Music.

Es gibt wohl keinen Ort, an dem man sich sicherer fühlt als im eigenen Bett. Schön eingekuschelt unter einer gemütlichen, schweren Decke. Der Kopf versinkt in einem großen, weichen Kissen und du lässt den Tag nochmal Revue passieren. Du denkst daran, was du alles erlebt hast, welche Menschen du getroffen hast. Bestimmt geht der eine oder andere Gedanke auch noch in Richtung Zukunft und du gehst durch, was so alles ansteht in den nächsten Tagen, in den nächsten Wochen.

Vielleicht ist es der ganz normale Alltagswahnsinn, der dich beschäftigt. Der Job, die Familie, Haushalt, Freunde, Hobbys und was einen sonst noch alles von morgens bis abends beschäftigt. Oder aber es steht ein neues spannendes Projekt an, das dich vor Aufregung nur schwer zur Ruhe kommen lässt. Oder deine Gedanken kreisen um Urlaubspläne, um andere Menschen, um aktuelle Themen. Doch irgendwann findet auch ein gedankenverlorener Geist in den Schlaf. Die Müdigkeit überkommt dich, die Augen werden schwer und du versinkst in der wohligen Wärme des Bettes. Voller Vertrauen, dass dir hier nichts passieren kann. Und dann, ganz plötzlich, wird es unruhig im Zimmer. Laute Stimmen schrecken dich aus dem Schlaf. Es ist dunkel und es dauert vier, fünf lange Sekunden, bis du deine Orientierung zurückgewonnen hast. Etwas Kaltes, Metallisches drückt gegen deine Schläfe. Von jetzt auf gleich hemmet das Adrenalin durch deinen Körper und du spürst pure ungezügelte Angst, als dir klar wird, neben deinem Bett steht jemand und hält dir eine Pistole an den Kopf.

Und damit begrüßen wir euch zu einer neuen Folge der schwarzen Akte. Ich bin Anne Lukmann. Ich bin Patrick Strohbusch. Und wir möchten uns gleich nochmal bei allen entschuldigen, die gerade versucht haben, zu diesem Intro einzuschlafen. Schön eingekuschelt in die Bettdecke, weil ich glaube, das funktioniert jetzt vielleicht nicht so gut. Und wir können euch versprechen, dass diese Folge auch genauso gruselig weitergeht. Und Patrick, kennst du auch diese Momente, wenn man alleine zu Hause ist und denkt, da ist noch irgendjemand in der Wohnung? Ich sage nur dunkler Keller. Ich glaube, jeder kennt das Gefühl. Wir zu Hause hatten zwar an sich keinen Keller, aber so eine Treppe, die halt auch zum Erdgeschoss runterging. Und wenn man dann halt nochmal nach unten musste und alles war schon dunkel, aber du musstest unten irgendwas erledigen. Ich habe es manchmal auf den nächsten Tag verschoben, keine Ahnung. Gab es bei dir irgendwas Ähnliches? Also ich fühle mich gerade auch erinnert, also mir geht es genauso.

Und wenn ich in meiner Wohnung irgendwelche Geräusche höre, die ich nicht sofort zuordnen kann, fühle ich mich einfach besser, wenn ich nochmal durch jeden Raum gehe, ehrlich gesagt. Und ich hoffe, euch geht es auch so. Bitte, bitte, seid ehrlich und schreibt es uns, dass ich nicht die einzige Verrückte bin. aber ich schaue tatsächlich manchmal immer noch unters Bett. Machst du das auch? Ich will dich jetzt echt nicht hängen lassen. Oh nein! Nein, ich gucke leider nicht unters Bett. Okay, bitte schreib mir. Aber ich gucke dafür in jegliche andere dunkle Räume. Na gut, aber bitte, falls noch jemand manchmal, manchmal, okay, wirklich manchmal, unters Bett schaut, bitte schreibt mir. Ich möchte mich besser fühlen, okay?

Aber bevor es jetzt hier gruselig weitergeht, führt uns die heutige schwarze Akte erstmal in eine sehr schöne Umgebung, nämlich in die Karibik, genauer gesagt auf eine Insel im Norden der kleinen Antillen. Diese Insel heißt St. Martin und hier leben knapp 80.000 Menschen, was im Vergleich zu den kleinen Nachbarinseln recht viele sind. Und ja, St. Martin ist genauso paradiesisch, wie ihr euch diese Karibikinsel vielleicht gerade vorstellt. Es gibt endlose weiße Sandstrände, es gibt kristallklares Wasser und Palmen, unter denen man traumhafte Sonnenuntergänge beobachten kann. Aber nicht nur wegen der schönen Landschaft kommen die Touristen gerne hierher, sondern auch, weil man hier in ein turbulentes Nachtleben eintauchen kann und dazu noch steuer- und zollfrei shoppen kann. Das ist mit ein Grund, warum St. Martin eines der beliebtesten Kreuzfahrtziele der Welt ist. Ein großer Teil der Einwohnerinnen und Einwohner lebt hier vom Tourismus.

Vielleicht haben einige von euch schon einmal von der Insel wegen ihres Flughafens gehört. Der Princess Juliana International Airport ist nämlich so nah am Strand gebaut, dass die Flugzeuge beim Landen quasi direkt über den Köpfen der Strandbesucher hinwegfliegen. So nah, dass es fast wirkt, als könne man sie anfassen. Und umgekehrt werden die Badegäste beim Start eines Flugzeugs von dem heftigen Auftriebswind teilweise meterweit weggepustet. Es gibt richtige Wettbewerbe, wer sich dabei am längsten auf dem Bein halten kann. Auf YouTube gibt es auch spektakuläre Videos dazu. Wer mal Lust hat, sich das anzuschauen, wir verlinken euch eines in den Shownotes. Aber das nur als kleiner Fakt am Rande, damit ihr euch den Ort des heutigen Files gut vorstellen könnt. St. Martin ist aber noch viel mehr als ein Inselparadies und eine Touristenattraktion. Denn die Geschichte der Insel geht ziemlich weit zurück. Wer St. Martin auf einer Karte anschaut, der wird ziemlich schnell feststellen, dass sich hier zwei Länder treffen. Die Niederlande und Frankreich. Denn die Insel ist in zwei Hälften geteilt. Der Norden gehört zu Frankreich und der Süden zu den Niederlanden. Seit mehr als 350 Jahren gibt es diese Staatsgrenze schon und die ist seit jeher offen. Von vielen Einheimischen wird sie auch schon gar nicht mehr wahrgenommen.

Entstanden ist die Grenze übrigens 1648, während sich die Kolonialmächte auf den Nachbarinseln heftige Schlachten lieferten. Hier auf St. Martin einigte man sich stattdessen auf eine friedliche Koexistenz zwischen den beiden Ländern und beschloss, den Hafen einfach zu einem Freihafen zu erklären. Seitdem ist die Insel ein überwiegend friedlicher Ort, den viele Menschen hier als sehr sicher empfinden. Aus der ganzen Welt kommen die Menschen hier zusammen. Auf den Straßen hört man Französisch, Englisch, Spanisch und Niederländisch. Teilweise in eigenen lokalen Dialekten. Ein Vielvölkergemisch nennt es der Spiegel. Das lässt sich auch an den verschiedenen Gotteshäusern erkennen. Katholiken, Muslime, Hindus, Anglikaner, Adventisten und andere Glaubensrichtungen leben hier friedlich miteinander.

In beiden Teilen herrschen eigene Gerichtsbarkeiten, je nach französischem oder niederländischem Gesetz. Und trotzdem darf man das Leben hier nicht einfach als Friede, Freude, Eierkuchen abstempeln. Denn wo Reichtum ist, da ist auch Armut. Etliche Bewohner, die von ärmeren Inseln hier ihr Glück suchen, leben ohne Papiere. Und wer durch die Straßen fährt, der sieht nicht nur pompöse Villen und bunt bemalte Karibikhäuser, sondern eben auch kleine Hütten, die von einem Leben in Armut zeugen. Und das ist tatsächlich auch das richtige Stichwort. Denn dieses Thema, also der Unterschied zwischen Arm und Reich, wird uns heute immer mal wieder im Verlauf dieser Folge beschäftigen. Aber worum geht's heute überhaupt, Anna?

Music.

Werbung, Werbung Ende, Es geht um einen Mord, der die Insel ziemlich brutal aus ihrer friedlichen Idylle schreckt. Ein US-amerikanisches Paar aus South Carolina wird 2012 mit durchgeschnittenen Kehlen in einem Strandhaus gefunden, das die beiden im Süden der Insel, also im niederländischen, teilgekauft haben. Niemand kann sich so richtig einen Reim darauf machen, denn die beiden Toten waren total beliebt und hatten auch viele Freunde unter den Einheimischen.

Und gerade deshalb kocht die Gerüchteküche auch ziemlich hoch, denn die Theorien schwanken zwischen einem Raubüberfall, der eskaliert ist, und einem Auftragsmord. Oder war es vielleicht ein Mord aus Leidenschaft? Hatte da jemand noch eine Rechnung mit den beiden offen? Vielleicht handelt es sich auch um Blutrache, so brutal, wie das Paar zu Tode gekommen ist. Ihr merkt schon, es gibt einiges zu besprechen. Daher lasst uns mal einen genauen Blick auf die beiden Opfer werfen und schauen, was sie überhaupt nach St. Martin geführt hat. Und zwar geht es hier um Thelma und Michael. Die beiden sind seit 22 Jahren verheiratet. Er ist 53 Jahre alt und sie etwas älter, mit 750 Jahren. Sie leben in South Carolina, in einem Haus direkt am Wasser und kommen immer mal wieder nach St. Martin, um hier Urlaub zu machen. Das Paar ist sehr wohlhabend. Thelma arbeitet bei einer Bank und Michael ist Versicherungsmakler. Ihr Vermögen konnten die beiden aber auch durch geschickte Investitionen aufbauen.

Über die Jahre haben sie Geld in Restaurants, Bars und Immobilien gesteckt, um sich irgendwann einen langersehnten Traum verwirklichen zu können, weniger arbeiten und mehr vom Leben genießen, mehr Zeit füreinander und für die schönen Dinge im Leben haben. Also kündigen sie ihre Jobs, gehen in Frührente und kaufen sich 2012 ein Strandhaus auf ihrer absoluten Trauminsel. Von nun an wollen sie ein paar Monate im Jahr hier auf St. Martin verbringen. Jetzt, da sie auch zeitlich unabhängig sind, geht das ja auch ziemlich leicht. Durch ihre vielen Besucher auf der Insel kennen sie auch schon einige Leute und haben sich einen kleinen Freundeskreis aufgebaut.

Ihr dürft euch die beiden jetzt aber nicht als reiche Schnösel vorstellen, die in Champagner duschen und auf den Rest der Welt herunterschauen. Klar, die beiden leisten sich ihren Luxus, aber sie schauen auch nicht weg, wo Hilfe benötigt wird. Sie teilen ihren Reichtum großzügig und unterstützen die ärmeren Menschen auf St. Martin mit Sach- und Geldspenden, aber ohne dabei gönnerhaft oder herablassen zu sein.

Zum Beispiel erledigen sie am Ende des Monats Wocheneinkäufe für Menschen, die kein Geld mehr haben, um Essen kaufen zu können. Ein Freund soll über sie gesagt haben, ich glaube, sie haben jeden Abend ihre Flügel in den Schrank gehängt. Also quasi wie Engel, so liebevolle und hilfsbereite Menschen sollen sie gewesen sein. Sie sind diskret, hilfsbereit und offen und genießen ehrliche, herzliche Freundschaften auf der Insel. Zwei gute Freunde der beiden sind Topper und Melanie. Topper und Melanie führen im Süden von St. Martin zwei Restaurants, Toppers Bar und Toppers by the Sea. Thelma und Michael lieben es, bei ihnen zu essen und nach Restaurantschluss noch stundenlang mit den beiden zu quatschen. Ihren Stammkunden und Freunden servieren Topper und Melanie gerne an solchen Abenden einen ganz besonderen Rum. Es ist ein Rum, den man nirgendwo kaufen kann, denn Melanie stellt ihn selbst in ihrer Küche her.

Der Rum kommt bei den Gästen allerdings so gut an, dass sie immer wieder danach gefragt wird, ob sie nicht auch ein paar Flaschen davon verkaufen würde. Was sie bis dato immer verneint. Auch Michael und Thelma schmeckt dieser Rum hervorragend. Und da Michael trotz Frührente im Herzen ein Unternehmer bleibt, kommt ihm die Idee, den Rum gemeinsam mit ihren beiden Freunden im großen Stil zu vertreiben. Melanie und Topper sind von der Idee angetan. Die vier verstehen sich privat so gut, dass sie sich alle ein gemeinsames Business vorstellen können. Also kümmern sich Michael und Thelma um die Rahmung des Unternehmens, das heißt sie stellen die Fabrik und alles Technische. Und Melanie und Topper sind für das Inhaltliche verantwortlich, also die Rezeptur des Rums und alle kreativen Aufgaben.

Sie wollen auch nicht lange warten und noch in diesem Jahr, also 2012, mit der Umsetzung beginnen. Von diesem Zeitpunkt an gibt es für die vier kein anderes Gesprächsthema mehr. Im August 2012 fliegt Michael nach South Carolina, um sich dort mit seinem Bruder Todd zu treffen. Todd hilft ihm dabei, alles Vertragliche aufzusetzen und einen Container zu packen. Voll mit Maschinen, Werkzeugen und allem, was die vier für die Fabrik brauchen.

Am 21. September soll der Container in St. Martin ankommen. Doch Michael und Thelma werden ihn nicht mehr selbst in Empfang nehmen können. Denn genau an diesem Tag, am 21. September 2012, werden die beiden ermordet in ihrem Strandhaus gefunden. Die Entdeckung ihrer Leichen ist kein Zufall. Topper fährt nämlich zu ihrem Haus, um nach dem Rechten zu sehen. Denn normalerweise haben die vier jeden Tag Kontakt. Besonders seit sie die Idee mit dem Rum-Business haben. Zu dem Zeitpunkt, an dem Topper nachschauen kommt, warten sie seit fast 48 Stunden auf eine Antwort, was ziemlich ungewöhnlich ist. Zuerst hatten Topper und Melanie sich versucht zu beruhigen und sich eingeredet, dass schon alles in Ordnung sei. Und ja, es gibt ja auch viele Gründe, warum ein erwachsener Mensch mal einen Tag lang nicht ans Telefon geht. Doch als der Rückruf auch am folgenden Tag ausbleibt, ist die Sorge doch zu groß. Topper klingelt also an der Haustür, doch alles bleibt ruhig. Kein gutes Zeichen. Also muss jemand von der Terrasse aus ins Haus schauen.

Topper ist 74 Jahre alt und fühlt sich selbstkörperlich aber nicht mehr in der Lage, auf die Terrasse zu klettern. Also bittet er einen jungen Mann um Hilfe, der gerade vor Ort ist. Und der tut ihm auch den Gefallen. Wir hatten letztens schon mal in einer Folge über die Menschen gesprochen, die nur ganz zufällig oder am Rand von Kriminalfällen betroffen sind, die in der Berichtserstattung nur kurz erwähnt und dann wieder vergessen werden. Und das, obwohl deren Leben in vielen Fällen danach auch nicht mehr dasselbe ist. So wie der junge Mann in diesem Fall, der für Topper über die Terrasse klettert. Denn beim Blick durch die Terrassentür sieht er die Leichen von Thelma und Michael im Wohnzimmer liegen, in einer riesigen Blutlache. Den Schrei, den er ausstößt, wird Topper in seinem Leben nicht mehr vergessen.

Falls ihr die Beschreibungen vom blutigen Tatort und den Leichen nicht hören möchtet, springt einfach ein paar Sekunden vor. Als der junge Mann durch die Terrassentür schaut, sieht er die blutverschmierten Leichen von Michael und Thelma. Michael saß wohl auf der Wohnzimmercouch, als jemand ihm die Kehle durchgeschnitten und dann mehrfach mit roher Gewalt ein Messer in seinen Rücken gerammt hat. So heftig, dass die Polizei eine abgebrochene Messerspitze in seinem Rücken findet. Sein lebloser Körper ist nach vorne gesackt. Die Couch, der Boden, alles ist blutverschmiert. Thelmas Leiche hängt neben Michael auf einem Stuhl, gefesselt, geknebelt und mit verbundenen Augen. Zweimal hat man ihr die Kehle durchgeschnitten und zwar so heftig, dass sie fast enthauptet wurde, wie man später feststellen wird. Es ist ein Anblick, den weder der junge Mann noch Topper oder die Polizei jemals vergessen wird.

Sofort sichern die Beamten den Tatort und finden unter anderem ein Steakmesser mit einer abgebrochenen Spitze. Bei einer Durchsuchung des Hauses stellen sie fest, dass der Tresor im Schlafzimmer offen steht und leergeräumt wurde und dass außerdem Wertsachen wie Handys, Laptop und Schmuck fehlen. Es sind keine Einbruchsspuren sichtbar. Es ist demnach nicht auszuschließen, dass Thelma und Michael ihrem Mörder die Tür geöffnet haben.

Zuerst einmal heißt es, sich einen Überblick verschaffen. Während sich die Nachricht vom Doppelmord in einem Wimpernschlag auf der Insel verbreitet, hält sich die Polizei mit Informationen zurück. Sie ermitteln erst einmal, ohne die Öffentlichkeit einzubeziehen. Und das mit Erfolg. Denn schon zwei Tage später gibt ein Sprecher bekannt, dass es eine Festnahme gegeben hat. Den Namen des Verdächtigen verrät er aber noch nicht. Das ist durchaus übliche Praxis in St. Martin. Die Identität des Verdächtigen wird geschützt, bis sich der Verdacht gegen die Person erhärtet. Das ist natürlich höchst interessant. Nur zwei Tage, bis der erste Verdächtige festgenommen wird. Wie hat die Polizei das gemacht? Die Aufklärung hängt mit einem anderen Vorfall zusammen, der in jener Nacht vom 19. September, also der Nacht des Mordes, im Süden der Insel geschehen ist. Drei junge Männer haben dort nämlich mit vorgehaltener Pistole ein chinesisches Restaurant ausgeraubt. Sie konnten allerdings nur 60 Dollar erbeuten und mussten sich daraufhin eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei liefern. Dabei sind Schüsse gefallen, es wurde jedoch zum Glück niemand verletzt. Die Polizei hat allerdings das Auto der drei Täter getroffen, die sich gerade so über die Grenze in den französischen Teil der Insel retten konnten. Auch wenn die niederländische und die französische Polizei gut miteinander kooperieren, so dauert es dennoch immer einige Minuten, bis die Niederländer ihre Kollegen alarmiert haben.

Genug Zeit für die Täter, um zu entkommen. Die Polizei nimmt jedoch Ermittlungen in diesem Fall auf und kann sogar den Fluchtwagen ausfindig machen. Die Täter hatten zwar das Nummernschild ausgetauscht, denn das Auto hatte nun ein französisches statt ein niederländisches Kennzeichen, aber anhand des Einschusslochs war der Wagen eindeutig zu identifizieren. Und jetzt ratet mal, was die Polizei in diesem Wagen findet. Das Handy und die Kreditkarten von Michael.

Also wenn das kein Zufall ist. Zu diesem Zeitpunkt bringt die Polizei die beiden Vorfälle, also den Mord und den Überfall, allerdings noch nicht in Zusammenhang. Das heißt, für die Ermittler stellt sich erstmal die Frage, handelt es sich bei dem Handy um Diebesgut oder gehört es möglicherweise dem Täter? Das Display zeigt jede Menge entgangene Anrufe von einem gewissen Topper an. Also ruft die Polizei zurück und so fügt sich das Puzzle zusammen. Denn die Schlussfolgerung liegt ja auf der Hand. Michael hatte sein Handy immer bei sich. Das heißt, wer das Handy gestohlen hat, muss im Strandhaus gewesen sein. Und das wiederum heißt, dass derjenige, der hinter dem Überfall auf das chinesische Restaurant steckt, höchstwahrscheinlich auch für den Mord an Thelma und Michael verantwortlich ist. Oder, dass diese Person zumindest vor Ort gewesen ist. Denn wie sonst sollte Michaels Handy in das Fluchtfahrzeug kommen? Auch zeitlich passt es zusammen. Der Überfall und der Mord sind beide am selben Abend geschehen. Trotz des falschen Nummernschildes können die Ermittler den Halter des Wagens ausfindig machen. Und der fällt aus allen Wolken, als man bei ihm an der Tür klopft und erzählt, was eigentlich mit seinem Auto passiert ist. Aber er kann glaubhaft machen, nichts mit der ganzen Sache zu tun zu haben. Denn er habe sein Auto erst vor einigen Tagen an einen Freund verliehen. Dieser Freund heißt Michelle.

Als man Michelle in seiner Wohnung aufsucht, da ist er aber nicht zu Hause. Das wäre ja auch zu leicht gewesen, aber dafür gibt es eine andere Möglichkeit, sich an seine Fersen zu heften. Denn, wie man mittlerweile weiß, wurde auch Thelmas Handy aus dem Strandhaus gestohlen. Und da sich dieses nicht zusammen mit dem von Michael im Fluchtwagen befunden hat, ist davon auszugehen, dass der Täter es mitgenommen hat. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis der Täter das erbeutete Handy anschaltet. Und dann kann die Polizei es direkt tracken.

Und genau so kommt es. Von Thelma Sandy wird ein Anruf getätigt und wenig später steht die Polizei auch schon vor der Tür. Michelle befindet sich gerade bei seiner Freundin und ist alles andere als begeistert über den unerwarteten Besuch. Als die Beamten ihn festnehmen wollen, setzt er sich heftig zur Wehr. Es kommt zu einem Kampf, bei dem sowohl Michelle als auch ein Polizist verletzt werden. Aber letztendlich unterliegt Michelle und wird von den Beamten abgeführt. Die Festnahme geschieht am 23. September. Also vier Tage nach dem Mord und dem Überfall auf das chinesische Restaurant und zwei Tage nach der Entdeckung des Mordes. Michelle ist zu diesem Zeitpunkt 28 Jahre alt. Er kommt ursprünglich aus Jamaika und hat noch keine Vorstrafen. Aber, und das ist höchst interessant, er soll für das Unternehmen gearbeitet haben, das sich unter anderem um die Security des Strandhauses von Michael und Thelma kümmert. Allerdings war er wohl nicht explizit für diese Immobilie zuständig. Aber dennoch, er kennt sich wohl mit Sicherheitssystemen aus. Das ist zumindest anzunehmen. Und es kommen noch mehr spannende Details ans Licht. Denn Michein hat keine Aufenthaltsgenehmigung für St. Martin. Er hält sich also illegalerweise auf der Insel auf. Während er bei seiner Freundin lebt, hat er in Jamaika noch eine Frau und drei Kinder.

Trotz seiner heftigen Gegenwehr zu Beginn, gibt Michein im Verhör zu, das Strandhaus überfallen zu haben. Dass Thelma und Michael dabei gestorben sind, sei aber kein Mord gewesen, sondern ein Unfall. Was an sich ja eine wirklich spannende Aussage ist. Besonders, weil wir ja schon gehört haben, wie brutal die beiden umgebracht wurden. Aber darauf gehen wir später nochmal ein.

Und Mishain habe nicht allein gehandelt, sondern zwei Freunde dabei gehabt. Seinen 17 Jahre alten Cousin Jeremiah und seinen 20 Jahre alten Freund Jamal. Jeremiah, der 17-jährige Cousin, stammt aus St. Martin und ist in der Schule nicht für sein gewalttätiges Verhalten bekannt, sondern auch dafür, dass er häufig andere Jugendliche mobbt. Das Ganze nimmt solche Ausmaße an, dass sich sogar Jeremiahs Eltern von ihrem Sohn distanzieren. Sie kriegen ihn einfach nicht mehr unter Kontrolle.

Music.

Werbung Ende Jamal, der 20-jährige Freund, kommt ursprünglich aus Guyana und ist ebenso wie Michelle noch nicht vorbestraft. Als er mitbekommt, dass Michelle festgenommen wurde und auspackt, flieht er von der Insel. Allerdings kann ihn das FBI auf St. Thomas, einer der amerikanischen Jungferninsel, festnehmen. Und er kommt sogar freiwillig mit zurück nach St. Martin, als man ihm erklärt, dass ihm hier auf St. Thomas die Todesstrafe drohen würde. Keiner der drei Männer gibt zwar zu, direkt für die Morde verantwortlich zu sein, aber anhand ihrer Aussagen kann die Polizei den Verlauf des Abends einigermaßen rekonstruieren. Und zwar trug es sich wie folgt zu. Springen wir zurück zum 19. September, also dem Tag, an dem Thelma und Michael ermordet wurden. Den Abend verbringt das Paar mit Freunden in einem Restaurant auf der Insel. Es sind fröhliche, friedliche Stunden, ohne besondere Vorkommnisse.

Zurück im Strandhaus fällt Thelma sofort müde ins Bett, während Michael sich noch vor den Fernseher setzt. Die Schiebetür zur Terrasse hin lässt er dabei offen, damit frische Luft hereinkommen kann. Irgendwann fallen auch ihm die Augen zu und er schläft vor dem Fernseher ein.

Dass im Haus noch Licht brennt, kann man von Weitem gut sehen. Ihr müsst es euch so vorstellen, das Haus steht direkt am Strand. Es ist zur Strandseite hin auf Säulen gebaut, die wiederum auf Klippen stehen. Wenn Flut ist, reicht das Meer bis zu diesen Klippen. Der Strand ist allerdings keine gerade Linie, sondern verläuft in einer Kurve. Das heißt, man kann vom einen Ende des Strandes locker die Häuser am anderen Ende sehen. Gerade wenn es dunkel wird und in einem dieser Häuser noch Licht brennt. Nun kommen gerade Michelle, Jeremiah und Jamal von ihrem Überfall auf das chinesische Restaurant zurück. Eigentlich wollten sie danach noch ein Casino überfallen, da ihnen die 60-Dollar-Beute nicht wirklich ausreichen. Als sie im Vorbeifahren allerdings sehen, wie gut das Casino bewacht ist, ändern sie ihre Meinung. Vor allem, da sie nicht einmal richtige Pistolen dabei haben, sondern nur Attrappen. Sie beschließen, zum Strand zu fahren und den Wagen dort abzustellen. Vom Strand aus sehen sie nun, dass Licht im Haus von Thelma und Michael brennen. Eigentlich war es gar nicht der Plan gewesen, ein Privathaus auszurauben, aber sie ändern ihre Meinung spontan. Hier auf St. Martin gibt es so viele Touristen, die eine Menge Geld haben. Und wo Licht brennt, da sind auch Menschen zu Hause. Heißt, es gibt dort auch was zu holen. Also beschließen die drei kurzer Hand, ihr Glück zu versuchen.

Es trifft sich gut, dass gerade Ebbe ist und sie über den Strand leicht bis zu den Klippen laufen können, denn es ist nicht ganz klar, wie genau sie nun auf die Terrasse des Strandhauses gelangt sind. Irgendwie sind sie jedenfalls hochgeklettert. Vermutlich an den Klippen hoch und dann über die Palme, die neben dem Haus steht. Die Quellen sind sich hier nicht ganz einig. Tatsächlich lässt sich das auch deshalb so schwer rekonstruieren, weil das Strandhaus 2017 fast komplett durch den Hurricane Irma zerstört worden ist. Und danach unbewohnbar war. So wie übrigens ein Drittel aller Häuser auf St. Martin. Beim Wiederaufbau hat man übrigens auch eine Mauer zur Strandseite hingebaut, weshalb die Häuser da heute nochmal deutlich einbruchsicherer sind als 2012.

Michael schreckt aus dem Schlaf hoch, als ihm eine Pistole an den Kopf gehalten wird. Er weiß ja nicht, dass es nur eine Attrappe ist. Drei Männer stehen vor ihm und Michael braucht erstmal einen Moment, um zu realisieren, was hier überhaupt gerade geschieht. Die Männer fragen nach Geld und Michael, noch vollkommen perplex und schlaftrunken, sagt überrascht, welches Geld? Als Antwort holt einer der Männer, den man später als Michelle identifizieren wird, ein Steakmesser aus der Küche und hält es Michael an die Kehle. Michaels Gedanken wandern zu Thelma, die nichts ahnend oben im Bett liegt und schläft. Genau in dem Zimmer, in dem sich auch der Tresor befindet. Aber hat er eine Wahl? Ein Blick auf das scharfe Messer und den entschlossenen Gesichtsausdruck des Einbrechers genügen. Er erzählt von dem Tresor und fleht darum, seiner Frau nichts zu tun.

Der Mann mit dem Messer bleibt bei ihm, während die anderen zwei Männer hoch ins Schlafzimmer gehen. Dort reißen sie Thelma, die nackt im Bett liegt, aus dem Schlaf und zwingen sie, sich etwas anzuziehen und den Tresor zu öffnen. In ihrer Überforderung und Panik gibt sie den Code zunächst mehrmals falsch ein und einer der Männer versucht sie währenddessen zu beruhigen. Sie soll einfach machen, was ihr gesagt wird, dann würde ihr und ihrem Mann nichts passieren. Es gehe hier nur um die Kohle. Die Männer räumen den Tresor komplett leer und nehmen Thelma mit nach unten. Sie wollen sich vergewissern, dass sie nicht flieht und Hilfe holt. Im Wohnzimmer fesseln sie Thelma auf einem Stuhl neben Michael, knebeln sie und verbinden ihr die Augen. Angeblich sollen sie danach sogar mit einem Bier aus dem Kühlschrank noch vor Ort auf ihren erfolgreichen Raubzug angestoßen haben. Das Geld, der Schmuck, Handys und Laptops haben einen Wert von mehreren Zehntausend Dollar. Und das ist ja echt ein ziemlicher Unterschied zu den 60 Dollar aus dem chinesischen Restaurant. Doch anstatt dass die Männer nun einfach gehen, geschieht das Undenkbare. Michelle schneidet Michael plötzlich die Kehle durch und sticht dann auf ihn ein. So lange und heftig, bis die Spitze des Messers abbricht. Michaels lebloser Körper sackt in sich zusammen. So wird es später vor Gericht deutlich.

Thelma, die ja neben ihm sitzt, aber nichts sehen kann, muss mit anhören, wie der Mann, mit dem sie seit 22 Jahren verheiratet ist, neben ihr ermordet wird. Sie muss das gugene Geräusch hören, als das Blut aus Michaels Kehle schießt, sein Stöhnen, sein Schmerz, und sie ahnt, was ihr selbst bevorsteht. Das Ausmaß ihrer Panik muss unvorstellbar sein. Michelle geht in die Küche, holt ein neues Messer und schneidet auch Thelma die Kehle durch. Zwei gezielte, tiefe Schnitte, die sie fast enthaupten. Wenn die Halsschlagader getroffen ist, dann ist man innerhalb kürzester Zeit bewusstlos. Bei einer Verletzung von großen Arterien stößt das Blut schnell stoßweise heraus. Thelma muss innerhalb von wenigen Minuten gestorben sein. Die Männer verlassen das Grundstück auf die gleiche Weise, wie sie gekommen sind und schmeißen das Messer ins Meer.

An das andere Messer, dessen Spitze abgebrochen ist, denken sie nicht. Im Meer waschen sie sich, kehren zum Auto zurück und feiern den für sie Erfolg in einem Bordell. Es gibt unterschiedliche Schilderungen darüber, ob die Täter das Haus gleichzeitig verlassen haben oder ob einer schon vorher gegangen ist. Darauf wollen wir gleich näher eingehen, wenn wir über den Prozess sprechen. Ja, und was dann passiert, das wisst ihr bereits. Zwei Tage gehen ins Land, bis Topper bei seinen Freunden nach dem Rechten schaut und die Leichen entdeckt werden. Das FBI schaltet sich ein, nachdem die Polizei um Unterstützung gebeten hat. Am 28. September, also eine Woche nach der Entdeckung des Mordes, werden die Leichen von Thelma und Michael zurück nach South Carolina überführt und dort am 3. Oktober beerdigt. Zwei der drei Hauptverdächtigen, Mishain und Jeremiah, befinden sich zu diesem Zeitpunkt bereits in Untersuchungshaft. Der dritte, Jamal, kann erst am 8. Oktober festgenommen werden. Ihr erinnert euch, er hat versucht, von der Insel zu fliehen und wurde dann an einem Flughafen von dem FBI-Agenten aufgehalten. Es muss ihm klar gewesen sein, dass sein Name früher oder später bekannt werden würde. Denn auf der Insel gibt es kein anderes Thema mehr. Doch neben der Wahrheit machen auch viele Gerüchte die Runde.

Und so finden sich Topper und Melanie, die mit Thelma und Michael ja eng befreundet und von ihrem Tod schwer betroffen sind, plötzlich im Zentrum dieser Gerüchte wieder.

Angeblich sollen sie, so behaupten böse Zungen, den Mord in Auftrag gegeben haben, um allein von dem gemeinsamen Rumbusiness profitieren zu können. Allerdings gibt es keinerlei Beweise dafür und die Polizei verwirft die Theorie, bevor Topper und Melanie ernsthaft Schaden davon nehmen können. Denn der Fokus der Ermittlungen liegt ja bereits auf den drei bekannten Männern und die werden im April 2013 vor Gericht gestellt. Der Saal ist voll. Sämtliche Familienangehörige und Freunde von Michael und Thelma sind gekommen. Alle drei Männer geben zu, in jener Nacht in dem Strandhaus gewesen zu sein, um das Paar auszurauben. Danach weichen ihre Schilderungen allerdings ab.

Während Jeremiah und Jamal aussagen, nur etwas mit dem Raub, aber nicht mit den Morden zu tun gehabt zu haben, behauptet Michelle plötzlich, sich an gar nichts mehr erinnern zu können. Er sei einfach zu high gewesen in jener Nacht. Er besitzt sogar noch die Dreistigkeit, den Familien von Thelma und Michael zuzugrinsen, als er den Gerichtssaal verlässt. Jeremiah und Jamal behaupten, das Haus bereits verlassen zu haben, bevor Michelle dann allein das Paar ermordet hat. Sie geben allerdings zu, Thelma gefesselt und geknebelt zu haben, um sich selbst Zeit zum Fliehen zu verschaffen. Als Grund gibt Jamal an, eine schwangere Freundin zu Hause zu haben und nicht zu wissen, wie er die nächste Miete bezahlen solle. Was ein bisschen lächerlich ist, wenn wir uns erinnern, dass sie aber erstmal schön einen Teil der Beute im Bordell auf den Kopf gehauen haben.

Jeremiah argumentiert, nicht ins Gefängnis gehen zu können, da sich sonst niemand um seine kranke Mutter kümmern würde. Und nur kurz zur Erinnerung, das ist die Mutter, die sich aufgrund seiner Gewaltexzesse schon vor Jahren von ihm distanziert hat. Die Spurensicherung ergibt allerdings, dass zumindest bei dem ersten Mord an Michael alle drei Männer noch vor Ort waren. So ganz kann das also alles nicht stimmen, was sie hier aussagen. Die Anhörung dauert zwei Tage. Das Urteil wird im Mai 2013 verkündet. Alle drei Männer werden von der Richterin über jeden vernünftigen Zweifel hinaus für schuldig befunden. Michene wird insgesamt in sechs Anklagepunkten für schuldig befunden. Angefangen von dem Raubüberfall auf das chinesische Restaurant, über die vorsätzliche Ermordung von Thelma und Michael, bis hin zur Geldwäsche der Beute. Vorab angefertigte psychiatrische und psychologische Gutachten erklären ihn für voll schuldfähig. trotz möglicher mentaler Probleme. Seine Behauptung, sich an nichts erinnern zu können, bringt ihm letztendlich also gar nichts.

Mishain muss lebenslang ins Gefängnis, da seine Handlungen absichtlich und vorsätzlich gewesen seien. Er habe aus Habgier gehandelt, als er das Paar beraubte und ermordete. Sein Verhalten im Gerichtssaal gebe keinen Grund zur Annahme, dass er Reue für seine Taten empfinde. Der Mord habe die Gemeinschaft von St. Martin im Wesentlichen zerstört und die Tourismusindustrie der Insel stark beeinträchtigt. Jeremiah wird zu 28 Jahren Haft verurteilt. Er wird zwar von dem Mordvorwurf in erster Instanz freigesprochen, jedoch als Mittäter der Ermordung festgestellt. Er habe Thelma mit vorgehaltener Waffe entführt, sie als Geisel gehalten, an einen Stuhl gefesselt und sie geknebelt, um danach Miché nach dem Mord an Michael ein zweites Messer zu reichen. Er wird zudem für die Geldwäsche der Beute für schuldig befunden. Auch er habe keine Reue während des Prozesses gezeigt. Sein Alter habe man bereits berücksichtigt, denn Jeremiah war bei der Tat ja erst 17 Jahre alt und daher noch minderjährig. Jamal wird zu 22 Jahren verurteilt. Auch er wird als Mittäter an den Morden für schuldig befunden. Er sei an der Entführung von Thelma beteiligt gewesen, ebenso an der Geldwäsche der Beute. Und auch er zeige keine ausreichende Reue für die schwerwiegenden Taten. Und damit so etwas auf St. Martin nicht noch einmal passiere, soll er, ebenso wie die anderen zwei, für lange Zeit weggesperrt werden.

Die Familien und Freunde von Thelma und Michael sind zufrieden mit dem Urteil. Auch wenn ihnen niemand die beiden wiedergeben kann, so haben sie doch zumindest das Gefühl, dass es am Ende so etwas wie Gerechtigkeit gegeben hat. Allerdings gehen Mishain, Jamal und Jeremiah noch im selben Jahr in Berufung. Jamal begründet das unter anderem damit, dass es nicht fair sei, für etwas eingesperrt zu werden, das er nicht getan habe und dass er eine junge Tochter habe, um die er sich kümmern müsse. Michelle behauptet, seine lebenslange Verurteilung verstoße gegen die Menschenrechtskonvention. Und ob ihr es glaubt oder nicht, alle drei Urteile werden tatsächlich revidiert. Michelle erhält vom Berufungsgericht 30 Jahre statt lebenslang. Mit der Begründung, dass er erst 30 Jahre alt ist und zum ersten Mal straffällig wurde. Die Zeit, die er in U-Haft verbracht hat, die wird sogar noch von seiner Haftstrafe abgezogen. Sein Anwalt erklärt, dass Michel ein ähnliches Szenario schon einmal aus der Opferperspektive erlebt hat. Seinem Vater wurde nämlich bei einem bewaffneten Raubüberfall ebenfalls die Kehle durchgeschnitten.

Jamal erhält 18 statt 22 Jahre mit der Begründung, dass es nicht genügend Beweise dafür gibt, dass er wirklich Mittäter bei den Morden war. Seine Verurteilung für den Überfall auf das chinesische Restaurant und die anderen Anklagepunkte wie die Entführung und Fesselung von Thelma sowie Geldwäsche bleibt bestehen. Er wird auch dafür zur Verantwortung gezogen, Mishain bei den Opfern zurückgelassen zu haben, obwohl er ja gesehen hat, dass dieser bewaffnet war. Er hätte den beiden ja auch helfen können, argumentiert das Berufungsgericht. Jeremiah bekommt 25 statt 28 Jahre. Fünf von sechs Anklagepunkten bleiben gegen ihn bestehen, unter anderem die Beihilfe zum Mord, da er Mishain ja das zweite Messer aus der Küche gegeben hat, Freiheitsberaubung von Thelma und Geldwäsche.

Was ich ganz ehrlich überhaupt nicht verstehen kann. Ich würde von mir selbst zwar sagen, dass ich relativ viel Verständnis habe, wenn es um Urteile bei Kindern oder Jugendlichen oder psychisch labilen Persönlichkeiten als Tätern geht, aber dass wirklich alle drei Urteile revidiert wurden, das checke ich überhaupt gar nicht. Krass, ne? Absolut. Also besonders bei Michelle. Das Argument seines Anwalts ergibt für mich einfach null Sinn, dass er sowas aus der Opferperspektive ja schon mal erlebt hat. Das kann ich in dem Fall wirklich absolut nicht nachempfinden. Nee, null. Stell dir mal vor, dir passiert sowas, oder nicht mal dir, also innerhalb der Familie passiert sowas Schreckliches und du leidest darunter und dann tust du genau das aber einer anderen Familie an. Das ergibt für mich auch überhaupt gar keinen Sinn. Ich verstehe auch nicht meinen abschließenden Punkt dazu. Ich verstehe auch nicht, wir haben ja schon gehört, das soll so ein bisschen die Sicherheit wieder zurückbringen, dieses Urteil, dadurch, dass sowas nicht wieder passiert auf der Insel und dann wird einfach alles revidiert. Nee, da bin ich wirklich raus.

Mishain, Jeremiah und Jamal, die wurden von ihrem Verlangen nach Geld zu der Tat getrieben. Und gerade Mishain, der ja illegalerweise auf St. Martin lebt, der wird nicht leicht über die Runden gekommen sein. Und auch Jamal hat erklärt, in Geld sorgen zu sein. Also das scheint ja wirklich der Punkt gewesen zu sein. Und das Thema Armut möchten wir an der Stelle nochmal kurz aufgreifen. Denn während Kriminelle häufig ärmer sind, so darf man daraus natürlich nicht schlussfolgern, dass Armut immer auch die Wurzel für Kriminalität ist. Oder anders gesagt, Armut macht nicht immer automatisch Kriminelle. Dazu haben wir auch eine ganz interessante schwedische Studie von 2014 gefunden, zu der wir euch auch einen Artikel in den Shownotes verlinkt haben, falls euch das noch mehr interessiert. Und die Autoren in dieser Studie kommen darin zum Schluss, dass es vielmehr die Familiensituation als die Armut ist, die Kinder darin beeinflussen kann, straffällig zu werden. Natürlich sollte man auch da nie pauschalisieren, aber wir fanden es trotzdem spannend, diesen Gedanken mal mit euch zu teilen. Denn Geldnot ist ja immer mal wieder Thema in der schwarzen Akte. Wie aber sieht das Ganze jetzt in unserem Fall heute aus?

Alle drei Täter sind in Haft. Der Prozess ist vorbei. Aber die Familien von Thelma und Michael wollen nicht, dass der Mord an ihnen die letzte Erinnerung ist, die man an das Paar hat. Also setzen sie gemeinsam mit Topper und Melanie den Traum der beiden in Realität um. Dabei lassen sie keine Zeit verstreichen. Zwei Monate dauert es nur, bis in der neuen Rumfabrik die ersten Flaschen abgefüllt werden. Und tatsächlich schaffen sie es, Toppers Rum zu einem erfolgreichen Unternehmen hochzuziehen, das in den nächsten Jahren viele Preise gewinnen wird. Jede Flasche ziehen übrigens die Unterschriften von Michael und Topper als Andenken und als Erinnerung an den Ursprung von Toppers Rum. Warum die Unterschriften der beiden Frauen nicht drauf sind, erschließt sich uns allerdings nicht ganz. Zumal der ganze Erfolg ja auf Melanies Rezepten beruht. Aber wie auch immer, denn nicht nur die Rumfabrik bleibt als Vermächtnis von Thelma und Michael. Denn ihre Familie gründet eine Stiftung, die sich mit Teilen des Gewinns aus der Rumfabrik finanziert. Mit diesen Mitteln setzt sich die Stiftung für beeinträchtigte Kinder und misshandelte Frauen ein. Außerdem unterstützen sie Familien, deren Angehörigen im Ausland etwas passiert ist, indem sie zum Beispiel Arzt- und Gerichtskosten zahlt. Ja, und damit endet die Geschichte von Thelma und Michael, die von einem entspannten und sorgenfreien Leben auf St. Martin geträumt haben und am Ende vollkommen willkürlich ermordet wurden, weil sie das Licht haben brennen lassen.

Sie sind vollkommen zufällig zum Opfer geworden, denn es hätte auch jeden anderen treffen können, der sich zu der Zeit in dem Strandhaus befunden oder vielleicht im Nebenhaus befunden hätte. Das macht es für ihre Familie und Freunde wohl nicht unbedingt leichter, ihren Tod zu ertragen. Aber mit der Stiftung und der Rumpfabrik haben sie zumindest ein Andenken geschaffen, auf das Michael und Thelma ganz bestimmt auch stolz gewesen wären. Hast du noch abschließende Gedanken zum heutigen Fall? Ich glaube, ich habe alles dazu gesagt. Falls ihr aber noch auf Instagram mit uns darüber quatschen wollt, schreibt uns gerne. Wir heißen da Schwarze Akte. Und wenn euch der Podcast gefällt, dann kommt natürlich nächste Woche wieder zurück, immer dienstags und erzählt es auch gerne euren Freunden, Familie oder auch Kollegen. Und damit schließen wir die Akte für heute. Bis nächste Woche. Wir sind eure Hosts Anne Luppmann und Patrick Strobusch, Redaktion Silber Harnekamp und wir Schnitt Anne Luppmann Mit der Stimme von Pia Rona Sachse, Ausführender Produzent Falco Schulter Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios.

Music.