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Schwarze Akte. Das Archiv. Wir befinden uns an einem Ort, an dem wir noch nicht so häufig mit der Schwarze Akte waren. Und zwar spielt der heutige Fall in Russland. Genauer gesagt in St. Petersburg, am südlichen Rand der Stadt.
Im Vergleich zum strahlend schönen und bunten Zentrum wirkt die Stadt hier aber eher schmutzig. Hier gibt es große Wohnblöcke mit grau-braunen Fassaden. und diese Wohnblöcke sind so hoch, dass man sie schon sehen kann, wenn man selbst noch einige Ecken entfernt ist. Die Straßen hier sind gut befahren, da wirken die gelegentlichen Grünflächen wie so kleine Oasen der Ruhr in einem Meer aus Beton, Asphalt und Verkehrslärm. Aber es gibt hier sogar auch ein bisschen Wasser, kleine Teiche und sogar einen See. Es ist Ende Juli 2015, ein angenehm milder Sommer. Nachts sinken die Temperaturen kaum unter 10 Grad und tagsüber klettern sie nicht über die 25. Dazu ein bisschen Sonnenschein und mal vielleicht ein paar Wolken. Aber natürlich sind wir nicht hier, um über das Wetter zu sprechen, sondern wir begleiten ein junges Paar, das in der Nachbarschaft mit dem gemeinsamen Hund spazieren geht.
Noch hat alles den Anschein, als wäre es ein ganz normaler Tag bei einem ganz normalen Spaziergang. Wobei es doch eine Sache gibt, die dem Ganzen ein bisschen diese Harmonie nimmt. Es ist der Hund. Der benimmt sich seit einigen Tagen immer wieder merkwürdig, wenn das Paar an einem bestimmten Teich entlang spaziert. Obwohl sie diese Route schon häufiger gegangen sind und der Hund eigentlich jede Ecke kennen müsste. Und mit merkwürdig meinen wir nicht, dass der Hund stehen bleibt und vielleicht mal akribischer schnüffelt als sonst. Sondern er schlägt aus. Er gerät fast außer sich. Das ist ein Verhalten, das das Paar von ihrem Hund so nicht kennt. Also beschließen die beiden, die Umgebung abzusuchen, nach was auch immer ihren Hund so außer Fassung geraten lässt.
Was sie finden, das könnt ihr euch vielleicht schon denken, das ist etwas, das sie ihr Leben lang wohl nicht wieder vergessen werden. Denn in diesem Teich finden sie mehrere Teile einer Leiche. In einen Duschvorhang eingerollt, entdecken sie einen Körper, dem der Kopf, ein Arm und ein Bein fehlt. Weitere Leichenteile finden sie verstreut in Plastiktüten, in einer davon sogar einen Teil des Beckens und einen Teil des Oberschenkels bis zum Knie. Das Paar tut in diesem Moment das einzig Vernünftige und ruft die Polizei.
Und damit herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte. Wie immer mit Anne Lukmann. Und natürlich auch mit Christopher Bücklein. Schön, dass ihr wieder bei der neuen Folge mit dabei seid. Und bevor wir jetzt loslegen, müssen wir euch eine kurze Warnung aussprechen. In dem Fall heute geht es unter anderem über Kannibalismus. Das heißt, wenn ihr euch mit dem Thema nicht wohl fühlt, dann hört euch die Folge bitte gar nicht an, oder zumindest nicht alleine. Und wir müssen auch dazu sagen, dass die heutige Folge ziemlich krass und außergewöhnlich ist, denn in dieser Folge wird es so sein, dass die Person, um die sich alles dreht, eine ältere Dame ist. Und dazu kommt, dass die Ermittlungen in diesem Fall ganz anders laufen als das, was wir sonst in der schwarzen Akte besprechen. Das Rätsel in diesem Fall liegt weniger in dem, wer war es, sondern mehr in dem, warum ist das alles passiert. Aber bevor wir uns mit all diesen Fragen beschäftigen, erzählen wir euch nochmal von vorne, was passiert ist und fangen dort an, wo wir gerade aufgehört haben, nämlich bei dem oder der Toten, die von dem Paar gefunden wurde.
Hier muss man kein Profi sein, um zu erkennen, dass es höchstwahrscheinlich ein Mord war und vor allem ein ziemlich brutaler Mord. Und die Polizei leitet sofort Ermittlungen ein, was in diesem Fall bedeutet, dass erstmal nach den fehlenden Körperteilen gesucht wird.
Insbesondere geht es in diesem Moment um den Kopf, den man sucht, denn der soll dabei helfen, diese Person zu identifizieren.
Außerdem hört sich die Polizei in der Nachbarschaft um, ob vielleicht irgendjemand was bemerkt hat in den letzten Tagen. Und tatsächlich, sie haben Glück, denn eine ältere Dame, die auch hier in der Gegend wohnt, die wurde vor einigen Tagen dabei beobachtet, wie sie in den frühen Morgenstunden Müllsäcke weggeworfen hat. Untermauert wird diese Zeugenaussage von den Aufzeichnungen der Überwachungskameras des Wohnblocks. und die filmt diese Frau dabei, wie sie einen recht schwer wirkenden Plastiksack aus der Wohnung trägt. Wer sich das übrigens selbst mal anschauen möchte, diese Videoaufzeichnung ist online öffentlich einsehbar. Die verlinken wir euch natürlich in den Shownotes. Und in diesem Video ist auch zu sehen, aus welcher Wohnung diese Frau kommt. Also klopft die Polizei an diese Wohnungstür und auch hier haben sie Glück, denn eine ältere Dame öffnet ihnen. Vor ihnen steht eine Frau namens Tamara. Nur, dass diese Frau in der Wohnung nicht gemeldet ist. Denn die eigentliche Hausherrin, das ist eine knapp 80-jährige Rentnerin namens Valentina. Und Valentina wurde kurz zuvor von ihrer Sozialarbeiterin als vermisst gemeldet. Als die Polizei eintreten will, lässt Tamara sie bereitwillig in die Wohnung. Sie lädt die Polizisten ein, sich umzuschauen. Und es hat den Anschein, als ob sie nichts zu verbergen hätte.
Aber das, was die Beamten da vorfinden, das ist heftig. Werbung Werbung Ende Im Badezimmer finden sie Blutspuren und eine Säge, der Vorhang der Dusche fehlt, nur die Halterung ist noch da und auch die Küche ist voller Blutspritzer.
Es scheint fast so, als ob das ein klarer Fall ist. Tamara ist die einzige Person in der Wohnung und die Hausherrin Valentina ist verschwunden. Ist das aber nicht vielleicht schon ein bisschen zu einfach? Deswegen müssen wir erstmal darüber reden, mit wem es die Polizei hier gerade zu tun hat, nämlich wer ist Tamara. Und wir müssen natürlich auch erstmal rausfinden, ob die gefundenen Leichenteile wirklich zu Valentina gehören. Schaut euch jetzt dazu am besten mal ein Foto von Tamara an. Wir haben euch mal eins in den Shownotes verlinkt. Denn sie sieht nicht gerade aus wie die typische Netto-Omi von nebenan, obwohl sie jetzt auch nicht unbedingt unsympathisch wirkt. Ich beschreibe euch mal kurz, wie sie ausschaut. Sie hat rotbraune, angegraute und eher wild wirkende Locken, dazu dunkle, tief liegende Augen, grau nachgezogene Augenbrauen, eine hohe Stirn und schmale Lippen.
Tamara ist 1947 in einer kleinen, malerischen Stadt im Süden Russlands zur Welt gekommen. Das heißt, als die Polizei 2015 an ihrer Tür klingelt, da ist Tamara knappe 70 Jahre alt. Nach ihrem Schulabschluss zieht sie nach Moskau und studiert dort Deutsch und Englisch. Und danach führt ihr Weg sie nach St. Petersburg. Dort arbeitet sie dann in einem Reisebüro, wo sie auch die Liebe ihres Lebens kennenlernt, nämlich Alexi. Das klingt alles nach einem ganz normalen Leben. Tamara und Alexi heiraten und in der Wohnung, die sie daraufhin beziehen, da werden sie viele Jahre leben. Es ist die Wohnung in dem Wohnblock, über den wir zu Beginn gesprochen haben. Die Nachbarn sind nett, es gibt keine größeren Probleme, das Ehepaar ist glücklich. Bis dann 30 Jahre später Alexi plötzlich verschwindet.
Natürlich bemerken seine Familie und Freunde, dass er fehlt. Und als man die Sache der Polizei meldet, schaut die bei Tamara nach. Denn sie als Ehefrau wird ja wissen, was los ist. Aber es stellt sich heraus, dass Tamara schon seit einiger Zeit alleine lebt. Ihr Ehemann ist fort. Und das scheint sie nicht weiter zu stören. Sie sagt, er wäre mit einer anderen Frau durchgebrannt und sie wolle jetzt nichts weiter von ihm wissen. Und das erzählt sie fast so, als ob das gar keine große Sache wäre, dass sie nach mehreren Jahrzehnten Ehe von ihrem Partner betrogen wurde und dann verlassen wurde. Allerdings lässt sich Tamaras Erklärung nicht so wirklich beweisen. Denn bei Nachforschung findet die Polizei keine Spur von dem Ehemann oder einer möglichen Geliebten. Allerdings hat die Polizei auch keinen Grund, Tamara nicht zu glauben. Denn Tamara ist eine freundliche, umgängliche Person, die mit den Behörden kooperiert und keinen Ärger macht. Es gibt zu diesem Zeitpunkt keinerlei Verdacht gegen sie. Und so lässt die Polizei den Verschwundenen verschwunden sein und schließt den Fall ab. Alles läuft weiter wie zuvor. Allerdings stellt Tamara irgendwann fest, dass dieses dauerhafte Alleinsein nicht wirklich was für sie ist. Denn sie braucht jemanden zum Reden, jemanden, der ihr mal ein bisschen zur Hand gehen könnte und natürlich auch umgekehrt.
Da Tamara sich sicher ist, dass Alexi nicht wieder nach Hause zurückkehren wird, beschließt sie, ein Zimmer in ihrer Wohnung unterzuvermieten. So kommt sie nicht nur an einen gelegentlichen Gesprächspartner, sondern auch an ein wenig Geld.
Alexi ist ungefähr ein Jahr verschwunden, als der erste Untermieter bei Tamara einzieht. Es ist ein Mann mittleren Alters. Allerdings läuft das Ganze nicht so, wie Tamara sich das erhofft hatte. Denn der Mann empfindet ihre Wohnung als so ungemütlich, dass er nach ein paar Wochen wieder auszieht. Und auch Tamaras Gesellschaft scheint für ihn nicht wirklich erstrebenswert zu sein.
Dieses Muster wird sich in der nächsten Zeit häufiger abspielen. Tamara vermietet den Raum an eine Reihe von Männern, mit denen sie aber immer wieder in Konflikt gerät. Aus unterschiedlichsten Gründen. Und mit Konflikt meinen wir nicht nur eine intensivere Diskussion, sondern teilweise sogar richtigen Streit mit Schreien und Schlägen. Das zumindest berichten die Nachbarn, die diese ganzen Auseinandersetzungen durch die dünnen Wände mit anhören müssen. Und eine dieser Nachbarn, die spricht Tamara mal darauf an. Denn sie ist verwundert über die ganzen ständig wechselnden Untermieter. Sie fragt zum Beispiel, warum Tamara sich dann keinen Job sucht, statt ein Zimmer zu vermieten. Und daraufhin erwidert diese nur, dass sie krank sei und auch Papiere habe, um das zu beweisen. Welche Krankheit sie jetzt genau meint, das weiß die Nachbarin allerdings nicht. Aber unterm Strich kommt bei der ganzen Sache heraus, dass niemand mit Tamara zusammenleben will, die zu diesem Zeitpunkt um die 50 Jahre alt ist. Was bei den vielen Untermietern ja an Tamara zu liegen scheint. Anscheinend geht es ihr dann weniger um ein schönes Miteinander, als darum, ihr Ding durchzuziehen und ihren Willen zu kriegen. Es ist nicht bekannt, wer alles in diesen Jahren bei Tamara gelebt hat. Aber ein Name sticht bei den ganzen Untermietern heraus. Dieser Mann heißt Sergej.
Es ist 2003, als er bei der alten Dame einzieht und wie auch seinen Vorgängern ergeht es ihm nicht anders. Das Zusammenleben mit Tamara klappt nicht und die Wohnung ist einfach kein gemütlicher Ort zum Leben. Also zieht auch Sergej nach ein paar Wochen wieder aus. Mit dem Unterschied, dass sein Auszug deutlich abrupter und unbemerkt er erfolgte als die seiner Vorgänger. Er war quasi in einem Tag noch da und am anderen ist er weg. Er ist einfach so verschwunden. Und wenn ihr jetzt denkt, dass nach seinem Verschwinden irgendjemand gesucht hätte und vielleicht eine Untersuchung stattgefunden hätte, dann irrt ihr da leider. Denn Sergej stammt aus einer anderen Stadt. Deswegen denken die meisten Leute, dass er einfach dorthin wieder zurückgezogen wäre, ohne sich zu verabschieden. Das wäre zwar auch irgendwie seltsam, aber das kann ja auch vorkommen.
Dass Sergej nicht einfach so abgehauen ist, das kommt allerdings erst einige Jahre später ans Licht. Als man nämlich herauszufinden beginnt, dass Tamara nicht einfach die nette liebe Oma von nebenan ist. Doch bis 2015, das Jahr also, in dem das Paar mit dem Hund die Leiche findet, führt Tamara ein ganz und gar unauffälliges Leben. Zu diesem Zeitpunkt ist sie wie gesagt um die 70 und lebt ja nun schon seit wirklich vielen Jahren in ihrer Wohnung. Also beschließt sie, diese Wohnung mal komplett zu renovieren. Das würde allerdings zur Folge haben, dass sie während der Renovierungsarbeiten da nicht wohnen kann. Also bittet sie eine Freundin um Hilfe, die den Kontakt zu Valentina herstellt. Und Valentina, die praktischerweise in der gleichen Straße wie Tamara wohnt, nimmt Tamara für ein paar Wochen bei sich auf. Zumindest so lange, bis Tamara wieder in ihre eigenen vier Wände kann.
Valentina ist zu diesem Zeitpunkt etwas älter als Tamara. Knapp 80. Gesundheitlich ist sie nicht mehr ganz so fit. Einige unserer Quellen schreiben, dass Tamara als ihre Pflegerin bei ihr eingezogen sein soll. Aber ob das wirklich so der Fall war oder ob sie einfach als Gast vorübergehend bei Valentina gelebt hat, das lässt sich nicht ganz klar sagen. Am Ende des Tages ist das auch gar nicht so wichtig, denn Fakt ist, Valentina teilt ihre Wohnung mit Tamara. Es beginnt als harmonisches Miteinander, aber bald artet das in Streit aus.
Diese altbekannten Muster aus wütendem Gebrüll, Hämmern an der Wand und anderen Arten, die Wut rauszulassen, beginnen.
Tamara benimmt sich komplett daneben, obwohl sie ja zu Gast bei der älteren Dame ist. Das scheint sie allerdings vergessen zu haben, denn Tamara zeigt keinerlei Anstalten, wieder zurück in ihre eigene Wohnung zu ziehen. Unabhängig davon, dass die Renovierungsarbeiten längst hätten erledigt sein müssen. Denn sie fühlt sich in Valentinas Wohnung einfach zu wohl, dass sie dort wohl für längere Zeit bleiben will. Ganz egal, wie ihre Gastgeberin das überhaupt findet. Denn wenn man mal ehrlich ist, dann interessiert sich Tamara nur für das, was sie will. Und mit Contra kann sie nicht so wirklich gut umgehen. Und so streiten sich die beiden alten Damen über so Kleinigkeiten wie den Abwasch. Und von Ruhe, Genießen oder Harmonie kann dann nicht mehr die Rede sein. Und Valentina bereut, dass sie Tamara diesen Gefallen getan hat und sie überhaupt in ihr Zuhause gelassen hat. Denn wie eine Zecke ist sie jetzt in ihrer Wohnung und ja, Valentina wird sie einfach nicht mehr los. Ja und damit sind wir jetzt wieder an dem Punkt, an dem wir die Folge begonnen haben. Die Polizei steht in Valentinas Wohnung, in der nur Tamara anzutreffen ist, aber nicht die Hausherrin selbst.
An diesen Punkt sind wir gekommen, weil es den Fund der nicht identifizierten Leiche gab, die teilweise in einen Duschvorhang eingewickelt wurde. Die Küche und das Bad der Wohnung sind voller Blutspritzer. Dazu findet die Polizei die Säge und auch die Rückstände eines abgerissenen Duschvorhangs. Das klingt alles extrem offensichtlich.
Natürlich verlangen die Beamten sofort eine Erklärung von Tamara. Aber wie will die alte Dame sich da rausreden? Tatsächlich bekommen sie eine Erklärung. Aber keine Erklärung, mit der sie eigentlich gerechnet hatten. Tamara erzählt, dass sie seit einiger Zeit bei Valentina wohne und dass sie und Valentina sich gestritten hätten. Valentina sei beleidigend geworden, was Tamara nicht einfach so habe hinnehmen können. Und dann habe sie das Problem gelöst, indem sie ihre Gastgeberin getötet habe. Eine aus ihrer Sicht logische Konsequenz. Und damit haben die Beamten natürlich überhaupt nicht gerechnet, sofort ein Geständnis zu bekommen. Und sie haben Tamara noch vor Ort und Stelle festgenommen. Man hat daraufhin ihre eigene Wohnung durchsucht, in der das totale Chaos geherrscht hat. Viel Platz gibt es hier sowieso schon nicht. Und dann liegt noch der ganze Boden so voll, dass man kaum weiß, wo man hintreten soll. und frisch renoviert sieht es hier übrigens auch nicht aus.
Werbung Ende Trotz der ganzen Unordnung dauert es aber nicht lange, bis die Polizei auch hierfindig wird. Denn Tamara hat offensichtlich Tagebuch geschrieben. In drei Sprachen. Russisch, Englisch und Deutsch. Englisch und Deutsch hat sie ja studiert und Russisch, weil das ihre Muttersprache ist. Ihre Aufzeichnungen liegen offen herum. Darin beschreibt sie, wie genau sie Valentina umgebracht hat. Sie schreibt, sie hätte ein Medikament gegen Schizophrenie besorgt. Das hätte sie Valentina in einem Salat untergemischt. Und zwar direkt die gesamte Packung. Alles schön sauber zerkleinert, damit es nicht auffällt. Und Valentina hätte den gesamten Salat gegessen. Gegen drei Uhr morgens wäre sie in der Küche umgefallen. Sie wäre bewusstlos gewesen, aber noch am Leben. Und auf diesen Moment hat Tamara gewartet. Sie hat Valentina mit der Säge zerkleinert, während sie noch am Leben war. Und wir ersparen euch hier jetzt weitere Details, denn das ist extrem heftig. Und was für die Ermittlungen wichtig ist, ist, dass Tamara den Kopf nicht mit dem Rest des Körpers in Plastiktüten versteckt hat, sondern ihn anderswo entsorgt hat.
Vermutlich hat sie ihn in einem Topf versteckt und diesen Topf dann im Müll entsorgt. Und jetzt, wo dieser Topf mit dem Kopf auf der Mülldeponie ist, ist es quasi unmöglich, den wiederzufinden. Tamara hat dies bewusst gemacht, um die Identität des Opfers zu verschleiern. Das hat sie sogar später selbst zugegeben.
Die Identifizierung der Leiche, die von dem Paar mit dem Hund gefunden wurde, ist damit eigentlich nur noch eine Formsache, denn die offizielle Untersuchung bestätigt, dass es sich tatsächlich um den Körper von Valentina handelt. Doch das ist noch nicht alles, denn Tamara gesteht gegenüber der Polizei nicht nur den Mord an Valentina, sondern noch drei weitere Morde. Es wirkt fast so, als wäre sie richtig in Schwung gekommen. Denn wenn sie schon einmal dabei ist, hier Mordgeständnisse abzuliefern, dann kann sie doch einfach mal direkt weitermachen. So wirkt es zumindest. Aber ihr Tagebuch erzählt irgendwie eine andere Geschichte. Denn darin finden sich detaillierte Beschreibungen von mindestens zwölf Morden, die sie im Laufe der letzten Jahre begangen hat. Und vielleicht denkt ihr ja auch gerade an die ganzen Untermieter, die sie hatte. Diese Story von der mordenden Oma, das ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Medien. Besonders als das Tagebuch veröffentlicht wird. Da fragen sich alle, die von dieser Story mitbekommen haben, natürlich, wie diese nette Oma von nebenan über Jahre hinweg unbemerkt solch grausame Taten begangen haben kann. Dazu kommt, dass neben dem Tagebuch auch Bücher über Astrologie und schwarze Magie gefunden werden. Und da gehen die Spekulationen natürlich durch die Decke. Ist Tamara vielleicht eine Hexe? Oder hält sie sich für eine?
Die Medien verpassen ihr einen ganz anderen Namen, nämlich Granny Ripper, in Anlehnung an Jack the Ripper. Nur dass Jack the Ripper bis heute nicht gefasst wurde oder seine wahre Identität geklärt werden konnte. Und im Gegensatz zu ihm hat Tamara auch nicht großartig versucht, sich zu verstecken. Sie hat ja bei der ersten Nachfrage alles sofort gestanden. Und es gibt noch eine ganz andere Theorie. Denn vielleicht hat sie ihre Opfer nicht einfach nur getötet und dann versteckt. Denn von Valentina zum Beispiel wurden nur wenige Organe gefunden und ihr Kopf wurde ja auch in einen Kochtopf gesteckt. Es ist also nicht auszuschließen, dass Tamara auch Teile ihrer Opfer gegessen hat. Die Polizei geht davon aus, dass Tamara eine Kannibalin sein könnte.
Während eine andere Theorie besagt, dass sie den Kopf und vermutlich auch die Hände ihrer Opfer nur deshalb gekocht hat, um ihre Identität zu verschleiern. Den wahren Grund wird wohl nur Tamara selbst wissen. Die Frage ist, warum sollte sie die Körperteile kochen, nur um die Identitäten der Opfer zu verschleiern, wenn sie dann quasi noch am Tatort auf die Polizei wartet und ja direkt alles gesteht. Sogar Dinge, nach denen sie ja nicht mal gefragt wurde. Das scheint irgendwie alles nicht so richtig zusammenzupassen. Also lasst uns einmal drüber reden, wie es nach ihrer Festnahme weitergeht. Für die Ermittler ist das eine ungewöhnliche Situation. Sie haben zwar ein Geständnis von einer Frau, die offensichtlich aber nicht bei geistiger Gesundheit ist, aber sie haben keine Möglichkeit, ihre Opfer zu finden und diese Taten nachzuweisen. Abgesehen natürlich von dem Mord an Valentina. Denn dort gibt es natürlich genug Fingerabdrücke, zum Beispiel auf der Säge. Aber was ist mit den älteren Fällen? In den letzten Jahren wurde das umliegende Gebäude mit neuen Wohnblocks bebaut und da ist die Chance, noch Überreste der Opfer zu finden, sehr gering.
Zwei Tage nach ihrer Festnahme kommt es dann schon zum Gerichtsprozess. Und das ist extrem schnell, vor allem wenn wir das mal mit anderen Fällen vergleichen, die wir schon besprochen hatten. Tamara selbst ist über den Verlauf der Dinge übrigens hellauf begeistert. Die sieht total glücklich und unbeschwert aus und wirft den Reportern im Gerichtssaal sogar Küsse zu und spielt mit den Kameras Kuckuck, falls ihr dieses Spiel noch kennt. Als der Richter anordnet, dass sie in U-Haft bleiben würde, da applaudiert sie sogar vor Begeisterung. Tamara erklärt durch die Gitterstäbe ihres Käfigs im Gerichtssaal folgendes. Ich werde von einem Wahnsinnigen verfolgt, der mich zum Töten gezwungen hat. Ich kann nirgendwo anders leben. Ich bin ein sehr alter Mensch und habe lange darüber nachgedacht und dann beschlossen, dass ich im Gefängnis sein muss. Ich werde dort sterben und der Staat wird mich wahrscheinlich begraben.
Tamara fährt fort, dass sie sich seit Jahren auf die Gerichtsverhandlungen schon vorbereitet hat, denn nach allem, was sie getan hat, sei sie schuldig und verdiene eine Strafe. Alles sei kalkuliert und beabsichtigt gewesen. Gleichzeitig erzählt sie, dass sie eine Schauspielerin und Absolventin einer renommierten Akademie für russisches Ballett wäre und dass sie in einem der edelsten Hotels in Sankt Petersburg gearbeitet hätte. Aber diese Aussage, die ist offensichtlich falsch, denn alle wissen, dass sie in Moskau Englisch und Deutsch studiert hat. Im Gegensatz zu ihrer Ausbildung, an die sie sich nicht richtig erinnern kann oder nicht richtig erinnern will, sind ihre Schilderungen zum Tathergang im Mordfall von Valentina ziemlich konkret.
Sie sagt, dass sie Panik bekommen hätte, denn Valentina hätte sie aufgefordert, bitte wieder zurück in ihre eigene Wohnung zu ziehen. Sie hatte Angst gehabt, zu Hause zu leben. Und sie hat gedacht, dass sie durch den Mord an Valentina wieder Ruhe hätte und einige Monate noch in der Wohnung leben kann, bis irgendwann Verwandte oder Freunde auf der Suche nach ihr auftauchen würden. Aber wie wir jetzt bereits mitbekommen haben, ist aus diesem Plan nichts geworden.
Man bittet Tamara sogar, den Mord an Valentina nachzustellen. Und bereitwillig zeigt Tamara daraufhin an einer Puppe, wie sie den Körper ihres Opfers zerteilt hat. Zwei Stunden habe das insgesamt gedauert und siebenmal habe sie dann nach draußen gehen müssen, um die Säcke zu verstecken. Und ja, dann war es schon früher Morgen und Tamara wurde beobachtet. Die Behörden forschen nicht nur im Fall Valentina, sondern nehmen sich auch die anderen Morde vor, von denen Tamara in ihrem Tagebuch geschrieben hat. Die Polizei stellt fest, dass die meisten ihrer Opfer von außerhalb der Stadt stammen und in St. Petersburg selbst niemanden haben, der sie hier vermissen würde.
Ganz genauso wie Sergej, von dem wir vorhin ja auch schon gesprochen haben, das ist der Untermieter, der so abrupt ausgezogen ist. Denn der wurde, ähnlich wie Valentina, von Tamara nach einem Streit erst vergiftet, dann zerstückelt und versteckt. Sein Körper ist übrigens im selben Jahr noch gefunden worden, also 2003, aber es konnte damals keine Verbindung hergestellt werden. Die Identität der Leiche blieb zwölf Jahre lang ungeklärt. Es gibt aber auch eine Person, deren Weg sich mit Tamaras gekreuzt hat und deren Schicksal ganz anders verlaufen ist als das von zum Beispiel Sergej und Valentina. Volodya war der erste Untermieter von Tamara, nachdem ihr Ehemann Alexi verschwunden ist. Und Volodya, der lebt noch und erfreut sich bester Gesundheit.
Allerdings berichtet Volodya der Polizei, als sich diese bei ihm meldet, dass es eine gruselige Begebenheit gab. Denn kurz nachdem er Tamaras Wohnung verlassen hatte, wäre er wegen einer Vergiftung ins Krankenhaus eingeliefert worden. Zu diesem Zeitpunkt ist er davon ausgegangen, dass er etwas Schlechtes gegessen hat, aber im Nachhinein betrachtet könnte es sich hier um einen Mordversuch gehandelt haben. Aber was ist eigentlich mit Alexi, dem Ehemann von Tamara? Es scheint auf der Hand zu liegen, dass Tamara auch bei seinem plötzlichen Verschwinden die Finger im Spiel hat. Doch auch wenn sie so einige Morde gesteht, dann äußert sie sich nicht näher zum Fall Alexi. Er sei eben einfach abgehauen. Und auch in ihrem Tagebuch ist praktisch nichts über den Ex-Ehemann zu lesen. Damit ist der Verdacht zwar nicht vom Tisch, aber es lässt sich zumindest in Tamaras Fall nichts nachweisen.
Wir haben am Anfang ja schon mal geteased, dass es in dieser Folge der schwarzen Akte weniger um das Wer-wahr-is, als um das Warum geht. Denn die meisten ihrer Opfer stammen von außerhalb. Sie kannte die Menschen also nicht und ihr Motiv kann daher also eigentlich nicht lang geplante Rache sein. Allerdings hat sie mit allen Opfern Streit angefangen, rechtfertigt ihrer Logik zufolge also wirklich eine kleine Meinungsverschiedenheit wie Geschirr abspülen, einen Mord. Es ist offensichtlich, dass Tamara psychisch krank ist. Sie war schon dreimal in einer Klinik, aber sie konnte sich nie wirklich stabilisieren. Hätte man vielleicht erkennen müssen, dass sie eine Gefahr ist? Das ist schwer zu sagen, besonders weil wir auch keine Einblicke in ihre medizinischen Akten haben. Das Einzige, was wir wissen, ist ihre Diagnose. Es ist paranoide Schizophrenie. Sie spricht häufig von einem Monster in ihrem Kopf, das sie dazu zwingt, andere Menschen zu ermorden. Und sie hat Zugang zu verschreibungspflichtigen Medikamenten. Medikamente, mit denen sie möglicherweise Menschen schaden könnte, wie zum Beispiel Valentina, die sie mit einem Medikament gegen Schizophrenie betäubt hat.
Übrigens hat sich bei den Ermittlungen herausgestellt, dass ihre Wohnung gar nicht renovierungsbedürftig war, und dass es dort auch nie Renovierungsarbeiten gegeben hätte.
Tamara wollte einfach aus ihrer Wohnung raus, weil die Stimmen in ihrem Kopf ihr das so befohlen haben. Das heißt, die Antwort auf das Warum wäre medizinischer Natur. Grund für die Morde ist eine psychische Krankheit und dazu passt auch, was Tamaras Nachbarin über sie erzählt. Denn so habe Tamara ihr von ihrer Angst berichtet, dass Menschen in ihre Wohnung kommen, wenn sie selbst nicht da ist, und dann ihre Kleidung zerschneiden. Als die Nachbarin ihr daraufhin vorgeschlagen hat, doch die Polizei zu rufen, da sei Tamara in Panik geraten und habe gesagt, dass die ihr doch eh nicht helfen könne. In der einen Minute habe man sich über ganz normale Dinge mit Tamara unterhalten können und in der anderen sei sie dann in irgendeinen verrückten Ton gefallen, der ein Gespräch unmöglich gemacht hat. Kein Wunder also, dass ein Zusammenleben mit ihr so schwierig war.
Eine andere Antwort findet sich in der schwarzen Magie. Denn Tamara hat sich sehr wohl mit dem Thema beschäftigt und es ist nicht auszuschließen, dass einige der Morde rituell waren. Das könnte auch der Grund sein, warum Tamara möglicherweise einige Teile ihrer Opfer gegessen hat, weil es vielleicht dieses Ritual so vorgesehen hat. Das weiß man allerdings nicht genau. Aber es scheint so, als ob Tamara von dem Thema Mord besessen gewesen wäre. Sie hat verschiedene Mörder angebetet, insbesondere solche, die ihre Opfer verspeist haben.
Am liebsten mochte sie Andrei. Das ist ein russischer Vergewaltiger, Serienmörder und Kannibale, der zwischen 1978 und 1990 mindestens 52 Menschen getötet haben soll. André wird auch der Ripper von Rostov genannt und Tamara schwärmt von ihm in ihrem Tagebuch aber weshalb genau sie dieser Mann so fasziniert das ist auch nicht bekannt.
Wenn man wirklich tief bohren will, dann müssen wir wohl zu dem Schluss kommen, dass wir den wahren Grund für die Morde wohl nie erfahren werden. Letztendlich hat Tamara ja erklärt, dass sie alles, wie es gekommen ist, auch genauso gewollt habe. Dass sie sich lange auf diesen Moment vorbereitet habe. Und dass sie der Meinung ist, dass das Gefängnis für sie ein besserer Ort zum Leben sein würde, als ihre eigene Wohnung. Und vielleicht hat sie auch einfach keinen anderen Weg gesehen, um ins Gefängnis zu kommen, als den, den sie gewählt hat. Obwohl sie die Morde gestanden hat und auch ihre Tagebuchaufzeichnungen, ihre Taten belegen, hält das Gericht sie für nicht verhandlungsfähig. Stattdessen wird sie in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, in der sie bis heute lebt und wo sie auch den Rest ihres Lebens sehr wahrscheinlich verbringen wird. Das heißt also, dass sie für ihre Taten nicht bestraft wird. Auf der einen Seite klingt das ziemlich ungerecht. Denn sehr wahrscheinlich ist sie eine mehrfache Mörderin und dafür wird sie nie ins Gefängnis kommen. Auf der anderen Seite kann sie ja möglicherweise aufgrund ihres gesundheitlichen Zustands gar nichts für ihre Taten. Was ja auch schon ziemlich krass klingt, oder? Eine Krankheit, die dich zum Morden bringt.
Das würde uns natürlich sehr interessieren, was ihr über das Thema denkt. Findet ihr es gerecht, dass Tamara nicht ins Gefängnis muss? Schreibt uns dazu gerne eure Meinung unter dem Insta-Post, den ihr auf unserem Instagram-Channel schwarze Akte findet. Und damit schließen wir die schwarze Akte für heute. Wenn ihr mögt, folgt uns doch gerne hier auf Podimo, auf Instagram oder allen sozialen Netzwerken, auf denen ihr uns findet. Da freuen wir uns sehr. Und natürlich hören wir uns dann am Dienstag wieder, wenn wir eine neue schwarze Akte für euch öffnen. Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.