von der Peter-und-Paul-Festung, dem historischen Zentrum von St. Petersburg, stürzen wollen. In den Quellen zu unserem heutigen Fall wird suggeriert, dass Oleg eine Art Napoleon-Komplex habe. Nicht den medizinischen Napoleon-Komplex, dabei möchten Personen mit geringer Körpergröße diese durch ihr Verhalten wettmachen, sondern Orlek soll sich mit Napoleon identifiziert haben. Er selbst sagt, dass er Napoleon mit Putin verbinde. Für mich ist Napoleon ein Mann, der nach Chaos und Zusammenbruch kam und es geschafft hat, Ordnung zu schaffen. Schließlich wird Orlek angeklagt, wegen Mordes und illegalen Waffenbesitzes. Der Prozess soll im April 2020 starten, wird aber wegen der Corona-Pandemie auf Anfang Juni verschoben. Weil Orlek nochmal seinen Anwalt wechselt, wird der Prozess ein weiteres Mal verschoben und beginnt schließlich Ende Juni 2020.
Der Prozess beginnt wegen Corona ohne Publikum, aber er wird live im Internet gestreamt. Auch das Video davon haben wir euch in den Shownotes verlinkt. In der Anklage der Staatsanwaltschaft stehen weitere Details zum Ablauf der Tatnacht.
Der Professor soll Anastasia am 8. November 2019 mit einem abgesägten Jagdkarabiner erschossen haben. Das Motiv? Eifersucht. Wegen der Jagdwaffe wird Oleg auch wegen illegalen Waffenbesitzes angeklagt. Ein Punkt, den sein Anwalt für sich zu nutzen versucht. Sein Argument, dass der Mord durch eine illegale statt einer legalen Waffe begangen wurde, unterstreiche die Spontanität des Verbrechens. Auch irgendwie eher eine komische Logik. Vor Gericht wird auch eine psychiatrische Untersuchung vorgestellt. Laut Interfax halten die Experten den Professor für gesund. Das heißt, dass er zum Tatzeitpunkt nicht an einer vorübergehenden psychischen Störung, an Demenz oder an anderen psychischen Zuständen gelitten hat. Ein Experte sagt Interfax, nach den Ergebnissen der psychologischen und psychiatrischen Untersuchung wurde Olek als gesund anerkannt. Er war sich der Folgen seiner Handlungen zum Zeitpunkt der Begehung des Verbrechens bewusst. Die Verteidigung lehnt die Untersuchung als unzureichend ab. Es gäbe weitere Fragen zur geistigen Gesundheit des Professors.
Olek gesteht beim Prozess die Tat ein drittes Mal. Er wiederholt aber seine zweite Version der Ereignisse, die offizielle Aussage, die er später bei der Polizei abgegeben hat. Dass er Anastasia im Streit erschossen habe, weil sie mit einem Messer auf ihn losgegangen sei. Sie hätte seine Kinder erwähnt und beleidigt. Oleg sagt, ich habe noch nie eine solche Aggression in meinem Leben gesehen. Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte. Das perfekte Mädchen verwandelte sich in eine Kreatur aus einem gruseligen Märchen.
Dann sagt er aus, Anastasia habe einen anderen Mann gehabt. Er habe auch ihr Telefon in die Molka geworfen. Was er jetzt aber bereut, da darauf sicher Beweise für eine Affäre zu finden seien. Er fordert, dass die Nachrichten auf seinem Handy vorgelesen werden. Olek sagt, die Leute denken, dass sie ein reines und unschuldiges Mädchen war. Aber was sie getan hat, es ist schrecklich. Die Leute sollten wissen, was sie tat.
Vor Gericht werden schließlich SMS-Nachrichten gezeigt, in denen es um Treffen mit Orlek, seinen Kindern und Geldangelegenheiten geht. Es gibt auch Streits und Beleidigungen. Die Strategie der Verteidigung ist folgende. Sie wird zeigen, dass Orlek unter psychologischem und sozialem Einfluss stand, als er den Mord begangen hat. Zu einer Zeit, in der das Mobbing seinen Höhepunkt erreichte. Er sei Opfer von Manipulation gewesen. Und jetzt kommt's. Der Drahtseier sei sein wissenschaftlicher Rivale, der ihn des Plagiats beschuldigt. Das ist nochmal eine 180-Grad-Wendung im Prozess. Der Professor hat als Reaktion auf die Vorwürfe seines Rivalen den Wissenschaftler und dessen Bücher in einem Video verspottet. Danach seien bei Olek wilde Beleidigungen eingegangen. Der Professor sagt, er sei belästigt und bedroht worden. Meine Haustür wurde mit Beleidigung beschrieben. Provokateure kamen zu meinem Vortrag, die begannen, mich zu beleidigen. E-Mails und monströse Texte. Ohne diesen Rivalen hätten Anastasia und Oleg jetzt glücklich gelebt. Er sagt, ich bin kein Wahnsinniger, ich bin ein verliebter Mann, der gemobbt wurde. Die Strategie in Kurzform, Oleg stellt sich selbst als Opfer dar. Olegs Version der Tat vor Gericht ist also eine Eifersuchtsgeschichte. Er sei selbst unter Druck gewesen, in einem instabilen Zustand, als seine Freundin Anastasia seine Kinder beleidigte und mit einem Messer auf ihn losging.
Anastasias Bruder widerlegt diese Eifersuchtstheorie mit seiner Aussage. Anastasia habe viel mit Olegs Kindern unternommen. Sie habe versucht, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Und dann sagen auch die Polizisten aus dem Krankenhaus aus. Denn es gibt noch eine zweite Version der Ereignisse der Mordnacht.
Als Oleg und Jörg Kühlt ins Krankenhaus kamen, nachdem er aus der Moika gefischt wurde, da befragen ihn mehrere Polizisten. Und die filmen die Befragung mit. Oleg sagt den Polizisten nicht, dass Anastasia mit einem Messer auf ihn losgegangen ist, sondern dass er sie mit seiner Waffe erschoss, als sie im Bett lag. Die Gerichtsmedizin bestätigt, dass Anastasia vor ihrem Tod gewirkt wurde. Das ist ein Indiz dafür, dass der Professor versucht haben könnte, sie mit bloßen Händen zu töten. und dann zu der Waffe griff. Das hätte der Wendepunkt in dem Prozess sein können. Ist er aber nicht. Denn das Gespräch mit Oleg wird zwar gefilmt, er ist darauf aber nur von hinten zu sehen. Und das bedeutet, dass er nicht weiß, dass er gefilmt wird. Die Polizisten sagen zwar aus, dass der Professor über seine Rechte aufgeklärt wurde, aber Oleg behauptet das Gegenteil. Das Video kann nicht als Beweis vor Gericht verwendet werden. Es gibt aber andere Beweise, und zwar auf Olegs Laptop. Dort finden die Ermittler Suchanfragen, und zwar noch vor dem Mord an Anastasia. Der Professor hat auf Google Maps nach Böschung an zwei Flüssen in St. Petersburg gesucht. Auch am 8. November, Anastasias Todestag. Da hat Orlek um 2 Uhr morgens auf Google Maps Standorte am Flussufer angeschaut. Für die Staatsanwaltschaft ist damit klar, er hatte sehr wohl die Absicht, Anastasia zu töten und ihre Leiche im Fluss zu entsorgen.
Und dann ist da noch eine Rechnung, die in einem Mülleimer in der Wohnung des Professors gefunden wird. Oleg hat am 8. November, dem Todestag, gegen Mittag schwarze Säcke und Klebeband gekauft. Hinzu kommt das Video, das ihn dabei zeigt, wie er Pakete in die Molka wirft. Oleg sagt vor Gericht, ich gebe meine Schuld zu und bereue, aber ich kann es nicht Absicht nennen. Die Tat wurde in einem Zustand des völligen Verlustes der Kontrolle über sich selbst begangen. Ich bin kein Anwalt. Wenn das als Absicht bezeichnet werden kann, lassen sie es Absicht sein. Aber für mich ist es eine absolut spontane, unvorbereitete, unkontrollierte Tat. Ja, ich war es, der geschossen hat, und ich bereue es sehr. Es ist eigentlich das Einzige, woran ich jetzt Tag und Nacht denke. Die Staatsanwaltschaft verlangt am Ende 15 Jahre Haft in einem Straflager. Der Verteidiger fordert weniger, nämlich acht Jahre, und bittet das Gericht zu berücksichtigen, dass Orlek Vater zweier minderjähriger Kinder sei und einen großen Beitrag zur russischen Wissenschaft geleistet habe.
Das Gericht verurteilt Orlek schließlich am 25. Dezember 2020 zu zwölfeinhalb Jahren Lagerhaft. Das Urteil sorgt nochmal für Schlagzeilen, inner- und auch außerhalb von Russland. Die Bild-Zeitung zum Beispiel titelt Die Eltern von Anastasia sind zur Urteilsverkündung zum ersten Mal im Gericht anwesend. Sie hatten sich geweigert, während des Prozesses dabei zu sein. Sie haben ihre Tochter vor einem Jahr, Ende November, in ihrem Heimatdorf beerdigt. Die Verteidigung geht gegen das Urteil vor und legt Revision ein. Aber im Juni 2022 wird das Urteil und die Strafe bestätigt. Der Professor muss zwölfeinhalb Jahre ins Straflager. Der Fall Orlek hat in Russland ein riesiges Medienecho ausgelöst. Nicht nur das, auch eine Diskussion über häusliche Gewalt. Außerdem ein Hinterfragen der Verbindung zwischen akademischer Karriere und Machtmissbrauch an der Universität. Die Frage ist, wie konnte ein Mann, dem jahrelang Gewalt, Machtmissbrauch und Mobbing vorgeworfen wurden, so lange in seinem Job an einer Universität gehalten werden? Die Frau eines prominenten russischen TV-Stars, sagt der New York Times, er dachte, er könne alles tun und schaute auf die Welt um ihn herum herab, als wäre er wirklich Napoleon.
Und Napoleon war am Ende sogar wirklich anwesend, denn ein als Napoleon verkleideter Mann saß bei der Urteilsverkündung im Zuschauerraum.
Ich hoffe wirklich, dass dieses riesige Medienecho, was dadurch ausgelöst worden ist, ein bisschen was in Russland bewegt. Weil ich war selbst überrascht davon, dass sogar in St. Petersburg, was ich eigentlich eher als Liberale, als vielleicht sogar liberalste Stadt in Russland kennengelernt habe, trotzdem solche große Probleme auch mit Machtmissbrauch hat. Um ehrlich zu sein, denke ich, wird uns das Thema generell auch noch länger begleiten. Wir sehen es ja weltweit leider. Ja, vor allem ist es auch traurig, dass erst so etwas richtig Schreckliches passieren muss, wie ein Mord, dass man über das Thema spricht oder dieses Thema Machtmissbrauch überhaupt ein bisschen ernster nimmt. Also klar, es muss oft leider immer irgendwas passieren, sodass die Leute anfangen, sich darüber Gedanken zu machen, aber es ist schon ein sehr trauriger Anlass, um dieses wichtige Thema auch endlich in der Presse ein bisschen breiter zu behandeln. Absolut. Und auch, dass ja eigentlich schon viel früher, was hätte passieren können bei der Universität. Keine Ahnung, warum die nichts gemacht haben. Aber wir haben ja darüber gesprochen, dass auch schon früher, ich glaube, sogar eine Anzeige eingegangen ist bei der Polizei. 2008 oder so.
Und selbst die Polizei, glaube ich, damals ja auch nichts gemacht hat. Vielleicht haben da wieder die politischen Kontakte geholfen, wer weiß. Aber ja, das ist insgesamt natürlich wirklich wieder mal ein sehr trauriger Fall. Weißt du, was ich mich noch gefragt habe?
Das haben wir relativ zu Beginn ja besprochen, als wir die Tatnacht nacherzählt haben. Da haben Nachbarn ja auch tatsächlich Geräusche gehört aus der Nachbarswohnung. Wie würdest du denn da reagieren, wenn du jetzt abends auf deiner Couch sitzt und du hörst plötzlich Geräusche aus der Nachbarswohnung? Wie würdest du da reagieren? Also ganz ehrlich, das ist richtig schwierig, weil wie willst du einschätzen, was da gerade umgefallen ist? Das kann passieren. Ich habe zum Beispiel Kids über mir, die sind ständig laut, ja, aber ich könnte jetzt nicht unterscheiden, glaube ich, keine Ahnung, ich kann es ja nicht unterscheiden, bin ich der Meinung, dass das Paar dabei sich streitet und dann irgendwas umwirft oder so, oder ob das einfach die Kids sind, die da rumturnen. Deswegen bin ich mir nicht so sicher, ob ich in dem Fall wirklich die Polizei gerufen hätte, ich weiß nicht, wie das bei dir ist. Ey, wie oft mir irgendwas umfällt in meiner Wohnung, so wenn es danach geht, haben sich Nachfragen wahrscheinlich schon oft Sorgen gemacht. Nein, ja, geht mir genauso. Ich finde es auch irgendwie schwierig einzuschätzen, ist das jetzt ein, in Anführungsstrichen, normaler Streit, der gleich wieder vorbei ist. Das Einzige, was mich ein bisschen irritiert hat, sind die Schreie. Also wenn du dann tatsächlich eine Frau schreien hörst, weiß ich nicht. Also ich finde, spätestens da sollte man in irgendeiner Form aktiv werden, weil ich würde behaupten, du kannst hören, ist das ein Streit, dass du immer mal wieder zwei Stimmen hörst, die sich da anschreien, anbrüllen oder hörst du eindeutig eine Person laut schreien, vielleicht sogar um Hilfe.
Aber ja, wir waren nicht dabei, zum Glück. Wir können es nicht nachvollziehen. Aber das ist noch ein abschließender Gedanke oder eine Frage, die ich mir gestellt habe. Und damit schließen wir diese schwarze Akte für heute. Wir sind gespannt, ob ihr diesen Fall schon kanntet, den russischen Napoleon. Und freuen uns natürlich immer, wie jederzeit, wenn ihr uns Nachrichten schreibt bei Instagram. Da heißen wir schwarze Akte, aber das wisst ihr ja alle längst. Und wir freuen uns natürlich auch sehr, wenn ihr uns in der Spotify-App eine positive Bewertung dalasst. Da kann man nämlich Sterne vergeben und wir freuen uns natürlich richtig doll, wenn das fünf Sterne sind, aber auch nur, wenn euch der Podcast gut gefällt. Und dann hören wir uns nächste Woche Dienstag wieder auf allen Streaming-Plattformen, die es gibt. Wir sind eure Hosts Anne Luckmann und Patrick Strobusch. Redaktionen Johanna Müsiger und wir, Schnitt Anne Luckmann Mit der Stimme von Pia Rona Sachse Ausführender Produzent Falco Schulte Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios.
Music.