Music.

Schwarze Akte. Das Archiv.

James ist erleichtert. Endlich Feierabend. Es war ein anstrengender Tag im Büro. Er sitzt am Steuer seines Autos. Zum Glück ist der Verkehr auf der Interstate 490 West flüssig, denn alle wollen einfach nur schnell nach Hause und sich entspannt aufs Sofa fallen lassen. Die Interstate 490 bedient den Großraum Worcester, USA und führt direkt durch das Herz der Stadt. James lockert seine Krawatte, im Radio läuft She's a Lady von Tom Jones und er dreht den Song lauter und fängt an mitzusingen. Klopft im Takt der Musik aufs Lenkrad und überlegt, was es wohl heute Abend zu essen geben wird. Noch völlig in Gedanken versunken nähert er sich der Ausfahrt Churchville. Als etwas in seinen Blickfeld rückt, was irgendwie nicht so richtig ins Bild passt.

Da scheint etwas Großes zu sein, was da am Straßenrand auf ihn zukommt. Mit hoher Geschwindigkeit nähert er sich und ihre Blicke treffen sich für eine Sekunde, aber dann ist James auch schon vorbeigerast. War das ein Kind? Er schaut in den Rückspiegel. Seine Gedanken gaukeln ihm vor, gerade eben ein halbnacktes junges Mädchen gesehen zu haben. Aber das ist doch Quatsch, oder? Er schaut nochmal in den Rückspiegel. Alle Autos fahren weiter geradeaus. Niemand hält an. Aber eines der Autos scheint rückwärts zu fahren.

Naja, vielleicht ist das auch nur Einbildung. Es war ein langer Tag und deswegen fährt James weiter. Genauso wie James ergeht es auch Robert, Diane, Peter, Jessica, Russell, Mandy und vielen anderen Autofahrerinnen und Autofahrern an diesem Dienstag, dem 16. November 1971. Sie alle haben tatsächlich ein Mädchen gesehen, haben sich kurz gewundert, aber niemand hat auf die Bremse getreten.

Das Mädchen, an dem James und all die anderen vorbeifahren, heißt Carmen Cologne. Carmen Cologne ist zehn Jahre alt und die Geschichte von ihr und auch die Geschichte von anderen Mädchen, die erzählen wir euch heute in einer neuen Folge der Schwarzen Akte. Und damit herzlich willkommen an euch und natürlich die Frau, die seit Folge 1 mit Teil der Schwarzen Akte ist, Anna Dugmann. Und ebenso an meiner Seite seit Tag 1 ist die Stimme, die ihr doch alle so gerne hört, nämlich die von Christopher Bücklein. Hallo! Und bevor wir zwei hier näher ins Thema und die heutige Folge einsteigen.

Möchten wir eine Triggerwarnung vorab geben. Denn in der heutigen Folge geht es um Gewalt, um Missbrauch und die Ermordung minderjähriger Mädchen. Deswegen lasst die heutige Folge bitte aus, wenn euch diese Themen schwer zu schaffen machen. Oder hört die Folge zusammen mit jemandem an, damit ihr nicht alleine seid. James und die ganzen Namen der anderen Fahrerinnen und Fahrer, die haben wir uns ausgedacht. Aber so ähnlich hat sich der Moment auf der Interstate für viele Augenzeugen tatsächlich abgespielt. Niemand hält an und kommt dem spärlich bekleideten Mädchen zu Hilfe, das am Straßenrand entgegen der Fahrtrichtung läuft. Alle Fahrerinnen und Fahrer sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und sie sind mit sehr hohen Geschwindigkeiten unterwegs. Das heißt, sie haben nur einen kleinen Moment Zeit, um sich zu entscheiden, ob sie anhalten oder ob sie die Szenerie ignorieren und weiterfahren.

Vielleicht haben sie aber auch einfach nicht bemerkt, dass irgendwas an der Situation nicht stimmt. Denn in den 70ern gab es ja noch keine Handys. Das heißt, man konnte niemanden spontan anrufen und der Polizei Bescheid geben, sobald man vielleicht irgendwas Verdächtiges gesehen hat. und auch zu Hause angekommen, meldet niemand, dass er da ein Mädchen auf der Interstate gesehen hat. Rochester, der Schauplatz des heutigen Falls, liegt am Südufer des Ontario-Sees und ist der drittgrößte Ballungsraum des US-Bundesstaats New York. Carmen Cologne wurde 1961 geboren und verbringt die Hälfte ihres Lebens in Puerto Rico. Es ist das Heimatland ihrer Eltern, bevor sie nach Rochester in die USA ziehen. Kam hat dichtes, langes, dunkles Haar, dunkle Augen und ist ein freundliches und fröhliches Mädchen.

Ihr Vater verlässt die Familie Mitte der Sechziger, kurz nachdem sie in die USA gezogen sind. Und ihre Mutter wird daraufhin die Alleinerziehende von Carmen und ihren vier Geschwistern.

Aber es dauert nicht lange, da verliebt sie sich in ihren Schwager, Miguel. Carmens Onkel wird damit gleichzeitig auch zu ihrem Stiefvater. Carmen pendelt schon im jungen Alter zwischen dem Haus ihrer Mutter und dem Haus ihrer Großeltern väterlicherseits. Zum Glück sind sie aber nicht mehr als zehn Minuten Fußweg zwischen diesen beiden Häusern. Und diese Gegend, in der Carmen aufwächst, die ist zwielichtig. Es gibt viele Drogensüchtige und somit lernt Carmen schon relativ früh, hier vorsichtig zu sein. Ihre Großeltern sind strenge Katholiken und daher muss Carmen jeden Abend vor dem Kruzifix beten, wenn sie mal bei ihnen zu Besuch ist. Und in dieser Zeit hat sie auch viele Albträume. Manchmal so schlimm, dass sie nachts sogar aus dem Bett fällt. Und irgendwann haben ihre Großeltern aber aufgehört, das Kind zu trösten, weil die Albträume schon fast zur Normalität geworden sind. Carmen wird sich selbst überlassen und muss allein mit den nächtlichen Albträumen zurechtkommen. Am Dienstag, den 16. November 1971, ist auch Carmens Mutter mit ihrem neun Monate alten Baby zu Besuch im Haus der Großeltern. Das Baby ist krank und braucht dringend Medikamente aus der nahegelegenen Apotheke. Also bittet ihre Mutter Carmen um Hilfe.

Normalerweise wird Carmen bei solchen Besorgungen von ihrem Großvater begleitet, aber nicht heute. Denn Carmen will unbedingt alleine losziehen und ihrer Mutter beweisen, dass sie mit zehn Jahren schon alt genug ist. Ihre Mutter ist von der Idee wenig begeistert. Aber sie stimmt zu, nachdem der Großvater verspricht, ein Auge auf seine Enkelin zu werfen. Carmen wartet aber nicht auf ihren Großvater. Stattdessen zieht sie direkt ihre weißen Turnschuhe und ihren langen roten Wollmantel an und verlässt um 16.25 Uhr das Haus. Ganz alleine geht sie raus in die frische Novemberluft. Die Apotheke befindet sich in einem Einkaufszentrum. Ecke West Main und Genesee Street. Das sind ungefähr vier Minuten Fußweg. Dort angekommen, gibt Carmen dem Apotheker eine leere Flasche und die Versicherungskarte ihrer Mutter. Und der Apotheker weist sie darauf hin, dass es ungefähr 30 Minuten dauern wird, bis die Versicherung gecheckt und das Rezept ausgestellt werden kann. Carmen antwortet dem Mann, dass sie dann in einer halben Stunde wiederkommen wird. Sie verlässt also die Apotheke, wird das Rezept jedoch nie abholen kommen.

Währenddessen wird ihre Mutter langsam nervös. Wo bleibt denn Carmen? Als sie gegen 19 Uhr, zweieinhalb Stunden nachdem sie losgegangen ist, immer noch nicht aufgetaucht ist, schaltet sie die Polizei ein. Und aus Sorge wird blanke Panik. Freunde und Verwandte machen sich währenddessen auf die Suche nach dem 10-jährigen Kind. Und auch die Polizei sucht mit 40 Beamten, zieht von Tür zu Tür in der Hoffnung auf Zeugen, die Carmen gesehen haben. Und sie haben Glück. Eine Person will das Mädchen tatsächlich gesehen haben. An diesem Abend, ganz in der Nähe der Apotheke. Diese Person sagt, dass Carmen freiwillig in ein Auto gestiegen wäre und nichts verdächtig ausgesehen hätte.

Werbung, Werbung Ende Zwei Tage nachdem Carmen verschwunden ist, an einem Donnerstagnachmittag, passiert Folgendes. Zwei Jungs sind gerade mit ihren Fahrrädern in der Nähe des Dorfs Churchville unterwegs, als sie in der Ferne etwas erkennen, was ihre Neugier weckt. Irgendetwas lehnt da am Felsen am Straßenrand. Das sieht aus wie eine zerbrochene Puppe. Die Jungs fahren näher heran. Diese Puppe trägt einen Pullover, blaue Socken und weiße Turnschuhe.

Was sie aber gefunden haben, das ist keine Puppe, sondern es ist eine Leiche. Die Leiche von Carmen Cologne. Nur Stunden später ist dieser Ort voller Polizisten und wird von grellen Scheinwerfern beleuchtet, um mögliche Spuren besser sehen zu können. Carmens Mantel liegt in einem Gully, etwa 300 Meter vom Fundort der Leiche entfernt, und elf Tage später wird auch ihre grüne Hose in der Nähe einer Raststätte gefunden, ungefähr zwei Kilometer vom Fundort entfernt. Genau hier hatten zahlreiche Autofahrer das Mädchen am Straßenrand gesehen, also die Szenerie, die wir euch am Anfang der Folge beschrieben haben. Für die Ermittler ist das ein großes Rätsel, wo genau Carmen ermordet wurde. Denn dass sie ermordet wurde, dessen sind sie sich sofort sicher. Und auch der Gerichtsmediziner kann das bestätigen, denn er kann schwere Blutergüsse und Kratzer am Körper feststellen. Außerdem Frakturen am Schädel und auch im Bereich des Halses. Das bedeutet, dass Carmen geschlagen, vergewaltigt und mit bloßen Händen erdrosselt wurde. Am 22. November 1971 findet im Haus der Mutter eine Trauerfeier statt. Später nehmen 200 Trauergäste in der Kirche Abschied von Carmen. Sie wird bei leichtem Schneefall in Rochester beigesetzt.

Nach diesem schrecklichen Fund und der traurigen Gewissheit drucken der Democrat & Chronicle und die Times Union ein Foto des Mädchens mit der Bitte um Hinweise ab. Sie schreiben Schlagzeilen wie »Niemand hielt an, um Carmen zu retten« oder »Mädchen stirbt, nachdem Autofahrer ihren Hilferuf ignoriert haben«.

Diese Schlagzeilen lassen die Leserinnen und Leser natürlich beschämt und schockiert innehalten. Der leitende Ermittler, der heißt Michael, sagt gegenüber der Associated Press, dass er sogar verstehen könne, warum einige Leute weitergefahren wären.

Fremde Menschen waren zu dieser Zeit nämlich zurückhaltender, wenn es darum ging, auffällige Aktivitäten zu melden. Und diese Theorie wird von einem Sozialpsychologen gestützt. Der heißt Victor Harris und er nennt dieses sozialpsychologische Phänomen den Zuschauereffekt. Dabei werden Menschen Zeuge eines Not- oder Unfalls, aber sie zögern zu helfen, wenn andere Menschen anwesend sind. Das heißt, je mehr Zeugen anwesend sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass eine einzelne Person eingreift und hilft. Denn man geht davon aus, dass gar kein Notfall vorliegt, wenn andere Menschen den Notfall ebenfalls ignorieren. Aber selbst nachdem Zeitungen Fotos von Carmen abdrucken, melden sich tatsächlich nur wenige Menschen, die das Kind auf der Interstate gesehen haben. Besonders hilfreich sind die Beschreibungen dabei nicht. Schließlich sind sie nur in wenigen Sekunden an dem Mädchen vorbeigerast. Außerdem hat es an diesem Abend genieselt. Die Sicht war nicht besonders gut und es dämmerte bereits. Für detaillierte Beobachtungen blieb da einfach nicht genug Zeit und die Möglichkeiten waren schlecht. Aber es gibt doch diese eine Sache, die mehrere Autofahrer beobachtet haben. Dieses eine Auto, das rückwärts gefahren ist.

Ein Zeuge erinnert sich sogar daran, dass er gesehen hätte, wie das Mädchen von einem Mann am Arm festgehalten worden wäre, und der sie zurück ins Auto gezerrt hat. Das Mädchen sah aber nicht so aus, als würde sie rebellieren oder sich wehren. Aus diesem Grund hat der Zeuge keine Notwendigkeit gesehen, Hilfe zu rufen. Die Ermittler sammeln Beschreibungen dieses Autos. Und die führen die Ermittlungen tatsächlich einen ganzen Schritt weiter. Und vor allem führen sie zu einer Person, die aus Carmens näherem Umfeld stammt. Aber dazu kommen wir gleich.

Viele Zeitungen, lokale Unternehmen und Privatpersonen, die sind vom Schicksal des Mädchens ergriffen und setzen Belohnungen auf Hinweise aus. Die Polizei befragt hunderte Personen, darunter auch bekannte Sexualstraftäter aus der Gegend. Und die Organisation Citizens for a Decent Community lässt im Februar 1972 fünf große Plakatwände mit einem Foto von Carmen in der Stadt aufhängen, damit das Interesse an diesem Fall nicht sofort wieder abflacht. Durch diese Aktionen gehen neue Hinweise ein. Neue Personen werden befragt.

Viele dieser Befragten kommen aus dem Familienkreis, aber auch Freunde, Bekannte, Geschäftsinhaber und auch Angestellte rund um die Apotheke werden befragt. Es gibt verschiedene Arten der Kindesentführung. Die häufigste Form ist die, wenn ein nicht sorgeberechtigter Elternteil das Kind dem anderen Elternteil entreißt. Das passiert vor allem während oder nach Scheidungsverfahren. Und eine andere Form ist die, dass Fremde Kinder entführen, um das Kind dann als das eigene zu behalten, das Kind zu missbrauchen oder Lösegeld zu erpressen oder es zu ermorden. Natürlich fragen sich auch die Beamten, ob Carmen ihren Entführer und Mörder kannte, ob sie ihn zufällig bei der Apotheke getroffen und freiwillig mit ihm mitgegangen ist oder ob ein ihr völlig Fremder involviert ist. Zwei Personen rücken jetzt in den Fokus der Ermittlungen. Und der erste Tipp entsteht durch die Beschreibungen des Autos, das auf der Interstate gesehen wurde, das rückwärts gefahren ist. Dieses Auto sieht laut Beschreibungen nämlich genauso aus wie das Auto von Miguel, Carmens Onkel und ihrem neuen Stiefvater.

Als die Polizei das Auto untersucht, stellen sie fest, dass es sowohl innen als auch im Kofferraum mit starker Reinigungslösung gereinigt wurde. Aber nicht nur das. Miguel wird so Ende Februar 1972 zum Hauptverdächtigen, nachdem ein Einwohner die Plakatwende mit Carmens Foto gesehen hat. Denn dieser Mann erzählt der Polizei, dass Miguel kurz nach Carmens Ermordung bei ihm aufgetaucht wäre. Miguel hätte hektisch gewirkt und hätte gesagt, er müsse schnell das Land verlassen, weil er in Rochester etwas falsch gemacht hätte. So schreibt es die Times Union am 16. März 1972.

Und mit dieser Geschichte überschlagen sich die Medien mit immer weiteren und neuen Geschichten und sie berichten über die überstürzte Abreise eines nicht identifizierten Verdächtigen nach Puerto Rico. Der Bezirksstaatsanwalt und zwei Polizisten fliegen nach Puerto Rico und suchen dort nach Miguel. Freunde und Familie von ihm werden vor Ort befragt, aber ohne Erfolg. Die Beamten brauchen also einen neuen Plan. Und der ist relativ schnell ausgeheckt, denn sie überlegen sich, Miguels Mutter zu verhaften. Also zumindest wollen sie Miguel das glauben lassen. Anschließend soll eine große Medienkampagne ins Leben gerufen werden. Und diese soll verkünden, dass die Polizei die Mutter so lange im Gefängnis behalten wird, bis Miguel aus seinem Versteck kommt. Und tatsächlich, dieser Plan geht auf und Miguel fliegt am 26. März 1972 zur Befragung nach Rochester in die USA. Dort wird er sechs Stunden verhört. Für den Tag von Carmens Ermordung kann er kein glaubwürdiges Alibi liefern. Niemand kann seine Behauptungen bestätigen. Das Einzige, was Miguel sagen kann, ist, dass er unschuldig wäre und er will das mit einem Lügendetektortest beweisen.

Das Problem ist, dass diese Tests nicht zu 100% sicher sind und deswegen im Bundesstaat New York vor Gericht unzulässig sind. Aber trotz starker Indizien, die für seine Schuld sprechen, werden weder am Tatort noch in seinem Fahrzeug Beweise gefunden, die ihn mit dem Mord in Verbindung bringen können. Miguel wird daher am 28. März 1972 freigelassen, weil der Staatsanwalt nicht genug Beweise hat, um ihn anzuklagen. Ja, aber wenn Miguel unschuldig ist, warum haut er dann Hals über Kopf nach Puerto Rico ab? Kurz nachdem seine Nichte bzw. Stieftochter ermordet wird. Warum bleibt er nicht in Rochester und ist für Carmens Mutter, also seine neue Freundin, da? Ein paar Ermittler glauben, dass es ein Geheimnis innerhalb der Familie gibt. Ein Geheimnis, das nie gelüftet wird. Denn 20 Jahre später kommt es zu einem weiteren tragischen Drama innerhalb der Familie. Am 17. Februar 1991 greift Miguel nämlich Carmens Mutter und deren Bruder während eines Streits mit einer Waffe an. Die Polizei wird gerufen und Miguel verlangt von den Polizisten, ihn auf der Stelle zu erschießen. Die machen das natürlich nicht, aber daraufhin erschießt sich Miguel selbst und nimmt viele unbeantwortete Fragen mit ins Grab. Ein zweiter Verdächtiger, der kurzzeitig ins Visier der Ermittlungen gerät, heißt James.

James wurde in der Vergangenheit schon einmal wegen Kindesbelästigung verhaftet. Und als Carmen verschwindet, ist auch er in der Gegend. Laut Democrat & Chronicle arbeitet er in der Nähe und hat am besagten Tag seine Arbeitsstunden nur mit Bleistift in die Stechkarte eingetragen und nicht von der Maschine stempeln lassen wie sonst. Und direkt nach dem Fund der Leiche hat er seinen Job gekündigt. Fristlos. Er ist sofort verschwunden. Er hat nicht mal seine persönlichen Gegenstände aus der Wohnung mitgenommen.

Das findet die Polizei verdächtig und verfolgt seine Spur. Aber sie verläuft im Sand. Man kann ihm nichts nachweisen. Die Polizei hat nichts in der Hand und sie ahnt noch nicht, wie groß die Verzweiflung noch werden wird. Wanda Wolkowitz ist ein fröhliches, sympathisches Kind, das von allen gemocht wird. Sie hat rötliches Haar, blaue Augen, Sommersprossen im Gesicht und einen lockigen Pixi-Haarschnitt. Mit ihren elf Jahren wirkt sie schon ziemlich reif für ihr Alter, aber sie spielt am Wochenende gerne noch mit Freunden bis spätabends draußen. Wanda lebt in Webster, im nördlichen Teil von Rochester. Das ist eine Gegend der ärmeren Mittelschicht. Ihr Vater Richard stirbt, als sie gerade einmal sechs Jahre alt ist und Wanda lebt mit ihrer jüngeren Schwester Rita und ihrer Mutter Joyce zusammen. Später wird noch ihre Schwester Michelle geboren. Mutter Joyce muss mit sehr wenig Geld wirtschaften, um ihre drei Mädchen durchzubringen. Der 2. April 1973 ist ein kalter, regnerischer Montag. Wanda stört das Wetter nicht, denn sie hält stolz ihr bisher bestes Zeugnis in den Händen. Sie ist eine ordentliche und fleißige Schülerin und die Lehrer merken, dass sie zu Hause viel Verantwortung hat. Sie muss mit anpacken, um sich um ihre Schwestern zu kümmern.

Wanda muss häufig Besorgungen für ihre Mutter machen, entweder alleine oder gemeinsam mit ihren Schwestern. Und auch an diesem Montag, gegen 17.10 Uhr, wird Wanda wieder losgeschickt, um Tierfutter, Windeln, Suppe, Thunfisch und Brot und Milch fürs Abendessen zu kaufen. Das alles bekommt sie im Feinkostladen Hillside Delicatessen. Dieser Laden ist gleich hinter Wandas Schule, nur drei Blocks entfernt. Das heißt, sie kennt den Weg, geht den ja täglich. Wanda trägt heute ein blau-weiß kariertes Kleid, weiße Socken und Turnschuhe. Sie bekommt im Laden auch alles, was ihr aufgetragen wurde und zahlt insgesamt 8,52 Dollar.

Gegen 17.30 Uhr verlässt Wanda mit einer sehr schweren Papiertüte samt Einkaufen den Laden und macht sich auf den Heimweg im Regen. Ein paar Freundinnen von Wanda sehen sie von Weitem, Wanda geht nämlich hinter ihnen. Aber weil das Wetter so schlecht ist, halten die nicht an, um ihre Freundin zu begrüßen. Sie sehen nur, dass Wanda an einem Zaun lehnt, kurz Pause macht und versucht, diese schwere Tüte irgendwie besser halten zu können. Und als sie sich kurze Zeit später nochmal umdrehen, ist Wanda aber verschwunden. Auch das große braune Auto ist nicht mehr zu sehen. Das ist bestimmt in eine Seitenstraße abgebogen. Währenddessen wird Wandas Mutter langsam nervös. Ihre Tochter müsste doch längst zurück sein. Wo bleibt die denn? Sie schickt Tochter Rita los. Rita soll nachschauen, wo Wanda so lange bleibt. Rita fragt im Feinkostladen, ob ihre Schwester dort schon eingekauft hätte und der Kassierer antwortet, dass Wanda schon vor über einer Stunde gegangen wäre. Es sind jetzt schon über zweieinhalb Stunden, nachdem Wanda das Haus verlassen hat und deswegen gibt Joyce eine Vermisstenanzeige bei der Polizei auf.

Polizei und Nachbarn starten eine große Suchaktion. Sie durchsuchen Hinterhöfe, Gassen, Bahngleise und das gesamte Gebiet rund um den Laden. Die Beamten erfahren von einer Begegnung zwei Abende zuvor. Wanda und ihre Freundin wurden gegen 22 Uhr von einem fremden Mann in der Nähe der Bahngleise angesprochen. Sie konnten aber sein Gesicht nicht sehen.

Ein Zeuge berichtet, dass er Wanda auch am Abend ihres Verschwindens an den Gleisen gesehen hätte. und das würde bedeuten, dass Wanda mit dieser schweren Tüte am Haus ihrer Mutter vorbeigelaufen wäre. Im Regen. Warum hätte sie das tun sollen? Der nächste Tag hätte eigentlich ein ganz besonderer werden sollen. Mit Kuchen, Kerzen und Luftballons. Denn es ist der zehnte Geburtstag von Schwester Rita. Aber heute denkt niemand ans Feiern. Es gibt keine ausgelassene Stimmung, keine Luftschlangen. Denn nach wie vor sind alle in großer Sorge um Wanda, die immer noch nicht aufgetaucht ist. Der heutige Dienstagmorgen ist immer noch kalt und feucht und ein Polizist fährt gerade seine Routinestreife durch Webster. Er ist gerade in der Nähe eines alten Rastplatzes und nach diesem langen Winter ist alles in Braun- und Grautönen getaucht. Daher sticht etwas Weißes auch am Berghang hervor. Das will sich der Polizist näher anschauen. Er fährt also näher heran und je näher er kommt, desto größer wird die traurige Gewissheit. Er sieht sofort die nackten Beine eines kleinen Mädchens. Das Mädchen liegt mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden und trägt noch das blau-weiß karierte Kleid, das sie zum Einkaufen anhatte. Wanda Wolkowicz ist das zweite Mädchen, das innerhalb von anderthalb Jahren in dieser Gegend verschwindet und ermordet aufgefunden wird.

Die Lage der Leiche deutet darauf hin, dass sie wahrscheinlich aus einem fahrenden Fahrzeug geworfen wurde und ihr Körper dann die Böschung runtergerollt ist. Derselbe Gerichtsmediziner, der auch Carmens Leiche untersucht hat, stellt fest, dass auch Wanda sexuell missbraucht wurde und mit einem Gegenstand erdrosselt wurde. Außerdem stellt er fest, dass sie zwei Stunden vor ihrem Tod noch Pudding gegessen hat. Aber laut Mutter Joyce hatte sie den nicht zu Hause gegessen Und im Laden hatte sie auch keinen gekauft, Das ist ziemlich komisch Denn Wanda wird schnell nervös, wenn sie mit unbekannten Menschen zusammen ist Und bei ihr äußert sich das so, dass es ihr auf den Magen schlägt Deswegen würde sie niemals Essen von Fremden anrühren.

Familie, Lehrer und Freunde sind sich sicher dass Wanda zu clever ist, um mit irgendeiner fremden Person mitzugehen.

Sie hätte sich in so einem Fall definitiv gewehrt. Die Polizei vermutet also, dass Wanda ihren Entführer kannte oder ihm vertraut hat. Vielleicht, weil er ihr einen vertrauenswürdigen Job ausübt. Vielleicht ist er Feuerwehrmann, Krankenwagenfahrer, Postbote. Vielleicht hat sie aber auch eine Mitfahrgelegenheit angenommen, Denn immerhin war ihre Einkaufstüte ja sehr schwer und es hat geregnet. Am 6. April 1973 wird Wanda, wie auch schon Carmen ein Jahr zuvor, auf demselben Friedhof in Rochester beigesetzt. Über 50 Beamte sind rund um den Fundort und Wandas Wohnviertel im Einsatz. Hubschrauber überfliegen sogar die Gegend, es werden Straßensperren errichtet und es werden Belohnungen für Hinweise ausgesetzt. Ihr merkt schon, alles wiederholt sich. Nachbarn werden befragt. Wer hat vielleicht irgendwas Verdächtiges gesehen? Zwei Beamte, die auch schon den Mord an Carmen untersucht haben, die sollen jetzt auch in Wonders Fall helfen. Die ersten Gemeinsamkeiten fallen sofort auf. Die beiden Mädchen sind fast gleich alt. Beide wurden entführt, als sie am späten Nachmittag Besorgungen für ihre Mütter gemacht haben. Beide wurden vergewaltigt und erdrosselt am Straßenrand gefunden.

Und was den Beamten auch ins Auge springt, sind die gleichen Initialen im Vor- und im Nachnamen. Carmen Colon, C.C. und Wanda Walkowicz.

Ist das ein Zufall?

Die Polizei befragt diverse Männer, die auch schon in Carmens Fall befragt wurden, und sie checkt Alibis verdächtiger Personen. Viele Hinweise aus der Bevölkerung werden überprüft. Und ein anonymer Anrufer behauptet, dass er ein rothaariges Mädchen am Tag von Wonders Verschwinden gesehen hätte, das am späten Nachmittag in der Nähe des Ladens in einen hellen Dodge Dart gezwungen wurde. Eine andere Person erzählt, dass sie ein ähnliches Auto auf dem Rastplatz gesehen hat, auf dem Wanders Leiche gefunden wurde. Auch eine dritte Person will so ein Fahrzeug in der Nähe des Rastplatzes gesehen haben. Daher halten die Polizisten jetzt Ausschau nach so einem hellen Dodge-Start, aber ohne Erfolg. Die Polizei steht jetzt also vor gleich zwei ungelösten Morden an Mädchen im Teenager-Alter. Ohne zu ahnen, dass diese Mordserie noch kein Ende gefunden hat. Werbung Werbung Ende, Michelle Manser lebt mit ihrer Mutter Carolyn und ihren beiden jüngeren Schwestern in Rochester. Das elfjährige Mädchen wird als ruhig, fröhlich und freundlich beschrieben. Sie hat haselnussbraune Augen und schulterlanges, dunkelbraunes Haar mit einem Pony. Im Vergleich zu Gleichaltrigen wirkt Michelle emotional manchmal etwas unreif. unreif. Sie spielt lieber mit jüngeren Kindern, die zu ihr aufsehen.

Sie mag Gleichaltrige nicht so gerne, denn die hänseln sie wegen ihres Übergewichts.

Eigentlich holt Mutter Carolyn ihre Töchter immer aus der Schule ab. Nur an diesem einen Tag, da geht Michelle alleine. Es ist Montag, der 26. November 1973.

Gegen 15.05 Uhr verlässt sie das Schulgebäude und macht sich auf den Heimweg. Sie soll noch die Handtasche ihrer Mutter holen, die sie am Samstag in einem Geschäft am Goodman Plaza vergessen hatte. Auf dem Rückweg kommt Michelle auch an der Tankstelle ihres Onkels vorbei. Als Michelle um 17 Uhr aber immer noch nicht zu Hause ist, da macht sich ein ziemlich ungutes Gefühl bei Mutter Carolyn breit. Ihre Tochter ist eigentlich kein rebellisches Kind. Sie ist noch nie weggelaufen oder zu spät gekommen. Und deswegen meldet sie um 17.40 Uhr ihre Tochter bei der Polizei als vermisst. Die Alarmglocken schrillen nur sieben Monate nach dem Fuhren von Wonders Leiche ziemlich laut auf dem Polizeirevier. Und der nordöstliche Teil der Stadt wird gründlich untersucht. Michelles Wohnviertel, nahegelegene Parkplätze, Parks, verlassene Gegenden. Es gehen verschiedene Hinweise ein, wonach das Mädchen an verschiedenen Orten gesehen wurde. Eine Person erzählt der Polizei, dass sie ein verängstigtes Mädchen, das wie Michelle aussah, auf dem Beifahrersitz eines dunkelgrünen Pickups gesehen hat. Das war am Tag von Michelles Verschwinden. Dieser Pickup ist so schnell über eine Kreuzung gerast, dass er beinahe einen Unfall verursacht hätte. Ein anderer Zeuge berichtet von einem hellbraunen Fahrzeug.

Zwei Tage später, am 28. November, macht ein Brandmeister der Freiwilligen Feuerwehr eine grausame und traurige Entdeckung.

Michelles Leiche wird vollständig bekleidet in einem Graben in einer ländlichen Gegend gefunden. Auch sie wurde vermutlich aus einem Fahrzeug geschleudert und ist den Graben runtergerollt. Michelles Mantel wird eine halbe Meile entfernt in einem Graben gefunden und statt ihren Geburtstag mit Geschenken und Torte zu feiern, wird Michelle am 1. Dezember 1973 auf einem Friedhof in Rochester beigesetzt. Genauso wie Carmen und Wanda vor ihr. Auch in Michelles Fall führt derselbe Gerichtsmediziner wie auch schon in den beiden Fällen zuvor die Autopsie durch. Die offizielle Todesursache lautet Ersticken durch Strangulation. Und damit reiht sich das in die traurige Liste der Gemeinsamkeiten ein.

Weiterhin findet der Gerichtsmediziner Reste eines Cheeseburgers in Michels Magen. Aber sie hat weder in der Schule Burger gegessen, noch hatte sie Geld dabei, um sich auf dem Heimweg einen zu kaufen. Das heißt, irgendjemand muss dem Mädchen einen Cheeseburger gegeben haben. Und dieses Mal gelingt dem Gerichtsmediziner was, was er vorher nicht geschafft hat. Denn dieses Mal kann er Fingerabdrücke sicherstellen. Mithilfe einer neuen Technik mit Jod und Silber kann er Abdrücke am Hals und auf den Stiefeln und dem Mantel entnehmen. Mit heutiger, moderner Technik hätte man die Identifizierung des Mörders sicher viel schneller vorantreiben können. Aber 1973 war das ja noch nicht der Fall. Das Verbrechen an Michelle Menzer reiht sich in die vorherigen ein. Genauso wie bei Carmen Colon und Wanda Wolkowitz. Alle drei wurden am helllichten Tage entführt. Alle sind im selben Alter. Alle wurden tot am Straßenrand entdeckt. Und wie bei den anderen beiden auch, ist Michels Name eine Alliteration. Michelle Mensah. M.M.

Das alles veranlasst die Polizisten zu glauben, dass sie es mit ein und demselben Täter zu tun haben. Und der bekommt ab sofort den Namen Alphabet Killer oder auch Double Initial Killer. Ein Zeuge kann von einer besonderen Beobachtung berichten. Und diese Beobachtung wird die Beamten einen großen Schritt voranbringen. Denn dieser Mann erzählt von einer seltsamen Begegnung, die er in der Abenddämmerung hatte. Ungefähr an der Stelle, an der später Michels Leiche gefunden wird. Dieser Mann war mit seinem Auto unterwegs, als er einen anderen Fahrer in Not gesehen hat. Vermutlich war es ein platter Reifen.

Dieser Zeuge hält an, schaut zu dem Autofahrer, und dieser Autofahrer hat ein Kind bei sich. Der Zeuge hat das Fenster runtergekurbelt und hat Hilfe angeboten, aber der Autofahrer, der ist davon gar nicht begeistert, schirmt das Mädchen und sein Nummernschild ab und droht dem Zeugen mit erhobener Faust und sagt, dass der Zeuge gefährlichst abhauen soll. Die Beschreibungen des Zeugen reichen dieses Mal aus, um sogar ein Phantombild zu erstellen. Es handelt sich um einen schlanken weißen Mann, etwa 1,80 groß, zwischen 25 und 35 Jahre alt. Er hat dunkles, gewelltes Haar, das an den Seiten und hinten kürzer ist und vorne bis zum Nasenrücken reicht.

Der Verdächtige trägt blaue Jeans, eine hellblaue Steppjacke und ein kariertes Hemd. Dieses Phantombild könnt ihr euch übrigens auch anschauen, das haben wir euch in den Shownotes verlinkt. und mit der Veröffentlichung des Phantombilds in regionalen Zeitungen bricht eine neue Welle an Hinweisen ein. Viele Hinweise führen allerdings in Sackgassen. Aber ein vielversprechender Hinweis ist dabei. Denn eine Frau hat am Tag von Michels Verschwinden gegen 16.30 Uhr einen Mann mit einem jungen Mädchen im Auto gesehen. Das war am Carol's Drive-In-Restaurant. Das ist die erste Spur, die den Inhalt von Michels Magen erklären könnte. Denn der Gerichtsmediziner hatte ja Reste eines Cheeseburgers gefunden. Die Lage des Drive-In-Restaurants ist auch wichtig. Denn es ist nicht weit von der Stelle entfernt, wo der bisher wichtigste Zeuge den Autofahrer mit dem Mädchen und dem vermeintlich platten Reifen gesehen hat. Das Bild dieses Mannes passt zu den Beschreibungen, die Zeugen vom Mann im rasenden Pickup an der Kreuzung, im Auto am Drive-In-Restaurant und eben am Straßenrand abgegeben haben.

Und am 11. Dezember kann die Polizei ihr Glück kaum fassen. Denn der Hauptzeuge hat tatsächlich noch einmal das Auto des verdächtigen Mannes gesehen. Und dieses Mal kann er das Nummernschild deutlich erkennen. Damit ist es natürlich ein Kinderspiel herauszufinden, wem das Fahrzeug gehört, und diese Person wird zur Vernehmung aufs Revier gebracht. Über neun Stunden lang wird er von den Beamten befragt. Und der Mann, über den wir hier sprechen, der ist Mitte 20 und hat bereits Einträge im Vorstrafenregister. Allerdings nicht wegen Sexualdelikten.

Laut Berichten der Times Union hat der Verdächtige eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Phantombild. Aber er ist kleiner als von Zeugen beschrieben. Was er am Tag von Michels Verschwinden gemacht hat, das weiß er gar nicht mehr so genau. Aber es gibt Telefonprotokolle aus seinem Haus. Und die lassen darauf schließen, dass er zur Tatzeit zu Hause war und telefoniert hat. In diesen Telefonaten soll es wohl um potenzielle Jobs gegangen sein. Aber diese Anrufe könnten ja auch genauso gut von irgendwelchen Familienmitgliedern getätigt worden sein. Der Verdächtige stimmt einem Lügendetektortest zu. Und den besteht er. Die Beamten können ihm nichts nachweisen und müssen ihn gehen lassen. Das ist natürlich ein echtes Fiasko für die Polizei. So haben die sich das nicht vorgestellt. Mittlerweile sind auch die Ergebnisse der Beweismittelanalyse vom Tatort da. Und laut Artikeln des Democrat & Chronicle vom Januar 1974 wurden neben Blutspuren auf Michelles Mantel auch weiße Katzenhaare gefunden.

Und das ist ein weiterer Punkt auf der Liste der Gemeinsamkeiten, denn auch am Fundort von Wanda und an Carmens Leiche wurden weiße Katzenhaare entdeckt, obwohl die Kinder gar keine Katzen zu Hause haben. Eine Theorie lässt vermuten, dass die Mädchen von einem Mann mit weißer Katze ins Auto gelockt worden sein könnten. Aber eigentlich sind alle drei Mädchen schon zu alt, um sich noch mit süßen Haustieren in fremde Autos locken zu lassen. Was besonders auffällig ist bei den Elphabit-Morden, ist das ständige Auftreten der Zahl 3. Es gab drei Morde und jedes der Opfer hatte diese doppelten Initialen. Und C, M und W sind sowohl der 3., der 13. und der 23. Buchstabe des Alphabets. Carmen verschwand von der New York State Route 33 und wurde zuletzt gesehen, als sie kurz vor der Ausfahrt 3 auf der Interstate lief. Michelle Manzer besuchte die Schulnummer 33. Das kann alles natürlich ein Riesenzufall sein, aber vielleicht hatte der Mörder auch eine seltsame Obsession für diese Zahl.

Es gibt noch eine weitere Auffälligkeit im Zusammenhang mit den doppelten Initialen. Die Anfangsbuchstaben den Namen der Städte, in denen die Leichen gefunden wurden. Denn die stimmen immer mit den Anfangsbuchstaben der Namen der Opfer überein. Die Leiche von Carmen Cologne wurde in Churchville gefunden. Wanda Volkowicz in Webster und Michelle Manza in Macedon. Alle drei Mädchen sind an regnerischen Tagen verschwunden, alle drei waren römisch-katholisch und wohnten in einkommensschwachen Vierteln, ihre Mütter waren alleinerziehend, und alle drei hatten eine eher lockere Erziehung erfahren. Die Parallelen im Modus operandi, also der Art und Weise des Handelns des Mörders, die sind nahezu identisch. Alle drei Mädchen sind etwa zur gleichen Tageszeit entführt worden, nämlich am späten Nachmittag. Alle verschwanden am helllichen Tag auf belebten Straßen, ohne dass es zu einer Auseinandersetzung kam. Alle Mädchen waren auf dem Weg oder auf dem Rückweg von einem Geschäft, um Besorgung für ihre Mütter zu machen. Alle wurden vergewaltigt und erdrosselt. Alle drei hatten innerhalb von zwei Stunden vor ihrem Tod noch irgendwas gegessen.

Und bei allen drei wurden helle Katzenhaare an der Kleidung gefunden. Die technischen Möglichkeiten der Polizei sind zu der Zeit aber zu begrenzt, um herauszufinden, ob diese Katzenhaare auch von ein und derselben Katze stammen. Das heißt, die Beamten stehen wieder vor einem großen Fragezeichen. Bis ein paar Wochen später ein neuer Verdächtiger auf der Bildfläche erscheint. Es ist der Neujahrstag 1974. Die Polizei wird von Anwohnern zu einer Garage in Rochester gerufen. Ein Mann hätte versucht, ein junges Mädchen mit vorgehaltener Waffe zu vergewaltigen. Und Nachbarn hätten gesehen, wie er das Mädchen geschnappt und zur Garage verschleppt hätte.

Dieser Mann kann allerdings fliehen, als die Polizei eintrifft.

Und nach einer kurzen Verfolgungsjagd verbarrikadiert er sich in einem geparkten Auto.

Aber die Beamten können ihn nicht mehr verhaften. Denn der Mann erschießt sich selbst und stirbt. Wie sich herausstellt, heißt der Mann Dennis und ist ein 25-jähriger Feuerwehrmann. Aber der hilfsbereite Schein trügt. Denn die Beamten finden heraus, dass Dennis der langgesuchte Garagenvergewaltiger ist. Er soll zwischen 1971 und 73 mindestens 14 Vergewaltigungen von Mädchen im Teenageralter und jungen Frauen begangen haben. Aber Dennis rückt nicht nur damit in den Fokus der Elphabetmorde. Er wohnt nur zwei Autominuten von dem Ort entfernt, an dem Michelle zuletzt lebend gesehen wurde. Er verging sich an Mädchen und jungen Frauen in genau den Gegenden, in denen Carmen Cologne, Wanda Wolkowicz und Michelle Manser wohnten. Und er fuhr ein helles, beigefarbenes Auto, was ja von mehreren Zeugen im Zusammenhang mit den Morden beschrieben wurde. Auch sein vertrauenerweckender Job passt in die Theorie der Ermittler. Die Mädchen hätten einem Feuerwehrmann wahrscheinlich vertraut, hätten mit ihm mitgehen können. Und noch dazu fand die Polizei weißes Katzenfell in seinem Auto. Das verdächtigste Indiz. Aber es gibt auch Punkte, die gegen Dennis als Alphabet-Killer sprechen. Seine Opfer waren älter als Carmen, Wanda und Michelle. Und er hat sie am Leben gelassen.

Gewissheit in diesem Fall werden die Polizisten allerdings erst drei Jahrzehnte später bekommen. Nämlich am 4. Januar 2007. Auf den Tag genau 33 Jahre nach seiner Beisetzung erwirkt die Polizei nämlich die Exhumierung von Dennis' Leiche. Sie wollen eine DNA-Probe gewinnen und diese DNA-Probe soll mit der DNA vom Tatort der Alphabet-Verbrechen verglichen werden.

Und ein paar Wochen später sind die Ergebnisse dieses Tests da und die ergeben, dass Dennis nicht der Vergewaltiger und Mörder von Wanda Wolkowicz war. Das Problem ist, dass die Polizei nur DNA-Proben von Wandas Tatort hat. Es gibt keine Proben von Carmens oder von Michelles Tatort. Und damit können die Behörden ihn nicht sicher als Mörder von Carmen und Michelle ausschließen. Ein paar Jahre vergehen und es gibt noch immer keinen Durchbruch im Fall der Alphabetmorde. Es gibt keine heiße Spur, nichts. Bis ein neuer Name auf die Liste der Verdächtigen rutscht. Kenneth, von allen nur kennengenannt, wird am 22. Mai 1951 als Sohn einer jungen, alkoholabhängigen Prostituierten in Rochester geboren. Sie ist völlig überfordert mit dem Baby und gibt es deswegen zur Adoption frei.

Ken hat aber Glück und kann in einer neuen Familie aufwachsen. Er besucht die katholische Schule und ist ein sehr jezorniges Kind und zwanghafter Lügner. Kurz nach seinem Schulabschluss heiratet er im Juni 1970, aber acht Monate später schon wird er von seiner jungen Frau verlassen. Ken möchte gerne bei der Polizei arbeiten und beginnt dafür sogar ein Studium der Psychologie und Polizeiwissenschaft, aber bricht das ab. Er bewirbt sich direkt beim Monroe County Sheriff's Office, aber wird abgelehnt. Und so wird es die nächsten Jahre für ihn weitergehen. Er bewirbt sich bei der Polizei, wird aber nicht eingestellt und muss sich deswegen andere Jobs suchen. Zum Beispiel als Wachmann in einem örtlichen Juweliergeschäft. In dieser Zeit beginnt er mit den ersten kriminellen Handlungen. Er klaut Schmuck und verkauft ihn. Außerdem arbeitet er als Eisverkäufer und Krankenwagenfahrer.

Ende 1975 verlässt der 26-jährige Ken Rochester mit seinem hellen Cadillac und fährt nach Los Angeles. Ein älterer Cousin verschafft ihm dort einen Job in seiner Werkstatt, aber den brauchen die beiden nur als Tarnung. Denn hauptsächlich arbeiten sie als selbsternannte Zuhälter. Und während sie von diesen Jobs leben, bewirbt sich Ken weiter bei der Polizei, aber wie vorher auch vergeblich. Ja, aber statt auf die Seite der Guten rutscht Ken immer weiter auf die Seite der Bösen. Als eine Prostituierte ihn und sein Cousin im Oktober 1977 verlassen will, da werden die Männer so wütend und wollen sie in die Schranken weisen. Damit beginnt eine grauenvolle Mordserie. Denn zwischen Oktober 1977 und Februar 1978 bringt das Duo insgesamt zehn Opfer im Alter von 12 bis 28 um. Sie zwingen ihre Opfer ins Auto, fesseln, vergewaltigen und erwürgen sie. Die Polizei nennt die Täter damals Hillside Strangler, weil sie die Leichen an den Hängen über Los Angeles gefunden haben.

Im Mai 1978 zieht Ken zu seiner Freundin nach Bellingham in Washington und nimmt dort einen Job als Wachmann an. Ein halbes Jahr später erwirkt er dort zwei Studentinnen in einem von ihm bewachten Haus, aber durch das geparkte Auto von einer der Frauen wird die Polizei auf Ken aufmerksam und verhaftet ihn. Ken belastet daraufhin sein Cousin, bekennt sich selbst für fünf, der aber ja insgesamt zehn Morde in Los Angeles schuldig und dafür bekommt er eine Strafmilderung angeboten. Im Oktober 79 wird Ken in sieben Fällen des Mordes ersten Grades angeklagt. Zwei Jahre später beginnt dann der Prozess. Aber wie bringt man Ken mit den Alphabet-Morden in Verbindung? Die United Press International macht erstmals im August 1981 auf Ähnlichkeiten zwischen den Morden der Hillside Stranglers und denen des Alphabet-Killers aufmerksam. Die beiden Mordserien wurden mit glatten, seilartigen Gegenständen durchgeführt. Die Leichen der Opfer wurden an Hängen und Böschungen mit freier Sicht abgelegt. Und Ken fährt ein helles Auto, genau so ein Auto, das verschiedene Zeugen der Alphabet-Morde beschrieben haben.

Außerdem weist Ken ein Blutmerkmal auf, das nur bei 20% der erwachsenen Männer zu finden ist. Und dieses Merkmal, das wurde auch in der DNA des Alphabet-Täters gefunden. Die Polizisten haben an Michelles Hals einen Teilabdruck, eine Handfläche, sicherstellen können. Dazu haben sie Joddampf darüber geblasen. Und so hinterließ das verschwitzte Handgelenk des Mörders einen Rückstand aus Fetten und Ölen auf der Haut, die von dem Dampf eingeschlossen wurden. Anschließend wurde ein Metallstück auf den Abdruck gedrückt, um das Jodbild zu übertragen. Im September 1981 übergibt der Staatsanwalt von Monroe County diese Abdrücke von Ken und Michelles Hals an einen Experten. Und ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass die Gemüter total erhitzt sind, denn alle hoffen auf den lang ersehnten Durchbruch. Stimmen die Abdrücke von Michelles Hals mit denen des Hillside-Stranglers überein? Das Ergebnis lautet, nein, die Abdrücke stimmen nicht überein. Und das ist wieder ein gewaltiger Dämpfer für die Polizei. Aber dazu muss gesagt werden, dass sich die Abdrücke von Handgelenken mit der Zeit verändern können. Denn die Haut verändert sich und verliert an Elastizität. Das ist einer der wichtigen Unterschiede im Vergleich zu Fingerabdrücken, denn die bleiben ein Leben lang gleich.

Ken wird für die Hillside-Strangler-Morde zu einer lebenslangen Haft ohne Bewährung verurteilt, aber für die Alphabet-Morde wird er nicht angeklagt. Er verbringt viel Zeit im Gefängnis damit, Briefe an die Presse- und Polizeibehörden zu schreiben und beteuert darin seine Unschuld, dass er nicht der Alphabet-Mörder wäre, für den ihn viele halten. Fassen wir an dieser Stelle mal ganz kurz zusammen. Carmens Onkel bzw. Stiefvater Miguel ist der Hauptverdächtige in ihrem Fall. Er begeht Jahre später Selbstmord. Dennis, der Garagenvergewaltiger, der erschießt sich kurz vor seiner Festnahme im Auto. Ken, der Hillside-Strangler, der beteuert vehement, nicht der Alphabet-Killer zu sein. Aber es gibt ihn, den Alphabet-Mörder. Und der heißt Joseph.

Joseph ist 77 Jahre alt, als er im April 2011 verhaftet wird und des Mordes an vier Frauen beschuldigt wird. Joseph wohnt in der Nähe von Rochester und pendelt zwischen Kalifornien und der Ostküste. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung findet die Polizei ein verstörendes Tagebuch. Und darin schreibt Joseph, wie er insgesamt zehn Opfer überwältigt, vergewaltigt und getötet hat. Zu seinen Opfern zählen vier Prostituierte aus Kalifornien mit doppelten Initialen. Und die DNA-Spuren von Wandas Leiche werden mit seiner DNA verglichen und dabei kommt heraus, dass es keinen Match gibt. Er ist zwar ein Alphabet-Killer, aber nicht der Alphabet-Killer, den die Beamten so fieberhaft in Rochester suchen. Joseph wird im Juni 2013 wegen vier Morden angeklagt und im November des gleichen Jahres formell zum Tode verurteilt. Unzählige Spekulationen von Nachrichtenmedien, Online-Blogs, Dokumentarfilmen und der Klatschpresse. Bizarre Zufälle und andauernd angepasste Theorien der Ermittler.

Es herrscht allgemeiner Konsens darüber, dass Carmen, Wanda und Michelle von derselben Person ermordet worden sein müssen. Dennoch gibt es aber gewisse Unsicherheiten darüber, ob Carmens Ermordung wirklich in Verbindung mit den beiden anderen Verbrechen steht. Es gibt unzählige Verdächtige, aber niemandem konnte etwas nachgewiesen werden. Alle drei Mordfälle werden damit zu Cold Cases. Bis die Fälle im März 2022 noch einmal Aufmerksamkeit bekommen. Nämlich durch TikTok. Die 21-jährige Alexis aus Rochester behauptet auf ihrem TikTok-Account, dass ihr Opa der Alphabet-Killer gewesen sein muss. Auf ihrem Account It's Ulexis erzählt sie, dass es schon länger Gerüchte in ihrer Familie gibt. Und wir haben euch diese Videos auch in den Shownotes verlinkt. Was bringt sie aber dazu, zu behaupten, dass ihr Großvater der Alphabet-Killer wäre? Was dafür spricht ist, dass ihr Großvater Wanda kannte, weil seine Tochter mit ihr befreundet war. Außerdem hätte er noch am Tag ihres Verschwindens mit Wanda gesprochen. Der Großvater von Alexis hatte ein Lebensmittelgeschäft in der Straße, in der Wanda zuletzt gesehen wurde, und in seinem Geschäft liefen helle Katzen umher. Ihr erinnert euch vielleicht an den Tatorten, da wurden helle Katzenhaare gefunden.

Alexis' Großvater hatte ein helles Auto und Alexis glaubt, dass sie in dem Phantombild ihren Opa erkennen könnte. Allerdings kannte sie ihn nicht, denn ihr Opa ist nach einer Scheidung aus Rochester fortgezogen und nach Las Vegas gegangen. Und seitdem hatte die Familie von Alexis so gut wie keinen Kontakt mehr zu ihm. Und natürlich versucht auch die Polizei in diesem Fall mithilfe von DNA weitere Gewissheit zu erlangen. Die Polizei vergleicht die DNA von Wandas damaliger Freundin, also Alexis' Tante, mit der DNA, die bei Wandas Tatort gefunden wurde. Und dabei kommt heraus, auch hier gibt es wieder kein Match. Obwohl sich viele Bürgerinnen und Bürger mit Beobachtung gemeldet haben, um damit zur Ergreifung des Mörders beizutragen, gelang der Polizei kein Durchbruch im Fall des Alphabet-Killers. Wie bei den meisten ungelösten Mordfällen wirft auch dieser Fall leider mehr Fragen als Antworten auf. Zum Beispiel, ob die Morde überhaupt zusammenhängen. Gibt es ihn denn, diesen einen Täter? Oder hat es die Polizei am Ende mit zwei oder sogar drei Mördern zu tun?

1995 äußerte sich nochmal Carmens Mutter in einem Interview im Democrat & Chronicle und sie sagt, Wenn ich mit dem Wissen sterben könnte, wer meine Carmencita getötet hat, könnte ich friedlicher sterben, als ich gelebt habe. Das ist das Einzige, was ich mir in meinem Leben wünsche. Zu wissen, dass diese Person für die schrecklichen Dinge, die sie meinem kleinen Mädchen angetan hat, bezahlen musste. Und damit endet die heutige Folge rund um den Alphabet Killer. Wenn ihr mögt, dann bewertet doch gerne diese Folge mit einem Daumen nach oben und natürlich auch gerne den gesamten Podcast. Darüber würden wir uns wahnsinnig freuen. Und wenn ihr jetzt noch nicht genug von True Crime habt, dann schaut euch doch auch mal unseren Podcast Schwarze Akte Mystery an. Den findet ihr natürlich auch hier auf Podimo. Und damit sagen wir, vielen Dank fürs Zuhören und wir öffnen eine neue Schwarze Akte für euch in der nächsten Woche. Vertraue und glaube, es hilft, es heilt die göttliche Kraft!