Die Hamburger Klinik Helden, der Podcast über Berufe mit Sinn. Vom Hamburger Abendblatt und dem Verband der freigemeinnützigen Krankenhäuser in Hamburg. Die Freien. Moin und herzlich willkommen zu Hamburger Klinik Helden, dem Podcast über Berufe mit Sinn. Heute geht es um ein Thema, über das viele nicht so gerne reden. Beckenboden, Beckenbodenschwäche und Beckenbodensenkung. Also um all das, was mit Urinstuhlgang, Organsenkung und Sexualität zu tun hat. Themen, die eigentlich hochgradig alltagsrelevant sind, könnte man sagen, aber noch viel zu selten offen besprochen werden. Deshalb haben wir heute Dr. Jofia Dankwart zu Gast. Sie schaut hin, wo andere lieber wegsehen. Sie beginnt da zu sprechen, wo viele von uns Frauen noch schweigen. Sie ist leitende Oberärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe am Evangelischen Amalie-Siebeking-Krankenhaus in Hamburg. Ihr Spezialgebiet ist Beckenbodenmedizin und Beckenbodenchirurgie. Sie berät Frauen mit Inkontinenz und Senkung, operiert, wenn nötig, und setzt sich dafür ein, dass keine Frau mehr gesagt bekommt, damit müssen sie eben leben. Schön, dass Sie da sind, Frau Dr. Gangwart. Hallo und vielen Dank für die Einladung.

Frau Dankwart, Hand aufs Herz, wie oft reden Sie an einem normalen Arbeitstag über Urin, Stuhlgang und Sex? Ich glaube tatsächlich, dass ich stündlich mehrmals darüber rede. Als Frauenärztin ist es ziemlich normal, dass wir über Stuhlgang, Sex und Wasserlassen reden. Ich glaube, es ist für mich ganz normal wie Essen und Trinken teilweise, wenn ich darüber rede. Wie Rezepte austauschen. Genau, wie Rezepte austauschen. Es gehört einfach zu meinem Job und für mich ist das überhaupt kein Tabuthema. Ist es ganz wichtig, dass ich das auch frage und darüber rede.

Und ist das für die Frauen, die zu Ihnen kommen, denn auch so problemlos machbar? Es ist leider häufig ein großes Problem. Also natürlich gibt es Fälle, wenn die Patienten wegen was ganz anderem kommen, also nicht wegen Beckenbodenbeschwerden, sondern Unterbauchschmerzen, dann fragt man das ganz normal ab. Dann fällt es nicht schwer, den Frauen einfach darüber zu reden. Aber wenn es ganz gezielt um diese Beschwerden geht, dann ist das gar nicht so einfach. Manche reden gerne darüber, Aber das ist eher, sage ich mal, die Seltenheit, sondern es ist häufiger eher so, dass man so ein bisschen aus den Frauen rausziehen muss. Was haben sie denn genau für Beschwerden, dass man darüber nicht so gerne redet? Weil sie es vielleicht auch noch nie laut ausgesprochen haben. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht. Vielleicht nichts, was man zu Hause am Abendbrottisch bespricht. Aber sollte man vielleicht? Sollte man. Also vielleicht würden, glaube ich, auch viele sagen, das ist nicht normal, dass man auch zu Hause darüber redet. Obwohl ich finde, das gehört einfach dazu, dass man auch in einer Partnerschaft über Sex sowieso reden sollte. Ich glaube, das ist häufig ein Problem, dass wir nicht über die Probleme reden. Und es gehört einfach dazu. Sollte vor allem nicht in einer Beziehung sowas Tabuthema sein, aber auch nicht beim Arzt. Sind junge Frauen offener als ältere Frauen oder sind ältere viel entspannter als die jüngeren?

Ich würde sagen, dass es insgesamt schon sehr unterschiedlich ist, wobei ich finde, dass die ältere Generation damit schon ziemlich alleine gelassen wurde und dass sie darüber eigentlich nicht gerne reden. Beispielsweise, sie suchen einfach nach Lösungen und machen sehr viel alleine oder von sich aus oder lesen nach und freuen sich eigentlich, wenn sie endlich was gehört haben. Oh, die Person oder meine Freundin hat irgendwas gemacht, was mir geholfen hat, dann freuen sie sich drüber. Aber die sprechen vor allem nicht in einer Beziehung über diese Problematik. Ich glaube, das ist ganz typisch gewesen. Die jüngere Generation, finde ich, gibt es einen Wandel. Die reden häufiger drüber, zumindest untereinander. Aber ich glaube, trotzdem fühlen sie sich auch weiterhin sehr verlassen mit dieser Problematik. Wenn Sie Ihren Job in einem Satz erklären müssten, wie würden Sie das erklären? Ich bin für Frauen aller Altersgruppen da. Die Beckenbodensenkung, Inkontinenz, wiederkehrende Harnwegsinfektion, chronische Beckenschmerzen oder Schmerzen im Beschlechtsverkehr haben, bin ich für die da, einfach die erstmal anzuhören, zuzuhören und dann nach einer Lösung zu suchen. Und egal, wie diese Lösung dann aussieht, das muss man immer individuell dann anpassen. Das passiert dann bei Ihnen in der Sprechstunde? Genau. Da kann man hinkommen, sich einen Termin machen? Genau, also grundsätzlich sollte man natürlich erstmal einen Frauenarzt oder Hausarzt mit bezüglich dieser Problematik ansprechen.

Aber natürlich kann man bei mir in der Sprechstunde anrufen. Grundsätzlich bräuchte man schon eine Einweisung oder Überweisung, dass man zu mir in die Sprechstunde kommen kann. Aber wenn man überhaupt gar keine Hilfe bekommt, dann dürfen die Patienten mich auch ohne Einweisung, Überweisung kontaktieren. Aber dafür ist die Sprechstunde da. Also wir planen die mir sehr lange Zeit an, mindestens mit einer Stunde, dass wir genug Zeit haben, einfach über die Beschwerden zu reden.

Eine Stunde? Ja. Dann habe ich sie eine Stunde für mich und kann ihnen sagen, was bei mir alles los ist. Weil eine halbe Stunde oder 20 Minuten reichen nicht aus. Also natürlich kann man sowas auch in kurzer Zeit abfrühstücken. Aber das ist auch nicht nur, was Beckenbohnen angeht, sondern grundsätzlich einfach zu kurzer Zeit. Aber es kostet ja auch Überwindung. Allein dafür erstmal warm werden, den anderen ganz kurz kennenlernen und der Frau das Gefühl geben, ich höre dir zu. Ja, das ist auch unterschiedlich. Also habe ich auch Patienten, wo ich tatsächlich immer wieder so rauskratzen muss. Was haben sie denn genau für Beschwerden? Da, wo sie auch Überwindung brauchen, darüber zu reden. Gibt es welche, die natürlich ganz viel reden, weil auf einmal endlich reden dürfen? Oder gibt es jemanden, die einfach einfach zuhört? Und wenn jemand sich noch nicht so richtig traut, über diese Brücke zu gehen und mit ihnen zu sprechen, was sagen Sie den Frauen dann? Ich sage den Frauen, sie müssen sich für, es ist, glaube ich, ein Satz, was ich sehr häufig sage im Alltag, sie müssen sich für nichts schämen. Sie sind dafür da, dass man ihnen hilft. Und wir sind unter Frauen. Und sowieso müssen sie sich für gar nichts schämen. Sie können auch dafür nichts. Ob sie Inkontinent sind oder Senkungen haben, dafür können sie einfach gar nichts, dass es so ist, wie es ist. Wie sind Sie zum Thema Beckenboden gekommen?

Es ist tatsächlich so, ich wollte schon während des Studiums entweder Urologie oder Gynäkologie und Geburtshilfe machen, weil irgendwie dieses Thema Pipi und einfach Wasser lassen und die Blase, das Organ hat mich schon immer eigentlich...

Ja, ich habe das einfach bewundert, weil die kann sehr viele Probleme machen, kann aber auch sehr viel verzeihen. Also man kann mit der Blase schon viel machen. Ich hatte auch das Glück, dass ich von Anfang an mit Beckenboden, Beckenbodenchirurgie zu tun hatte. Also meine Mentoren hatten auch immer was mit Beckenbodenchirurgie zu tun. Und irgendwann kam dieser Punkt, okay, da sind Patienten, die wirklich Hilfe brauchen und einfach, dass auch noch nicht so gesehen wird, diese Problematik. Und man kann so viel machen und so viel helfen, egal ob operativ oder nicht operativ. Und da finde ich, gibt es eine große Lücke, wie wir einfach diesen Patienten helfen können. Mir macht das einfach tatsächlich Spaß, auch sowas zu operieren und ich finde diese Patientenkollektiv sehr dankbar. Also das kam auch noch dazu, wo ich gesagt habe, okay, das sind diese süße alte Damen oder natürlich die jüngeren Frauen, die dann auch sich freuen, aber vor allem, ich fand die älteren Damen schon immer ganz putzig, so gesagt, dass sie so dankbar waren, wenn man denen geholfen hat. Also ich habe jetzt auch zuletzt erfahren, dass meine Oma nie was davon erzählt, wie sie unter ihrer Inkontinenz leidet. Das haben nur meine Eltern gesehen, die ganzen Vorlagen, die in ihrem Zimmer lagen und natürlich auch, dass alles schon auch sehr stark gerochen hat in dem Zimmer. Ich finde einfach beeindruckend, wenn die eigene Enkeltochter Medizin studiert und auch diesen Schwerpunkt hat, dass sie einfach darüber nicht redet. Und ich glaube, das ist tatsächlich was mit der Generation zu tun.

Auf jeden Fall. Also noch ein totales Tabuthema. Ja, absolut. Eigentlich ist es auch noch erschreckend, wenn ich sehr gerne Medizingeschichte liese. Ich meine, die Gebärmutterentfernung heißt ja immer noch Hysterektomie. Und das hat ja auch... Ist das so? Es ist natürlich so. Und die Herkunft ist ja halt hysterisch, dass man gedacht hat, wenn man die Gebärmutter und die Frauen...

Entfernen, dann sind sie nicht mehr so hysterisch, wie sie sind. Oder früher, wo die halt ihre Tage hatten, dass man die eingesperrt hat. Ich meine, wie absurd ist das denn? Das ist richtig absurd. Was ist der Beckenboden eigentlich genau? Der Beckenboden besteht natürlich auch in einer großen Muskelgruppe. Es ist nicht nur eine einzige Muskel, sondern es ist eine riesen Muskelgruppe, und besteht auch noch Bändern und Knöchern, ein Teil, was natürlich das Ganze verbindet. Was ist denn ein Beckenboden? ist wie eine Einheit. Das muss auch wie eine Einheit funktionieren. Und das muss natürlich auch die Organe stützen, dass sie überhaupt oben bleiben. Das schließt unseren ganzen Bauchraum nach unten ab. Der Beckenboden hält ja alle Organe und die sind ja gar nicht so leicht. Nee, die sind gar nicht so leicht. Und vor allem bei uns Frauen muss ja so ein Beckenboden im Laufe des Lebens sehr viel aushalten. Oder ganz andere Dinge muss es aushalten als bei Männern. Schwangerschaften, Geburten.

Dementsprechend ist der Beckenboden einer Frau ganz anders als der Beckenboden eines Mannes. Und natürlich ist unser Beckenboden größer, aber auch weicher. Es muss ja elastischer sein, auch für die Geburten, damit natürlich das Kind da einfach durchkommen kann. Das ist Fluch und Segen zugleich. Ja, genau. Aber das ist ja auch nur ein Faktor, was bei uns Frauen ja ganz anders ist. Natürlich kommt dann der hormonelle Haushalt auch noch dazu, wenn wir nach der Menopause, unser ganzer Körper leidet unter diesem Östrogenmangel mit Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen und natürlich der Beckenboden leidet auch darunter. Also das ganze Bindegewebe, Muskulatur liebt auch die Östrogener. Und wenn das auf einmal wegfällt oder weniger wird, kommen meistens die Beschwerden beispielsweise. Die Beschwerden werden dann noch schlechter. Das ist eigentlich ganz typisch, auch während der Stillzeit. Das wissen auch viele Frauen nach der Geburt auch nicht, dass wenn sie stillen, ist der Beckenboden auch ganz schwach durch diese hormonelle Umstellung. Das ist ja nicht so, wenn wir nicht stillen würden. Das wissen viele Frauen nicht. Und da fehlt einfach die Aufklärung. Aber Sie sprachen gerade über die Menopause. Und dass das Östrogen fehlt und dass der Beckenboden dann auch in Mitleidenschaft gezogen wird. Das kann aber auch passieren, wenn man vorher keine Kinder bekommen hat. Das eine muss ja nicht mit dem anderen zusammenhängen. Nee, also das ist nur ein Faktor. Wir können auch nicht sagen, dass wir jetzt an Beckenboden schwächer leiden, weil wir mal Schwangerschaften hatten oder weil wir ihn normal entbunden haben. Also ein Kaiserschnitt schützt auch nicht davor, dass wir irgendwann an Beckenboden schwächer leiden.

Wir wissen, dass jede zweite, dritte Frau im Laufe ihres Lebens irgendwas mal an Beckenboden haben wird. Ob das jetzt Senkung ist, Inkontinenz oder Drang. Ich gehe häufig auf Toilette oder wieder Kirchenhandlingsinfekte. Das ist eine Riesenvariation an Beschwerden, was wir haben können. Und entweder erwischt es uns schneller oder später. Aber es erwischt uns auf jeden Fall. Es erwischt uns, aber wie es uns erwischt, ist halt unterschiedlich. Es ist auch beeindruckend, wenn man die sieht in der Sprechstunde. Ich sehe Patienten mit großer Senkung und die haben gar nichts. Oder kommen Patienten, die weniger Senkungen haben. Und die haben dann deutlich mehr Beschwerden. Da sieht man auch die Individualität. Jeder Mensch hat ein anderes Schmerzempfinden. Auch das. Der Abwohl ist ja nicht mal unbedingt Schmerz. Einfach die Wahrnehmung vom Beckenboden und vom Körper. Geht los mit einer Schwäche. Das ganze Gewebe und alles, was da hält, wird ein bisschen loser. Um das jetzt mal so salopp zu, oder zu elastisch.

Elastisch ist ja, wie gesagt, von vornherein. Was ja auch eigentlich ein Vorteil ist für die Geburt. Aber natürlich ist es auch so, dass es ja sich durch die Geburt, durch die Schwangerschaft auch alles schwächer wird. Wenn wir einen ganzen Marathon gelaufen sind, irgendwann ist die Muskulatur natürlich auch irgendwann müde. Und das muss man halt danach dann wieder aufbauen. Aber das Bindergewebe spielt auch eine Rolle. Natürlich, durch die Geburt kann man eine Muskulatur abreißen. Aber es heißt ja nicht, dass der ganze Beckenboden abgerissen ist, sondern einzelne Muskulatur, was abgerissen ist, Bindergewebe ist mitgenommen, dann die Stillzeit, was wir an Arbeit machen. Die Belastung, die diese Beckenboden tragen musste, da kommt viel dazu. Und was dann an Beschwerden kommt oder wie sehr die Organe gesungen sind oder ob wir eine Inkontinenz haben, das ist sehr unterschiedlich. Woran merke ich das erste Anzeichen, dass ich eine Beckenbodenschwäche bekomme, entwickle?

Es kann natürlich sein, dass man nach einem langen Tag zum Beispiel, wenn man den ganzen Tag auch unterwegs war, am Ende des Tages hat man so ein Senkungsgefühl, Fremdkörpergefühl oder auch Rückenschmerzen oder Schmerzen im Beckenbereich. Das Ermüdungszeichen oder Effekt von dem Beckenboden kann schon mal ein Zeichen dafür sein. Oder sie gehen sehr häufig auf Toilette, also stündlich zum Beispiel. Oder sie haben das Gefühl, ich war doch gerade, ich muss schon wieder auf Toilette gehen. Oder natürlich beim Husten, Niesen, Lachen oder Trambolin springen oder Sport. Und Urinverlust, manche Frauen verliehen aber auch Urin schon mittlerweile beim Geschlechtsverkehr, was natürlich extrem unangenehm ist. Oder Probleme beim Stuhlgang, Entleerungsstörungen, wiederkehrende Harnwegsinfekte sind auch ganz häufig ein Zeichen davon. Das hätte ich damit jetzt gar nicht verortet. Nee, aber tatsächlich, wenn wir Blasensenkung oder Gebärmuttersenkung haben, dann kriegen wir meistens die Blase auch nicht so perfekt leer. Das heißt, da bildet sich immer wieder Resthahn. Und Resthahn, das ist so wie so ein Schwimmbad. Ah, so eine kleine Keime heute. Genau, und das lieben ja die Keime. Und dazu kommt auch wieder was anders ist als bei Männern, dass bei uns Frauen gibt es natürlich nicht nur Harnröhre und Anus, sondern wir haben auch natürlich die Vagina. Und das ist alles sehr nah aneinander. Unsere Harnröhre ist deutlich kürzer.

Dementsprechend ist es einfach viele Faktoren, was für die Keime, für die Darmkeime natürlich, dann einfach eine gute Voraussetzung ist. Vermehrter Harndrang, vielleicht auch Entzündung, also Harnwegsentzündungen können, Schmerzen im Beckenbereich. Oder Schmerzen beim Sex. Das ist auch so ein Thema, was, finde ich, häufiger auch nicht so ganz ernst genommen wird. Also wenn Frauen Schmerzen beim Geschlechtsverkehr haben und sie leiden auch darunter. Natürlich spricht man das nicht so gerne an, aber da müsste man schon noch mal einmal mehr vielleicht hingucken. Ist was Greifbares? Liegt das vielleicht an dem Beckenboden? Liegt das auch an anderen Erkrankungen? Finde ich schon, dass man sollte man vielleicht einmal noch mal mehr zuhören. Und ich glaube, das machen auch viele, aber ich glaube, viele Frauen sagen das auch natürlich nicht. Vielleicht entwickelt es sich auch schleichend und man mag nichts sagen. Oder man fährt die Vermeidungstaktik und dann geht man Sex vielleicht aus dem Weg. Aber das ist ja auch nicht die richtige Idee. Ja, das ist mit Sicherheit eine häufige Taktik von den Frauen, dass sie dann einfach sagen, nee, ich habe keine Lust drauf. Wenn ich Schmerzen hätte, hätte ich auch keine Lust drauf. Das kann ich absolut nachvollziehen. Aber da kann man ja was machen. Man kann auf jeden Fall was machen, abhängig davon, was die Ursache dafür ist. Wie häufig begegnet Ihnen Beckenbodenschwäche im Alltag? Ich finde, das können die Frauen schon ziemlich gut verstecken. Welche Rolle spielt Scham? Ich finde es sehr wichtig, dass wenn Sie bei der Untersuchung sind, also bevor ich anfange zu untersuchen, sage ich schon, Sie müssen sich für nichts schämen, wenn Sie Urin verlieren bei der Untersuchung, Sie müssen sich für gar nichts schämen. Ich möchte das auch sehen, weil dann kann ich das besser einschätzen.

Und wenn Sie natürlich nach der Untersuchung, sage ich denen auch, das ist wichtig, dass wir einfach drüber reden und dass Sie mit mir drüber reden und auch mit Ihren Freundinnen reden. Sie sind nicht alleine damit. Wenn Sie Ihren Freundinnen nachfragen, dann werden Sie bestimmt dann doch mal hören, oh ja, ich habe auch Probleme. Aber ich glaube, das machen dann am Endeffekt doch gar nicht so viele. Also ich rede natürlich mit meinen Freunden drüber, weil sie auch Frauenärzte sind hauptsächlich. Dann ist das einfach viel. Für uns ist das natürlich gar kein Tabuthema. Für uns ist das ganz normal. Aber ich glaube, wenn man nicht aus der Medizinbranche kommt, redet man nicht unbedingt drüber. Freundinnen, die jetzt auch Kinder bekommen haben, dann redet man irgendwann drüber und dann merkt man natürlich auch diese Hemmungen, die sie dann natürlich auch haben. Aber am Ende freuen sie sich, wenn wir drüber geredet haben oder jeder erzählt, wie das war oder was konnte man anders machen. Das hilft schon, weil sie dann nachher doch erzählen, ah, mit dem Sex nach der Geburt ist das ja auch so ein Thema. Vor allem hilft es ja auch, mit seinem Partner drüber zu sprechen. Ja, genau. Aber das tun ja auch ganz viele dann vielleicht noch nicht. Aber auch ein guter Hinweis. Scham ist ja nicht nur geschlechterspezifisch, wäre ja auch schön, wenn die Männer sich dann daran beteiligen und auch offen dafür sind. Ich glaube, Männer sind schon manchmal überfordert.

Mit der Situation. Und könnte auch verständlicherweise auch nicht unbedingt einen guten Tipp geben. Aber ich glaube, wenn Sie schon mal... Eher nicht, aber wenn Sie zuhören, finde ich das schon mal die erste Schritt. Aber man kann schon sagen, dass man den Männern raten, oder sagen wir mal so, die Frauen, die zu Ihnen in die Sprechstunde kommen, dass man denen auch raten kann, nicht nur sprecht mit euren Freundinnen oder mit eurer Mutter oder anderen weiblichen Bezugspersonen, sondern redet auch mit euren Männern. Und macht es normal als Thema. Ja, ich erlebe natürlich aber häufig, wenn ich sage, sie sollten jetzt nach einer OP erst mal sechs Wochen keinen Geschlechtsverkehr haben, dann werden sie, ja, zum Glück. Das ist häufig, was ich tatsächlich höre bei den Älteren. Zum Glück, dass sie mal eine Pause haben? Genau.

Eine verordnete Pause? Eine verordnete Pause. Meine Ärztin hat gesagt, ich darf keinen Sex haben. Ja, wegen der OP. Das ist doch gut. Da erlebt man wirklich vieles in der Sprechstunde. Was die Frauen dann erzählen, 20 Jahre lang Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Und hier war es gesagt. Oder vielleicht sogar gedacht, das muss so sein. Hier wurde gesagt, dass es normal ist, dass es wehtut. Es muss wehtun. Das ist zum Glück, das höre ich jetzt nicht jede Woche. Aber es kann wirklich so sehr die Lebensqualität anstecken. Ja, auch das ganze Umfeld, dass man vielleicht nicht mehr rausgeht. Und wenn man Probleme mit Inkontinenz hat oder mit Drang, dann gehe ich nicht mehr zum Konzert. Ja, also es ist auch bei den älteren Damen häufig so, dass sie sich isolieren. Und weil sie natürlich Vorlagen mehrmals am Tag wechseln müssen oder sagen, ich komme gar nicht einfach aus dem Haus raus, weil einfach immer andauernd auf Toilette gehen muss. Und natürlich, wenn man draußen ist und schnell die Toilette finden muss, dann ist es sehr stressig, dass man guckt, wo ist denn die nächste Toilette? Und man hat einfach null Freude daran, überhaupt draußen zu sein. Da kann man ja gar nicht in Urlaub fahren. Man muss ja vorher die Strecke auschecken. Wo kann ich da auf die Toilette gehen? Also typischer Satz, was die Frauen sagen, ich kenne jede Toilette in der Stadt. Bei den älteren Damen ist es ziemlich häufig, lassen Sie mich raten, Sie kennen alle Toiletten.

Und das muss nicht sein. Was ist so ein klassischer Fall, wo Sie sagen, da konnten wir helfen? Also ein klassischer Fall, das mit dem Drang ist sehr häufig. Also das höre ich, glaube ich, jeden Tag auch in der Sprechstunde. Ich muss häufig auf Toilette. Also egal, wie alt man ist, ob man 35 ist oder 77, ein Drang ist wirklich ein häufiges Symptom, was die Frauen haben. Und wie man dann helfen kann, das hängt natürlich davon ab, was die Frauen wirklich haben. Aber es gibt einfach viele Möglichkeiten, die sie meistens noch gar nicht ausgeschöpft haben. Also ein Symptom, was ist so eine klassische Ursache? Sagen wir vielleicht jetzt bei einer jüngeren Frau. Tatsächlich einfach eine Senkung, eine Blasensenkung, Gebärmuttersenkung. Und genau das ist das Thema dadurch, dass die Frauen dann auch später einen aufsuchen. Also später meine ich jetzt Jahre später. Also sie haben Beschwerden seit Jahren, dass sie diesen Drang auch häufig sich antranieren. Also sie kennen das auch. Psychologisch. Genau, sie kennen es gar nicht anders.

Die gehen ja aber dann auch schon prophylaktisch auf die Toilette. Schon bevor der Drang sich meldet, weil man war ja... Die gehen lieber, weil sie auch inkontinent sind und sagen, oh nee, ich gehe lieber nochmal oder ich habe das Gefühl, ich muss. Obwohl die Blase überhaupt nicht voll ist. Und das kläre ich auch immer dem Patienten auf. Also wenn es doch zu einer OP kommen sollte, dass es sein kann, dass es alles weg ist an diesen Drangbeschwerden, aber auch sein kann, weil sie sich das antraniert haben, dass wir daran noch arbeiten müssen. Es ist viel wichtiger, dass sie sich vorbereiten können, was kommt auf mich zu, ist denn alles weg oder ich meine, die freuen sich umso mehr, wenn es erledigt ist, als wenn sie das im Vorfeld nicht gewusst haben, aber das ist ganz häufig, die Frauen trainieren das einfach sich an, sie kennen es nicht an. Auch über viele Jahre.

Also wer da draußen immer noch mal schnell auf die Toilette muss, bevor man den Raum wechselt oder ähnliches, lasst euch mal untersuchen. Ich kenne das auch von meiner Oma, also da gibt es so Erinnerungen aus der Kindheit, aber ja. Lustig, eigentlich ist es andersrum, dass Omas das mit ihren kleinen Enkelin haben, die irgendwann sagen, ich muss Pipi. Aber sie musste auch immer ganz schnell auf Toilette, weil sonst passiert noch was. Also egal, ob jetzt älter oder jünger, eine Beckenbodenschwäche oder eine Senkung, ist ja im Alltag, haben Sie ja schon beschrieben, wirklich schwierig. Dann ist ja aber auch noch so spezifischere Punkte Sport und Beruf, dass man einige Sportarten vielleicht dann auch gar nicht mehr machen mag. Also wenn man jetzt eine Inkontinenz hat.

Das ist leider auch sehr häufiges Problem, was die Frauen, vor allem natürlich auch die jüngeren Frauen auch sagen, darf ja gar nicht mehr mein Kind heben, höre ich auch immer wieder, weil ich dann dabei schon Urin verliere. Oder mir wurde gesagt, ich darf nicht schweres heben. Aber ich meine, wenn man schon... Aber geht das? Geht doch gar nicht in unserem Alltag. Genau, also wie soll man nicht ihr eigenes Kind heben und rausgehen in dem Alter? Also ich meine, wenn man die Tätigkeiten, die man gerne macht, was einen ausmacht, auch als Menschen, nicht mehr machen kann, dann wird man natürlich depressiv. Und ob das jetzt Beruf ist oder Sport ist, ist ja egal. Und das ist ganz häufig so, dass die Frauen dann nicht mehr drum gehen, weil sie natürlich Urin verlieren oder häufig auf Toilette gehen und einfach auf solche Tätigkeiten verzichten. Also das ist wirklich, was ich glaube, wenn ich einen Tag überlege, wo zehn Frauen kommen, in Sicherheit sieben, acht sagt sowas, dass sie auf solche Tätigkeiten verzichten oder sie machen es gar nicht mehr, weil es so ausgeprägt ist oder sie wollen es irgendwie vorbeugen, weil es ihnen mal gesagt wurde, sie dürfen sowas gar nicht machen. Also Einschränkungen. Genau, Einschränkungen und in der Arbeit natürlich ist es, man schämt sich auch dafür, wenn man Urin verliert oder häufig auf Toilette geht oder natürlich nehmen das die Kollegen auch wahr.

Wenn ich andauernd auf Toilette gehen muss oder isoliert man sich genauso auch in diesem Arbeitsleben, dass man vielleicht dann gar nicht mehr so offen ist für bestimmte Sachen, weil man andauernd damit beschäftigt ist, auf Toilette zu rennen oder oh Gott, ich darf ja kein Urin verlieren. Und sie können sich auch nicht so gut konzentrieren. Also das ist auch schon ein Thema. Naja, und Restaurantbesuche und Ähnliche ist alle schwierig. Also eigentlich betrifft es wirklich das ganze Leben. Man kann das gar nicht angrenzen. Aber was mache ich dagegen? Also grundsätzlich, egal wie alt man ist, sollte man jeder Patient eigentlich für die konservative Therapiemaßnahmen motivieren. Und dazu gehört natürlich auch Beckenbodentraining.

Und es gibt viele Frauen, die das schon von sich aus machen. Mittlerweile kann man es über YouTube oder Instagram viele Dinge machen. Das ist jetzt auch wieder alles sehr gehypt. Aber ich finde, dass die Physiotherapeutinnen, die darauf spezialisiert sind, auf Beckenboden, die können einen wirklich abholen und gut beraten und dann Übungen zeigen. Das heißt nicht, dass wir es unser ganzes Leben machen, aber in dem Moment sollte eigentlich das der allererste Schritt sein. Wir machen mal Beckenbodentraining. Also viele Frauen erzählen, ich stehe am Ampel und spanne meinen Beckenboden an, bis es rot ist und dann, wenn es grün ist, dann entspanne ich wieder. Finde ich einfach immer ganz süß. Das ist eine gute Idee. Das ist eigentlich auch eine gute Idee. Das ist auch super und kann vielen Frauen auch gut helfen. Also das ist auch wissenschaftlich bewiesen, dass es helfen kann. Das finde ich ist der allererste Schritt. Und entweder fängt man an, das selbst zu machen. Kann man da was falsch machen?

Nee? Nein. Jetzt ist die Frage natürlich, falsch machen, ist immer die Frage, kann ich dadurch was kaputt machen oder noch schlechter machen? Das kann man definitiv nicht. Na, dann ist das eine gute Nachricht. Also natürlich kann es sein, dass wir was falsch ansteuern. Deswegen finde ich auch die Aufgabe von den Physiotherapeuten extrem wichtig.

Und darf man das nicht unterschätzen, was eine gute Physiotherapie ausmacht? Also ich finde es immer, wenn die Patienten erzählen, ja, ich mache schon Training die ganze Jahre. und dann fragt man noch mal aktiv nach, machen Sie es selbst oder haben Sie es mit Physiotherapeuten gemacht? Dann ist es meistens, dass Sie was selbst gemacht haben. Finde ich total lobenswert, aber es ist nicht das Gleiche. Es gibt auch Geräte, Biofeedback-Geräte, Elektrostimulationen, die wir einfach verschreiben können. Das weiß doch kein Mensch. Nein, das weiß auch kein Mensch. Aber deswegen gibt es ja auch Becken-Boden-Zentren. Man kann auch anpassen, wenn jemand so etwas nicht vaginal einführen kann. Je nachdem, welche Beschwerden wir auch haben, gibt es auch, wie gesagt, Oberflächenelektroden oder für Schiebenwein gegen Drangbeschwerden. Da ist zum Beispiel der Elvi-Trainer, was man einfach auf Kassenrezepte verschreiben kann. Und gibt es natürlich andere Geräte wie so ein Perifit, was an sich viel so fancier aussieht. Aber das zahlt noch die Kasse nicht. Warum soll die Kasse auch alles zahlen, wenn wir schon ein Gerät haben, was ja gut funktioniert? Das nur vielleicht nicht so fancy aussieht. Das vielleicht nicht so fancy aussieht. Ich gehe damit ja auch nicht auf die Straße. Also es ist nicht so schlimm, wenn ich das zu Hause mache. Das ist im besten Fall nicht. Und dann hört der Drang irgendwann auf, wenn ich das regelmäßig trainiere, kann ich das so weit verbessern, dass ich eine Stunde länger Auto fahren kann.

Vielleicht. Also man soll das mindestens drei Monate machen. So, ob es jetzt Biofeedbackgerät ist oder Elektrostimulation, die verschreiben wir erstmal für drei Monate. Und wenn es was gebracht hat, dann kann man es sogar verlängern. Auch nicht fürs ganze Leben, aber man kann eine Verlängerung machen. Und wenn es nichts gebracht hat, dann muss man natürlich über andere Möglichkeiten, Therapiemöglichkeiten reden. Aber natürlich ist es mit dem Ziel, dass der Drang sich deutlich bessert oder weg ist. Aber das hängt natürlich auch davon an, wie ausgeprägt die Beschwerden sind. Was ist die Ursache dafür? Das ist auch wieder vielfältig. Klar, aber eine Senkung könnte damit auch deutlich verbessert werden. Das Ziel ist damit nicht, den Senkungsgrad zu bessern, sondern eigentlich die Beschwerden, die durch die Senkung verursacht werden. Wann ist der Grad der Senkung nicht so entscheidend? Entscheidend ist wirklich... Welche Beschwerden habe ich damit? Es ist auch immer egal, ob wir jetzt eine Operation machen oder ob wir konservative Therapien ansetzen, ist die Frage, welches Ziel habe ich denn? Das muss man mit den Patienten auch besprechen. Was erwarten Sie von einer OP? Was erwarten Sie von einer Therapie? Was möchten wir erreichen? Ist das nicht in den meisten Fällen, ich möchte keine Schmerzen?

Also weder beim Sex noch beim Sport noch Ähnliches. Dieses Fremdkörpergefühl ist ja für viele, glaube ich, auch ganz unangenehm. Und das mit dem Harndrang. Genau, das sind natürlich, wenn eine Patientin in dem Alter ist, möchte man das alles als Ziele haben. Aber da muss man gucken, kann man das überhaupt verwirklichen, dieses Ziel? Aber manchmal kann man das doch nicht.

Auf jeden Fall. So ein bisschen motivieren muss es ja sein, dass die Leute das gefällt. Das haben Sie ja auch gesagt ganz am Anfang schon. Es kann verändert werden. Es kann verändert und verbessert werden. Und wie schnell wir dann dieses Ziel erreichen oder wie wir das erreichen, das muss man immer individuell besprechen. Welche Rolle spielt die Psyche bei Ihren Patientinnen? Erleben Sie häufig, dass da Rückzug stattfindet? Ich glaube, Depression ist tatsächlich auch ein Tabuthema, dass man darüber eigentlich gar nicht redet, nur wenn man die Frauen aktiv darauf anspricht. Aber wenn man jetzt so die Medikamente anguckt, was Patienten für Medikamente nehmen, da ist meistens ein Antidepressivum dabei oder ziemlich häufig.

Zum Glück ist es jetzt nicht tagtäglich, dass ich jetzt eine Patientin habe, die psychisch so belastet ist durch die Beckenbodenschwäche, aber es ist auch nicht so eine Seltenheit. Auf was raten Sie dann? Ich versuche die Frauen erstmal runterzuholen und einfach über die Situation und einfach aufzufangen, wo ist das Problem, was können wir machen und einfach anfangen. Und was ich genau dann rate, das hängt natürlich auch immer davon ab, was sie denn genau haben und welche Ziele wir dann setzen können. Und das ist tatsächlich häufig auch schon hilfreich, wenn sie einen Ansprechpartner haben, wo sie dann wissen, da kann ich nochmal einfach nachfragen oder da habe ich jetzt einen Anker. Okay, da könnten wir irgendwie anfangen und ich hänge mich einfach in der Luft.

Haben Sie schon erlebt, dass Patientinnen nach erfolgreicher Behandlung, dass die gesagt haben, mir geht es psychisch auch einfach viel besser? Also dass das direkt Hand in Hand ging? Ja, was einen natürlich auch dann glücklich macht. Also ohne das, glaube ich, könnte ich meinen Job auch nicht so lange machen, aber das erlebe ich zum Glück auch immer wieder. Und ja, das ist häufig so. Klingt schön. Ja, das ist auch. Es ist ja wirklich, es gibt viele Frauen, die einen großen Leidenszug haben durch die, ob das jetzt Senkung ist, also wie gesagt, durch die Beckenboden-Schwäche. Ja, es sind ja immer wieder Frauen, die sagen, ich hatte schon so viel ausprobiert und hilft alles nicht. Was probieren die denn so aus? Was steckt da meistens so hinter? Also es ist so Liebeskugeln von Budnikowski. Ja, also ich glaube, die gehen eher nicht in den Laden, sondern bestellen tatsächlich eher. Die ältere Damen gehen von einem Arzt zum anderen und kommen nicht so ganz weiter. Also die es selbst probieren und mit Liebeskugeln und experimentieren und viel anspannen und YouTube gucken, das ist schon ein Thema bei den Jüngeren wahrscheinlich? Bei den Jüngeren, ja. Und die älteren Damen, beispielsweise die Jüngeren, machen das auch. Sie schränken natürlich ein, wie viel sie trinken. Also sie trinken natürlich immer. Oh, das ist aber nicht gut, oder? Nee, es ist nicht gut, aber das ist auch typisch bei Patienten, die häufig auf Toilette gehen oder inkontinent sind. Dann sagen sie... Ich trinke auch so wenig, aber trotzdem muss ich so sehr auf Toilette. Das ist aber ein Warnsignal. Ja, es ist ein Warnsignal, aber das machen auch viele.

Also das ist, was sie versuchen, alleine irgendwie dagegen zu steuern, dass sie dann einfach weniger trinken. Und am Anfang kann das mal funktionieren, aber irgendwann merken die auch, obwohl ich so wenig trinke, muss ich trotzdem so häufig auf Toilette. Wie kann das sein? Naja, und trinken ist ja auch nicht nur wichtig, weil der Körper das Wasser braucht, sondern auch, weil die Blase ja auch durchgespült werden muss. Genau, und dann kommt das Thema Infektion dann wieder dazu, macht eigentlich die Beschwerden auf Dauer noch schlechter. Also es hat natürlich in jeder Hinsicht nur Nachteile. Also an alle Hörerinnen da draußen nicht aufhören zu trinken. Wie viel soll man am Tag trinken? Also ein und ein halb Liter wäre schon mal gut, was ich selber nicht so gut schaffe, aber... Da steht ihr Wasser. Ich finde aber der Ansatz, wenn man schon Physiotherapie anfängt, das wäre das allererste.

Okay, das ist das erste, was man macht. Was man von sich aus auch machen kann, irgendwie nachfragen, da mache ich mir einen Termin, ich gehe mal zur Physiotherapie oder jüngere Frauen, die gesagt auf YouTube natürlich sich Übungen angucken. Da geht es heutzutage ja sehr viel. Das muss man natürlich auch ein bisschen sortieren, was ist da wirklich, wer macht das gut. Aber deswegen finde ich die Arbeit von den Physiotherapeutinnen einfach extrem wichtig. Und die kennen sich einfach noch besser aus als wir Beckenbodenschirurgen, was das angeht. Also wir müssen auch die Aufgaben aufteilen. Apropos Chirurgen, da wären wir ja noch bei den OPs. Das wäre dann ja eine Stufe weiter. Genau. Wann kommen die zum Tragen und um welche OPs handelt es sich? Also es gibt nicht die eine einzige OP-Methode. Das gibt es nicht. Also da kommen natürlich viele Faktoren dazu. Alter, Sexualität, wie groß die Senkung voroperiert. Welche Beschwerden, das muss man alles betrachten. Und ich sage den Patienten ganz klar, die Entscheidung, ob man sich operieren lässt oder nicht, ist wirklich in den Händen der Patientin. Das finde ich ganz wichtig. Konservative Therapiemaßnahmen, alles ausgeschöpft. Leidensdruck ist da und die sagen, ich möchte eine OP haben. Und dann mache ich was? Oder nein, dann machen Sie was. Ich mache ja gar nichts.

Also Beckenbodenschirurgie hat man ja schon vor sehr, sehr langer Zeit angefangen. Also das ist auch historisch auch, finde ich, ziemlich interessant, was man früher gemacht hat. Hat man dann gemacht? Ja, früher. Wird es jetzt blutig? Nein, es wird nicht blutig, aber zum Beispiel diese Pessar-Therapie, was heutzutage aus Silikon oder Schaumstoff ist, gab es früher aus Porzellan. Viele denken bei Pessar an Verhütungsmittel, was ja eigentlich nicht richtig ist. Das ist ja eigentlich auch ein Trainingsgerät, oder? Ja, also auch ein Trainingsgerät und da gibt es verschiedene Formen und Größen. Und das kann man auch je nach Beschwerden, je nach Patientin einfach anpassen. Und das wird eingeführt? Das wird eingeführt, also vaginal eingeführt. Und die meisten Patienten kommen damit auch alleine klar. Aber erst mal, wenn man das zeigt, sind die natürlich erschrocken. Was ist das denn überhaupt? Im Grunde ist das ein Hilfsmittel, was die Organe und den ganzen Beckenboden noch zusätzlich unterstützt. Auch trainiert oder nur unterstützt, weil es hält? Es unterstützt hauptsächlich. Aber wenn ein Patient das lange trägt, also regelmäßig, dann wissen wir das auch, dass die Muskulatur rumherum sich auch nochmal aktiviert. Klar gibt es aber auch Senkungen, die einfach riesig sind. Da hilft auch nicht, wenn man es zwei Jahre trägt.

Aber grundsätzlich haben Pespezzare auch viele Vorteile. Und die waren früher aus Porzellan? Die waren auch früher mal aus Porzellan, ja. Das muss ja ewig her sein. Klar, was operative Therapie angeht, früher hat man einfach tatsächlich einen Scheideneingang zugenäht. Wie, einfach zugenäht? Einfach zugenäht. Das gab es mal früher auch. Aber was ist denn, wenn man seine Periode hatte? Ja, das ist je nachdem.

Also dann gab es einen Stau, oder wie? Ja, ja. Aber es hat auch nicht lange gehalten. Also das ist historisch schon sehr, sehr lange her. Man muss sagen, es gibt ein, zwei Fälle, wo man es immer noch erlebt. Wo das heutzutage auch sehr selten manche Ärzte das noch machen. Das ist zum Glück eine Rarität, aber habe auch schon mal erlebt. Hoffentlich ist das eine Rarität. Das klingt gar nicht gut. Nee, was man alles anbieten kann. Also man kann das in zwei große Bereiche teilen. Per Bauspiegelung korrigieren oder vaginal. Ich muss noch eine Zwischenfrage stellen. Alle da draußen fragen sich jetzt, wieso sollte man denn die Vagina zunähen, damit nichts rausfällt. Genau, bei sehr großen Senkungen hat man das einfach zugenäht. Und das heißt, was findet dann den Weg raus? Welches Organ würde mir als erstes entgegenkommen? Meistens ja die Gebärmutter, wenn man noch eine hat. Ja, und dann näht man das einfach zu. Da komme ich gar nicht drüber hinweg. Nee, also das ist historisch auch wirklich irgendwie interessant, aber natürlich auch erschreckend. Die hatten früher einfach gar keine andere Möglichkeiten. Dann kam natürlich auch dazu, dass man auch die Gebärmutter entfernt hat. Wenn die rausgefallen ist, hat man gedacht, okay, wenn wir die entfernen.

Dann ist das eine gute Idee. Aber die kommt ja nicht nach unten, weil die zu schwer ist, sondern ihre Aufhängung ist kaputt. Und ist sie dann weg, kommt ja das nächste Organ. Genau, also die Blase kommt natürlich auch mit, der Darm kommt auch mit. Also das ist leider...

Kam dann auch über die Jahre raus oder Jahrzehnte, dass nur die Entfernung war, jetzt nicht die Lösung. Also das heißt, eigentlich wollen wir die Anatomie wiederherstellen und nicht die Anatomie verändern. Und da wären wir ja bei der Operation. Also wenn dann wirklich eine Senkung so massiv ist und das mit dem Pessan und ähnliches im Training irgendwie ausgeschöpft ist und eine Frau sagt, mein Leidensdruck ist hoch, darum geht es ja auch. Und ich möchte dieses Druckgefühl auf Dauer einfach loswerden. Dann gibt es verschiedene OPs. Also das Häufigste, was schon sehr lange quasi auf dem Markt gibt, so gesagt, dass wir natürlich so eine Eigengeweberraffung machen und die Gebärmutter oder das Scheidenende einfach aufhängen an so eine sehnartige Struktur, was wir quasi auch so erreichen können, wenn wir die Patienten vaginal operieren. Aber natürlich hat diese Methode auch nicht bei allen ewig gehalten und hatte auch seine Probleme. Deswegen kamen dann irgendwann auch Netze auf den Markt. Dann kann man natürlich auch Netze per Bauchspiegelung einlegen oder auch vaginal. Die werden dann unter die Organe gesetzt? Genau, die ersetzen quasi diese Bindegewebeschicht, was ja kaputt ist, oder die Bänder, die natürlich zu locker sind und deswegen die Organe, wie die Gebärmutter auch nach unten kommt, versucht das quasi zu ersetzen.

Und die Aufgabe davon zu übernehmen. Das wächst da ein, also das verwächst mit dem Körper quasi. Das verwächst mit dem Gewebe da, genau. Vor 30 Jahren kam das Inkontinenzband, war tatsächlich das allererste Kunststoffband, was man dann halt vaginal eingesetzt hat, was einen sehr großen Erfolg hatte. Das hat die Blase angehoben? Das hat die Harnröhre. Also das sind Patienten, die eine Belastungsinkontinenz haben, also man muss diesen Sachen Urin verlieren. Für die war dann quasi diese Möglichkeit, und das ist heutzutage immer noch so, das ist so ein Kunststoffband, also so ein Band runterlegen. Das funktioniert wie eine Hängematte. Also die Harnröhr stützt sich einfach auf dieses Band ab. Was ja auch eigentlich beeindruckend ist, dass jemand auf diese Idee gekommen ist. Und das ist heutzutage quasi immer noch operativ bei der Inkontinenz Mittel der Wahl, wenn es um eine Belastungsinkontinenz geht. Das ist auch vielen nicht klar, dass es das gibt. Also so eine Hängematte. Es ist auch wichtig, dass man es versteht, wie funktioniert das überhaupt.

Da kann man natürlich auch viel falsch machen. Ich nenne auch diese Inkontrenzbänder wie Dieven. Die müssen schon perfekt liegen. Und manchmal macht ein paar Millimeter auch viel aus. Sind ja Feinheiten. Das sind auch Feinheiten. Da sind viele Faktoren, die man betrachten muss. Wie alt ist die Patientin? Welche Vor-OPs hatte sie? Wie groß ist sie? Wie schwer ist sie? Hat sie noch Sex? Hat sie keinen Sex mehr? Wie alt ist sie? Wie mache ich die OP? Da sind natürlich viele Dinge. Was wäre denn der Unterschied, wenn jemand noch ein ganz aktives Sexleben hat. Und wenn jetzt jemand sagt, nee, damit bin ich durch. Das ist gut, was man ja auch nie so richtig vorausschauend weiß. Aber gibt es denn eine OP, die ein Sexleben ein bisschen erschwert hinterher? Ja, also natürlich jetzt zum Beispiel vaginale Netzer. Da gibt es ja auch Unterschiede. Sollte man jüngeren und sexuell aktiven Frauen jetzt eher nicht einsetzen. Weil natürlich, wie das einwächst und wie das Gewebe dann quasi darauf reagiert, kann natürlich auch Probleme machen. Genauso bei der Eigengeweberaffung kann das auch Probleme machen, je nachdem, wie man diese Raffung macht. Und deswegen ist es so, dass bei jüngeren sexuell aktiven Frauen ist Mittel der Wahl an sich, dass wir die Korrektur per Bauchspiegelung machen mit einer Netzeinlage. Weil die Wiederkehrungsrate bei den Netzen ist natürlich schon geringer, als wenn wir ohne Netzen arbeiten. Und dadurch ist es so, dass wir vaginal da gar keine Narben meistens verursachen. Das heißt, das ist natürlich schon ein Vorteil, wenn wir mal Vagina gar nicht manipulieren, sondern alles von oben machen.

Das hat schon auch den Vorteil, was Sexualität angeht. Gibt es eine Grenze, wo Sie sagen, wo eine Frau entscheidet, das kann ich noch alleine mit Training machen und mit Hilfsmitteln probieren und jetzt sollte ich unbedingt zum Arzt? Ist das eher so ein Symptom, wo Sie sagen würden, bei einer bestimmten Beschwerde sollte man zum Arzt gehen? Oder ein Gefühl?

Ich würde eher das Gefühl sagen, das sage ich dem Patienten auch ganz eindeutig, wenn sie Leidensdruck haben und sie wollen was ändern, dann ist der Schritt gekommen, sie sollen einen Arzt aufsuchen, sich informieren. Es muss ja ganz klar sein. Sie sollen einen Arzt aufsuchen, wenn sie wirklich Leidensdruck haben und sie wollen was ändern und verbessern vor allem. Oder sie wollen wissen, woran liegt das denn? Na, und den sinnvollsten Wegeinschlag. Genau. Was würden Sie sich dann von Ärztinnen und Ärzten so im Umgang mit Beckenbodenbeschwerden wünschen? Ich glaube, das wird jetzt auch langsam aussterben. Also sowas möchte ich tatsächlich nicht hören. Eine Frau muss damit leben, dass Schmerzen nach Geburt oder beim Sex normal sind. Und das sind tatsächlich Sachen, die ich nicht hören möchte. Zum Glück höre ich das ja auch immer weniger. Und das hört man vielleicht gar nicht nur von ärztlichem Personal, sondern vielleicht auch von anderen Müttern oder von der eigenen Mutter, weil das immer so war. Das muss man halt aushalten, aber genau das müssen wir ja nicht, richtig? Nee, auf gar keinen Fall müssen wir es aushalten. Und man kann immer was dagegen tun oder das verbessern, aber man muss irgendwo anfangen. Und es geht auch nicht von alleine weg? Nee, leider. Oder?

Leider nicht. Also wenn wir nichts machen, kann er sehr lange so bleiben, wie es ist. Es kann sich verschlechtern. In welchem Tempo sich verschlechtert, das kann man natürlich auch nicht sagen. Das hat natürlich auch viele Faktoren, was das beeinflussen kann. Das ist halt mal leider so. Aber ja, leider wird es von alleine nicht besser werden. Und irgendwann, wenn wir nach Terminopause sind, dann wird es ja eher schlechter. Ja, das heißt, eine Spontanheilung wird nicht mehr kommen. Nee. Also wir müssen alle an das Thema ran. Und es sind ja sehr, sehr, sehr viele Frauen, die das betrifft. Unabhängig davon, ob oder wie viele Kinder man bekommen hat, spätestens in der Menopause kriegt es die meisten von uns. Ja, und wenn wir Beschwerden haben, dann sollten wir vielleicht mal daran arbeiten. Habe ich ja jetzt gelernt, man muss es ja nicht aushalten. Genau. Liebe Frau Dankwart, danke, dass Sie da waren. Über all diese Themen so offen gesprochen haben. Und das nehme ich jetzt wirklich mit. Da muss keine von uns durch und auch nicht alleine. Wenn wir da durchgehen, dann müssen wir es nicht alleine. Es gibt Ärztinnen wie Sie. Vielleicht möchten Sie weitere Infos über Dr. Dankwart gibt es zum Nachlesen im Hamburger Abendblatt den Artikel, Print und Online. Vielen Dank auch an Sie da draußen. Wir hören uns, wenn Sie mögen, in zwei Wochen wieder. Bis dahin Ihnen eine gute Zeit.