Akte Rheinland. Ein Podcast des Bonner Generalanzeigers über wahre Verbrechen.

Köln, 31. Dezember 2015. Die Domplatte ist an diesem Abend voll, wie immer an Silvester. Menschen stehen dicht an dicht, Flaschen in der Hand. Es riecht nach Alkohol und Schwarzpulver. Böller knallen, Raketen steigen auf. Irgendwo läuft Musik aus einem mitgebrachten Lautsprecher. Viele junge Männer sind dabei, oft in Gruppen, die sich bewegen, stehenbleiben, weiterziehen. Sie nehmen Raum ein.

Immer wieder fliegen Feuerwerkskörper nicht nach oben, sondern flach durch die Menge. Menschen ducken sich, weichen aus, lachen nervös. An den Mauern des Doms stehen Männer in Reihen und urinieren, während direkt daneben gefeiert wird. Frauen ziehen ihre Jacken enger, bleiben dichter beieinander. Es ist laut, es ist eng und die Stimmung ist nicht ausgelassen, sondern unterschwellig-aggressiv. Polizisten sind zu sehen, aber sie gehen unter in der Menge. Sie stehen am Rand, schauen, versuchen den Überblick zu behalten. Es ist klar, dass sie hier nicht steuern, sondern nur reagieren können, wenn überhaupt. Je später der Abend wird, desto weniger Bewegung ist möglich. Und während über der Domplatte weiter Raketen explodieren, wird unten, mitten im Gedränge, aus Feiern etwas anderes. Etwas, das viele erst später in Worte fassen können.

Ja, hallo und willkommen zurück zu einer neuen Episode von Akte Rheinland. Ja, wir sind es wieder richtig gehört und für manche auch gesehen. Wir wollten ja eigentlich eine kleine Pause einlegen, eine Winterpause. Und ehrlich gesagt wäre die auch gerade ganz nötig bei uns. Aber manchmal kommt es ja anders, als man denkt oder als man plant. Wir haben hier in der Redaktion beim Generalanzeiger nämlich darüber gesprochen, dass es in diesem Jahr zehn Jahre her ist, dass sich das zugetragen hat, was als Kölner Silvesternacht in die Geschichte eingegangen ist. Und aus dieser Diskussion haben sich dann, wie das immer so ist, ganz viele Themenideen entwickelt. Und es hat nicht lange gedauert, bis ich dachte, ja, okay, es muss auch ein Podcast werden. Und weil das ja noch gar nicht genug Stress wäre und viel zu langweilig, da haben wir noch gedacht, wir testen jetzt einfach mal Videopodcasts. Das machen wir jetzt und wenn alles gut geht, dann könnt ihr uns jetzt also nicht nur hören, sondern zumindest bei Spotify und bei YouTube auch sehen. Müsst ihr aber nicht, wenn ihr nicht wollt.

Ja, da sind wir also. Bei uns geht es um Verbrechen und Kriminalfälle aus dem Rheinland. Mein Name ist Anna-Maria Bekes und bei mir ist heute meine Kollegin Marie Schneider. Hallo Marie. Ja, hallo und danke für die Einladung. Sehr gerne. Ganz kurz zu mir. Ich arbeite im Breaking News Team hier beim Generalanzeiger und habe eben auch zu diesem Thema recherchiert, mit dem wir uns heute beschäftigen. Ganz genau. Du bist zum ersten Mal hier im Podcast zu Gast. Also sorry, dass ich dich jetzt direkt auch noch mit Video ins kalte Wasser schmeiße. Ich kann aber schon mal vorhersagen, dass es nicht das letzte Mal sein wird, dass du hier sein wirst. Denn wir haben ja mindestens einen Fall auf unserer Liste, in dem du auch ganz, ganz, ganz tief drin bist. Aber das verraten wir jetzt noch nicht. Genau. Denn heute bist du hier, um mit mir über die Kölner Silvester-Nacht zu sprechen.

Du warst ja selbst noch sehr jung damals. Kannst du dich denn noch erinnern, was du damals gehört hast und was das bei dir vielleicht ausgelöst hat? Ja, also es war tatsächlich so, ich habe jetzt auch nochmal viel darüber nachgedacht, dass das ganze Ausmaß dieser Geschichte mir überhaupt nicht klar war. Also das habe ich jetzt nach zehn Jahren gemerkt, als ich diese Recherche auch gemacht habe, dass das so nach und nach erst rauskam und mir am Anfang überhaupt nicht bewusst war, was da überhaupt los war, was das bedeutet. Das ist mir so richtig wirklich erst jetzt klar geworden. Ja, jetzt muss man dazu sagen, ich glaube, du warst 18. Genau. Das ist natürlich nochmal was anderes. Ich war nicht mehr sehr jung. Ich weiß noch, genau wie du sagst, dass sich aber das, was da passiert ist, wirklich erst im Nachhinein alles so rauskristallisiert hat. Und ich habe das damals tatsächlich ein bisschen von außen betrachtet, also nicht als Journalistin oder zumindest nicht als Aktive, weil ich da in Elternzeit war mit meinem großen Sohn, der war da ein paar Monate alt. Und tatsächlich hat das bei mir auch echt nochmal viel Nachdenken ausgelöst, jetzt nochmal mich damit zu beschäftigen. Wir fangen heute ausnahmsweise mal nicht ganz chronologisch an, sondern quasi einen Tag später. Wir beginnen am Morgen des 1. Januar 2016. Genau, da veröffentlicht die Kölner Polizei ihre erste offizielle Mitteilung zur Silvesternacht. Und ich lese mal vor, was die Polizei schreibt. Es handelt sich da um einen Tweet. Damals gab es noch Twitter. Damals noch, genau.

Richtig. Da heißt es, ausgelassene Stimmung feiern weitgehend friedlich. Ja, und diese Einschätzung beruht zu diesem Zeitpunkt, das muss man klar sagen, nicht auf irgendwie einer bewussten Täuschung oder so, oder die wollten niemanden in die Irre führen, sondern die hatten ganz klar ein unvollständiges Lagebild am Morgen des 1. Januar. Es gab noch keine Übersicht über das tatsächliche Ausmaß der Geschehnisse dieser zurückliegenden Nacht und eine zentrale Auswertung, die existiert natürlich auch noch nicht. Ja, hinzu kommt, dass zahlreiche Betroffene sich in dieser Nacht zunächst gar nicht an die Polizei wenden. Manche aus Scham, andere, weil sie einfach keinen Ansprechpartner finden oder den Eindruck haben, dass ohnehin niemand zuständig ist. Und die Dimension der Übergriffe wird deshalb erst nach und nach komplett sichtbar.

Trotzdem wird diese erste Polizeimeldung von vielen Medien zunächst übernommen. Das ist ja auch normal. Die Silvesternacht gilt öffentlich als angespannt, aber nicht außergewöhnlich. Und erst als lokale Redaktion, nämlich genau genommen unsere Kolleginnen und Kollegen vom Kölner Stadtanzeiger und von der Kölnischen Rundschau, als die anfangen genauer hinzusehen, da wird dann langsam aber sicher klar, okay, da ist doch ein bisschen mehr passiert in dieser Nacht und an der Stelle vielleicht nochmal der Appell, nicht ganz uneigennützig, unterschätzt wirklich Leute niemals die lokalen Medien, das sind nämlich die, die wirklich ganz nah drin sind und die im Zweifel noch irgendwo einen Hausmeister oder die Nachtschwester kennen und die mit, ja auch das gehört zur Wahrheit dazu, immer knapperen Ressourcen und immer weniger Leuten oft trotzdem noch die wichtigsten und tiefsten Recherchen machen. Es geht dann so weiter, dass eben Journalistinnen und Journalisten, wie du schon sagtest, mit Betroffenen sprechen, Berichte sammeln, Aussagen vergleichen und innerhalb weniger Tage wird deutlich, dass die offizielle Darstellung nicht mit den Erfahrungen der betroffenen Frauen übereinstimmt.

Die Berichterstattung ändert sich, die Tonlage wird ernster und die Fragen drängender. Sehr schnell steht dabei dann auch ein Vorwurf im Raum, nämlich der, dass sie Polizei Informationen zurückgehalten habe, insbesondere zur Herkunft der Tatverdächtigen. Kritiker werfen der Polizeiführung in Köln vor, dass sie diese Angaben aus politischer Rücksicht zunächst nicht kommuniziert habe. Ja, und das ist ja ein Vorwurf, den man immer wieder hört. Auch Medien oder vielleicht Podcasts müssen sich das immer wieder vorwerfen lassen, dass sie Dinge verschweigen oder Nationalitäten bewusst nicht nennen. Wobei der Pressekodex, muss man sagen, da recht eindeutig ist, wenn die Nationalität bei der Tat eine Rolle spielt, sollte sie genannt werden, ansonsten ist sie relevant. Logischerweise, genau.

Und in diesem Fall ist es eben wirklich sehr auffällig, dass, wie sich rausstellt, eine wirklich sehr, sehr große Zahl der Männer, die an diesem Silvesterabend Taten begehen, in Köln aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum stammt. Wir kommen darauf gleich noch genauer zu sprechen. Wir haben jetzt ja ein bisschen vorgespult auf den 1. Januar. Jetzt spulen wir mal wieder zurück, nämlich an diesen Silvesterabend 2015 in Köln. Was passiert da? Wir haben es ganz am Anfang schon gehört. Es wird zunächst mal ganz normal gefeiert auf der Domplatte. Viele Menschen sind da, viel Alkohol fließt. Es gibt Böller und Feuerwerkskörper, die da gezündet werden. Soweit alles nicht ungewöhnlich für eine Silvesternacht in Köln. Auffällig war aber tatsächlich, wie du gerade schon gesagt hast, dass sich am Hauptbahnhof und an der Domtreppe immer mehr Gruppen männlicher, jugendlicher und junger Erwachsener im Alter zwischen 15 und 35 Jahren versammeln. Und die dem äußeren Eindruck nach dem nordafrikanischen oder arabischen Raum zuzuordnen waren.

Bis Ende 2017 konnten 354 namentlich bekannte Verdächtige ermittelt werden. Wobei, ich habe hier die Zahlen vorliegen, Algerier mit 101 Personen und Marokkaner mit 91 Personen, die am häufigsten vertretenen Nationalitäten waren. Ein großer Teil dieser Verdächtigen, nämlich 122 Personen, waren Asylsuchende oder hielten sich illegal in Deutschland auf. Das betraf 52 Personen.

Zur Einordnung nochmal genauer, wir befinden uns hier zeitlich mitten in der Phase, in der sehr viele Menschen nach Deutschland flüchteten. Ja, genau. Aber was genau zieht jetzt diese Gruppen junger Männer an diesem Abend nach Köln? War das irgendwie geplant? Haben die sich da verabredet? Also Köln galt in den Kreisen dieser Männer offenbar als die einzig wahre Metropole in Mitteleuropa. Und als Event-Hauptstadt. Aufgrund der zentralen Lage in Mitteleuropa und der günstigen Verkehrsanbindung wirkte die Stadt wie ein Magnet auf die eingereisten Nordafrikaner. So ist es zumindest die Erkenntnis der Arbeitsgruppe Silvester der Kölner Polizei.

Viele dieser jungen Männer hatten sich zum Feiern in Köln verabredet. Es gab allerdings im Nachgang, das wurde nämlich auch untersucht, keine belastbaren Hinweise auf eine Verabredung oder verfestigte Strukturen, um Straftaten gezielt zu begehen. Die Taten entstanden vielmehr aus der situativen Dynamik und der Enthemmung dieser Gruppen, wobei die Gelegenheit, die ihnen diese große Menschenmenge bot, eben ausgenutzt wurde. Also die haben sich verabredet, also mehrere Gruppen haben sich verabredet, die sich dann zusammengefunden haben und in dieser Situation, die wir jetzt gleich beschreiben werden, haben sich dann eben diese Straftaten ereignet. Also Enthemmung trifft es wahrscheinlich ganz gut so. Ja, so eine Art Gruppendynamik kann man, denke ich auch sagen. Ja, kommen wir zu den Taten selbst. Was ist denn im Laufe dieses Abends passiert? Also was konnte wirklich rekonstruiert werden? Die Chronologie zeigt, dass sich die Lage schon früh zugespitzt hat. Also gegen 18.30 Uhr wurde ein Gottesdienst im Kölner Dom durch Feuerwerkskörper und Böller gestört. Mir war das übrigens auch nicht klar, dass das so früh schon anfing. Das war mir jetzt erst im Nachhinein bewusst. Die Stimmung war also da schon angespannt und um 20.48 Uhr ging der erste Notruf ein. Wo in dem berichtet wurde, Jungen würden mit Böllern auf andere Leute werfen.

Dann um 21.22 Uhr meldete ein Sanitäter, dass Raketen in die Menge geschossen wurden und eine aggressive Grundstimmung herrschte. Also die Raketen sind nicht mehr in die Luft geschossen worden, sondern quasi horizontal in die Menge. Genau, ja. Okay, und das kann man ja dann quasi als aggressive Feierlaune sozusagen zusammenfassen. Das ist ja wirklich eine unangenehme Atmosphäre, die man sich da vorstellen kann. Wie hat sich das dann dahin entwickelt, dass es wirklich diese massiven, auch sexuellen Übergriffe gab, wie es später bekannt wurde? Ja, also das war so, dass gegen 22 Uhr der Bahnhofsvorplatz schon mit tausenden Menschen gefüllt war. Überwiegend, wie schon erwähnt, männliche Jugendliche und junge Erwachsene. Diese Gruppen wurden von Einsatzkräften als völlig enthemmt und wie du gerade schon sagtest, aggressiv beschrieben. Die sexuellen Übergriffe setzten gezielt ein, also die Männer setzten die gezielt ein, Frauen wurden von denen umzingelt von den Männergruppen und bedrängt. Die Taten fanden in großer Mehrzahl zum Nachteil von weiblichen Passanten statt, also von Frauen. Sie haben sich gezielt Frauen ausgesucht, umzingelt und dann eben auch sexuell durchgeführt. Betatscht zum Beispiel, um es ganz klar auszudrücken. Genau.

Du hast es gerade schon angedeutet, gab es denn so ein typisches Vorgehen dieser Täter? Ja, tatsächlich. Also es war so, dass die bei den Angriffen Frauen umzingelt wurden. Von mehreren Männern dann jeweils. Genau, festgehalten oder von ihren Begleitern oft separiert. Die Täter fassten sie am Gesäß, an den Brüsten, im Intimbereich an. Die sexuellen Übergriffe waren auch häufig dann noch mit Diebstählen von Wertgegenständen verbunden.

Und die Polizei ging daher auch zunächst davon aus, die sexualisierte Gewalt sei eigentlich nur eine Tarnung, um von den Diebstählen abzulenken. Also damit sie nicht merken, dass sie beklaut werden. Genau, oder eben davon abgelenkt sind. Und doch betrug der Anteil der Sexualdelikte an allen Straftaten 46,8 Prozent.

Und die meisten angezeigten Straftaten ereigneten sich zwischen 23 Uhr und 2 Uhr. Also das waren die schlimmsten Stunden sozusagen. Es kommt dann irgendwann endlich dazu, dass die Polizei den Platz räumt, um eine Massenpanik zu verhindern. Hat das denn diese Taten gestoppt? Nein, tatsächlich nicht. Die Räumung begann um 23.35 Uhr. Ich hatte ja gerade schon gesagt, die meisten Straftaten ereigneten sich zwischen 23.00 Uhr und 2.00 Uhr. Und die Räumung war gegen 0.15 Uhr beendet, hatte aber keinen sofortigen präventiven Effekt auf die Kriminalität. Im Gegenteil eher. Die Frequenz der angezeigten Straftaten stieg in der Zeit während und unmittelbar nach der Räumung.

Auf geschätzte 110 bis 198 Delikte pro Stunde. Boah. Ja, das muss man sich mal vorstellen. Die Situation spitzte sich zusätzlich zu, weil die Hohenzollernbrücke wegen panikartiger Zustände und Personen auf den Gleisen gesperrt wurde. Das führte dann dazu, dass der Zugverkehr eingestellt wurde und im Bahnhof selbst 2500 Menschen festsaßen.

Diese Überfüllung und Enge in diesem Bahnhofsgebäude schuf ideale Tatgelegenheiten für die Gruppen. Und viele Opfer berichteten auch, dass sie vor Ort angesprochenen Polizisten, die ihnen nicht helfen konnten oder sich hilflos zeigten. Also die wussten da selber nicht, was sie tun sollten, offenbar. Also wir sehen jetzt, dass diese Rekonstruktion der Ereignisse ergibt, dass diese chaotische Situation, die die Polizei ja eigentlich beenden oder auflösen wollte, das Chaos eigentlich kurzzeitig sogar noch schlimmer gemacht hat und auch die Kriminalität, also diese Taten einfach nochmal hat ansteigen lassen letztlich, oder? Ganz genau. Also es war tatsächlich so, dass kriminologische Analysen darauf hindeuten, dass so ein Zustand der scheinbaren Regellosigkeit entstand, Und der es dann eben auch den Tätern ermöglichte, ihre Handlungen aus der Anonymität der Masse heraus zu begehen. Weil sie keine negativen Sanktionen oder keinen negativen Schaden befürchteten. Ja, wir kommen ja gleich noch dazu, was es dann wirklich für Sanktionen gab oder überhaupt geben konnte. Was man auf jeden Fall sagen kann, das ist eine unglaublich schreckliche Situation. Und ich glaube, als Frau kann man sich da leider, auch wenn man zum Glück selbst nicht dabei war, nur zu gut reinversetzen.

Du hast ja mit einer Frau gesprochen, die dabei war. Genau. Ich habe mit Carolina gesprochen. Sie wohnt in Bonn, hat sie auch damals schon und ist 26 Jahre alt. Ihren ganzen Namen will sie hier nicht veröffentlichen, deshalb nennen wir sie nur den Vornamen. Und sie war also damals 16 Jahre alt. Du hattest schon gesagt, ich war mit meinen 18 Jahren jung, also Carolina war noch jünger und wollte an Silvester mit ihrem damaligen Freund und ihrer besten Freundin nach Köln, um da am Rhein das Feuerwerk anzugucken und danach noch ein bisschen feiern zu gehen in einer Bar. Sie hatte an dem Tag tatsächlich auch Geburtstag, also am 31.12. Und wir hören uns jetzt mal an, wie sie sich an ihre Ankunft in Köln um kurz nach 23 Uhr erinnert. Genau, wir sind von Bonn aus nach Köln gefahren und ich glaube, dass wir uns erst vor Ort, also meine beste Freundin war bei mir und ich glaube vor Ort haben wir uns erst mit meinem damaligen Freund getroffen und dann sind wir von den Gleisen quasi runter gegangen und dann, ich weiß es noch ganz genau, da beim Kamms, ist ja so ein Eck gebaut und da sind wir dann durch die.

Und ich weiß noch, ich hatte eine kleine Tasche bei mir und mein Handy war an meiner Jackentasche. Und bevor wir in die Menschenmasse gegangen sind, habe ich meiner besten Freundin gesagt, dass sie meine Jackentasche zuhalten soll, weil da mein Handy drin ist. Und ich hatte halt meinen Freund an der Hand und sie an der Hand und ich war quasi in der Mitte. Und dann sind wir halt durch diese Menschenmasse gegangen und ich dachte mir schon so, okay, das ist irgendwie komisch, aber ich habe es da noch nicht realisiert. Karolina hat also ein komisches Gefühl, sie kann es aber selber noch nicht so ganz greifen. Ich glaube, das ist ein Gefühl, das an diesem Abend viele haben, dass da irgendwas kippt, ohne dass man jetzt wirklich genau sagen kann, was ist denn hier los und was passiert hier gerade. Wir hören jetzt nochmal rein, was dann passiert in ihrer Erinnerung. Also wir sind rausgegangen und wir sind durch die erste Tür beim Kams quasi gegangen. und ich habe schon gesehen, dass viele Männer mit dem Rücken zu diesem Kams standen. Also die waren wie aufgereiht. Das habe ich halt erst alles im Nachhinein realisiert, dass es so ist und so systematisch auch ist. Also da standen wirklich die Männer mit dem Rücken zu dieser Glaswand beim Kams und haben sich halt wie so ein Spalier aufgestellt. Und ich weiß nicht mehr, was rechts von mir war, aber ich denke mal, irgendwo nach einer Tür war auch nochmal so eine Männerreihe. Das habe ich aber nicht gesehen.

Und genau, dann sind wir halt da durchgegangen. Wir haben uns festgehalten, weil wir schon gemerkt haben, okay, da sind viele Menschen, sodass wir uns nicht verlieren. Das war ganz klar, dass wir das machen. Und ja, auf meine Tasche hatte ich nicht so sehr geachtet. Auch wenn jeder das sagt, so ja, pass auf deine Tasche auf und so. Ich hatte halt nur eine Powerbank dabei. Dann hatte ich eine Taschentücherpackung dabei. und darin hatte ich mein Geld, meinen Ausweis, meine Versichertenkarte, mein Busticket, weil ich schon gedacht habe, ich nehme nicht mein ganzes Portemonnaie mit. Und die Tasche war dann quasi hinten auf meinem Rücken. Und ja, dann wurde ich sehr doll am Po angegrabscht. Also es war jetzt nicht so, wie man es vielleicht oder wie jede Frau es im Club kennt, dass man ein bisschen angetatscht wird oder so, sondern es war schon sehr extrem.

Und ich weiß noch, dass ich die Hand dann gegriffen habe und den Mann zu mir rangezogen habe und gesagt habe, fass mich nicht an. Aber es war alles so schnell, dass wir dann weitergegangen sind und quasi aus der menschenmasse schon wieder raus waren also das war innerhalb von sekunden ich glaube mein freund hat es auch nicht mitbekommen weil er vorgegangen ist ich glaube meine beste freundin hat es mitbekommen sie wurde auch begrabscht und belästigt und angefasst aber nicht beklaut weil sie glaube ich ihre tasche unter der jacke hatte und ja als wir da raus waren dachten uns beide nur so wir haben uns einfach.

Also es war, wir haben uns dreckig gefühlt, es war total ekelhaft. Wir waren auch relativ jung noch, finde ich. Und ja, es war einfach ekelhaft. Das ist also ein eindeutiger sexueller Übergriff. Außerdem wird Karolina in dieser Situation das Handy geklaut. Also genau so, wie du es beschrieben hast eben. Und dieses ekelhafte Gefühl, was sie da beschreibt, das können sicherlich auch sehr viele nachempfinden. An dieser Stelle vielleicht der Hinweis an alle Opfer, jedweder Übergriffe, Belästigungen von Missbrauch oder sexueller Gewalt. Also die Täter sind ekelhaft und nicht ihr. Das ist ganz klar. Was hat die Carolina denn noch erzählt? Sie hat mir gesagt, dass ihre Freundin auch begrapscht wurde. Ihr Freund hat wohl gar nichts da mitbekommen. Und beide kurz davor standen in Tränen auszubrechen, als sie dann aus dieser Menschenmenge raus waren. Also völlig aufgewühlt waren. Ihr Handy hatte sie noch, weil das in ihrer Jackentasche ja war. Damit hat sie dann auch sofort ihre Eltern angerufen, die ihr geraten haben, Anzeige zu erstatten. Und das hat sie dann tatsächlich auch direkt getan. Sie ist zurück in den Hauptbahnhof durch einen anderen Eingang. Das war ihr sehr wichtig.

Und zu dem gleichzeitigen Übergriff und diesem Diebstahl sagt sie selbst. Also ich glaube halt in dem Moment, wo der eine Mann mich angefasst hat, hat ein anderer meine Tasche aufgemacht. Also es war ein Ablenkungsmanöver, denke ich mir, weil anders kann ich es mir nicht vorstellen. Also es ging halt auch, wie gesagt, so schnell. Und ich glaube, das war halt, die Belästigung war das Ziel für den Diebstahl. Und ich glaube, das war halt, Ja, ich habe es eben schon gesagt, das entspricht ja genau dem, was du eben beschrieben hast. Dieser sexuelle Übergriff dient so ein bisschen der Ablenkung, um den Diebstahl zu begehen. Und ehrlich gesagt, mich erinnert das, wenn ich mich jetzt nicht total irre, an etwas, das es schon deutlich länger gibt als 2015. Das ist nämlich diese sogenannte Antanznummer. Das war in Köln sehr weit verbreitet. Da haben auch meist mehrere junge Männer, zwei bis drei, Frauen so angetanzt, ganz eng. und einer hat dann immer das Handy oder das Portemonnaie geklaut. Und diese Masche, die wird hier ganz offensichtlich auf die Spitze getrieben in dieser Situation und dieser Menschenmenge auch. Die Situation eskaliert komplett. Es scheint keinerlei Regeln für diese Männer zu geben, so wie du es gerade gesagt hast. Und die Frauen sind dem schutzlos ausgeliefert, mitten in einer Menschenmenge. Genau. Carolina war, wie gesagt, sehr aufgewühlt danach.

Derben lassen und hat dann trotzdem, trotz des sexuellen Übergriffs eben wollte den Abend noch weiter genießen, ist noch weiter feiern gegangen. Trotzdem hat das Ganze aber Spuren hinterlassen bei ihr. Und sie hat mir erzählt, wie der Abend für sie weiterging. Ja, also wir sind dann nach der Polizei wirklich noch anreingegangen und dachten uns ja, okay, wir sind jetzt hier so, wir wollen jetzt auch irgendwie nicht nach Hause. Und dann sind wir zum Reingegangen und ich weiß noch, dass mein damaliger Freund dann seine Hand um meine Taille gelegt hat und ich bin zusammengezuckt, weil ich halt auch da das Gefühl hatte, so, das ekelt mich an in dem Moment. Und dann hat er, glaube ich, auch kurz telefoniert und dann habe ich auch mit meiner besten Freundin gesprochen, so ja, ich will eigentlich gar nicht mehr hier sein, so lass uns nach Hause fahren und wir dann auch so, ja okay, das und das und dann meinte ich auch so, ich will gar nicht irgendwie mit meinem Freund irgendwie sein, so das nicht sagt, dass er schlecht war oder mich nicht gut behandelt hat, aber diese Aktion war halt so, er war ein Mann, so. Egal, ob ich ihn vorher kannte oder nicht, es hat mich angeekelt und dann haben wir auch gesagt, so ja, wegen Silvesterkuss und blablabla und meinte ich so, ich will ihn gar nicht küssen, ich will das gar nicht, ich fühle mich eklig.

Das finde ich wirklich wahnsinnig traurig, dass so eine Tat eine Person von ihrem eigenen Freund entfremdet und sie sich da gar nicht mehr vorstellen konnte, ihn zu küssen oder von ihm angefasst zu werden. Carolina hat die Folgen dieser Nacht aber nicht nur in den Stunden danach gespürt. Sie hat mir gesagt, dass sie in der Zeit, die dann folgte, in den Wochen danach, volle Busse gemieden hat, nicht in Menschenmassen gehen wollte und immer ein komisches Gefühl hatte, wenn ein Mann beispielsweise mit ihr an einer Bushaltestelle ausstieg. Und die Tür, durch die sie an Silvester gegangen ist am Kölner Hauptbahnhof, hat sie jahrelang nicht genutzt, sagt sie. Erst vor ein, zwei Jahren ist sie da erneut wieder durchgegangen. Trotzdem findet sie auch, dass sie das Ganze gut verarbeitet hat, aber immer noch diesen Beigeschmack eben spürt.

Ja, kann ich total nachvollziehen. Wir kommen ja mal zurück zum Danach, also zu diesem Neujahrsmorgen und den Tagen und Wochen im Anschluss, als sich immer mehr rausstellt, immer mehr rauskristallisiert, was an diesem Abend eigentlich wirklich passiert ist. In die Zeit fällt dann auch die berühmt-berüchtigte Aussage der damaligen Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Rehker.

Sie empfiehlt Frauen öffentlich, im Gedränge eine gewisse Distanz zu halten, etwa eine Armlänge. Die Aussage ist als Verhaltenstipp gemeint, wird aber bundesweit als Symbol für Hilflosigkeit und Verantwortungsverschiebung verstanden. In den sozialen Netzwerken verbreitet sich sogar der Hashtag eine Armlänge. Er steht für die Wut vieler Betroffener und für dieses Gefühl, dass der Schutz öffentlicher Räume plötzlich zur individuellen Aufgabe wird. Ja, für Frauen. Genau. Und ehrlicherweise muss man sagen, das ist eine ganz klassische Reaktion, die jetzt auch noch leider von einer Frau kommt. Denn ich finde, das erlebt man ja immer wieder, dass als Lösung für Übergriffe und Gewalt gegen Frauen dann zum Beispiel sowas wie Selbstverteidigungskurse präsentiert wird. Nichts gegen Selbstverteidigungskurse ist bestimmt eine gute Sache, aber eigentlich liegt das Problem ja woanders. Oder dass man als Frau den Tipp kriegt, doch nicht um die Zeit da und da herzugehen oder sich nicht so und so anzuziehen. Also Frauen sollen ein Problem lösen, das Männer verursachen. Und ja, das kann eigentlich nicht des Rätsels Lösung sein. Nein, absolut.

Aber zurück zu Silvesternacht bzw. deren Aufarbeitung. Es gibt ja schon nach kurzer Zeit die ersten Konsequenzen. Genau, der öffentliche Druck wächst, nämlich das Vertrauen in die Kölner Polizei ist beschädigt und wenige Tage später zieht das Land NRW-Konsequenzen. Der damalige Polizeipräsident in Köln, Wolfgang Albers, wird in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Albers war übrigens, bevor er Polizeipräsident in Köln wurde, in derselben Position schon hier in Bonn und er wohnt auch bis heute hier.

Ein aktuelles Interview mit ihm gehört ebenfalls zu unserer Berichterstattung zur Silvesternacht 2015. Das könnt ihr natürlich wie immer auf ga.de lesen. Und wir packen euch den Link in die Shownotes. Genauso natürlich wie den zum Interview mit Karolina. Ja, da kommt natürlich die Frage auf, ob mit dieser Absetzung von Albers Verantwortung übernommen oder lediglich ein personales Signal gesetzt wird. Das bleibt tatsächlich umstritten. Klar ist aber, die Deutung dieser Nacht hat sich grundlegend verändert. Und sie wird das Verhältnis von Staat, Öffentlichkeit und Sicherheit nachhaltig prägen. Absolut. Also ganz klar, die Kölner Silvesternacht, das ist eine gesellschaftliche Zäsur. Zur Verdeutlichung der Dimensionen ein paar Zahlen. Es gibt an diesem Abend mehr als 1200 offizielle Geschädigte. Also das sind nur diejenigen, die wirklich Anzeigen erstatten. Und man weiß ja, dass die Dunkelziffer meist noch weitaus höher ist. Es werden 1527 Straftaten gezählt, davon 529 Sexualdelikte. Ja, und das ist nun wirklich ganz, ganz, ganz weit entfernt von Einzelfällen. Das ist eindeutig ein massenhaftes Geschehen. Und die Frage ist, wie kann es dazu kommen? Ja, um 22.14 Uhr gibt es eine Funkmeldung der Polizei, die lese ich jetzt auch einmal vor. Weit über 1000 Personen, keine Maßnahmen möglich.

Das sagt alles aus. Genau. Maximal sind etwa 80 Bundespolizisten im Bereich von Dom und Hauptbahnhof. Wenn man das ins Verhältnis setzt zu den Zahlen, die du gerade genannt hast.

Kann man sich nur fragen, wie das passieren konnte. Es wird zwar Verstärkung angefordert, die aber nicht rechtzeitig vor Ort ist. Also die Lage wird erkannt, aber viel zu spät und definitiv wird sie dann nicht mehr beherrscht. Das haben wir ja eben schon gehört. Genau, man ist dann später in der Aufarbeitung zu dem Ergebnis gekommen, dass dieser Kontrollverlust auf mehreren sich gegenseitig verstärkenden Faktoren zurückzuführen war. Das fängt an bei einer völlig unzureichenden Kräfteplanung, wie wir gerade schon gesagt haben. Die Kölner Polizei hatte zwar eine vollständige Hundertschaft angefordert, erhielt vom Landesamt für zentrale polizeiliche Dienste aber eine Hundertschaft ohne Einzug. Also 85 Beamte bedeutet das. Und wegen dieser Reduzierung fing der Großteil der eingesetzten Beamten nicht, wie eigentlich geplant, um 20 Uhr an, sondern erst um 22 Uhr. Ein gravierender Fehler, denn die kritische Lage und erste Störungen begannen ja schon ab 18.30 Uhr am Kölner Dom. Zum Beispiel durch diese Feuerwerkskörper während des Gottesdienstes.

Also trotz dieser Eskalation, die ja dann in den späten Abendstunden folgt, wird keine Verstärkung angefordert oder erst zu spät. Warum reagieren die Verantwortlichen denn nicht, als das Chaos so offensichtlich wird? Da gab es offenbar gravierende Kommunikationsfehler. Zum einen hatte die Kölner Polizeiführung im Vorfeld keine Erkenntnisse über ein geschlossenes Vorgehen von Männergruppen. Die massive sexualisierte Gewalt in dieser Dimension war nicht vorhersehbar. Und zum anderen wusste die Einsatzleitung nicht, welche Reserven verfügbar waren.

Die Landesleitstelle bot zwar Unterstützungskräfte an, deren Einsatz aber vom diensthabenden Leiter der Kölner Leitstelle abgelehnt wurde, da dieser keine Kenntnis von der tatsächlichen Lage am Domplatz hatte und fälschlicherweise annahm, dass keine Verstärkung nötig sei. Okay, verstehe.

Gut, den Opfern bringt das alles nichts, muss man ehrlich sagen. Für die bleibt ein Gefühl von Hilflosigkeit und auch von ausgeliefert sein im Grunde. Der heutige NRW-Innenminister Herbert Reul hat dazu später gesagt, dass diese Opfer, Zitat, vom Staat im Stich gelassen wurden. Das war allerdings nicht nur auf diese Nacht selbst bezogen, sondern auch auf das juristische Nachspiel des Ganzen. Da haben wir ja eben schon angedeutet, das ist zumindest auf den ersten Blick ein ziemlich trauriges, oder? Wie viele dieser über 1000 Anzeigen haben denn tatsächlich zu Verurteilungen geführt? Auch da gibt es einen erschreckenden Kontrast zwischen der Masse der Vorfälle und den tatsächlichen juristischen Ergebnissen. Ich habe hier auch die Zahlen vorliegen. Also bis Dezember 2017 wurden 1210 Strafanzeigen erstattet. Fast die Hälfte davon, das sind 454 Fälle, waren Sexualdelikte, darunter mindestens drei Anzeigen wegen Vergewaltigung. Den Ermittlern waren 1.276 mutmaßliche Opfer bekannt. Von den 290 Ermittlungsverfahren gegen namentlich bekannte Personen wurden nur 46 angeklagt. Die Bilanz war also ernüchternd.

Insgesamt gab es bis Ende 2017 nur 36 Verurteilungen und bis März 2019 konnten nur drei Sexualstraftäter juristisch überführt werden, wobei zwei von ihnen Bewährungsstrafen erhielten. Die meisten Verurteilungen betrafen stattdessen Diebstahl und Hehlerei. Ja, das ist wirklich eine sehr traurige Bilanz. Effektiv, ja. Warum denn diese geringe Erfolgsquote jetzt gerade bei den Sexualdelikten? Also das lag hauptsächlich an dieser tumultartigen Situation. Die Beweislage war eben extrem schwierig, da es kaum möglich war, einzelnen Tätern konkrete Handlungen zuzuordnen. Und viele Verfahren wurden wegen Mangels an Beweismaterial eingestellt oder weil die Beschuldigten nicht mehr auffindbar waren. Also das erzählte mir zum Beispiel auch Carolina, sie kann sich heute nur noch an helle Strähnen erinnern bei dem Mann, der sie angefasst hat, aber sie wusste gar nicht, konnte das gar nicht beschreiben. Das ist im Grunde ja genauso, wie die Täter sich das dann in dieser Situation wahrscheinlich gedacht haben, naja, wer soll mich jetzt hier erwischen in Anführungsstrichen und traurigerweise ist es dann in den allermeisten Fällen wirklich so gekommen.

Unabhängig von diesen individuellen Verfahren hatte die Silvesternacht aber ja durchaus juristisch sehr tiefgreifende Konsequenzen, also wirklich auf konkrete Gesetzgebung bezogen und das bezieht sich besonders auf den Bereich des Sexualstrafrechts, richtig? Ja, also das führte schon zu umfassenden juristischen Konsequenzen und Gesetzesreformen. Die wichtigste Neuerung war die Verankerung des Grundsatzes Nein heißt Nein in § 117 des Strafgesetzbuches. Und damit sind sexuelle Handlungen strafbar, wenn sie gegen den erkennbaren Willen einer Person erfolgen. Und das schloss eine frühere Gesetzeslücke, die teils eine körperliche Gegenwehr erforderte bis dahin. Ich glaube, es ist Paragraf 177. Ah, habe ich was anderes gesagt? Du hast 117 gesagt. 177 meine ich. Ich kann das jetzt leider nicht schneiden, weil wir ein Video machen. Das ist richtig. Deshalb dachte ich, ich sage es mal. Sehr gut, danke. Okay, und wie hat der Gesetzgeber dann auf die Art der Übergriffe reagiert, die ja oft in der Gruppe stattfanden? Da wurden zwei neue Straftatbestände eingeführt. Zum einen sexuelle Belästigung. Dieser Paragraf stellt erst mal sexuell bestimmte körperliche Berührungen, wie das Grabschen zum Beispiel, unter Strafe. Und zum anderen Straftaten aus der Gruppe, Straftaten aus Gruppen. So, Entschuldigung.

Dieser Straftatbestand wurde geschaffen, um die Beteiligung an einer Gruppe unter Strafe zu stellen, die eine andere Person sexuell bedrängt. Also wenn ich zu der Gruppe gehöre, dann kann ich auch bestraft werden, auch wenn ich vielleicht jetzt nicht direkt beteiligt bin. Genau, dieses Antanzen, was du eben sagst, ist dann damit auch. Man muss ja ehrlich sagen, es ist ja trotzdem noch ein bisschen verrückt, dass das erst nach 2015 dann überhaupt passiert. Das kann man eigentlich nicht fassen. Das war mir auch nicht klar. Ja, das ist mir auch wieder erst jetzt aufgefallen, dass das so spät kam.

Kommen wir mal zurück zur Herkunft der Täter, also die Herkunft dieser Männer, beziehungsweise deren Aufenthaltsstatus. Das war ja ein Riesenthema, ein absolut beherrschendes Thema. Hatte die Silvesternacht auch diesbezüglich Konsequenzen? Absolut. Das Ausweisungsrecht für straffällig gewordenen Ausländer wurde nämlich verschärft. Jetzt kann bereits eine Verurteilung zu einem Jahr Freiheitsstrafe zur Abschiebung führen, selbst wenn diese zur Bewährung ausgesetzt wird. Zudem wurden die Staatsanwaltschaften verpflichtet, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bei schwerwiegenden Straftaten einzuschalten.

Apropos Herkunft, es liegt wohl auf der Hand, dass die Herkunft in diesem Fall, bei diesem beispiellosen Ereignis natürlich eine Rolle spielt. Denn die haben sich ja quasi verabredet und kommen aus einem bestimmten Kreis. Deshalb wird sie hier auch ganz klar benannt. Und genauso klar dürfte aber hoffentlich jeder und jedem sein, dass Marokkaner oder Algerier, das sind diejenigen, die hier am meisten vertreten sind, dass die natürlich nicht von Natur aus übergriffiger oder krimineller sind als Deutsche.

Das anzunehmen wäre ganz klar ziemlich stumpfer Rassismus und auch nicht gerade besonders intelligent. Aber einen Zusammenhang zwischen Herkunft und Tat, den scheint es ja hier durchaus zu geben, oder? Ja, das ist ein echt schmaler Grad und üblicherweise werden solche Diskussionen immer sehr schnell von ganz rechts außen gekapert, was diesen Diskussionen selten gut tut. In der Tat. Ja, da wird es dann gerne sehr emotional, auch sehr unsachlich und ja, mit Fakten hat das dann wirklich nicht mehr viel zu tun. Also Fakten. Wenn man über Köln 2015 spricht, dann kommt man ziemlich schnell zu der Frage, hängen Migration und Kriminalität fest? Miteinander zusammen? Wie stark hängen sie miteinander zusammen? Und was kann Herkunft da eigentlich überhaupt erklären? Und da können wir mal dem WDR eine Empfehlung aussprechen. Die haben das nämlich kürzlich erst in einem großen Stück aufgedröselt, das ich total spannend finde. Deshalb setze ich euch da auch einen Link in die Shownotes. In dem Stück werden genau diese Unschärfen zum Thema gemacht. Was wird in der Kriminalstatistik überhaupt erfasst? Welche Kategorien werden vielleicht vermischt? Und was lässt sich da jetzt wirklich seriös daraus ableiten?

Ein Punkt darin, NRW will als erstes Bundesland in der Kriminalstatistik zusätzlich ausweisen, ob deutsche Tatverdächtige neben dem deutschen Pass noch eine weitere Staatsangehörigkeit haben. So wie wir. Genau. Innenminister Herbert Reul begründet das mit dem Anspruch, die Realität messen zu wollen. Und er sagt sehr offen, dass ihn ein Vertrauensverlust umtreibt. Weil viele Menschen glauben, der Staat sage nicht die ganze Wahrheit. Ja, oder die Medien. Das ist wirklich ein Vorurteil, das sehr um...

Triebig ist, aber der WDR zeigt auch, warum solche Debatten so leicht schief laufen. In der polizeilichen Kriminalstatistik taucht nämlich Geflüchtete gar nicht als eigene Kategorie auf. Stattdessen wird mit dem Begriff Zuwanderer gearbeitet und der ist polizeilich sehr eng definiert. Das ist etwa über den Aufenthaltsstatus, also Asylbewerber, Geduldete, Menschen ohne Papiere. Und diese Gruppe ist unter Tatverdächtigen, das sind jetzt tatsächlich Tatverdächtige, es geht nicht um Verurteilungen, statistisch stärker vertreten als in der Gesamtbevölkerung. Das heißt natürlich jetzt nicht automatisch, dass Herkunft die Ursache für die Kriminalität ist, logischerweise. Ja, klar. Der Kriminologe Christian Wallburg, den der WDR dazu interviewt, sagt, ja, Neuzugewanderte und Geflüchtete fallen in den Daten im Schnitt häufiger auf als Menschen ohne Migrationshintergrund. Gleichzeitig erklärt er aber auch, dass das in der Forschung vor allem mit Faktoren zu tun hat, die man in der öffentlichen Debatte oft unterschlägt, beziehungsweise die aus der Statistik dann nicht herausgerechnet werden. Das wäre aber eigentlich für ein tatsächlich aussagekräftiges Bild notwendig und in der Statistik auch üblich eigentlich.

Nämlich Faktoren wie Alter und Geschlecht, Wohnorte in Ballungsräumen, soziale Lage, fehlende Perspektiven und je nach Biografie eben auch Gewalt- und Fluchterfahrung. Ja, und genau diese Differenzierung ist wichtig, wenn wir über Köln sprechen, über Köln 2015. Man kann Tätergruppen benennen und Hintergründe, ohne daraus jetzt eine Schablone zu machen für die Migranten. Die Statistik kann Hinweise geben und die muss man auch ernst nehmen, aber die kann natürlich kein moralisches Urteil fällen und die kann ja auch nicht eine konkrete Tat irgendwie ersetzen, benennen oder Sonstiges und die konkrete Verantwortung und Aufarbeitung kann eine Statistik sowieso nicht leisten, im konkreten Fall Köln.

Natürlich auch in ganz vielen anderen Fällen. Ja, in der Kriminologie gilt seit Jahrzehnten ein Befund eigentlich als ziemlich stabil. Und das ist der wichtigste Risikofaktor für Gewaltkriminalität, ist nicht Herkunft, sondern Alter und Geschlecht. Genauer, es sind die jungen Männer, die in allen Gesellschaften und zu allen Zeiten wirklich überproportional an Gewalttaten beteiligt sind. Das gilt für Deutsche genauso wie für Zugewanderte. Wenn in bestimmten Gruppen besonders viele junge Männer vertreten sind, und das ist natürlich bei den Geflüchteten, insbesondere 2015, 2016 so gewesen, dann schlägt sich das also zwangsläufig auch in der Kriminalstatistik nieder. Und das insbesondere dann, wenn diese jungen Männer dazu auch noch perspektivlos sind. Das relativiert keine einzige Tat und entschuldigt gar kein Verhalten. Aber es verschiebt eben den Fokus weg von pauschalen Herkunftserklärungen hin zu der Frage, wie Gesellschaften mit großen Gruppen junger, perspektivloser Männer umgehen. Unabhängig davon, woher sie eben kommen. Und dazu hat mir Carolina auch ganz klar ihre Meinung gesagt. Das wollte sie wirklich mehrfach betonen. Und da hören wir jetzt mal rein.

Ja, also da hatten wir schon drüber gesprochen, dass es in dieser Nacht, oder es war ja auch in den Medien, dass es in dieser Nacht ausländische Männer oder nicht deutsch aussehende Männer waren. Und das kann ich auf jeden Fall bestätigen, aber es wäre genauso schlimm gewesen, wenn da blonde, blauäugige, große Männer stehen würden. Also ich will nochmal betonen, dass es halt nicht daran lag, dass es ausländische oder ausländisch gelesene Menschen waren oder Männer waren, sondern das Problem waren Männer. Und das ist egal, ob die schwarz, weiß, grün oder gelb sind. Das Problem sind immer Männer. Wenn ich nachts von der Bushaltestelle nach Hause laufe, dann denke ich mir, wenn eine Frau mit mir aussteigt, denke ich mir so, ja, das ist eine Frau. Wenn ein Mann mit mir aussteigt, bleibe ich an der Haltestelle stehen und warte, bis er weggelaufen ist. Weil ich mir denke, okay, ich möchte sehen, wo er hinläuft. Ich möchte sehen, dass er nicht in meine Richtung läuft. Oder ich möchte ihm nicht meinen Weg zeigen, damit er mir hinterherläuft.

Und das ist halt, glaube ich, nochmal ganz klar zu sagen, dass es leider so ist, dass viele Männer uns Frauen zu denken geben. Und ich will jetzt auch nicht sagen, dass alle Männer schlecht sind, weil das ist zum Glück ja auch nicht so. Aber ich glaube, jede Frau würde mir zustimmen, dass wenn man einem Mann entgegenläuft nachts, dass es auf jeden Fall ein anderes Gefühl ist, als würde man einer Frau entgegenlaufen.

Ja, es sei an dieser Stelle trotzdem einmal ganz klar erwähnt, das habe ich ja auch schon vor zwei Episoden war es, glaube ich, erwähnt. Viele dieser jungen Männer, die kommen aus Ländern, in denen das Patriarchat nochmal deutlich offensichtlicher als hier in Deutschland gelebt wird. Und natürlich kann das Prägung und Sozialisation insofern beeinflussen, dass ein unangemessenes Verhalten gegenüber Frauen und vielleicht im schlimmsten Fall sogar Übergriffe gegen Frauen dadurch begünstigt werden können. Nicht müssen, aber können. Die eigentliche Brisanz dieser Kölner Silvesternacht ist in meinen Augen, ja, dass hier quasi alles zusammenkommt. Da ist es quasi ein Lehrstück darüber, was passiert, wenn viele junge Männer, wenig Kontrolle und ein überforderter Staat im Grunde im Sinne der Polizei zusammenkommen und nicht zuletzt jede Menge Alkohol. Ja, ich glaube auch die Frage nach der Herkunft der Täter nach der Kölner Silvesternacht wurde deshalb so schnell zum politischen Sprengstoff, weil sie zunächst gar nicht erklärt wurde. Absolut, definitiv. Auf jeden Fall das Schweigen, dieses Zögern und diese viel zu späte Einordnung haben den Raum natürlich geöffnet für Misstrauen und für letztlich dann diese Vereinfachung, die wir ja kennen und für eine Debatte, die sich weniger um die Taten selbst dann auf einmal gedreht hat und ehrlich gesagt auch viel weniger um die Opfer. Als um die Frage, warum hat man denn das verheimlicht? Warum wurde darüber nicht offen gesprochen?

Ja, und wie gesagt, die stolzesten Vereinfacher von ganz rechts außen, die sind da immer wirklich schnell bei der Sache und ganz eifrig am Start.

Als dann immer mehr rauskam nach der Kölner Silvesternacht, da hat ein Begriff ja dann ganz schnell die Runde gemacht und ist immer wieder auch in der Berichterstattung aufgetaucht und das war NAFRI. Kannst du dazu was sagen? Was ist das für ein Ausdruck? NAFRI ist eine interne Bezeichnung der Polizei NRW und steht für Nordafrikaner oder Nordafrikanischer Intensivtäter. Der Kölner Polizeipräsident erklärte, die Bezeichnung sei schon 2013 behördenintern für nordafrikanische Intensivtäter verwendet worden, also seitdem. Und die öffentliche und mediale Beachtung nach der Silvesternacht führte dann zu Kontroversen, wobei Kritiker den Begriff als völlig inakzeptabel und herabwürdigende Gruppenbezeichnung kritisierten.

Also der Polizei wird hier vorgeworfen, rassistische Vorurteile mit zu bedienen und quasi eine Kollektivbestrafung einer großen Gruppe vorzunehmen mit diesem Begriff. Teilweise auch rein auf äußerlichen Merkmalen beruhend. Das kennt man ja auch aus diesen sogenannten Rasterfahndungen. Ich weiß nicht, ob die heute noch so heißen. Da gibt es, glaube ich, einen anderen Begriff. Aber da werden ja dann wirklich Gruppen gescannt und Menschen mit dunkler Haut, dunklen Haaren, dunklen Augen im Grunde ausgesiebt.

Das ist natürlich eine pauschale Handlung und Kollektivbestrafung, in Anführungsstrichen. Das wäre jetzt auch mein Stichwort, denn ich würde jetzt gerne überleiten zu einem Vorgang, der sich ganz kurz nach der Kölner Silvesternacht ereignet hat und zwar ganz hier bei uns in der Nähe, nämlich in Bornheim. Ja, da hätte ich auch nicht mit gerechnet, dass Bornheim da mal weltberühmt wird. Nee, damit hat, glaube ich, Bornheim selber auch nicht gerechnet. Ja, es ist aber genau so passiert, dass Bornheim weltbekannt wurde. Und zwar, weil dort Anfang 2016, nämlich im Januar, das Hallenbad gesperrt wurde. Und zwar nicht komplett für alle, sondern für eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen, nämlich männliche Geflüchtete über 16 Jahre. Das ist eine Entscheidung, die damals extrem polarisiert hat, extrem viel Berichterstattung ausgelöst hat. und wirklich tatsächlich in der ganzen Welt. Unter anderem hat sogar der BBC darüber berichtet. Und du hast jetzt zehn Jahre später mit dem Mann gesprochen, der diese Entscheidung getroffen hat. Ja, genau. Das ist Markus Schnappger. Der war damals Sozialdezernent in Bornheim. Heute ist er 74 Jahre alt und genießt seinen Ruhestand. Das Interview mit ihm, aus dem wir gleich auszugehören werden, das lest ihr natürlich auch wieder auf ga.de. Und auch diesen Link findet ihr in den Shownotes. Was ich total interessant fand, war, Wenn Markus Schnappker sich an die Zeit von vor zehn Jahren erinnert, dann beginnt seine Erinnerung nicht in Bornheim, sondern in Köln. Und das hören wir uns jetzt mal an.

Ja, eigenartigerweise kein Bild aus Bornheim, sondern es waren diese verstörenden Bilder von der Silvester-Nacht in Köln. Dieses Chaos, diese Entfesselung, auch die Hilflosigkeit und natürlich die Opfer. Das war für mich eigentlich kennzeichnend auch für diesen Wechsel, der wahrscheinlich auch in der Stimmung gegenüber Migration und gegenüber Ausländerpolitik, wie man sie ja damals nannte, eingetragen hat.

Die Kölner Silvesternacht war ein beispielloser Einschnitt. Das haben wir eben schon rausgearbeitet und das wirkte sich natürlich auch weit über Köln hinaus aus.

Aber was genau ist denn in Bornheim überhaupt passiert? Gab es dort ähnliche Übergriffe?

Ja, bei weitem nicht in dieser Dimension. Das ist also wirklich tatsächlich nicht vergleichbar. Da gab es kein massenhaftes Geschehen. Aber ja, es gab Vorfälle. Da haben sich mehrere Frauen beim Personal dieses Schwimmbads gemeldet und geschildert, dass sie wirklich massiv belästigt wurden von jungen Männern aus einer nahegelegenen Flüchtlingsunterkunft. Insgesamt gab es drei Flüchtlingsunterkünfte in Bornheim. Eine davon in der Nähe des Schwimmbads und die Flüchtlinge, die durften kostenlos in das Schwimmbad. Und ja, da gab es dann offenbar Belästigungen bis hin auch zu körperlichen Annäherungen unerwünschten.

Insgesamt sechs gemeldete Vorfälle gab es im Bad, dazu einen sexuellen Übergriff in unmittelbarer Nähe. Da ist eine Frau vom Fahrrad gerissen worden und sexuell bedrängt worden. Hier waren übrigens sowohl der Angreifer als auch derjenige, der dann der Frau zu Hilfe kam, Bewohner dieser Flüchtlingsunterkunft. Okay, und daraufhin wurde das Bad dann gesperrt? Genau, und zwar eben nur für die über 16-jährigen männlichen Geflüchteten. Aber so eine Maßnahme trifft doch ganz viele, die auch gar nichts damit zu tun haben, gar nichts getan haben. Ja, absolut. Und das war auch der Kern der Kritik an dieser Entscheidung, die natürlich dann aufkam. Dass es eine Kollektivmaßnahme war, die eine ganze Gruppe umfasste, dass das Diskriminierung war und rassistisch. Und was ich da wirklich bemerkenswert finde, es gäbe da ja viele Möglichkeiten zu reagieren. Man könnte das reflexhaft von sich weisen und sagen, ich bin doch kein Rassist.

Niemals, ich nicht. Dazu muss man sagen, Markus Schnappga ist bei den Grünen, er ist grüner und hat unter anderem an Demos gegen Pegida teilgenommen. Also der ist jetzt wirklich nicht der erste Oberverdächtige in Sachen Rassismus. Man könnte auf der anderen Seite auch einknicken und sagen, ja, nee, tut mir leid, war eine blöde Idee, wir lassen das jetzt einfach mal so weiterlaufen. Das wäre die andere Möglichkeit. Aber Schnappke hat beides nicht getan, oder? Nee, genau. Und das ist es, was mich an diesem Mann echt nachhaltig beeindruckt. Das ist wirklich ein beeindruckender Typ, der bestreitet gar nicht, dass diese Entscheidung von außen betrachtet natürlich als rassistisch gelesen werden kann oder sogar muss. Denn eine ganze Gruppe von Menschen einzig und allein aufgrund von deren Herkunft oder Hintergrund eine Maßnahme zu unterwerfen, klar, das ist eine pauschale Handlung, die mehrheitlich Unschuldige trifft. Und Schnappgart stimmt da tatsächlich zu, aber er wehrt sich gegen diesen Begriff oder diese Unterteilung schuldig und unschuldig, denn er hat diese Aktion tatsächlich überhaupt gar nicht als Bestrafung gesehen.

Es war damals keine Bestrafung. Es war eine Aktion, diese Zeit zu öffnen, ein Zeitfenster zu öffnen für Kommunikation und für Vermitteln von Normen und Regeln. Es war keine Bestrafung. Deswegen passt mir ein bisschen dieser Begriff Schuldige, Unschuldige nicht. Wobei ich verstehe, was sie meinen, nämlich dass es eine pauschale Handlung war, die natürlich vielfältig war.

Aber manchmal ist es eben wichtig, eine Community mitzunehmen, insgesamt auf diesem Weg und dabei einige Friktionen in Kauf zu nehmen, um dann einen Mehrwert zu haben gesellschaftlich, wenn man das vermittelt. Und das war uns immer wichtig, nicht nur mir alleine, sondern dem Bürgermeister der Verwaltung, auch im Stadtrat, dass wir kommunizieren, was wir tun und begründen, warum wir es tun. Und das ist von Anfang an geschehen.

Was meint er denn mit dem Zeitfenster? Ja, diese Schwimmbadsperrung, die war von vornherein befristet auf zwei Wochen. Und in diesen zwei Wochen haben Schnappga und sein Team von der Stadt Bornheim und ganz viele Ehrenamtliche, die da tätig waren, genau das gemacht, was er hier sagt. Also kommuniziert. Da haben die Geflüchteten, speziell die jungen Männer, eingeladen zu Veranstaltungen, haben da so ein riesen Zelt aufgebaut. Da sind auch ganz viele gekommen. Ja, und da haben die denen ganz genau erklärt, was die Regeln sind und dass sie die einzuhalten haben. Von vornherein war es eine Sache, die befristet war. Also wir hatten uns zwei Wochen vorgenommen. Und in den zwei Wochen haben wir mit Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter und ganz vielen Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtlern Gespräche geführt, mit Übersetzerinnen und Übersetzern, mit den Geflüchteten, um klar zu sagen, wie gerade in diesem sensiblen Bereich, Geschlechterrollen, Begegnungen im Schwimmbad, wie da die Regeln hier gelten und dass sie gelten. Also das heißt, Sie hatten nie vor zu sagen, die dürfen jetzt nie mehr hier ins Schwimmbad, Sie wollten da eine Grenze setzen und sagen, jetzt gucken wir uns das in Ruhe an? Ich wollte uns und den Geflüchteten Zeit gönnen, damit sie diesen Teil der Kultur tatsächlich auch reflektieren können und wahrnehmen können. Das Interessante war ja, wir haben immer große Informationsveranstaltungen gemacht.

Gebaut, in dem dann bis zu 300 Personen Platz hatten. Und das war auch immer gut besucht, wenn wir diese Infoveranstaltungen in den verschiedenen Landessprachen machten. Da habe ich das verkündet und bekam die Unterstützung von den Geflüchteten selbst. Frauen, die die Hände vors Gesicht schlugen und entsetzt waren über das, was ich da berichtete. Und Männer, die deutlich sagten, konservative Männer, die deutlich sagten, das geht gegen unsere Ehre. Und von denen bekam ich Rückenwind. Und fühlte mich dann natürlich auch in meiner Entscheidung sicherer.

Also das heißt, das Schwimmbad war zwei Wochen für die nicht erreichbar? Für die über 16-jährigen jungen Männer. Diese Zeit haben Sie genutzt, um mit diesen, Sie haben ja gerade gesagt, junge Männer waren es ja vor allem. Die sind ja wahrscheinlich keine 60-jährigen Männer gewesen, sondern vor allem die jungen Männer. Und die Zeit haben Sie gezielt genutzt, um mit diesen jungen Männern zu sprechen, mit Übersetzern und denen die Regeln unserer Gesellschaft nochmal ganz deutlich zu machen. Das nächste Ereignis bestand ja bevor, Karneval. Und wir haben in diesem Zelt Filme gezeigt und eine PowerPoint-Präsentation gemacht in den verschiedenen Sprachen zum Thema, wie läuft eigentlich Karneval? Denn da gilt das Nein ja auch. Und da scheinen alle Normen und Werte aus den Fugen zu sein, aber das stimmt nicht. Es gibt Grundregeln die gelten. Das haben wir damit verknüpft und hatten aus dieser Aktion auch doch ein bisschen mit dem Schwimmbad gelernt, dass wir so etwas so etwas vorher darstellen und plausibel machen. Und das ist gut angekommen. Es gab einen Karnevalswagen von Geflüchteten und die sind mitgegangen in den Zügen. Da war schon was los in der Stadt und zwar in einer konstruktiven Richtung.

Hat Markus Schnappga sich denn rechtlich abgesichert, bevor er die Entscheidung getroffen hat? Ja, sagen wir mal so, er hat sich vom Rechtsamt beraten lassen und er wusste, dass er sich auf dünnem Eis bewegt. Da hören wir auch mal rein. Also ich kann mich genau an das Gespräch mit der Rechtsamtsleiterin erinnern, die sehr klar sagte, das, was sie da vorhaben, ist von der Verfassung nicht gedeckt. Ich dann das nochmal genau abgewogen habe, Verfassungsbruch sozusagen in der jetzt mal zugespitzten Formulierung, das ist nichts, was mir nahe liegt. Aber ich fand in der Abwägung die Entscheidung dann doch richtig, das habe ich auch gesagt. Und sie hat gesagt, ja, ja, ich kann sie nicht daran hindern und ich werde sie nicht.

Das heißt, er hat das gemacht, obwohl er wusste, dass er gegen Geltendes Recht verstößt. Ja, und zwar aus einer Abwägung heraus. Ja, Schutz der Frauen, das war natürlich das oberste Ziel, aber vor allem Zeit für Kommunikation und Erhalt auch dieser Willkommenskultur, die die da in Bornheim aufgebaut haben. Sein Argument ist, hätte man jetzt gar nichts getan oder hätte man das nicht getan, dann wäre der Schaden am Ende viel größer gewesen. Politisch, aber auch gesellschaftlich.

Interessant. Ja, wie haben denn die Geflüchteten überhaupt selbst reagiert? Das ist tatsächlich ein Punkt, der in der öffentlichen Debatte fast völlig untergegangen ist. Laut Markus Schnappga kam viel Unterstützung aus den Unterkünften selbst. Und was am wichtigsten ist, das hat tatsächlich funktioniert. Also die haben das verstanden, die haben sich daran gehalten. Denn soweit Schnappga weiß, das habe ich ihn extra nochmal gefragt, hat es nach dieser Sperrung, also das Bad hat wie geplant, nach zwei Wochen dann wieder auch für die männlichen Geflüchteten geöffnet, keine Übergriffe mehr gegeben. Und wie ist er mit der Kritik umgegangen? Ja, für ihn war das natürlich total hart, als Rassist bezeichnet zu werden, weil er sich selbst ja, ich möchte sagen völlig zu Recht, ganz woanders verortet, politisch sowieso. Deshalb hat ihn dieser Vorwurf natürlich getroffen, er war aber trotzdem davon überzeugt, das Richtige zu tun. Innerhalb des Rathauses in Bornheim, sagt er, da gab es keine, da wurde er nicht blöd angemacht oder angefeindet. Das war eine gemeinsame Entscheidung, hinter der dann auch alle gestanden haben.

Von seiner Partei, von den Grünen, gab es naturgemäß viele Reaktionen. Das kann man sich ja vorstellen. Und da berichtet er, und ich glaube, das hat ihn auch geärgert, das kann ich auch verstehen, von Parteifreunden, die gar nicht mit ihm gesprochen haben, aber von denen er dann über die Medien erfahren hat, dass sie sein Verhalten töricht und falsch finden. Es gab aber bei den Grünen auch Menschen wie Katja Dörner, die kennen wir ja hier als frühere Bonner Oberbürgermeisterin, Damals war sie Bundestagsabgeordnete, genauso wie Volker Beck.

Die haben ihn einfach angerufen, die kennen sich und haben ganz direkt gefragt, sag mal, Schnappga, was machst denn du da, was soll das? Und da sagt er ganz klar, sobald es diese Kommunikation gab, sobald er erklären durfte, da gab es auch Verstehen. Also das bedeutet jetzt nicht zwingend, dass die Einverständnis gezeigt haben. Also die fanden das dann jetzt nicht auf einmal super und toll, was er gemacht hat. Vielleicht auch schon, aber nicht in jedem Fall. Aber sie haben verstanden, warum er das gemacht hat. Dieses Einverständnis gab es dann dafür aber von anderer Seite. Ja, und zwar von der Seite, mit der Markus Schnappger nun wirklich so gar nichts zu tun hat, nämlich von ganz rechts außen. Lustigerweise scheint das bei diesen Leuten immer so zu sein, dass sie sich am liebsten per Mail oder in Kommentaren melden, meistens anonym. Und ja, da gab es dann sowas wie, sogar ein Grüner erkennt, dass die Ausländer alle ein Problem sind und sowas. Ja, das fällt ja auch uns immer auf.

Und das ist auch da aufgefallen, so echtes Interesse für die Opfer oder Mitgefühl mit den mutmaßlichen oder potenziellen Opfern, das sucht man da leider meistens vergebens. Um die scheint es da zumindest nicht primär zu gehen. Dieses schützt unsere Frauen, was da oft kam, das hat zumindest Markus Schnappga auch eher so als performatives Statement empfunden. Ja. Er hat sich aber nicht von diesem Applaus von der falschen Seite irritieren lassen und hat auch wirklich damals schon gesagt, jetzt kommt noch ein Zitat aus dem damaligen Interview, wenn wir das zum Maßstab machen würden, müssten wir das Richtige unterlassen. Und das hat mich wirklich auch sehr beeindruckt, denn Markus Schnappke hat wirklich im Sinne der Opfer und potenziellen Opfer gehandelt und er hat eben nicht gegen die Geflüchteten gehandelt, sondern mit ihnen zusammengearbeitet. Und dieser Grundsatz, dass man Menschen nicht diskriminieren soll, Und zwar auch nicht positiv, den sollten wir wirklich alle ein bisschen mehr verinnerlichen, glaube ich.

Und heute würde er wieder so handeln?

Ohne Einschränkung. Bornheim könnte man also als Gegenentwurf zu Köln sehen, handeln statt wegschauen und konsequent sein im Handeln. Ja, finde ich auch. Also absolut, dann ist die Gefahr auch nicht so groß, die Bühne eben den Falschen zu überlassen. Ich würde da gerne noch kurz aus der Bornheimer Erklärung zitieren. Die hat die Stadt damals veröffentlicht und auch überall verteilt. Übrigens hat Markus Schnappger da gesagt, nachdem diese Erklärung überall die Runde machte, hörte auch dieser Applaus von den Rechten auf tatsächlich. Das fanden die wohl nicht so zum Applaudieren. Da steht drin, es gibt Gruppierungen, die die Not anderer Menschen für ihre Ziele benutzen. Auch in Bornheim versuchen rechtsextreme Initiativen, die Bevölkerung zu verunsichern und Überfremdungsängste zu schüren. Die Stadt Bornheim stand und steht mit Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, Migrantenorganisationen, Unternehmern und Gewerkschaften an der Seite der Flüchtlinge. Wer immer versuchen will, gegen unsere Überzeugung und gegen die Menschen, die unter unserem Schutz stehen, Stimmung zu machen, wird keinen Erfolg haben. In Bornheim ist kein Platz für menschenverachtende Gesinnung.

Ja, das zeigt nochmal ganz deutlich, dass eben kein Widerspruch ist. Menschen Schutz bieten und ihnen helfen, dabei aber Probleme eben klar benennen und Regeln und Pflichten genauso einfordern wie Rechte. Ganz genau. Und genau das sollte Willkommenskultur eigentlich bedeuten. So ist das in Bornheim tatsächlich umgesetzt worden, beziehungsweise das wird es auch heute noch. Das hat gut funktioniert damals und das ehrenamtliche Engagement für Geflüchtete ist dort auch heute noch sehr groß.

Aber was mich jetzt natürlich noch brennend interessiert, Marie, wie geht es denn deiner Interviewpartnerin Carolina heute und wie blickt sie auf die Silvesternacht 2015 zurück? Also ich denke mir, dass es immer noch schlimm war und ich verstehe auch bis heute nicht, wie in der Menschenmasse mehrere Frauen vergewaltigt worden konnten.

Das ist einfach schwer nachvollziehbar. Zu ihrer eigenen Situation sagt Carolina außerdem, dass sie sich auf der Domplatte lange Zeit gar nicht wohl gefühlt hat und immer dachte, ich will hier weg, also möglichst schnell da vorbeigelaufen ist. Sie hat aber zum Abschluss auch noch ein schönes Beispiel genannt. Vor ein, zwei Jahren stand sie nämlich mit Freunden für das Konzert eines Männerchors auf der Domplatte und dazu sagt sie folgendes. Aber muss ich sagen, so vor ein oder zwei Jahren, wo ich dann auf der Domplatte stand mit meinen Freunden und dieses Konzert gehört habe, habe ich mich wieder wohl gefühlt. Also es war jetzt nicht so, dass ich im Hinterkopf hatte, okay, ich möchte jetzt hier weg oder das ist komisch.

Deswegen glaube ich halt einfach, dass ich das überwunden habe. Ja, wir sind damit am Ende dieser Episode angekommen und natürlich interessiert uns eure Meinung zu diesem Thema. Schreibt sie uns gern in den Kommentaren bei Spotify, als Kommentar bei Instagram, da heißen wir at Akte Rheinland oder auf YouTube, da sind wir auf dem Kanal des Generalanzeigers, der heißt at Generalanzeiger oder als Mail an podcast at ga.de. Und ganz wichtig, folgt dem Podcast da, wo ihr ihn hört, aktiviert auf Spotify die kleine Glocke und bewertet den Podcast mit fünf Sternen. Dafür sind wir sehr, sehr dankbar, genauso wie für eure Treue und Wertschätzung dieses ganze Jahr und die Jahre davor. Jetzt machen wir aber wirklich Schluss für dieses Jahr und wir hören uns voraussichtlich wieder am 29. Januar mit einem neuen Fall. Außer uns fällt jetzt irgendwie zwischendurch doch noch irgendwas ein, was wir unbedingt machen wollen. Schön, dass du da warst, Marie. Hoffentlich bald wieder. Auf jeden Fall. Sehr gerne. Tschüss. Tschüss.

Das war Akte Rheinland. Der GA-Podcast zu Kriminalfällen aus Bonn und der Region. Akte Rheinland ist eine Produktion der Generalanzeiger Bonn GmbH. Redaktion und Moderation Anna Maria Bekes. Produktionsleitung Andreas Deick. Sabrina Bauer, Simeon Gerlinger und andere Sprecher Daniel Daly.