Music.

Schwarze Akte. Das Archiv.

In der heutigen Folge geht es um ziemlich viele Menschen. Auf eine gewisse Art und Weise. Unter anderem um Maria, Guiamina, Lucrezia, Natalia, Alicia, Andrea, Carmen, Socorro, Guadalupe, Estela, Telfina, Margarita, Simona, Julia, Arturo, Carolina, Celia, Mario, Emma, Dolores und um Anna. Und es ist kein Zufall, dass es sich bei der Aufzählung hauptsächlich um Frauennamen handelt. Aber das ist nicht die einzige Verbindung zwischen diesen Menschen. Was sie vor allem verbindet ist, dass sie recht alt sind und alleine leben und dass sie ermordet wurden, Und zwar von ein und derselben Person. Wir erzählen euch heute die Geschichte eines Serienmörders, der Anfang der 2000er Jahre in Mexiko sein Unwesen treibt. Abgesehen hat er oder sie es hauptsächlich auf ältere, alleinstehende Damen. Deswegen wird dieser Serienmörder von den Medien The Old Lady Killer genannt. Oder auf Spanisch El Mataviritas. Übersetzt, der, der alte Frauen tötet. Dabei geht der Killer höchst brutal vor. Seine Opfer stranguliert er oder erwürgt sie mit seinen bloßen Händen. Teilweise prügelt er Feuer auf sie ein. Einige der Ermordeten wurden mit gebrochenen Knochen aufgefunden.

Seine Art zu morden verrät viel über den Killer, dass er höchstwahrscheinlich getrieben von blindem Zorn agiert. Was aber führt einen Menschen dazu, einen solchen Hass auf alte Frauen zu hegen? Wie kann es sein, dass der Killer über Jahre unentdeckt bleibt, teilweise aber mit nur einigen Tagen Abstand zuschlägt? Und wer ist das wahre Gesicht hinter dem Old Lady Killer? Wir widmen uns heute all diesen Fragen und sogar noch einigen mehr. Und damit sagen wir erstmal herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte. Wie immer natürlich mit Anne Lukmann. Und mit Christopher Bücklein. Hallo. Und in dem Fall, über den wir heute sprechen, befinden wir uns in Mexico City im Jahr 2006. Seit vier Jahren häufen sich schon die Morde an älteren Menschen in dieser Stadt und die Polizei will trotzdem keine Verbindung zwischen diesen Vorfällen erkennen. Im Laufe der letzten Jahre wurden vereinzelt Verdächtige festgenommen und für einige Monate inhaftiert, aber der wahre Killer, der ist immer noch auf freiem Fuß.

Dieser mexikanische Albtraum beginnt im Jahr 2002, als Maria in ihrer Wohnung ermordet aufgefunden wird. Sie wurde 64 Jahre alt, hat alleine gelebt und die Todesursache war Erwürgen mit bloßen Händen. Nach diesem Vorfall nehmen die Verbrechen sprunghaft zu. Die Frauen, die dem Killer zum Opfer fallen, sind zwischen 59 und 92 Jahre alt. Er verschafft sich Zutritt zu ihren Wohnungen, erwürgt sie entweder mit seinen Händen oder stranguliert sie mit Gegenständen, die er in den Wohnungen der Frauen findet. Das können Kabel sein, das kann ein Gürtel sein, der Killer ist da nicht wählerisch. Die Tatwaffe lässt er dann am Tatort zurück. Und dafür nimmt er immer etwas anderes mit. Eine Art Souvenir. Häufig irgendein Gegenstand, der mit Religion zusammenhängt.

Das Ding ist, natürlich sind nicht alle Morde an älteren Menschen, die zu dieser Zeit in Mexiko geschehen, allein dem Old Ladykiller zuzuordnen. Denn tatsächlich ist die Mordrate Ende der 90er Jahre und Anfang der 2000er Jahre in Mexiko allein schon so recht hoch, als der Killer seine Mordserie beginnt. Während die Polizei sich noch weigert, von einem Serienmörder zu sprechen, da überschlagen sich die Medien aber längst mit Spekulation in diese Richtung. Es dauert ein ganzes Jahr, bis die Polizei genug Beweise gesammelt hat und mit ausreichend Zeugen gesprochen hat, um eine Verbindung zwischen den Morden zu erkennen. Es ist anzunehmen, dass der Killer sich als Kranken- bzw. Altenpfleger oder städtischer Sozialarbeiter ausgibt und sich so Zutritt zu den Wohnungen der alten Menschen verschafft. Ganz ordentlich und offiziell durch die Haustür. Nichts, was irgendwie Verdacht erregen könnte. Denn wenn ein Pflegedienst an der Tür klingelt, dann ist das ja meist erstmal ein Grund zur Freude für viele der älteren Menschen. Jemand denkt an mich, ich bin nicht allein, denn jemand kümmert sich um mich. Und es ist nicht so, als geschehe das aus heiterem Himmel, denn bei den meisten kommt ja tatsächlich regelmäßig eine Pflegekraft vorbei. Allerdings gibt es noch einen anderen Grund, warum die Polizei erst so zögerlich zugeben will, dass man es mit einem Serienmörder zu tun hat. Denn das Thema um den Old Lady Killer ist zu einem politischen Konflikt geworden.

Der Bürgermeister wird von seinen Gegnern, also seinen politischen Gegnern, dafür verantwortlich gemacht, dass die Gewaltkriminalität während seiner Amtszeit zugenommen hat. Denn er hat nämlich eine Regelung eingeführt, die die öffentliche Gesundheitsversorgung der Einwohner und Einwohnerinnen über 70 erleichtern soll. Und dank dieser neuen Regelung soll es dem Killer also jetzt leichter fallen, sich als Altenpfleger auszugeben. So kritisieren das zumindest die politischen Gegner des Bürgermeisters. Die Partei des Bürgermeisters, die lässt sich das natürlich nicht gefallen, denn für sie steht viel auf dem Spiel.

Die haben gerade erst den Bürgermeister zum Kandidaten für die 2006 anstehenden Präsidentschaftswahlen aufgestellt. Übrigens wird er die verlieren, aber das nur so nebenbei. Und die Partei wehrt sich, indem sie die Existenz des Old-Daily-Killers schlichtweg bestreitet und die politischen Gegner der Sensationslust beschuldigt.

Also beide Lager üben Druck auf die Polizei aus, aber jeweils aus unterschiedlichen Motiven. Also ihr merkt schon, es brodelt ordentlich in Mexiko City. Es gibt jede Menge Zündstoff, der bei dem kleinsten Funken durch die Decke gehen kann. Und das macht die Arbeit für die Polizei nicht leichter. Darf aber natürlich kein Hinderungsgrund sein, die Ermittlungen nicht mit voller Kraft voranzutreiben. Denn immerhin kann der Killer jederzeit erneut zuschlagen. Manchmal liegen Monate zwischen zwei Angriffen, aber eben manchmal auch nur ein paar Tage. Es ist also ein Wettlauf gegen die Zeit. Für viele Betroffene fühlt es sich aber nicht so an, als habe die Polizei den Kampf gegen den Keller so richtig aufgenommen. Ein bisschen was werde wohlgetan, so lautet die Kritik. Zum Beispiel werden Zeugen befragt und Phantombilder erstellt. Und jetzt kommt das große Aber. Aber die Maßnahmen seien in vielen Augen absolut nicht angemessen für die Gefahr, die sich Mexiko City jetzt gerade ausgesetzt sieht. Böse Stimmen munkeln sogar, dass es daran liege, dass hauptsächlich Seniorinnen aus der Unter- und Mittelschicht dem Killer zum Opfer fallen. Und vielleicht haben sie da auch ein bisschen recht. Im September 2005, da ist der Killer schon drei Jahre aktiv. Da wird die 82-jährige Carmen Camila ermordet.

Sie ist nicht nur eine Dame der Oberschicht, sondern auch die Mutter eines bekannten mexikanischen Kriminologen. Ihr Tod veranlasst die Polizei, eine Sonderoperation zu starten. Der Killer hat aber mittlerweile sein Muster verändert. Er schlägt jetzt sogar auch nachts zu. Vorher war er eigentlich nur tagsüber unterwegs.

In den Gegenden, in denen der Killer bereits aktiv war, werden von nun an vermehrt Polizeipatrouillen durchgeführt. Außerdem werden Flugblätter verteilt, auf denen ältere Frauen davor gewarnt werden, Fremden zu sehr zu vertrauen. Und nicht nur das. Die Polizei arbeitet sogar mit Ködern. Sie bezahlt ältere Frauen, die sich alleine in den Parks herumtreiben und so den Killer anlocken sollen. Natürlich werden sie dabei heimlich unter Polizeischutz gestellt. Aber wie kann man sich diesem Killer noch nähern? Was weiß man denn bereits über ihn, das dabei helfen könnte, ihn zu identifizieren und vor allem natürlich zu schnappen? Werbung.

Werbung Ende Die Polizei arbeitet mit zwei Profilen. Einem physischen, das nach Angaben von Augenzeugen erstellt wird, und einem psychischen.

Bisherige Augenzeugenberichte waren recht unterschiedlich, was das Aussehen des Killers betrifft. Denn einer Schilderung zufolge wirkte er eher weiblich, einer anderen nach eher männlich. Das physische Polizeiprofil beschreibt den Killer als einen Mann, der wie eine Frau gekleidet ist oder eine kräftige Frau in weißer Kleidung, zwischen 1,70 und 1,75 groß, mit einem gebräunten, ovalen Gesicht, breiten Wangen, blondem, kurzen Haar und etwa 45 Jahre alt. Auf dieser Beschreibung basierend werden also entsprechende Phantombildlagen gefertigt. Dass es sich aber womöglich tatsächlich um eine Frau handelt, das scheint der Polizei eher unwahrscheinlich. Denn einen Menschen mit bloßen Händen zu erwürgen, das bedarf echt viel Kraft. Besonders, wenn sich das Opfer dabei noch wehrt. Denn der Killer betäubt seine Opfer vorher nicht. Einige schlägt er zwar vorher bewusst los, aber eben nicht alle. Das psychische Profil sagt, dass es sich bei dem Killer um einen Mann handeln muss, der wahrscheinlich in seiner Kindheit misshandelt wurde, viel von Frauen umgeben war und mit einer Großmutter oder einer älteren Person zusammengelebt hat. Gleichzeitig soll er überdurchschnittlich intelligent sein und gegenüber dieser älteren Person große Abneigung hegen.

Diese Annahme folgend bittet die mexikanische Polizei auch die französischen Kollegen um Hilfe, da sie davon ausgehen, dass der Killer Ähnlichkeit mit einem französischen Serienmörder hat, der als das Monster von Montmartre bekannt ist. Aber um das kurz zu machen, diese Hilfe, die ist eine Sackgasse.

Die Polizei damals in Mexiko hat sich auf jeden Fall auf Glatteis begeben, denn sie haben auch ein paar, sagen wir mal, wirre Vermutungen angestellt, die jetzt nicht unbedingt groß begründet wurden. Denn zum Beispiel haben sie damals vermutet, dass es sich bei dem Killer auch um eine transsexuelle Person handeln kann. Und das haben sie sich so erklärt, dass der Killer von Augenzeugen mit einem stämmigen männlichen Körperbau beschrieben wurde, der aber weibliche Kleidung getragen hat. Deswegen, aus diesem Grund, haben sie fast 50 transvestitische Prostituierte befragt, wofür die Polizei aber auch schon damals heftige Kritik bekommen hat. Die zuvor festgenommenen Prostituierten müssen außerdem ihre Fingerabdrücke abgeben. Aber die Polizei stellt dann relativ schnell fest, dass sie sich auf dem Holzweg befinden. Denn kein einziger Fingerabdruck passt zu denen, die an den Tatorten gefunden wurden. Ihr erinnert euch, der Killer lässt die Gegenstände, mit denen er seine Opfer erdrosselt, am Tatort zurück und damit ja auch gleichzeitig seine Fingerabdrücke. Ja, und so tappt die Polizei ziemlich lange im Dunkeln. Mittlerweile ist 2006, das heißt der Killer ist schon fast drei Jahre aktiv und hat bereits über 30 Mal zugeschlagen. Dieser Killer, der muss sich in Sicherheit wägen, obwohl er ja davon ausgehen muss, dass die Polizei seine Fingerabdrücke hat. Es muss nur einen Abgleich geben und schon ist er identifiziert.

Aber dass in Mexiko City so viele Menschen wohnen, das ist vermutlich sein Schutz. Oder der Killer ist inzwischen vielleicht sogar selbst gestorben. Denn seit Oktober des vergangenen Jahres hat es keinen Mord mehr gegeben. Und es ist auch nicht auszuschließen, dass der Killer vielleicht Suizid begangen hat. Und dann kommt doch alles ganz anders als gedacht. Am 25. Januar 2006 geht der Old Lady Keller, nämlich der Polizei, ins Netz, als er gerade den Tatort verlässt. Und das alles aus einem riesengroßen, puren Zufall. Der Killer erwirkt eine 82-jährige Dame mit einem Stethoskop. Was der aber nicht weiß, die Dame hat ein Zimmer in ihrer Wohnung untervermietet. Das heißt, diese Frau lebt gar nicht allein. Und dieser Untermieter kommt gerade nach Hause, als der Killer die Wohnung verlässt. Er schaltet auch sofort, als er die tote Vermieterin sieht und ruft die Polizei. Und jetzt kommt alles ganz schnell zum anderen. Dadurch, dass die Polizei die Gegend vermehrt patrouilliert, ist schnell eine Streife zur Stelle und kann den Old Lady Killer festnehmen. Fall gelöst. Ja, und in diesem Moment kommt die ganz große Überraschung in diesem Fall. Denn der Old Lady Killer ist eine Frau. Ja, damit hatte niemand gerechnet, denn die Polizei hatte die ganze Zeit nach einem Mann gesucht und war so natürlich auf dem Holzweg.

Auch für die Presse ist das eine Riesensensation, denn auch die hatte ja ständig von einem Mann geschrieben gehabt. Und als bekannt wird, dass der Old Lady Killer in Wahrheit eine Killerin ist, da ändert sich auch die Berichterstattung dramatisch. Ja, ging man ja bisher von einem Mann aus, so wurde der unbekannte Mörder als vermutlich sehr intelligent bezeichnet und sogar mit dem amerikanischen Serienmörder Ted Bundy verglichen. Einem Serienmörder, Serienvergewaltiger und Entführer, der seine sexuellen Gelüste unter anderem an Kindern, Jugendlichen und sogar auch an Leichen auslebte. Ted Bundy galt als einer der berüchtigsten Serienmörder in der Geschichte der USA. Ja und kaum ist klar, dass es sich beim Old Lady Killer um eine Frau handelt, da wird sie als abnormal und krankhaft beschrieben und sogar mit Aileen Warners verglichen. Über die haben wir auch schon mal in der schwarzen Akte gesprochen, in Folge 20. Das ist eine amerikanische Serienmörderin, die ihre Opfer mit dem Versprechen auf Sex anlockt und dann erschossen hat. Ja und schnell ändern auch die Medien den Stempel von sehr intelligent und verpassen der Old Lady Killerin stattdessen das Label definitiv krank. Und das sagt ja auch schon einiges aus.

Der Name der Killerin ist Juana. Als sie gefasst wird, ist sie 48 Jahre alt und blickt auf ein Leben zurück, das von einer lieblosen, gewalttätigen Kindheit und Jugend geprägt wird. Wir schauen uns jetzt ihr Leben ein bisschen genauer an, denn wir wollen wissen, wie Juana zu dieser Tötungsmaschine geworden ist. Viele der Informationen, die wir jetzt mit euch teilen, die haben wir aus der Autobiografie, die Juana selbst über ihr Leben geschrieben hat. Die heißt Medicina Mata Villaritas. Das heißt, man nennt mich die, die alte Frauen tötet. Da Juana aber selbst nicht lesen und schreiben kann, hat ein Autor das Schreiben für sie übernommen. Juana wurde 1957 geboren in einem mexikanischen Bundesstaat, der unmittelbar nördlich von Mexiko City liegt. Juana ist also in der ungefähren Region aufgewachsen, in der sie später auch ihre Mordserie verübt. Aufgewachsen ist sie bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater, denn ihren leiblichen Vater hat sie nie kennengelernt. Die Mutter hat ihn verlassen, als sie gerade mal drei Monate alt war.

Rusta, ihre Mutter, die arbeitet als Prostituierte und ist stark alkoholabhängig. Und ihr Alkoholkonsum ist ein Problem, das sich von Juanas Geburt an durch ihr Leben ziehen und es auch stark prägen wird. Ihre Mutter ist nicht nur ständig betrunken, sondern verhält sich gegenüber ihrer Tochter auch höchst aggressiv. Und für Juana ist es normal, von ihrer Mutter geschlagen zu werden und davon ständig Blessuren davon zu tragen. Ihr Stiefvater, Refugio, ist für Juana eigentlich ihr richtiger Papa. Sie kann sich an ein Leben ohne ihn nicht erinnern und es spielt für sie keine Rolle, dass er nicht ihr natürlicher Vater ist. In ihrer Autobiografie schreibt sie, Ich habe meinen Stiefvater immer geliebt, als wäre er mein richtiger Vater, weil ich immer seine Unterstützung und sein Verständnis hatte und weil er mich nie geschlagen hat.

Aber leider schafft es ihr Papa nicht immer, Juana vor ihrer Mutter zu schützen. Wenn er da ist, dann hält sich ihre Mutter zurück. Aber wenn er fort ist, dann dominiert Juanas Mutter die gesamte Familie. ihr. Und schon bald muss Juana mit ansehen, wie ihre Mutter fremde Männer nach Hause einlädt, sobald der Vater auf der Arbeit ist. Und am liebsten würde Juana das dem Vater petzen, aber ihre Mutter droht ihr, Juana zu ermorden, wenn sie das tut.

Das ist jetzt nur eins der Beispiele für den Umgangston, der in dieser Familie herrscht. Und Juana hält das nicht wie eine leere Drohung, denn sie hätte bisher immer ihre Drohungen wahrgemacht. So schreibt es Juana in ihrer Autobiografie. Juana hat übrigens auch Geschwister. Aber wie viele es genau sind, das wird leider in den Quellen nicht ersichtlich. In ihrem Buch spricht sie selbst von insgesamt 32 Geschwistern und Halbgeschwistern.

Aber ganz genau wüsste sie es selbst auch nicht. Diese Zahlen haben wir allerdings ansonsten keiner anderen Stelle gefunden. Aber fest steht, dass Juana kein Einzelkind war. Welches Schicksal ihre anderen Geschwister ereilt hat, das ist leider nicht nachzuverfolgen. Aber schon als kleines Kind muss sich Juana um den Haushalt kümmern, damit sie und ihre Geschwister etwas zu essen haben. Die Mutter kommt und geht, wie es ihr beliebt, und sollte Juana am Abend noch nicht ihre Aufgaben erledigt haben, dann drohen Widerschläge. Und zwar, so formuliert sie es selbst in dem Buch, bis sie in Blut badete. Ja, so wächst Juana auf, mit dieser Art von Misshandlung. Und sie fragt sich, warum ihre Mutter sie so hasst. Und sie fragt Gott, aber er antwortet ihr nicht. Und so steht in ihrer Autobiografie, So bin ich aufgewachsen, ohne meinem Vater etwas sagen zu können. Wir waren so arm, dass wir in Zementsäcken schliefen, die unsere Betten waren, und wir waren so arm, dass wir in Zementsäcken schliefen, die unsere Betten waren, Und wir deckten uns mit Stücken von geflickten Bettdecken zu. Wir waren sehr arm. Aber vor allem waren wir sehr ehrlich, weil mein Stiefvater uns so erzogen hatte. Er sagte uns, wir sollten uns nichts nehmen, was nicht unser Eigentum war.

Im Alter von acht Jahren fängt Juana an zu arbeiten. Sie macht Botengänge und sammelt altes Eisen, um es anschließend zu verkaufen. Sie geht nicht zur Schule, denn ihr Vater ist der Ansicht, Frauen wären für das Haus da und Männer für die Arbeit. Und wenn Juana mal Obst essen will, dann muss sie es sich aus Mülltonnen fischen. Denn das Obst im Haus, das wäre nur für ihre Brüder bestimmt. Mit zwölf Jahren wird Juana von ihrer Mutter an einen anderen Mann verschenkt. Angeblich im Austausch für drei Bier.

Erst versteht Ruana gar nicht, was hier passiert und wartet in dem neuen Haus darauf, dass man sie wieder nach Hause bringt, aber das Gegenteil ist der Fall. Ruana weint und fleht den Mann an, sie doch bitte wieder zu ihrer Familie zurückzubringen, weil sie sonst unglaubliche Prügel von ihrer Mutter kassieren würde, aber die Erkenntnis, dass ihre eigene Mutter sie tatsächlich einfach so weggegeben hat, ist zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht richtig in ihrem Verstand angekommen. Ihr könnt euch denken, was passiert. Der Mann sperrt sie in sein Zimmer ein, fesselt sie ans Bett und vergewaltigt sie. Immer und immer wieder. Viel zu lange muss sie diese Tortur ertragen und sie selbst schreibt später, dass das ein Jahr gewesen sei. Andere Quellen sagen, es seien vier gewesen. Wenn sie etwas zu essen haben will, dann muss sie das Haus putzen und die Wäsche von allen waschen. Noch heftiger wird die ganze Sache, wenn man bedenkt, dass der Mann nicht alleine, sondern bei seiner Familie wohnt. Das heißt, alle bekommen mit, wie dieser Mann mit Ruana umgeht. Und auch wenn zum Beispiel dessen Mutter Einspruch erhebt, so verhält es sich mit dem Mann so ähnlich wie mit Ruanas Mutter. Er dominiert die gesamte Familie mit Angst und Aggression und niemand traut sich, sich gegen ihn aufzulehnen.

In dieser Zeit wird Juana zum ersten Mal schwanger. Sie weiß gar nicht, was passiert, als ihr Bauch immer dicker wird. Und selbst als man sie mit Venen ins Krankenhaus bringt, kann sie die Situation immer noch nicht einordnen.

Sie bringt einen Sohn zur Welt und ist mit seiner Pflege heillos überfordert. Aber welche Wahl hat sie? Ihr Baby ist von jetzt an Teil ihres Lebens. Und falls ihr euch beim Zuhören gerade gefragt habt, ob Juanas gesamte Familie ihr Verschwinden einfach so akzeptiert, dann können wir die Frage mit Nein beantworten. Ihr Stiefvater und eine ihrer Schwestern sollen wohl sogar nach ihr gesucht haben. Aber wer sie findet, das sind ihre Tante und Onkel. In einer geheimen Rettungsaktion helfen sie ihr, durch das Fenster aus ihrer Gefangenschaft abzuhauen, auch mit dem Baby natürlich, und dann sehen sie die Spuren der Schläge in ihrem Gesicht. Und endlich ist jemand da, der Juana mal zuhört, bei dem sie den ganzen Schmerz aus ihrem Leben abladen kann. Juanas Vater holt sie dann wieder zurück nach Hause, und zwar mit dem Versprechen, sie vor ihrer eigenen Mutter zu beschützen. Und das tut er auch. Als ihre Mutter wieder handgreiflich werden will, da stellt sich der Vater vor seine Tochter. Doch statt zu versuchen, die Situation zu deeskalieren, da schlägt er selbst auf die Mutter, also auf seine Frau ein, bis diese in Blut badet. So drückt es Juana in ihrer Autobiografie aus. Und damit wären die Fronten wohl geklärt. Zumindest lässt die Mutter Juana jetzt in den nächsten Jahren weitestgehend in Ruhe.

Werbung.

Im Jahr 1973, da ist Juana 15 Jahre alt, tritt Miguel in ihr Leben. Er ist etwas älter als sie und freundlich zu ihr und auch ihrem Sohn gegenüber. Und da Juana der Meinung ist, dass ihr Kind einen Vater braucht, beschließt sie, Miguel zu heiraten. Und für eine Weile ist alles gut. Aber dann läuft's auf der Arbeit nicht mehr so. und Miguel fängt an, immer später nach Hause zu kommen. Er trinkt, nimmt Drogen und die Gewaltspirale wiederholt sich. Wenn Miguel will, aber Juana nicht, dann nimmt er sie sich mit Gewalt. Mit Miguel bekommt Juana auch ein Kind. Es ist ein Mädchen. Sie will die Scheidung, aber Miguel droht, ihr die Kinder wegzunehmen, sollte sie ihn verlassen. Also hält Juana es weiter mit ihm aus. So lange, bis sie einen neuen Mann kennenlernt, mit dem sie heimlich eine Affäre anfängt. Und irgendwann nimmt sie dann ihren ganzen Mut zusammen, packt ihre Sachen und zieht mit den Kindern in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu ihrer Schwester.

Wie die Sache mit Miguel endet, das wissen wir ehrlicherweise nicht. Als Juana 18 ist, da stirbt ihre Mutter an einer Zirrhose, einer Vernarbung der Leber, die durch den erhöhten Alkoholkonsum auftreten kann. Sechs Jahre später stirbt auch ihr Vater an derselben Krankheit. Während der Tod ihrer Mutter keinerlei Emotion in Juana weckt, bricht für sie allerdings mit dem Ableben des Vaters eine Welt zusammen.

Letztendlich bekommt Juana in ihrem Leben vier Kinder mit drei verschiedenen Männern, zwei Jungs und zwei Mädchen. Aber ihr ältester Sohn stirbt tragischerweise im Alter von 24 Jahren bei einer Bandenschießerei. Die anderen Kinder leben auch heute noch. Da sie weiß, dass sie sich nicht auf einen Mann verlassen kann und vor allem auch nicht will, bringt Juana ihre Familie selbst durch. Sie hält sich mit kleineren Jobs über Wasser. Manche sind mehr und manche weniger offiziell und dabei handelt es sich um eine Mischung aus Hausarbeit, Straßenverkauf, bei dem sie wahrscheinlich Popcorn verkauft hat und Gelegenheitsdiebstahl. Die Nachbarn beschreiben die Kinder als lieb und die Mutter im Vorbeigehen immer als freundlich. Und dann schafft Ruanga es, ihre große Leidenschaft zum Beruf zu machen. Denn sie ist schon immer gerne zum Wrestling gegangen, hat es sich angeschaut und ist auch selbst angetreten. Bei ihrem ersten Kampf ist sie 22 Jahre alt. Dabei bricht sie sich eine Rippe und auch ein kompletter Arm ist verletzt, aber sie hat 50 Pesos verdient, was zu dieser Zeit ausreichend Geld ist, um Windeln und Milch für das Baby zu kaufen und trotzdem immer noch Geld übrig zu haben.

Die Lucha Libre, wie sie in Mexiko heißt, ist eine Form von Wrestling, bei der die Kämpfer Masken und Kostüme tragen. Die Kämpfer werden entweder als Technikos oder als Rudos bezeichnet. Die Technikos gelten als die Guten, die nach den Regeln kämpfen, und die Rudos als die Bösen, die diese Regeln brechen. In einem Interview, das Juana nur wenige Wochen vor ihrer Verhaftung im Fernsehen gegeben hat, da bezeichnet sie sich selbst als durch und durch Rudo. Also als jemand, der gern die Regeln missachtet. Als Wrestlerin baut Juana sich eine neue Identität auf. Sie nennt sich La Dame del Silencio, die Dame des Schweigens. Angeblich, weil sie selbst still ist und sich lieber zurückhält.

Juana ist erfolgreich. Sie tourt durch Zentral-Mexiko und kämpft in großen Arenen, organisiert aber auch selbst Wrestling-Veranstaltungen. Das ist alles möglich, weil Wrestling in Mexiko eine beliebte Form der Unterhaltung ist und die Nachfrage entsprechend hoch ist. Und wenn ihr mal wissen wollt, wie La Dame del Silencio ausgesehen hat, dann schaut mal in die Shownotes, da haben wir euch Fotos verlinkt. Sie hat ein Outfit, das sehr eng anliegt. Es ist rosa, es ist ein kurzärmeliger Anzug mit weißen, fast neonartigen Streifen. Dazu trägt sie hohe weiße Stiefel und ihr Gesicht wird von einer Maske in Form eines Schmetterlings verdeckt. Um ihren Bauch herum trägt sie einen Gurt, der eine Schnalle ebenfalls in Form eines Schmetterlings hat und ihre Haare sind kurz und blond gefärbt und auf dem Foto, das wir euch verdingt haben, wirken die sogar schon fast gelblich.

Aber Wrestling-Kämpfe sind nichts, mit dem man dauerhaft sicheres Einkommen erzielen kann. Vor allem deshalb nicht, weil irgendwann bei Juana der Körper nicht mehr ganz mitmacht. Im Jahr 2000, da ist sie 43 Jahre alt, da muss sie sich letztendlich aus dem Kampfsport zurückziehen. Also braucht sie eine neue Einkommensquelle. Und jetzt kommen die älteren Damen ins Spiel und der Kreis schließt sich. Sie gibt sich als Altenpflegerin bzw. Sozialarbeiterin aus, um so Zugang zu den Wohnungen alleinstehender Seniorinnen zu erhalten und diese dann auszurauben. Entweder spricht sie ihre Opfer auf offener Straße an oder sie klopft direkt an ihre Haustüren. Dabei geht sie allerdings keinesfalls wahllos vor, denn es gelingt ihr, sich eine Liste von Frauen zu beschaffen, die am staatlichen Hilfsprogramm zur Versorgung von älteren Menschen teilnehmen. Ihr erinnert euch, genau dieses Hilfsprogramm hatte der Bürgermeister ja zu der Zeit ins Leben gerufen.

Anhand dieser Liste sucht Juana nun die Seniorinnen aus, die allein leben. Und um authentisch zu erscheinen, da kleidet sie sich bei den Besuchen zunächst in weiß. Später besorgt sie sich auch eine richtige Pflegeuniform und fälscht sogar einen Ausweis. Und dann erklärt sie ihren Patientinnen, dass sie von der Regierung geschickt worden sei, um die Vitalwerte zu überprüfen. Einige Frauen bietet sie auch Massagen an oder Hilfe bei der Beschaffung von Medikamenten, um so deren Vertrauen und damit ja auch Zutritt zu ihren Wohnungen zu erhalten. Wenn Juana mit einer alten Dame allein in der Wohnung ist, erwürgt sie ihr Opfer. So kann sie sicher sein, dass es keine Zeugen gibt.

Und die Techniken und die Kraft, um einen Menschen zu erwürgen, das hat Juana als Wrestlerin gelernt. Sie hat zwar als Teil ihrer Verkleidung immer eine Tasche mit medizinischen Utensilien, wie zum Beispiel einem Stethoskop bei sich. Allerdings ermordet sie ihre Opfer in der Regel eher mit bloßen Händen und benutzt dafür kein Hilfsmittel. Oder sie findet etwas in der Wohnung, mit dem sie die Frauen erwürgt. Das lässt sie dann meistens aber auch am Tatort liegen. Anschließend raubt Ruana das Opfer aus. Sie nimmt Dinge mit, die sie zu Geld machen kann, aber behält auch manche Gegenstände als Trophäen. Zum Beispiel religiöse Schmuckstücke wie zum Beispiel Ketten mit einem christlichen Kreuz.

Später wird die Polizei in ihrer Wohnung einen extra Trophäenraum für diese Gegenstände finden, inklusive Zeitungsausschnitte über die Morde, obwohl Juana ja Analphabetin ist.

In diesem Zimmer befindet sich auch ein Altar für Jesús Malverde und Santa Muerte, zwei Volksheilige, die häufig von mexikanischen Kriminellen verehrt werden. Einige Quellen deuten an, dass Juana ihr erstes Opfer nicht geplant, sondern wohl im Affekt getötet habe. Die Dame, der sie in der Wohnung geholfen hat, habe Bemerkungen gemacht, die Juana als abfällig und erniedrigend empfunden habe. Deshalb sei sie wütend geworden, habe die Dame geschlagen und dann, vollkommen in Rage, mit bloßen Händen erwürgt. Drei Monate lang bleibt es nach diesem ersten Mord still um sie. Drei Monate, in denen die Medien bereits viel über den Old Lady Killer berichten und damals ja noch angenommen haben, dass es sich um einen Mann handelt. Daher gibt es auch die Theorie, dass Juana von diesen Medienberichten überhaupt erst dazu inspiriert wurde, eine Mordserie zu starten. Angeblich sollen die Berichte über den männlichen Mörder ihr Ego verletzt haben, weshalb sie sich wohl dazu entschlossen haben könnte, eine eigene Geschichte zu erzählen. Ob sie die Morde im Voraus geplant hat oder ob sie spontan auf die Idee gekommen ist und welchen Einfluss die Medienberichterstattung wirklich auf ihr Handeln hat, das weiß nur Juana selbst. Alles andere ist Spekulation.

Fest steht, dass Juana Mitte 2005 eine Beziehung mit einem Taxifahrer beginnt und ihn in ihre Pläne einweiht. Dieser Taxifahrer wird zum Komplizen, wodurch Juana ab sofort ein Fluchtauto zur Verfügung hat. Das ist der Grund, warum die Morde ab dem Zeitpunkt nicht mehr nur tagsüber, sondern auch nachts geschehen können. Das Ganze funktioniert ca. ein halbes Jahr lang, bis Juana dann Anfang 2006 erwischt und festgenommen wird.

Beim mexikanischen Gerichtsverfahren ist es so, dass es keine Geschworenen gibt und auch nur wenig öffentliche Anhörungen. Stattdessen legen Staatsanwälte und Verteidiger ihre Beweise einem einzigen Richter in weitgehend geschlossenen Verfahren vor, die teilweise sogar Jahre dauern können. Nicht aber so in diesem Fall. Denn Juanas Verurteilung findet schon statt, bevor das formale Gerichtsverfahren überhaupt beginnt. Und zwar durch die Medien.

Die haben ja lange über den oder ja dann auch die Killerin berichtet. Und die Verhaftung, die ist gerade mal wenige Stunden her, da wird Juana schon den Kameras vorgeführt. Man lässt sie sogar neben einer Büste posieren, die von der Polizei für die Ermittlung angefertigt wurde und die ihr tatsächlich auch ein bisschen ähnlich sieht. Außerdem veröffentlicht die Polizei Fotos, auf denen sie Juana ihren letzten Mord nachstellen lassen und sogar auch Videoaufnahmen von ihrem ersten Polizeiverhör. Und das alles, bevor sie offiziell in U-Haft genommen wurde. Das Ganze ist aus zwei Gründen problematisch. Erst einmal lassen diese Bilder es so aussehen, als sei die Polizei bei ihren Ermittlungen die ganze Zeit auf der richtigen Spur gewesen, was ja de facto nicht so war. Und zweitens gilt auch für die vermeintliche Serienmörderin zunächst die Unschuldsvermutung. Juana wird nicht für alle Mörder angeklagt, sondern nur für die, die man ihr auch nachweisen kann. An ungefähr 16 Tatorten konnten Fingerabdrücke von ihr gesammelt werden, obwohl man davon ausgeht, dass sie insgesamt 49 Menschen getötet hat.

Doch trotz dieser ziemlich eindeutigen Beweise gesteht sie nur einen einzigen Mord, nämlich den letzten, bei dem sie auch erwischt wurde. Dazu sagt sie, wie in der Zeitung The Guardian zitiert wird, Ich habe nur eine kleine alte Dame getötet, nicht die anderen. Es ist nicht richtig, mir die anderen in die Schuhe zu schieben. Und auf die Frage nach ihrem Motiv antwortet sie schlicht, Ich wurde wütend. Juanas Verteidigung fährt eine gemischte Strategie. Auf der einen Seite argumentiert sie, dass Juana für alle Morde zum Sündenbock gemacht werde und weist auch auf die öffentliche Verurteilung durch die Medien hin. Auf der anderen Seite versucht sie, Juana für verhandlungsunfähig erklären zu lassen. Psychologische Gutachten, die von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegeben wurden, kommen aber ganz klar zu dem Schluss, dass sich Ruana ihrer Taten vollkommen bewusst gewesen sei, womit sie also auch straffähig ist. In einem anderen Interview mit den Medien sagt Ruana zu ihrer Verteidigung, Bei allem Respekt vor den Behörden, es gibt mehrere von uns, die in Erpressung und Morde verwickelt sind. Warum geht die Polizei nicht auch gegen die anderen vor?

Denn das scheint ein ziemlich hilfloser Versuch zu sein, die Aufmerksamkeit von sich selbst abzulenken, Denn das konnte durch die Fingerabdrücke ja herausgefunden werden. Für die Morde ist sie ganz allein verantwortlich, aber es konnte nicht festgestellt werden, dass sie noch einen Komplizen an den Tatorten dabei hatte. Bis auf ihren Partner, der für kurze Zeit das Fluchtfahrzeug gefahren hat, handelte Juana allein. In ihrer Autobiografie stellt Juana den Sachverhalt aber ganz anders dar. Sie sagt, sie hätte tatsächlich als Altenpflegerin gearbeitet und der älteren Dame ausgeholfen. Es wäre zu einem Streit gekommen, bei dem sie voller Wut die Dame geschlagen hätte, bis diese irgendwann reglos am Boden lag.

Sie wäre selbst vollkommen erschrocken und geschockt gewesen, dass sie möglicherweise einen Menschen getötet hat und wäre daraufhin aus der Wohnung gelaufen und hätte die nächste Polizeipatrouille angesprochen und dort alles erzählt. Die Polizei wäre daraufhin mit ihr zurück in die Wohnung gegangen und hätte sie dort festgenommen.

Auf dem Polizeirevier hätte man dann ganz plötzlich vorgeworfen, dass sie noch viel mehr alte Menschen getötet hätte, wovon sie überhaupt nichts gewusst hat. Daraufhin wäre sie mehrfach verhört worden und man wäre sehr unfreundlich zu ihr gewesen und man hätte ihr Fotos von toten Frauen gezeigt, die sie gar nicht kennen würde. Man hätte versucht, sie dazu zu bringen, mehrere Blätter Papier zu unterschreiben. In ihrem Buch steht auch noch Folgendes geschrieben. Das ist es, was ich nicht verstehen kann. Warum sie mich für schuldig halten, obwohl ich ja nichts unterschrieben habe und definitiv nicht die Schuld für weitere Morde auf mich nehmen werde. Aber letztendlich bin ich jetzt hier. Ich bezahle für das, was ich getan habe, weil das, was ich getan habe, ein Fehler war. Und ein Fehler wird bezahlt, und zwar sehr teuer. Sehr teuer, weil ich sogar mit dem Leiden meiner Kinder bezahle. Ich hoffe, dass ich nie wieder einen Menschen auf solche Weise anfassen werde. Denn bis heute bezweifle ich, dass ich sie getötet habe. Und diese eigene Schilderung von Juana steht natürlich im krassen Gegensatz zu dem, was Polizei und Gericht am Ende feststellen. Vielleicht will sie sich selbst ihre Taten nicht eingestehen oder sie verdrängt die Morde natürlich so weit, dass sie sich nicht daran erinnern kann. Ja, was bringt jetzt einen Menschen dazu, so viele ältere, meist hilflose Damen zu ermorden und natürlich nicht zu vergessen auch die beiden Männer?

Das Motiv hinter ihrer Mordserie, darüber wird viel diskutiert, aber sie hatte ja selbst gesagt, dass sie es aus einem Gefühl der Wut herausgetan hätte. Aber was ist das für eine Art von Wut? Im Verhör deutet sie an, dass Juana schon ihr ganzes Leben lang eine Wut mit sich trägt. Es ist eine Wut auf ältere Frauen im Allgemeinen und vor allem Frauen, die repräsentativ für ihre Mutter stehen. Für ihre Mutter, die Juana eine ganze Kindheit lang geschlagen und gequält hat und die es zugelassen hat, dass ein erwachsener Mann ihre Tochter immer und immer wieder missbraucht hat. Und die sie verschenkt hat, als sie gerade einmal zwölf Jahre alt war und der es einfach egal war, was mit ihrem Kind passiert. Diese Wut, dieser Hass ist eine starke Antriebskraft. Obwohl Juanas Mutter ja längst tot war, als sie die Mordserie begann, die Gefühle ihr gegenüber, die waren aber noch da. Und auch wenn Juana mittlerweile schon über 40 ist, so kann sie wohl nicht vergessen, was ihre Mutter sie alles hat durchleiden lassen. Das ist übrigens auch der Grund, warum sie sich dazu entschlossen hat, ihre Geschichte aufzuschreiben. Vermutlich ist ihre Autobiografie also ein Versuch, irgendwie die eigene Vergangenheit zu verarbeiten.

Obwohl Juana aus ihrer Kindheit schwer geschädigt herausgegangen ist, so scheint ihre Beziehung zu ihren eigenen Kindern bemerkenswert stabil. Sie ist stolz darauf, die Dinge selbst in die Hand genommen zu haben und ihren Kindern sowohl Mutter als auch Vater gewesen zu sein. Auch wenn das Schicksal die Familie nicht ganz in Ruhe lässt. Juanas ältester Sohn ist ja, das hatten wir vorhin schon erwähnt, mit 24 Jahren bei einer Schießerei gestorben, obwohl einige Quellen behaupten, er sei bei einer Schlägerei zu Tode gekommen. Juanas zweites Kind, ein Mädchen, das hat früh geheiratet und lebt mit ihrer Familie ganz in der Nähe ihrer Mutter am östlichen Rand von Mexico City. Die beiden kleinsten Kinder, ein Sohn und eine Tochter, die leben noch mit ihrer Mutter zusammen. Sie sind gerade einmal elf und 13 Jahre alt. und diese beiden Kinder nimmt eine ältere Schwester von Juana zu sich, als Juana festgenommen wird. Ja, so schnell werden die Kinder ihrer Mutter allerdings nicht wiedersehen, denn Juana wird zu 759 Jahren Gefängnis verurteilt, soll aber 2058 die Möglichkeit haben, auf Bewährung wieder freizukommen. Allerdings wäre sie dann 100 Jahre alt und ihre eigenen Kinder ja längst auch in einem hohen Alter.

759 Jahre ist auf jeden Fall eine krasse Zahl und zeigt, dass das Gericht Ruana auch für die Morde verantwortlich gemacht hat, die ihr nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnten. Ja, und damit haben wir das Rätsel um die Old Lady Killerin gelöst. Und bestimmt haben viele Senioren in Mexiko City aufgeatmet, als Ruana festgenommen wurde. Denn so gut wie jede ältere Frau hätte dort das nächste Opfer sein können. Und wer weiß, wann oder ob Juana jemals von selbst aufgehört hätte, sich stellvertretend an diesen Frauen für den Schmerz, den ihre Mutter ihr zugefügt hat, zu rächen. Und damit schließen wir die heutige Folge der Schwarzen Akte. Was denkt ihr denn über diesen Fall? Teilt eure Gedanken über diesen Fall mit uns unter unserem Instagram-Profil unter dem neuesten Post, da heißen wir Schwarze Akte. Und dann freuen wir uns, wenn ihr nächste Woche auch wieder einschaltet, wenn wir einen neuen Fall für euch öffnen. Vielen Dank fürs Zuhören und eine schöne Zeit. Bis zum nächsten Mal.