WEBVTT

00:00:02.066 --> 00:00:06.491
Wir hatten uns auf das Schlimmste vorbereitet. Aber als wir an die Front kamen, war es noch schlimmer.

00:00:08.046 --> 00:00:13.027
Dominik kommt aus Kolumbien, fast 10.000 Kilometer von der Ukraine entfernt.

00:00:13.474 --> 00:00:15.918
Und jetzt kämpft er hier, an der Front.

00:00:16.823 --> 00:00:20.928
Warum zieht jemand freiwillig in einen Krieg, der nicht sein eigener ist?

00:00:21.433 --> 00:00:25.473
Wegen einer Überzeugung, wegen des Geldes oder wegen beidem?

00:00:26.442 --> 00:00:30.790
Ich habe vier Kolumbianer getroffen, die in ukrainischer Uniform kämpfen.

00:00:31.063 --> 00:00:36.700
Sie erzählen von Drohnen, von Angst, vom Winter und davon, warum sie sagen,

00:00:37.211 --> 00:00:40.368
der Krieg war schlimmer als alles, was sie sich vorgestellt hatten.

00:00:43.364 --> 00:00:49.564
Im Krisenmodus, der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt mit Journalist Jan Jessen.

00:00:52.547 --> 00:00:56.807
Hallo, ich bin Jan Jessen, Politikchef der NRZ und Kriegs- und Krisenreporter

00:00:56.807 --> 00:00:57.993
für die Funke Mediengruppe.

00:00:58.631 --> 00:01:01.797
Meine Berichte lest ihr in der NRZ, der Berliner Morgenpost,

00:01:01.797 --> 00:01:05.534
dem Hamburger Abendblatt und auf all unseren Onlineportalen.

00:01:06.486 --> 00:01:10.270
In dieser Folge geht es um Männer, die tausende Kilometer gereist sind,

00:01:10.717 --> 00:01:14.351
um in der Ukraine zu kämpfen. Kolumbianer an der Front.

00:01:14.932 --> 00:01:19.387
Sie kämpfen für ein Land, das nicht ihr eigenes ist. Sie sprechen von Gerechtigkeit,

00:01:19.387 --> 00:01:23.895
von Geld, von Hoffnung auf ein besseres Leben und von einem Krieg,

00:01:24.255 --> 00:01:26.095
der alle ihre Erwartungen übertroffen hat.

00:01:26.693 --> 00:01:29.707
Wir treffen sie nicht irgendwo in einer Kaserne, nicht hinter Schreibtischen,

00:01:29.707 --> 00:01:34.297
sondern draußen in einem Waldstück in der Region Dnepro, im östlichen Zentrum

00:01:34.297 --> 00:01:36.672
des Landes, mitten im ukrainischen Sommer.

00:01:36.933 --> 00:01:40.828
Es ist heiß, es ist stickig, es ist grün, es wirkt fast friedlich.

00:01:41.536 --> 00:01:45.542
Und gerade deshalb wirkt es so widersprüchlich, was diese Männer erzählen.

00:01:46.331 --> 00:01:50.244
Zwischen den Bäumen stehen vier Soldaten in ukrainischer Uniform.

00:01:50.487 --> 00:01:53.407
Sie lachen, rauchen, machen Witze.

00:01:54.179 --> 00:01:58.277
Einer von ihnen steht auf Krücken. Keiner von ihnen kommt aus der Ukraine.

00:01:59.049 --> 00:02:02.615
Ihre echten Namen nennen sie nicht. Für mich heißen sie Sombras,

00:02:02.615 --> 00:02:05.997
Logotor, Koko und Dominik. Das sind ihre Funknamen.

00:02:06.572 --> 00:02:12.395
Das ist ganz häufig so bei Geschichten über Soldaten der ukrainischen Streitkräfte,

00:02:12.395 --> 00:02:14.931
dass sie nicht ihre richtigen Namen nennen aus Sicherheitsgründen,

00:02:15.558 --> 00:02:16.916
sondern ihre Punktnamen.

00:02:17.288 --> 00:02:21.357
Schnell wird klar, das sind keine Männer, die aus Abenteuerlust hier gelandet sind.

00:02:22.060 --> 00:02:25.479
Aber ihre Geschichte lässt sich auch nicht mit einem einzigen Wort erklären.

00:02:26.024 --> 00:02:30.024
Die erste Frage ist natürlich, warum seid ihr eigentlich hier?

00:02:32.955 --> 00:02:36.495
Mich hat die Ungerechtigkeit hierher gebracht. Und ja, auch das Geld.

00:02:46.655 --> 00:02:50.245
Ich wollte helfen und meinen Beitrag leisten. Das ist ein eines von mir,

00:02:50.245 --> 00:02:54.245
das ich wollte, als Soldat in anderen Ländern machen. Der Grund,

00:02:54.245 --> 00:02:57.855
dass ich hier in Ucranien bin, ist, dass ich nicht mit den Justiziensten,

00:02:57.855 --> 00:03:00.064
mit den Diktaten, mit den Kommunismus.

00:03:00.621 --> 00:03:04.035
Ich bin auch hier, um mir zu Hause ein besseres Leben zu ermöglichen.

00:03:12.474 --> 00:03:16.935
Und ich habe gesehen, was in der Ukraine passiert. Außerdem wollte ich auch Adrenalin.

00:03:24.275 --> 00:03:29.286
Schon in den ersten Antworten steckt fast die gesamte Ambivalenz dieser Geschichte.

00:03:29.988 --> 00:03:35.995
Die Männer, die wirken eigentlich ganz entspannt, ruhig, haben viel gelacht,

00:03:35.995 --> 00:03:39.945
haben Spaß gehabt, ganz offensichtlich, sich auch mit einem Journalisten zu

00:03:39.945 --> 00:03:44.115
treffen, insbesondere auch die Art und Weise, wie wir da kommuniziert haben.

00:03:44.115 --> 00:03:47.112
Denn alle vier haben kein Ukrainisch gesprochen.

00:03:47.915 --> 00:03:51.850
Mussten uns also dann mit spanischen Übersetzungsprogrammen behelfen.

00:03:52.226 --> 00:03:57.485
Ich habe Englisch gesprochen, das eben auf Spanisch übersetzen lassen und zurück.

00:03:58.101 --> 00:04:00.980
Also da hatten sie irgendwie sehr viel Spaß dran. Ich habe am Anfang versucht,

00:04:00.980 --> 00:04:03.000
ein bisschen Spanisch zu sprechen, kann es aber überhaupt nicht.

00:04:03.000 --> 00:04:07.470
Und das war so ein bisschen ein Dorobner. Also wir hatten dann doch relativ viel Spaß.

00:04:07.958 --> 00:04:11.620
Das macht das Ganze natürlich so ein bisschen surreal, weil diese Leute in den

00:04:11.620 --> 00:04:15.450
Tagen, bevor ich sie getroffen habe, noch gekämpft haben und die Hölle auf dem

00:04:15.450 --> 00:04:16.526
Schlachtfeld erlebt haben.

00:04:17.420 --> 00:04:21.628
Die Männer, die sprechen über Ungerechtigkeit, über Solidarität mit der Ukraine,

00:04:21.913 --> 00:04:23.492
aber eben auch über Geld.

00:04:24.061 --> 00:04:28.914
Über ein besseres Leben in der Heimat, über den Traum, Soldat zu sein und sogar über Adrenalin.

00:04:29.947 --> 00:04:32.582
Wer nur auf das Geld schaut, wird sagen, naja gut, das sind eben Söldner.

00:04:32.896 --> 00:04:35.305
Wer nur auf ihre Aussagen hört, wird sagen, das sind Freiwillige,

00:04:35.961 --> 00:04:38.434
die für eine gerechtere Welt streiten.

00:04:39.014 --> 00:04:40.645
Wahrscheinlich trifft beides nicht ganz zu.

00:04:41.290 --> 00:04:44.730
Kolumbien hat jahrzehntelang bewaffnete Konflikte erlebt.

00:04:44.730 --> 00:04:52.680
Ihr werdet euch erinnern, die linken Organisationen wie die FARC beispielsweise,

00:04:52.680 --> 00:04:56.650
die da jahrelang, jahrzehntelang gekämpft hat auf der anderen Seite das Militär.

00:04:56.650 --> 00:05:01.130
Es gab zehntausende Tote in diesen bürgerkriegsähnlichen Geschichten und jetzt

00:05:01.130 --> 00:05:07.063
sind diese Konflikte befriedet und viele ehemalige Soldaten und Polizisten mit Kampferpaarung,

00:05:08.044 --> 00:05:11.852
binden Arschlecht zurück in die Gesellschaft und auch keine bezahlte Arbeit mehr.

00:05:12.496 --> 00:05:15.480
Gleichzeitig sucht die Ukraine dringend erfahrene Kämpfer und zahlt deutlich

00:05:15.480 --> 00:05:19.510
mehr, als viele in Kolumbien verdienen könnten. Wir haben schon öfter in diesem

00:05:19.510 --> 00:05:22.783
Podcast darüber gesprochen, dass die Ukraine massive Rekrutierungsprobleme hat.

00:05:23.473 --> 00:05:26.780
Wir können euch ja auch das ein oder andere Stück, was wir dazu gemacht haben,

00:05:26.780 --> 00:05:28.872
in die Shownotes reinpacken.

00:05:29.899 --> 00:05:32.597
In genau dieser Gemengelage bewegen sich die Männer, die wir hier treffen,

00:05:32.597 --> 00:05:35.207
zwischen politischer Überzeugung, zwischen Lebensperspektive,

00:05:35.207 --> 00:05:39.797
zwischen Sold, zwischen einem Krieg, der weit weg ist und doch plötzlich ihr Alltag wird.

00:05:39.797 --> 00:05:45.027
Ich bin Militär in Kolumbien seit vier Jahren. Ich habe Experienzen im Kampf

00:05:45.027 --> 00:05:49.002
hier in Ucranien seit drei Monaten. Ich bin hier in Ucranien seit vier Jahren.

00:05:50.087 --> 00:05:55.167
Mein Motiv ist auch, mich in der Arena zu legen, damit die Glück in Ucranien.

00:05:56.067 --> 00:05:59.399
Zu sein. Aber hier sind wir für die Freiheit von Ucranien.

00:05:59.655 --> 00:06:02.937
Einige dieser Männer haben militärische Erfahrung, so wie Coco,

00:06:02.937 --> 00:06:07.287
er war schon Soldat in Kolumbien und Dominik sagt, jetzt kämpft er eben hier

00:06:07.287 --> 00:06:08.577
für die Freiheit der Ukraine.

00:06:09.181 --> 00:06:13.777
In Kolumbien selbst ist das hoch umstritten. Präsident Gustavo Petro hat der

00:06:13.777 --> 00:06:19.527
Ukraine vorgeworfen, Kolumbianer als Kanonenfutter zu missbrauchen und tatsächlich der Blutzoll ist hoch.

00:06:19.527 --> 00:06:23.437
Hunderte Kolumbianer sollen in diesem Krieg bereits ums Leben gekommen sein.

00:06:23.437 --> 00:06:27.957
Genaue Zahlen gibt es allerdings nicht. Aber wenn man beispielsweise in Kiew,

00:06:27.957 --> 00:06:32.977
der Hauptstadt der ukrainischen, über den Maidan geht, da gibt es so ein großes

00:06:32.977 --> 00:06:37.126
Gedenkfeld mit tausenden von Fahnen. Jede Fahne steht für einen Gefallenen.

00:06:37.933 --> 00:06:43.529
Und da sieht man eben auch viele Fahnenporträts von Gefallenen aus Lateinamerika.

00:06:43.697 --> 00:06:46.587
Also es sind nicht nur Kolumbianer übrigens vor Ort, sondern auch Menschen aus

00:06:46.587 --> 00:06:50.255
Brasilien, aus Venezuela, aus anderen lateinamerikanischen Ländern.

00:06:50.377 --> 00:06:54.607
Es gibt auch viele europäische Freiwillige auf Seiten der Ukraine.

00:06:54.607 --> 00:06:58.617
Ich habe beispielsweise vor Jahren mal einen deutschen Menschen getroffen,

00:06:58.617 --> 00:07:02.097
einen ehemaligen Bundeswehrsoldaten, der sich den ukrainischen Streitkräften

00:07:02.097 --> 00:07:05.017
angeschlossen hat, sich aber mittlerweile das Leben genommen hat,

00:07:05.017 --> 00:07:07.557
weil er mit dem Stress an der Front nicht zurechtgekommen ist und mit den ganzen

00:07:07.557 --> 00:07:08.959
Traumata, die er da erlitten hat.

00:07:09.737 --> 00:07:14.207
Es gibt Söldner aus Großbritannien, aus den USA, aus Frankreich.

00:07:14.700 --> 00:07:19.693
Also das ist ein Vielvölkergemisch, was sich da an die Seite der Ukrainer gestellt hat.

00:07:20.684 --> 00:07:24.034
Ich habe diese Menschen natürlich dann auch gefragt, ob der Krieg so ist,

00:07:24.394 --> 00:07:25.775
wie sie ihn erwartet hatten.

00:07:27.656 --> 00:07:31.088
Ich wusste nicht genau, was mich hier erwartet. Aber ich wusste, es wird hart.

00:07:36.288 --> 00:07:40.845
Vieles von dem, was man in Videos sieht, stimmt. So sieht das Schlachtfeld wirklich aus.

00:07:49.515 --> 00:07:53.368
Der Krieg hier ist anders, technologischer, vor allem wegen der Drohnen.

00:07:57.451 --> 00:08:00.998
Wir hatten uns auf das Schlimmste vorbereitet, aber als wir in die Front kamen,

00:08:00.998 --> 00:08:05.128
war es noch schlimmer. Es war eine sehr harte Erfahrung, aber wir haben gelernt,

00:08:05.128 --> 00:08:07.048
unsere Angst unter Kontrolle zu halten.

00:08:09.839 --> 00:08:14.320
Sie haben sich das Schlimmste vorgestellt und trotzdem war es noch schlimmer.

00:08:15.156 --> 00:08:19.051
Sagen Männer, die bereits Militärerfahrung hatten, die also schon erlebt haben,

00:08:19.051 --> 00:08:23.062
wie Kämpfe ablaufen, wie das ist, wenn Menschen getötet werden oder wenn man selber töten muss.

00:08:23.800 --> 00:08:28.141
Und trotzdem ist die Ukraine etwas komplett anderes. Das haben ja auch andere,

00:08:28.741 --> 00:08:32.321
Menschen erzählt, die ich getroffen habe, die jetzt in der Ukraine kämpfen aus.

00:08:32.321 --> 00:08:35.621
Beispielsweise habe ich ja gerade erzählt, der Mensch aus Deutschland oder auch,

00:08:36.153 --> 00:08:38.922
ein US-Söldner, den ich getroffen habe.

00:08:39.560 --> 00:08:42.451
Und der wesentliche Unterschied, auch darüber haben wir ganz oft schon in diesem

00:08:42.451 --> 00:08:45.950
Podcast gesprochen. Auch da packen wir euch ein paar Folgen in die Shownotes rein.

00:08:46.473 --> 00:08:48.203
Der wesentliche Unterschied heißt Drohnen.

00:08:48.951 --> 00:08:52.591
Heute wirst du ganz oft gesehen, bevor du überhaupt weißt, dass du entdeckt

00:08:52.591 --> 00:08:55.841
worden bist. Wer sich bewegt, kann Sekunden später sterben.

00:08:56.521 --> 00:08:59.714
An der Front gibt es mittlerweile eine 40 Kilometer tiefe Todeszone,

00:09:00.341 --> 00:09:05.432
wo es wirklich ultragefährlich ist, lebensgefährlich ist, sich zu bewegen.

00:09:06.157 --> 00:09:09.217
Und das Schlachtfeld ist oft ein Raum, in dem du beobachtet wirst,

00:09:09.350 --> 00:09:11.361
bevor du überhaupt weißt, dass du in Gefahr bist.

00:09:11.361 --> 00:09:14.501
Indem du nicht nur vor Artillerie in Deckung gehst, sondern vor den Augen der

00:09:14.501 --> 00:09:17.851
Luft, vor einer Technologie, die dich sieht, verfolgt und tötet.

00:09:17.851 --> 00:09:22.191
Das ist natürlich anders als in herkömmlichen Kriegen, wo eben mit Artillerie

00:09:22.191 --> 00:09:25.421
gearbeitet wird, mit Mörsern gearbeitet wird und ähnlichen Dingen,

00:09:25.421 --> 00:09:27.771
wo also ein Geschoss angeflogen kommt und irgendwo landet.

00:09:27.771 --> 00:09:31.261
Und wenn du Pech hast, bist du dann eben getroffen und tot oder verwundet.

00:09:31.261 --> 00:09:33.760
Aber eine Drohne verfolgt die Menschen eben.

00:09:35.961 --> 00:09:38.991
Bevor wir hierher kamen, waren wir bereits darüber informiert,

00:09:38.991 --> 00:09:40.575
dass der Krieg hier anders ist.

00:09:40.935 --> 00:09:45.491
Ein Krieg, der stark von Drohnen geprägt wird. Die Männer klingen relativ nüchtern

00:09:45.491 --> 00:09:49.101
abgeklärt, als hätten sie etwas gesehen, das man nicht gut in Worte fassen kann,

00:09:49.862 --> 00:09:52.312
und sich deshalb auf kurze, harte Sätze beschränkt.

00:09:52.730 --> 00:09:55.621
Dominik muss darüber gar nicht lange reden. Man sieht die Folgen,

00:09:55.621 --> 00:10:00.816
er steht auf Krücken, Blitter einer Explosion, haben sie seinen Knie verletzt, hat er mir erzählt.

00:10:01.576 --> 00:10:05.141
Und vielleicht erklärt das auch, warum die Männer so schnell von Winter sprechen,

00:10:05.141 --> 00:10:09.501
von Kälte, Schmerzen, von Körperlichkeit. Weil Krieg für sie nicht nur eine

00:10:09.501 --> 00:10:14.347
Strategie ist, nicht nur Geopolitik, sondern etwas, das direkt in den Körper einschlägt.

00:10:15.358 --> 00:10:19.820
Aktuell muss man sagen, ist dieser Krieg so festgefahren wie selten zuvor.

00:10:19.820 --> 00:10:24.720
Wir sehen einen massiven Stellungskrieg an der Front, also da bewegt sich relativ

00:10:24.720 --> 00:10:29.480
wenig, auch in dem Zuständigkeitsbereich dieser kolumbianischen Männer, die ich getroffen habe.

00:10:29.900 --> 00:10:34.970
Das war so im Südosten des Landes, also wie gesagt in der Region Dnepro,

00:10:34.970 --> 00:10:39.588
aber daneben deutlich südöstlicher von der eigentlichen Regionalhauptstadt.

00:10:40.336 --> 00:10:44.910
Die Front, wo ich die Männer getroffen habe, war ungefähr 30 Kilometer entfernt

00:10:44.910 --> 00:10:45.979
von dem Platz, wo wir waren.

00:10:46.878 --> 00:10:52.140
Und da ist es mittlerweile so, dass die Russen kaum noch nach vorne kommen,

00:10:52.500 --> 00:10:57.590
sehr viel Personal opfern, sehr viel Material opfern, aber trotzdem relativ

00:10:57.590 --> 00:11:00.200
wenig Geländegewinne machen.

00:11:00.850 --> 00:11:04.850
Es gab Anfang des Jahres die Befürchtung, dass es eine größere russische Sommeroffensive

00:11:04.850 --> 00:11:09.260
geben könne. Davon ist aktuell noch nichts zu sehen, beziehungsweise die offensive

00:11:09.260 --> 00:11:12.541
Bemühungen der Russen sind aufgehalten worden.

00:11:13.030 --> 00:11:16.820
Was allerdings passiert ist, dass die Ukraine es immer besser schafft,

00:11:16.820 --> 00:11:18.887
mit Langstrecken drohen und Kurzstrecken drohen,

00:11:19.508 --> 00:11:23.780
die russische Logistik zu stören und kaputt zu machen und vor allem eben auch

00:11:23.780 --> 00:11:26.640
die Gas- und Ölproduktion als dem

00:11:26.640 --> 00:11:31.948
Schmiermittel der russischen Kriegsmaschinerie, dass die zerstört wird.

00:11:32.330 --> 00:11:35.860
Also da passiert gerade sehr, sehr viel, gerade hinter der Front,

00:11:35.860 --> 00:11:41.710
also im russischen Hinterland und das könnte möglicherweise diesen Krieg auch ändern.

00:11:42.261 --> 00:11:46.464
Die Kolumbianer kämpfen in den Reihen der 31. mechanisierten Brigade.

00:11:47.603 --> 00:11:51.356
Und vor Ort, als ich mit ihnen gesprochen habe, war auch ein ukrainischer Offizier

00:11:51.356 --> 00:11:56.336
ein stellvertretender Battalionskommandeur, der mir auch über eine Übersetzer

00:11:56.336 --> 00:11:58.981
erklärt hat, wie die Brigade auf diese Männer blickt.

00:11:59.474 --> 00:12:02.806
Das ist wichtig, weil sich daran eine zweite Frage entscheidet.

00:12:02.806 --> 00:12:04.536
Zieht die Kolumbianer für die

00:12:04.536 --> 00:12:08.925
ukrainische Armee nur ein Notbehelf oder ein echter Teil des Verwandtes?

00:12:12.530 --> 00:12:16.196
Was ihre Motivation betrifft, sagen sie immer, dass sie hergekommen sind,

00:12:16.196 --> 00:12:20.216
um dem befreundeten ukrainischen Volk dabei zu helfen, sich gegen die russische

00:12:20.216 --> 00:12:21.580
Invasion zu verteidigen.

00:12:21.992 --> 00:12:25.661
Was ihre militärischen Fähigkeiten und Fertigkeiten angeht, merkt man das.

00:12:26.189 --> 00:12:31.030
Die Männer kommen, insbesondere junge Männer. Manche bringen bereits Kampferfahrungen mit, andere nicht.

00:12:31.431 --> 00:12:33.186
Aber alle durchlaufen eine Ausbildung

00:12:33.186 --> 00:12:36.444
und zeigen bei der Erfüllung ihrer Kampfeinsätze sehr gute Leistungen.

00:12:36.920 --> 00:12:40.506
Über die Kolumbianer kann ich sagen, dass sie wirklich eine wertvolle Unterstützung sind.

00:12:45.355 --> 00:12:48.826
Für die Brigade sind die Kolumbianer längst Teil ihrer Einheit.

00:12:49.736 --> 00:12:52.569
Und auch das ist interessant. Die Sprachbarriere, die auf den ersten Blick riesig

00:12:52.569 --> 00:12:56.453
wirkt, ich habe ja gesagt, keiner von den vier Jungs hat ukrainisch gesprochen,

00:12:57.045 --> 00:12:59.077
scheint im Alltag kleiner zu sein, als man denkt.

00:13:01.059 --> 00:13:04.469
Mit Übersetzungs-Apps arbeiten wir. Es gibt einige Kolumbianer,

00:13:04.469 --> 00:13:08.730
die ein wenig Russisch oder Ukrainisch verstehen, mit denen kommunizieren wir dann auch so.

00:13:09.113 --> 00:13:13.136
Die meisten sind auch ziemlich lernfähig und bringen sich nach und nach selbst Ukrainisch bei.

00:13:13.485 --> 00:13:16.449
Diejenigen, die schon länger hier sind, können sich inzwischen bereits recht

00:13:16.449 --> 00:13:17.966
gut auf Ukrainisch verständigen.

00:13:18.396 --> 00:13:22.389
Am Gefechtsstand, an der Funkstelle, von der aus der Kampfeinsatz geführt wird,

00:13:22.389 --> 00:13:23.841
sitzt ebenfalls ein Ausländer.

00:13:24.253 --> 00:13:28.279
Genauer gesagt ein Kolumbianer. Er versteht die Befehle und koordiniert die

00:13:28.279 --> 00:13:29.439
Einsätze seiner Kameraden.

00:13:32.972 --> 00:13:35.589
Auch das erzählt viel über diesen Krieg natürlich. Er ist längst nicht mehr

00:13:35.589 --> 00:13:37.510
nur ein Krieg zwischen zwei Armeen eines Landes.

00:13:38.044 --> 00:13:41.839
Er ist auch ein Krieg, in dem Kämpfer aus aller Welt in Einheiten eingebunden

00:13:41.839 --> 00:13:45.799
werden, indem sie Sprachen mischen, Biografien kreuzen und die militärischen

00:13:45.799 --> 00:13:47.785
Notwendigkeiten neue Wirklichkeiten schaffen.

00:13:48.656 --> 00:13:52.359
Die Männer selbst beschreiben das Verhältnis zu den Ukrainern erstaunlich unaufgeregt,

00:13:52.359 --> 00:13:56.359
nicht euphorisch, nicht verklärt, aber doch eindeutig positiv.

00:13:59.830 --> 00:14:01.039
Sie misshandeln uns nicht.

00:14:03.319 --> 00:14:10.099
Sie behandeln uns nicht wie Kinder, sondern wie Soldaten. Sie behandeln uns gut.

00:14:13.397 --> 00:14:17.539
Das ist sicherlich kein warmer Wohlfühlton und deshalb wirkt er eben auch glaubwürdig.

00:14:17.539 --> 00:14:20.849
Die Männer sagen nicht, es sei alles nur einfach oder freundlich.

00:14:20.849 --> 00:14:25.629
Sie sagen eben, das Militär ist hart, es gibt Befehle, es gibt einen rauen Ton,

00:14:25.629 --> 00:14:30.231
aber sie fühlen sich nicht misshandelt, nicht gedemütigt, nicht wie Menschen zweiter Klasse.

00:14:31.508 --> 00:14:34.669
Das macht die Sache komplizierter. Diese Männer kommen wegen des Geldes,

00:14:34.669 --> 00:14:38.059
manche von ihnen jedenfalls auch, aber sie beschreiben sich selbst nicht als

00:14:38.059 --> 00:14:41.196
Wegwerfkräfte, sondern als Soldaten. unter Soldaten.

00:14:42.520 --> 00:14:46.429
Und dann gibt es natürlich noch eine zweite Wahrheit. Kolumbianer kämpfen nicht

00:14:46.429 --> 00:14:49.980
nur für die Ukraine. Auch Russland rekrutiert Männer aus Kolumbien.

00:14:50.525 --> 00:14:53.219
Auch darüber haben wir in einer der vorherigen Folgen schon gesprochen.

00:14:53.875 --> 00:14:56.759
Es gibt in den Reihen der russischen Armee sehr, sehr viele Menschen,

00:14:56.759 --> 00:14:58.478
auch aus Lateinamerika.

00:14:59.012 --> 00:15:04.089
In einem Kriegsgefangenencamp im Westen des Landes habe ich beispielsweise Menschen

00:15:04.509 --> 00:15:07.714
aus Kolumbien, aber auch aus Venezuela oder Kuba getroffen.

00:15:08.225 --> 00:15:13.118
Und ganz viele Söldner aus Afrika, aus Nigeria, aus Kenia und aus anderen Ländern,

00:15:13.855 --> 00:15:18.354
oder aus Ländern wie Indien oder Nepal, Sri Lanka oder Bangladesch.

00:15:19.486 --> 00:15:23.899
Aber im Umkehrschluss heißt das, ein Kolumbianer kann in diesem Krieg auf einen

00:15:23.899 --> 00:15:25.105
anderen Kolumbianer schießen.

00:15:25.576 --> 00:15:27.671
Vielleicht ohne es überhaupt zu wissen.

00:15:28.263 --> 00:15:30.702
Ich frage die Männer, was das für sie bedeutet.

00:15:33.009 --> 00:15:35.289
Auf dem Schlachtfeld weißt du nicht, wer vor dir steht.

00:15:38.329 --> 00:15:39.866
Ob Russe oder Kolumbianer.

00:15:41.974 --> 00:15:49.149
Wer russische Uniform trägt, ist ein Feind. Auch wenn er aus unserem Land kommt.

00:15:53.322 --> 00:15:55.759
Das sind natürlich Sätze, die sitzen bleiben. weil sie zeigen,

00:15:55.759 --> 00:15:59.307
wie Krieg Kategorien verschiebt. Herkunft, Sprache, Nationalität,

00:15:59.783 --> 00:16:03.992
all das verliert auf dem Schlachtfeld an Bedeutung, wenn jemand auf der anderen Seite steht.

00:16:05.275 --> 00:16:08.388
Für die Männer, die ich getroffen habe, ist die Logik brutal einfach.

00:16:08.388 --> 00:16:11.504
Wer russische Uniform trägt, der ist ein Gegner.

00:16:12.003 --> 00:16:16.496
Auch wenn er aus dem selben Land kommt, auch wenn er dieselbe Sprache spricht.

00:16:17.094 --> 00:16:19.120
Wer vielleicht sogar dieselbe Geschichte mitbringt.

00:16:19.822 --> 00:16:22.533
Und auch der ukrainische Offizier, mit dem ich gesprochen habe,

00:16:22.968 --> 00:16:25.006
sieht das letztlich genauso nüchtern.

00:16:27.949 --> 00:16:32.048
Sie alle sehen das als ihre Arbeit an und betrachten den Gegner als Gegner.

00:16:32.048 --> 00:16:35.261
Es gibt einen Feind, es gibt den Befehl, den Feind zu vernichten.

00:16:35.592 --> 00:16:36.878
Und sie führen diesen Befehl aus.

00:16:39.539 --> 00:16:45.458
Der Feind ist der Feind. Dieser Satz klingt bei den Ukrainern militärisch,

00:16:45.458 --> 00:16:48.450
bei den Kolumbianern klingt er existenziell.

00:16:50.157 --> 00:16:53.013
Als ich vor diesem Treffen weggefahren bin, hatte ich keine einfache Antwort.

00:16:53.013 --> 00:16:59.853
Natürlich denkt man, naja, also warum riskieren Menschen, die aus einem vergleichsweise

00:16:59.853 --> 00:17:05.006
sicheren Land kommen? Natürlich ist Kolumbien immer noch massive Kriminalität und Gewaltprobleme.

00:17:05.441 --> 00:17:09.296
Aber im Unterschied zur Ukraine ist es natürlich vergleichsweise friedlich.

00:17:09.981 --> 00:17:13.403
Was bringt Menschen dazu, in so ein Land wie die Ukraine zu gehen,

00:17:13.403 --> 00:17:17.754
das Leben zu riskieren für eine Sache, die eigentlich nicht die eigene ist?

00:17:18.770 --> 00:17:21.853
Und ich bin bei sowas immer so ein bisschen zwiegespalten. Auf der einen Seite

00:17:21.853 --> 00:17:24.605
kann ich das verstehen, dass das Geld natürlich auch reizvoll ist.

00:17:25.213 --> 00:17:29.593
Ich verdiene das zehnfache dessen, was ein durchschnittlicher kolumbianischer

00:17:29.593 --> 00:17:32.880
Mensch verdient, wenn sie in den ukrainischen Streitkräften sind.

00:17:33.617 --> 00:17:39.393
Ich kann es auch verstehen, dass jemand sagt, ich will gegen Ungerechtigkeiten vorgehen.

00:17:40.467 --> 00:17:43.623
Aber wie gesagt, es ist natürlich immer ein bisschen schwierig,

00:17:44.432 --> 00:17:47.963
wenn man solchen Leuten spricht. Ich habe ja gerade auch erzählt von der Begegnung

00:17:47.963 --> 00:17:51.123
mit Mika. Das war der Deutsche, den ich vor Jahren getroffen habe,

00:17:51.123 --> 00:17:52.722
der in der Ukraine gekämpft hat.

00:17:52.954 --> 00:17:55.038
Am Anfang auch gewirkt hat wie ein Idealist.

00:17:55.566 --> 00:18:00.603
Er hat gesagt, er kämpft gegen das Böse, gegen den russischen Aggressor,

00:18:00.603 --> 00:18:02.288
der die Ukraine einfach überfallen hat.

00:18:02.962 --> 00:18:06.233
Oder Männer hat sich Mika eben eine Handgranate vor das Gesicht gehalten und

00:18:06.233 --> 00:18:09.928
die gezündet, weil er total traumatisiert war und nicht mehr klargekommen ist.

00:18:10.711 --> 00:18:13.173
Und das ist natürlich auch was, was da mitschwingt, wenn man mit diesen Männern

00:18:13.173 --> 00:18:18.978
spricht. die in der Situation, als wir sie getroffen haben, eben so unglaublich relaxed waren,

00:18:19.709 --> 00:18:23.903
die man nicht angemerkt hat auf den ersten Blick, was sie für eine Hölle erlebt

00:18:23.903 --> 00:18:26.587
haben, durch welches Grauen sie gegangen sind.

00:18:27.365 --> 00:18:29.588
Die Frage ist natürlich auch, was nehmen diese Männer mit nach Hause,

00:18:30.035 --> 00:18:32.490
wenn sie denn nach Hause kommen, wenn sie diesen Krieg überleben?

00:18:33.350 --> 00:18:36.931
Und wie ist das dann, wenn sie plötzlich wieder ins Zivilen Leben geworfen werden?

00:18:37.785 --> 00:18:41.443
Und das sind so Fragen, die man sich sicherlich immer stellt,

00:18:41.443 --> 00:18:42.754
wenn man solchen Leuten begegnet.

00:18:43.497 --> 00:18:48.576
Und auf die es wahrscheinlich erst Monaten oder Jahren Antworten geben wird.

00:18:50.079 --> 00:18:53.082
Was natürlich alle diese Männer verbindet, ist, sie haben einen Krieg erlebt,

00:18:53.082 --> 00:18:57.022
der schlimmer war, als sie ihn sich vorgestellt hatten. Vielleicht bleibt deshalb

00:18:57.022 --> 00:19:00.226
genau ein Satz besonders hängen, nicht der über Waffen, nicht der über Politik,

00:19:00.742 --> 00:19:02.768
sondern der über den Winter.

00:19:06.422 --> 00:19:09.542
Winter, als Tourist ja, als Soldat nein.

00:19:12.944 --> 00:19:16.741
Der Winter sieht schön aus, im Fernsehen, aber hier zu bleiben, nein.

00:19:20.742 --> 00:19:23.662
Im Winter an der Front zu sein, ist sehr kompliziert.

00:19:27.702 --> 00:19:32.712
Man hat das Gefühl, als würden einem die Finger abbrechen. Diese Männer sind

00:19:32.712 --> 00:19:34.450
fast 10.000 Kilometer gereist.

00:19:34.688 --> 00:19:36.673
Heute ist der Krieg in der Ukraine ihr Alltag.

00:19:37.451 --> 00:19:40.102
Sie sprechen über Sold, über Gerechtigkeit, über Kameradschaft.

00:19:40.102 --> 00:19:43.227
Vor allem aber sprechen sie über einen Krieg, der alles übertroffen hat,

00:19:43.581 --> 00:19:46.712
was sie sich vorgestellt hatten. Vielleicht erklärt genau das ihre Geschichte

00:19:46.712 --> 00:19:49.711
besser als jede politische Debatte.

00:19:50.936 --> 00:19:55.795
Das war diese Folge von Im Krisenmodus. Produziert wurde sie von Alexander Baumeister.

00:19:56.346 --> 00:20:00.172
Er ist auch Journalist und arbeitet für einen Radiosender der Funke Mediengruppe.

00:20:00.648 --> 00:20:05.122
Wenn euch der Podcast gefällt, folgt uns, bewertet uns und schreibt euch gerne

00:20:05.122 --> 00:20:08.452
eure Meinung über diese Menschen, deren Stimmen ihr gerade gehört habt,

00:20:08.452 --> 00:20:12.026
an inkrisenmodus.funkemedien.de.

00:20:12.658 --> 00:20:15.317
Das war für euch auf. Bis bald. Ciao, ciao. Im,

00:20:18.185 --> 00:20:20.389
Krisenmodus, der Podcast auf.

