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Schwarze Akte. Das Archiv. Es ist der 3. Mai 1984. Ein Donnerstag wie jeder andere, als Siegfried im Kreis Ludwigsburg an der Neckar unterwegs ist. Sein weißer BMW ist schon seit dem frühen Morgen auf den Landstraßen der Gegend unterwegs. Und gerade kommt der 47-jährige Ingenieur von einer Firma in Freiberg. Ein ganz normaler Kundenbesuch, bei dem er wie immer alles mit seinem Diktiergerät festhält. Dieses Diktiergerät liegt jetzt neben ihm, als er mit dem Auto über die Landstraße in Richtung Marbach am Neckar fährt. Er wirft einen kurzen Blick auf die Uhr. Er muss sich nicht beeilen. Er muss erst am Nachmittag dort sein. Und die beiden Orte trennt nur der Neckar. Es ist kurz vor 10 Uhr, als er an dem Waldparkplatz vorbeikommt. Diese Einfahrt kennt er. Siegfried ist oft in der Gegend unterwegs. Er fährt am Klärwerk Heldenmühle von der Landstraße ab und auf den kleinen versteckten Rastplatz. Dann steuert er den BMW unter den grünen Bäumen hindurch, wird langsamer und bleibt schließlich stehen.
Er dreht den Schlüssel im Schloss, der Motor verstummt und Siegfried lehnt sich zurück in seinem Sitz. Sein Blick streift den Weg vor ihm und dann die Bäume. Nicht zu sehen. Um die Zeit ist in der abgelegenen Gegend kaum was los. Mit einem Klicken schnallt er sich ab und öffnet dann mit der linken Hand die Tür neben ihm. Mit zwei Schritten steht er neben dem Auto und streckt sich. Wieder ein Blick auf die Uhr. Es ist kurz nach zehn. Er ist die vielen Fahrten als Verkaufsingenieur zwar gewöhnt, aber er freut sich trotzdem über eine kurze Pause, um sich mal die Beine zu vertreten. Um ihn herum ist es still. Nur das Rauschen des Windes in den Bäumen und ein paar Vögel, die von Ast zu Ast fliegen sind, zu hören. Erst dann ertönt das Knacken eines Astes. Er blickt sich um und bemerkt den Mann, der mit großen Schritten auf ihn zukommt. Erst als dieser Mann direkt vor ihm steht, zieht der Mann etwas aus seinem Mantel und hält es Siegfried unmittelbar vors Gesicht. Der Ingenieur blickt direkt in den Lauf einer Pistole. Und nur kurz darauf halt ein Schuss durch den Wald. Nur etwa 15 Kilometer vom Parkplatz entfernt fährt anderthalb Stunden später ein weißer BMW auf der Hauptstraße durch Burgstetten.
Im Ortsteil Erbstätten hält der Wagen vor der Filiale einer Volksbank. Ein Mann mit schwarzer Maske im Gesicht und einem Vorschlaghammer in der Hand steigt aus und geht mit großen Schritten auf die Bank zu. Er stürmt durch die Tür.
In der Bank ist gerade gegen 12.25 Uhr nur eine einzige Bankangestellte. Sie zittert, als der Mann vor ihr mit dem Vorschlaghammer ausholt und die große Scheibe vor der Kasse zertrümmert. Scherben fliegen krachend in jede Richtung. Die Bankangestellte kann gerade noch den stillen Alarm unter ihrem Tisch drücken, dann wirbelt sie herum und rennt durch die Hintertür in den Flur des Hauses. Sie hastet die Treppen nach oben in Richtung der Wohnungen, die über der Bank liegen und trommelt mit ihren Händen gegen eine Tür. So lange, bis eine Frau ihr öffnet. Die beiden schließen sich ein.
Der maskierte Mann in der Bank stopft währenddessen die Scheine aus der Kasse in eine Tasche und nur wenige Minuten später rennt er aus der Bank, zurück zum weißen BMW und rast mit quietschenden Reifen davon. Und damit herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte. Ihr habt es euch lange mal wieder gewünscht, dass wir einen deutschen Fall besprechen. Und dieser kommt heute natürlich wie immer von Christopher Böcklein. Und natürlich auch von Anne Luckmann. Hallo, schön, dass ihr da seid. Doch bevor es losgeht, hier an dieser Stelle ein Hinweis, denn in dieser Folge geht es um Gewalt und Suizid. Das heißt, wenn ihr euch mit diesen Themen nicht wohlfühlt, dann hört euch diese Episode bitte nicht alleine an oder es gibt sie vielleicht sogar. So oder so ähnlich, wie wir euch das jetzt gerade am Anfang erzählt haben, beginnt der heutige Fall am 3. Mai 1984. Und im Anschluss an das, was ihr gehört habt, passieren mehrere Dinge gleichzeitig. Während in der Bankfiliale die Polizei anrückt und die Spuren sichert, entdeckt eine Streife an einer Landstraße nicht weit entfernt einen weißen BMW mitten in einem Feld. Und kurz darauf findet ein Spaziergänger auf dem Waldparkplatz in Marbach am Neckar die Leiche des 47-jährigen Ingenieurs Siegfried. Wir haben es hier mit drei Tatorten zu tun. Und der Polizei ist schnell klar, diese drei Punkte, die hängen miteinander zusammen.
Ein unbekannter Mann hat Siegfried auf dem Waldparkplatz aufgelauert, hat ihn erschossen, ist mit seinem Auto zur Bank gefahren, hat sie überfallen und ist dann mit diesem gestohlenen Auto geflüchtet. Seine Beute waren fast 4.800 D-Mark. Im Vergleich zu dem Schaden, den die Beamten in der Bank vorfinden und natürlich der Leiche, die im Wald liegt, ist das eine sehr geringe Beute. Der damalige Soko-Leiter erklärt in einer ZDF-Doku, dass der Täter sein Opfer auf dem Parkplatz überrascht haben muss. Und das besonders Grausame hierbei ist, dass er seinem Opfer direkt in die Augen gesehen haben muss, als er abgedrückt hat. Der Schuss wurde aus nächster Nähe abgefeuert, und zwar aus ungefähr 30 Zentimeter Entfernung. Der Soko-Leiter sagt später auch, ich kann mir nur vorstellen, dass der Täter absolut sicher gehen wollte, dass sein Opfer relativ schnell mit dem ersten Schuss getötet wird und er deswegen unmittelbar ins Gesicht schoss. Wir haben es hier also mit einem kaltblütigen Killer zu tun.
Die Spurensicherung findet auf dem Waldparkplatz eine Patronenhülse. Aber nichts sonst. Dieser Fund wird zur Analyse ins Labor geschickt. In der Bank jedoch, da haben die Ermittler mehr Glück. Sie nehmen die Aussage der Bankangestellten auf und beginnen zu rekonstruieren, was in der Filiale passiert ist. Anders als man es zum Beispiel von Bankräubern aus Filmen kennt, kam dieser Mann nämlich nicht reingestürmt und hat gerufen, alle auf den Boden oder das ist ein Überfall. Sondern er ist zielstrebig mit dem Vorschlaghammer auf das Panzerglas vor der Kasse zugelaufen.
Der Hammer, mit dem der Mann zugeschlagen hat, liegt noch zwischen den Scherben. Und auf Fotos vom Tatort sieht man auf dem Stiel des Hammers einen kleinen roten Fleck. Auch auf einer Scherbe entdeckt die Spurensicherung rote Flecken. Und das bedeutet, es handelt sich um Blut. Die Polizei ist sich ganz sicher. Das ist das Blut vom Bankräuber. Diese vielversprechende Spur wandert ebenfalls ins Labor zur Analyse. Aber die Ergebnisse des Labors sind ziemlich ernüchternd. Denn die Patronenhülse bringt keine weiteren Hinweise. Dafür entdecken sie bei der Blutanalyse aber, dass es sich um eine seltene Blutgruppe handelt. Richtige DNA-Untersuchungen, also der genetische, einzigartige Fingerabdruck, darauf kommt der britische Genetiker Alex John Jeffreys erst 1984, also im selben Jahr, in dem unser Fall spielt. Es wird aber bis 1988 dauern, bis dieses Verfahren in Deutschland von einem Gericht anerkannt wird. Die Polizei arbeitet also erstmal nur mit der Blutgruppe und mit einer weiteren wichtigen Spur. Werbung.
Werbung Ende Nämlich der Aussage der Bankangestellten.
Sie beschreibt den Täter als etwa 35 bis 40 Jahre alt. Er sei ein schlanker Mann mit dunkelblonden, glatten Haaren und er habe einen dunkelblauen Anzug getragen. Aber die Fahndung nach einer Person, auf die diese Beschreibung passt, die liefert leider keine brauchbaren Hinweise. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren, 20 Leute insgesamt arbeiten in der Soko Hammer zusammen, aber sie können den Bankräuber nicht ausfindig machen. Mehr als ein halbes Jahr vergeht, mittlerweile ist es Winter 1984 und acht Monate nach dem ersten Überfall. Am 21. Dezember 1984 ist der Engländer Eugene, der in Nürnberg wohnt, mit seinem grünen VW Golf im Raum Ludwigsburg auf der Durchreise. Er will in die Schweiz fahren, um dort mit seinen Eltern Weihnachten zu verbringen. An seinem Auto klemmt eine seitliche Halterung, in der seine Ski stecken. Der 37-Jährige lenkt seinen Wagen von der Autobahn runter auf die Landstraße, nur wenige Kilometer von Marbach am Neckar entfernt. Dort fährt er auf einen abgelegenen Parkplatz mit dem Namen Roartähle. Wir haben uns mal auf Google Maps genauer angeschaut, wo das liegt. Das ist quasi mitten im Nirgendwo. Dieser Parkplatz liegt direkt am Wald, aber von der Landstraße aus hat man einen guten Blick auf den verschneiten Waldweg, auf dem damals Eugenes hellgrüner VW Golf steht.
Der Engländer will eine kleine Pause einlegen. Es ist kurz nach 10 Uhr morgens und der Rastplatz ist vermutlich völlig verlassen. Alles ist ruhig.
Vielleicht hört Eugene noch das Knacken eines Astes, er blickt sich um und sieht dann einen Mann auf ihn zukommen, der erst direkt vor ihm am Auto stehen bleibt. Und dann schallt ein Schuss durch den kalten Wintermorgen.
Im etwa 25 Kilometer entfernten Kleebron hält wenig später ein hellgrüner VW Golf vor einer Volksbankfiliale. Wie die Polizei später ermitteln kann, steht zu dem Zeitpunkt ein Rentnerehepaar ganz zufällig an ihrem Fenster und schaut erwartungsvoll auf die Straße raus. Denn sie erwarten Besuch von ihrem Neffen aus Nürnberg. Als der ältere Mann den grünen Golf mit Nürnberger Kennzeichen sieht, läuft er auf die Straße, um seinen vermeintlichen Neffen zu begrüßen. Aber dieses Auto rast davon. Und erst später wird klar, dass das gar nicht sein Neffe war. Und das Ehepaar hat nur durch Zufall ein Verbrechen verhindert. Weil Eugene an jenem Dezembertag nicht bei seinen Eltern in der Schweiz angekommen ist, wird er als vermisst gemeldet. Sein Wagen allerdings bleibt verschwunden. Bis zum 28. Dezember 1984, genau sieben Tage später. Das hellgrüne Auto rollt ein zweites Mal an der Volksbankfiliale in Klebronn vorbei, bremst ab und bleibt stehen. Die Bankangestellte Maria erinnert sich in einer Ausgabe der Doku Die großen Kriminalfälle an den Mann, der in die Filiale reinsprang und gerufen hat Das ist ein Überfall, Nur wenige Momente später schwingt er seinen Vorschlaghammer und schlägt ein Loch in das Sicherheitsglas vor der Kasse Dann hält er eine Pistole durch die Öffnung und richtet sie auf Maria und den Filialleiter.
Der Filialleiter öffnet die Tür zum Kassenraum, wo die Mitarbeiter stehen und macht dem Räuber somit den Weg frei. Der Räuber stürmt auf den Tresor zu. Wieder ist der Mann maskiert. Er stopft das Geld in die Tasche, macht Keat und stürmt aus der Bank. Dieses Mal erbeutet der Bankräuber fast 80.000 D-Mark.
Als die Polizei bei der Bank ankommt, ist der grüne VW Golf längst weg. Aber ein Zeuge konnte sich das Kennzeichen merken. Es ist ein Auto aus Nürnberg. Die Polizei startet sofort eine Ringverhandlung. So nennt man auch eine Großverhandlung direkt nach einer schweren Straftat. Hierbei werden ringförmig zum Ausgangspunkt der Straftat Polizeikontrollen durchgeführt, um den oder die Täter an der weiteren Flucht zu hindern. Ja und tatsächlich, die Polizei kann nur wenig später das Auto finden. Verlassen in einem Nachbarsort. Für die Ermittler ist jetzt klar, das muss derselbe Täter gewesen sein, der auch schon vor einem halben Jahr zugeschlagen hat. Ein gestohlenes Auto, ein Vorschlaghammer, es ist exakt das gleiche Muster.
Gleichzeitig hat die Polizei einen schrecklichen Verdacht, denn wenn der Täter bei seiner ersten Tat einen Mann für ein Fluchtauto getötet hat, dann könnte er es ja jetzt wieder getan haben. Sie überprüfen also dieses gestohlene Auto und finden die Vermisstenanzeige für Eugene. Die Polizei mobilisiert dann ihre Kräfte und durchkämmt die Gegend, aber sie können den vermissten Engländer nicht finden. Zwei Tage später, am 30. Dezember 1980, da stolpert ein Jogger im Wald zufällig über die Leiche von Eugene.
Denn die liegt einige Meter entfernt vom Parkplatzrand im Wald und ist mit Laub zugedeckt. Der Täter muss also ein hohes Risiko eingegangen sein, weil der Parkplatz von der Landstraße aus eigentlich ganz gut zu sehen ist. Das bedeutet, er musste auch schnell handeln. Auch Eugene wurde mit einem gezielten Schuss ins Gesicht getötet und wieder muss der Täter vor seinem Opfer gestanden und ihn direkt in die Augen gesehen haben, als er abgedrückt hat. Und das ist echt gruselig, denn es scheint, als hätten die Opfer sich gar nicht gewehrt oder hätten bis zur letzten Sekunde nicht gewusst, was gleich passieren wird. Die Polizei beginnt sofort mit ihren Ermittlungen. Die Soko Hammer wird aufgestockt. Sie ziehen in ein Schulzentrum um, um dort eine Kommandozentrale einzurichten. Sie gehen hunderten Hinweisen nach. In den nächsten Wochen werden 90 Polizisten der Soko mehr als 1000 Menschen überprüfen. Zuerst nehmen sie aber die Aussagen der Bankangestellten auf, denn die konnten sich den Bankräuber gut einprägen. Er hatte eine graue Strickmütze auf dem Kopf, braune Augen und eine schlanke Figur. Er trug Sportschuhe und was besonders aufgefallen ist, er hatte eine eigenartige Fußstellung. Für die Polizei ist das ein ganz wichtiges Merkmal. Der Bankräuber hatte offenbar eine Art Watschelgang, wenn er unterwegs ist.
Am Tatort auf dem Waldparkplatz macht die Spurensicherung ebenfalls eine überraschende Entdeckung. Dort finden sie Nägel, und zwar jede Menge davon. Mit Metalldetektoren suchen sie den Waldboden ab und hoffen, die Patronenhülse zu finden, um mehr über die Waffe zu erfahren, mit der Eugene erschossen wurde, aber statt der Patronenhülse stoßen sie auf Dutzende Nägel. Möglicherweise könnte es sein, dass der Täter die dort absichtlich verstreut hat, um die Suche nach der Patronenhülse so schwer wie möglich zu machen. Währenddessen berichtet natürlich auch die Presse über den Bankräuber und verpasst ihm sogar einen eigenen Namen, nämlich der Hammermörder.
Die Lokalreporterin Elke Ewart von der Marwacher Zeitung erinnert sich, dass das eigentlich aber die falsche Bezeichnung für den Täter gewesen ist. Denn eigentlich sei es der Parkplatzmörder oder der Hammerräuber gewesen, aber der Forscherkammer stand nun mal in jeder Zeitung und deswegen hat man ihn den Hammermörder genannt. Und die Menschen in der Gegend lesen wirklich alles, was sie über den Hammermörder finden können. Diesen kaltblütigen Killer, der nach demselben Muster Menschen umbringt, ihre Autos klaut und dann Banken überfällt. Bei den Bewohnern in der Gegend löst das natürlich auch Angst und Panik aus. Und wie groß die ist, die zeigt jetzt folgendes Beispiel. Denn das Forstamt der Gegend gibt eine offizielle Warnung raus, dass die Leute nicht mehr im Wald spazieren gehen sollen. Wald- und Feldarbeiter sollen auch nur noch mindestens zu zweit, besser aber noch in Gruppen unterwegs sein, wenn sie in den Wald gehen. Das ist die offizielle Dienstanweisung, die sie bekommen. Später erzählt die Lokalreporterin Elke Ewert in der ZDF-Doku, Die Stimmung war nicht nur gedrückt, sie war einfach von Angst geprägt. Es war so, dass sich kein Mensch mehr allein irgendwo auf einen offenen Parkplatz oder in ein abgelegenes Waldgebiet oder so getraut hat.
Und die Polizei kann natürlich auch nicht alle Waldparkplätze der Gegend überwachen, denn dafür gibt es gar nicht genügend Ressourcen. Außerdem ist Mitte der 80er Jahre ja auch die Zeit der großen Demos. Die Leute gehen gegen die Atomkraft auf die Straße. Es gibt Proteste gegen die Stationierung von US-amerikanischen Waffen. Ja, das heißt, die Polizei hat in dieser Gegend verdammt viel zu tun. Es entsteht sogar eine Art Massenhysterie um den Hammermörder. Und der Druck auf die Polizei wird immer größer. endlich auch mal Ergebnisse zu liefern. Die Polizei hat mittlerweile so viele Zeugenaussagen und Hinweise, dass sie ein grobes Bild des Täters erstellen können. Allerdings nicht nur eins, denn der Soko-Leiter erzählt, dass es teilweise widersprüchliche Angaben von Zeugen gab. Je mehr Zeugen es gibt, desto mehr unterschiedliche Beschreibungen gibt es auch von dem gesuchten Hammermörder. In der ZDF-Doku werden diese verschiedenen Bilder gezeigt und da gibt es zum Beispiel Bild 1 von einem Mann mit schmalem Gesicht, dünnen Augenbrauen und fast schon schmalzig zurückgegielten Locken.
Bild 2 zeigt einen Mann mit Milchbubi-Gesicht, buschigen Augenbrauen, einer dicken Lippe und markanter Nase. Der Mann auf Bild 3 hat stechende Augen, schmale Lippen, eine schmale Nase und trägt eine Art Elvis-Frisur. Und auf Bild 4 hat der gesuchte riesige Ohren und ein kleines Gesicht. Auf Bild 5 trägt er eine Brille. Auf Bild 6 ist er ein junger Mann Anfang 20 mit einer breiten Nase und einem breiten Mund. Auf Bild 7 sieht der Mann auch schon wieder ganz anders aus. Und so geht's die ganze Zeit weiter. Die Polizei weiß also so gut wie gar nicht, wie der Mann wirklich aussieht. Zeugen des zweiten Überfalls sind nämlich zum Beispiel davon überzeugt, dass der Mann rötlich-braune Haare hat und nicht dunkelblonde, wie die Bankangestellte beim ersten Überfall ausgesagt hat. Das Einzige, was bei dieser Serie konstant zu sein scheint, ist die Art, wie der Täter vorgeht. Er lauert erst auf Parkplätzen, bringt dort seine Opfer um, klaut deren Autos und überfällt damit Banken.
Auch bei der Polizei herrscht Ungewissheit und die Angst in der Bevölkerung wird immer größer. Die Menschen meiden einsame Parkplätze, Anhalter werden an der Straße stehen gelassen. Die Menschen wissen einfach zu wenig über den Hammermörder.
Aber dann macht die Spurensicherung am zweiten Tatort im Wald, wo Eugenes Leiche gefunden wurde, eine Entdeckung. Zwischen den ganzen Nägeln schaffen es die Ermittler, die Patronenhülse ausfindig zu machen.
Und als diese Patronenhülse im Labor analysiert wird und die Ergebnisse bei der Soko Hammer ankommen, verändert das alles in diesem Fall. Jede Waffe hinterlässt ja bei der benutzten Munition ein einzigartiges Rillenmuster. Also so ein bisschen so wie ein Fingerabdruck der Waffe. Und so lassen sich nachher anhand von der Munition Tatwaffen identifizieren. Und das Ergebnis aus dem Labor schockt die Ermittler auf jeden Fall. Denn die Munition, mit der Eugene erschossen wurde, die stammt von der Polizei selbst. Könnte der Hammermörder also ein Polizist sein? Ein Mann, der die Bevölkerung ja eigentlich vor Verbrechen schützen sollte? Wenn ein Polizist tatsächlich der Täter wäre, dann muss die Mordwaffe eine Walter P5 sein. Denn die gehört zur Standardausrüstung bei der Polizei in Baden-Württemberg. Es gibt aber noch weitere Hinweise dafür, dass der Täter aus den eigenen Reihen stammen könnte, denn die beiden Banküberfälle haben zeitlich immer kurz vor Schalterschluss der Banken stattgefunden. Das fällt außerdem in das Zeitfenster, in dem bei der Polizei die Früh in die Spätschicht wechselt. Das heißt, dass weniger Besatzungen dort einsatzbereit sind. Und das wäre ein Vorteil für den Hammermörder. Aber ist das geplant oder reiner Zufall? Beide Überfälle haben außerdem in unterschiedlichen Polizeidirektionen stattgefunden.
Das bedeutet, dass die Ermittler sich erstmal austauschen und ihre Ergebnisse miteinander teilen müssen. Das ist auch ein Vorteil für den Hammermörder. Und dann sind da noch die gefundenen Nägel. Vielleicht hat er sie gestreut, weil er gewusst hat, dass ihn die Munition verraten würde. Ja, das sind einfach viel zu viele Zufälle. und wenige Wochen nach dem zweiten Banküberfall im Frühjahr 1985 ermittelt die Polizei also auch gegen Menschen in den eigenen Reihen. Denn ab diesem Zeitpunkt konnte nicht mehr eindeutig ausgeschlossen werden, dass ein Polizeibeamter der Tatverdächtige sein könnte. Das sagt zumindest der Soko-Leiter später. Ja, und was dann passiert, ist die größte Waffenbeschussaktion in der Kriminalgeschichte. Das bedeutet, dass Waffen von Polizeibeamten abgefeuert werden, um zu prüfen, ob die Rillen, die sich dann in der Munition ergeben, mit der übereinstimmt, die an den Tatorten gefunden wurde. Die Soko zieht also die Dienstwaffen ein, feuert sie ab und schickt die Projektile und Hülsen ins Labor, um sie dort analysieren zu lassen. Sie überprüfen also sozusagen diese Fingerabdrücke der Dienstwaffen, Und die Soko konzentriert sich erst auf Dienstwaffen der drei Polizeidirektionen in der Gegend. Dann ziehen sie immer größere Kreise.
Bis zum Herbst 85 haben sie 12.000 Dienstwaffen eingezogen, abgefeuert und beim Bundeskriminalamt analysieren lassen. Das heißt, ihr merkt schon, das ist eine wahnsinnig zeitaufwendige und natürlich auch teure Aktion, das zu machen.
Außerdem nehmen sie einigen Polizisten Blut ab. Denn beim ersten Überfall haben sie ja auch eine Blutspur sichergestellt, die eine seltene Blutgruppe hat. Auch die könnte auf den Täter hindeuten. Alle Polizisten, die in der Nähe der Tatorte wohnen, die sind jetzt im Fokus der Ermittlungen. Und die Menschen in der Gegend wissen das aber nicht. Für sie ist der Hammermörder weiter ein Mann, über den nur wenig bekannt ist. Ein eiskalter Killer, der jederzeit wieder zuschlagen kann. Am 5. Juli 1985 wird in der ZDF-Sendung Aktenzeichen XY über diese Mordfälle berichtet. Und die Polizei in Stuttgart bittet um Hinweise aus der Bevölkerung. In diesem Beitrag werden die beiden Morde und die Überfälle rekonstruiert. Und wenn ihr euch das mal selbst anschauen wollt, schaut mal in die Shownotes. Da haben wir euch die Sendung von damals verlinkt. In dieser Sendung wird eine Belohnung für Hinweise ausgerufen. 58.000 DM Mark.
Nach dieser Sendung gibt es aber keinen entscheidenden Hinweis für die Polizei.
Bis 17 Tage später, nach der Ausstrahlung von dieser Aktenzeichen XY-Sendung, der Hammermörder wieder zuschlägt. Und zwar am 22. Juli 1985. An einem Parkplatz für Wanderer, der ist mehr als 20 Kilometer vom ersten Tatort entfernt, da hielt der 26 Jahre alte Elektriker Wilfried. Er ist gerade zwischen Ehlsfeld und Flein auf der Landstraße unterwegs. Er kommt auch aus der Gegend und ist gerade auf dem Weg zur Arbeit. Aber dort wird er nie ankommen. Sein Auto, ein schwarzer Golf GTI, der hält kurz darauf vor einer Volksbankfiliale in Spiegelberg. Ebenfalls ein Ort in der Gegend, ungefähr 25 Kilometer von Marbach am Neckar entfernt, wo ja der erste Überfall stattgefunden hat. Ein Mann steigt aus und hat einen Vorschlaghammer in der Hand. Aber dieses Mal passiert was, womit der Hammermörder nicht gerechnet hat. Denn der Filialleiter der Bank sieht den Bankräuber schon durchs Fenster auf die Tür zu kommen und warnt seine Angestellten. Gemeinsam schließen sie sich in einem Hinterzimmer ein und kurz darauf ertönt der Alarm durch das Gebäude. Der Hammermörder steigt also wieder ins Auto und rast davon, und zwar ohne Beute. Die Polizei kann ihn aber bei einer Fahndung in der Gegend nicht ausfindig machen. Aber wieder ist der Polizei klar, wenn der Hammermörder zugeschlagen hat, dann war das Auto mit großer Wahrscheinlichkeit gestohlen.
Es war völlig klar, dass irgendwo eine Leiche sein musste. So erinnert sich die Lokalreporterin Elke Ewert später in einer Doku. Sie war bei der Pressekonferenz der Polizei dabei.
Die Ermittler hatten eine große Suchaktion gestartet, weil ein junger Mann aus der Gegend als vermisst gemeldet worden war. Sein Name war Wilfried. Der Druck auf die Polizei wäre immens gewesen, sagt die Journalistin, und sie sagt, die Ermittler wären bei der Pressekonferenz total hilflos gewesen.
In der Gegend waren Hundertschaften unterwegs und haben nach Wilfried gesucht, aber sie konnten ihn nicht finden.
Erst einige Tage später entdeckten Arbeiter auf dem Parkplatz zufällig die Leiche von Wilfried. Auch er wurde aus nächster Nähe erschossen. Und wieder findet die Spurensicherung eine Patronenhülse. Und jetzt spricht auch noch eine weitere Tatsache dafür, dass der Täter ein Polizist war. Denn die Opfer wehrten sich nicht. Der Täter steht ja seinen Opfern direkt gegenüber und erschießt sie aus nächster Nähe. Und sie schöpfen kein Verdacht. Das heißt, es könnte doch sein, dass der Täter bei den Morden sogar seine Polizeiuniform getragen hat. Und diese Vorstellung ist natürlich grauenvoll, dass ein Polizeibeamter auf die Opfer zukommt und die ihm vertrauen aufgrund seiner Uniform und erst in letzter Sekunde merken, was hier eigentlich passiert. Was ist das für ein Mensch, der seine Opfer so kaltblütig umbringt? Das hat sich auch ein Profiler in einer Ausgabe der ZDF-Doku aufgeklärt, spektakuläre Kriminalfälle gefragt. Hat der Hammermörder Freude am Töten? Für den Profiler spricht einiges dafür, denn er übt nicht nur Macht bei den Morden aus. Der Profiler sagt in der Doku, es könnte natürlich auch sein, dass er sich in gewisser Weise daran erfreut, wie die Opfer reagieren und diese Nähe bewusst sucht, wenn er schießt. Werbung.
Nach dem dritten Mord wächst nicht nur der Druck auf die Soko-Hammer, sondern auch die Angst in der Bevölkerung. Der Hammermörder ist das Thema Nummer eins in der Gegend. Es gibt sogar ein sogenanntes Polymobil, das unterwegs ist und Flugblätter verteilt und Lautsprecherdurchsagen macht. Die Beamten stehen mit einem Pavillon an öffentlichen Plätzen, klären auf und suchen Zeugen. Davon gibt es ein Foto. Da ist ein großes Banner zu sehen, das vor dem Pavillon aufgestellt ist, auf dem steht, wer kennt den Parkplatzmörder. Das alles zeigt, wie groß das Thema für die Polizei ist und auch für die Menschen in der Gegend. Und vielleicht ist es genau dieser Fahndungsdruck, der zu den folgenschweren Fehlern führt, die die Polizei im Laufe dieses Falls noch machen wird. Der erste Fehler passiert im August 85. Mehr als ein Jahr ist vergangen seit dem ersten Überfall des Hammermörders und die Polizei meldet den vermeintlichen Durchbruch der Sokohammer. Und auch Zeitungen berichten, dass der Hammermörder gefasst wurde und die veröffentlichen sogar Bilder des mutmeistlichen Täters und seinen Namen.
Ein junger Polizist aus der Gegend wird als Tatverdächtiger festgenommen, weil er auffallend viel Geld habe, dafür, dass er Anfang 20 ist, und er hat ein sündhaft teures Toupet getragen. Er hat sich irgendwie verdächtig verhalten und sei an dem Tag, an dem er seine Dienstpistole habe abgeben müssen, nicht zum Dienst gekommen. Außerdem sehe er einem der vielen Phantombilder ähnlich.
Eigentlich ist es nur eine Reihe von Spekulationen, die die Soko auf ihn aufmerksam werden lässt. Und die Tatsache, dass sie seinen Namen der Öffentlichkeit preisgeben, bevor er überhaupt befragt wird, ist aus heutiger Sicht sicher grob fahrlässig.
Der junge Polizist wird zur Fahndung ausgeschrieben und die Zeitungen melden, dass der Hammer-Mörder identifiziert wäre. Ja, und der Verdächtige ist zu diesem Zeitpunkt in Italien bei seiner Familie. Aber der kriegt natürlich mit, dass er in Deutschland gesucht wird und macht sich sofort auf den Weg zurück. Er stellt sich und sagt, dass er wegen privater Probleme nach Italien gereist sei. Die Polizei, die analysiert seine Dienstwaffe und nimmt ihm Blut ab. Und was relativ schnell klar ist, er kann nicht der Täter sein. Dieser Fehler hat natürlich Folgen, nicht nur für den jungen Polizisten, der der Welt als Hammermörder präsentiert wurde, auch für die Ermittler. Denn dem Innenministerium gefällt dieser Vorfall natürlich so überhaupt nicht und der Druck auf die Ermittler wird nochmal größer. Die Polizei hat also voreilig einen Namen veröffentlicht und einen Verdächtigen zum Täter gemacht, weil einige Merkmale des Bankräubers auf ihn zutrafen. Das sei eine schwierige Situation gewesen, einen eigenen Kollegen an den Pranger gestellt zu haben und erkennen zu müssen, dass es der Falsche war. Das sagt der Soko-Leiter später in der Doku. Die Polizei habe sich nicht mit Ruhm bekleckert, das sagt wiederum die Journalistin Elke Ewert. Und sie sagt noch was ganz Wichtiges, nämlich Sprich, da war dann schon klar, es wird ganz verstärkt in den eigenen reingesucht.
Denn mit dieser Aktion weiß die Bevölkerung jetzt auch, dass die Polizei nach einem Polizisten sucht. Und der könnte in Uniform auf Parkplätzen warten und ahnungslose Menschen erschießen. Das ist ein Horrorszenario, so bezeichnet es der Soko-Leiter später. Laut der Journalistin Elke Ebert sind auch Polizisten zu dieser Zeit misstrauisch angesehen worden. Und sie sagt später.
Der nächste Fehler, den die Polizei macht, hängt mit einem Vorfall vom 27. September 1985 zusammen. An diesem Tag wird die Raiffeisenbank in Rosenberg überfallen. Das liegt etwas weiter entfernt von der Gegend, in der die Überfälle des Hammermörders passiert sind, ungefähr 70 Kilometer von Marbach am Neckar entfernt. Dort hat der erste Überfall stattgefunden. Vielleicht hat die Polizei genau deswegen keine direkte Verbindung zum Hammermörder hergestellt und vielleicht auch wegen der Tatsache, dass dieser Überfall ganz anders abgelaufen ist als sonst. Ein Mann spaziert in die Bankfiliale, aber er hat keinen Hammer dabei. Er ist unmaskiert und zieht sich erst in der Bank eine Maske über den Kopf. Dann nimmt er einen Kunden vorübergehend als Geisel, erpresst 11.000 D-Mark und flüchtet mit dem Auto des Bankkunden. Die Zeugen können den Täter sehr gut beschreiben, denn der hatte ja zuerst noch keine Maske auf. Es ist ein stämmiger Typ mit Bauchansatz. Er hat dicke Augenbrauen, blaue Augen, einen schwarzen Vollbart und schwarze Haare. Also ein ganz anderer Typ als der gesuchte Hammermörder. Auch deswegen landet der Überfall und das Phantombild nicht bei der Sokuhammer auf dem Tisch. Dieses Phantombild, was durch die Zeugen erstellt werden kann, das hätte wahrscheinlich noch vier Menschenleben retten können.
Der nächste und wahrscheinlich der größte Fehler, der passiert den Ermittlern im Herbst 85. Und nur zur Erinnerung, zu der Zeit kontrollieren die Ermittler immer noch tausende Dienstwaffen, aber die richtige war noch nicht dabei. Wir springen in den September 1985. Die Polizei in Ludwigsburg ist an einem anderen Fall unterwegs und öffnet Schließfächer am Bahnhof. Eigentlich hat dieser Einsatz mit dem Hammermörder gar nichts zu tun, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als sie ein ganz bestimmtes Schließfach öffnen, in dem die Polizei einige Teile einer Polizeiuniform, die Verpackung einer Sturmhaube und einen Brief finden. Dieser Brief ist adressiert an einen Kollegen, an einen gewissen Norbert.
Der Fund im Schließfach ist die Spur Nummer 3799 und sie führt zu einem Polizisten. Zwar sind die Uniform und die Sturmhaube in einem Schließfach noch kein Beweis, aber zumindest mal Grund genug, um bei diesem Norbert nachzufragen. Norbert ist 1951 in Stuttgart geboren worden und gerade Anfang 30. Norbert ist ein sympathischer, kinderlieber Typ und seinen drei Kindern ein toller Familienvater. Das zumindest sagt seine Familie und auch seine Freunde. Kollegen nennen ihn aber nicht Norbert, sondern Nobbe. Er ist ein lustiger, hilfsbereiter und freundlicher Beamter und arbeitet im Revier Stuttgart-Müllhausen in der Hundestaffel. Norberts Eltern kommen nach dem Krieg aus Ostpreußen nach Schwaben. Aber die Familie kommt nie so richtig in der Gegend an und Norbert hat nie so richtig Freunde gefunden. Ein Schulkamerad erzählt später, dass andere Eltern es nicht gerne gesehen haben, wenn die Kinder mit Norbert gespielt haben. Und so kommt es, dass Norbert über Mutproben versucht, Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen. Er springt zum Beispiel vom 3-Meter-Brett, obwohl er nicht schwimmen kann, oder er zeltet auf dem Grünstreifen der Autobahn.
Mit seiner Familie und seiner Schwester fährt er nach Italien in den Urlaub. Nur dort ist er glücklich. Aber immer wenn es nach Hause geht, dann landet er wieder auf dem harten Boden des Alltags.
Es heißt, dass Norbert in dieser Zeit versucht haben soll, sich das Leben zu nehmen. Er hat sich komplett abgeschottet. Und als er 17 Jahre alt ist, da lassen sich seine Eltern scheiden. Er zieht mit seiner Mutter und seiner Schwester nach Strümpfelbach in ein kleines Haus. Und in dieser Zeit sagt er nicht mal seinen Schulkameraden, dass er weggezogen ist. Dann fängt er eine Lehre in Strümpfelbach als Kaufmann an, aber wird dort ziemlich schnell wieder entlassen. Laut seinem Chef war Norbert nämlich unzuverlässig und kam oft einfach gar nicht zur Arbeit. Dann hat er ein Jahr lang als Hilfsarbeiter gejobbt, bevor er sich bei der Polizeischule in Stuttgart angemeldet hat. Beim zweiten Versuch hat er es auch tatsächlich in die Aufnahmeprüfung geschafft. Und dort lernt er dann eine Frau kennen, Ingeborg. Ingeborg ist eine Kollegin von Norbert und die beiden heiraten, als sie 25 sind. Sie wohnen in Stuttgart in einer kleinen Wohnung und bekommen zwei Söhne.
Und als das dritte Kind ein Mädchen geboren wird, da ziehen sie auf das Grundstück von Norberts Mutter in Strümpfelbach. Die kleine Familie möchte sich sogar ein eigenes Haus bauen, denn Norbert gewinnt im Lotto. Über diese Summe, die er gewonnen hat, gibt es unterschiedliche Angaben und so muss er zwischen 30.000 und 50.000 Mark gewonnen haben. Im Jahr 1982, da ist Norbert 31, kommt er zur Hundestaffel. Seine Kollegen mögen ihn. Er ist tierlieb und kollegial und ein zuverlässiger Polizist.
Nach außen lebt Norbert ein glückliches Familienleben, aber hinter den Mauern seines neu gebauten Hauses wachsen die Schulden. Trotz des Lottogewinns hat er sich bei diesem Bau finanziell übernommen. Das Haus, dazu gab es einen neuen Mercedes, das Geld ist einfach schnell weg und die Kredite überschlagen sich. Und am Ende muss die fünfköpfige Familie mit gerade mal 250 Mark im Monat auskommen.
1984 trifft die Familie dann ein weiterer Schicksalsschlag. Die vier Jahre alte Tochter Cordula stirbt an einem Hirntumor. Norbert kann sich die teuren Privatärzte nicht leisten. Ein Kollege von Norbert erzählt Journalisten später, dass Norbert im Dienst oft niedergeschlagen gewesen wäre. Und Norbert soll einmal erzählt haben, dass er bei einem Arzt war, der ihm wiederum gesagt hätte, dass Norbert erst mal 10.000 Mark bezahlen müsste, damit dieser Arzt überhaupt anfängt, seine Tochter zu untersuchen. Ja, man kann sich ja kaum vorstellen, wie schlimm diese Situation für die Familie gewesen sein muss. Hätte die vierjährige Tochter geheilt werden können, wenn mehr Geld für die Behandlung da gewesen wäre? Das ist natürlich eine Frage, die sich stellt. Aber im März 1984 stirbt sie. Nur wenige Wochen später begeht der Hammermörder seinen ersten Mord und Überfall. War also letztendlich der Tod seines Kindes der Auslöser? Oder war es der Druck, einen sozialen Status und eine Fassade aufrechtzuerhalten, seinen gehobenen Lebensstandard nicht zu verlieren? Hat Norbert aus Habgier gehandelt? Oder war es sogar eine Mischung aus beidem? Ein Autor, der später über diesen Fall einen Film geschrieben hat, sagt über Norbert, Im Grunde ist er ein gutmütiger und harmloser Spießer gewesen. Und der Schritt vom Spießer zum Verbrecher, zum Massenmörder, muss man in diesem Fall sagen, der ist weit.
Tatsächlich war Norbert eigentlich bekannt als gutmütiger Polizist und Familienvater. Ja, aber so langsam zieht sich das Netz der Beweise und der Indizien enger um Norbert. Denn Norbert ist ein stattlicher, breitschultriger Mann, ein massiger Typ mit einem leichten Bauchansatz, einem markanten schwarzen Vollbart, blauen Augen und kurzen schwarzen Haaren. Und vor allem eines der auffälligsten Merkmale an Norbert ist, dass er sein linkes Bein etwas nachzieht, weil es kürzer ist als sein rechtes Bein. Und genau so haben Zeugen auch die Person bei dem Banküberfall in Rosenberg beschrieben. Das war dieser dritte Überfall, bei dem der Bankräuber erst ohne Maske in die Bank gegangen ist und keinen Hammer dabei hatte. Das Phantombild, das die Polizei nach diesem Überfall erstellt, ist quasi eine exakte Kopie des Passbilds von Norbert.
Dieses Phantombild, das ist bei der Soko Hammer aber nie auf dem Tisch gelandet, denn die haben diesen Raub nie mit dem Hammermörder in Verbindung gebracht. Ja, aber wie kann es sein, dass ein Polizist so eine Straftat begeht und nie verdächtigt wird? Ja, da sind zum einen natürlich die Phantombilder, denn Norbert sieht ganz anders aus als die Bilder, die vom Hammermörder im Umlauf sind. Die Ermittler vermuten später, dass sich Norbert den Bart angeklebt haben könnte und dann ist da ja noch seine Dienstwaffe. Die Soko kommt ihm darüber nicht auf die Schliche, weil Norberts Dienststelle auf der Liste der zu überprüfenden Polizeidirektion sehr weit unten steht. Aber das ist ein reiner Zufall. Und trotzdem gibt es immer wieder Hinweise, dass Norbert der Täter ist. Der schwerwiegendste Hinweis dabei ist sein Gang. Dieser Watschelgang des Hammermörders, der ist der Polizei ja bekannt, aber niemand kommt darauf, dass es Norbert ist. Dabei war die Polizei ein paar Mal sogar ganz nah dran, wusste das aber nicht. Norberts Kollege berichtet der Presse später, dass Norbert einmal gesagt habe, dass man den Hammermörder nie fassen würde, nur wenn der sich selbst stellt.
Beim Überfall in Spiegelberg, das war der versuchte dritte Überfall, der schiefgegangen ist, weil ihn der Filialleiter gesehen hatte, hat Norbert das Auto gewechselt und wird mit seinem eigenen Wagen bei der Fahndung kontrolliert. Der Beamte, der ihn kontrolliert, sagt nur, ah, ein Kollege, und bittet ihn vorsichtig zu sein, weil der Hammermann wieder zugeschlagen hätte und lässt ihn einfach fahren. Bis zum Abend des 28. September 1985, dem Tag, an dem die Polizei in Ludwigsburg ein Schließfach öffnet und dort Teile einer Polizeiuniform, die Verpackung der Sturmhaube und den Brief findet, der an Norbert adressiert ist. Und das alles passiert nur einen Tag, nachdem der Hammermörder die Bankfiliale in Rosenberg überfallen hat. Die Soko Hammer schickt direkt Beamte zu Norbert nach Hause. Aber der ist nicht da. Der ist mit Kollegen auf einem Volksfest.
Die Polizei macht ihn dort schließlich ausfindig und befragt ihn. Und danach darf Norbert wieder gehen. Aber wenn ihm solche Straftaten vorgeworfen werden, warum darf er einfach wieder nach Hause gehen? Weil Norbert es schafft, sich rauszureden. Er hat nämlich eine ganz normale Erklärung für die Uniform im Bahnhof Schließfach. Denn er sei zum Geburtstag seiner Schwiegermutter gefahren und habe die Uniform nicht mitnehmen wollen. Die Beamten prüfen das, denn sie fragen beim Einwohnermeldeamt nach wann denn diese Schwiegermutter Geburtstag hat. Und tatsächlich, es stimmt, was Norbert erzählt hat. Was die Ermittler aber nicht machen ist, sie prüfen nicht, ob Norbert wirklich bei dieser Party war. Was sie hingegen tun, sie überprüfen Norberts Dienstwaffe.
Die Ergebnisse werden aber noch ein paar Tage brauchen und deswegen fragen sie Norbert nach einer Blutprobe. Aber die will er nicht abgeben. Sonntags im Krankenhaus eine Blutprobe abgeben, wo ihn jeder kenne und sofort wisse, warum er da sei, das wolle er lieber privat bei seinem Hausarzt machen. Der Soko-Leiter sagt später, Im Ergebnis begnügte man sich mit seinen Aussagen und zu diesem Zeitpunkt plausiblen Erklärungen. Es war eine Fehleinschätzung der Beamten, die diese Ermittlungen in diesem Abschnitt führten. Die konkrete Konsequenz dieser Fehleinschätzung, wie es der Soko-Leiter beschreibt, ist, dass Norbert nie zur Blutabnahme erscheint. Denn er weiß, dass ihn das natürlich verraten würde. Und Norbert weiß auch, dass seine Dienstwaffe ihn verraten wird und es nur eine Frage der Zeit ist, bis er überführt wird. Norbert meldet sich in der ersten Oktoberwoche krank und wird nie wieder zum Dienst erscheinen.
Am 21. Oktober 1985, drei Wochen später, macht sich die Polizei auf den Weg zum Haus von Norbert. Seit einer Woche hat niemand mehr die Familie von ihm gesehen oder ihn selbst. Sogar seine Mutter meldet ihn als vermisst. Die Soko Hammer kann Norbert auch nicht erreichen. Aber zu diesem Zeitpunkt haben sie auch noch kein Ergebnis von Norberts Dienstwaffe, wobei ehrlicherweise wissen wir das nicht so genau, wir vermuten es nur anhand der Quellen, die wir gelesen haben. Die Ermittler kommen dann am Haus an und brechen die Haustür auf. Im Haus machen sie eine grauenvolle Entdeckung, denn das Erste, was den Beamten dort entgegenschlägt, als sie durch die Tür treten, ist der Geruch. Verwesungsgeruch. Die Polizisten finden auf der Couch im Wohnzimmer eine pink-weiße Decke mit Kreismuster. Und auf dieser Decke ist ein großer, dunkelroter Blutfleck. Als sie dann weiter durchs Haus gehen, da kommen sie an der Badezimmertür vorbei, die in kleinen Spalt offen steht. Und dahinter sehen sie Beine, graue Socken und eine blaue Hose. Sie stoßen die Tür auf zum Badezimmer und dort, auf dem Fliesenboden, liegt eine Frau. Ihr Oberkörper ist bedeckt mit einer braunen Decke und bei der Frau auf dem Boden handelt es sich um Norberts Frau, Ingeborg. Die Polizisten gehen die Treppe nach oben und in einem der Kinderzimmer liegt jemand im Bett. Der sieben Jahre alte Adrian.
Die Polizei versucht zu rekonstruieren, was in diesem Haus passiert ist. Vermutlich hat Norbert am 13. Oktober 1985 seine Frau und seinen sieben Jahre alten Sohn erschossen. Der Autor Fred Breinersdorfer vermutet, dass es einen Auslöser gegeben haben muss. Vielleicht hat Norberts Frau ihn gebeten, alles zu gestehen. Oder sie wollte zur Polizei gehen. Man wird nie herausfinden, ob Ingeborg wusste, dass ihr Mann der Hammermörder ist. Man vermutet allerdings, dass sie die Aktenzeiche XY-Ausgabe gesehen haben könnte. Und Breinersdorfer glaubt, dass sie es gewusst haben muss. Ingeborg wäre eine kluge Frau gewesen. Trotzdem hatte Norbert eine Erklärung für das ganze Geld. Er sagt, er hätte einen Nebenjob als Sicherheitsmann gehabt. Aber ob Ingeborg ihm geglaubt hat, oder ob sie wusste, dass ihr Mann Banken überfallen hat und Menschen getötet hat, das werden wir nie erfahren. Aber an jenem 13. Oktober 1985 sitzt sie auf der Couch, als Norbert seine schwangere Frau erschießt.
Dann trägt er ihre Leiche ins Badezimmer und die beiden Söhne, Adrian und Gabriel, schlafen zu dem Zeitpunkt in ihren Betten. Dort tötet Norbert den älteren Sohn, weckt den vier Jahre alten Gabriel und geht mit ihm aus dem Haus zum Auto. Und dann fährt er los. Fast 1400 Kilometer fährt er über die Autobahn, über den Brenner bis nach Italien. In den Ort, an dem er als Kind selbst Urlaub gemacht hat. Sie sind nämlich in dem kleinen Küstenort Torre Cane. Als die Polizei in Norberts Haus steht, ist er mit seinem jüngsten Sohn schon seit mehreren Tagen in Süditalien. Es scheint, als wolle er mit seinem Sohn Urlaub machen, denn sie besuchen einen Safari-Park, er kauft Gabriel einen riesigen Plüschlöwen, sie gehen am Strand spazieren und essen in Restaurants zu Abend. Es gibt sogar ein Foto von den beiden im Safari-Park. Norbert sitzt auf einem von vielen orangefarbenen Plastikstühlen neben seinem Sohn. Er trägt einen langen Mantel, hält vermutlich eine Geldbörse in der Hand und lächelt ein bisschen in die Kamera. Sein Sohn sitzt neben ihm und der Soko-Leiter vermutet später, dass Norbert nochmal nach Italien in seine heile Welt geflüchtet ist.
Am 21. Oktober 1985 werden Norbert und sein Sohn zum letzten Mal lebend gesehen. Sie essen in einem Restaurant. Ein Kellner erzählt, dass ihm die beiden aufgefallen wären, weil sie zuerst ohne Ziel einfach am Strand im Regen spaziert wären. Der Mann, Norbert, hätte beim Essen sehr ernst gewirkt, so als ob er schlimme Gedanken gehabt hätte. Und am nächsten Tag, den 22. Oktober 1985, steht am Strand der Wagen von Norbert einfach da. Ein paar Schuhe stehen neben der Fahrertür.
Im Kofferraum blickt der riesige Plüschlöwe nach draußen. Und auf der Rückbank liegt Gabriel. Auf dem Beifahrersitz liegt Norbert. Norbert hat erst seinen Sohn und dann sich selbst erschossen.
Der Polizist hat also seine gesamte Familie ausgelöscht, insgesamt sechs Menschen ermordet und vier Banken überfallen. Eine Psychologin mutmaßt in der ZDF-Doku, dass Norbert seine ganze Familie bei dem erweiterten Suizid mitnehmen wollte. Er sei ein Täter, bei dem sich alles um ihn drehte. Seine Selbstbezogenheit sei der rote Faden bei seinen Taten gewesen. Er wollte seinen Lebensstandard und sein Ansehen behalten, die er durch das Geld bekommen hat. Der Autor Fred Breinersdorfer meint, dass Norbert fast schon berechnend und grob fahrlässig gehandelt hat und signifikante Spuren hinterließ. Am Ende sogar sein Gesicht nicht mal maskierte. Vielleicht deutet das auf eine gespaltene Persönlichkeit hin. Aber wir werden nie wissen, warum Norbert als Hammermörder wirklich mordete und Banken überfallen hat. Wie aus einem unauffälligen Polizisten ein brutaler Killer wurde. Ob er aus Habgier gehandelt hat oder ob der Tod seiner Tochter der Auslöser war. Was am Ende dieser Folge hängen bleibt, ist auf jeden Fall ein Fall, der in die Kriminalgeschichte Deutschlands eingegangen ist. Norbert's Waffe wird zum Beispiel im Polizeimuseum Stuttgart ausgestellt. Über diesen Fall werden Filme, Serien, Bücher und Dokus erstellt. Und was auch wichtig ist, die Ermittler und das Innenministerium geben im Nachhinein bei den Ermittlungen Fehler zu. Die falschen Spuren, die falsche Festnahme.
Ja, vielleicht hätten hier sogar einige Morde verhindert werden können. Der Soko-Leiter sagt später, dass Norbert seine Familie, sprich seine Kinder, seine Frau und sich selbst umbringt, das hätte man verhindern können, wenn man nur ganz stringent vorgegangen wäre in dieser Spur 3799. Es war die Spur des Schließfachs am Bahnhof in Ludwigsburg. Und damit bedanken wir uns fürs Zuhören und vor allem vielen Dank an Maja, die uns diesen Fall vorgeschlagen hat. Und wir freuen uns natürlich, wenn ihr nächste Woche wieder mit dabei seid. Dann sind wir bei Podimo oder im nächsten Monat, wenn wir wieder auf allen Plattformen sind. Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.