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Es ist der 31. Januar 2010. Kein gewöhnlicher Sonntag, sondern ein ganz besonderer Tag für den kleinen Joseph Junior. Schon seit dem frühen Morgen ist er wach und ganz aufgeregt, denn er merkt, dass sich heute alles um ihn drehen wird. Drei Kerzen brennen auf dem Kuchen vor ihm, die er gleich auspusten darf. Große Luftballons und bunte Gelanden schmücken den Raum und Joseph Junior freut sich schon darauf, gleich die neuen Spielsachen auszuprobieren, die er eben aus dem Geschenkpapier gerissen hat. Sein vierjähriger Bruder Gianni darf vielleicht auch mal mit seinem neuen Spieltag spielen. Vater Joseph und Mutter Summer stimmen ein Geburtstagsständchen an. Sie singen gemeinsam laut den Happy Birthday Song, denn ihr jüngster Sohn wird heute drei Jahre alt. Den ganzen Tag lang wird gefeiert, gespielt und viel zu viel Kuchen gegessen. Noch ahnt die Familie nicht, dass der Geburtstagstisch im nächsten Jahr leer bleiben wird.
Und damit begrüßen wir euch zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte. Ich bin Anne Lukmann. Und ich bin Patrick Strohbusch. Und bevor es gleich losgeht, hier eine kleine Info. Denn alle Archivfolgen sind seit Samstag, dem 23. September, online. Das heißt, dass wir ab jetzt also wieder in unserem normalen Sendeplan sind, wenn man das denn so nennen möchte. Und es gibt jeden Dienstag eine neue Folge der schwarzen Akte überall, wo es Podcasts gibt. Der heutige Fall der Folge führt uns gar nicht so weit zurück in die Vergangenheit, nämlich ins Jahr 2010. Und ich denke, jeder von uns hat zugleich ein paar Assoziationen im Kopf, wenn er oder sie an das Jahr zurückdenkt. Patrick, was sind deine?
2010 war ich elf und dadurch, dass ich auch noch vergesslich bin, habe ich meine Eltern gefragt, was wir da gemacht haben. Und scheinbar waren wir an der Ostsee und haben den Geburtstag meiner Mom gefeiert, also hier an der Stelle schon mal. Schöne Grüße, weil ich weiß auch, dass sie immer zuhört. Und im Herbst ging es dann wohl nach Ägypten. Was stand bei dir an? Für mich war das ein ganz wichtiges Jahr 2010, weil das war das Jahr, in dem ich Abitur gemacht habe und nach Berlin gezogen bin. Also wirklich aus einer, ja, Kleinstadt. Meine Familie verbietet mir immer das Wort Dorf zu sagen, deswegen sage ich Kleinstadt. Ja, in die größte Stadt des Landes. Deswegen war das für mich ein ganz besonderes und prägendes Jahr. Und prägend ist hier eigentlich auch schon das richtige Stichwort, denn das Jahr 2010 wird auch ziemlich bedeutsam für die Familie des heutigen Falls.
Wir befinden uns in Fallbrook, einer Stadt im San Diego County im US-Bundesstaat Kalifornien. Hier leben um die 30.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Fallbrook ist vor allem für den Avocado-Anbau bekannt und wird daher auch die Avocado-Hauptstadt der Welt genannt. Auf seiner Webseite wird es als freundliches Dorf beschrieben und liegt ungefähr 30 Kilometer von der Pazifikküste entfernt. Und ich finde es ein bisschen witzig, dass auf der Website von einem freundlichen Dorf gesprochen wird, wenn Fallbrook ja eigentlich 30.000 Einwohnerinnen und Einwohner hat, aber gut, wir zitieren nur. Jedenfalls sind Joseph und Summer erst kürzlich mit ihren beiden Söhnen hierher gezogen, denn sie haben das Haus in der Avocado Vista Lane bei einer Zwangsversteigerung gekauft, für 320.000 Dollar. Das zweistöckige Haus mit fünf Zimmern liegt in einer ruhigen Sackgasse unter einem Berg voller Avocado-Bäume.
Das hier ist eine typische kalifornische Wohnsiedlung mit stuckverzierten Häusern, mit roten Ziegeldächern und grünem Rasen im Garten. Joseph und Summer haben in den letzten Wochen einiges am Haus verändert. Sie haben zum Beispiel der Küche neue Arbeitsplatten und neue Küchengeräte verpasst, sie haben die Wände gestrichen und neue Holzböden verlegt. Ihr Plan ist es, dieses Haus später wieder mit großem Gewinn zu verkaufen, um dann ein neues Haus am Strand kaufen zu können. Aktuell ist das finanziell leider keine Option, aber Joseph ist ein begeisterter Surfer und wünscht es sich sehr, irgendwann mal am Meer leben zu können.
Ein paar Tage nach Joseph Juniors dritten Geburtstag, dem 4. Februar 2010, ist der Tag gekommen, der das Leben der Familie für immer verändern wird. Doch zunächst beginnt dieser Donnerstag erstmal wie jeder andere auch. Der 40-jährige Joseph startet seinen Tag mit geschäftlichen Telefonaten. Er hat ein eigenes Unternehmen, Earth Inspired Products. Er stellt Dekobrunnen mit Wasserspielen her und installiert individuelle Wasserfontänen. Diese kosten teilweise bis zu 200.000 Dollar. Joseph kümmert sich um den Verkauf, den Kundenservice, die Preisgestaltung und die Beschaffung der Materialien. Seine Frau Summer ist gelernte Immobilienmaklerin, kümmert sich aber aktuell um die Kinder zu Hause. Kurz vor 11 Uhr ist Joseph schon auf dem Weg nach Rancho Cucamonga zu einem Termin mit seinem Geschäftspartner Chase. Sie wollen beim Mittagessen über den Auftrag eines saudischen Ehepaars sprechen. Die Fahrt dorthin dauert über eine Stunde und daher nutzt Joseph die Zeit und telefoniert mit seinem Vater Patrick. Sie sprechen über die Renovierungsarbeiten im Haus und über neue Aufträge, die Josephs Firma reinbekommen hat. Summer, die Kinder und ihre beiden Hunde, die heißen Bear und Digger, die sind währenddessen zu Hause.
Summer kümmert sich um die letzten Kleinigkeiten für die Geburtstagsparty von Joseph Junior, die ja übermorgen steigen soll. Zwischendurch telefoniert sie mit ihrer Schwester Tracy, die gerade ein Baby bekommen hat. Die Schwestern schmieden Pläne für einen Besuch, irgendwann nächste Woche, um das neueste Familienmitglied kennenzulernen. Am Nachmittag fährt Summer nach Vista und kauft dort für 66 Dollar Strandtücher, Schlafanzüge für Kleinkinder und eine Jacke in einem Bekleidungsgeschäft. Zur gleichen Zeit sitzt Joseph schon wieder im Auto auf dem Rückweg nach Fallbrook. Wieder zu Hause recherchiert Summer im Internet nach homöopathischen Medikamenten zur Wutbewältigung, googelt nach Kinderspielzeug und besucht die Webseite von Animal Planet. Ein ganz normaler Donnerstag also. So scheint es zumindest. Werbung Werbung Ende.
Ein paar Tage vergehen, bis sich ein Mann bei der Polizei meldet. Der Anrufer heißt Dan und Dan betreibt die Website für Josephs Unternehmen Earth-Inspired Products. Und er kann Joseph schon seit ein paar Tagen nicht erreichen. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise gibt es keine so lange Funkstille zwischen den beiden. Er macht sich Sorgen und möchte, dass sich mal jemand beim Haus der Familie umschaut. Er selbst lebt auf Hawaii und kann daher nicht mal ebenso schnell vorbeifahren. Am 10. Februar macht sich also ein Polizist auf den Weg in die Avocado Vista Lane, zum Haus der Familie. Da scheint aber niemand zu Hause zu sein. Aber der Polizist kann auch nichts Verdächtiges feststellen. Mittlerweile macht sich aber auch Josephs Familie Sorgen, denn Bruder Michael und Vater Patrick können Joseph nicht erreichen. Die beruhigen sich mit dem Gedanken, dass die Familie ja vielleicht auch einfach nur einen spontanen Kurztrip unternommen hat, denn genau das machen sie hin und wieder mal.
Drei Tage später macht sich Josephs Bruder aber selbst auf den Weg nach Forbrook. Auch auf sein Klingeln öffnet niemand die Tür. Im Haus selbst ist es still. Nachdem er den Weg auf sich genommen hat, kann Michael es nicht ertragen, einfach wieder nach Hause zu fahren. Er umrandet das Haus und verschafft sich Zugang ins Innere, indem er durch ein offenes Fenster im hinteren Bereich klettert. Ein ungutes Gefühl macht sich in ihm breit und er hat Angst davor, was ihn erwarten könnte. Aber nichts. Niemand ist da. Das Einzige, was er vorfindet, sind die beiden Hunde, die im Hinterhof herumlaufen. Das Futter für die Tiere steht noch auf der Küchentheke. Komisch, denkt er. Haben Summer und Joseph vielleicht in Eile vergessen, die Tiere zu füttern? Am 15. Februar, zwei Tage nach seinem Einstieg ins Haus, ruft Bruder Michael das San Diego County Sheriff's Department an. Er meldet die Familie als vermisst, weil er immer noch niemanden erreichen kann. Die Ermittler nehmen sich das Grundstück der Familie nun also erneut vor. Dieses Mal schauen sie aber genauer hin und befragen Nachbarn. Einer der Nachbarn hat eine Überwachungskamera angebracht, die auch bestimmte Teile des Familiengrundstücks einschließt und die Ermittler schauen sich jetzt also das Videomaterial dieser Kamera an und können tatsächlich auch etwas Interessantes feststellen.
Am 4. Februar, dem vermeintlich ganz normalen Donnerstag, da ist um 19.47 Uhr ein Fahrzeug zu sehen. Zwar nur die unteren 18 cm eines Fahrzeugs, aber trotzdem ist sichtbar, dass hier ein weißer Truck vom Grundstück fährt. Die Ermittler nehmen an, dass es sich um den weißen Trooper der Familie handelt. Leider ist auf dem Videomaterial aber nicht zu erkennen, wer sich im Auto befindet.
Am selben Tag, ca. 40 Minuten später, um 20.28 Uhr, geht ein Anruf von Josephs Handy ab. Und zwar an einen Geschäftspartner und engen Freund der Familie, Chase. Den Namen habt ihr heute schon mal gehört, denn Joseph und Chase haben an diesem Tag ja gemeinsam Mittag gegessen und einen Auftrag besprochen. Chase ist aber nicht ans Telefon gegangen. Er habe sich gerade einen Film mit seiner Freundin angesehen und hatte keine Lust ranzugehen, wie er später der Polizei erzählt.
Ein folgenschwerer Fehler. Es könnte sich natürlich um einen rein geschäftlichen Anruf gehandelt haben, aber genauso gut hätte es ein Hilferuf sein können. Danach gibt es kein Lebenszeichen der Familie mehr. Keine Anrufe, keine E-Mails und auch keine SMS. Keine Kreditkartenabbuchungen, keine Abhebungen am Geldautomaten, keine bestätigten Sichtungen. Am 19. Februar 2010 schauen sich die Ermittler nun im Haus der Familie um. Nachdem sie einen Durchsuchungsbeschluss bekommen haben. Alles sieht soweit normal aus, es gibt keine Hinweise auf einen Kampf oder auf ein Verbrechen. Alles, was sie finden, sind höchstens Anzeichen für eine überstürzte Abreise. Sie finden eine Packung Eier und eine verfaulte Banane auf dem Tresen. Zwei kleine Schüssel mit Popcornresten stehen auf dem Sofa. Und ja, das hätte man vielleicht weggeräumt, wenn man plant, das Zuhause länger zu verlassen. Es sieht so aus, als hätten sie es eilig gehabt und diese Dinge daher stehen gelassen. Die Beamten nehmen zwei Computer mit und schauen sich die mal genauer an.
Einen Tag später ruft Bruder Michael eine Webseite ins Leben, um Updates zu geben und Informationen zu sammeln. Drei Tage später benachrichtigen die Ermittler auch Interpol, um nach der Familie Ausschau zu halten.
Das forensische Labor des FBI hat mittlerweile interessante Sucheinträge auf den Computern gefunden, nämlich vom 27. Januar, acht Tage vor dem Verschwinden der Familie. Die Ermittler bleiben bei zwei bestimmten Sucheingaben hängen, Nämlich, welche Dokumente brauchen Kinder für eine Reise nach Mexiko und Spanischunterricht. Laut Familienangehörigen hatten Joseph und Summer aber gar nicht vor, nach Mexiko zu reisen. Haben sie das bisher einfach verschwiegen oder kurzfristig Pläne gemacht?
Follbrook ist ungefähr eine Autostunde Fahrt von Tijuana, Mexiko entfernt. Dort kommt man schnell über die Grenze. Und mit diesem ersten Ansatz erfahren die Ermittler schnell, dass das Auto der Familie am 8. Februar, also vier Tage nach dem Verschwinden, dort nachts von einem Parkplatz abgeschleppt wurde. Dieser Parkplatz liegt in der Nähe eines Einkaufszentrums, in der Nähe der mexikanischen Grenze. Die Parkplatzwächter vermuten, dass der weiße Truck der Familie zwischen 17 und 17.30 Uhr dort geparkt wurde. Sie haben das Fahrzeug erst nach Einbruch der Dunkelheit bemerkt und ließen es gegen 23 Uhr abschleppen. Die Ermittler nehmen das Fahrzeug also mal genauer unter die Lupe. Das Auto ist verschlossen und sie müssen sich erst Zugang dazu verschaffen. Die sichergestellten Fingerabdrücke stimmen mit denen der Familie überein. Sie finden außerdem zwei Kindersitze, neue, noch verpackte Spielsachen auf dem Rücksitz sowie Asthma-Medikamente in einem Plastikbeutel auf dem Boden des Fahrzeugs. Wo sich das Auto vier Tage lang zwischen dem Tag des Verschwindens und dem Tag des Abschleppens befand, ist unklar.
Die Familien von Joseph und Summer können sich das auch nicht erklären. Die Angst und die Unruhe werden immer größer. Was macht ihr Auto dort an der Grenze? Und wo ist die Familie selbst? Einfach so verschwunden, ohne ein Wort? Das können sie sich nicht vorstellen. Da das Auto in der Nähe Mexikos gefunden wurde, schauen sich die Ermittler das Videomaterial an, das die Grenzkameras am Fußgängertor aufgezeichnet haben. Das könnt ihr übrigens auch selbst tun, denn wir haben euch dieses YouTube-Video mal in den Shownotes verlinkt. Vom Parkplatz aus, auf dem das Auto der Familie abgestellt wurde, bis zum Fußgängertor nach Mexiko, ist es nur ein kurzer Spaziergang. Freiwillige Mitarbeiter des Nationalen Zentrums für vermisste und ausgebeutete Kinder sichten stundenlang das Material. Tausende Menschen gehen über die Grenze und dann, mit dem Zeitstempel 19 Uhr, entdecken sie plötzlich etwas. Eine vierköpfige Familie, die Joseph, Summer und den Kindern ähnelt, überquert die Grenze. Jeder Erwachsene hält die Hand eines Kindes. Die Frau trägt Uckboots und eine weiße, pelzgefütterte Jacke. So eine, wie Summer sie besitzt. Die Frau trägt eine kleine Tasche über der Schulter. Der Mann hält in seiner freien Hand eine kleine Einkaufstüte aus Plastik. Die Videoaufnahme ist sehr körnig und dunkel und man sieht die Menschen nur von hinten. Aber könnte das wirklich die vermisste Familie sein? Die Ermittler verteilen Flugblätter und bitten die mexikanischen Behörden um Mithilfe.
Am 5. März, einen Monat nach dem Verschwinden und nach wie vor ohne Kontakt zur Familie, da wird das Überwachungsvideo der mexikanischen Grenze für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ende März steigt dann auch das FBI mit in die Ermittlung ein und zweieinhalb Monate später wird der Fall der Familie bei America's Most Wanted gezeigt.
Bei den meisten vermissten Fällen handelt es sich um Kinder. Wenn erwachsene Personen vermisst werden, dann erhalten sie von der Polizei eher weniger Aufmerksamkeit. Es ist schließlich nicht illegal, dass Erwachsene untertauchen, ihre Kinder mitnehmen und es niemandem sagen. Und die Wahrscheinlichkeit, als vermisste Person gefunden zu werden, die sinkt aber mit jedem Tag, mit jeder Woche und jedem Monat, der vergeht.
Bevor wir uns zwei Theorien widmen, was hier passiert sein könnte, schauen wir uns aber vorher nochmal das Leben von Joseph und Summer genauer an. Joseph wurde 1969 geboren. Seine Mutter Susan hat da gerade erst die Highschool abgeschlossen. Kurz danach hat sie sich von Josephs Vater getrennt und mit ihrem neuen Mann Patrick einen weiteren Sohn bekommen, nämlich Josephs jüngeren Bruder Michael, den wir ja auch schon erwähnt haben heute. Joseph und sein Bruder sind eng miteinander aufgewachsen, und haben stets aufeinander aufgepasst. Susans zweiter Mann Patrick hat Joseph dann adoptiert, als der noch ein kleines Kind war. Aber nur wenige Jahre später, da ist Joseph sechs Jahre alt, lassen sich seine Mutter und Vater Patrick schon wieder scheiden. Sie zieht mit den Söhnen nach Dallas, Texas. Vater Patrick zieht nach Houston, auch in Texas. Diese Zeit war ziemlich hart für den kleinen Joseph, weil sein Vater plötzlich nicht mehr bei ihnen lebt. Das bedeutet, dass es schon zwei Vaterfiguren gibt, die plötzlich nicht mehr präsent sind. Sein biologischer Vater und sein Adoptivvater. Als Teenager ist Joseph oft mit seiner Mutter aneinandergeraten und zieht daher zu Vater Patrick.
Mit 23 Jahren heiratet er Heather, bekommt mit ihr vier Jahre später Sohn Jonah. Joseph hat schon immer hart gearbeitet. Er hatte verschiedene Jobs, unter anderem in der Dienstleistungsbranche. Seinen beruflichen Ehrgeiz haben die Menschen schon immer sehr an ihm geschätzt. Nach der Hochzeit mit Heather startet Joseph damit, kleine Wasserspiele, also so eine Art Mini-Springbrunnen in der Garage zu designen. Als Heather dann wieder schwanger wird, zerbricht die Ehe der beiden allerdings. Denn das Kind ist von einem anderen Mann. Heather hat nämlich schon seit Monaten eine Affäre, so schreibt es Vater Patrick in seinem Buch, das er über die Geschichte der Familie verfasst hat. Auf dieses Buch beziehen wir uns heute öfter und verlinken das auch in den Shownotes. Und was macht Joseph? Der gibt sich selbst die Schuld am Aus ihrer Ehe, weil er so viel gearbeitet hat. Er hat Heather sogar noch angeboten, das Kind gemeinsam mit ihr großzuziehen. Er würde es wie sein eigenes Kind behandeln. Aber Heather verlässt ihn.
Vater Patrick schreibt in seinem Buch, dass Joseph ein höflicher und fürsörglicher Mann ist. Er ist großzügig, liebenswert, erfolgreich und gut aussehend. Er schreibt weiter, dass Joseph den Menschen zu schnell vertraut hat und deren böse Absichten oft nicht erkannt hat. Ob ihm genau das zum Verhängnis geworden ist? Joseph zieht nach dem Ende seiner Ehe mit seiner Mutter und mit Freunden zusammen. Eine sehr depressive Phase, in der er sich immer mehr zurückzieht. Doch dann stellt ihm ein Freund im Sommer 2004 eine ganz besondere Frau vor, nämlich Summer. Summer wurde 1966 als Virginia Lisa Aranda geboren, wird aber von allen nur Summer genannt. Vater Patrick beschreibt sie als lustig, großzügig, clever und stark. Sie ist eine tolle Mutter, äußerst beschützerisch, wenn es um ihre Kinder geht, aber auch rechthaberisch. Laut ihm braucht sein Sohn aber eine Frau, die ihm auch mal Kontra gibt und ihn zur Höchstleistung antreibt. Ein Freund beschreibt Summer als ein cooles Hippie-Mädchen, das aber auch ein bisschen wie Mrs. Jekyll and Hyde ist, temperamentvoll und schnell aufgebracht. Summer wurde von einer jungen, alleinerziehenden Mutter in Chicago aufgezogen und hat noch zwei jüngere Geschwister.
Sie war gut in der Schule. Als junge Frau hat Summer ihr eigenes Business gestartet und als Maklerin gearbeitet, stets auf ihre Ziele fokussiert. Ihre Schwester beschreibt sie als freundliche Person, als hilfsbereit und vorsichtig, aber auch lustig, charmant und albern. Josephs Vater schreibt, dass sie kein enges Verhältnis zu ihrer Mutter oder ihrem biologischen Vater hat. Summer hat sogar einen eigenen Ordner in ihrem Mailpostfach, den sie Kommunikationsversagen nennt und hier immer wieder bestimmte Mails ihrer Mutter und ihrer Geschwister reinschiebt. Ein Jahr nach ihrem Kennenlernen bekommen Summer und Joseph Sohn Gianni. Eineinhalb Jahre später folgt Joseph Junior. Im selben Jahr, am 10. November 2007, heiraten die beiden. Zwar wollte Summer ihre Mutter und ihre Geschwister nicht dabei haben, aber ihr persönliches Familienglück ist damit perfekt. Eine Freundin erzählt gegenüber der LA Times, dass die vier sehr glücklich waren.
Geschäftspartner Chase erzählt gegenüber CNN, dass Joseph keine Feinde hatte. Ganz im Gegenteil, er war sehr beliebt. Nicht nur Chase, sondern auch viele Freunde und Verwandte helfen bei der Suche nach der vierköpfigen Familie. Und wie das immer so ist, wenn etwas Mysteriöses passiert und Menschen plötzlich verschwinden, dann dauert es gar nicht lange, bis a Hobby-Detektive anfängt zu spekulieren. Vor allem die Umstände des Verschwindens und die fehlenden Hinweise auf ihren Verbleib treiben sie an. Der Fall nimmt im Internet seinen Lauf, weil es offiziell zu wenig Antworten auf zu viele Fragen gibt. Die Faszination der Internet-Detektive wächst damit jeden Tag. Widmen wir uns zuerst der absurdesten Theorie, die von einem amerikanischen Radiomoderator befeuert wird. Der heißt Rick und lebt zur Zeit des Verschwindens 2010 ebenfalls in Fallbrook. Er interviewt Josephs Bruder Michael für seine Radiosendung und beginnt deswegen, sich näher mit dem Fall zu beschäftigen und sogar ein Buch darüber zu schreiben. No Goodbyes, the mysterious disappearance of the McStay Family. Und was er darin schreibt, ist wirklich abenteuerlich und gefällt Freunden und Angehörigen der verschwundenen Familie überhaupt nicht. Josephs Vater nennt Rick in seinem Buch konsequent nur den Boulevard-Zeitungstrottel. Doch was genau schreibt er denn jetzt eigentlich?
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Zunächst einmal führt er unzählige Interviews zu dem Fall. Er reist dafür nach Mexiko, nach Haiti und in die Dominikanische Republik. Er verfolgt Spuren und berichtet von angeblichen Sichtungen der Familie. Sein Buch basiert auf privaten E-Mails und anderen Aufzeichnungen, die er nach eigenen Angaben von Bürgerinitiativen erhalten habe. Und jetzt kommt's. Rick spekuliert in seinem Buch, dass Mutter Summer die Familie ermordet haben könnte. Er stellt sie als hitzköpfig, als manipulativ und rachsüchtig dar. Er glaubt, dass Summer ihrem Mann etwas angetan habe. Aber er hat überhaupt gar keine Beweise dafür. Und trotzdem stellt er diese Behauptung auf und gibt sie damit ja auch an die Öffentlichkeit heraus. Was für ein Schlag für Familie und Freunde. Rick stützt seine eigene Untersuchung auf hunderte persönliche E-Mails, die zeigen sollen, dass Summer und Joseph Probleme hatten und dass ihre Beziehung, in seinen Worten, kurz davor stand, zu explodieren. Wie er daraus schließt, dass sie ihn ermordet hat, verstehen wir auch nicht ganz. Summers Schwester findet dafür eindeutige Worte und sagt gegenüber einer Zeitung, wir haben genug gelitten und das macht es nur noch schwieriger. Es werden so viele schreckliche Dinge gesagt und sie haben meine Schwester zu dieser schrecklichen Person gemacht. Jeder hat Charakterfehler, aber sie auf diese Weise anzugreifen, wenn sie nicht hier ist, um sich zu verteidigen, ist so verletzend.
Die zweite Theorie, die das Verschwinden der Familie erklären könnte, die ist da schon schlüssiger. Denn wiederum andere, wie der Sheriff vom San Diego Sheriff's Department, die spekulieren, dass die Familie freiwillig nach Mexiko ausgereist ist. Viele Menschen melden, dass sie die Familie dort gesehen haben wollen, und das weckt natürlich Hoffnung bei den Angehörigen, dass die vier noch leben und freiwillig untergetaucht sein könnten. So wollen zum Beispiel eine Frau und ihre Tochter die Familie am 30. März bei einem Walmart in Merida in Mexiko gesehen haben. Ein Kellner berichtet, die Familie im Mai 2010, also gut zwei Monate später, in einem mexikanischen Restaurant bedient zu haben. Er kann sich noch an den kleinen Jungen mit dem Muttermal auf der Stirn erinnern. Genau so ein Muttermal, wie der kleine Joseph es hat. Eine andere Zeugin glaubt, dass sie Summer bei einem Ikea in Burbank, allerdings wieder Kalifornien gesehen hat. Aber keine der Sichtungen kann eindeutig bewiesen werden. Die Aufnahmen der Überwachungskamera des mexikanischen Wormats zum Beispiel sind so grobkörnig, dass da nicht wirklich viel zu erkennen ist. Vater Patrick erinnert sich, dass Joseph manchmal Materialien für sein Unternehmen im Ausland gekauft hat. Aber er hat eigentlich nichts von Mexiko erwähnt.
Mutter Susan erzählt, dass Joseph wohl zuletzt mit extremen Schwindel zu kämpfen hatte. Er hat in den Monaten vor seinem Verschwinden mehrere Ärzte in der Umgebung aufgesucht. Die Familie denkt in alle Richtungen und vermutet, dass er in Mexiko Ärzte aufgesucht haben könnte und seine Familie nicht unnötig beunruhigen wollte. Aber wie sie es auch drehen und wenden. Niemand kann eine Erklärung oder ein Motiv finden, das irgendeinen Sinn ergibt. Wir haben euch ja vorhin schon von diesem Video erzählt, das an der mexikanischen Grenze am Fußgängertor aufgenommen wurde. Denn das wird jetzt nochmal interessant.
Josephs Bruder und Samas Mutter bezweifeln nämlich, dass es sich bei den Personen um die vierköpfige Familie handelt, denn der Mann auf dem Video wäre zu groß und zu schlank für Josephs Statur. Auch Josephs Vater Patrick sagt gegenüber The Times, Mein Sohn ist nicht weggegangen. Sie sind nicht zu Fuß nach Mexiko gegangen. Das würden sie niemals tun. Und dann ist da ja noch Josephs Sohn aus erster Ehe, Jonah. Die haben ein sehr gutes Verhältnis. Also warum sollte er seinen ältesten Sohn im Stich lassen?
Ein ausschlaggebender Punkt sind die Sicherheitsbedingungen, die in Mexiko nicht besonders hoch sind. Freunde von Summer sagen, dass sie ihre Kinder niemals den Gefahren in Mexiko ausgesetzt hätte. Außerdem sei auch Summers Reisepass abgelaufen. laufen. Zwar ist es für US-Bürgerinnen und Bürger möglich, auch ohne Reisepass nach Mexiko einzureisen, aber spätestens für die Wiedereinreise in die USA braucht man einen gültigen Reisepass. Die Fragen brechen nicht ab. Warum sollte Joseph sein erfolgreiches Business aufgeben? Laut seinem Geschäftspartner Chase steht ein neues Projekt mit 500 Wasserfällen in Aussicht, also so Installationen mit Wasser, wie man sie vielleicht in Hotels schon mal gesehen hat. Jeder Einzelne würde für mindestens 17.000 US-Dollar verkauft werden. Insgesamt also 8,5 Millionen US-Dollar. Diese Chance lässt man sich doch nicht entgehen. Außerdem sind sie doch gerade erst in das Haus in der Avocado Vista Lane eingezogen. Haben die letzten zwei Monate damit verbracht, Farben und Materialien fürs Haus auszusuchen. Außerdem hat die Familie mehr als 100.000 US-Dollar auf Bankkonten, aber vor Aufbruch gar kein Bargeld abgeholt und auch nichts davon angerührt.
Wie sollen sie denn in Mexiko ihren Lebensunterhalt finanzieren? Warum hätte Summer am Tag des Verschwindens noch Pläne mit ihrer Schwester am Telefon schmieden sollen? Warum hätte Summer noch den Kindergeburtstag von dem kleinen Joseph planen sollen? Warum haben sie ihre geliebten Hunde ohne Nahrung und Wasser zurückgelassen? Patrick beschreibt seinen Sohn als einen familienfreundlichen Menschen, der seinen Liebsten sowas niemals antun würde. Die Familie ist also überzeugt. Sie sind nicht freiwillig verschwunden. Die Ermittler sind ebenfalls der Ansicht, dass sie zwar vielleicht freiwillig nach Mexiko gereist sind, ihnen dann aber etwas Schlimmes passiert ist. Das würde erklären, warum es kein Lebenszeichen mehr gibt. Was allerdings offen bleibt, ist die Frage, warum zwischen dem Tag des Verschwindens und der vermeintlichen Einreise nach Mexiko, wenn man dem Grenzvideo glaubt, vier Tage liegen. Was ist in diesen vier Tagen passiert? Die Ermittler stecken viel Zeit und Energie in die Suche nach der Familie. Aber nichts. Keine Beweise, die auf ein Verbrechen hindeuten. Aber es gibt dennoch einige Ungereimtheiten vom Tag des Verschwindens. Und zwar hat Summer ja noch am Nachmittag des 4. Februars ein paar Dinge in einem Bekleidungsgeschäft gekauft und diese mit ihrer Karte bezahlt. Diesen Einkauf hat allerdings keine Überwachungskamera gefilmt. Lediglich die Kreditkartenabrechnung und eine digitale Unterschrift belegen den Einkauf.
Familienangehörige behaupten, dass das aber gar nicht Summers Unterschrift ist, die auf dem digitalen Beleg zu sehen ist. Und dann ist da noch die Sache mit den Telefonanrufen. Joseph checkt gegen 14.30 Uhr am Tag des Verschwindens seine Mailbox, zweimal hintereinander. Um 16.25 Uhr gibt es einen Anruf vom Haustelefon der Familie auf sein Handy. Dieser Anruf ist aber nicht auf seinen Telefonaufzeichnungen gelistet, auf die sein Vater später Zugriff bekommt. Um 17.05 Uhr wird eine Nachricht von Summers Handy an Josephs Handy geschickt. Diese Nachricht wird auf seinem Handy aber erst 42 Minuten später empfangen. Um 17.47 Uhr. Es wird vermutet, dass der Akku seines Handys leer war. Oder dass er es ausgeschaltet hat, nachdem er seine Mailbox abgehört hat. Vielleicht wollte er kurz nicht erreichbar sein. Aber wenn dem so war, warum nicht? Monate vergehen, ohne dass jemand etwas von der Familie hört. Dann vergehen sogar Jahre.
Drei lange Jahre ist es jetzt schon her, in denen Angehörige und Freunde jedes denkbare Szenario durchgehen. Immer und immer wieder. Voller Hoffnung und Zuversicht und gleichzeitig aber auch Angst und Panik, dass der schlimmste Fall eintreten könnte. Noch dazu die vielen Spekulationen aus dem Umkreis und im Internet. Josephs Mutter Susan schickt übrigens immer noch Mails an seine Mailadresse, um ihn für alle Fälle auf dem Laufenden zu halten. Aber sie bekommt keine Antworten. Summers Mutter hat jedes Mal Sorge, wenn es kälter wird, weil die Familie vielleicht irgendwo da draußen ist und nicht genug warme Kleidung bei sich hat. Josers Bruder Michael erhält dann plötzlich einen Anruf vom leitenden Ermittler. Er fragt Michael, ob sich sein Bruder schon mal etwas gebrochen hätte.
Michaels Herz beginnt in diesem Moment wie wild zu pochen, weil er ganz genau weiß, warum der Ermittler ihn so etwas fragt. Sie haben eine Leiche gefunden. Aber nein, Joseph hat sich noch nie etwas gebrochen. Damit kann die unbekannte Leiche nicht die seines Bruders sein. Die Erleichterung darüber ist groß, aber gleichzeitig bedeutet das, dass das Warten weitergeht. Michael sagt in der The San Diego Union Tribune, es fühlt sich so an, wie mit einem gebrochenen Herzen zu leben. In der Avocado Vista Lane, ganz am Ende in der Sackgasse, lebt mittlerweile übrigens schon eine neue Familie. Das Haus wurde nämlich nach dem Verschwinden zwangsversteigert. Und dann kommt der 11. November 2013. Ein Offroad-Motorradfahrer ist an diesem Tag in der Wüste in der Nähe von Victorville in Kalifornien unterwegs. Es ist eine sehr abgelegene Gegend, mehr als 240 Kilometer von der Grenze zwischen den USA und Mexiko und ungefähr 160 Kilometer nördlich des Hauses der Familie. Da findet der Biker etwas, das wie ein Teil eines menschlichen Schädels aussieht. Aber er findet nicht nur das. Forensische Ermittler arbeiten Tag und Nacht daran, die zwei flachen Grabstätten mit zahlreichen menschlichen Überresten freizulegen. Am 13. November, zwei Tage nachdem der Biker die Gräber gefunden hat, kommen die Ermittler zu dem Schluss, dass sich die Überreste von vier Personen darin befinden.
Zahnärztliche Unterlagen liefern letztendlich die finalen Ergebnisse. Am 15. November 2013 werden die Leichenteile offiziell als die von Joseph und Summer identifiziert. Die Ermittler gehen davon aus, dass die anderen zwei Leichen die der beiden Kinder sind. Nach drei langen Jahren des Hoffens und Bangens ist das natürlich ein riesiger Schock. Hinzu kommt, womit man erstmal fertig werden muss, dass die Todesfälle als Tötungsdelikte eingestuft werden. Die Ermittler haben bei den Überresten auch Kleidung gefunden. Eine konkrete Beschreibung oder weitere Angaben dazu werden aber nicht veröffentlicht. Auf Nachfragen der LA Times heißt es nur, dass es Beweise am Tatort gibt. Die helfen werden, die Ermittlungen abzuschließen. Eine Autopsie ergibt, dass alle vier Opfer mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen worden sind. Die Ermittler glauben, dass die Mordwaffe ein schwerer Vorschlaghammer gewesen sein muss, über ein Kilogramm schwer. Denn genau so ein Vorschlaghammer wurde im Grab gefunden, in dem die Überreste von Summer und ihrem Sohn lagen.
Die Behörden von San Bernardino County geben an, dass sie davon ausgehen, dass die Familie durch stumpfe Gewalteinwirkung noch in ihrem Haus gestorben ist. Einzelheiten dazu halten sie jedoch zurück. Josephs Vater Patrick sagt gegenüber CNN, dass die Tatsache, dass die Kinder zusammen mit ihren Eltern getötet wurden, zwei Möglichkeiten nahelege. Er sagt, es musste ein rücksichtsloser, kaltblütiger Mörder sein, der damit seinen Lebensunterhalt verdiente. Oder es musste jemand sein, den die Jungs kannten und hätten identifizieren können. Josephs Geschäftspartner Chase sagt gegenüber der Daily Mail, jetzt haben sich die Dinge geändert. Es geht nicht darum, sie zu finden. Es geht darum, die Leute zu finden, die das getan haben. Und wenn irgendetwas, was ich sage, dabei helfen kann, jemandes Gedächtnis aufzufrischen oder einen Hinweis zu geben, dann bin ich glücklich.
Gegenüber CNN sagt er außerdem noch, ich habe absolut keine Ahnung, wie die Familie getötet wurde. Wenn ich raten müsste, würde ich denken, dass es wahrscheinlich ein Zufall war. Und diese Aussagen sind sehr interessant, denn Josephs Geschäftspartner Chase geriet plötzlich selbst in den Fokus der Ermittlungen. Er ist die letzte bekannte Person, die Kontakt zu Joseph hatte, nämlich beim gemeinsamen Mittagessen. Und er ist die letzte Person, die Joseph von seinem Handy aus am Abend angerufen hat. An sich ist das ja erstmal kein Beweis für einen oder sogar mehrere Morder. Daher lasst uns Chase und seine Vergangenheit mal genauer unter die Lupe nehmen.
Laut staatlichen Unterlagen wurde er schon wegen Einbruchs und Hehlerei verurteilt, zuletzt 2001 wegen Diebstahls von Schweiß- und Bohrausrüstung im Wert von 32.000 US-Dollar. In einem exklusiven Interview mit CNN erzählt er, dass er einen Lügendetektortest im Falle des Verschwindens gemacht und den wohl bestanden habe. Denn danach haben sich die Strafverfolgungsbehörden nicht mehr bei ihm gemeldet. Er erzählt weiter, dass er sich nicht daran erinnern könne, dass die Polizei ihn direkt gefragt hätte, ob er die Familie getötet habe. Chase und Joseph lernen sich 2007 im beruflichen Kontext kennen. Chase ist gute zehn Jahre älter als Joseph und er hat langjährige Erfahrungen im Schweißen von Metallteilen und schon einige Wasserspielinstallationen für andere Unternehmen gebaut. Sie würden sich gut ergänzen. Chase soll die Herstellung und den Versand in Zusammenarbeit mit Joseph übernehmen.
Die beiden freuten sich an, die spielen hin und wieder Paintball, essen manchmal gemeinsam zu Abend und telefonieren sehr oft miteinander. Laut Chase sogar bis zu zwölf Mal am Tag. Er hat der Familie auch beim Umzug nach Fallbrook geholfen, das heißt, er kennt auch die anderen Familienmitglieder. Als Josas Vater Patrick gefragt wird, ob er ihn für verdächtig hält, da antwortet er gegenüber CBS, ich muss Chase vertrauen, weil ich meinem Sohn vertrauen muss. Ich glaube, dass Joseph ihm vertraute und an Chase glaubte. Ob ich glaube, dass Chase etwas damit zu tun hat? Ich glaube nicht und ich hoffe wirklich nicht. Was Joseph erst später über seinen Geschäftspartner und Freund lernen wird, Chase schuldet vielen Leuten Geld, weil er schlampige Arbeiten abgeliefert hat. Hinzu kommen außerdem Glücksspiel und damit einhergehende finanzielle Probleme. Am 5. November 2014 passiert es dann. Die Ermittler des San Bernardino County Sheriff's Department verhaften Chase im Zusammenhang mit dem Tod der Familie. Zwei Tage später wird seine Verhaftung öffentlich gemacht. Ein Richter entscheidet, dass es genügend Beweise gibt, um ihn vor Gericht zu stellen und wegen vierfachen Mordes anzuklagen.
Unter anderem wurde seine DNA nämlich am Lenkrad des abgeschleppten Autos der Familie sichergestellt und wir erinnern uns, dass man damals ja gar nicht sehen konnte, wer im Auto gesessen hat, als die Kamera des Nachbarn einen weißen Truck aufgezeichnet hat. Es wird vermutet, dass Chase ihn an die mexikanische Grenze gefahren und dort auf dem Parkplatz abgestellt hat. Vielleicht wollte er es so aussehen lassen, als wäre die Familie nach Mexiko spaziert. Am 20. November, knapp zwei Wochen nach seiner Verhaftung, versucht der Verteidiger von Chase gegen die Verhaftung seines Mandanten vorzugehen. Die Begründung? Der schlechte Gesundheitszustand von Chase.
Wiederum zwei Monate später, Ende Januar 2015, beantragt Chase, sich selbst vor Gericht vertreten zu dürfen. Er erklärt, dass er nur noch ein paar Monate zu leben habe und sich keinen Anwalt leisten könne. Der Prozess verzögert sich immer wieder. Mal feuert Chase seine Anwälte, dann will er sich wieder selbst vertreten, dann argumentieren seine neuen Verteidiger damit, dass bestimmte Beweise unzulässig seien. Doch am 7. Januar 2019 ist es endlich soweit. Fast neun Jahre nachdem die Familie verschwand, beginnt die Verhandlung vor dem Gericht in San Bernardino. Die Staatsanwaltschaft geht hart vor und beantragt die Todesstrafe. Als Motiv nennen sie sein Glücksspielproblem und dass Chase die Familie aus finanziellen Gründen ermordet habe. Im Zeitraum, als die Familie spurlos verschwand, da hätte er Schecks im Gesamtwert von über 21.000 Dollar auf Josephs Geschäftskonto ausgestellt. Anschließend habe er laut The San Bernardino Son Tausende von Dollars in nahegelegenen Casinos verspielt.
Es wird eine Mail vorgelegt, geschrieben von Joseph, adressiert an Chase. Joseph beschwert sich in dieser Mail über seine schlechte Arbeit, denn seinetwegen hätte er 42.000 Dollar Verlust gemacht, die Chase ihm jetzt schuldet. Am 10. Juni 2019, also ein halbes Jahr nach Prozessbeginn, sprechen die Geschworenen nach einer Woche Beratung ihr Urteil. Sie befinden Chase, das Mordes an der Familie, für schuldig.
Sein Verteidiger sagt Reportern des Senders CNN, dass die Entscheidung ein Justizirrtum sei und dass er Chase für unschuldig halte. Auch Familienangehörige stehen hinter ihm und wollen weiter für seine Unschuld kämpfen. Zwei Wochen nach der Schuldsprechung empfehlen die Geschworenen, Chase zum Tode zu verurteilen. Das Gericht geht auf die Empfehlung ein. Chase wird also offiziell am 21. Januar 2020 zum Tode verurteilt. Fassen wir nochmal kurz zusammen. Chase ist also die letzte Person, die Joseph lebend gesehen hat. In einem Interview mit CNN sagt er sogar, dass definitiv er Joseph zuletzt gesehen hat. Aber wie kann er das mit Sicherheit wissen? Er war es ja auch, den Joseph zuletzt versucht hat zu erreichen. Seine DNA wurde am Lenkrad des Autos gefunden. Er schuldet Joseph eine Menge Geld und hat finanzielle Probleme. Was spricht noch für ihn als Täter? Das Handy von Chase wurde am 4. Februar, dem Tag des Verschwindens, von einem Funkmast in der Nähe des Hauses in der Avocado Vista Lane registriert. Zwei Tage später in der Nähe des Ortes, an dem die Überreste der Familie später in der Wüste gefunden werden. Außerdem fällt den Ermittlern auf, dass sich Chase nach dem Verschwinden der Familie irgendwie merkwürdig verhalten hat. Denn in einem Gespräch mit ihnen, nur zwei Wochen nachdem die Familie zuletzt gesehen wurde, spricht er schon in der Vergangenheitsform über Joseph.
Warum sollte man das tun, wenn man davon ausgeht, dass sein Freund erstmal nur vermisst wird? Als er von den Ermittlern zu seiner Wortwahl befragt wird, sagt er nur, dass er keine Ahnung habe, warum er die Vergangenheitsform benutzt hat. Und ganz interessant ist dann noch die Sache mit den Schecks, die um das Verschwinden herum ausgestellt wurden. Chase sagt den Ermittlern dazu, dass Joseph ihm während ihres letzten Mittagessens Scheck-Kopien für einige der Projekte, an denen sie gearbeitet haben, ausgehändigt hat.
Die Ermittler des San Bernardino County finden außerdem heraus, dass tatsächlich einige Schecks ausgestellt wurden, und zwar auf Chase und ein paar Leute, denen er Geld geschuldet hat, datiert auf den 4. Februar. Allerdings wurden die Schecks gar nicht an diesem Tag ausgestellt, sondern erst einige Tage nach dem Verschwinden der Familie. Sie wurden rückdatiert, um den Anschein zu erwecken, dass sie schon vorher ausgestellt wurden. Chase wird in San Quentin State Prison im Norden von Kalifornien gebracht und sitzt noch heute im Todestrakt ein. Er beteuert nach wie vor seine Unschuld. Als wir vorhin über mögliche Theorien gesprochen haben, was mit der Familie passiert sein könnte, haben wir euch auch von dem Radiomoderator Rick erzählt. Der hat ja ein Buch geschrieben und behauptet, dass Summer ihre Familie getötet habe, ohne Beweise dafür zu haben. Als die Leichen der Familie in der Wüste gefunden wurden, war natürlich klar, dass er Blödsinn geschrieben hat. Daher hat er all seinen Käufern eine Rückerstattung angeboten, die sein Buch vor dem November 2013 gekauft haben. Im November wurden ja die Gräber gefunden.
Bevor wir die Akte für heute schließen, würde mich aber erstmal interessieren, hast du sonst noch irgendwelche Ideen zu dem Fall? Ja, also in der Recherche sind mir auf jeden Fall so ein paar Punkte aufgefallen. Und zwar fand ich das ganz interessant, dass am Tag des Verschwindens der Chase ja nochmal angerufen wurde von Joseph Sandy und er ja nicht drangegangen ist. Als Grund dafür nannte er ja, dass er mit seiner Freundin einen Film schaut. Und da habe ich mir gedacht, ja, vielleicht erzählt er das den Beamten auch, dass er eben nicht so drangegangen ist, weil die ja sonst gefragt hätten, hey, worüber habt ihr dann gesprochen? Und er sich da vielleicht irgendwie eine wilde Story hätte überlegen müssen. Und zu diesem Punkt, dass das Auto oder dass er das Auto in der Nähe der mexikanischen Grenze abgestellt hat. Da war mein Gedanke auch direkt, dass das ein Ablenkungsmanöver sein soll, also dass es so aussehen soll, als wäre die Familie über die Grenze gegangen. Weil ganz ehrlich, da gehen so viele Leute über die Grenze. Da finde ich, ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass da mal eine vierköpfige Familie drüber geht und alle sagen, ja, guck mal, da ist die Familie.
Ich weiß nicht, ob du dir die Aufnahmen angeschaut hast. Man erkennt nichts. So, man sieht die Leute von hinten. Das könnte ungefähr jeder sein. Und das ist mir aber später erst so ein bisschen klar geworden. Es gibt ja die Suchanfragen auf den Computern der Familie. Was war das? Spanisch Unterricht und... Ausziehen, auswandern nach Mexiko oder so. Genau, mit den Kindern. Und da habe ich mir gedacht, Mensch, der war ja so oft, der Chase, bei denen zum Abendessen. Vielleicht hat er diese Anfragen selber mal schnell gestellt, auf dem Weg zum Klo oder so, auch um wieder abzulenken. Ich weiß es nicht. Wir werden es nicht klären können. Er sagt ja bis heute, dass er das nicht war und leugnet das. Aber ja, ich glaube, zum Abschluss, bevor wir euch nächste Woche einen neuen Fall vorstellen, gibt es noch ein Zitat von Josephs Bruder Michael, was wir sehr wichtig finden und was wir uns alle noch mal vor Augen führen sollten. Denn er sagt in Bezug auf das Buch dieses Radiomoderators Folgendes. Für alle anderen ist das nur eine Geschichte. Für uns ist das das echte Leben. Und wir beide finden, genau das sollten wir nicht vergessen. Solltet ihr nicht vergessen, denn es sind echte Geschichten, über die wir hier sprechen.
Wir sind eure Hosts Anne Luckmann und Patrick Strobusch. Redaktion und Schnitt Anne Luppmann Mit der Stimme von Pia Rohnersachse, Ausführender Produzent Falko Schulte Die Schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios.
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