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Schwarze Akte. Das Archiv.
Für den heutigen Fall begeben wir uns zu einem Friedhof. Genauer gesagt zu dem St. Barbara Friedhof in Linz in Österreich. Neben uns verlaufen die Gleise der Westbahn, die nach Wien fährt. Es ist der Morgen vom 14. März 1986.
Der Friedhof ist an diesem Morgen alles andere als eine Ruhestätte, denn die Kriminalpolizei ist vor Ort. Aber auch die Presse und viele Schaulustige. Viel zu viele Menschen tümmeln sich hier und alle wollen sie einen Blick erhaschen auf das, was hier Unsagbares passiert ist. Neben den Gleisen liegt nämlich eine Frauenleiche. Die Frau wurde ermordet, das ist offensichtlich. Jemand hat ihr direkt ins Gesicht geschossen und die Kugel ist unterhalb ihres linken Auges eingedrungen. Aber das ist noch nicht alles. Die Frau muss davor schwer misshandelt worden sein. Sie hat zahlreiche Wunden, Prellungen und Knochenbrüche. Sie ist untenrum komplett entkleidet, was dem Anschein nach auf ein sexuelles Motiv hindeutet. Wer auch immer das getan hat, der muss äußerst brutal und gnadenlos vorgegangen sein. Es macht auch schnell die Runde, dass es hier einen Mord gegeben hat. Dafür sorgt die Presse vor Ort. Und die Erkenntnis trifft die Menschen wie einen Schlag. Denn hier, in ihrem Linz, da läuft ein Mörder frei herum. Und das, wo das allgemeine Sicherheitsgefühl in der Stadt doch eigentlich recht hoch ist. Also was ist hier passiert? Und wer ist die Tote? Und vor allem, wer steckt hinter dieser Tat?
Und damit herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte. Ich bin Anne Lukmann. Und mein Name ist Christopher Bücklein. Schön, dass ihr dabei seid und mit uns gemeinsam diesen Fall aus Österreich anhört. Denn dieser Fall, der hat in der Nähe von Linz stattgefunden. Und für die Polizei gibt es an diesem Tatort ein riesiges Problem. Denn wer von hier fliehen will, dem stehen viele Möglichkeiten offen. Im Norden geht's nach Tschechien, in den Osten nach Ungarn oder in die Slowakei. Und wenn man in den Süden fährt, dann kann man entweder nach Slowenien oder nach Italien fliehen.
Aber wer weiß überhaupt schon, ob sich der Mörder überhaupt zur Flucht entschieden hat. Vielleicht ist er ja auch noch in Linz, ganz in der Nähe des Tatorts und hat sich unter die Schaulustigen gemischt. Aber zunächst gilt es, die Identität des Opfers zu klären. Und das geht zum Glück auch recht schnell. Denn die Frau, die dort gefunden wird, heißt Elfriede und ist gerade mal 23 Jahre alt geworden. Elfriede hat als Prostituierte in einem Bordell gearbeitet, und zwar ganz in der Nähe des Ortes, an dem man auch ihre Leiche gefunden hat, nicht mal 200 Meter entfernt. Neben diesem Bordell befindet sich ein weiteres Freudenhaus, die Bunny Bar. Das ist ein Rotlichtlokal, das wohl in erster Linie lokal sein soll, bei dem man aber trotzdem sexuelle Dienstleistungen kaufen kann. Der Betreiber dieses Bunnies, wie es umgangssprachlich genannt wird, ist ein gewisser Tibor. Tibor ist recht neu in der Szene und möchte im Geschäft mit der Lust Geld verdienen.
Zu diesem Zeitpunkt ist er 29 Jahre alt. Und hier, in dem Bereich, rund um das Lokal, da werden Blutspuren gefunden. Die Frage, die sich stellt, ist, ob der Mord also vielleicht irgendwas mit dieser Bunny Bar zu tun hat. Aber kann das jetzt so einfach sein? Für die Polizei scheint dieser Fall jedoch glasklar. Bereits einen Tag nach dem Fund der Leiche wird der Betreiber der Bunny Bar festgenommen. Er steht im Verdacht, Elfriede ermordet zu haben. Die Blutspuren in seiner Bar passen zu Elfriede und sein Motiv, zumindest vermutet das die Polizei, Tibor hätte die professionellen Dienste von Elfriede in Anspruch nehmen wollen, worauf es zwischen den beiden in der Nacht des 13. März zu einer Auseinandersetzung gekommen sein soll.
Tibor selbst bestreitet, dass er irgendwas mit dem Vorfall zu tun hat. Seine Ehefrau stützt seine Aussage mit einem Alibi, aber wie genau das aussieht, das geben unsere Quellen leider nicht her. Vermutlich sagt sie aus, dass sie mit ihm während der Tatzeit zusammen gewesen sein soll. Gemeinsam mit Tibor wird aber noch eine zweite Person festgenommen, nämlich die 22-jährige Regina.
Regina soll auch im Bunny als Prostituierte gearbeitet haben und gleichzeitig aber auch die Geliebte von Tibor sein. Sie soll ihn wohl Mein Meister genannt haben. Und Regina ist auch eine Schlüsselfigur hier in diesem Fall, denn sie wird später als Kronzeugin gegen Tibor aussagen. Ihre Schilderungen sind aber irgendwie nicht so ganz stringent, denn zunächst bestreitet sie, überhaupt irgendwas mit dem Fall zu tun zu haben. Aber dann ändert sie ihre Meinung und gibt zu, dass sie doch mehr über den Mord wisse. Die Versionen, was genau passiert ist, die ändern sich aber immer mal wieder. Aber eine dieser Versionen ist höchst interessant. Denn sie sagt, dass sie selbst Elfriede erschossen haben soll. Und zwar nachdem sie von Tibor zu der Tat gezwungen worden sein soll. Sie hätte dabei jedoch nicht alleine gehandelt, sondern mit einer dritten Person zusammen. Diese Person heißt Peter. Er ist ein ehemaliger Lederwarenhändler und ein guter Freund von Tibor. Peter sagt ebenso wie Tibor aus, dass er nichts mit dem Mord zu tun hat. Und damit ist Regina die Einzige, die bis dato irgendwas zugegeben hat. Und trotz dieser widersprüchlichen Aussagen werden alle drei vor Gericht gestellt.
Die Verhandlung in diesem Prozess dauert 20 Tage. Fast 80 Zeugen werden gehört, dazu fünf Sachverständige. Aber sowohl Tibor als auch Peter behaupten weiterhin steif und fest, dass sie unschuldig sind.
Aber das reicht nicht, die Verteidigung, die kann nichts ausrichten, denn das Gericht glaubt am Ende der Schilderung von Regina, dass Tibor sie zum Schuss gezwungen hätte. Sie sagt, sie hätte die Wahl gehabt. Entweder sie schießt oder sie wird ebenfalls sterben.
Tibor wird daraufhin zur lebenslange Haft verurteilt und Peter erhält als Komplize 18 Jahre. Regina selbst wird freigesprochen, denn sie habe aus einer Notsituation heraus und unter Zwang gehandelt. Das juristisch korrekte Wort dafür heißt entschuldigter Notstand. Darüber hinaus habe Regina durch ihre Aussage als Kronzeugin den erfolgreichen Abschluss des Prozesses überhaupt erst möglich gemacht und deshalb gibt es keine Gefängnisstrafe für sie, obwohl sie ihrer eigenen Schilderung nach ja selbst den tödlichen Schuss abgegeben hat. Das Urteil fällt am 31. März 1987, also fast genau ein Jahr nach dem Mord. Für die Polizei in Linz ist das natürlich ein totaler und toller Erfolg, denn der Tatverdächtige wurde quasi unmittelbar nach der Tat gefasst und die Ermittlungen dazu verliefen dann kurz und knackig. Ja, und der vermeintliche Mörder ist ja jetzt hinter Gittern und sein Komplize ebenso. Aber ist das denn wirklich alles so mit rechten Dingen zugegangen? Denn Regina widerruft als Kronzeugin ihre Aussage später mit der Begründung, dass die Polizei auf sie Druck ausgeübt hat. Tja, und damit ist die Geschichte von Tibor noch lange nicht vorbei.
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Nicht nur, weil Regina ihre Aussage zurückruft, sondern auch, weil Tibor überhaupt nicht vorhat, den Rest seines Lebens im Gefängnis zu verbringen. Er plant heimlich und höchst vorsichtig seine Flucht. Und dabei, das muss man sagen, geht er ziemlich geschickt vor. Aber bevor wir über seine Fluchtvorbereitungen und die Zeit hinter Gittern sprechen, schauen wir uns an, wer dieser Tibor überhaupt ist und werfen einen Blick in seine Vergangenheit. Tibor ist im April 1956 geboren worden. Das heißt, als er verurteilt wird, da ist er gerade mal 30 Jahre alt. Und das ist auf jeden Fall sehr, sehr jung, um das ganze restliche Erwachsenenleben dann hinter Gittern zu verbringen. Tibor ist 1,75 groß, hat braunes Haar, blaugrüne Augen und ein Muttermal unter dem Auge. Er ist eher ein durchtrainierter, muskulöser Typ, hat eine 5 cm lange Narbe am linken Ellenbogen und legt großen Wert auf ein gesundes Leben. Das heißt, er raucht nicht und er trinkt auch keinen Alkohol. In seinen Akten wird er als Einzelgänger beschrieben. Er soll sehr intelligent und diszipliniert sein. Er mag Hunde mehr als Menschen und ist ziemlich geübt darin, Frauen zu manipulieren und zu unterwerfen.
Er hat außerdem ein besonderes Faible für Motorräder. Er ist früher nämlich selbst große Rennen gefahren und hat es sogar zum Vize-Europameister und österreichischen Staatsmeister geschafft. Ja, aber dann findet er sich plötzlich in der Strafvollzuganstalt Stein an der Donau wieder. Doch statt sein Schicksal zu akzeptieren, blickt er nach vorn und beginnt sofort für eine Revidierung des Urteils zu kämpfen. Denn Tibor beteuert ja, genauso wie Peter, nach wie vor seine Unschuld.
Aber da ihm einiges an Wissen fehlt in diesem juristischen Bereich, beschließt er, im Gefängnis Jura zu studieren. Er will seinen Freispruch erkämpfen. Zumindest lautet so seine offizielle Erklärung für diese Entscheidung.
Aus der Haft heraus sucht Tibor Kontakt zu den Medien und baut in der Öffentlichkeit ein Bild von sich, das ihn als Justizopfer darstellt, das zu Unrecht verurteilt wurde. Er würde trotzdem versuchen, das Beste aus der Situation zu machen und seine ganze Energie in sein Studium investieren. Ja, was aber erst viel später klar wird, ist, dass sein Wunsch nach einer juristischen Ausbildung eigentlich nur Ablenkung von seinem eigentlichen Ziel ist. Denn Tibor will aus der Haft ausbrechen.
Durch das Studium, das weiß er, wird er die Möglichkeit haben, auch einige Vorlesungen vor Ort in der Uni zu hören. Und da wird er nur in Begleitung einiger Justizwachbeamten sein. Was ja eine ganz andere Situation ist als in der Haftanstalt hinter Gittern unter quasi ständiger Überwachung von einer Vielzahl an Beamten. Und so schmiedet Tibor von langer Hand einen Plan. Doch damit ihm diese Flucht gelingen kann, braucht er natürlich auch noch Fluchthelfer. Ja, zum Beispiel seine Eltern. Die glauben an seine Unschuld und stehen ihm zur Seite. Außerdem hat er Freunde draußen, auf die er sich verlassen kann. Und er bekommt immer wieder Briefe von Frauen, die in der Zeitung von seinem Fall lesen und ihm daraufhin Post ins Gefängnis schicken. Und Tibor, der antwortet auf die Briefe. Der lädt einige Frauen ein, ihn besuchen zu kommen und beginnt sogar Beziehungen mit ihnen. Einigen soll er sogar Verlobungen in Aussicht gestellt haben. Ja, und so baut er sich Schritt für Schritt ein Netzwerk von möglichen Fluchthelfern auf.
Natürlich ist es nicht gerade leicht, aus der Haft heraus eine Flucht zu organisieren, denn er darf nur das offizielle Gefängnistelefon nutzen und bei dem muss er jederzeit damit rechnen, abgehört zu werden. Also lässt Tibor seine Leute Handys in die Haftanstalt schmuggeln. Was anscheinend wohl leichter ist, als man denkt, denn die Handys werden in der Achselhöhle versteckt, kurz vor der Durchgangskontrolle. So berichtet das zumindest eine der Fluchthelferinnen, die später gegenüber den Medien auspacken wird.
Tibor lässt auch ein Fluchtmotorrad organisieren, das in einer gemieteten Garage ganz in der Nähe der Uni auf ihn warten wird. Noch dazu ein schwarzer Rucksack mit Kleidung, Proviant, einem Schlafsack und den wichtigsten Hygieneartikeln. Denn Tibor geht davon aus, dass es nicht beim ersten Mal klappen wird und plant deswegen von vornherein auch mehrere Versuche ein. Ja, und irgendwann kommt aber der große Tag. Es ist der 27. April 1995 und Tibor hat zu diesem Zeitpunkt bereits neun Jahre seiner Haft abgesessen. Vollkommen ohne Auffälligkeiten. Aber um kurz vor halb neun Uhr morgens trifft er nun in Begleitung zweier Justizbeamter an der Uni Linz ein. Wenn Tibor an die Uni geht, muss er keine Handschellen tragen. Das ist nicht sein erster Ausflug an die Uni. Die Male davor dienten dazu, selbst einen Eindruck von den Örtlichkeiten zu bekommen und natürlich auch um das Vertrauen der Justizbeamten zu gewinnen. Denn wenn es schon so viele Male problemlos mit dem Ausflug in die Uni geklappt hat, warum dann nicht auch heute?
Die zwei Beamten begleiten Tibor zunächst in den dritten Stock des Juridikums. Dort legt Tibor im Vorlesungssaal Nummer 311 seine Tasche ab. Das läuft alles so ab wie immer. Aber bevor er sich hinsetzt, möchte er noch schnell auf die Toilette im Hauptgebäude gehen. Und natürlich passiert das in Begleitung der beiden Beamten. Auf dem Weg dorthin beginnt Tibor dann ein Gespräch mit den beiden. Und zwar über die Lehrveranstaltungen und was in der Zukunft unimäßig noch so alles ansteht.
Im Hauptgebäude angekommen, will er dann noch schnell was im Hörsaal 1 nachschauen und verschwindet hinter einem Paravon. Ihr wisst schon, diese Stellwände, die als Raumtrenner dienen. Hinter diesem Raumtrenner können die beiden Beamten Tibor aber nicht mehr sehen, was dieser direkt ausnutzt. Denn der läuft schnell zurück zum Juridikum, während seine Bewacher wohl erstmal realisieren müssen, was hier gerade abgeht und ihn dann aber im Hauptgebäude suchen. Im Juridikum angekommen, eilt Tibor dann zurück in den dritten Stock, wo ja eigentlich seine Vorlesung stattfindet, und holt dann aus der Toilette den Garagenschlüssel, der dort extra von einer Fluchthelferin versteckt wurde. Diese detaillierte Schilderung wurde übrigens vom österreichischen Bundeskriminalamt genauso auf ihrer Website veröffentlicht. Aber sie schreiben dort leider nicht, wie genau Tibor argumentiert hat, dass er zur Toilette im Hauptgebäude möchte und nicht einfach die Toilette im Juridikum genutzt hat. Das wäre ja vielleicht auch nochmal interessant gewesen zu wissen, aber das steht da leider nicht. Das bedeutet, Tibor hat jetzt den Schlüssel und braucht gerade einmal 7 Minuten und 30 Sekunden, um zur Garage zu gelangen. Dort zieht er einen Motorradanzug an und fährt mit einem Motorrad davon. Auch das haben seine Helfer bereitgestellt. Er fährt erst über den Marienberg, dann zur Leonfeldener Bundesstraße und dann ist Tibor weg.
Sofort wird eine Großfahndung in Gang gebracht, aber die hat keinen Erfolg. Tibor hat durch diesen Überraschungseffekt einen entscheidenden Vorsprung.
Die Leonfeldener Straße, die ist übrigens 34 Kilometer lang und führt von Linz hoch in den Norden direkt zur tschechischen Grenze. Das heißt, er könnte nach Tschechien geflohen sein, aber so genau weiß man das nicht. Nur eine Sache kann man sicher sagen über diese Flucht. Ohne seine Helfer wäre die nie geglückt. Wir hatten ja vorhin schon mal kurz angesprochen, wer diese Helfer waren. Nämlich seine Eltern, alte Freunde, aber auch neu dazu gewonnene Liebschaften aus seiner Zeit in Haft. Und eine dieser Frauen erzählt in einem Interview mit der Kron-Zeitung von ihrer Beziehung zu Tibor und ihrem Part bei seiner Flucht. Darüber hat sie sogar auch ein Buch geschrieben. Diese Frau heißt Trudy. Trudy ist allerdings nicht ihr echter Name, sondern nur ein Pseudonym, weil sie ihre Identität geheim halten möchte. Und zwar aus Angst davor, dass sich vielleicht irgendjemand an ihr rechnen könnte, weil sie Tibor zur Flucht verholfen hat. Trudi lernt Tibor kennen, als er schon im Gefängnis ist. Sie schreibt ihm Briefe, nachdem sie über ihn, das Urteil und auch die Zweifel an dem Urteil in der Zeitung gelesen hat. Tibor lädt Trudi daraufhin ins Gefängnis ein und so nehmen die Dinge ihren Lauf. Als die beiden sich kennenlernen, ist Trudi 24 Jahre alt und Tibor 36. Drei Jahre lang besucht Trudy ihn in der Haft und im Besucherraum unter dem Tisch halten die beiden heimlich Händchen.
Trudy sagt, Tibor wäre ihr absoluter Lebens- und Lieblingsmensch, so wird sie in der Kronenzeitung zitiert. Die beiden telefonieren fast jeden Tag miteinander. Dank der geschmuggelten Handys ist das für Tibor ein Kinderspiel. Trudi selbst hat ihm sogar mal eins mitgebracht und hat es genauso, wie Anne schon gesagt hat, in der Achselhöhle versteckt, um das in der Durchgangskontrolle zu verstecken. Und Tibor weiß genau, wie er Trudi zu behandeln hat, aber dennoch fühle sie sich von ihm in keinster Weise manipuliert. Er habe einen guten Einfluss auf sie, findet sie zumindest, denn er sorge sich um sie und halte sie an, gesund zu leben. Nicht zu rauchen, keinen Alkohol zu trinken und schön brav zu lernen. Und Trudi hält sich daran. Anstatt auszugehen, bleibt sie also lieber zu Hause und wartet auf seinen Anruf, um dann ganz in Ruhe mit ihm quatschen zu können. Und ihre Mutter beispielsweise, die weiß auch von dem Kontakt zu Tibor. Und hat nichts dagegen. Sie merkt nämlich, dass Tibor ihrer Tochter guttut und schickt ihm sogar regelmäßig Geld ins Gefängnis, damit er sich dort Lebensmittel kaufen kann. Allerdings halten die beiden vor dem Vater diese neue Bekanntschaft lieber mal geheim. Verbum.
Werbung Ende eigene Mutter alleine lassen und das wäre keine Option. Trudi hilft Tibor nicht nur, weil sie glaubt, dass er unschuldig ist, sondern auch, weil sie weiß, dass Tibor Angst hat. Er hat Angst, in Haft ermordet zu werden, denn ein anderer Insasse hat kurz nach seiner Verurteilung Suizid begangen und Tibor ist sich sicher, dass es kein Suizid war, sondern Mord. Und er glaubt, er wäre der Nächste. Also liegt Trudi viel daran, ihn aus dieser Gefahr herauszuholen.
Gemeinsam mit einer anderen weiblichen Bekanntschaft, einer Arztgattin, kundschaften sie also die Lage an der Uni aus. Und außerdem suchen sie einsame Pfade, über die Tibor dann über die Grenze gelangen kann. Sie machen Fotos von Weggabelungen und bringen diese ihm dann in die Haft. Außerdem beschafft Trudi drei Kawasaki, die ein Freund von Tibor zu einer zusammenbaut. Dann fotografiert sie das Nummernschild von irgendeiner anderen Maschine ab, die zufällig am Straßenrand geparkt steht. Und Tibors Vater, der gelernter Fotograf ist, der pickt dann eine maßstabgerechte Vergrößerung davon auf seine kleine Blechplatte. Und das ist immer noch nicht alles. Immer wieder muss Trudi die Schlüssel des Motorrads in der Spülung einer Unitoilette neu verstecken, damit sie nicht zufällig gefunden werden. Mehrfach deponiert sie Geld und Proviant, zum Beispiel Wurstbrote und Chips, im Biker-Case, damit immer alles frisch ist. Letztendlich kann ja niemand wissen, wann genau es soweit sein wird. Ja, und dann kommt tatsächlich der Tag, an dem der Plan aufgeht. Und Trudi, wie auch die Frau des Arztes, Tibors Eltern und weitere seiner Freunde finden sich plötzlich auf der Anklagebank als Fluchthelfer eines verurteilten Mörders wieder.
Trudi bekommt fünf Monate auf Bewährung. Insgesamt werden acht Personen vom Landesgericht Linz wegen Befreiung eines Gefangenen zu Haftstrafen zwischen drei und acht Monaten verurteilt.
Ja, so viel zu Tibors Flucht, aber nicht nur er hat seine Freiheit wieder, sondern auch in Peters Fall tut sich was. Peter, wir erinnern uns, ist der Freund von Tibor, der als dessen Komplize verurteilt wurde. Aber das Ding ist halt, nach wie vor gibt es Zweifel an der Schuld der beiden Männer. Dazu kommt, dass der ganze Weg hin bis zum Urteil, also vor allem die Ermittlungen und das darauffolgende Verfahren, viel zu schnell und anscheinend nicht wirklich einwandfrei verlaufen sind. So werden immer mehr kritische Stimmlaut, die eine Neuaufnahme fordern. Zum Beispiel soll der Richter laut Anwesenden im Verfahren die Strafprozessordnung gebrochen haben, indem er die Geschworenen falsch informiert habe. Anscheinend wurde außerdem bei der Gutachterin eingebrochen, wobei Beweisstücke verschwunden sind. Allerdings soll diese Gutachterin den Einbruch erst fünf Jahre später gemeldet haben. Es gibt auch Quellen, in denen behauptet wird, dass die Polizei Zeugen gelenkt und viel schlimmer, sogar gefoltert haben soll. Dafür gibt es allerdings keine Beweise. Tibors Frau, die mittlerweile seine Ex-Frau ist, die hatte ihm ja ein Alibi für die Tatzeit geliefert, hat das allerdings später wieder zurückgezogen. Sie ist jetzt mittlerweile mit einem der Kriminalbeamten verheiratet, der in diesem Fall maßgeblich ermittelt hat.
Außerdem sollen DNA eines Unbekannten an der Leiche gefunden worden sein, Aber dieser Punkt, der ist noch nicht abschließend geklärt. Und dazu kommt, dass Regina, die Grundzeugin, ihr Geständnis sechs Jahre nach dem Urteilsspruch widerrufen hat. Und zwar mit der Begründung, dass sie dieses Geständnis nur unter extremem Druck der Polizei gemacht hätte. Aber auch für diese Aussage gibt es keine Beweise.
Ihr seht schon, irgendwie schreit alles an diesem Verfahren danach, dass man es neu aufnehmen müsste und neu verhandeln müsste. und es gibt sogar einige Geschworene, die sich dafür einsetzen. Sie erklären öffentlich, dass sie in diesem Prozess damals unter Druck gesetzt worden wären. Und damit ist die Grundlage, auf der das Urteil beruht, schwer erschüttert. 1996, also gut neun Jahre nach dem ersten Prozess, wird dieser komplette Fall neu aufgerollt und die Karten liegen wieder offen auf dem Tisch. Zu diesem Zeitpunkt ist Tibor schon seit einem Jahr auf der Flucht. Ein Anwalt, der sich viel mit diesem Fall beschäftigt hat, der sieht diese Tatsache weniger als Problem in der Gerichtsbarkeit, sondern als Zeichen, dass die Justiz funktioniert. Im Interview mit der österreichischen Tageszeitung Die Presse sagt er, dass die Wiederaufnahme ein Geständnis dafür sei, dass das Verfahren damals irgendwie problematisch war. Was von einer hohen Fehlerkultur in einer aufgeklärten Gesellschaft zeuge. Schließlich sei es unvermeidbar, dass ab und zu mal Fehler passieren. Und die Wiederaufnahme bedeutet aber nicht automatisch, dass man zu einem anderen Ergebnis komme.
Wie sich zeigen wird, steht am Ende des zweiten Verfahrens tatsächlich ein anderes Ergebnis als nach dem ersten im Raum. Denn Peter, der Komplize, der wird freigesprochen. Zu diesem Zeitpunkt hat er bereits fünf von seinen ursprünglichen 18 Jahren abgesessen und deshalb bekommt er für die Zeit, die er unschuldig im Gefängnis saß, eine Entschädigung. Und zwar in Höhe von 236.000 Schilling. Das Gericht erkennt also an, dass er tatsächlich unschuldig ist. Und nur damit ihr euch das vorstellen könnt, wie viel Geld das ist, wenn man die Inflation mit einrechnet, dann haben 236.000 Schillingen aus dem Jahr 97 einen heutigen Wert von ungefähr 31.000 Euro. Und nicht nur das. Durch dieses neue Verfahren wird auch das Urteil gegen Tibor aufgehoben. Das Gericht beruft sich dabei auf der einen Seite auf den rechtskräftigen Freispruch von Peter. Auf der anderen Seite erkennt es an, dass entlastende Tatsachen ignoriert wurden, wie zum Beispiel, dass weder Blut, Sperma noch Haare an der Leiche von Tibor stammen.
Außerdem konnte man nach seiner Festnahme keine Schmauchspuren an seinen Händen feststellen. Und damit wird Tibors Urteil tatsächlich aufgehoben. Aber er gilt immer noch als dringend tatverdächtig. Deswegen will man seinen Fall in einem weiteren Prozess noch einmal neu verhandeln. Dazu müsste er allerdings vor Ort sein. Tibor soll in Österreich auf sein neues Verfahren warten und müsste dafür hinter Gitter. Aber Tibor ist zu diesem Zeitpunkt seit mittlerweile zwei Jahren auf der Flucht. Und deswegen macht man ihm ein Angebot. Wenn er zurück nach Österreich kommt und sich dem Verfahren stellt, dann bekommt er ein halbes Jahr lang freies Geleit. Das bedeutet, er wird nicht sofort verhaftet. Ja, aber Tibor lässt sich damit nicht anlocken. denn nach all dem, was passiert ist, wird sein Vertrauen in die Justiz nicht mehr das Stärkste sein. Im Jahr 2000, also gut vier Jahre später, da erhebt das Landesgericht Linz erneut Anklage gegen Tibor, wegen Verdacht des Mordes. Immer noch im gleichen Fall, also wegen des Mordes an der Prostituierten Elfriede. Es wird sogar ein internationaler Haftbefehl erlassen und die Fahndung wird weltweit aufgenommen.
Tibors Eltern kämpfen nach diesem ganzen Hin und Her aber auch weiterhin für den Freispruch ihres Sohnes und sie nehmen Kontakt zu der Bundesministerin für Justiz auf, die dem Flüchtigen erneut sicheres Geleit im Fall einer freiwilligen Rückkehr zu sich hat. Die Eltern allerdings wollen keinen Deal. Sie wollen, dass das Verfahren gegen Tibor komplett eingestellt wird und er endlich wieder als freier Mann in Österreich leben kann.
Dieses Angebot der Justizministerin ist ihnen nicht gut genug, wie sie mehrfach selbst bei Auftritten in den Medien immer wieder anprangern. Ja, der Fall von Tibor, der ist auch heute noch offen und der Angeklagte befindet sich nach wie vor auf der Flucht. Die Behörden wissen nicht, wo er sich befindet. Sie wissen ja nicht mal, wie er heute aussieht. Das letzte Foto von ihm ist schon relativ alt. Es stammt aus der Zeit Ende der 80er Jahre und da war Tibor in seinen 30ern. Er kann sich optisch extrem verändert haben. Es reicht ja manchmal schon ein langer Bart oder langes Haar und schon ist eine Person schwerer zu erkennen. Und natürlich gibt es auch die Möglichkeit, dass er die plastische Chirurgie genutzt hat und sein Gesicht operieren ließ, damit er jetzt noch schwieriger zu erkennen ist.
Natürlich hat das österreichische Bundeskriminalamt entsprechende Programme, mit denen man Menschen auf Fotos künstlich altern lassen kann. Aber so realistisch diese Bilder auch aussehen, letztendlich sind das ja nur Berechnungen einer künstlichen Intelligenz. Aber wenn es euch interessiert, wie sich diese künstliche Intelligenz Tibor heute vorstellt, und wenn ihr wissen wollt, wie Tibor früher aussah, dann schaut mal in die Shownotes, da haben wir die entsprechenden Fotos für euch verlinkt. Ja, das Aussehen lässt sich leicht verändern, aber was sich nicht so leicht ändern lässt, sind sowohl Handschrift als auch die Stimme. Und deswegen veröffentlicht das BKA auch Stimmen- und Handschriftenproben als unveränderliche Merkmale einer Person auf ihrer Website. Das verlinken wir euch auch mal in den Shownotes. Die Fahndung nach Tibor läuft übrigens heute noch. Mittlerweile ist er seit über einem Vierteljahrhundert auf der Flucht. Und es ist auch eine offizielle Belohnung für Hinweise ausgeschrieben, die zu seiner Festnahme führen, nämlich mit 20.000 Euro. Tibor steht auf der Liste von Österreichs Most Wanted Person und als einziger Österreicher sogar auf der Most-Wanted-Liste von Europol, also der Strafverfolgungsbehörde der EU.
Medienberichten zufolge soll er mit einigen Menschen immer noch in Kontakt stehen, zum Beispiel mit seinem Anwalt. Ihm gegenüber soll er auch weiterhin darauf bestehen, dass er unschuldig ist und er soll betont haben, dass er überhaupt nicht daran denkt, zurück nach Österreich zu kommen, weil er nicht an ein faires Verfahren glaubt.
Wo genau Tibor sich aufhält, das ist nicht bekannt. Es gibt einige Gerüchte, die einen sagen, er wäre in den USA, andere sagen, er wäre in Ungarn. Und einige Menschen glauben, dass Tibor jetzt auf einer Pazifikinsel lebt. Das Motorrad, mit dem er geflohen ist, das konnte übrigens auch bis heute nicht gefunden werden. Und das letzte offizielle Lebenszeichen von ihm gab es ein Jahr nach seiner Flucht, als er nämlich einem Journalisten mehrere Briefe geschickt hat. Demnach ist es auch möglich, dass Tibor inzwischen verstorben ist. Seine Flucht ist ihm auf jeden Fall gelungen und er hält sich seit fast 30 Jahren erfolgreich versteckt, wenn er da noch lebt. Was bestimmt auch nicht immer so leicht ist, wenn man ein weltweit so intensiv gesuchter Mensch ist.
Und wie sieht's mit Trudi aus? Trudi arbeitet heute, über zwei Jahrzehnte später, als freie Autorin und führt ein Leben ohne Tibor. Sie hat keinen direkten Kontakt mehr zu ihm, aber immer wieder bekommt sie Informationen über ihn zugespielt.
Sie vermutet, dass er im fernen Ausland lebt, vermutlich als LKW-Fahrer arbeitet, häufig den Wohnort wechselt und ein eher unstetes Dasein führt. Aber mehr will sie den Medien nicht erzählen. Nur so viel, sie würde ihn gerne wiedersehen. Die Frage nach seiner Schuld kann also abschließend nicht geklärt werden, da das Verfahren ja immer noch offen ist. Um es zu einem Abschluss zu bringen, muss der Angeklagte vor Ort sein, was Tibor ja eben nicht ist. Letztendlich weiß nur er selbst, was in dieser Nacht passiert ist. Einige Leute sehen die Tatsache, dass er sich diesem Verfahren entzieht, als Schuldgeständnis. Andere glauben, dass er zu Recht kein Vertrauen und kein Glauben an ein gerechtes Urteil mehr hat. Die einen halten ihn für einen Mörder, die anderen für ein Justizopfer. Die Behörden, die wollen ihn unbedingt vor Gericht sehen. Die Fahndungsmöglichkeiten haben sich im Laufe der Jahre unter anderem ja zum Beispiel durch die sozialen Medien zwar verbessert, aber viel hat das jetzt bisher in Tibors Fall nicht geholfen. Und es kommt ja immer mal wieder vor, dass jemand erst nach einer langen Zeit ins internationale Fangnetz gerät. In Tibors Fall, da sind sich viele einig, wäre das aber eher ein Glückstreffer.
Ja, aber was wäre denn, wenn er heute gefasst würde? Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird der Prozess gegen ihn wiederholt, auch wenn die Tat schon 40 Jahre her ist. Und tatsächlich könnte die Strafe auch weiterhin lebenslang lauten. Denn wie in Deutschland auch, verjährt in Österreich Mord nicht. Aber normalerweise werden nach 20 Jahren keine lebenslangen Haftstrafen mehr ausgesprochen, sondern in der Regel eher Freiheitsstrafen zwischen 10 und 20 Jahren.
Bei Tibor könnte das allerdings anders sein, denn durch seine Flucht ist eine sogenannte Verjährungshemmung eingetreten. Das heißt, an der Strafandrohung, also an der lebenslangen Haftstrafe, hat sich nichts geändert. Dem Gericht steht allerdings offen, durch diesen langen Zeitraum, der seit der Tat vergangen ist, die Strafe zu mindern. Aber trotzdem, je nach Prozess, könnte Tibor eine lange Haftstrafe oder sogar nochmal eine lebenslange Haftstrafe bekommen. Sollte Tibor im Ausland gefasst werden, dann würde er sehr wahrscheinlich nach Österreich ausgeliefert werden, da ja ein internationaler Haftbefehl gegen ihn besteht und die Mordanklage gegen ihn in Österreich noch rechtskräftig ist. Ja, was bleibt, ist also das Wissen, wie wenig man eigentlich über ihn weiß. Und deswegen kommt der heutige Fall der schwarzen Akte auch hier zu einem Ende. Und vielen lieben Dank an Doris, denn du hast uns diesen Fall vorgeschlagen, dass wir doch mal über den sprechen können. Und wenn ihr Vorschläge habt, dann schickt uns die doch gerne zu, zum Beispiel bei Instagram. Da wisst ihr das doch schon, heißen wir schwarze Akte. Und ansonsten würden wir uns sehr freuen, wenn ihr diesen Podcast abonniert und uns eine kleine Bewertung da lasst. Und dann hören wir uns wieder in der nächsten Woche wieder, wenn wir eine schwarze Akte für euch öffnen. Vertraue und glaube, es hilft, es heilt die göttliche Kraft!