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Schwarze Akte, Jakob ist 78 Jahre alt und hat in seinem Leben viel Zeit draußen an der frischen Luft verbracht. Hat sich liebevoll um seine Pflanzen und Blumen gekümmert, sie gehegt und gepflegt. Jetzt genießt der pensionierte Gärtner aber seinen wohlverdienten Ruhestand. Er lebt in einer Wohngegend, die voll mit deutschen Auswanderern ist. Fühlt sich fast so an, wie in einer deutschen Kleinstadt zu leben. Und das mitten im großen Cincinnati. Hier in Ohio, so weit entfernt von der einstigen deutschen Heimat, möchte Jakob nun die Ruhe genießen. Aber diese Ruhe wird noch gestört. Eines Tages klopft seine lang verschollene Nichte an die Tür. Zumindest behauptet sie das. Aber Jakob kann sich an gar keine Nichte erinnern. Setzt ihm das Alter etwa schon so zu? Je mehr diese Frau redet, desto unsicherer wird er. Vielleicht hat die Frau ja doch recht. Hin und wieder vergisst er tatsächlich schon mal was. Vielleicht sind diese Erinnerungslücken längst viel größer, als er angenommen hat. Die Frau ist aus Deutschland und steht nicht allein vor Jakobs Tür. Sie hat nämlich ihren kleinen Sohn dabei. Ihm fällt das silberfarbene Kreuz auf, das die Frau um den Hals an einer Kette trägt. Eine gläubige Christin. Das gefällt ihm. Sie wird eine Weile in der Stadt bleiben, sagt sie. Sie möchte ihrem Onkel gerne so lange helfen, die Wohnung sauber halten, für ihn einkaufen gehen und sich um ihn kümmern.

Ein paar Monate später, am 3. Juni 1937, ist ein Glas Orangensaft das letzte, was Jakob trinken wird. Der letzte Gedanke, der ihm durch den Kopf schwert, ist, dass irgendwas nicht stimmt. Kurz danach ist alles schwarz. Herzerkrankung wird als offizielle Todesursache vermerkt. Aber das ist falsch, wie sich später noch herausstellen wird.

Und damit herzlich willkommen zur heutigen Folge der schwarzen Akte. Ich bin Patrick. Und ich bin Anne. Und ich bin ganz stolz, dass du heute zum ersten Mal diese Folge eröffnet hast. Vielen, vielen Dank. Der heutige Fall führt uns nach Cincinnati. Eine Stadt am Ohio River in den Osten der USA. Es sind die 1930er Jahre. Eine Zeit, in der Wirtschaftskrisen und Massenarbeitslosigkeit auf der Tagesordnung stehen. Der Wunsch nach Unterhaltung und Ablenkung ist groß. So entsteht in der Zeit zum Beispiel der Disney-Film Schneewittchen und die sieben Zwerge. Auch die Musik ist ein wichtiger Stimmungsheber. Swing begeistert die Massen in den USA und erlebt seinen Höhepunkt. Die Damenmode betont nun wieder mehr die weiblichen Rundungen. Die hohe Taille wird in den Fokus gestellt und die Mode zeugt von Eleganz. Der Fall, über den wir heute sprechen, beginnt im Herbst 1932.

Ernst ist um die 70 Jahre alt und erfreut sich bester Gesundheit. Er wohnt in einem sehr schönen Haus, das auch ihm gehört, und zwar im deutschen Viertel von Cincinnati. Im ersten Stock befindet sich eine Arztpraxis, was ziemlich praktisch ist, sowas direkt im Haus zu haben, nur für den Fall der Fälle. Das Haus ist jedoch ziemlich groß für ihn allein. Daher vermietet er ein Zimmer unter, und zwar an ein nettes deutsches Einwanderer-Pärchen, Anna und Philipp. Sie zahlen ihm nicht nur Miete, sondern helfen ihm auch im Alltag. Vor allem die Frau ist fürsorglich und um sein Wohl besorgt. Mit der Zeit freunden sich die beiden sogar richtig an. Doch diese Freundschaft soll leider nicht von langer Dauer sein. Denn nur wenige Monate nach ihrem Einzug, am 6. Mai 1933, da verstirbt Ernst plötzlich. Als Todesursacher wird Kehlkopfkrebs vermerkt. Da er sonst niemanden mehr hat, vererbt er sein Haus diesem jungen Pärchen, welches zuletzt bei ihm gewohnt hat.

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Werbung Ende Wir machen einen kleinen Zeitsprung, vier Jahre später. Albert ist 72 Jahre alt und pensionierter Bahnwärter. Sein Ruhestand ermöglicht ihm aber leider kein Leben in Saus und Braus, denn er muss mit einer eher kleinen Rente zurechtkommen. Er versucht sein Glück hin und wieder in den Spielcasinos, um seine Rente etwas aufzubessern. Dort lernt er eine Frau kennen, die in der Pflege arbeitet und ihm ihre Dienstleistung anbietet. Da sie ebenfalls ursprünglich aus Deutschland stammt, fühlt sich Albert wohl dabei und nimmt ihre Hilfe gern in Anspruch. Sie kocht ihm deutsche Hausmannskost und hilft im Alltag.

Ihre Beziehung zueinander ist freundschaftlich, driftet einige Zeit später aber ins Flirten ab. Denn sie schreibt ihm zum Beispiel, mein lieber süßer Daddy und unterschreibt am Ende mit Dem älteren Herrn gefällt das, ihm gefällt, von ihr umsorgt zu werden und dass sie für ihn da ist, ihm zuhört und daher leitet er ihr gern die 1000 Dollar, die sie so kurzfristig braucht. Das letzte, das Albert am 27. März 1937 sehen wird, ist das leckere Essen auf seinem Teller vor ihm. Kurz darauf schließt er für immer die Augen. Knapp zwei Monate später stirbt Jakob, der pensionierte Gärtner, vom Anfang der heutigen Folge. Er hinterlässt seiner verschollenen Nichte, die sich in den letzten Monaten um ihn gekümmert hat, 17.000 US-Dollar Bargeld. Ein Monat später freut sich der 67-jährige Georg über die Gesellschaft seiner neuen jungen Pflegerin Anna. Sie kocht für ihn und hält das Haus sauber. Sie verstehen sich gut, die deutsche Heimat verbindet.

Doch leider verstirbt auch Georg ganz plötzlich am 6. Juli 1937. Seine freundliche Pflegerin, die sich so gut um ihn gekümmert hat, erbt um die 15.000 US-Dollar. Mit den 17.000 Dollar davor entspricht das einem heutigen Wert von immerhin fast 700.000 Dollar. Und vielleicht habt ihr es euch schon gedacht. Bei der jungen Pflegerin handelt es sich immer um ein und dieselbe Anna. Sie ist um die 30 Jahre alt und scheint wie vom Pech verfolgt. Ja, das Pech geradezu auszustrahlen. Wo sie auftaucht, sterben die Männer nur kurze Zeit später ganz plötzlich. Es ist Zeit, dass wir uns diese Frau einmal genauer ansehen. Anna wird am 7. Juli 1906 in Füssen in Süddeutschland geboren. Füssen habt ihr vielleicht schon mal in Verbindung mit Schloss Neuschwanstein gehört. Das ist nämlich gleich nebenan. Anna ist das jüngste von insgesamt zwölf Kindern.

Einige ihrer Geschwister sind sogar schon vor ihrer Geburt verstorben. Zwei weitere Brüder werden später im Ersten Weltkrieg fallen. Als jüngstes Kind der Familie ist Annas gewohnt, ihren Willen zu bekommen. So viele Geschwister vor ihr mussten sich beweisen und für ihre Anliegen kämpfen. Damit haben sie der Jüngsten im Bunde den einfacheren Weg geebnet. Anna stammt aus einem vermögenden Elternhaus. Ihr Vater ist Möbelhersteller. Ihre Mutter kümmert sich um die Kinder. Sie wächst in einer katholischen, konservativen Familie auf und durchlebt eine ganz normale Kindheit. Allerdings hat sie viele Unfälle in ihrem jungen Leben. Stürzt beim Schlittschuhlaufen, Fahrrad und Skifahren, was zahlreiche Gehirnerschütterungen mit sich bringt.

Anna ist ein kränkliches Kind, leidet an Scharlach und Kropf. Einer Schwellung im Hals, die durch eine vergrößerte Schilddrüse verursacht wird. In einer Quelle haben wir gelesen, dass sie als Kind sogar fast an einer Blutvergiftung gestorben wäre. Sie hätte wohl mehrere Monate im Krankenhaus verbracht und ihre Schilddrüse musste entfernt werden. Anna zeigt kein großes Interesse an der Schule. Viel lieber hängt sie mit ihren Freunden ab. Sie soll sich als Teenagerin auch oft heimlich für Partys aus dem Haus geschlichen haben. Ihre rebellische Art gefällt den Eltern überhaupt nicht und daher schicken sie Anna zu ihrer Schwester in die Niederlande, damit sie ihre, wie sie sagen, disziplinarischen Probleme in den Griff bekommt. Ihr kurzer Aufenthalt dort hat aber nicht den gewünschten Effekt, denn kaum zurück wird Anna schwanger.

Sehr zum Missfall in ihrer Familie, in deren Augen sie durch eine uneheliche Schwangerschaft Schande über sie alle gebracht hat. Ja, und über den werdenden Vater, da schweigt Anna. Einige Quellen berichten von einem Intimverhältnis zu einem Wiener Arzt, einem Krebsforscher. Aber über diesen Arzt konnten wir sonst leider keine weiteren Informationen finden.

Am 31. Mai 1925, im Alter von Jung 18 Jahren, da bringt Anna Sohn Oskar zur Welt. Die wahre Identität von Oscars Vater bleibt übrigens bis heute ungeklärt. Anna wächst zu einer jungen Frau heran, hat kurzes, blondes Haar und haselnussbraune Augen. Drei Jahre nach Oscars Geburt, im Jahr 1929, wandert sie in die USA aus, nach Cincinnati, denn dort hat sie Verwandte, ihren Stiefonkel Max und seine Frau Anna. Über den genauen Ablauf der folgenden Jahre sind sich unsere Quellen uneinig. Die meisten Quellen, zum Beispiel die Autorin Dala Puke, sagen, dass Anna ohne ihren Sohn auswandert und Oskar erstmal bei ihren Eltern in Bayern bleibt. Am 12. Februar 1929 betritt Anna dann zum ersten Mal amerikanischen Boden. Ihr Stiefonkel und seine Frau leben im deutschsprachigen Viertel von Cincinnati. Daher muss ihr die Eingewöhnung ins neue Leben in den USA vielleicht ein bisschen leichter gefallen sein. Kurz nach ihrer Ankunft erkrankt Anna aber an Scharlach und muss für drei Wochen das Bett hüten. Den Start ins neue Leben hat sie sich da sicherlich auch anders vorgestellt. Aber wieder gesund hilft sie wenig später, im Frühling 1929, dem pensionierten Banker Charles im Haushalt.

Sie nutzt dessen Gutmütigkeit jedoch aus und klaut ihm Geld. Dieses Geld soll sie dann beim Pferderin eingesetzt und aus zwei Dollar immerhin stolze 200 Dollar gemacht haben. Dieser Erfolg im Glücksspiel soll Anna später aber noch zum Verhängnis werden. Wenig später bekommt Anna einen Job als Zimmermädchen im Hotel Alms. Im Sommer desselben Jahres lernt sie dort bei einem Tanzabend Philipp kennen. Einen deutschstämmigen Telegraphisten. Philipp ist sofort hin und weg von dieser blonden und vollbusigen Frau. Sie daten für ein paar Wochen und verbringen viel Zeit miteinander. Diese kurze Zeit des Kennenlernens reicht für Philipp aus, um Anna zu fragen, ob sie seine Frau werden will. Und ja, sie will. Aber unter einer Bedingung. Nämlich, dass Sohn Oskar zu ihnen in die USA kommt und sie eine Familie werden. Am 5. Mai 1930 heiraten Anna und Philipp in Buffalo, New York. Da ist sie 24 Jahre alt. Zwei Monate später holt sie endlich Oskar aus Deutschland zu sich.

Amerika ist zu der Zeit von der schweren Wirtschaftskrise gezeichnet. Das hält die Familie aber nicht davon ab, ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Mit 25 Jahren kauft Anna daher eine Bäckerei. Mann Philipp kündigt seinen Job bei der Western Union Bank und steigt ins Geschäft mit ein. Doch der gemeinsame Traum platzt schon bald und das Geschäft scheitert. Also wagt die Familie einen neuen Versuch. Dieses Mal versuchen sie ihr Glück mit einem Feinkostgeschäft. Aber die wirtschaftliche Lage der Kundschaft kann auch diesen Laden nicht tragen und Anna und Philipp scheitern erneut. Leider bleibt es aber nicht bei diesen zwei Niederschlägen, denn ungefähr zur gleichen Zeit sterben Annas Stiefonkel Max und seine Frau. Sie hinterlassen Philipp und ihr das Haus in der Colorain Avenue.

Trotz unerwartetem Erbe und einem Dach über dem Kopf kriselt die Ehe der beiden. Vor allem die gescheiterten Geschäfte und der damit einhergehende finanzielle Verlust macht den beiden zu schaffen. Laut Crime & Investigation haben sie in der Vergangenheit sogar versucht, ihre Geschäfte in Brand zu stecken, um anschließend Geld von der Versicherung kassieren zu können. Beim ersten Versuch hat das Feuer nur einen minimalen Schaden angerichtet. Die Versicherung konnte keine Brandstiftung erkennen und zahlt ihnen 300 Dollar aus. Die beiden anderen Brände werden in den Privaträumen der Familien gelegt. Im Juni 1935 und im Mai 1936. Auch hier schöpft die Versicherung keinen Verdacht und zahlt Anna etwas mehr als 2000 Dollar aus. Beflügelt von diesem Versicherungsbetrug versucht Anna ihren Mann nun dazu zu bringen, eine Lebensversicherung abzuschließen, und zwar in Höhe von 25.000 Dollar. Aber der weigert sich und wird nur kurze Zeit später krank. So krank, dass er eigentlich ins Krankenhaus müsste. Aber Anna will es nicht. Also greift Philips Mutter ein und bringt ihren Sohn dorthin. Philipp erholt sich langsam, seine Ehe mit Anna allerdings nicht mehr.

Die beiden trennen sich nach ein paar gemeinsamen Jahren. Noch während ihrer Ehe mit Philipp kann Anna aber nicht die Finger vom Glücksspiel lassen. Sie ist ihm völlig verfallen und besucht regelmäßig Wettbüros und ist spielsüchtig. Allerdings ist sie nicht besonders gut im Spielen. Und so häufen sich die Schulden. Unter anderem deswegen betrügt sie die Versicherung, um so an mehr Geld für ihre Wetten zu kommen.

Anna zieht in eine deutsche Nachbarschaft. Die nennt sich Over the Rhine, also zu deutsch, über den Rhein. Hier ist sie willkommen und wird freundlich aufgenommen. Sie freundet sich mit einigen Anwohnern an und fühlt sich wohl. Laut Autorin Dala Puke ist Anna eine clevere Frau. Eines Tages spaziert sie durch die Nachbarschaft. Da kommt ihr plötzlich die Idee, wie sie an Geld kommen kann. Einsame, ältere deutsche Männer sollen ihre neue Zielgruppe werden. Und von denen gibt es hier in Over the Rhine viele. Anna ist jung, wird als schöne Frau beschrieben, ist charmant und spricht dieselbe Sprache wie die älteren Herrschaften. Das verbindet und schafft Vertrauen. Sie schmiedet den Plan, hilfsbedürftigen Männern ihre Dienstleistung als Pflegerin anzubieten. Sie hat diesen Beruf zwar nie erlernt, aber wie schwer kann es schon sein, den Männern zu helfen? Ein bisschen kochen, im Haushalt helfen und für sie einkaufen, das kriegt sie schon hin.

Ja, und so tritt Anna in das Leben von Jakob, Ernst, Albert, Georg und noch einem weiteren Georg. Der zweite Georg ist ein 62-jähriger Kohlehändler. Anna kommt im Juni 1936 zu ihm und möchte Kohle kaufen. Die beiden freunden sich an und Georg lässt sich sofort von ihrem Charme und ihrer Fröhlichkeit mitreißen. Die beiden genehmigen sich auch gerne mal gemeinsame Drinks. Und eines Abends kommt es, dass Anna ihm einen Bourbon reicht. Die beiden reden, doch dann spürt Georg plötzlich einen stechenden Schmerz. Ja, woher kommt der auf einmal?

In einigen Quellen heißt es, dass sich eine Fliege in sein Glas verirrt hätte und sofort gestorben wäre, als sie mit der Flüssigkeit in Berührung kam. Und Georg weiß nicht genau, was hier gerade passiert, aber er weiß, dass er Anna nicht mehr um sich haben will und schmeißt sie aus dem Haus. Wenn Georg doch nur mit irgendjemandem über diesen Vorfall gesprochen hätte, dann hätte er so manches Leid verhindern können. Ein Jahr später, im Sommer 1937, betritt Anna das Geschäft eines Schuhmachers, dem dritten Georg in diesem Fall. Der Name ist wohl sehr beliebt in dieser Generation. Der dritte Georg ist Vater dreier Kinder und von seiner Frau getrennt. Er ist sehr angetan von dieser schönen jungen Frau, die seinen Laden betritt. Er weiß ja auch noch nicht, dass er in ein paar Wochen tot sein wird.

Anna, Sohn Oskar und der Schuhmacher Georg wollen Ende Juli gemeinsam ins 2000 Kilometer entfernte Colorado Springs reisen. Doch bis ans Ziel werden sie nicht mehr kommen, denn kurz vorher wird die Reise in Denver beendet sein. Dort wird Georg plötzlich sehr krank. Kurz zuvor hatte Anna ihm etwas zu essen gebracht. Sie bringt ihn daraufhin ins Krankenhaus, leugnet gegenüber dem Krankenhauspersonal aber, den Mann zu kennen. Sie behauptet, ihn nur zufällig im Zug kennengelernt zu haben. Er sei einfach ein alter Mann, den sie dort auf Reisen getroffen habe. Ihm ging es nicht gut und er tat ihr leid, deswegen wollte sie helfen. Georg selbst ist zu schwach, um etwas zu sagen und die Situation richtig zu stellen. Das wird er auch nicht mehr können, denn er stirbt am 1. August 1937.

Georgs Leiche wird anschließend obduziert und dabei kommt was ganz Erstaunliches heraus. Sein Körper weist nämlich hohe Mengen Arsen auf und Arsen greift bestimmte Zellen an. Diese Zellen sind wichtig, da sie die innere Zellschicht der Blutgefäße bilden. Das bedeutet, wenn diese Zellen angegriffen werden, werden dadurch die Blutgefäße undicht. Das kann zum Beispiel zu Lähmung führen oder in hohen Mengen zum Tod. Diese Entdeckung bei Georgs Obduktion macht die Polizei natürlich stutzig. Und die große Frage lautet, hat Anna was damit zu tun? Und warum leugnet sie überhaupt, Georg zu kennen, obwohl sie doch gemeinsam mit ihm gereist ist? Und wo ist Anna jetzt eigentlich? Anna verlässt das Krankenhaus und lässt Georg dort zurück.

Kurze Zeit später meldet sich der Besitzer eines Hotels aus der Nähe bei der Polizei. Es wurden Diamanten im Wert von 300 Dollar gestohlen. Die Beamten untersuchen, ob es vielleicht irgendeinen Zusammenhang zwischen dem Tod von Georg und dem Diebstahl gibt. Denn Georg ist aus genau diesem Hotel ins Krankenhaus gebracht worden. Sie befragen umliegende Pfandhäuser, denn vielleicht hat der Dieb oder die Diebin ja versucht, die Diamanten dort zu verkaufen. Und tatsächlich, einer der Geschäftsinhaber berichtet der Polizei von einer Frau und einem Kind, die versucht hätten, Diamanten an ihn zu verkaufen. Das hat er allerdings abgelehnt. Seine Beschreibung der Frau ist identisch mit der Beschreibung des Hotelbesitzers. Denn der wird gefragt, mit wem Georg ins Hotel eingecheckt hat. Beide beschreiben unabhängig voneinander Anna.

Die Beamten finden aber noch mehr heraus, denn eine Frau hat kürzlich versucht, mit einem Sparbuch aus Cincinnati 1000 Dollar in Denver abzuheben. Das Sparbuch war auf Georgs Namen ausgestellt, der zu diesem Zeitpunkt aber schon tot war. Die Frau behauptet, Georgs Ehefrau zu sein. Aber der Bankdirektor hat irgendwie ein ungutes Gefühl, er glaubt ihr nicht und lehnt deswegen die Transaktion ab.

Die Ermittler sind überzeugt, dass es sich bei dieser Frau um Anna handelt. Denn auch hier trifft die Beschreibung des Bankdirektors auf sie zu. Als die Polizei Verwandte von Georg kontaktiert, da sind die von seinem Tod geschockt. Denn Georg war doch bei bester Gesundheit. Sie können übrigens auch bestätigen, dass er mit einer Frau namens Anna nach Colorado Springs unterwegs war, zu einer Ranch. Das hatte er ihnen nämlich noch erzählt, kurz bevor er diese Reise angetreten ist. Die Polizei befragt nun also Anna, was sie zu all dem zu sagen hat. Zunächst bleibt sie bei ihrer Aussage, Georg zufällig im Zug kennengelernt zu haben. Sie hätten beide dasselbe Ziel gehabt und sich gut verstanden und dann halt beschlossen, ein Zimmer zu teilen. Anna ist zu dem Zeitpunkt Anfang 30 und Georg Ende 60. Kurz darauf wurde Georg dann krank, musste ins Krankenhaus und danach hätte sie keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. Aber nach einer Weile gibt Anna zu, Georg doch schon vorher gekannt zu haben. Auch Sohn Oskar wird befragt und erzählt, dass seine Mutter Georg während der Fahrt Getränke angeboten hat. Danach hat er sich plötzlich nicht mehr gut gefühlt. Die Beamten schauen sich als nächstes Mal Annas Zuhause genauer an. Und es dauert gar nicht lange, da finden sie auch schon ziemlich interessante Dinge. Denn sie finden zum Beispiel einen Schuldschein über 2000 Dollar.

Dieses Geld hat sich Anna angeblich von Albert geliehen. Ihr erinnert euch, Albert ist der pensionierte Bahnwärter, den sie in Briefen immer ihren süßen Daddy genannt hat. Die Polizei findet auch heraus, dass Anna als Pflegerin für ihn tätig war und er nur kurze Zeit später gestorben ist. Auch, dass Geld aus seinem Nachlass gefehlt hat. Aber das ist immer noch nicht alles, denn sie stoßen unter anderem auf einen Salzstreuer, in dem so viel Arsen drin ist, dass man damit laut Experten eine ganze Kleinstadt umbringen könnte.

Wie sie überhaupt an so viel davon herankommt, dazu später mehr. Weiterhin auffällig ist eine kleine Flasche mit der Aufschrift Poison, also Gift, und damit hätte sie es den Beamten nicht einfacher machen können, denn darin enthalten ist Crotonöl. Das wirkt stark Haut- und Schleimhautreizend, kann starke, brennende Schmerzen in Mund, Rachen und Unterleib herbeiführen. Es wurde früher als starkes Abführmittel genutzt und wenn das Opfer nicht richtig rehydriert wird, dann kann es auch zum Tod führen. Der Polizeichef konfrontiert Anna mit den Funden und damit, dass um sie herum ziemlich viele Männer sterben. Anna antwortet, dass sie es den älteren Männern doch nur schön machen wollte und dass es nicht ihre Schuld sei, dass sie alle plötzlich sterben. Laut Autorin Dala Puke soll Anna selbst dazu gesagt haben, ich war wie ein Engel der Barmherzigkeit für sie. Das Letzte, was mir je in den Sinn käme, wäre, diesen lieben alten Männern etwas anzutun.

Die Polizei veranlasst die Exhumierung eines weiteren Kunden von Anna, der plötzlich und unter unerklärlichen Gründen gestorben ist. Jakob, der pensionierte Gärtner vom Anfang der Folge. Auch seine Leiche weist große Mengen an Arsen und Krotonöl auf. So langsam kann die Polizei die losen Fäden miteinander verbinden und das Netz um Anna verdichtet sich. Aus anfänglichen Verdächtigungen gegen sie werden nun bedrohliche Anschuldigungen. Und es gibt eine Person in dieser Geschichte, die diese Anschuldigung sogar noch weiter befeuern kann. Nämlich Annas Ex-Mann Philipp. Er erzählt den Beamten, dass er seiner Ex-Frau einmal Crotonöl abgenommen habe, weil er die Befürchtung hatte, dass sie ihm irgendwas mit diesem Abführmittel antut. Er hat es in einem Schrank auf der Arbeit versteckt, damit Anna nicht mehr herankommt. Und ein Apotheker, der kann ebenfalls bestätigen, dass Anna das Öl im Juli 36 bei ihm gekauft hat. Sie hat dem Apotheker erzählt, dass ihr Mann ein deutscher Drogist sei, der das Öl in seiner Praxis verwendet. Eine andere Art, an die Zutaten zu kommen, war sogar noch gerissener, denn Anna hat Blanco-Rezeptformulare eines Arztes gestohlen, seine Unterschrift gefälscht und so die Zutaten bei lokalen Pharmazeuten bestellt. Sohn Oskar hat die Ware dann später abgeholt.

Werbung Ende Philipp erzählt weiter, dass Anna ihn gedrängt hätte, Lebensversicherung auf ihn abzuschließen. Als er sich geweigert hat, zeigt er ähnliche Symptome wie Annas Kunden, die kurz darauf gestorben sind. Im Krankenhaus hat sich dann auch bestätigt, dass er vergiftet wurde. Kurz danach haben sich die beiden dann ja getrennt. Mit Philipps Aussagen, den Ergebnissen der Obduktion, der Exo-Metro-Sie, Ende hat die Polizei nun genug in der Hand, um sie zu verhaften. Anna wird am 10. August 1937 nur wenige Tage nach dem Tod von Schumacher Georg in Cincinnati festgenommen und wird schon bald vor Gericht stehen. Anna wird wegen Mordes an Jakob angeklagt, da es hier genug Beweise für sie als Täterin gibt. Zwei Monate später beginnt dann ihr Prozess, am 11. Oktober 1937.

Insgesamt wird er vier Wochen dauern. Kurz vor ihrem Prozess sagt Anna laut Autorin Dala Puke zu einem Reporter Folgendes. Es hat lange gedauert, bis ich erkannt habe, dass es falsch ist, gut zu den Menschen zu sein. Während des Prozesses beschreiben Zeitungsreporter Anna als blonde deutsche Frau mit Pokerface, die zu keiner Zeit den Anschein von Groll oder Schock über irgendwas gezeigt hat, was gesagt wurde. Die Staatsanwaltschaft besteht von Prozessbeginn an darauf, dass Anna Jakob aus Habgier getötet hat. Sie weist darauf hin, dass sein Geld das Motiv für den Mord ist. Die Verteidiger erwidern, dass die Beweise gegen Anna nur Indizien seien und dass sie Opfer einer grausamen Abfolge von Zufällen sei. Die Geschworenen setzen sich aus elf Frauen und einem Mann zusammen. Die Staatsanwaltschaft ist nämlich der Ansicht, dass eine mehrheitlich männliche Jury Anna womöglich sympathisch finden würde und das wollen sie auf jeden Fall verhindern. Im Laufe des Prozesses werden mehrere Zeugen angehört, zum Beispiel Krankenhausmitarbeiter, die von Jakobs qualvollen letzten Tagen berichten.

Ein Experte schätzt, dass die Menge an Arsen, die in seinem Körper gefunden wurde, gereicht hätte, um vier erwachsene Männer zu töten. Es wird auch ein Handschriftenexperte hinzugezogen und der soll beurteilen, ob das Testament, das Jakob hinterlassen hat, echt ist. Und, aufgepasst, ist es nicht. Es ist eine Fälschung. Und noch dazu stimmt die Schrift auf dem Testament mit der von Anna überein. Der Richter unternimmt dann einen ungewöhnlichen Schritt. Denn er erlaubt es der Staatsanwaltschaft, auch Beweise zu den anderen Vergiftungsfällen einzubringen. Und normalerweise werden solche Fälle vor Gericht ja unabhängig voneinander behandelt. Beweise aus einem anderen Fall haben hier eigentlich nicht zu suchen. Doch die Staatsanwaltschaft möchte das Muster von Annas mörderischem Verhalten deutlich machen. So wird zum Beispiel Georg geladen, der Kohlehändler Georg, der Anna damals aus dem Haus gejagt hat.

Er hat ja schon damals die Vermutung gehabt, von ihr vergiftet worden zu sein, aber hatte ja niemandem davon erzählt. Jetzt vor Gericht allerdings packt er aus. Am 29. Oktober 1937, also 18 Tage nach Prozessbeginn, ist die Beweisführung seitens der Staatsanwaltschaft abgeschlossen. Wiederum drei Tage später beginnt die Verteidigung mit ihrer Präsentation. Da sie kaum eigene Beweise haben, um die Behauptungen der Staatsanwaltschaft zu widerlegen, bleibt ihr lediglich die Angeklagte selbst. Anna leugnet jegliches Fehlverhalten im Zeugenstand. Sie lässt sich auch im Kreuzverhör nicht aus der Ruhe bringen. Die Staatsanwaltschaft beschreibt Anna als durchtrieben, als geizig und kaltblütig. Sie zeigt während des vierwöchigen Prozesses überhaupt keine Gefühle, wirkt herzlos und grausam. So beschreibt es zumindest The Cincinnati Crime Book. Die Verteidigung wappnet sich und richtet das Wort direkt an die Geschworenen und sagt, dass die Geschichte rund um Anna in der breiten Öffentlichkeit so viel Aufmerksamkeit erregt hätte, dass es eigentlich nahezu unmöglich sei, diesem Fall neutral gegenüber zu stehen. Es sei unmöglich, unbeeinflusst in den Gerichtssaal zu treten. Anna wäre zwar kein Engel, aber des Mordes an Jakob nicht schuldig, sagen sie. Die Geschworenen beraten sich gerade einmal zwei Stunden, bevor sie zu einem Ergebnis kommen. Anna hört sich regungslos an, was sie zu sagen haben.

Anna, die deutsche Einwanderin aus Füssen in Bayern, wird wegen Mordes an Jakob zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt.

Die historische Tragweite der Entscheidung der Geschworenen ist unfassbar, denn der Bundesstaat Ohio hat zuvor noch nie eine Frau hingerichtet. Ob Anna das Urteil in diesem Moment bewusst ist, ist fraglich, denn sie hat noch genug Charme und Witz, um mit der Sympathie der Menschen im Gericht zu spielen. Eine forensische Psychologin kommentiert es so. Anna erwies sich als ein Serienmörder, wie jeder andere auch. Sie dachte, dass alle anderen, was die Intelligenz betrifft, unter ihr liegen. Sie glauben nicht, dass sie gefasst werden können und unterschätzen die Möglichkeiten und den IQ der Menschen um sie herum. Einschließlich der Polizei gewaltig. Anna wird nach der Urteilsverkündung in Handschellen abgeführt und ins Gefängnis gebracht.

Am 10. November 1937 wird sie dem Richter nochmal vorgeführt. Aber nicht, damit nochmal verhandelt werden kann, sondern damit er ihr endgültiges Schicksal besiegeln kann. Anna hingegen beteuert nach wie vor, dass sie unschuldig ist und knapp drei Wochen später, am 1. Dezember 1937, wird sie in das Ohio State Gefängnis verlegt.

Eigentlich soll sie schon drei Monate später, am 10. März, hingerichtet werden, da wäre sie 31 Jahre alt. Aber ihre Anwälte legen Berufung ein, weshalb der Tag der geplanten Hinrichtung verstreicht.

Annas Fall durchläuft nun mehrmals das Gerichtssystem von Ohio, bevor er vor den obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten gebracht wird. Der oberste Gerichtshof gibt dem Bundesstaat Ohio aber recht und lehnt es ab, Annas Hinrichtung zu verhindern. Das bedeutet, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Es gibt widersprüchliche Berichte in unseren Quellen darüber, wie Anna sich benimmt, während sie auf ihre Hinrichtung wartet. In einigen Berichten haben wir gelesen, dass sie darum fleht, ihren Sohn Oskar ein allerletztes Mal sehen zu dürfen. In anderen Berichten wird behauptet, dass sie sich anschließend darüber lustig gemacht habe und sarkastisch gefragt hätte, sehe ich aus wie jemand, der verzweifelt ist? Dennoch bittet sie kurz vor ihrer geplanten Hinrichtung um Gnade. Sie wendet sich dafür an den Gouverneur von Ohio, um einen Aufschub ihrer Hinrichtung zu erreichen. Der Gouverneur kommentiert ihre Bitte so. Dies war eine der schwierigsten Entscheidungen, die ich je zu treffen hatte. Irgendwas in mir sträubte sich gegen die Idee, eine Frau auf den Stuhl zu setzen, aber die von Anna begangenen Verbrechen waren so kaltblütig, so bewusst geplant und ausgeführt, dass ich keine andere Wahl habe, als die Entscheidung des Gerichts gelten zu lassen. Es tut mir leid für ihren Sohn Oskar, aber seine Mutter hat ihm nichts hinterlassen, worauf er stolz sein könnte. Knapp ein Jahr nach der Urteilsverkündung gibt der Gouverneur von Ohio schließlich eine Erklärung ab.

Er lehnt es ab, sich in die Entscheidung der Gerichte einzumischen. Und damit ist Annas letzte Hoffnung dahin. Das lokale Radio berichtet schon, dass ihre Hinrichtung für den nächsten Abend angesetzt ist. Und Anna nutzt ihre letzten Stunden dafür, vier Briefe zu schreiben. Diese Briefe übergibt sie anschließend ihren Anwälten. Oskar und Ex-Mann Philipp will sie in ihrer letzten Nacht ihres Lebens nicht sehen. Stattdessen ist von einer Abschiedsparty für die Reporter die Rede, die über ihren Prozess berichtet haben. Einige davon erzählen von Fruchtpunsch und Kuchen, der extra für sie vorbereitet worden sei. Anna soll dazu gesagt haben, ihr habt mir bei meinem Prozess eine gute Show geboten, Jungs. Das Mindeste, was ich tun konnte, war, eine Party für euch zu schmeißen. Ich schätze, ich bin jetzt nicht gerade eine schöne Blondine, oder? Nun schreibt mir ein gutes Zeugnis, wenn alles vorbei ist. 7. Dezember 1938.

Der Tag, an dem alles vorbei sein soll. Der Tag der Hinrichtung. Anna wird auf dem Weg in die Todeskammer ohnmächtig. Die Beamten müssen ihr etwas einflößen, damit sie wieder auf die Beine kommt. Und während sie schon auf dem elektrischen Stuhl sitzt und ihr Elektrogurte an die Beine geschnallt werden, da wehrt sie sich heftig und schreit die Gefängniswärter mit den Worten an, tut mir das nicht an. Sie schreit und schreit und bittet um Gnade, sie will nicht sterben. Man soll doch bitte nur an ihren Sohn denken, dass der dann ohne Mutter aufwachsen muss. Dann betritt ein Priester die Todeskammer, als Anna gerade die schwarze Totenmaske aufgesetzt wird. Er sagt, Vater unser, der du bist im Himmel. Anna wiederholt das Gebet so lange, bis das Startsignal gegeben wird. Einen Moment später durchzucken heftige Stromstöße ihren Körper. Die letzten Worte, die sie von sich gibt, lauten, aber befreie uns. Es dauert zweieinhalb Minuten, bis Anna um 20.13 Uhr offiziell für tot erklärt wird.

Der Fall löst ein riesiges Medienspektakel aus. Alle Augen waren auf Anna und den Prozess gerichtet. Es ist vor allem deswegen eine Sensation, weil zum ersten Mal im Bundesstaat Ohio eine Frau auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde.

Die Presse verpasst Anna viele Spitznamen. Arsenic Anna, der Blonde Borgia, in Anspielung auf die mittelalterliche Adelsfamilie, die für Giftmorde bekannt ist. Oder Angel of Mercy, also Engel der Barmherzigkeit. Die Ohio Historical Society berichtet, dass Annas Leichnam einen Tag später auf dem katholischen Friedhof Holy Cross in Columbus in Ungeweiht der Erde beigesetzt wird. Anna dachte, sie sei schlauer als alle anderen. Eine Zeit lang war sie das vielleicht in gewisser Weise auch, aber sie geht nicht, ohne sich nochmal zu äußern. Und zwar in Form der Briefe, die wir vorhin schon mal kurz angerissen haben, die sie ja an die Anwälte übergeben hat. Die Aufzeichnungen umfassen insgesamt fast 20 Seiten. Darin bekennt sich Anna tatsächlich zu vier Morden schuldig. Unfassbar! Anna, die immer wieder beteuert hat, dass sie unschuldig sei, wendet das Blatt nun doch selbst und gibt zu, vier Menschen getötet zu haben. Die forensische Psychologin Paula Orange sagt, dass man ihr Geständnis als eine Art Bitte um Vergebung betrachten kann. Gleichzeitig war sie kalt und herzlos und wollte bis zu ihrem letzten Atemzug die Kontrolle behalten. Ihr Geständnis kann als ein weiterer Versuch verstanden werden, die Kontrolle zu behalten, sogar noch im Tod. Wir lesen euch jetzt ein paar Auszüge aus Annas Briefen vor, die im Buch vom Autor David Law abgedruckt wurden.

Darin steht Ich zeige meine Gefühle nicht. Meine Schwierigkeiten im Leben, beginnend mit der Geburt meines Kindes, haben mich gelehrt, meine Gefühle zu kontrollieren. Ich weiß nicht, was mich dazu gebracht hat, das zu tun. Ich versuche nicht, mich oder meine Handlung zu entschuldigen. Das war nicht ich. Es kommt mir alles wie ein schrecklicher Traum vor. Ich habe keine Angst vor meinem Ende. Und meine letzte Sorge gilt nur meinem Jungen.

Ich habe dieses Geständnis im vollen Bewusstsein geschrieben, dass der Tod nahe ist und ich bitte nur um einen Gefallen, nämlich darum, dass mein Sohn nicht für das Unrecht verurteilt wird, das seine Mutter vielleicht begangen hat. Ich weiß nicht, wie ich die Dinge, die ich in meinem Leben getan habe, tun konnte. Nur Gott weiß, was in mir vorging, als ich Albert die erste Spritze gab, das Gift, das seinen Tod verursachte. Als ich bei Jakob stand, als er im Beerdigungsinstitut aufgebaut wurde, weiß ich nicht, warum ich nicht lauthals geschrien habe. Ich konnte nicht fassen, dass ich es war. Ich kann es auch heute noch nicht glauben. Ich saß da und hörte eine Geschichte wie aus einem Buch, die von einer anderen Person handelte. Ich kann nicht bei klarem Verstand gewesen sein, als ich sie tat. Mein Mann und ich waren arbeitslos geworden und ich begann, mir Sorgen um die Zukunft meines Jungen zu machen. Ich wurde verrückt vor Angst, dass mein Junge und ich verhungern würden. Daraufhin begann ich mit Glücksspielen und Rennpferden zu spielen. Ich wollte etwas Geld für meinen Jungen verdienen. Im Brief schreibt Anna weiter, dass sie Albert auf der Pferderennbahn kennengelernt hat. Die beiden sind sich mit der Zeit näher gekommen. Zumindest dachte Albert das.

Anna leiht sich Geld für weitere Wetten von ihm. Und laut eigenen Aussagen hat sie ihm den Großteil davon zurückgezahlt. Aber als es ihm nicht schnell genug ging, wollte er sie zu seinem Mädchen machen, wie sie schreibt. Hätte ihr gedroht, einen Anwalt auf sie zu hetzen, wenn sie nicht macht, was er verlangt. Sie schreibt, Gott weiß, dass ich ihn nicht umbringen wollte. Ich erinnerte mich daran, dass unten im Keller Rattengift lag. Irgendwas in meinem Kopf sagte mir immer wieder, gib ihm ein wenig davon und er wird dich nicht mehr belästigen.

Ich weiß nicht, was mich dazu gebracht hat, aber ich habe etwas von dem Gift in die Ausland getan. Anna schreibt in ihren Briefen immer wieder von dem inneren Kampf mit sich selbst. Ihren Problemen zu akzeptieren, was sie getan hat. Doch ihr Kampf war anscheinend immer nur von kurzer Dauer. Denn wie wir wissen, sind anschließend noch weitere Männer gestorben. Sie hat Jakobs Sparbücher gestohlen, was er schließlich bemerkt hat. Sie hatte Angst, dass er sie verrät und anzeigt und damit war sein Schicksal für Anna besiegelt. Über den 67-jährigen Georg und den Schuhmacher Georg schreibt Anna wenig. Am Ende ihrer Briefe geht sie nochmals auf die Kämpfe ein, die in ihrem Inneren wüten. Sie schreibt, wie sie versucht hat, bei Verstand zu bleiben. Über ihren Sohn Oskar und die Sorge um sein Wohlergehen. Sie schreibt, es gab Zeiten im Gerichtssaal, über die die Zeitung schrieben, dass ich kurz davor war zu weinen. Ich war kurz davor zu schreien. Ich konnte mein Geheimnis kaum für mich behalten. Ich wollte schreien, dass sie die andere Anna vor Gericht stellen und nicht die, die im Gerichtssaal sitzt. Annas Anwälte haben ihre Briefe und das darin enthaltene Geständnis an den Cincinnati Enquirer verkauft. Aus dem Erlös soll Oscars Zukunft abgesichert werden. Das Geld wird für ihn in einem Treuhandfonds eingezahlt. Oscar ist zwölf Jahre alt, als seine Mutter hingerichtet wird. Er wird aus Cincinnati fortgebracht, bekommt einen neuen Namen und beginnt ein neues Leben in einer Pflegefamilie im Mittleren Westen der USA.

Über Oscars weitere Zukunft ist so gut wie nichts bekannt. Nur, dass er ein relativ normales Leben führen soll. Annas Ex-Mann Philipp heiratet kurz nach dem Prozess eine neue Frau. Wenn man ihren Briefen Glauben schenkt, dann hat sich Anna Sorgen um die finanzielle Sicherheit ihres Sohns Oscar gemacht und aus diesem Motiv heraus gemordet. In Wahrheit hat sie sich wohl eher selbst durch Glücksspiel und ihre Spielsucht in die finanzielle Schuldenfalle katapultiert und einen Ausweg gesucht, der nicht zu rechtfertigen ist. Anna, eine deutsch-amerikanische Serienmörderin, die als eine der ersten Frauen in den USA auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde. Eine Frau, die ihren zwölfjährigen Sohn zurücklässt, der seinen leiblichen Vater nicht kennt und seine Mutter durch ihre Taten verloren hat. Es wird übrigens vermutet, dass sie sogar noch viel mehr Menschen, nämlich um die 20, ermordet hat. Belegt ist das allerdings nicht.

Ich sag's immer wieder und ich glaube, ich werde es in Zukunft wahrscheinlich auch noch häufiger sagen, vertraut nicht dem Halo-Effekt, Leute, um die abzuholen, die mit dem Effekt vielleicht nichts anfangen können. Der Halo-Effekt bezeichnet im Endeffekt, dass jemand, der einfach jemandem sympathisch aussieht oder gut aussieht, gleichzeitig auch positive Eigenschaften zugeschrieben werden, die die Person so aber vielleicht gar nicht hat. Und mit diesen Worten schließen wir die schwarze Akte für heute. Aber ihr habt noch einen kleinen Auftrag. Zumindest würden wir uns sehr freuen, wenn ihr diesen Podcast abonniert, damit ihr die neue Folge jeden Dienstag auch nicht mehr verpasst. Überall da, wo es Podcasts gibt. Und wenn ihr so richtig Bock habt, dann würden wir uns natürlich auch noch über eine positive Bewertung freuen. Im besten Fall natürlich fünf Sterne, wenn es euch gut gefällt. Hier bei Spotify, aber gerne auch bei Apple Podcast. Oder ihr könnt uns natürlich auch bei Instagram schreiben. Da heißen wir Schwarze Akte. Und mit diesen vielen To-Dos für euch schließen wir die schwarze Akte jetzt aber wirklich und freuen uns sehr, wenn ihr nächste Woche Dienstag wieder mit dabei seid.

Wir sind eure Hosts Anne Luckmann und Patrick Strobusch. Redaktion und Schnitt Anne Luckmann. Mit der Stimme von Pia Rohnersachse. Ausführender Produzent Falko Schulte. Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios.

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