Akte Rheinland. Ein Podcast des Bonner Generalanzeigers über wahre Verbrechen. Und so hört ihr Leute die Geschichte, in Alfter wohnt ein Bösewicht, ein wüterig Vollblutbegier, ermordete der Menschen vier und leugnet noch mit keckem Mut, besudelt mit dem Menschenblut. Er habe nicht die Tat vollbracht, weshalb er jetzt sei angeklagt. Und so sprach des Richters Wort, Fassbender soll auf das Schafott. So wartet Qual den Bösewicht und Gottes strenges Strafgericht.
Hallo und willkommen zurück bei Akte Rheinland. Das hier ist unsere erste Folge im Jahr 2026 und wir hoffen, euch geht's gut. Mein Name ist Anna-Maria Bekes und wenn jemand bestimmt gute Vorsätze fürs neue Jahr hat, dann muss das doch Jörg Mannhold sein, oder? Wieso ausgerechnet ich? Ach, hätte ich jetzt so gedacht. Ich habe tatsächlich mir keinen Vorsatz genommen, aber weil ich dann gemerkt habe, das war ja schon ein Vorsatz, Jetzt habe ich gedacht, mache ich das so das Übliche, also ein bisschen Gesundheit und weniger Arbeitsstress. Aber dann habe ich dich auf dem Flur getroffen und dann war es damit schon wieder vorbei. Tut mir leid. Na gut. Wir starten also jetzt auch in ein neues Podcastjahr und das auch gleich mit einem neuen Podcast-Erscheinungstag. Ab sofort gibt es nämlich hier immer an jedem zweiten Montag einen neuen True-Crime-Fall aus dem Rheinland für euch. Und das seit Neuestem auch zum Gucken, hallo. Nämlich als Videopodcast bei Spotify und bei YouTube.
Falls ihr unseren Podcast noch nicht abonniert habt, tut das gerne genau jetzt. Bewertet uns bei Spotify und bei Apple Podcasts und schreibt uns bitte unbedingt, wenn ihr Themen habt, die ihr loswerden wollt, wenn ihr Feedback habt oder sonstige Fragen. Jörg, du bist ja eigentlich unsere rheinische Allzweckwaffe für die Live-Podcasts mit Lydia Benecke. Und dafür bist du natürlich auch dieses Jahr schon wieder festgebucht. Aber jetzt bist du nach ganz langer Zeit, ich weiß gar nicht, wie viele Jahre es her ist, mal wieder in einer regulären Folge zu Gast. Zählen wir schon in Jahren, ich weiß gar nicht. Ich glaube schon, ehrlich gesagt. Ja, die Zeit vergeht. Das stimmt. Also, falls jemand von euch Jörg nicht kennt, du bist Leiter unseres Regionalressorts, das heißt beim Generalanzeiger hier in Bonn. Das heißt, du bist der Chef unserer Außenredaktion, Lokalredaktionen um Bonn herum. und du bist ausgewiesener Experte fürs Rheinland, für die rheinische Sprache und für die rheinische Kultur, kurzum für alles Rheinische. Sag doch mal eine typische rheinische Redensart. Ja, rheinische Redensarten haben so ihre Vorzüge, weil da sehr viel Lebensweisheit drinsteckt und ich glaube, zu unserer Folge passt ganz gut die rheinische Redensart. Das Dudenhemd hat keine Taschen. Also das Totenhemd hat keine Taschen.
Der Kölner Sänger Gerd Köster hat mal das Lied gemacht. Du kannst nichts mitnehmen. Du kannst eine SUV haben mit einer eigenen Postleitzahl, aber du kannst nichts mitnehmen. Froch der Düvel, Froch der Lewe J, du kannst nichts mitnehmen. Und ich glaube, das wird gleich auch nochmal wichtig bei dem, was wir da so besprechen. Sehr schön. Ja, und um das abzurunden, spielt der Jörg auch noch das reinischte Instrument im Universum. Das habe ich von dir geklaut, von deiner Homepage. Jetzt verrät es aber auch alles, also bitte.
Nämlich Akkordeon, oder? Wie du gerne sagst, Quetsch. Oder wie der Rheinländer gerne sagt. Ja, genau. Außerdem hat er hier beim GA logischerweise auch seinen eigenen Rheinisch-Podcast, in dem er mehr oder weniger regelmäßig Größen des Karnevals und andere rheinische Frohnaturen interviewt. Dieser Podcast heißt So geht Rheinisch und er covert mit seiner Band Ringpirate kölsche Rock-Pop-Hits. Alles richtig? Ja, im Prinzip kann man dazu sagen, da steckt jetzt eigentlich mein wirklicher Vorsatz dieses Jahr drin. Ich will mich nämlich um die Krätzchen kümmern. Es gibt ja viele Reden über Krätzchen, aber keiner kann genau definieren, was es ist und darum wollte ich mich mal kümmern und das mit dem Akkordeon hast du gesagt, auch das will ich weiter fördern, weil es ein schönes Instrument ist und 2026 ist ja das Jahr des Akkordeons. Insofern gebührt ihm die große Bühne. Wie wir alle wissen, ja.
Gut, dann starten wir jetzt in unsere neue Episode. Auf den Fall bin ich übrigens diesmal nicht selbst gestoßen, du hast ihn auch nicht mitgebracht, sondern es war unser lieber Kollege Sebastian Fink, schöne Grüße an dieser Stelle. Der hat den Fall entdeckt und zwar auf einem Blog namens Bernds Internetwelt. Die Themen auf diesem Blog sind, ich zitiere, HiFi und Musik, meine Reisen, wo ich wohne und, Achtung, Borussia Mönchengladbach. Und das meine ich jetzt komplett ernst. Ich liebe alles daran. Okay, außer vielleicht Borussia Mönchengladbach. Und ich hoffe wirklich ernsthaft, dass Hans-Bernd-Sonntag, so heißt nämlich der Betreiber dieses Blogs, jetzt vielleicht durch unsere Erwähnung hier ein paar mehr Klicks noch dazu bekommt auf seiner Seite. Die heißt hansberndsonntag.de. Wir verlinken das natürlich auch in den Shownotes. Und in der Rubrik, wo ich wohne, da geht es vor allem um Fritzdorf. Das ist heute ein Teil der Gemeinde Wachtberg im Rhein-Sieg-Kreis. Und dort, also in Fritzdorf, wird der Mann geboren, um den es hier heute geht. Jetzt muss man dazu sagen, dass dieser Fall natürlich wie alle Fälle hier im Rheinland spielt. Genau genommen eben, du sagtest es in der Umgebung Fritzdorf, Alfter-Ödekofen.
Aber nicht in der Jetztzeit, sondern wir gehen heute mal richtig weit zurück in die Zeit. Ich glaube, das müsste der älteste Fall sein, über den wir je hier gesprochen haben. Das ist auf jeden Fall so. Also wir hatten ja einige historische Fälle. Den Erdbeermord von Much, den Schneemord, der übrigens interessanterweise ebenfalls aus Much stammt. Den Giftmord in Bonn, den Mord am jüdischen Metzger Josef Lewy und kürzlich erst die Amokfahrt durchs Rheinland.
Heute geht es aber noch ein ganzes Stück weiter zurück in der Zeit, und zwar ins 19. Jahrhundert, genau genommen in die 1820er Jahre. Und wir sprechen über nicht weniger als einen Serienmörder, einen Mann, der, ich sag mal, mindestens vier Morde beging, bevor er gefasst werden konnte.
Ja, ich finde den Fall historisch unglaublich spannend, weil er so viel darüber erzählt, wie die Menschen hier damals gelebt haben und wie so die örtlichen Strukturen aussahen und warum bestimmte Dinge eben möglich waren, wie sie vielleicht heute gar nicht mehr so vorkommen können. Hoffentlich, ja. Also wir sprechen immerhin über eine Zeit, die noch vor der Industrialisierung liegt, lange vor moderner Polizeiarbeit, wie wir sie kennen. Und genau in dieser Welt konnte ein Mann mehrere Menschen töten, ohne dass es jemand bemerkte oder bemerken wollte. Ein Mann, der 1796 in Fritzdorf geboren wurde, einem Ort ganz nah an Alfter, der Schneidermeister Johann Fassbender.
Aber bevor wir auf den genauer schauen, Jörg, lass uns erstmal klären, wie sieht denn dieses Rheinland eigentlich aus, in dem Johann Fassbender dann aufwächst? Wie leben die Menschen hier um 1800 herum und was kannst du uns über Alfter damals und vielleicht auch heute sagen? Das Rheinland war damals eine komplett andere Welt. Wir haben es in dieser Zeit mit einer überwiegend bäuerlichen Gesellschaft zu tun. Übrigens auch die rheinischen Redensarten stammen hauptsächlich so aus der Zeit. Deswegen hat das auch oft so ländlichen und landwirtschaftlichen Inhalt. Die allermeisten Menschen in Alfter, in Fritzdorf und in Oedekofen und den umliegenden Dörfern leben von der Landwirtschaft oder sind Handwerker, die wiederum sehr eng mit der Landwirtschaft verbunden sind.
Das Leben ist hart, überschaubar und manchmal brutal. Und das muss man wissen, es gibt kaum soziale Sicherungssysteme. Also die Armut ist groß. Wenn jemand arm ist, bleibt er auch arm. Und wenn jemand gewalttätig ist, sieht niemand so genau hin, solange es die eigene Familie betrifft. Gewalt in Ehen wird als Privatsache betrachtet. Da mischt sich so schnell niemand ein. Wer arm ist, bleibt arm. Gewalt in Ehen wird nicht so genau betrachtet. Ich wünschte, man könnte sagen, dass das heute vollkommen anders ist. Ja, auch wieder wahr.
Im 19. Jahrhundert kommt hinzu, die Kirche spielt eine sehr wichtige Rolle für die Maßstäbe und Werte. Die Menschen sind hier fast vollständig katholisch. Ich kann das selber sagen, wir sind in den 60er Jahren hier ins Rheinland gekommen und da waren wir somit die ersten Zugezogenen. Insofern stimmt das vollständig. Also Wegekreuze, Heiligenverehrung, all das prägt die Region gleichzeitig, aber hat das wenig mit realer Fürsorge zu tun. Wer Probleme hat, ist oft damit sehr allein. Ja, wir kommen auf den Punkt Kirche und Glaube später noch genauer zu sprechen. Das ist, wie du schon sagtest, ein sehr, sehr wichtiger Aspekt in dieser Zeit und auch ein wichtiger Aspekt in unserem Fall. Und noch ein Punkt ist wichtig. Viele Leute, besonders junge Männer, sind Wanderarbeiter. Die gehen für einige Monate zu Handwerksmeistern, arbeiten dort, ziehen weiter. Und das heißt aber auch, wenn einer verschwindet, fragt oft niemand nach.
Ja, und in genau dieser Welt kommt dann eben, wie gesagt, im Jahr 1796 Johann Fassbender zur Welt. Wir haben hier das große Glück, dass dieser Fall tatsächlich, gemessen an der Zeit, in der er spielt, verhältnismäßig gut dokumentiert wurde. Und zwar durch Aufzeichnungen und eine Zusammenstellung vieler wichtiger Dokumente des Gefängnisdirektors Burkhardt. Der war eben Direktor des Kölner Arresthauses, in dem Johann Fassbender bis zu seinem Lebensende einsaß. Und auf Grundlage der von ihm zusammengestellten Dokumente hat wiederum Franz Müller einen großen Beitrag geschrieben, der in dem Werk Leben rund um den Wachtberg und außerdem in einem Jahrbuch des Rhein-Sieg-Kreises erschienen ist und auf den wir uns dankenswerterweise hier stützen konnten. Ja, das muss man wirklich sehr hervorheben, weil wir über viele andere Dinge immer nur so aus den Kirchenbüchern und so nur so ganz wenige Informationen haben. Normalerweise, wenn man sich mit Geschichte beschäftigt, sind das Jahreszahlen und Entwicklungen der Königshäuser und so weiter, Kriege. Aber dass man mal so richtig in den Alltag der Menschen eintauchen kann, das ist sehr, sehr selten.
Und deswegen, wir haben da eine gute Quellenlage. Dazu kommt auch, dass es noch zwei Texte von Herbert Weffer gibt. Der ist übrigens auch viel mit Mundart beschäftigt. ist sozusagen der Kustos des Bönchendialekts, ist leider vor einigen Jahren gestorben. Der war früher Kreisarchivar im Rhein-Sieg-Kreis und der hat sowohl für das Kreisjahrbuch einen Artikel geschrieben, als auch ein Buch mit dem Titel Wahre Krimis und andere dunkle Geschichten aus Bonn und drumherum. Also True Crime. True Crime, ganz genau. Er hatte da schon den richtigen Riecher. In dem Buch hat er sehr viele Geschichten zusammengetragen allerdings nicht ganz so ausführlich wie wir es jetzt heute machen können insofern ist das schon was Besonderes, Ja, sogar Bilder gibt es zu diesem Fall. Das ist nun wirklich nicht selbstverständlich für diese Zeit. Darunter auch eine Zeichnung des Mörders. Die und die anderen Bilder seht ihr bald auf unserem Instagram-Kanal, der heißt atakte-Rheinland und da seht ihr auch weiteres Material, wie immer, zu dieser Episode.
Ja, vielleicht erzählen wir mal, was wir über den Lebensweg von Johann Fassbender wissen. Johann Fassbender, wie gesagt, 1796 geboren, genau gesagt, und da zitieren wir, im armseligen Bauernhaus des Heinrich Fassbender und der Katharina Schmidt, wie es heißt. Sehr früh ereilt den Jungen ein schwerer Schicksalsschlag, der Vater stirbt nämlich, als er noch ein Kleinkind ist. Ja, Schicksalsschlag, das sagt sich immer so leicht. Aber in diesem Fall kann man das wirklich so nennen, denke ich. Denn der Tod des Vaters entscheidet tatsächlich über das Schicksal dieses Jungen, dieses Johann Fassbender. Da heißt es dann, Zitat, kaum lag der Vater unter der Erde. Und da bringt die Mutter ihn auf den einsam gelegenen Sommersberger Hof. Der liegt auch bei Fritzdorf. Wir können davon ausgehen, dass die Mutter das macht, weil sie keinerlei Mittel hat, sich adäquat um das Kind zu kümmern. Und eine Kindheit kann man das, was Johann jetzt erwartet, wohl eher nicht nennen.
Er ist kaum den Windeln entwachsen, so wird das beschrieben in dem Text, als Johann sich als Viehhüter nützlich machen muss. Damals herrschte noch die Dreifelderwirtschaft, bei der nur zwei Drittel der Ackerfläche produktiv genutzt werden konnten. Ein Drittel des Ackerlandes lag regelmäßig brach, weil der Boden sich von der einseitigen Belastung durch den Getreideanbau erholen musste. Damals gab es noch nicht so Dünger wie heute, dass man das künstlich dann wieder herstellen konnte. Diese unbebauten Felder dienten zwar im Sommer als Viehweide, aber für die Bauern lohnte sich es nicht, die einzuzäunen, die Felder.
Weil das Brachian jährlich wechselte. Also richteten die Tiere oft schwere Schäden in den Nutzflächen nebenan an. Ja, und die Kinder, denn Johann war natürlich bei weitem nicht der Einzige, der hier arbeiten musste, die sollten diese Tiere hüten, das heißt davon abhalten, die Felder zu zerstören. Und man kann sich sicher vorstellen, dass es bei derart kleinen Kindern gar nicht gelingen konnte, dieses Vieh da im Zaum zu halten. Diese ganze Praxis ist heute natürlich zum Glück undenkbar und schon deshalb wurde sie auch kritisch gesehen. Allerdings nicht unbedingt aus den heute naheliegenden Gründen. Stattdessen beschreibt der preußische Regierungsrat Johann Nepomuk von Schwerz 1815, dass die Kinder mit ihren Füßen noch mehr Schaden anrichten, statt ihn zu verhindern. Und, ich zitiere jetzt, die Eltern schicken ihre Kinder statt nach der Schule mit dem Vieh den ganzen Tag aufs Feld. Statt Sitten lernen sie hier Unsittlichkeit. Hehlen, Betrügen, Schaden zufügen, Stehlen und Rauben wird ihnen dabei zur zweiten Natur.
Schwerz beschreibt weiter, dass die größeren Kinder den kleineren quasi die Ungezogenheiten beibringen und dass sich Gruppen von Kindern verabreden, um Diebstähle zu begehen, sich zu schlagen oder Schlägereien anzuzetteln und Schlechtigkeiten zu begehen. Unter anderem stehlen die Kinder da offenbar Obst, Erd- und Baumfrüchte. Und was der Regierungsrat da nicht sieht, ist, dass diese Kinder bzw. Deren Eltern natürlich bettelarm sind und vermutlich stehlen, um überhaupt etwas zu essen zu haben. Auch Johann Fassbenders Kindheit wird rückblickend als der nackte Kampf ums Überleben beschrieben. Er lernt also nicht Lesen und Schreiben und einen sozialen Umgang mit anderen, sondern dass er nur durchkommt, wenn er stiehlt und anderen Schaden zufügt. Das soll sich durch sein ganzes Leben ziehen. Ja, also in der Hinsicht hatte der Regierungsrat wahrscheinlich recht. Es ist ihm wohl tatsächlich zur zweiten Natur geworden. Das sehen wir später noch. Nachdem Johann dann dem Alter des Viehhütens entwachsen ist, hier wird nicht gesagt, wie alt er da genau ist, ich vermute, es wird etwa im Pubertätsalter gewesen sein, da wird Johann dem Fritzdorfer Schneider Christian Kümpchen übergeben. Also es wird hier von Menschen irgendwie wie von so einer Handelsware gesprochen und da soll er jetzt eben das Schneiderhandwerk erlernen.
Ja, man hat gleich das Gefühl, es ist ganz komisch, der hat überhaupt keine persönliche Anbindung an eine Familie, wo er sich zu Hause fühlen könnte. Und hier muss man dazu sagen, dass dieses Handwerk zu den am wenigsten einträglich und dadurch sehr gering geachteten dieser Zeit gehörte. Johann Fassbender macht also eine dreijährige Lehre und macht sich dann als Schneidergeselle auf Wanderschaft, die nach mehreren Zwischenstationen in Köln endete. Er wird nun zunächst Soldat werden und tritt im Jahr 1815, also nach der napoleonischen Zeit, in das königlich-preußische 18.
Infanterieregiment ein. Nach vier Jahren quittiert er den Dienst dann wieder. Er wird als unruhiger Geist beschrieben. Also Fassbinder quittiert den Dienst, arbeitet jetzt wieder als Schneider. Und 1819 kommt er dann also in das kleine Dorf Alfter bei Bonn. Genau genommen in die Werkstatt des Schneidermeisters Michael Klasen. Er ist also jetzt Geselle. Genau, und unter Alfter verstehen wir nicht das, was jetzt heute das Gemeindegebiet ist, sondern das ist die Ortschaft Alfter. Damals war das ja noch nicht so zusammengefasst, wie das heute ist. Dieser Klaasen wiederum hat eine Schwester, die fast 20 Jahre älter ist als Johann. Also zu diesem Zeitpunkt Anfang 40.
Und diese Marie Gertrud Klaasen heiratet Fassbender am 16. Oktober 1819. Ja, die beiden heiraten ganz sicher nicht aus Liebe, sondern weil diese Maria Gertrud Klaasen über ein beträchtliches Vermögen verfügt, auf das Johann, wie es sich noch herausstellen wird, es abgesehen hat. Für sie muss diese Ehe wirklich eine richtige Tortur gewesen sein, denn Fassbender ist überaus brutal und prügelt regelmäßig auf seine Frau ein. Und nach rund vier Jahren Ehe kommt er dann eines Morgens ins Haus seines Nachbarn gelaufen und bittet ihn, aufgeregt mitzukommen. Seine Frau liege im Sterben. Die Nachbarn finden Maria Gertrud regungslos auf einem Stuhl in der Küche sitzend. Die rechte Hand krampft sich um einen Besen. Der Kopf hängt schlaff nach unten. Der Körper ist noch warm und die Nachbarn versuchen, sie wiederzubeleben. Aber vergeblich, Maria ist tot. Und auf ihrer Stirn und vor allem an ihrem Hals finden sich sehr deutliche Verletzungsspuren. Das, glaube ich, kann man jetzt nicht nur verdächtig nennen, das ist eigentlich hochverdächtig. Wie kann es denn sein, dass da niemand nachfragt, dass da nichts passiert?
Ja, weil der Kontext ist erlaubt. Fassbender war der Ehemann und es war bekannt, dass er seine Frau schlug. Die Strukturen damals waren noch sehr viel stärker patriarchal geprägt als heute. Die rechtlichen Rahmenbedingungen minimal. Frauen hatten keine Möglichkeit, sich zu wehren oder Schutz zu bekommen. Sie hatten ja nicht mal die Möglichkeit zu bestimmen, ob oder wen sie heirateten. Deswegen war der Tod von Fassbenders Frau zwar von vornherein verdächtig und natürlich wurde darüber auch damals viel gesprochen und getuschelt, aber es gab keine Möglichkeit und keine Instanz, die einschreiten wollte und genau diese Gleichgültigkeit hat es Fassbender ermöglicht, sein Leben einfach so weiterzuleben. Und er lebt weiter ein Leben, in dem Gewalt eine ganz beherrschende Rolle spielt und Geld, das ist für ihn immer ein großes Motiv, ist natürlich auch nachvollziehbar, denn er ist schlichtweg einfach sehr arm oder er war es. Denn vor deren Tod hat er es durch massive Drohungen geschafft, dass seine Frau ihr gesamtes Vermögen auf ihn überschreiben lässt. Sie hatte sich offenbar bei den Nachbarn dann noch beklagt, dass er sie trotzdem weiter so schlecht behandelt.
Fassbender nimmt den Tod seiner Frau gleichgültig hin, sagt später offenbar sogar, es ist gut, dass sie tot ist, sie wollte das Testament wieder ändern, also er liefert gleich das Motiv mit. Ja, und trotzdem nehmen die Menschen in seiner Umgebung das einfach so hin, zumindest scheint es im Rückblick so. Im Bericht von Franz Müller, auf den wir hier zurückgreifen, heißt es, obwohl sich in Alfter hartnäckig das Gerücht hielt, Fassbender habe seine erste Frau erwürgt, fand sich niemand, der Anklage erhob. Er bleibt also auf freiem Fuß, er heiratet kurz darauf ein zweites Mal und nebenbei gesagt, auch diese Frau misshandelt er immer wieder schwer. Und Maria Gertrud Klasen wird nicht die einzige Person aus Fassbenders Umfeld bleiben, die unter verdächtigen Umständen stirbt oder verschwindet.
Wir sprechen jetzt über die Jahre zwischen 1823 und 1827. In diesen vier Jahren, das zeigen die späteren Aufzeichnungen, verschwinden oder sterben mehrere Männer, die alle eines gemeinsam haben. Sie arbeiten bei dem Schneidermeister Johann Fassbender. Sie wohnen auf seinem Hof, sie sind abhängig von ihm, sie haben keine Familien im Ort, die ein Auge auf sie hätten und in einer Zeit, in der wandernde Handwerksgesellen zum Alltag gehören, fällt es nicht auf, wenn einer einfach weiterzieht. Das glauben jedenfalls alle. Nur ziehen diese Männer eben nicht weiter, sie sterben.
Ich frage mich trotzdem, kann es wirklich sein, auch in den 1820er Jahren, dass ein Mann mehrere Menschen verschwinden lässt, ohne dass das Dorf reagiert? Also aus heutiger Sicht ist das, glaube ich, sehr, sehr schwer vorstellbar. Aber damals war die Situation einfach noch eine andere. Wir sind im frühen 19. Jahrhundert. Das Rheinland ist noch nicht industrialisiert. Es gibt keine zentrale Polizei, keine regelmäßigen Kontrollen. Die Wanderarbeiter kamen und gingen ständig. Wenn einer weg war, dachte man eher, der ist weitergezogen. Nicht, dem ist vielleicht was passiert. Zweitens sind diese Dörfer zwar eng, aber nicht im heutigen Sinn kontrollierend. Man wusste, was die Nachbarn machten, aber man mischte sich einfach nicht ein. Das war so das allgemeine Gebaren. Und Fassbender hatte zusätzlich den Ruf eines Mannes, dem man lieber nicht in die Quere kommt. Drittens ist die Mobilität damals ganz anders ein Schneidergeselle konnte plötzlich verschwinden und seine Familie, sofern es irgendwo eine gab wohnte vielleicht in Köln, in Belgien, in der Eifel es gab keine Telefone, keine Briefe die zuverlässig ankamen also niemand hatte wirklich einen Überblick wo seine Verwandten und Bekannten jetzt überall sich gerade im Moment aufhielten.
Und so passiert es, dass über Jahre hinweg niemand versteht oder verstehen will, was hier vor sich geht. Es sterben also Menschen in der Umgebung von Johann Fassbender und es passiert nichts. Die Beharrlichkeit eines Mannes soll Fassbender dann aber schließlich zum endgültigen Verhängnis werden. Aber da sind wir jetzt noch nicht. Lass uns erst mal auf die weiteren Todesfälle genauer eingehen. Da haben wir ja auch noch was zu tun. Allerdings. Im März 1824, das zeigt ein Polizeibericht, wird erneut eine Leiche in Fassbenders Haus entdeckt. Und zwar ist es der 20 Jahre alte Geselle Peter Zündorf aus Rosdorf. Der wird auf dem Speicher seines Wohnhauses gefunden, wo der Schneider seine Lagerstätte hat.
Zündorf wird an einem 5, 1 Drittel Fuß hohen Balken, also etwa 1,60 Meter hoch, in sitzender Stellung erhängt, aufgefunden.
Peter Zündorf gilt als redlicher, frommer, stiller und ordentlicher Charakter, von dem niemand annimmt, der habe sich, Zitat, selbst entleibt, wie es damals heißt, also er habe Suizid begangen. Das muss man, glaube ich, auch vor dem Hintergrund der Religion der Menschen sehen. Suizid war ja lange Zeit im katholischen Glauben eine Todsünde, aber auch die Lage, in der man diesen Toten findet und, Zitat, sonstige äußere Umstände sprechen gegen einen Suizid. Und Johann Fassbender und dessen Frau behaupten, nun, der Geselle sei wegen eines Familienunfalls, der nicht näher beschrieben wird, oft schwermütig gewesen. Also die befeuern dann eben diese Suizidtheorie. Die Polizei sieht jetzt keinen Grund, warum Fassbender-Zündorf hätte ermorden sollen. Ja, und so bleibt die Sache auf sich beruhen. Und bevor doch jemand auf die Idee kommen kann, weitere Untersuchungen anzustellen, verschwindet die Leiche des Gesellen.
Er packt den toten Peter Zündorf in eine Holzkiste und vergräbt diese gemeinsam mit zwei Helfern auf dem Alfterer Kirchhof. Also Kirchhof ist ja der, heute sagen wir Friedhof. Damals war das üblich, dass der Friedhof direkt neben der Kirche war und deswegen hieß der dann Kirchhof. Ein kleines gruseliges Detail noch, als Johann Fassbender da mit seinen beiden Helfern diese Kiste verbuddelt, da stoßen die wohl immer wieder auf alte Knochen, die da eben auch auf dem Friedhof vergraben sind und müssen die dann erstmal zur Seite räumen, damit sie ihre Leiche da verbuddeln können.
Und das Morden geht weiter. Am Morgen des 2. Juli 1827 wird ein weiterer Geselle von Johann Fassbender, das ist Wilhelm Halft, auf einem Kartoffelfeld bei Alfter tot aufgefunden. Schon die äußere Leichenschau gibt Hinweise auf Erdrosselung, kommen wir gleich noch genauer zu. Und die Obduktion, die tatsächlich durchgeführt wird, die bestätigt das dann. Was war passiert?
Es kann später rekonstruiert werden, dass Half seit Mai oder Juni bei Fassbender gearbeitet hatte und beide am Abend des 1. Juli 1827 in einem Bonner Wirtshaus aufeinandertrafen. Fassbender soll an diesem Abend mehrmals zu anderen gesagt haben, dass sein Geselle ihm schon mehrere Kunden entzogen habe und sich zum August selbstständig machen wolle. Er bezeichnet ihn außerdem als nichtsnutzigen Kerl und taugenichts und behauptet, half sei der Grund, dass er, Fassbänder, seine Frau aus Rock und Kamisol geschlagen habe. Rock ist sozusagen das Kleid und Kamisol ist das Korsett. Ah, okay, das habe ich mich gefragt, was das heißt. Nee, aber es ist klar, er hat sich also so über diesen Gesellen geärgert, dass er mal wieder seine Frau vermöbeln musste. Logisch. Fassbender sagt an diesem Abend außerdem, dass er den abtrünnigen Gesellen abschaffen wolle.
Alft selbst erzählt auf dem Rückweg nach Alfter seinem Begleiter, dass er in Zukunft für sich selbst arbeiten wolle, dass es Konflikte zwischen ihm und seinem Meister Fassbender gebe und dass dieser ihm noch sechs Reichstaler schulde und sobald er die hätte, werde er Fassbenders Haus verlassen. Der habe gedroht, ihm den Hals zu zerbrechen, wenn er etwas über dessen Misshandlung seiner Frau sagen werde. Also er hatte schon offenbar Angst, dass darüber gesprochen wird, scheint so. In der Dokumentation folgt dann eine Rekonstruktion des weiteren Abends und des folgenden Morgens. Fassbender und Half treffen am späteren Abend in Alfter dann wieder nochmals aufeinander. Die trinken sogar noch zusammen, obwohl sie ja offensichtlich Streit haben. Der Rheinländer sagt ja, Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Sehr schön. Also beide müssen sehr betrunken gewesen sein. Und die treffen dann irgendwann auf dem Nachhauseweg auf zwei Wächter, mit denen sie kurz sprechen. Und die beiden bezeugen, dass sie Halft und Fassbender zusammen in Richtung von Fassbenders Haus haben gehen sehen. Das soll gegen 22.45 Uhr gewesen sein am 1. Juli. Und es war das letzte Mal, dass Halft lebend gesehen wurde.
Fassbender erscheint am Folgetag ungewöhnlich früh bei einem Kunden zur Arbeit und sagt hier, nach seinem Gesellen befragt, er habe diesem drei Reichsthaler geschuldet. Einen habe er ihm am Vortag gegeben, den habe der sicher versoffen und sei dann Kirschenklauen gegangen. Dabei sei er vielleicht erwischt und geschlagen worden und liege nun vielleicht tot unter dem Baum. Das klingt hellsichtig. Ziemlich skurrile Geschichte, wenn man einfach nur gefragt wird, warum der Geselle denn nicht dabei ist. Halft wird jedenfalls wenig später tot auf dem Feld gefunden, erdrosselt mit seinem eigenen Halstuch und es ist so fest zugeschnürt, dass kein Finger dazwischen passt. Die Leiche weist außerdem mehrere Quetschungen am Kopf und Blutergüsse sowie Schrammen im Gesicht auf. Es scheint also schon ein Kampf stattgefunden zu haben. Der Tote hat zudem drei Schläge, vermutlich mit einem Stock, auf den Kopf erhalten und wurde dann offenbar mit dem Halstuch erdrosselt. Johann Fassbender grät nun unter Verdacht, leugnet den Mord aber beharrlich und behauptet auch, die Äußerungen über den Gesellen nie getätigt zu haben, von denen die Zeugen berichtet hatten. Er wurde allerdings, wie sich herausstellt, noch am Abend des 1. Juli zwischen 11 und 12 Uhr abends allein, also ohne Halft, gesehen.
Und zwar soll er dann schnellen Schrittes vom Mühlenbungert herabgekommen sein, also der Gegend, in der später Wilhelm Half tot gefunden wird. Also schon starke Indizien. Sehr. Also das ganze Dorf hält Fassbender jetzt auch für schuldig. Wohl auch, weil er allseits unbeliebt ist, einen total schlechten Ruf hat. Viele sich auch vor ihm fürchten, während sein Geselle wiederum Wilhelm Half einen sehr guten Ruf genießt und beliebt ist. Ein früherer Geselle von Fassbender meldet sich jetzt auch noch zu Wort und sagt, als er damals bei ihm gewohnt habe, hätte er solche Angst gehabt, bei dem die Nächte zu verbringen, dass er öfter in der Nachbarschaft ein Nachtlager gesucht hatte. Und jetzt wird tatsächlich ein Kriminalverfahren, so heißt es damals, gegen Johann Fassbender veranlasst. Und zwar am 12. August 1827. Schon am 6. September des selben Jahres kommt es zur Verhandlung. Das würde heute ganz sicher länger dauern.
Und es werden ganze 51 Zeugen, außerdem die Verteidigung des Angeklagten und dessen Sachverwalter vernommen, also eine Person, die für seine Rechtsangelegenheiten zuständig ist. Ja, also zweimal ist er sozusagen mit seinen Taten davongekommen. Jetzt verurteilt der Assisenhof zu Köln Johann Fassbender zur Ausstoßung aus dem Soldatenstand, zur Todesstrafe und, Zitat, in die Kosten. Also ihm wird noch zusätzlich eine Geldstrafe auferlegt. Der Verurteilte legt jetzt das Kassationsgesuch gegen dieses Urteil an. Also heute würde man sagen, er geht in Revision. Und dieses Gesuch wird zwar dann am 2. Januar 1828 verworfen, aber am 1. Februar wird durch königliche Order die Todesstrafe in lebenslange Zwangsarbeit umgewandelt. Am 28. Februar wird Fassbender ans Zuchthaus in Werden abgeliefert, um dort seine Strafe zu verbüßen. Man kann sagen, dass Johann Fassbender damit gemessen an der Zeit glimpflich davon gekommen ist. Ja, zumindest denkt er das wohl jetzt zeitweise. Aber wir haben ja eben schon angedeutet, es gibt einen Mann, der dafür sorgt, dass der Serienmörder Johann Fassbender, der Würger von Alfter, wie er später genannt wird, dann doch nicht so glimpflich davon kommt. Und das ist ein Uhrmacher aus Schentz in Belgien, Matthias Siedle. Er macht im März 1829 auf der Durchreisestation in Bonn.
Und erklärt dort beim königlichen Prokurator, dass sein Bruder Silvester verschwunden sei. Silvester Siedle war Schneider und er hatte zuletzt bei einem Mann namens Fassbender gearbeitet.
Matthias Siedle schickte seinem Bruder Briefe, wartete auf Antworten, die nie kamen, also die hatten ein sehr enges Verhältnis, was auch nicht unbedingt üblich war in dieser Zeit. Ja, und jetzt steht dieser Matthias Siedle hier in einer Zeit, in der solche Vermisstenanzeigen noch recht selten waren und beschreibt seinen Bruder, sein Handwerk und er liefert so den entscheidenden Hinweis, Silvester Siedle hat beim Schneidermeister Johann Fassbender gearbeitet und seit April 1827 hat niemand mehr etwas von ihm gehört. Können wir ganz kurz darauf eingehen, warum es kaum Vermisstenanzeigen gab in dieser Zeit.
Ja, es liegt ganz einfach daran, dass die Strukturen damals noch ganz anders waren, als man sich das heute vorstellt. Der moderne Begriff einer vermissten Person, also das, was wir heute unter einer polizeilichen Vermisstenanzeige verstehen, ist ein sehr junges Konzept. Überhaupt war die Polizeiarbeit in der Zeit noch gar nicht so gut organisiert und kriminologisch aufgebaut, sondern eher praktisch orientiert. In der heutigen Form entsteht der Begriff erst im 20. Jahrhundert mit einer Polizei, die tatsächlich auch Ermittlungsaufgaben übernimmt. Das kann man gut daran sehen, dass Vermisstenregister überhaupt erst ab dem späten 19. Jahrhundert auftauchen. Historische Bestände, etwa beim Landeskriminalamt Bayern, reichen erst in diese Zeit zurück, also nicht davor. Und die waren, das befindet sich in Ingolstadt, und die waren auch viel moderner als die anderen. Davor war die Polizei etwas ganz anderes. Sie hatte mit Ermittlungen, wie wir sie kennen, wenig zu tun, sondern war eher eine Behörde für Ordnung und Aufsicht.
Das zeigt sich auch in der historischen Darstellung zur Entwicklung des Polizeibegriffs. Die Aufgabe der Polizei war, Ruhe zu sichern und nicht einzelne verschwundene Personen zu suchen. Dazu kommt, dass das staatliche Meldewesen überhaupt erst am Anfang war. Es gab gar keine verlässlichen Einwohner-Melderegister und keine Ausweise in dem Sinne flächendeckend und sicher, wie wir es jetzt heute kennen. Und Wanderarbeiter wie Schneidergesellen waren oft in mehreren Ländern unterwegs. Wenn so jemand verschwand, konnte eine Familie häufig gar nicht sagen, ob das ungewöhnlich war. Und selbst wenn jemand aktiv nach einer Person suchte, es gab gar keine zentrale Stelle, bei der man das hätte melden können. Dass der Uhrmacher aus Gent 1827 überhaupt eine Vermisstenanzeige in Bonn gestellt hat, war deshalb eine absolute Ausnahme. Das heißt, er hätte jetzt nicht bei sich zu Hause einfach auf die Polizeiwache gehen und seinen Bruder als vermisst melden können, so wie man das heute machen würde. Zumal die Behörden ja auch nicht über so lange Strecken auch zusammengearbeitet haben.
Also es ist hier nicht so, dass niemand etwas bemerkt hätte, sondern es gab einfach wenig Instrumente, mit denen man ein Verschwinden hätte verfolgen können. Aber warum genau ist denn der Hinweis jetzt von Matthias Siedle der Wendepunkt?
Man muss dazu sagen, dass Matthias Siedle kein einfacher Bauernknecht war, kein armer Wanderarbeiter. Er war Uhrmacher, das ist ein angesehener Beruf, ganz im Gegensatz zum Schneider, wie wir gehört haben. Und er kam aus Gent, also aus dem Ausland. Wenn jemand wie er nach Bonn reist und beim Prokurator eine Vermisstenanzeige abgibt, dann ist das ungewöhnlich genug, um Aufmerksamkeit zu erregen.
Die Justizbehörde sieht sich also jetzt veranlasst, auf Fassbenders Grundstück Grabungen durchzuführen. Und im Schweinestall wird dann ein makaberer Fund gemacht. Direkt unter dem feuchten Boden verscharrt liegt ein fast vollständig erhaltenes menschliches Gerippe. Schnell ist klar, das Skelett gehört einem Mann, einem vollständig ausgewachsenen, aber noch jungen Mann. Größe und die verbliebenen Haare auf dem Kopf stimmen mit der Beschreibung von Silvester Siedle überein. Ja, und auch die hervorstehenden Zähne in der oberen Zahnreihe deuten darauf hin, dass es sich bei dem Toten um den Vermissten handelt. Ein Schmied, in dessen Haus Fassbender in der Karwoche 1827 gemeinsam mit Siedle gearbeitet hatte, sagt aus, dass der Schneidermeister gesagt habe, Siedle habe so schöne Kleider, dass es sich wohl der Mühe lohne, ihm den Hals zuzudrücken. Ja, also auch hier macht er eigentlich keinen Hehl draus. Siedle wollte offenbar am Ostermontag 1827 Alfter verlassen. Er wird an diesem Nachmittag dann auch mit einem Bündel auf dem Rücken gesehen, wandert also los. Gleich darauf kehrt er aber zurück und berichtet dann Zeugen, die ihn fragen, warum das sein Meister, also Fassbender, ihn quasi überredet hätte, noch bis zum folgenden Morgen zu warten und doch im Hellen dann eben zu gehen.
Er wird dann auch noch dabei gesehen, wie er wieder ins Haus von Fassbender geht und dann verschwindet Silvester Siedle. Fassbender behauptet, der Geselle sei einfach am Morgen weggegangen, Zitat, als wenn ihn der Teufel geholt hätte.
Das kann man ja durchaus als nicht ganz unwahr bezeichnen, denn wie sich jetzt 1829 herausstellt, soll Fassbender auch diesen Mann ermordet haben. Und so gibt es eine zweite Mordanklage gegen den Serienmörder. Der Prozess erregt allergrößtes Aufsehen und im Mittelpunkt steht natürlich die Frage, ob die Leiche aus dem Schweinestall wirklich Silvester Siedle ist. Denn Fassbender gibt das natürlich alles nicht zu. Er leugnet also wirklich beharrlich und bis zum Schluss, dass er den getötet hat.
Es kommt vor Gericht dann zu dem heute ziemlich kurios anmutenden Ereignis, dass der Richter eine Reihe von Totenschädeln auf einem Tisch vor der Richterbank niederlegen lässt und dann die Brüder von Sylvester Siedle unabhängig voneinander in den Saal ruft.
Damit sie den Kopf ihres Bruders identifizierten. Und beiden gelingt das mühelos anhand der beschriebenen Übereinstimmungen. Außerdem wiederholen 26 Zeugen ihre belastenden Aussagen gegenüber Johann Fassbender, sodass dieser am 15. Dezember 1829 erneut zum Tode verurteilt wird. Diesmal kann er nicht mehr mit der Gnade des Königs rechnen. Am 24. Januar 1831 wird das Todesurteil unwiderruflich bestätigt. Was mich natürlich noch interessieren würde, wäre, wie wohl das Dorf auf diese endgültige Erkenntnis reagiert hat, dass ein Mann aus ihrer Mitte mehrere Menschen getötet hat. Wir dürfen ja auch den Gesellen Peter Zündorf nicht vergessen, den er da auf dem Kirchhof verbuddelt hatte. Ja, wir haben ja gesagt, die Quellenlage ist generell bei solchen Sachen echt dünn. Und dazu sagen die Quellen auch leider nicht viel. aber wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass das Weltbild damals ein anderes war. Verbrecher nicht psychologisch oder gesellschaftlich analysiert worden sind, sondern schlicht als Charakterverfehlungen interpretiert. Und natürlich werden Fassbenders Taten auch mit Religion in Verbindung gebracht oder besser mit dem Verlust der Religion. Dazu würde ich sagen, hören wir jetzt nochmal einen kleinen Auszug aus den Aufzeichnungen. Einen anderen haben wir ganz zu Beginn schon von Martin gehört.
Wozu der Mensch ausartet, wenn er Religion und gute Sitten aus seinem Herzen verbannt und ihnen auf jedem Wege hoh spricht, zeigt uns das Beispiel des Schneiders Johann Fassbender. Frevel folgt dem Frevel, Gräuel und Schandtat kettet sich aneinander und der Mensch wird zum scheußlichen Untiere, Schrecken und Unheil der menschlichen Gesellschaft. Ja, zum Glück gibt es ja, wie gesagt, diese Aufzeichnungen, auf die wir auch zurückgreifen konnten, um diesen Fall zu erzählen. Und durch diese doch recht detaillierte Dokumentation wird klar, Johann Fassbender war weit mehr als nur ein Mann, der mal gewalttätig wurde. Er war ein Serienmörder in einer Zeit, in der es dieses Wort natürlich noch gar nicht gab. Und er war wahrscheinlich auch ein Produkt unter anderem seiner eigenen wirklich schrecklichen Kindheit. Wie immer der Hinweis, das ist natürlich keine Entschuldigung, sondern nur Ansatz einer Erklärung.
Lass uns das nochmal einordnen. Wenn wir heute über Serienmörder sprechen, dann haben wir direkt Täterprofile im Kopf, psychologische Gutachten, intensive öffentliche Diskussionen und nichts davon hat es natürlich damals gegeben. Wie würdest du diesen Fall im historischen Kontext bewerten?
Ja, ich glaube, man muss da zwei Ebenen unterscheiden. Die erste ist die persönliche Ebene. Fassbender war ein Mann, der Gewalt nicht als Ausnahme, sondern als Teil seines Alltags ausübte. Es war ein gängiges Mittel. Er hatte kaum soziale Kontrolle. Er war wirtschaftlich und familiär schlecht eingebunden und hatte offenbar gelernt, dass Gewalt ihm immer Vorteile einbringt. Macht, Besitz, Freiheit. Man kann wohl durchaus sagen, dass er völlig verroht war durch diese lieblose und harte Kindheit auf dem Feld. Auf jeden Fall. Das erklärt aber noch nicht, warum seine Taten nicht früher auffielen oder warum nichts dazu führte, zumindest bei den ersten beiden Taten, dass es überhaupt nur Ermittlungen gegeben hätte. Genau. Und da kommt eben die zweite Ebene ins Spiel, die Gesellschaft. Das Rheinland Anfang des 19. Jahrhunderts war in vielerlei Hinsicht wenig organisiert. Wie ich schon sagte, es gab kaum flächendeckende Polizei, keine einheitlichen Meldebehörden, so wie wir es kennen.
Wanderarbeiter waren also im Grunde völlig anonym unterwegs und die Institutionen, die es gab, die katholische Kirche, lokale Gerichte und so weiter, funktionierten in erster Linie innerhalb fester Sozialstrukturen. Ein alleinstehender Schneidergeselle war schlicht niemand, der dort hineinpasste oder lange vermisst wurde. Fassbender war also eigentlich kein Täter, der im Schatten operiert hat, sondern jemand, dessen Umfeld gar keinen Schatten wahrnehmen konnte, weil die Struktur dazu fehlte. Denn er hat ja teilweise sogar selbst ziemlich unverhohlen, wie wir auch schon gehört haben, über seine Taten gesprochen. Und das ist ja schon erstaunlich, dass da nie jemand dieser Sache nachgegangen ist.
Ja, wir sprechen also hier von einer Mordserie, die sich über Jahre hinweg im Grunde fortsetzen konnte, weil die Opfer zu den am wenigsten geschützten Menschen der Gesellschaft gehörten. Sie hatten keine Familie vor Ort, keine Papiere, kaum soziales Gewicht. Und sie hatten es mit einem Mann zu tun, der wenig zu verlieren hatte, der offenbar keinerlei Empathiefähigkeit besaß und der darüber hinaus auch schlichtweg Freude an Gewalt hatte. Auch das geht aus der Dokumentation hervor. Kommen wir gleich noch kurz darauf zu sprechen. Ja, und zwar genau genommen durch die Aufzeichnung des Gefängnisdirektors Burkhardt, die hattest du schon erwähnt. Burkhardt spricht nämlich in Fassbenders letzten Stunden vor der Vollstreckung der Todesstrafe mit dem Verurteilten in dessen Kerkerzelle im Kölner Arresthaus, im Klüngelpütz, Klingelpützen, ich habe jetzt Klüngelpütz gesagt, im Klingelpütz.
Fassbender trinkt Wein, raucht und beginnt plötzlich ungefragt über sein eigenes Leben zu erzählen wie ein Wasserfall. Ja, also er ist offenbar wirklich kaum zu stoppen. Jetzt sagt man direkt dazu, er hat dann immer noch nicht die Morde wirklich zugegeben. Er hat aber gesagt, er wünsche sich den Tod schon lange und die Strafe sei gerecht. Also so ein bisschen ein indirektes Eingeständnis über sich selbst, sagt er. Zitat, gelebt habe ich immer wie ein Wilder.
Sein größter Spaß seien immer Schlägereien gewesen. Er habe bei jeder Gelegenheit gestohlen und geprügelt. Also man kann sagen, er schont sich da jetzt nicht. Also er versucht sich jetzt nicht besser darzustellen, als er ist oder so. Aber er zeigt auch keinerlei Mitgefühl für seine Opfer und keine Reue für seine Taten. Und erst gegen vier Uhr morgens stoppt der Redefluss des Serienmörders und er kehrt jetzt in sich. Was hier, also in Fassbenders letzten Stunden vor seiner Hinrichtung wirklich interessant ist, er, der vermeintlich Gottlose, wendet sich offenbar plötzlich Gott zu. Ja genau, er lauscht der heiligen Messe, betet zu Gott, empfängt auch die heilige Kommunion und er legt die Beichte ab und lässt sich die Generalabsolution erteilen. Vielleicht zeigt das, wie tief der katholische Glaube damals in den Menschen hier verwurzelt war und dass das selbst an jemandem wie Fassbender offensichtlich nicht spurlos vorbeigehen konnte. Also jetzt kurz bevor er selbst für seine Taten getötet werden soll.
Bittet er um Absolution? Ja, das gehörte einfach zur kulturellen DNA damals. Die Region, über die wir hier sprechen, war zu dieser Zeit nahezu vollständig katholisch geprägt. Und die katholische Kirche lehrte ganz klar, dass schwere Sünden nur durch das Bußsakrament vergeben werden konnten. Die Beichte war der Weg, um vergeben zu können oder Vergebung zu erhalten. Die Absolution ist die Lossprechung, die der Priester im Namen Gottes erteilt. Das ist bis heute die theologische Grundlage. Die Absolution ist der Akt der Sündenvergebung in der katholischen Kirche. Also ich muss sagen, ich fand die Beichte ja immer schon total befremdlich. Ich bin als Kind auch katholisch geprägt worden. Ich kann mich noch erinnern, wie komplett merkwürdig ich das fand, in diesem Beichtstuhl zu sitzen und irgendeinem alten Mann zu erzählen, was ich für Sünden begangen hatte, so irgendwie als Siebenjährige. Ich glaube, ich habe einfach immer gesagt, dass ich frech zu meinen Eltern war, was vermutlich auch stimmte. Da musste ich, glaube ich, fünf Vaterunser aufsagen oder so. Und ja, dazu geführt, dass ich jetzt weniger frech war, hat es nicht unbedingt.
Ja, das ist schade. Da besteht keine Hoffnung. Im 19. Jahrhundert spielte die Beichte im katholischen Rheinland eine noch viel größere Rolle als heute. Das heißt, sich vor dem Tod zu bekennen und die Absolution zu empfangen, gehörte für viele Menschen ganz selbstverständlich dazu. Egal, wie schwer ihre Verfehlungen waren. Für Fassbender muss das also der letzte Versuch gewesen sein, in der Logik seiner Zeit wenigstens vor Gott gereinigt zu sterben. Ob er das jetzt aus echter Reue tat, aus Angst vor dem Fegefeuer oder einfach, weil das eben so tief in ihm war, wissen wir natürlich nicht. Was wir aber sagen können ist, in der katholischen Vorstellung der damaligen Zeit war diese Absolution tatsächlich der Moment, in dem ein Mensch trotz schwerer Schuld wieder in den Stand der Gnade gelangen konnte.
Ob das allerdings alles wieder gut macht, das ist die große Frage. Die katholische Kirche sagt da, die Absolution vergibt die Sünden, aber nicht automatisch alle Folgen der Sünde. Die Konsequenzen bleiben bestehen in dieser Welt oder in der damaligen Vorstellung als zeitliche Strafe im Fegefeuer. Das ist auch historisch gut dokumentiert. Ablässe konnten zeitliche Sündenstrafen erlassen, aber nicht die Sünde selbst. Wobei man natürlich an der Stelle sagen muss, das ist jetzt dann der Stand der Theologie. Aber ob das Wissen vor Ort in den Ortschaften und in den Kirchen vor Ort so hoch theologisch war oder ob es da auch Verbrämungen gab, das weiß man eben nicht.
Klar ist aber, glaube ich, dass für die Menschen damals die Absolution etwas sehr Ernstes war. Das sieht man ja daran, dass Fassbender dann eben auch zur Stunde seines Todes das tut. Ein Mörder konnte in der Logik dieses Glaubens in Vergebung sterben. Aber natürlich hat das nichts daran geändert, was er angerichtet hat. Und es hat auch logischerweise die gesellschaftliche oder juristische Schuld nicht berührt. Er ist ja trotzdem dann getötet worden. Also das war ein rein religiöser, aber jetzt kein rechtlicher oder auch moralischer Freispruch. Das zeigt nochmal ganz klar, dieser Fall ist nicht nur eine Zählung über einen Serienmörder, es ist eine Geschichte über eine Gesellschaft, die bestimmte Menschen nicht sah und bestimmte Probleme nicht sehen wollte. Und das erkennt man, weil man da durch diese Aufzeichnung und dass man hat einfach einen guten Einblick in den Alltag damals der bäuerlichen Gesellschaft erhalten. Und das ist eigentlich das, was diesen Bericht auch so wertvoll macht. Ja, für dich auch. Also wenn man den Fall heute betrachtet, dann bekommt man wirklich auch einen Eindruck davon, wie viel sich verändert hat, Gott sei Dank, gerade was jetzt Kinder betrifft. Ja, aber vielleicht auch davon, wie viel doch noch immer ähnlich funktioniert. Also Menschen, die keine Lobby haben, fallen durch Raster, nur dass die Raster natürlich heute andere sind, aber das kennt man natürlich leider auch heute noch.
Was es heute definitiv im Rheinland nicht mehr gibt, außer für den Nubbel, das ist die Todesstrafe. Für Fassbender gibt es sie. Er stirbt am 19. Februar 1831 auf dem Schafott. Ja, und zwar auf dem Kölner Eselsmarkt, zu dem er von einem Wärter begleitet wird, der dazu Gitarre spielt. Das hatte sich Fassbender gewünscht. Und dann geht alles ganz schnell. Fallbeilfassbender legt den Kopf in die Halskrause, das Fallbeil schießt herab und sein Kopf kullert in einen kleinen vor ihm liegenden Sack. In der Dokumentation heißt es, Zitat, der Würger von Alfter war tot und niemand zweifelte daran, dass dies die gerechte Strafe für einen Menschen war, der zum scheußlichen Untier entartet war. Franz Müller, der diesen Beitrag geschrieben hat, schreibt dazu, dass sich damals die Menschen mit dieser ja recht einfachen Erklärung begnügt haben.
Zitat knapp 50 Jahre, bevor die Ideen von Karl Marx allmählich das Bewusstsein förderten, dass das Werden eines Menschen eng mit seinem sozialen Umfeld verbunden ist. Also das deckt sich ja so ein bisschen mit dem, was wir hier erarbeitet haben, dass eben diese schreckliche Kindheit durchaus natürlich einen Einfluss auf seinen Lebensweg hatte. Und was wir natürlich nicht wissen, ist, ob Fassbender wirklich in Anführungsstrichen nur vier Menschen getötet hat oder ob das eben nur diejenigen waren, die man ihm da zur Last gelegt hat. Ja, das ist eine tatsächlich sehr interessante Frage, denn man kann sich ja durchaus vorstellen, dass es nicht die Einzigen waren. Erfahren werden wir das vermutlich nie und wir kommen damit zum Ende dieser ersten Episode des Jahres 2026. Und wir sind natürlich sehr gespannt, was ihr zu diesem Fall sagt. Schickt uns gerne euer Feedback bei Spotify, bei YouTube, auf Instagram, auf unserem Account atakte-Rheinland. Folgt uns da auch gerne, liked und teilt unsere Beiträge. Danke, dass ihr zugehört habt, vielleicht auch zugeschaut habt. Und danke an dich, Jörg, dass du mal wieder dabei warst. Sehr gerne. Wir hören uns in zwei Wochen wieder mit einem neuen Fall. Bis dahin, macht's gut. Tschüss. Tschüss.
Das war Akte Rheinland. Der GA-Podcast zu Kriminalfällen aus Bonn und der Region. Akte Rheinland ist eine Produktion der Generalanzeiger Bonn GmbH. Redaktion und Moderation Anna-Maria Bekes, Produktionsleitung Andreas Deick, Mitarbeit Sabrina Bauer, Simeon Gerlinger und andere, Sprecher Daniel Dähling, Martin Busch.