Music.

Es ist eine Sommernacht im Juni 1930. Am Mittwochabend gegen 20 Uhr packt Stella in dem kleinen Delikatessenladen in Queens, New York, ein paar Sachen zusammen. Ihre Kinder Irene und Joseph Junior wusen im Markt herum. Ihr Mann Joseph Senior kommt aus dem Lager und geht in Richtung Tür. Er will noch ein paar Besorgungen erledigen und fährt mit dem Wagen los, um einige Kisten auszuliefern. Das denkt zumindest Stella. Der 39 Jahre alte Joseph holt stattdessen aber die 20 Jahre jüngere Catherine ab. Seit zwei Jahren haben die beiden eine Affäre und sie treffen sich regelmäßig heimlich. In dem Ford Sedan von Joseph fahren sie durch die Nachbarschaften von Whitestone und College Park. Die grenzen beide an den East River.

Die Gegenden dort fühlen sich nach Vorstadt an. Aber es gibt auch viele Einfamilienhäuser und sogar Platz für Parks, kleine Wäldchen und viele abgeschiedene Straßen. Dort treffen sich häufig Pärchen in den sogenannten Lovers' Lanes, also Straßen für Verliebte. Und genau dorthin sind an diesem Juniabend auch Joseph und Catherine unterwegs. An einem abgeschiedenen Ort halten sie an und verziehen sich dann auf die Rückbank des Autos. Um sie herum ist es stockdunkel, deswegen bemerkt Catherine den Mann erst, als er direkt neben dem Auto steht. Der kleine dünne Mann steckt seinen Kopf durch das geöffnete Beifahrerfenster. Catherine starrt in die kleinen, durchdringenden Augen, auf die eingefallenen Wangen und sein faltiges Gesicht. Der Mann sieht halb verhungert aus. Seine Augen sind auf Catherine gerichtet. Der Mann blinzelt kein einziges Mal. Aber nicht nur das jagt ihr Einschauer über den Rücken. Er hat auch eine Pistole in der Hand. Der Lauf ist direkt auf sie und Joseph gerichtet.

Und damit ganz herzlich willkommen zu einer neuen Folge der schwarzen Akte. Ich bin Anne. Und ich bin Patrick. Und wir beide sind ganz aufgeregt, weil die News endlich raus sind. Oh mein Gott, ja. Ja, letzte Woche haben wir es ja verkündet, Patrick, dass du jetzt neu dabei bist bei der schwarzen Akte. Wie ging es dir in der letzten Woche? Ich bin, also ich habe vorhin schon mit Falco darüber gesprochen. Darf ich Falco erwähnen? Na klar, Falco ist unser Produzent.

Ja genau, die letzten Tage war auf jeden Fall schon genauso, wie wir die erste Folge aufgenommen haben, so aufgeregt, als wir die News rausgegeben haben. Und ich muss sagen, also mir fehlen ein bisschen die Worte, wie das ganze Feedback gewesen ist. Das waren wirklich unglaublich viele liebe Nachrichten. Und ja, ich hoffe, für dich war es genauso cool, einfach auch die News rauszugeben. Total. Ich war aber auch super aufgeregt. Also mich konnte man total vergessen, letzte Woche Dienstag. Und mir ist das an der Stelle auch nochmal wichtig, eine Sache zu sagen. Und zwar kann ich das total verstehen, dass viele Veränderungen erstmal ein bisschen doof finden, weil das ist ungewohnt und ungewohnte Dinge machen vielleicht auch manchmal ein bisschen Angst und man fühlt sich einfach ein bisschen wohler mit Dingen, die man schon kennt. Aber Veränderungen, finde ich, sind auch immer eine Chance. Und deswegen wäre es mir total lieb, dass ihr der schwarzen Akte in der neuen Konstellation auch eine Chance gebt. Weil wir haben Bock, wir freuen uns, wir haben ganz viele Fälle, die wir euch erzählen möchten. Und eine Veränderung, eine neue Chance, die geht ja auch immer mit einem frischen Wind und frischen Ideen und einer neuen Motivation einher. Deswegen ist mir ganz wichtig, das nochmal zu sagen. Und bevor es jetzt aber wirklich losgeht mit dem Fall, an dieser Stelle noch eine kurze Warnung, denn im heutigen Fall sprechen wir auch über Gewalt, über sexuellen Missbrauch und psychische Krankheiten. Das heißt, wenn ihr euch mit diesen Themen nicht wohlfühlt, dann hört diese Folge bitte gar nicht an oder zumindest nicht alleine.

Unser Fall heute spielt sich zwar nur innerhalb weniger Tage ab, versetzt die New Yorker aber dennoch in Angst und Schrecken. Heute ist von der Geschichte nur auf ein paar wenigen Seiten im Internet und in Büchern zu lesen. Dafür aber in hunderten Artikeln in alten Zeitungen. Ein paar unserer Funde haben wir euch in den Shownotes verlinkt. Das New York der 30er Jahre ist ein echt hartes Pflaster. Die Stadt, in der ja eigentlich jeder was aus sich machen kann, ist von der großen Depression 1929 getroffen worden. Die Wirtschaft geht bergab und die Kriminalität ist auf den Straßen der Großstadt normal geworden. Es ist auch die Zeit der Prohibition, der illegalen Kneipen und des organisierten Verbrechens. Aber auch der Jazzpartys und Kinos. An jenem Mittwochabend, dem 11. Juli 1930, da kommt Joseph aber nicht zu seiner Frau Stella nach Hause. Für Stella scheint das nichts Ungewöhnliches zu sein, denn sie verständigt nicht die Polizei. Joseph und Stella gehört ein kleiner Delikatessenladen im Bezirk Queens. Die beiden haben zwei Kinder im Alter von 9 und 11 Jahren, also eine richtig kleine, süße New Yorker Familie, für die die Welt allerdings niemals wieder so sein wird wie zuvor.

Music.

Werbung Ende Der Ford Sedan von Joseph steht am nächsten Morgen immer noch in der Nachbarschaft Whitestone herum. Etwas abgelegen von den Straßen, auf denen die New Yorker am Donnerstag zur Arbeit fahren. Einem New Yorker fällt der Wagen am Nachmittag aber dann doch auf. Das Beifahrerfenster ist geöffnet. Im Fußraum liegen zwei angebrochene Flaschen Ginger Ale und auf dem Sitz ein Sandmantel. Getränkt im Blut. Der Mann findet im Fußraum auf der Fahrerseite auch eine Kugel. Wenige Meter entfernt, in einer Rinne neben dem Weg, sieht er ihn dann. Joseph, der reglos im Gras liegt. Nur wenig später sind die ersten Polizisten am Tatort. Joseph hat eine Wunde am Hinterkopf und ein Experte vermutet, dass er schon ein paar Stunden lang tot sein muss. Er liegt nur wenige Meter von seinem Auto entfernt und im Auto finden die Ermittler Papiere, auf denen Josephs Name steht. Damit können sie das Opfer relativ schnell identifizieren. Die Ermittler gehen also die ersten Theorien durch, was hier mit Joseph passiert sein könnte. Sie glauben nicht an Suizid, weil sie keine Waffe im Auto oder in der Nähe finden können. Sie finden auch kein Geld in seinen Taschen, was dafür sprechen könnte, dass Joseph erst ausgeraubt, dann erschossen und anschließend in Whitestone abgelegt worden sein könnte.

Doch der blutbefleckte Samtmantel macht die Ermittler stutzig. Einmal natürlich, weil daran so viel Blut klebt, aber auch, weil ein Samtmantel ein eher weibliches Kleidungsstück ist. Gehört der Mantel der Täterin oder war Joseph in jener Nacht nicht allein?

Bei genauerer Betrachtung des Portemonnaies von Joseph finden sie das Foto einer Frau. Als klar wird, dass darauf aber nicht seine Ehefrau Stella abgebildet ist, wird der Polizei klar, sie suchen vermutlich seine Liebhaberin. Wurde sie ebenfalls verletzt oder hat sie etwas mit der Tat zu tun? Wie genau sie die 19-jährige Catherine anhand des Fotos ausfindig machen, wissen wir nicht. Vielleicht steht auf der Rückseite ja der Vorname. Oder jemand in seinem Freundeskreis weiß von seiner Affäre und bringt die Ermittler auf die richtige Spur. Jedenfalls steht die Polizei schon am Donnerstagabend vor Katharines Haustür und nimmt sie mit auf die Polizeiwache. Dort erzählt Katharine dann die ganze Geschichte. Laut ihrer Aussage sind sie und Joseph durch Whitestone gefahren, bis sie einen geeigneten Platz zum Parken finden. Dort verziehen sie sich mit zwei Flaschen Ginger Ale auf die Rückbank, als neben dem Wagen aber plötzlich ein dünner, kleiner Mann auftaucht. Er hält ihnen eine Pistole ins Gesicht und fordert Joseph auf, sich hinter das Lenkrad zu setzen. Catherine erinnert sich, dass dieser Mann mit französischem oder deutschem Akzent gesprochen hat. Dann steigt er hinter Joseph ins Auto und hält ihm die Waffe an den Hinterkopf. Er befiehlt Joseph, das Auto zu starten. Und in dem Moment, als der Motor losgeht, da knallt ein lauter Schuss durchs Auto. Und Joseph sagt im Fahrersitz zusammen.

Catherine schreit, als der Mann mit der Waffe ihr befiehlt, leise zu sein. Als sie aussteigen, kann sie Joseph nur noch stöhnen hören. Er war also nicht sofort tot. Der Mann mit der Waffe leuchtet Joseph mit einer Taschenlampe ins Gesicht und Catherine versucht, die Chance zu nutzen und sich davonzuschleichen. Aber leider bemerkt der Mann ihren Fluchtversuch und droht sie zu erschießen. Catherine erzählt weiter, dass sie zwei Pakete aus dem Auto mitgenommen hätte. Geschenke für ihre kleinen Geschwister. Eine Puppe und eine Krawatte. Auf dem Verpackungspapier war allerdings Blut und der Mann mit der Waffe fordert sie auf, das Papier abzumachen und es dann anschließend zu verbrennen, da er so die Spuren beseitigen kann. Doch der blutverschmierte Mantel bleibt zurück. Mit einer Puppe und einer Krawatte in der Hand geht Catherine jetzt also die dunkle Straße entlang. Direkt dahinter geht der Mann, der seine Waffe auf ihren Rücken gerichtet hat.

Sie laufen lange, mindestens vier Blocks. Catherine erzählt, dass sie auch an anderen Leuten vorbeigekommen seien, aber keiner von ihnen hat die Waffe bemerkt. Als sie an einer belebten und hellen Straße ankommen, steckt der Mann seine Waffe weg und steigt mit Catherine zusammen in einen Bus. Sie fragt den Mann, warum er Joseph umgebracht hat und er antwortet, wegen der Papiere. Weiter sagt er, du weißt, was Rache ist. Ich habe ihn hier oft mit anderen Mädchen gesehen. Der unbekannte Mann und Catherine fahren mehrere Stationen mit dem Bus, bis in die Nachbarschaft, in der Catherine wohnt.

Er drückt ihr einen Umschlag in die Hand und beschwört sie, den erst am nächsten Tag zu öffnen. Dann lässt er sie zurück. Sei froh, dass ich dich nicht umgebracht habe, sagt er und verschwindet in der Dunkelheit. Und das ist eine wirklich unglaubliche Geschichte, die Catherine hier der Polizei erzählt. Allerdings, das müssen wir an der Stelle sagen, existieren unterschiedliche Versionen. In Zeitungsartikeln, Internetforen oder in Büchern, da unterscheiden sich vor allem die Details. Der Journalist Jason Lucky-Murrow, der ein Buch über vergessene Kriminalfälle geschrieben hat, der schreibt, dass Catherine im Wagen von dem Mann vergewaltigt worden sei. In den Zeitungsartikeln kommt das nicht vor. Erst in späteren Berichten über den Fall soll Catherine gesagt haben, dass der Mann sie geküsst habe. Der Autor beschreibt auch, wie der Mann Joseph aus dem Auto gezogen, seine Taschen durchsucht und Papiere an sich genommen habe, die er dann verbrannt hat.

In einem der Zeitungsartikel steht auch noch, dass Joseph angeblich eine Waffe ziehen wollte, aber der andere Mann schneller war und ihn daraufhin erschossen habe. Auf diese Unterschiede kommen wir später nochmal zurück.

Catherine erzählt den Ermittlern ihre Version und diese wird so auch kurz darauf in der Zeitung Daily News abgedruckt. Sie gibt ihnen auch den Brief des Mannes, den er ihr an jenem Abend gegeben hat. Es ist ein eher längliches, kleines Papier mit dem Wasserzeichen der Vereinigten Staaten darauf. In der linken unteren Ecke steht in roter Stempelfarbe Josephs Name und 3x. In der rechten unteren Ecke steht 3-x-097. Die Mitte des Papiers ist leer. Die Ermittler sind skeptisch. Warum ist Catherine nach der Tat einfach so nach Hause gegangen, ohne die Polizei zu rufen? Catherine selbst sagt dazu, dass sie das nicht gemacht hat, weil sie traumatisiert gewesen sei und sie habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Sie habe nicht gewollt, dass ihre Eltern wissen, dass sie sich heimlich mit einem Mann trifft, der eigentlich verheiratet ist. Für die Polizei ist das trotzdem verdächtig. Deswegen behalten sie Catherine erstmal auf der Wache als sogenannte Material Witness, also eine wichtige Zeugin, die ihrer Meinung nach mehr weiß, als sie sagt.

Mehrere Tage lang wird sie verhört. Von Donnerstagabend bis Sonntagmorgen wird Catherine immer wieder befragt. Sie darf nur wenig schlafen und soll ihre Geschichte immer und immer wieder erzählen. Denn die Polizei glaubt ihr nach wie vor nicht. Die Ermittler haben ihre eigene Theorie, was in der Nacht geschehen ist. Sie glauben, dass ein eifersüchtiger Liebhaber von Catherine Joseph aus dem Weg geräumt haben soll. Nach zwei Tagen ohne Schlaf und mehreren Stunden Verhör, da gibt Catherine der Polizei endlich zwei Namen. Alberto und ein weiterer Joseph. Wir nennen ihn Joseph M., damit ihr immer versteht, wen wir meinen. Catherine sagt, Alberto sei ein italienischer Gangster und Joseph M. Ein Mann, den sie mal zurückgewiesen habe. Die Polizei findet heraus, dass dieser Joseph M. kurz nach dem Mord an dem ersten Joseph von New York nach Chicago gefahren sei. Ziemlich verdächtig und deswegen verständigen die Ermittler die Kollegen in Chicago. Die kassieren Joseph M. ein und setzen ihn direkt in einen Zug zurück nach New York. Als die Polizei Joseph M. befragt, kommt heraus, dass der für die Beerdigung seiner Mutter nach Chicago gefahren ist. Ein sehr gutes Alibi. Er hat mit dem Mord an Joseph also nichts zu tun. Den italienischen Gangster Alberto findet die Polizei nicht, denn den gibt es gar nicht. Catherine hat sich den vermeintlichen Liebhaber nur ausgedacht.

Nach mehreren Tagen Befragung ist Catherine so müde und erschöpft, dass sie der Polizei einfach sagt, was sie hören wollen. So erzählt sie es zumindest den Zeitungen später. Schließlich erzählt sie von einem Mann, den sie einmal getroffen habe, dessen Namen sie aber nicht kenne. Der soll es gewesen sein. Am Sonntag, dem vierten Tag im Polizeigewahrsam, sagt sie den Ermittlern sogar, dass sie Joseph selbst erschossen hätte. Die Ermittler nehmen ihr das aber nicht ab. Sie glauben noch immer, Catherine schützt den wahren Täter. Einige Ermittler stellen aber noch eine zweite Theorie auf. Denn auf dem Konto von Joseph, da finden sie eine Einzahlung über 9.000 Dollar, die erst vor kurzem auf sein Konto eingegangen ist. Das entspricht heute ungefähr einem Wert von 160.000 Dollar, also eine riesige Menge Geld. Die Polizei kann aber nicht ermitteln, woher das Geld kommt. Vielleicht war Joseph in irgendwelche illegalen Geschäfte verwickelt. Vielleicht hat er ja jemanden erpresst und etwas ging schief. Vielleicht ging es aber doch um Raub. Die Polizei ermittelt, bekommt aber immer nur die unterschiedlichsten Geschichten von Catherine serviert. Immer wieder fahren die Ermittler mit ihr zum Tatort, zu ihrem Haus und zum Haus von Joseph, um sie dort zu befragen und ihre Erinnerung aufzufrischen. Als Catherine den Mord am Sonntag schließlich gesteht, da soll sie am Tatort nachspielen, was dort passiert ist.

Für die Ermittler wird dabei sofort klar, Catherine selbst, die kann es nicht gewesen sein. Aber welche ihrer Geschichten stimmt denn jetzt? In der Presse werden die unzähligen Theorien und Geschichten der Polizei und von Catherine diskutiert. Jeden Tag gibt's zum Beispiel in der Daily News Artikel mit den neuesten Entwicklungen.

Anders hingegen beim New York Evening Journal. Hier bei einer der größten Zeitungen der USA ist der Mord an Joseph irgendwo in der Mitte der Zeitung versackt. Und das hat einen Grund. Die Journalisten dort kennen nämlich den Mörder. Ja, ihr habt richtig gehört. Er nennt sich selbst 3X. Beim leitenden Redakteur der Zeitung liegt am Freitag, zwei Tage nach dem Mord an Joseph, ein Brief auf dem Schreibtisch. Auf pinkem Briefpapier steht übersetzt folgendes.

Stadtredakteur. Bitte drucken Sie dies in Ihrer Zeitung für Josephs Freunde ab. Und hier folgt nun eine krude Anreihung an Buchstaben und Zahlen. Indem Sie dies tun, könnten Sie Ihr Leben retten. Und die Frauen könnten wissen, wo sich die fehlenden Papiere befinden und wer sie hat, da sie Joseph übergeben wurden. Wir möchten keine weiteren Schüsse, es sei denn, es ist notwendig. Unterzeichnet 3X, der Mann hinter der Waffe. Der Journalist ist eigentlich drauf und dran, diesen Brief zu zerknüllen und in den Mülleimer zu werfen. Denn solche merkwürdigen Briefe kommen bei so einer großen Zeitung immer mal wieder an. Aber bei dem Namen Joseph, da stockt er. Er zählt nämlich eins und eins zusammen und erinnert sich, dass am Donnerstag eine Leiche gefunden wurde und dass dieser Mann Joseph hieß.

Der Journalist nimmt den Umschlag nochmal genauer unter die Lupe. Und er bleibt bei einer Sache hängen, nämlich dem Poststempel. Ja Moment, die Leiche von Joseph, die wurde doch am Donnerstag Nachmittag entdeckt. Dieser Brief hier, der wurde aber schon davor abgeschickt und abgestempelt. Kurz darauf wimmelt es in der Redaktion des New York Evening Journals nur so vor Polizisten. Sie suchen auf dem Zettel akribisch nach Fingerabdrücken, finden aber keine. Könnte der Brief wirklich von jemandem sein, der den Täter kennt? Oder sogar vom Täter selbst? Für die Polizei ändert sich an ihrer ersten Theorie, dass es sich bei dem Mord um einen Eifersuchtsdrama rund um Kathleen handeln muss, aber erstmal nichts. Am Samstag, einen Tag nachdem der mysteriöse Brief auftaucht, hat der Chefredakteur der Zeitung schon wieder Post auf dem Schreibtisch. Und jetzt wird es gruselig. Denn das Briefpapier stammt aus dem Büro, in dem Catherine gearbeitet hat. Und der Brief ist wieder von 3X. Darin steht Sehr geehrter Herr, zu Ihrer Information.

Die junge Dame, Catherine, die in den Fall verwickelt ist, ist unschuldig und Opfer unglücklicher Umstände. Der Verfasser dieses Briefes schreibt weiter, dass Joseph mit mehreren Frauen Affären hatte und oft am Tatort mit ihnen parkte. Und es geht um das Motiv an dem Mord, den er, also 3X, selbst begangen habe. Er schreibt, Ich bin der Agent einer geheimen internationalen Organisation. Und als ich Joseph in jener Nacht traf, ging es darum, bestimmte Dokumente von ihm zu erhalten. Leider befanden die sich nicht in seinem Besitz.

Der Verfasser des Briefes fordert weiter, dass diese Papiere zurückgegeben werden. Ansonsten sterben 14 weitere Menschen, und zwar Freunde von Joseph. Sie alle haben Zeit bis Montag 12 Uhr, sonst, so schreibt er, werden wir die Hölle losbrechen lassen.

Auch diese Dokumente werden benannt. Die haben auch wieder so eine komische Reihenfolge aus Buchstaben und Zahlen. Aber unterschrieben ist der Brief wieder mit hochachtungsvoll AV 3X, der Mann hinter der Waffe. Fassen wir also zusammen. Bei einer Zeitung meldet sich jemand, der für den Mord an Joseph verantwortlich sein will. Das Motiv sollen irgendwelche Geheimdokumente einer Geheimorganisation sein. Und der Mann nennt sich 3X. Außerdem droht er damit, 14 weitere Menschen umzubringen. wenn die Dokumente nicht an ihn zurückgegeben werden. Und dann sind da noch die ganzen merkwürdigen Bezeichnungen und Kürzel. Was auch immer das zu bedeuten hat.

Auch diesen Brief gibt die Zeitung an die Polizei weiter und veröffentlicht ihn nicht. Obwohl das sicher eine Sensation und eine große Schlagzeile gewesen wäre. Sie wollen dem Verfasser der Briefe aber nicht zusätzliche Munition geben, denn die Polizei nimmt die Briefe sehr ernst. Was sicherlich auch daran liegt, dass die Polizei selbst auch Post bekommt. Der leitende Ermittler im Fall erhält nämlich ebenfalls einen Brief. Der ist ein bisschen kürzer als der, der an die Zeitung geschickt wurde, aber der Inhalt, der ist nahezu identisch. Catherine sei unschuldig und 14 weitere Leute sterben, wenn die Dokumente nicht zurückgegeben werden. Die Polizei glaubt zwar nicht an einen Geheimagenten, aber an einen Verrückten, der selbst davon überzeugt ist, ein Geheimagent zu sein. Und so jemand stellt eine echte Gefahr für Josephs Familie und Freunde dar. Die werden also unter Personenschutz gestellt und befragt. Aber keiner kann sich erklären, was es mit diesen Briefen auf sich hat.

Joseph hatte nie etwas mit irgendeiner geheimen Organisation zu tun. Und von Dokumenten, ja, da wissen die Verwandten auch nichts von. Und so vergeht das Wochenende. Am Montag, den 16. Juni 1930, also fünf Tage nach seinem Mord, wird Joseph beerdigt. Davon wird in den Zeitungen wieder berichtet. Außerdem wird über Catherines lange Verhöre diskutiert, denn von den Briefen des geheimnisvollen 3X weiß ja offiziell noch niemand etwas. Die tauchen nirgendwo in der Presse auf. Und dann, einen Tag später, am Dienstag, den 17. Juni 1930, geschieht wieder etwas. Sechs Tage ist es her, dass Joseph ermordet wurde. Ein Mann ist auf dem Weg zur Arbeit und kommt in Queens an einem Autofriedhof vorbei. Ihm fällt ein recht neuer Wagen, ein Coupé auf, das in der Nähe parkt. Und nicht nur das fällt ihm auf. Hinter dem Lenkrad sitzt ein Mann zusammengesunken auf dem Fahrersitz und rührt sich nicht mehr. Und damit hat die Polizei den nächsten Todesfall, den sie jetzt untersuchen muss. Ein Experte ist sich sicher, dass dieser Mann hinter dem Lenkrad schon einige Stunden tot sein muss. Das heißt, der Mord muss am Montagabend oder in der Nacht passiert sein. Am selben Tag also, an dem Joseph beerdigt wurde. Die Ermittler finden schnell heraus, wer dieser Tote ist, nämlich der 26-jährige Noel.

Noel ist der Sohn eines wohlhabenden Radiomanufaktörs aus der Gegend. Er ist Schwimmchampion und als Rettungsschwimmer an den Stränden von Long Beach bekannt. Doch nun sitzt er zusammengesunken hinter dem Lenkrad eines Coupés. Ihm wurde zweimal in den Kopf geschossen. Und als die Polizei das Auto durchsucht, da machen sie eine ziemlich interessante Entdeckung. Denn sie finden im Auto einen Zeitungsausschnitt über den Mord an Joseph. Darauf ist eine handschriftliche Notiz geschrieben, auf der Folgendes auf Englisch steht, nämlich Here's how, also auf Deutsch, hier ist wie. Und auf dem Artikel ist auch noch mit roter Schrift der Name von Joseph gestempelt. Für die Polizei ist klar, dass das wieder nach 3X aussieht. Und offenbar will der Mörder damit eine Botschaft hinterlassen. Nämlich, dass er Joseph und Noel getötet hat. Die Polizei vermutet, dass wenn die beiden Morde miteinander zusammenhängen und ähnlich abgelaufen sind, dann könnte auch Noel mit einer Frau unterwegs gewesen sein und in dem abgelegenen Gebiet rund um den Autofriedhof einen ruhigen Parkplatz gesucht haben. Und die Polizei hat mit ihrer Vermutung recht. Elisabeth, auch Betty genannt, ist die 18-jährige Freundin von Noël.

Sie hatten eine On-Off-Beziehung. Nach einem Streit heiratet Betty einen anderen Mann. Das geht aber nicht lange gut. Und jetzt ist sie wieder in einer Beziehung mit Noel. Die beiden waren am Montagabend zusammen unterwegs. Betty wird auf die Polizeiwache gebracht und erzählt, was in jener Nacht passiert ist. Fast eine Stunde sind sie und Noel schon zusammen im Auto, als sie gerade eigentlich wieder losfahren wollen. Aber da taucht aus der Dunkelheit eine Gestalt auf. Ein dünner, hagerer Mann. Er geht auf der linken Seite des Autos entlang und bleibt genau neben der Fahrerseite stehen. Plötzlich zieht der eine Waffe und richtet sie auf Noel. Er sagt, dass er Noels Führerschein sehen will. Ganz verdattert reicht der ihm seinen Führerschein und fragt, ob es irgendwelche Probleme gebe. Vielleicht denkt er, dass es sich um einen Polizisten handelt. Dann dreht sich der Mann mit der Pistole zur Seite, hebt eine Taschenlampe und macht sie mehrmals an und wieder aus, so als ob er irgendjemandem ein Zeichen geben will, sowas wie Morse-Zeichen vielleicht.

Noël fragt, was der denn da macht, und der unbekannte Mann antwortet, dass er seinen Freunden auf dem Hügel mitteilt, dass er keine Hilfe braucht. Er fragt Noël, ob er Joseph kennt, was Noël verneint, und in diesem Moment drückt der Mann ab. Noël ist nicht sofort tot, aber verletzt. Er sagt mit letzten Kräften, dass er nicht der Mann sei, den er suche. Woraufhin der unbekannte Mann um das Auto herum geht und sich das Kennzeichen anschaut. Dann sagt er, du bist Noël und schießt ihm in den Kopf.

Betty berichtet, dass der Mann mit der Pistole Noëls Taschen durchsucht und Papiere herausgeholt hätte. Dann hätte er gerufen, ich habe es, und Betty gedroht, sie solle leise sein. Er sagt, dass er ihr nichts tue, weil sie katholisch ist. Betty hat nämlich ihre Kette in die Hand genommen und betet. Dann holt der Mann mit der Pistole den Zeitungsausschnitt hervor und legt ihn auf Noëls Leiche. Schließlich zwingt er Betty auszusteigen und geht mit ihr zu einer Bushaltestelle. Er setzt sie in einen Bus, drückt ihr einen Brief in die Hand und lässt sie nach Hause fahren.

Werbung Ende Auch von dieser Geschichte gibt es wieder unterschiedliche Versionen. Zum Beispiel, dass der unbekannte Mann mit der Pistole versucht habe, auch Betty zu küssen, aber dann von ihr ablässt, weil sie mit ihrer Kette in der Hand betet. Oder, dass die Polizei in einer Zeitung am oder im Auto eine Menge Bargeld findet. Auf diese ganzen unterschiedlichen Versionen, das hatten wir euch ja schon bei Josephsmart angedeutet, kommen wir gleich nochmal zu sprechen. Was der Polizei aber direkt auffällt, die Geschichte von Betty klingt fast genauso wie die von Catherine. Denn auch in Bettys Brief ist ein Blatt Papier mit Noels Namen in roter Tinte. Und darunter gestempelt steht auch wieder 3X.

Auch Betty hat sich erst nicht getraut, zur Polizei zu gehen. Sie hatte zu große Angst. Die Polizei überprüft natürlich erstmal den Mann von Betty, von dem sie zu der Zeit noch nicht geschieden war. Der hätte ja ein Motiv, nämlich Eifersucht. Aber er hat ein Alibi für die Nacht. Die Ermittler lösen sich also wieder von ihrer Eifersuchtstheorie und stellen eine neue auf. Und die lautet, dass der Mörder ein Sexualverbrecher sein soll, der Liebespaaren auflauert und dann die Männer umbringt. Es könnte ein Ehemann sein, dessen Frau ihm fremdgeht oder ein junger, sexbesessener Typ. So wird die Polizei damals in den Zeitungen zitiert. Oder aber es ist vielleicht ein Patient, der aus einer psychiatrischen Klinik in der Nähe geflohen sein könnte. Diese Theorie überprüft die Polizei auch direkt. Und so müssen sich Catherine und Betty mehr als 4000 Patienten vor Ort und die Fotos derer ansehen, die in der letzten Zeit entlassen wurden. Aber niemand sieht so aus wie der Mann mit der Pistole. In den Zeitungen ist der Mord an Noel natürlich Thema Nummer eins. So berichtet zum Beispiel auch die Daily News und druckt eine genaue Beschreibung des Täters ab. die Betty und Catherine der Polizei gegeben haben. Der Täter soll etwa 1,70 groß sein, ungefähr 60 Kilo wiegen, einen alten, schmutzigen Hut und einen blauen Anzug tragen. Dazu schwarze Schuhe, ein weißes Shirt und eine Krawatte.

Er habe ein eingefallenes Gesicht mit faltiger Haut, Augen, die nie blinzeln und er spricht, wie wir ja vorhin schon gesagt haben, mit einem französischen oder deutschen Akzent. Wir haben euch auch mal eine Zeichnung des vermeintlichen Täters in den Shownotes verlinkt. Und nicht nur das Bild könnt ihr euch in den Shownotes angucken, sondern auch eine Abbildung einer der Briefe. Dan 3X holt nach dem Mord an Noel wieder das Briefpapier raus und schreibt wieder an die Zeitung und an die Polizei. Und er ist nicht glücklich darüber, dass seine vorherigen Nachrichten nicht veröffentlicht wurden. Er schreibt an das Journal, und hier lesen wir mal aus dem Brief vor.

Sehr geehrter Herr, Sie haben die kodierte Nachricht, die Ihnen zugesandt wurde, nicht veröffentlicht. Schade. Zu Ihrer Information, es gibt weitere Arbeit für die Polizei. Heute Abend um 22 Uhr wurde Noelle in der Nähe von Floral Park ermordet. Sie werden ihn in der Nähe eines Schrottplatzes finden. Wir haben diese Nacht ausgewählt, da Joseph heute beerdigt wurde. Dies ist unsere zweite Warnung an sie. 13 weitere Männer und eine Frau werden denselben Weg gehen, wenn sie nicht zwei der fehlenden Papiere zurückgeben. Das NY-Dokument wurde letzte Nacht bei Noel gefunden, ebenso wie etwas von unserem Geld. Wie im Fall von Josephs Freundin wurde das Mädchen in einen Bus gesetzt und nach Hause geschickt. Wir bekommen sie immer über ihre weiblichen Freunde. 3x Dank des Poststempels wird klar, dass dieser Brief am Montagabend, also wahrscheinlich kurz nach dem Mord an Noel, abgeschickt wurde.

Bei der Zeitung kommt er am Nachmittag darauf an, etwa eine Stunde, nachdem Noels Leiche gefunden wird. Halten wir also fest, Joseph und Noel werden mit großer Wahrscheinlichkeit von ein und demselben Täter erschossen. Einem Mann, der einer Zeitung und der Polizei Briefe schreibt und weiterhin vorhat, 14 Menschen umzubringen, um so an geheime Dokumente zu kommen. Ein Dokument hat er offenbar bei Noel gefunden. Denn Betty hatte ja auch ausgesagt, dass der Mann mit der Pistole ein Papier aus Noels Tasche gezogen hat. In einem späteren Artikel einer Zeitung steht, dass es für Betty wie eine Rechnung ausgesehen hätte. Und das ist wirklich merkwürdig. Die Ermittler glauben aber weiterhin nicht an diese Geheimagentengeschichte, sondern dass ein verrückter Sexualverbrecher für die Morde verantwortlich ist. Das Journal veröffentlicht am 18. Juni 1930, also genau eine Woche nach Josephs Tod und zwei Tage nach dem Mord an Noel, eine riesige Doppelseite, in der es um 3X und die Briefe geht.

Jetzt gehen sie also an die Öffentlichkeit und ganz New York liest die rätselhaften Briefe. Und 3X hat ja noch einen zweiten Brief geschrieben, nämlich an die Polizei. In dem Umschlag ist aber nicht nur der Brief, sondern auch eine Patrone. Der Killer hat eine Kaliber-32er-Patrone mitgeschickt, mit der er Noel erschossen haben will. Auch Joseph wurde mit dieser Munition erschossen. Das sind Insider-Infos, die die Polizei nicht veröffentlicht hat. Der Briefeschreiber hat also eindeutig Täterwissen. Ja, und die Presse und die Leserschaft fängt jetzt natürlich an zu spekulieren, ob 3X zum Beispiel wirklich ein Geheimagent sein könnte. Ein Artikel behauptet, dass Joseph vielleicht selbst eine Waffe gezogen haben könnte. Vielleicht war er also doch ein Spion. Beweise gibt es dafür aber keine.

Die Journalisten und die Polizei fokussieren sich auf Sexualverbrechen und nennen 3X auch einen Moralmörder. An dieser Stelle wollen wir die unterschiedlichsten Versionen der Morde nochmal aufgreifen, denn es ist unklar, wann genau das Narrativ des Missbrauchs in dem Fall aufgetaucht ist und ob das wirklich passiert ist. In den vielen Artikeln über den Fall von 1930, da kommt ein Missbrauch gar nicht vor.

Catherine und Betty erzählen ihre Geschichte zunächst ohne irgendwelche Annäherungsversuche des Mörders. Erst am 24. Juni, also fast zwei Wochen nach den Morden und nachdem die Theorie eines Sexualverbrechers von der Polizei und den Medien etabliert wurde, tauchen in der Presse Zitate von Catherine auf. Laut diesen Zitaten soll sie gesagt haben, dass der Mann sie geküsst, festgehalten und missbraucht habe. Dann erklärt auch Betty, dass der Mann versucht hätte, sie zu küssen. Das bedeutet natürlich nicht, dass es nicht auch so passiert ist. Aber es ist wichtig zu erwähnen, dass dieses Narrativ erst später auftaucht. Eine Zeitung formuliert es in etwa so. Die Polizei entscheidet. Das ist ein sexbesessener Mann, der Männer tötet. Und es ist wirklich auffällig, dass die Polizei zuerst die Theorie präsentiert und erst danach die Belege dafür öffentlich werden. Wie ja auch schon bei der Eifersuchtstheorie, mit der Catherine so lange bearbeitet wurde, bis sie die falschen Namen nannte und am Ende sogar selbst den Mord gestand. Und auch diese Geheimagententheorie hat Löcher, und zwar sehr große Löcher. Denn welcher Geheimagent würde denn bitte freiwillig von seinen Plänen erzählen und das auch noch der Presse und der Polizei mitteilen?

Der Täter sucht ja geradezu die Öffentlichkeit. Seine Briefe werden übrigens auch von Spezialisten untersucht. Sogar Privatpersonen, die gerne Kreuzworträtsel lösen, Die schicken ihre Analysen an die Zeitung und so rätseln sie, ob zum Beispiel das NJ in einigen Dokumentennamen zum Beispiel für New Jersey stehen könnte und das V8, was an anderer Stelle auftaucht, vielleicht für einen Motor.

Die Daily News befragt auch einen Handschriften-Experten. Der glaubt aber nicht, dass der Verfasser verrückt sei. Der Experte glaubt eher, dass es ein junger und kluger Mann ist, der genau weiß, was er schreiben will und ohne Zögern handelt. Wie dieser Handschriften-Experte das jetzt genau anhand der Schrift erkennen will, das verrät er allerdings nicht. Auch das Geld auf dem Konto von Joseph, die 9000 Dollar, und das Geld, das angeblich am Tatort des Mordes an Noel gefunden worden sein soll, wird in der Presse diskutiert. Haben die beiden doch etwas mit illegalen Machenschaften zu tun?

Gekannt haben sich die beiden jedenfalls nicht. Eine heiße Spur könnte ein Baseball-Ticket sein. In der Tasche von Joseph wurde nämlich eins gefunden. Auf dem Ticket sind ähnliche Symbole wie in den Briefen. Wir haben euch den Zeitungsartikel mit Bildern der Tickets auch mal verlinkt. In diesem Artikel geht es auch darum, dass bei Josephs Mord Vollmond war und welche Bedeutung das haben könnte. Und das zeigt uns, dass mittlerweile einfach alles in Betracht gezogen wird. Es entsteht sogar ein regelrechter Hype um 3x. Die ganze Geschichte klingt auch eher wie aus einem Film, muss ich sagen. Und den Leuten in New York macht diese ganze Geschichte verständlicherweise auch Angst. Die Presse druckt dann noch dazu Fotos vom ermordeten Noel in seinem Auto ab Und für die New Yorker Bevölkerung entsteht so natürlich der Eindruck, dass jeder der Nächste sein könnte. Und das löst Angst und Panik in den Menschen aus. Am 18. Juni 1930, Mittwoch und damit genau eine Woche nach dem ersten Mord an Joseph, wird dieser Hype zu einer Massenhysterie. Kurz nach seinem ersten Brief über Noel schreibt 3X wieder einen Brief und dieses Mal ist es eine direkte Warnung.

Sehr geehrter Herr, ich rate Ihnen, diese kodierte Nachricht zu veröffentlichen. AV3X. Heute Abend wird noch einer gehen. Sie können sie wissen lassen, dass 3X der Mann hinter der Waffe ist. Er bittet um kein Pardon, wird aber auch keines gewähren. Am 18. Juni um 21 Uhr werde ich in College Point sein, um WRV8 zu bekommen. Auch wenn die Polizei nichts von der Agentengeschichte hält, nehmen sie die Drohung natürlich trotzdem ernst. Denn schließlich soll laut Brief jemand sterben. Und das noch am selben Abend.

Die Zeitung Tribune schreibt, einer der sechs Millionen Menschen in New York ist gemeint. Du wirst heute Abend sterben. Und das löst bei den Leuten natürlich sofort wieder Angst und Schrecken aus. Betty zum Beispiel, die hat so viel Angst, dass sie die Polizei bittet, sie zur Sicherheit ins Gefängnis zu stecken. Und das ist ja echt ein verrückter Wunsch. Sie und Catherine werden übrigens inzwischen als Kronzeuginnen ganz besonders geschützt Und auch viele Anwohnerinnen und Anwohner in College Point, einem Teil von Queens, bereiten sich auf den Abend vor. Sie verrammeln also Fenster und Türen und die Nachfrage an Pistolen in der Gegend, die steigt an diesem Tag auch dramatisch an. Die Polizei mobilisiert alle Kräfte, die sie kriegen kann. Hunderte Detectives und um die 2000 Polizisten werden nach Queens gebracht. Wie eine kleine Armee, schreibt eine Zeitung. Es sind überall in College Point und Umgebung Polizisten in Uniform, in Zivil und sogar als Frauen verkleidet zu sehen. Die Ermittler gehen nämlich davon aus, dass 3X wieder in einer abgelegenen Ecke oder ruhigen Straße zuschlägt, in der ein Auto mit einem Pärchen parkt. Viele Polizisten werden in Zweierteams eingeteilt und mit Wagen überall in der Nachbarschaft platziert.

Sie sitzen nebeneinander, die Waffen gezückt. Es wurde sogar eine Shoot-to-Kill-Freigabe erteilt. Sie dürfen also schießen, um zu töten. Während sich die einen vorbereiten und schützen wollen, entsteht rund um Queens und auch im Rest von New York neben Massenhysterie noch Katastrophentourismus. Das bedeutet, dass die Leute aus der Umgebung extra nach Queens fahren, explizit nach College Point, um möglichst nah dabei zu sein, wenn 3X sein drittes Opfer umbringt. Der Daily Star schreibt, dass tausende neugierige Menschen durch die Straßen fahren und darauf warten, dass irgendwas passiert.

Die Ermittler halten diese Leute an, befragen sie und schicken sie dann natürlich wieder nach Hause. Und die Uhr tickt. Es wird 18 Uhr, 19 Uhr, 20 Uhr. Die Polizisten werden immer nervöser. Dann ist es kurz vor 21 Uhr, also der angegebenen Zeit im Brief. Dann ist es genau 21 Uhr. Dann kurz nach 21 Uhr. Und irgendwann ist der nächste Morgen angebrochen.

Ohne, dass ein Mord gemeldet wird. Die Polizei zieht Bilanz. Ein paar Teenager wollten Passanten mit Feuerwerk erschrecken. Ein Mann, der allein in einem Auto herumlungerte, wurde festgenommen. Ein anderer, der auf ein Polizeiauto zuging, ebenfalls. Aber alle werden wieder freigelassen. Die Telefone der Polizei wiederum stehen nicht still. Angeblich rufen 50.000 Leute an und erzählen, sie hätten 3X gesehen. Doch alle Hinweise stellen sich als falsch heraus. Aber das heißt ja noch nichts. Irgendwo kann ja ein abgelegenes Auto stehen und in einem solchen Auto könnte die nächste Leiche liegen. Deswegen durchkämmt die Polizei auch jeden Meter von Queens. Die Ermittler können aber nichts finden. Sie gehen davon aus, dass genug Beamte vor Ort waren, um 3x Angst einzujagen. Und er deshalb niemanden umgebracht hat. 3x ist da allerdings anderer Meinung. Beim Journal ist nämlich schon wieder ein Brief angekommen und darin erklärt 3X, dass er sehr wohl in College Point war und sogar die Polizisten beobachtet habe. Und er macht sich richtig darüber lustig, dass sie ihn nicht fassen konnten. Dass er niemanden umgebracht hat, das liegt nur an einer Tatsache. Nämlich, dass das Dokument Philadelphia XV 346 von WR V8 zurückgebracht wurde.

Außerdem habe er 37.000 Dollar zurückbekommen. Das entspricht ungefähr einem heutigen Wert von über 675.000 Dollar. Das sei genug, um das eine Leben in College Point, das der Frau und das von fünf anderen zu verschonen. Aber fertig ist 3x damit noch nicht, er schreibt. Das folgende Dokument fehlt immer noch. NJ 4344 und 39.000 Dollar für dieses Dokument. Die folgenden Personen sind immer noch zum Tode markiert. X14, X21, Y2, O6, X7, S1 und V4.

Die einzige Möglichkeit, dass sie weiterleben können, besteht darin, den Anweisungen in dieser kodierten Nachricht zu folgen. Und dann steht da wieder eine ganz lange Zeichenfolge aus Buchstaben, Strichen, Punkten und Zahlen. Sieben Personen sollen also weiterhin sterben, wenn nicht auch das letzte Dokument übergeben wird. Wieder spekulieren die Journalisten und es werden Experten befragt. Wer ist 3X jetzt wirklich? Ein Verrückter oder doch ein Geheimagent? Ein Psychiater von damals sagt, dass 3X Paranoid schizophren sei.

Er könnte Wahnvorstellungen und Halluzinationen haben und nehme Ereignisse in seinem Leben anders wahr. Er leide vermutlich an Verfolgungswahn. Aus heutiger Sicht vielleicht keine schlechte Diagnose. Es könnte ja wirklich sein, dass sich 3X für einen Geheimagenten hält. Die Polizei ermittelt gegen mehrere Tatverdächtige. Da gibt es zum Beispiel einen ehemaligen Patienten aus einem psychiatrischen Krankenhaus in der Nähe, dem aber von seinem Arzt attestiert wird, dass er gar nicht in der Lage wäre, Morde zu begehen. Auch Catherine und Betty sollen sich den Mann anschauen, sagen aber, dass er es nicht ist. Dann fassen sie einen ehemaligen Kirchenlehrer, der verrückt geworden sein soll, und einen ehemaligen Agenten des Secret Service, der eine ähnliche Handschrift haben soll. Es gibt sogar Männer, die die Taten gestehen. Aber Catherine und Betty identifizieren niemanden von ihnen als Täter.

Währenddessen kommen dutzende Briefe bei der Polizei an. Es scheint, schreibt eine Zeitung, dass einfach jeder jetzt seine Briefe mit 3X unterzeichnet. Es gibt viele Fake-Nachrichten, die verschickt werden. Leute, die einfach nur Angst haben, rufen bei der Polizei an. Wenn jemand zu lange an einer Straße steht, wird direkt die Polizei verständigt. Es gibt Dutzende Hinweise, aber keine heiße Spur. Auch nicht, als eine 5000-Dollar-Belohnung ausgelobt wird. Heute entspricht das immerhin über 90.000 Dollar. Die Polizei ist mit einem Großaufgebot unterwegs. Bringt Catherine und Betty zu jedem Verdächtigen. Durchkämmt mit Suchtrupps die Gegend. Die Ermittlungen kosten die Stadt um die 10.000 Dollar. Heute etwa 180.000 Dollar. Und das pro Tag. Das ist nicht nur teuer, sondern bringt bisher auch keine Ergebnisse. Und dann kommt am 21. Juni 1930 wieder ein Brief beim Journal an. Das ist zehn Tage nach dem ersten Mord an Joseph.

3X meldet sich ein letztes Mal. Denn, wie er schreibt, sei seine Mission jetzt vorbei. Er schreibt, das letzte Dokument, NJ 4344, wurde uns am 19. Juni um 21 Uhr zurückgegeben. Meine Mission ist beendet. Es besteht kein weiterer Grund zur Sorge.

Alle drei Dokumente, ein militärisches, ein politisches und ein geschäftliches, seien also wieder zurück. Und er gibt noch weitere Informationen preis. 3X, Joseph und Noel seien alle Teil einer Geheimorganisation namens Rote Diamanten von Russland. Joseph und Noel haben die Organisation verraten und wurden daraufhin entlassen. Und er, 3X, wurde auserwählt, die gestohlenen Dokumente zurückzuholen und die Verräter für immer zum Schweigen zu bringen. Er selbst sei ein ehemaliger Offizier aus der deutschen Armee, aus Berlin. Er schreibt weiter, es tut mir aufrichtig leid, dass ich Ihr Land mit Blut befleckt habe. Aber nehmen Sie dies als Warnung an alle Betroffenen. Verrat bedeutet den Tod. Beim nächsten Mal wird keine Gnade gezeigt. Beruhigen Sie Ihr Volk und sagen Sie ihnen, dass 3X nicht mehr existiert. HP 12WA PS. Lassen Sie sich nicht von jemandem täuschen. Wenn weitere Briefe kommen, sind es Fälschungen.

Ich reise heute zurück nach Russland. 3X sieht sich also als Held, als super Geheimagent der roten Diamanten von Russland, dessen Mission jetzt vorbei ist. Dass seine Mission zu Ende ist, scheint zumindest zu stimmen, denn von 3X kommen danach keine Briefe mehr bei der Zeitung oder bei der Polizei an. Zumindest keine, die hundertprozentig ihm zuzuordnen sind. Die Polizei gibt aber nicht auf. Sie verhören Verdächtige, nehmen Leute fest, lassen sie wieder gehen, bis die Ermittlungen so langsam im Sand verlaufen. Anfang Juli stellt die Polizei die Ermittlungen dann ganz ein. Man sei überzeugt, dass 3X die Gegend verlassen habe, So wurde ja mit klar.

Im Oktober 1930 und 31 tauchen dann aber nochmal Briefe auf, die von 3X stammen könnten und in denen vor Morden gewarnt wird. Doch diese Morde werden nie begangen. Ob diese Schreiben wirklich von 3X stammen, das weiß niemand. Ab und zu taucht der Name 3X nochmal auf, wenn Morde geschehen, die seinen ähnlich sind oder eine Zeitung über alte Kriminalfälle berichtet. Als Ende der 60er Jahre der Zodiac-Killer in San Francisco sein Unwesen treibt und ebenfalls Botschaften mit rätselhaften Symbolen an die Presse schickt, da wird diskutiert, ob der Zodiac-Killer vielleicht von 3X inspiriert wurde. Über den Zodiac-Killer gibt es übrigens auch schon eine Folge der schwarzen Akte. Hört doch da mal rein, das ist die fünfte Folge.

Bis heute bleibt der Fall also ungeklärt. Wer war 3X wirklich? Warum gab es danach keine Morde mehr? War er ein Verrückter? Ein Mörder, der mit Briefen die Polizei auf eine falsche Fährte locken wollte? War er nur ein Liebhaber von Betty oder Catherine? Wollte jemand einfach nur Aufmerksamkeit erregen? Oder ging es um Geld? Waren Joseph oder Noel in kriminelle Geschäfte verwickelt? Oder war 3X wirklich ein Geheimagent der roten Diamanten von Russland?

Die Akte heute ist für mich persönlich ein bisschen unbefriedigend, weil wir hier einen Fall vorliegen haben, der irgendwie unabgeschlossen ist, aber gleichzeitig danach keine Morde im Zusammenhang mit 3X entstanden sind. Was ist deine Meinung dazu, Anne? Ja, also dir geht es auf jeden Fall so wie vielen Zuhörerinnen und Zuhörern, die auch immer lieber gerne einen Abschluss hätten des Falls. Wie du schon sagst, das ist irgendwie ein bisschen befriedigender zu wissen, so hey, was ist passiert, abgehakt, fertig. Aber so sind halt nicht alle echten Kriminalfälle. Hier wird ja nichts dazu gedichtet. Und ich muss sagen, ich habe gar keine feste Theorie, aber ich würde für mich zumindest ein paar Sachen ausschließen. Erzähl. Ja, ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass beispielsweise Liebhaber von den beiden Frauen im Spiel sind, weil ich mir nicht vorstellen kann, was es dann mit den Nachrichten an die Zeitung auf sich hat. Also für mich gibt es da irgendwie keine Verbindung und ich kann mir aber nicht vorstellen, dass eine unbeteiligte weitere Person sich einen in Anführungsstrichen Spaß draus gemacht hat.

Ich bin gar nicht so ein Fan von Geheimagententheorien, aber ich könnte mir vorstellen, dass hier tatsächlich sowas in die Richtung passiert ist. Weil am Ende des Tages können es irgendwie immer Geheimagenten sein. Man kann es irgendwie immer auf Geheimagenten versuchen zu schieben. Ja. Was glaubst du, ist hier passiert? Also ich habe im Internet so ein bisschen nachgeschaut und bin da auf die Theorie gestoßen, dass es im Endeffekt zwei Menschen waren, Joseph und Noel, die einfach Geld geschuldet haben. Und diese Person, die sie dann umgebracht hat, der Geldeintreiber war. Und diese ganzen Codes, im Endeffekt so eine Art Geheimsprache für wirklich nur eingeweihte Menschen war. Du meinst, um vielleicht auch nochmal ein bisschen die Macht zu demonstrieren, die diese Organisation hat? Auf jeden Fall, ja. Und ich habe auch so ein bisschen das Gefühl, dass 3X sich so ein bisschen aufplustern wollte, einfach mit dieser ganzen Geschichte, die Aufmerksamkeit der Zeitungen genossen hat. Und scheinbar auch dieses Spiel mit der Angst sehr genossen hat. Also lasst uns auch gerne wissen, was eure Theorien zu dieser heutigen Akte sind. Und wir hören uns nächsten Dienstag wieder, überall, wo es Podcasts gibt.

Wir sind eure Hosts Anne Luckmann und Patrick Strobusch. Redaktion Johanna Müßiger und wir. Schnitt Anne Luckmann. Mit der Stimme von Pia Rona-Sachse. Ausführender Produzent Palko Schulte. Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios.