Akte Rheinland. Ein Podcast des Bonner Generalanzeigers über wahre Verbrechen.
Königswinter Eudenbach, 28. Dezember 2020. Am Rand eines kleinen Wohngebiets steht ein grauer Renault. Abgemeldet, ohne Kennzeichen, leicht schräg am Straßenrand. Er wirkt wie eines dieser Fahrzeuge, die schon länger niemandem gehören. Vergessen, übersehen, vielleicht einfach abgeschoben. Die Anwohner wundern sich kurz, gehen dann aber weiter. Es ist kalt an diesem Morgen. Einer dieser Tage zwischen den Jahren, an denen die Straßen still sind und die Zeit ein bisschen stehen bleibt. Der Wagen steht dort auch am nächsten Tag und am übernächsten. Er wird abgeschleppt, auf ein umzäuntes Gelände gebracht. Routine. Erst eine Woche später öffnet jemand den Kofferraum und macht einen grausigen Fund. Willkommen zurück zu Akte Rheinland. Wir sprechen hier alle zwei Wochen donnerstags über Verbrechen und Kriminalfälle aus dem Rheinland, speziell aus der Region Bonn. Schön, dass ihr wieder dabei seid. Mein Name ist Anna-Maria Bekes und bei mir ist meine Kollegin Sabrina Bauer. Hallo. An dieser Stelle nochmal der Hinweis, dass ihr uns bei Spotify und YouTube jetzt auch sehen könnt. Wir nehmen nämlich jetzt auch Videopodcast-Folgen auf. Wenn ihr wollt.
Bevor wir in den aktuellen Fall einsteigen, ein kleiner Rückgriff auf eine frühere Episode, nämlich die Amok-Fahrt von Bonn. Das ist ja noch gar nicht so lange her, dass wir es aufgenommen haben. Und da haben wir im Nachhinein mehrmals die Frage bekommen, wie übrigens bei vielen Fällen, was ist denn jetzt eigentlich danach passiert? Was ist mit den Tätern? Was ist mit denen heute sozusagen? Ja, dann nochmal ein kleiner Rückblick. Anna, du hattest in der Folge mit Rüdiger Franz gesprochen, das ist ein Kollege von uns, der hat das ganze Thema damals recherchiert. Es geht um drei Männer, zwei Brüder und ihr Cousin, die in den 50er Jahren in Bonn mit einem gestohlenen Auto eben durch die Gegend gefahren sind, auch in der Gegend herumgeschossen haben und dabei zwei Menschen getötet haben. Zwei von ihnen werden am Ende dann auch zu lebenslanger Haft verurteilt, einer zu 15 Jahren Zuchthaus.
Genau, also der Fall spielte 1958 und oft ist es ja so, dass wir im Nachhinein nicht mehr rauskriegen oder aber aus guten Gründen entscheiden, dass wir dazu nichts veröffentlichen, was jetzt zum Beispiel mit Tätern nach einem abgeschlossenen Prozess passiert. Und in diesem Fall sind wir aber tatsächlich von einer Angehörigen der Täter kontaktiert worden. Die beiden Brüder in diesem Fall waren nämlich die Brüder ihrer Oma. Das ist auf jeden Fall ungewöhnlich. Das erleben wir als Journalisten auch nicht oft, dass sowas passiert. Ja, also dass es so nah ist, es kommt nicht ganz so oft vor. Es kommt vor und gerade weil wir ja Lokalzeitungen ursprünglich sind, ist es natürlich öfter, aber das war jetzt schon doch nochmal bemerkenswert. Also mir hat das zumindest nochmal deutlich vor Augen geführt, dass schwere Straftaten nicht nur für Opfer und natürlich Opferangehörige furchtbar und schrecklich sind, sondern auch für die Täterangehörigen.
Und dass das auch ganz weitreichende Konsequenzen für sie haben kann. Die Oma unserer Hörerin, so schildert sie das, die hat sehr darunter gelitten, weil natürlich auch im Ort viel über diese Taten geredet wurde. Und sie war in einem ganz schrecklichen Zwiespalt, denn sie hat sich furchtbar geschämt, weil da ständig über ihre Familie und ihre Brüder gesprochen wurde. Aber gleichzeitig hat sie ihre Brüder total geliebt und die waren natürlich dann auch weg. Die sind in den Knast gegangen und war ein Stadtgespräch, wie gesagt. Also die Hörerin selbst hat es dann auch nochmal sehr aufgewühlt, diesen Podcast zu hören und da auf einmal sozusagen ein Stück ihrer Familiengeschichte zu hören. Und gleichzeitig war sie aber natürlich total neugierig.
Also sie hat mir auch gesagt, sie fand das toll, wie wir das aufbereitet haben und wie viel man da nochmal erfahren hat. Und das geht ihr natürlich trotzdem nah. Und sie wollte dann mehr wissen. Und ich habe ihr dann in Absprache mit der Chefredaktion das entsprechende Archivmaterial zukommen lassen. Das dürfen wir jetzt auch nicht einfach so rausschicken. Das haben wir aber in dem Fall gemacht, weil sie sich eben näher damit befassen wollte. Ja, das kann ich total gut nachvollziehen, dieses Bedürfnis. Was ist denn dann nun mit den Tätern passiert? Ja, von dem dritten Mann weiß ich es tatsächlich nicht, also von dem Cousin. Von dem Cousin, genau. Aber die beiden Brüder, die haben sich, so sagt die Hörerin, nach ihrer Entlassung aus der Haft nie wieder etwas zu Schulden kommen lassen, haben Familien gegründet und ein, in Anführungsstrichen, ganz normales Leben geführt. Das muss man nochmal dazu sagen, die drei Männer waren damals auch alle noch sehr jung. Also die waren Anfang, Mitte 20 höchstens, ja. Auf jeden Fall interessant zu hören, wie das weitergegangen ist. Und echt toll, dass sich diese Dame bei uns gemeldet hat. Ja, absolut. Vielen lieben Dank nochmal dafür und ganz liebe Grüße an dich. Aber kommen wir nun zu unserem heutigen aktuellen Fall.
Ganz genau. Wir wollen uns heute einen Fall vornehmen, der viele von euch schon lange beschäftigt, nachdem wir immer wieder gefragt wurden und der uns tatsächlich auch schon mal in der früheren Episode begegnet ist. Also wir haben darüber schon mal gesprochen. Diese Episode, die wir natürlich auch in den Shownotes verlinken, die heißt Die Leiche im Kofferraum. Und wir haben diese Episode damals aufgenommen, bevor ein Urteil in diesem Fall gefallen war. Heute würden wir das vermutlich nicht mehr so machen. Da haben wir unsere Arbeitsweise ja so ein bisschen geändert. Und wir würden eher abwarten, bis ein Urteil wirklich vorliegt, um den Fall dann auch vollständig erzählen zu können. Das heißt nicht, dass die Folge damals nicht in Ordnung war, sondern nur, dass wir heute ein bisschen anders arbeiten. Ja, um das mal vielleicht zu erklären oder einzuordnen, gerade bei Cold Cases oder Fällen, in denen einfach noch nach Hinweisen gesucht wird, noch mögliche Zeugen gesucht werden, kann es ja durchaus sinnvoll sein, dass man eben quasi mittendrin berichtet und schon so einen Sachstand für euch gibt. Absolut. Und das machen wir ja auch immer wieder. Aber diesmal erzählen wir diese Geschichte, also der Leiche im Kofferraum, von Anfang an. Mit allem, was wir inzwischen wissen.
Also, wir haben es im Audio von Martin am Anfang schon gehört. Es geht um einen grauen Renault, der steht in Königswinter-Eudenbach tagelang am Straßenrand. Ohne Kennzeichen. Das ist ein Auto, das oftmals niemand vermisst. Ja und es geht um das was die Polizei später im Kofferraum dieses Autos findet das ist ein Fund der selbst erfahrene Ermittler erschüttert und im Kofferraum liegt eben die Leiche einer Frau und es ist die Leiche von Beate und auch an dieser Stelle wieder der Hinweis den wir an jedem Podcast geben das ist nicht ihr echter Name wir haben den aus Persönlichkeitsschutzgründen geändert und auch alle anderen Namen die ihr heute hören werdet, Genau. Ja, wie so oft ist es auch bei diesem Fall so, dass er erst mal schnell erzählt wäre. Eine Frau, also Beate, wird getötet. Zwei jugendliche Freundinnen stehen später vor Gericht. Aber wenn man dann tiefer gräbt, dann entdeckt man eine Geschichte.
In der zeigen sich eigentlich jahrelange Überforderungen, psychische Not, psychische Ausnahmezustände, Drogen, Armut und eigentlich verlorene Jahre, verlorene Jugendjahre. Und das Ganze ist dann miteinander verwoben und irgendwo dazwischen stehen drei Jugendliche, Julia, ihre beste Freundin Lena und Lenas Freund Tim. Wie gesagt, alle Namen sind hier frei erfunden.
Genau, und weil das Jugendstrafrecht nun mal fragt, wie ist es dazu gekommen und wer sind diese Jugendlichen eigentlich, was hat sie geprägt, setzen wir genau da an. Ja, deshalb steigen wir nicht mit dem Auto in Eudenbach ein, sondern mit den Menschen, die später in diesem Auto eine Rolle spielen. Mit ihren Biografien, ihren Belastungen und den Dingen, die im Hintergrund passiert sind, die man von außen eben gar nicht sieht. Und die wir also auch beim letzten Mal, als wir diesen Fall hier besprochen haben, gar nicht wissen konnten. Bevor wir aber richtig in Julias Geschichte einsteigen, Sabrina, vielleicht kannst du kurz erklären, warum diese Vorgeschichten im Jugendstrafrecht so wichtig sind. Naja, kurz und einfach gesagt, bei Jugendlichen versucht die Justiz zu verstehen, wer da eigentlich vor ihr steht. Also es geht viel stärker um die Entwicklung als um die Strafe selber, weil zum Beispiel Traumata, Drogen, familiäre Gewalt, Vernachlässigung, all das kann zum Beispiel erklären, warum ein Jugendlicher in so eine bestimmte Situation gerät oder warum auch eine Tat eskaliert. Und in diesem Fall sind die Hintergründe fast genauso erschütternd wie die Tat selber.
Wie immer ist auch hier wichtig zu betonen, dass natürlich eine sogenannte schlimme Kindheit nie eine Entschuldigung sein kann und auch nicht sein darf für Straftaten. Insbesondere nicht für schwere Straftaten wie die, über die wir heute sprechen. Diese Hintergründe sind aber wichtig, um weitere Taten möglicherweise verhindern zu können. Und wenn wir über diesen Fall sprechen, dann müssen wir wie gesagt mit Julia anfangen. Sie steht im Zentrum dieser Geschichte. Man kann sagen, dass Julia ein Kind ist, das viel zu früh erwachsen werden muss. Sie wächst als Einzelkind auf bei ihrer Mutter Beate. Beate ist ausgebildete Krankenschwester und ist eigentlich eine Frau, die ihr Leben fest im Griff hat. Bis die Gesundheit sie eben verlässt und das Schritt für Schritt. Und mit jedem Schritt, den Beate schwächer wird, wächst die Verantwortung ihrer Tochter, also Julias Verantwortung. Die Tochter kümmert sich schlichtweg um alles im Alltag. Die beiden leben zusammen in einem sehr kleinen Ortsteil von Königswinter mit gerade mal gut 200 Einwohnern.
Und Beate leidet an Sarkoidose. Das ist eine chronische, entzündliche Erkrankung, bei der sich im ganzen Körper so kleine, knötchenartige Zellansammlungen bilden. Das sind sogenannte Granulome und besonders häufig betrifft das eben die Lungen und die Lymphknoten. In den meisten Fällen verläuft diese Erkrankung ohne Komplikationen und heilt sogar quasi von allein wieder aus. Es gibt aber auch schwere Verläufe und Beates Verlauf ist tatsächlich ein sehr schwerer. Das bedeutet für die Betroffenen Atemprobleme, starke Erschöpfung, Schmerzen und selbst einfache körperliche Belastungen sind kaum noch möglich. Also die verlieren nach und nach immer mehr Mobilität und auch Selbstständigkeit dadurch. Die benötigen immer stärkere Schmerzmittel und dadurch geraten sie eben häufig auch in eine Abhängigkeit von Opiaten, weil die Schmerzen mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr ausreichend zu kontrollieren sind. Also es reicht nicht, da dreimal am Tag eine Ibu 400 zu nehmen.
Um diese Schmerzen in den Griff zu bekommen, erhält Beate dann auch Opioid-Haltemedikamente und darunter waren auch Fentanyl-Pflaster. Das Urteil, über das wir später noch sprechen, das beschreibt ausdrücklich, dass Beates Zustand teilweise nicht nur durch diese Grunderkrankung zustande kommt, sondern auch durch die zunehmende Betäubungsmittelabhängigkeit. Also ein Gebrauch dieses Fentanyls, der von einer medizinisch notwendigen Schmerzlinderung übergeht, in eine Abhängigkeit. Die kann also nicht mehr ohne dieses Mittel sein und das beeinflusst natürlich ihre Stimmung, ihr Verhalten und ihre Belastbarkeit zusätzlich extrem. Um mal kurz Fentanyl ein bisschen genauer zu erklären, es ist ein synthetisches Opioid, das etwa 50 Mal stärker als Heroin ist und bis zu 100 Mal stärker als Morphin. Also im medizinischen Kontext ist das ein Segen, es hilft den Menschen, die sonst noch kaum Lebensqualität hätten. Es ist aber auch eine Substanz, die unglaublich schnell abhängig machen kann. Wir haben ein Beispiel aus den USA. Da sterben jedes Jahr mehr als 100.000 Menschen an Drogenüberdosen, etwa die Hälfte eben an Fentanyl. Die meisten Pillen werden dort auf dem Schwarzmarkt mittlerweile mit Fentanyl gestreckt. Und auch in Deutschland verändert sich diese Situation.
Suchtexperten wahren, dass die Substanz, weil sie eben billig, potent, leicht zu transportieren, auch hier zu einer großen Gefahr werden kann. Und man muss auch sagen, da geht es wirklich teilweise um Milligramm, die da wirklich über Leben und Tod im schlimmsten Fall entscheiden können. Da kommen wir gleich auch noch mal drauf zu sprechen. Beate jedenfalls wird schließlich bettlägerig. Die wird immer schwächer, hat chronische Schmerzen und muss zwischendurch auch immer wieder...
Mehrtägige Aufenthalte ins Krankenhaus. Und Julia übernimmt also die Pflege ihrer Mutter? Ganz genau, ja. Und das komplett allein? Ja, das ist wirklich heftig. Die Großmutter und der damalige Lebensgefährte von Beate, die helfen zunächst noch mit, als sie krank wird und fangen dadurch natürlich auch einen Teil der Belastung ab. Aber diese Unterstützung, die fällt eben dann nach und nach weg. Erst stirbt die Großmutter, dann trennt sich Beate von dem Partner. Und ein professioneller Pflegedienst, der wird nicht eingebunden. Der behandelnde Arzt entscheidet damals, dass die Diagnose der Mutter eine solche Leistung nicht rechtfertigt. Wie alt ist Julia zu dem Zeitpunkt? Ja, sie übernimmt spätestens ab 2017 die vollständige Pflege und da ist sie 17, 18 Jahre alt. Also wirklich sehr, sehr jung dafür, dass man da wirklich eine Vollzeitpflegekraft ist. Die hebt ihre Mutter ins Bett, die wäscht sie, sie organisiert die Medikamente, die Mahlzeiten, die hält den Haushalt aufrecht und dazu übernimmt sie dann auch die Versorgung der Haustiere. Also Beate hatte mehrere Hunde. Das ist wirklich, sie macht alles. Das ist eine unvorstellbare Belastung für so eine junge Frau und das über mehrere Jahre hinweg. Ja, wenn man sich selbst vorstellt, was man mit 17, 18 gemacht hat, das kann man sich wirklich kaum ausmalen. Und Julia kämpft dazu auch noch mit eigenen Belastungen. Die hat seit ihrer Kindheit eine schwere Hörbeeinträchtigung.
Mehrere Operationen werden vorgenommen, bringen aber kaum Besserung. Das heißt, sie hört sehr schlecht und ist darauf angewiesen, dass Menschen deutlich sprechen. In der Schule wird sie deswegen gehänselt, teilweise sogar geschlagen. Also sie ist tatsächlich das klassische Mobbing-Opfer leider. Und einmal geht das so weit, dass ihr jemand im Schulflur eine Rippe bricht. Und davon sagt sie damals niemandem etwas, nicht mal ihrer Mutter. Das heißt, Julia neigt offenbar zum Rückzug und Dinge eher in sich hinein zu fressen, als um Hilfe zu bitten.
Und hat dann dazu auch noch diese Riesenverantwortung für ihre Mutter und muss irgendwie isoliert gewesen sein, so stelle ich mir das vor. Ja, sie war ein Mädchen, das wirklich viel alleine ist und das vermutlich vielleicht auch nicht gelernt hat, um Hilfe zu bitten. Also sie hat gelernt, ich muss das hier mit mir selbst ausmachen und mir hilft ja eh keiner. Du hast gesagt, Beate war alleinerziehend. Gibt es einen Vater? Ja, Julia wächst aber ohne Vater auf. Die Beziehung ihrer Eltern, die hat nur kurz bestanden offensichtlich. Und als sie auf die Welt kam, war der Vater schon aus dem Leben der Mutter verschwunden. Und als sie neun oder zehn Jahre alt ist, da begegnet sie ihm zum ersten Mal bewusst. Der Kontakt bleibt aber distanziert. Also das ist eher so ein Pflichtbesuch als ein echtes Kennenlernen. Und ja, dieser Kontakt verläuft sich dann auch schnell wieder. Also ich glaube, der Vater hat da nicht viel Wert drauf gelegt, da weiter Kontakt aufzubauen und sie dann offensichtlich auch nicht. Und eine Vaterfigur, die sie vielleicht hätte entlasten oder auch stützen können, die gab es in ihrem Leben nicht. Und genau diese Leerstelle, wenn man so will, die wird später eine Rolle spielen, als sie eben, wie du gesagt hast, die gesamte Verantwortung für die Mutter ganz allein tragen muss.
Ja, Parentifizierung ist hier ein Schlüsselwort. Ich habe so das Gefühl, die Rollen drehen sich um. Also Julia wird im Laufe der Zeit immer mehr zur Bezugsperson ihrer Mutter, zur Pflegerin, zur Verantwortlichen, während ihre Mutter ja eigentlich die sein sollte, die ihr Schutz und Hilfe und Halt geben sollte. Das schafft natürlich emotionale Abhängigkeiten, die man im Jugendstrafrecht ganz genau betrachten muss. Und in dieser Überforderung, da greift Julia irgendwann zu etwas, dass ihr zumindest kurzfristig oder scheinbar Ruhe und Ablenkung verschafft. Sie nimmt erst Cannabis, also raucht Gras, schlicht gesagt, dann auch Ecstasy-Tabletten und schließlich nimmt sie auch Fentanyl, zwar indem sie wirklich die Pflaster der Mutter auslutscht. Das ist wirklich, wirklich, wirklich gefährlich. Also ich habe es eben schon gesagt, da können wirklich Milligramm-Mengen ganz schlimme Dinge anrichten, zumal sie ja auch nicht wie die Mutter an diesen Stoff gewöhnt ist. Also wirklich, das zeigt, ja, in welcher verzweifelten Lage sie ist und wie wenig Wert sie eigentlich dann auf sich selbst auch legt, offenbar. Und ganz wichtig ist, die macht das jetzt nicht zum Feiern.
Die geht jetzt nicht auf Partys und nimmt da Pillen, um dann heil zu sein, sondern die will ihre Situation besser aushalten können. Das ist der Grund für diesen Drogenkonsum. Und in dieser Situation begegnet sie Lena? Richtig. Und damit beginnt dann so ein neuer Abschnitt. Und der verändert die Dynamik zu Hause dann weiter, zwischen Julia und der Mutter auch. Lena ist zu dem Zeitpunkt 15 Jahre alt und ihre Lebensgeschichte ist geprägt von Instabilität, Überforderung und fehlendem Halt. Ja, Lena wächst in einer Familie auf, in der Sucht und psychische Belastungen dominieren, eigentlich allgegenwärtig sind. Lenas Mutter kämpft selbst seit Jahren mit Problemen, die sie kaum bewältigen kann. Die ist häufig emotional überfordert, die lebt in wechselhaften Beziehungen. Sie ist selbst leider suchtkrank und überträgt ihrer Tochter schon früh Aufgaben, die ganz weit über das hinausgehen, was ein Kind tragen kann. Also Lena lebt da wirklich in einem total instabilen und chaotischen Umfeld. Und die Mutter ist mal ständig auf Party, dann wieder völlig erschöpft und liegt nur rum im übertragenen Sinn. Also so beschreibt Lena das später.
Dann ist das auch noch eine schwierige Vertrauensbeziehung zwischen Mutter und Kind. Die Mutter ist, wie gesagt, instabil und die erzählt dann auch private Dinge von der Tochter weiter, womit sie natürlich ihr Vertrauen wirklich grob verletzt. Also sie schafft es leider nicht, ihren Kindern eine verlässliche Struktur zu geben. Und auch die Partnerschaften der Mutter verlaufen unruhig. Ich habe gerade schon gesagt, sie hat wechselhafte Beziehungen, was ja nicht unbedingt ein Problem sein muss. Aber dann kommt da eben ein Stiefvater ins Spiel, der eine Borderline-Erkrankung hat. Das verbelastet die Familie natürlich extrem. Und später hat sie dann eine Beziehung mit einer Frau, die im Zusammenhang mit einem Kapitaldelikt in Untersuchungshaft gerät. Mehr ist dazu nicht bekannt. Aber das muss schon wirklich einfach auch eine Extremsituation gewesen sein und nichts, womit jetzt ein Kind sich auseinandersetzen sollte. Und als Lenas Vater selbst, von dem trennt sich die Mutter früh und auch er ist schon drogenabhängig. Die Beziehung zwischen Tochter und Vater bricht dann ab und er verschwindet eigentlich aus ihrem Leben. Und dann sieht sie ihn ein paar Jahre später auf einmal zufällig in der Fußgängerzone und spricht ihn an. Was ich eine völlig skurrile Situation finde. Das muss für sie auch schrecklich gewesen sein. Und es entsteht dann aber tatsächlich eine ganz vorsichtige Annäherung, die aber genauso schnell wieder endet, weil der Vater überfordert ist und diesen Kontakt eben nicht halten kann.
Ja, und kurze Zeit später nimmt sich dann der Vater tatsächlich auch das Leben, also auch eher psychisch offensichtlich völlig instabil und überfordert und Lena erlebt da einen weiteren Verlust, der natürlich auch nicht aufgefangen wird. Dieser Tod des Vaters wird nie aufgearbeitet und mit ihr besprochen. Und am Ende, ja, da bleibt ein Bild von zwei Menschen, zwei Eltern, die selbst gar keinen Halt im Leben haben. Und eine Tochter haben, ja, die mittendrin sitzt in diesem total brüchigen Gefüge und versucht irgendwie zurechtzukommen, was man natürlich gar nicht kann als Kind. Und wie ich schon gesagt habe, Lenas Mutter überträgt eben auch in ihrer eigenen Überforderung der Tochter sehr früh sehr viel Verantwortung und viel mehr Verantwortung, als sie eben tragen kann oder sollte als Kind. Wenn du das alles so erzählst, erkennt man jetzt deutliche Parallelen zu Julia. Ja, definitiv. Und es gibt auch noch mehr Parallelen. Ich habe eben schon erzählt, dass Julia leider Mobbing-Opfer war und auch Lena erlebt Mobbing in der Schule. Erst verbal, später dann auch körperlich. Sie wird verletzt. Gehänselt, ausgeschlossen, beschimpft und sie beginnt dann, sich selbst zu verletzen, um eben da einen Ausweg zu haben und sich selbst vielleicht besser spüren zu können. Sie hat früh, schon im frühen Teenageralter, Suizidgedanken.
Ja, und die nächste Parallele, auch Lena führt dieser Weg dann hin zu einem vermeintlichen Ausweg und das sind die auch Drogen. Mit elf, das ist wirklich extrem, mit elf Jahren nimmt sie zum ersten Mal Drogen, Also erstmals dann Cannabis, dann mit zwölf nimmt sie das schon regelmäßig, also raucht regelmäßig Joints und mit 13 kommen dann Kokain, Amphetamine, LSD, Ecstasy dazu. Die Drogen werden wirklich in so einem frühen Alter und so einem prägenden Alter zu einem ständigen Begleiter für Lena. Und das führt natürlich dann auch dazu, dass ihr Leben immer instabiler wird. Also die Beziehungen sind instabil in der Familie, im Freundeskreis, sie läuft also ständig von zu Hause weg, was ich sehr gut nachvollziehen kann. Landet dann in Jugendhilfeeinrichtungen, sie kommt wieder zurück, läuft wieder raus und gerät dann irgendwie in Kreise.
Wo sie meint, Halt finden zu können, wo aber im Grunde dieses instabile Muster immer nur weiter wiederholt wird, wo Drogen genommen werden. Und diese Spirale, die stoppt niemand. Also sie findet keinen Halt und keine Hilfe, auch nicht irgendwie vom Jugendamt oder in Jugendhilfeeinrichtungen. Und in der Phase lernt sie dann Julia kennen. Genau, also da treffen zwei junge Frauen aufeinander, die völlig unterschiedlich aufgewachsen sind, aber die gemeinsame Erfahrungen teilen. Also sie fühlen sich allein mit ihren hohen Belastungen und diese Nähe, die verbindet sich schnell, intensiv und ja, auf eine Weise, die später sicherlich dann eine Rolle spielen wird. Aber wir haben hier noch eine dritte Person, die auch eine Rolle spielt. Ja genau, das ist Tim. Tim ist in diesem Fall eher so eine Art Randfigur, aber an einem ganz entscheidenden Punkt kommt ihm eine große Bedeutung zu. Der gehört weder zum engen Freundeskreis von Julia, noch ist er irgendwie Teil der Familie. Seine Verbindung entsteht dann eben über Lena. Also die beiden führen eine Beziehung, wie sie bei jugendlichen Teenagern häufig vorkommt, intensiv, unstet, geprägt von auch gemeinsamen Krisen.
Und Tim ist damals 17, später 18 Jahre alt. Und seine Lebensgeschichte, ja, die ist auf eine andere Art genauso brüchig und auch tragisch wie die dieser beiden Mädchen. Der Tod seines Vaters, als er noch ein Kind war, hat in seiner Familie natürlich ein riesiges Loch hinterlassen. Aber dieses Loch, das ist nie wirklich gefüllt worden. Also auch dieser Tod, das ist eine Parallele dann eben auch zu Lena, ist nie aufgearbeitet worden innerhalb der Familie. Und das hat für Tim wirklich schwerwiegende Folgen. Er verliert in der Schule den Anschluss, er beginnt früh Alkohol zu trinken in großen Mengen und dann rutscht er ab in eine Szene.
Die zieht ihn eher mit, als dass er jetzt wirklich bewusst die Entscheidung trifft, ich will da mitziehen. Und auch bei ihm werden Drogen ein fester Bestandteil seines Alltags. Du hast es gerade schon gesagt, wir haben wieder Parallelen, also ein Tod, der nicht aufgearbeitet wird, eines sehr wichtigen Familienmitglieds. Und dann auch noch diese Drogenkarriere, nenne ich es mal. Richtig, ja. Das sind eben die Dinge, die die drei zusammenführen sozusagen. Also Tim, der wird von seinen Großeltern irgendwann tatsächlich fallen gelassen, rausgeschmissen. Also die Großeltern kümmern sich um ihn, versuchen ihn aufzufangen, aber irgendwann sagen die auch, das geht nicht mehr. Die fahren den zum Beispiel zur Schule, damit er wirklich einen strukturierten Alltag hat und er nutzt das dann aber irgendwie, um vorzeitig auszusteigen und sich dann direkt beim Dealer Drogen zu holen. Gut, also er ist eben auch suchtkrank und das konnten die Großeltern dann vielleicht auch nicht so auffangen, wie sie das hätten auffangen müssen, aber wie soll man das wissen? Das ist also wirklich alles sehr, sehr tragisch. Er ist dann eben, hat kein festes Zuhause mehr, er hangelt sich von Schlafplatz zu Schlafplatz, er schläft mal bei Freunden, mal in so Gartenhütten und ja, immer irgendwo, wo er gerade einen Platz findet. Er wirkt nach außen so abgeklärt und cool, als hätte er alles schon erlebt. Er hat ja auch viel erlebt. Aber ja, eigentlich, das wird dann nachher im Gerichtsprozess auch klar, ist er wirklich ein Jugendlicher, der auch überhaupt keinen Halt hat und auch keinen Halt finden kann.
Und wahrscheinlich ist es das, was ihn empfänglich macht für Beziehungen, in denen er dazugehören darf, in denen er wichtig sein darf und für ihn ist Lena eben, also seine Freundin, zu diesem Zeitpunkt eine von wenigen Bezugspersonen, wenn nicht die einzige überhaupt und er klammert sich wirklich richtig an diese Beziehung und an diese Nähe zu ihr, ja.
Dieser Punkt wird auch noch gleich wichtig, wenn wir genauer über die Tat sprechen, um die es hier geht. Die ereignet sich nämlich eigentlich an einem Abend, eines Tages, der eigentlich durch Fröhlichkeit, Besinnlichkeit geprägt sein sollte. Das ist richtig. Das ist der 25. Dezember, also der erste Weihnachtstag 2020. Und für Julia beginnt dieser Tag wie viele Tage in diesem Jahr. Also sie steht ganz normal auf, sie kümmert sich um den Haushalt, sie schaut nach ihrer Mutter Beate, Sie richtet die Medikamente, versucht alles so zu organisieren, dass der Tag halbwegs ruhig verläuft. Und Weihnachten, muss man sagen, fühlt sich für sie, so hat sie das selber beschrieben, schon lange nicht mehr an, wie ein Familienfest. Eher wie ein zusätzlicher Tag, an dem die Belastung vielleicht sogar noch ein bisschen schwerer auf den Schultern sitzt. Weil man ja weiß, das müsste jetzt hier eigentlich anders laufen. Und ein paar Wochen zuvor haben sich eben Julia und Lena kennengelernt, das haben wir schon gesagt. Jetzt muss man dazu sagen, Lena ist deutlich jünger als Julia. Julia ist inzwischen schon 21, das ist auch noch mal wichtig nachher, weil auf sie das Jugendstrafrecht nicht mehr angewendet werden darf. Das heißt nicht, dass diese Überlegungen für sie nicht zutreffen, aber rechtlich ist es für sie tatsächlich nicht mehr möglich. Und Lena ist, wie gesagt, 15 Jahre alt, das ist schon ein deutlicher Altersunterschied, gerade in diesem Alter, finde ich.
Aber Lena gibt ihr eben das Gefühl, ja, mal nicht nur Pflegerin zu sein oder Organisatorin oder quasi eben die Mutter ihrer Mutter, Und weil Julia den Gedanken jetzt gar nicht erträgt, wieder eine Nacht allein da zu Hause mit der Mutter zu verbringen, fragt sie Beate, ob Lena nicht an diesem ersten Weihnachtstag über Nacht bleiben kann. Das ist verständlich, aber Beate sagt eben nein. Richtig und das ist jetzt gar nicht mal, weil Lena ihr unsympathisch wäre, sondern so wird das eben dann rekonstruiert. Sie fühlt sich von dieser Unruhe total überfordert. Das muss man natürlich dazu sagen, das sind zwei junge Mädchen, die Drogen nehmen. Die werden da jetzt nicht friedlich gesessen haben und, ja, Konsole gespielt haben oder so. Die Beate ist ohnehin instabil, sie ist krank, sie ist körperlich und seelisch extrem angeschlagen. Ja, und fremde Menschen in Anführungsstrichen in der Wohnung, die bedeuten dann irgendwie noch mehr Anstrengung für sie.
Und man hat dann auch nachher rausgefunden, sie will eben versuchen, die Kontrolle über diese letzten kleinen Alltagsinseln sozusagen zu behalten. Weil sie kann so wenig kontrollieren und jetzt will sie wenigstens das kontrollieren. Also wenn Julia dann auch noch jetzt jemanden einlädt, hat Beate das Gefühl, okay, ich kann hier gar nichts mehr bestimmen in meinem eigenen Leben. Und ich bin doch hier eigentlich die Mutter. Und deswegen sagt sie Nein, um das zu bestimmen. Und das wirkt ja auch erstmal völlig banal. Aber dieses Nein bringt im Grunde das ganze instabile System plötzlich zum Einstürzen. Ja, anders kann man das wirklich nicht erklären. Also ich glaube, das geht auch aus dem Urteil so hervor. Für Beate bedeutet dieses Nein in dem Moment, wie gesagt, dass sie zumindest über diese eine Entscheidung jetzt noch die Kontrolle hat. Aber für Julia ist das Nein der Mutter in diesem Moment eben nicht nur ein Nein, sondern das ist ein Symbol dafür. Hier bleibt alles beim Alten. Du musst jetzt weiter funktionieren. Hier gibt es keine besonderen Tage mehr. Und freuen darfst du dich auf gar nichts. Das ist ihr Gefühl, was die Mutter ihr dadurch gibt. Und damit wird dieses Nein eben zum Mittelpunkt eines Streits, der sich dann über Stunden hinziehen wird. Ja, genau. Also man muss jetzt dazu sagen, die Mutter und die Tochter, das ist natürlich sowieso eine konfliktbehaftete Beziehung schon gewesen. Also die haben sich viel gestritten.
Und Julia versucht dann jetzt auch, Beate umzustimmen. Sie weint, sie bittet, sie argumentiert und sie versucht so ein bisschen alles, blöd gesagt, was man als Kind versucht, wenn man hofft, dass Mama vielleicht doch noch nachgibt. Aber Beate bleibt eben dabei. Nein, und sie ist überfordert, müde. Und ja, wahrscheinlich ist sie auch gar nicht mehr in der Lage und willens da vielleicht einen Kompromiss zu schließen. Aber Lena ist die ganze Zeit dabei. Ja, das ist so ein bisschen skurril. Also die wartet im Nebenzimmer, wie gesagt 15 Jahre alt, selbst total instabil und voller Angst, ja, im Grunde wieder weggeschickt zu werden. Man muss sich vorstellen, das ist ein Mädchen, das überhaupt keinen Halt hat, die immer wieder, die zu Hause keinen Halt hat, weggelaufen ist und dann im Heim war und da auch keinen Halt gefunden hat und immer wieder weg musste.
Ja, und sie spürt natürlich auch die Spannung zwischen ihrer Freundin und deren Mutter. Und sie spürt, dass Julia da irgendwie zwischen zwei Fronten steht, zwischen der Mutter und eben ihr, der Freundin. Ja, die Stimmung schaukelt sich dann hoch. Extrem, ja. Also von außen betrachtet könnte man vielleicht sagen, ja, das war ein Streit, wie ihn viele Familien kennen. Also Kleinigkeiten, das eine Wort gibt das andere und dann ist auf einmal ein Riesenstreit da und am Ende weiß keiner mehr, worum es hier eigentlich ging. Nur das Problem ist, hier treffen eben Menschen aufeinander, die in einem Ausnahmezustand leben.
Die haben keine Reserven, die haben keine Nerven, überhaupt keinen emotionalen Puffer. Beates Stimme wird immer lauter und Julias Antworten werden immer schriller. Lena reagiert mit Rückzug und Nervosität. Ja, und irgendwann kippt es dann. Und es ist an der Stelle wichtig, hier genau zu verstehen, dass solche Situationen eben nicht plötzlich entstehen. Also dass dieser Streit eben nicht das Ergebnis eines einzelnen Moments ist, sondern das Ende einer jahrelangen Überforderung bei allen Beteiligten. Ja, absolut. Also es kommt jetzt zu einem Moment, den das Gericht später beschreibt, in dem Julia, das ist ein Zitat, den gesamten Frust der letzten Jahre gespürt haben muss. Sie steht also neben dem Bett, also neben Beates Bett und Julia ist übermüdet, emotional ausgelaugt und vielleicht, wie gesagt, hat sie auch Drogen genommen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, weil sie eben drogenabhängig ist in dieser Phase. Und jetzt macht sie folgendes, die greift nach dem Kissen, das neben dem Kopf ihrer Mutter liegt, dann legt sie das Kissen auf Beates Gesicht und drückt es runter.
Man muss das auch klar einordnen. Das Gericht sagt später, dass Julia zu dem Zeitpunkt einen Tötungsvorsatz hatte, also dass sie bewusst in Kauf genommen hat, dass ihre Mutter stirbt, aber gleichzeitig, und das ist die Tragik bei dem Fall, spricht das Urteil von einer emotionalen Überflutung. Ja, das ist quasi der Moment, in dem sich jahrelange Hilflosigkeit auf einen Schlag entlädt und auch vielleicht so ein bisschen, auch dass sie jetzt auf einmal denkt, okay, jetzt kann ich was tun und ich beende jetzt diese Situation, die ich nicht ertrage.
Und trotzdem, wie immer, niemals entschuldigt das natürlich diese schreckliche Tat. Es kann aber helfen, zu erklären, wie es dazu kommen konnte. Ja, und Lena steht die ganze Zeit daneben. Die steht nur ein paar Meter entfernt, tatsächlich wie eingefroren eigentlich, als wäre sie erstarrt im Grunde. Und das kann man ja auch nachvollziehen. Es ist ja völlig unfassbar, was sie da sieht. Noch unfassbarer ist aber das, was sie dann macht, denn nach einer Weile greift sie dann mit auf das Kissen, fast mit an und hilft Julia wirklich das Kissen weiter runter zu drücken. Und irgendwann ist es dann soweit, dass Beate aufhört sich zu wehren, sie ist ohnehin körperlich natürlich sehr schwach und ja, dann wird es ganz still. Man muss hier auch erklären, wir sprechen hier nicht über einen Zeitraum von wenigen Sekunden. Das dauert viel länger, als wir das vielleicht aus Krimis kennen oder aus Filmen.
Bis eben ein Mensch erstickt wird. Gut, du hast schon gesagt, Beate war ja gesundheitlich schon angeschlagen, aber trotzdem müssen Minuten vergangen sein, bis sie dann wirklich gestorben ist. Genau, ja und damit endet im Grunde ein Weihnachtsabend, der sowieso nie einer war. Die beiden jungen Frauen, Lena und Julia, die befinden sich dann, so hat das Gericht das später bezeichnet, in so einer Art Schwebezustand. Die psychiatrischen Gutachter sagen später, dass Julia und Lena in dieser Situation nicht rational oder planvoll handeln können. Und so steht Julia zunächst einfach nur da.
Ihr Körper funktioniert, aber die Gedanken kommen irgendwie nicht mit. Also sie ist nicht richtig in der Situation und Lena steht weiter abseits im Türrahmen, guckt so ein bisschen von außen zu und weiß anscheinend gar nicht, wie sie in diese Situation geraten ist. Ja, und die beiden rufen weder den Notruf, noch verlassen sie die Wohnung, noch nicht mal das Zimmer, in dem die drei sind. Ja, das ist für mich auch ehrlich gesagt schwer vorstellbar. Aber man kann sagen, die zwei verhalten sich eigentlich, als wollten sie die Zeit anhalten oder als könnten sie, wenn sie jetzt einfach stillhalten, erreichen, dass das alles nicht passiert ist, dass sich die Zeit zurückdreht sozusagen.
Ja, die machen einfach nichts. Ja, aus psychologischer Sicht ist das kein ungewöhnlicher Zustand. Also nach Taten, die aus emotionaler Überforderung entstehen oder begangen werden, geraten Menschen häufig in eine Art Schockstarre. Das bedeutet nicht, dass sie nicht wüssten, was sie da gerade getan haben oder dass sie sich für unbeteiligt halten würden, sondern es ist mehr die Fähigkeit, logisch zu handeln oder angemessene Entscheidungen zu treffen, die ist kurzfristig massiv eingeschränkt oder ausgesetzt. Und man sieht das oft bei Jugendlichen, die in Situationen geraten sind, denen sie emotional oder eben geistig nicht gewachsen sind. Ja, und in Julias Fall kommt natürlich dazu, dass sie seit Jahren gelernt hat, Konflikte und auch Katastrophen im Grunde allein auszuhalten. Die hat nie jemand angerufen, wenn Beate zusammengebrochen ist, außer natürlich, wenn sie dann wirklich so weit war, dass sie ins Krankenhaus musste. Die hat keine Hilfe geholt, wenn es ihr selbst schlecht ging. Ich meine, man muss sich das vorstellen, als Teenager mit einer gebrochenen Rippe rumzulaufen und niemandem was zu sagen. Und ja, so versucht sie auch jetzt, die Situation selbst zu kontrollieren. Nur das ist natürlich nicht mehr kontrollierbar. Ja, denn die Zeit bleibt nicht stehen und man kann sie auch nicht zurückdrehen. Und Beate liegt weiterhin tot im Schlafzimmer und es vergehen fast zwei Tage, bis Julia und Lena überhaupt etwas tun.
Das ist wirklich unvorstellbar. Die beiden verlassen die Wohnung die ganze Zeit nicht. So hat das Gericht es, wie gesagt, später rekonstruiert. Die bewegen sich wie mechanisch durch die Räume. Die schlafen und essen kaum. Und erst etwa am Nachmittag des 27. Dezember, also wirklich zwei Tage später, fassen sie den Beschluss ab. Dass Beates Leiche nicht hierbleiben kann, wenn sie das, was sie getan haben, verdecken wollen. Und das wollen sie. Ja, und genau dann kommt eine dritte Person ins Spiel. Wir haben es eben schon gesagt, Tim.
Lena und Julia kontaktieren ihn, weil er in ihrer kleinen, brüchigen Welt der einzige ist, der ihnen noch loyal erscheint. Er hat zwar keine Nähe zu Beate, also er hat keine Nähe zu Beate, keine Verbindung zu der Wohnung, aber er hat eben diese Verbindung zu Lena, mit der er eine Beziehung führt. Und das reicht aus, dass er zu den beiden fährt. Genau, also wir haben ja eben schon gesagt, er ist wirklich sehr, sehr loyal Lena gegenüber. Er hängt unwahrscheinlich an ihr. Und deshalb erscheint er dann eben in der Nacht auf den 28. Dezember, also besser gesagt in den frühen Morgenstunden schon, in dieser Wohnung. Und gemeinsam wickeln die drei dann eben die Leiche von Beate in mehrere Tücher und tragen sie zu dritt die Treppe runter zu diesem alten Renault, dem Renault von Beate, der seit Monaten nicht mehr zugelassen ist und im Grunde nicht mehr fahrbereit ist. Der Wagen ist in einem technisch miserablen Zustand, der hat keine Kennzeichen.
Und normalerweise würde sich da niemand reinsetzen. Aber Tim setzt sich eben jetzt trotzdem ans Steuer und auch Julia und Lena steigen ein. Tim glaubt, dass er die Leiche wegbringen kann und dass er eben so Julia und vor allem Lena, seine Freundin vor möglichen Konsequenzen schützen. Ja, und jetzt einmal gesagt, kein Mensch weiß, was die da jetzt wirklich vorhatten, was ihr Plan war, wenn es denn einen gab. Man kann aber definitiv sagen, diese Fahrt, die dauert nicht lange. Denn auf dem Weg prallt Tim dann schon leicht mit dem Wagen gegen eine Hauswand.
Was das Fahrzeug zusätzlich beschädigt. Und kurze Zeit später bleibt dieser alte Renault in Eudenbach dann endgültig liegen. Die drei sind gerade mal gut zwei Kilometer weit gekommen. Und das Auto ist, wie gesagt, kaputt. Damit ist auch der Plan der drei jungen Menschen, der ja sowieso nicht sehr ausgereift ist, war, gescheitert und ja, die drei steigen jetzt aus, lassen das Auto zurück und gehen, ohne zu wissen, was als nächstes passieren wird. Und genau an dem Punkt beginnt der zweite Teil des Falls, die Ermittlungen. Sie setzen dann einen Punkt an, der erstmal harmlos wirkt. Es ist ein abgemeldetes, beschädigtes Auto am Straßenrand, aber dass sich im Kofferraum eine Leiche befindet, ahnt zu dem Zeitpunkt niemand. Richtig. Also von außen betrachtet wirkt dieses Auto, das Tim da am Straßenrand stehen lässt, wie ein typischer Fall fürs Verkehrskommissariat. Also keine Kennzeichen, abgemeldet, beschädigt, ein bisschen schräg geparkt. Wir haben da ja noch ein Foto, das werden wir natürlich auch nochmal bei Instagram posten.
Und man denkt ja, okay, das Auto ist nach einem kleinen Unfall zurückgelassen worden, vielleicht von jemandem, der betrunken am Steuer saß. Und ja, auch für die Menschen, die da in der Umgebung wohnen, ist das zunächst einfach mal ein kleines Rätsel und vielleicht auch ein Ärgernis, dass da so ein kaputtes Auto rumsteht. Aber mehr denkt sich da eigentlich niemand bei. Ja, weil natürlich auch niemand ahnen kann, dass sich im Kofferraum eine Leiche verbirgt. Und es dauert ungefähr eine Woche, bis sich die Polizei intensiver mit dem Wagen beschäftigen wird. Ja, genau. Also das Auto wird dann erstmal abgeschleppt, auf ein umzäuntes Gelände gebracht, also so ein Abschlepphof, wie man das kennt. Und da fällt erstmal nichts Besonderes auf. Es vergehen dann einige Tage. Es ist inzwischen 2021, der Jahreswechsel liegt hinter uns und da nimmt ein Mitarbeiter dieses Abschleppunternehmens.
In der Umgebung des Autos einen ungewöhnlichen Geruch war. Also jetzt ist der 5. Januar 2021 inzwischen. Das heißt, Beate ist seit zehn Tagen tot. Und trotz der kälteren Temperaturen, wir haben ja dann Januar, hat natürlich der Verwesungsprozess eingesetzt. Und sorgt für diesen Geruch, der dann sogar aus dem verschlossenen Kofferraum wahrnehmbar ist. Ja, wahrnehmbar ist. Und zwar so stark, dass der Mitarbeiter tatsächlich die Polizei ruft. Weil er merkt, okay, da kann irgendwas nicht stimmen. Jetzt schauen sich die Beamten den Wagen genauer an, öffnen auch den Kofferraum und finden dort dann den in Tücher gewickelten Körper der toten Beate. Ja, und aus einem mutmaßlichen Verkehrsdelikt wird dann plötzlich ein mögliches Tötungsdelikt. Und aus dem Fundwagen ein Fundort. Richtig, genau.
Die Ermittler versuchen, die frühere Halterin des abgemeldeten Fahrzeugs zu erreichen. Erfolglos logischerweise. Sie versuchen auch Verwandte zu kontaktieren, aber niemand reagiert. Und dann geht man den Weg über die letzte Adresse, an der das Fahrzeug gemeldet war. Und so taucht der Name von Julia zum ersten Mal in diesem Ermittlungszusammenhang auf. Aber Julia geht auch nicht ans Telefon. Und so fahren die Beamten dann kurzerhand zu der Wohnung, in der Julia wohnt und in der am ersten Weihnachtstag Beate gestorben ist. Ja, und Julia öffnet den Polizisten sogar. Sie wirkt fast ruhig, fast apathisch. Ihre Freundin Lena ist auch da, jedoch nicht Mutter Beate. Und die Beamten vernehmen dann die beiden Frauen getrennt voneinander, weil sie schon merken, irgendwas kann da nicht stimmen.
Ja, die beiden wirken angespannt, antworten ausweichend und ja, man muss jetzt dazu sagen, dass auch Tim eine Rolle spielt, das ist zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht klar. Als Julia dann eben mit dem Fund der Leiche ihrer Mutter konfrontiert wird, also es ist jetzt klar, das ist Beate, die da tot im Kofferraum lag, da bricht die Tochter dann wirklich zusammen, beginnt zu weinen, sie zittert und dann sagt sie, Zitat, es ist alles falsch gelaufen. Was sagt Lena aus? Ja, Lena versucht zunächst, sich selbst ein bisschen aus der Verantwortung zu ziehen. Sie sagt, dass sie nur daneben gestanden habe, als das passiert ist, als Beate gestorben ist. Und sie gibt dann wiederum den Hinweis auf Tim. Also sagt, dass er auch beteiligt war. Der wird dann ebenfalls befragt. Der ist allerdings dann wirklich, bei der Befragung steht er deutlich unter Drogeneinfluss. Antwortet total schwankend, fahrig. Und im Grunde die Quintessenz ist, er sagt, er habe nur helfen wollen.
Alle drei werden dann festgenommen und hier zeigt sich schon deutlich, warum dieser Fall so schwierig zu bewerten ist, weil alle drei Beteiligten sind jung, emotional überfordert, teilweise stark drogenabhängig und ihre Aussagen sind geprägt von Angst, Loyalität und Scham und eben auch von dem Wunsch, jeweils die andere Person zu schützen, aber sich auch nicht selber zu belasten und sich selber zu retten. Ja, das stimmt. Also, kurz gesagt, es beginnt die eigentliche Ermittlungsarbeit der Polizei, die rekonstruiert jetzt den Tathergang. Das ist auch der Grund, weshalb wir das jetzt alles so ausführlich hier erzählen können. Die Aussagen werden ausgewertet, es werden Spuren verglichen, sichergestellt verglichen. Es wird versucht zu verstehen, was genau ist in dieser Nacht passiert. Ja, und am Ende der Ermittlungen steht eine Anklage, die sich gegen alle drei Personen richtet. Julia und Lena werden beschuldigt, Beate gemeinschaftlich getötet zu haben. Tim wird nicht wegen der Tötung angeklagt, sondern wegen der versuchten Strafvereitelung, wegen des Fahrens ohne Fahrerlaubnis und weiteren Verkehrsstraftaten, die bei dieser missglückten Fahrt mit dem Renault entstanden sind. Genau, also er hatte keinen Führerschein und hat dann auch noch einen Unfall gebaut, klar.
Es kommt also zum Prozess vor dem Landgericht Bonn. Und während für Tim und Lena, das hatte ich eben schon mal angedeutet, Jugendstrafrecht gilt, wird auf Julia mit ihren jetzt tatsächlich gerade mal 21 Jahren zur Tatzeit wohlgemerkt, das Erwachsenenstrafrecht angewandt. Ja, und weil bei zwei der Angeklagten eben das Jugendstrafrecht angewandt wird, werden Teile der Hauptverhandlungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt. Deshalb haben wir unsere Informationen auch nur aus zweiter Hand. Also durch die Recherchen unseres Gerichtsreporters beispielsweise. Der war vor Ort und der hatte auch Kontakt mit allen Prozessbeteiligten und natürlich durch das Urteil. Genau.
Im Gerichtssaal zeigt sich dann sehr schnell, wie eng und wie tragisch auch diese drei jungen Menschen miteinander verstrickt waren. Während der Verhandlung werden die Lebensläufe der drei ausführlich besprochen. Das haben wir ja eben schon dargelegt. Also daher wissen wir auch von diesen Lebensläufen. Und wir haben die hier nicht dargelegt, um Verständnis für ihr Handeln zu erzeugen. Und sie werden auch vor Gericht natürlich nicht so ausführlich besprochen, um irgendwie Verständnis herzustellen, sondern eben um zu klären, warum haben die das gemacht und waren die in der Lage, diese Taten zu überblicken. Also es geht hier um Julias extrem belastete Pflegebeziehung mit ihrer Mutter. Es geht um Lenas jahrelange Vernachlässigung, den frühen Drogenkonsum und um Tims nicht verarbeitete Trauer, seine Sucht und auch die lange Obdachlosigkeit und das eben als sehr junger Mensch.
Ja, und dann geht es natürlich auch um die Nacht selbst, um diese Todesnacht. Julia gibt früh zu, dass sie das Kissen auf das Gesicht ihrer Mutter gedrückt hat. Sie beschreibt den Streit, der dem vorangegangen ist. Sie beschreibt, wie überfordert sie war, dass sie Angst hatte und dass sie das Gefühl hatte, ich komme hier nicht mehr raus. Die Darstellung ist emotional, aber nicht ausschweifend. So bewertet das auch der psychiatrische Gutachter. Also sie schont sich selbst da nicht. Und Lena sagt aus, sie sei wie gelähmt gewesen. Sie habe nichts tun können, sie hätte nur da gestanden.
Und ja, man muss jetzt schon mal vorgreifen, was Lena getan hat und was nicht, das wird später nochmal ein Thema werden, wenn wir hier weiter über diesen Fall sprechen. Das Gericht muss in solchen Fällen sorgfältig prüfen, ob die Schilderungen aller Beteiligten glaubhaft sind. Also es muss das Gesagte also abgleichen mit Spuren, mit Verhalten, mit äußeren Umständen und auch mit den psychologischen Gutachten. Genau, und die Kammer kommt hier am Ende zu dem Schluss, dass Julia und Lena Beate gemeinsam erstickt haben. Es sieht bei Julia, das hast du eben schon gesagt, einen Tötungsvorsatz in dem Moment, als sie das Kissen auf das Gesicht ihrer Mutter gedrückt hat. Und bei Lena sieht es eine tatunterstützende Handlung, auch wenn sie selbst das anders darstellt. Sie hat, wie gesagt, gesagt, ich konnte gar nichts machen und ich wusste gar nicht, was los ist. Ja, und Tim wird für seine Rolle bei der versuchten Beseitigung der Leiche verurteilt, nicht aber in Zusammenhang mit der Tötung. Das Gericht erkennt seine emotionale Abhängigkeit und seine massive Drogensucht als mildernde Umstände an. Er wird also wegen versuchter Strafvereitelung in Tateinheit mit mehreren Verkehrsdelikten zu insgesamt zwei Jahren Jugendstrafe verurteilt.
Julia bekommt drei Jahre Freiheitsstrafe wegen gemeinschaftlichen Totschlags im minderschweren Fall. Lena für denselben Tatbestand zwei Jahre Jugendstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt werden. Anders übrigens als Tims Strafe. Das liegt daran, dass das Gericht bei ihm keine ausreichend stabile Aussicht sieht, dass er ohne Haft wirklich dauerhaft von weiteren Straftaten Abstand nimmt. Also die können jetzt nicht sagen, okay, der wird sich jetzt von Straftaten fernhalten. Was das Gericht aber gemacht hat, ist, Tim bekommt eine sogenannte Vorbewährung. Ehrlich gesagt, ich hatte das vorher noch nie gehört. Ja, das bedeutet, dass die Jugendstrafe erstmal für sechs Monate nicht vollstreckt wird. Also Tim bekommt in der Zeit die Chance, sich zu stabilisieren, seine Therapie- und Hilfmaßnahmen umzusetzen und eben zu zeigen, dass er jetzt bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.
Und wenn ihm das gelingt, kann das Gericht später entscheiden, dass die Strafe dann eben doch noch zur Bewährung ausgesetzt wird. Ah, okay. Das ist also keine Bewährung im klassischen Sinne, sondern eher so ein letzter Versuch. Wir wissen übrigens nicht, wie das bei Tim dann am Ende ausgegangen ist. Die Entscheidung gegen Julia basiert darauf, dass das Gericht zwar eine emotionale Ausnahmesituation bei ihr erkennt, aber dennoch davon ausgeht, dass sie wusste, was sie tat, als sie eben das Kissen auf das Gesicht ihrer Mutter drückte.
Bei Lena hingegen gibt es eine Besonderheit. Das Gericht lässt offen, wie bewusst sie gehandelt hat und verweist auch stark auf ihr Alter, weil sie zum Tatzeitpunkt 15 Jahre alt war und auch eben auf ihre psychische Verfassung. Ja, und das ist ein zentraler Punkt, der dazu führt, dass mit diesem Urteil die Geschichte hier, wie so oft, noch nicht zu Ende erzählt ist. Ja, der Fall geht nämlich noch zum höchsten Strafgericht in Deutschland, dem Bundesgerichtshof. Du machst es ja auch nicht ohne Bundesgerichtshof bei deinen Freunden. Das ist irgendwie, jedes Mal haben wir noch. Du ziehst das magisch an, ja. Genau, Lenas Verteidigerin hatte Revision eingelegt und die ist erfolgreich. Die Anwältin ist der Meinung, dass das Landgericht Bonn, also die erste Instanz, nicht sauber genug geprüft hat, welche Rolle Lena tatsächlich hier gespielt hat. Ja, und nochmal zur Einordnung. Der BGH prüft keine neuen Beweise. Es wird auch nicht neu ermittelt. Er bewertet auch nicht, ob jemand wirklich schuldig ist. Er schaut sich eben nur an, ob das Verfahren korrekt geführt wurde. Ja, und das wurde es in diesem Fall ganz offenbar nicht. Man muss dazu auch sagen, der BGH hebt Urteile nicht leichtfertig auf. Der tut das nur, wenn die Beweiswürdigung so fehlerhaft ist, dass man eben nicht mehr sicher sagen kann, ob das Urteil hält.
Und im Fall von Lena sieht der BGH gravierende Probleme. Es geht vor allen Dingen um drei große Kritikpunkte. Erstens, die Jugendkammer hat sich im Wesentlichen auf die Aussage von Julia gestützt, ohne ausreichend darzustellen, wie die Aussage im Ermittlungsverfahren entstanden ist und ob sie konsistent war. Zweitens, die Richter haben mehrfach wechselnde Aussagen von Lena nicht sorgfältig genug geprüft. Der BGH sagt sinngemäß, Zitat, wenn ein Mädchen mit 15 unter Druck gesetzt wird und ihre Aussage mehrfach ändert, dann muss man genau hinschauen, warum, Zitat Ende.
Und der dritte Kritikpunkt, das Landgericht hat eine Art Zirkelschluss gebaut. Also er hat Lenas Mitwirken am Ersticken von Beate deshalb angenommen, weil sie später bei der Beseitigung der Leiche geholfen hat. Aber juristisch gilt, eine spätere Handlung darf nicht automatisch der Beweis für eine frühere Tat sein. Verstehe. Das heißt nicht, dass Lena unschuldig ist. Das heißt nur, das Urteil, so wie es formuliert war, reicht nicht aus. Der BGH ordnet deshalb an, dass der gesamte Sachverhalt, zumindest für Lena, neu verhandelt werden muss. Von einer anderen Jugendkammer, mit neuen Gutachten und mit einer neuen Beweisaufnahme. Das bedeutet auch, die neue Kammer ist völlig frei in ihrer Bewertung. Also sie kann zu demselben Ergebnis kommen wie die erste Kammer, sie kann aber auch zu einem völlig anderen Ergebnis kommen oder kann bestimmte Elemente eben nochmal neu einordnen. Wichtig ist nur, dass diesmal die Beweiswürdigung so sorgfältig erfolgt, dass sie dann auch der juristischen Überprüfung standhält. Und in der neuen Verhandlung passiert dann etwas, das viele überrascht, denn Lena wird nicht mehr wegen Totschlags verurteilt. Die Jugendkammer erkennt an, dass ihre Rolle bei der Tötung nicht eindeutig nachweisbar ist. Stattdessen wird sie wegen versuchter Strafvereitelung zu vier Wochen Dauerarrest verurteilt und die Strafe gilt als verbüßt, weil sie zuvor ja monatelang in Untersuchungshaft saß.
Und ich muss sagen, das ändert für mich nochmal den Blick auf diesen Fall, nicht weil die Tat weniger schlimm wäre, sondern weil wirklich deutlich wird, wie schwierig es ist, in einer emotional so extrem aufgeladenen Situation die Rollen gerade junger Menschen klar zu trennen. Man muss sich das vorstellen, das ist eine sechs Jahre ältere Freundin, die da steht und die das Kissen auf das Gesicht der Mutter drückt und sie war, glaube ich, in dieser Situation völlig hilflos.
Man könnte auch sagen, der BGH hat in diesem Fall dafür gesorgt, dass nicht nur die Annahme einer gemeinsamen Tat ausreicht, sondern dass jede Tatbeteiligung eindeutig bewiesen werden muss. Und das ist gerade im Jugendstrafrecht enorm wichtig, denn ein falsches Urteil kann das Leben von jungen Menschen dauerhaft prägen. Für Julia bleibt das ursprüngliche Urteil bestehen und für Tim auch. Ja, wenn man sich diesen Fall anschaut, dann gibt es einen Gedanken, der sich fast automatisch aufdrängt. Wie konnte eine solche Entwicklung über Jahre hinweg unbemerkt bleiben? Man hat auf der einen Seite Beate, schwer krank, körperlich überlastet, psychisch instabil, abhängig von Schmerzmitteln. Und man hat Julia als Jugendliche, die in eine Pflegerolle gedrängt wird, die sie weder ausfüllen kann, noch ausfüllen dürfte. Und das ist eine Situation, die eigentlich nie allein in vier Wänden stattfinden sollte. Es bräuchte Unterstützung medizinisch wie sozial, aber diese Unterstützung kommt kaum oder eben nur punktuell. Genau, also ich habe ja schon gesagt, ein professioneller Pflegedienst, der wird als nicht nötig erachtet, sodass am Ende eine gerade mal volljährige Person völlig allein mit der Pflege ihrer Mutter dasteht, wo andere gerade überlegen, was sie mal werden wollen. Und es taucht im Urteil auch an keiner Stelle ein Hinweis auf Jugendamt, Familienhilfe oder andere soziale Unterstützung für Julia und Beate auf.
Offenbar hat niemand gesehen, wie überlastet diese Familie war und da hat auch dann niemand gegengesteuert. Und das gilt in anderer Hinsicht auch für Lena, oder? Ja, ich würde sagen, Lena ist ein Mädchen, das vermutlich durch alle Raster gefallen ist. Wir haben es eben schon gesagt, die verbringt ihre Jugendjahre in Jugendhilfeeinrichtungen, in stabilen Familienverhältnissen, mit wechselnden Bezugspersonen, die nie so ein richtiger Halt sind. Und ihre Drogensucht, das muss man auch ganz klar sagen, die beginnt in einem Alter, in dem viele Kinder noch weit davon entfernt sind, überhaupt an sowas zu denken. Ja, was man an Lenas Lebenslauf sehr deutlich sieht, ist, dass das System nicht konsequent genug war. Es gibt Erziehungsbeistand in Obhutnahmen, selbststationäre Unterbringung, das sind alles Maßnahmen, die in einem solchen Fall ja grundsätzlich sinnvoll sein können, aber brauchen Zeit, sie brauchen Kontinuität und professionelle Bindungspersonen, damit sie wirken können. Wenn ein Kind aber nur von Einrichtung zu Einrichtung wechselt oder wieder nach Hause zurückgeschickt wird, ohne dass die Struktur zu Hause tragfähig ist, können diese Maßnahmen ja überhaupt nicht ihre Wirkung entfalten. Ja, absolut.
Ja, und wenn wir dann zum Abschluss noch mal auf Tim schauen, der ist eben ein junger Mann, der, wie gesagt, den Verlust seines Vaters nie verarbeitet hat, der mit 13 Jahren in die Drogenszene abrutscht. Die Großeltern versuchen ihn zu stützen, aber, das habe ich eben schon erzählt, weil sie schaffen es nicht. Und was er gebraucht hätte, wäre vermutlich Therapie gewesen. Ein Entzug, ja, auch das. Aber vor allem Therapie. Und ehrlich gesagt, das gilt aus meiner Sicht für alle drei in diesem Fall. Bei Tim ist es, wie gesagt, so, die Großeltern lassen ihn irgendwann fallen. Nun wird ja auch oft gesagt, man muss Suchtkranke irgendwann fallen lassen.
Ich muss ganz ehrlich sagen, ja, das wäre noch mal ein ganz anderes Thema. Man kann natürlich sagen, ja, man kann nur durch eigenen Willen aus sowas rauskommen. Ich persönlich glaube aber auch, dass es schon Bezugspersonen auf diesem Weg geben muss, die da sind und die begleiten. Auch wenn es sehr, sehr schwer ist und ich wirklich für jeden Verständnis habe, der das nicht auf Dauer aushält. Ja, es ist schwierig, das so von außen zu beurteilen. Tim bleibt jedenfalls praktisch nichts mehr, als die Großeltern ihn wegschicken. Und er landet in dieser kleinen Welt aus, du hast es schon gesagt, Gartenhütten, Couchsurfing, die Drogenszene. Und genau dort lernt er Lena kennen, eine Verbindung zweier extrem verletzlicher Jugendlicher, die sich gegenseitig auch noch verstärken.
Ja, wir haben hier drei sehr junge Menschen, deren Lebenswege zwar unterschiedlich sind, aber in einem wesentlichen Punkt eben doch zusammentreffen. Also jeder musste früh Verantwortung übernehmen, jeder ist zu früh erwachsen geworden und jeder von ihnen hatte eine Phase, eine lange Phase, in der professionelle Hilfe super nötig gewesen wäre und die aber nicht kam. Ja, und es gibt hier auch nicht diesen einen Punkt, an dem man hätte sagen können, hier hätte der Fall komplett verhindert werden können. Das sind vielmehr viele kleine Momente, die sich über Jahre hinweg ansammeln, also Momente, in denen niemand ausreichend hinschaut oder in denen auch jemand etwas sieht, aber irgendwie darüber hinweg sieht und nichts tut. Oder es wird etwas getan, aber eben nicht nachhaltig, weil die Strukturen nie stabil genug sind, um die Jugendlichen langfristig zu begleiten.
Ja, und um dann nochmal auf das Jugendstrafrecht zurückzukommen, das bedeutet eben nicht nur Taten zu beurteilen, sondern sich auch Systeme anzuschauen und zu hinterfragen. Man lernt aus solchen Fällen, wie wichtig frühe Interventionen sind, wie wertvoll stabile Bezugspersonen sind und wie gefährlich es ist, wenn Kinder und Jugendliche mit komplexen Belastungen alleingelassen werden. Ja, es ist ein Wort, das sehr oft unangebracht ist. Ich habe selbst gemerkt, dass ich es hier heute schon öfter benutzt habe und ich glaube, in diesem Fall passt es mal. Wir sehen hier eigentlich eine Tragödie, die sich über viele Jahre aufbaut und schon lange, bevor es Weihnachten 2020 wurde und daneben an diesem Abend sich dann endgültig entfaltet hat. Also das ist eben eine Konstellation, die so ungünstig ist und in der alle möglichen Ängste und Unvermögen und auch Schwächen sich gegenseitig verstärken. Ja, und dann kommt dieser Moment, in dem alles zu viel wird, in dem eine Grenze überschritten wird, die man auch nicht rückgängig machen kann. Ja, und aus juristischer Sicht zeigt der Fall, wie komplex Jugendkriminalität sein kann. Die Tat ist schrecklich, da kann es auch keine andere Meinung geben. Aber das Umfeld, in dem sie entstanden ist, ist genauso schrecklich. Die Aufgabe eines Gerichts ist es dann, beides zusammenzubringen. Die Verantwortung für das eigene Handeln und die Bedingungen, unter denen dieses Handeln überhaupt entstanden ist. Und hier war es wichtig, präzise zu trennen, wer wofür verantwortlich ist, gerade weil die Grenzen in der Realität so verwischt werden. Ja, auf jeden Fall.
Also du hast es gerade schon gesagt, hier haben wirklich mehrere Systeme versagt und Menschen sind zu lange alleingelassen worden. Das zeigt aber wirklich auch mal wieder, und ich glaube, das ist so eine Lehre aus diesem Fall, dass Gewalt eigentlich selten bis nie aus dem Nichts kommt. Ja, sondern dass sie eben in Geschichten verwoben ist, die meistens sehr, sehr, sehr viel früher beginnen. Ja, wir sind gespannt, was ihr zu dem Fall sagt. Schickt uns doch euer Feedback bei Spotify, bei YouTube, bei Instagram oder per E-Mail an podcast.ga.de. Ja, und bitte abonniert auch unseren Podcast, folgt uns, teilt ihn gerne mit Freundinnen, Freunden und Familie. Aktiviert die Glocke bei Spotify, damit ihr keine neue Folge verpasst. Und am allerliebsten bewertet ihr uns natürlich mit fünf Sternen bei Spotify und bei Apple Podcasts. Podcasts. Da könnt ihr übrigens sehr gerne auch ein paar nette Worte hinterlassen. Das hilft uns wirklich ganz, ganz doll. Und wir freuen uns, wenn ihr das nächste Mal wieder dabei seid. Danke fürs Zuhören und jetzt ja auch.
Der GA-Podcast zu Kriminalfällen aus Bonn und der Region. Akte Rheinland ist eine Produktion der Generalanzeiger Bonn GmbH. Redaktion und Moderation Anna-Maria Bekes. Produktionsleitung Andreas Deick.