Ihre morgendliche Joggingrunde führt sie durch den Wald bei Eithorff. Aber etwas ist anders an diesem Sonntagmorgen im August. Ein merkwürdiger, süßlicher Geruch steigt ihr in die Nase. Sie wundert sich, setzt ihren Weg aber fort. Wieder zu Hause erzählt sie ihrem Mann von dem Geruch. Ihm kommt das ebenfalls komisch vor. Er macht sich auf den Weg zu der Stelle, an der seine Frau den seltsamen Geruch bemerkt hat. Auch er nimmt den süßlichen Geruch wahr. Es ist der Geruch von Verwesung. Er geht dem Geruch nach und stößt im ausgetrockneten Bachlauf des Moosbachs auf eine Leiche. Der Leichnam ist verbrannt, teilweise mit Stöcken und Erde bedeckt. Erst als er sicher ist, dass es sich um einen menschlichen Körper handelt, verständigt er die Polizei. Hallo und willkommen zu einer neuen Episode von Akte Rheinland. Wie an jedem zweiten Donnerstag sprechen wir auch heute hier über wahre Kriminalfälle aus Bonn und der Region. Mein Name ist Anna-Maria Bekes und ich muss heute nicht alleine sein. Meine Kollegin Sabrina Bauer ist nämlich wieder hier mit mir im Studio. Hallo auch von mir. Anna, erzähl doch mal, wie war es alleine am Mikro? Es war total komisch, richtig ungewohnt, das habe ich ja auch schon gesagt. Und ich bin wirklich sehr froh, dass du heute hier an meiner Seite bist. Ich habe mich aber sehr über das positive Feedback zur letzten Episode gefreut. Ganz vielen lieben Dank dafür.
Diskussionen hat vor allem mein Statement zu Beginn der Folge ausgelöst. Und die meisten Nachrichten auch dazu waren sehr positiv und bestärkend. Also auch an dieser Stelle nochmal vielen lieben Dank. Wir schätzen das wirklich sehr wert. Aber es gab natürlich auch Kritik. Wir werden jetzt nicht nochmal auf alles ausführlich eingehen. Das haben wir auch schon in den Antworten zu den Kommentaren gemacht. Was mir aber aufgefallen ist, einige waren echt enttäuscht, dass wir nicht unpolitisch sind. Und wir haben auch schon in den Antworten zu den Kommentaren gemacht. Ja, und ich sage direkt, also von ein paar Ausnahmen abgesehen, auf die wir tatsächlich wirklich, und das sage ich wirklich ausdrücklich, auf die wir gut und gerne hier verzichten können. Das ist dann ehrlich gesagt aus meiner Sicht schon fast sowas wie natürliche Auslese. Aber abgesehen davon tut es mir in jedem einzelnen Fall von Herzen leid, wenn jemand den Podcast nicht mehr hören möchte. Das ist total schade für uns, wir bedauern das und wir hätten es lieber gehabt, wenn ihr geblieben wärt. Was wir allerdings nicht machen werden, ist unser Konzept hier zu verändern oder uns zu verändern. Und den Anspruch, unpolitisch zu sein, den hatten wir nie und den werden wir auch nie haben. Was bedeutet denn eigentlich unpolitisch?
Ja, gute Frage. Also so ganz klar ist es mir ehrlich gesagt nicht geworden. Ich habe mich jetzt länger damit beschäftigt. Es fällt durchaus auf und das ist wirklich sehr eindeutig, dass diese Form der Kritik wirklich ausschließlich dann kommt, wenn wir uns in irgendeiner Form zu Themen wie Rassismus oder Rechtsextremismus positionieren. Also wir haben niemals solches Feedback bekommen, als wir über den sogenannten Ehrenmord von Bonn gesprochen haben. Wir haben dieses Feedback nicht bekommen, als wir über die linksextreme RAF ausführlich gesprochen haben. Auch nicht, als wir über Salafismus mehrfach hier im Podcast gesprochen haben, gab es sowas. Das sind ja durchaus eindeutig politische Themen.
Komischerweise, dieses Feedback gab es nie. Also an dieser Stelle nochmal ganz klar, wir sind ein True-Crime-Format und das bleiben wir auch, aber was wir immer schon waren, das ist Journalistin. Und unser Anspruch ist es, Taten nicht einfach isoliert zu betrachten, also wir sind hier nicht, um euch was vorzulesen, um es ganz klar zu sagen, sondern wir betrachten diese Taten immer verantwortungsvoll und wir ordnen sie ein und zwar faktenbasiert.
Und unpolitisch im Sinne von, ja, alles egal, anders kann ich es jetzt ehrlich gesagt nicht definieren, das wollen wir wirklich nicht sein und es wäre auch hochgradig unjournalistisch. Wir sind nicht parteipolitisch, aber, übrigens, wir gehören auch keiner Partei an, aber wir ordnen gesellschaftliche Zusammenhänge ein, wenn sie für einen Fall relevant sind. Und das ist ehrlich gesagt kein Aktivismus, sondern journalistische Sorgfaltspflicht und so richtig linksextrem kann ich es noch nicht finden, wenn man Rechtsextremismus anprangert. Um was wetten wir, dass es jetzt wieder jemanden gibt, der schreibt, zu viel Vorgeplänkel? Ja, das wird auf jeden Fall ganz sicher passieren. Also, wir legen jetzt ganz schnell los mit unserem heutigen Fall. Der hat sich vor etwa fünf Jahren ereignet und zwar in Eitorf, genauer in Eitorf-Merten.
Zur Einordnung, die Gemeinde Eitorf liegt im östlichen rechtsrheinischen Rhein-Sieg-Kreis. Merten ist ein kleiner Ortsteil. Etwas außerhalb des Ortes, an einem Waldstück, liegt der S-Bahnhof Merten. Übrigens nicht zu verwechseln mit Bornheim-Merten. Genau, deswegen die Erklärung. Ja, und genau hier in Eitorf wird im August 2020 eine verbrannte Leiche gefunden. Das haben wir schon ganz zu Beginn von Martin gehört. Sabrina, was kannst du uns zur Fundstelle denn sagen? Die Stelle befindet sich in unübersichtlichem Gelände in der Nähe des S-Bahnhofs, versteckt an einem Trampelfahrt zum Natursteig Sieg, der nach Aussage von Anwohnern selten benutzt wird. Die Polizei geht davon aus, dass die Leiche aufgrund ihres Zustandes schon länger dort gelegen haben muss. Unser Kollege Nikolaus Ottersbach, den habt ihr ja auch schon ein paar Mal hier im Podcast gehört, der war damals vor Ort an der Fundstelle. Dieses Foto zeigen wir euch natürlich auf unserem Instagram-Kanal, atakte-Rheinland heißt der, schaut da gerne mal vorbei.
Ja, ein gruseliger Fund kann man durchaus sagen. Wie laufen denn dann die anschließenden Ermittlungen ab? Der Fundort und auch der Zustand der Leiche deuten ja darauf hin, dass sich wohl ein Verbrechen abgespielt haben muss, richtig? Genau. Beamte der Kreispolizei des Rhein-Sieg-Kreises führen am Tatort die ersten Ermittlungen durch. Da aber schnell klar ist, dass ein Tötungsdelikt nicht ausgeschlossen werden kann, übernimmt eine Mordkommission der Bonner Polizei. Noch am Tag des Leichenfundes wird eine Mitteilung an die Medien herausgegeben, um mögliche Zeugen zu suchen. Die Ermittler befragen Anwohner und Passanten.
Nach dem Fund einer Leiche in einem Waldstück in der Nähe des Bahnhofs in Eitorf-Merten am Sonntag steht die Identität des Toten jetzt fest. Wie die Polizei am Mittwoch mitteilte, handelt es sich bei dem Mann um einen 46-Jährigen aus dem rechtsrheinischen Rhein-Sieg-Kreis. Der Mann konnte anhand von Fingerabdrücken und seiner DNA identifiziert werden. Damit ist also der bis dahin unbekannte Tote aus dem Wald identifiziert. Wer ist dieser Mann? Er war zum Zeitpunkt seines Todes 46 Jahre alt, seit mehr als 20 Jahren verheiratet und Vater einer Tochter. Wir nennen ihn hier Erhan. Wie immer an dieser Stelle ein wichtiger Hinweis, das ist nicht sein echter Name. Erhan war seit einigen Jahren drogensüchtig, nahm Heroin. Wegen seiner Drogensucht und seines regelmäßigen Alkoholkonsums und damit verbundenen Gewalttätigkeiten in der Ehe kam es schließlich zur Trennung. In der Drogenszene war Erhan als freundlich und hilfsbereit bekannt. Und welche Verbindung hatte er zu Eitorf? Also keine Verbindungen, von denen wir wissen. Er hat sich wohl eher am Raum Bonn aufgehalten. Bei einem Bonner Arzt bekam er nämlich täglich ein Substitutionsmittel.
Generalanzeiger Bonn, 6. August 2020. Nach dem Fund eines Toten in einem Waldstück in der Nähe des Bahnhofs in Eithorff-Märten am Sonntag hat die Polizei zwei Männer festgenommen. Ein 30-Jähriger aus dem Rhein-Sieg-Kreis sowie ein 20-Jähriger aus Rheinland-Pfalz sollen den 46-Jährigen getötet haben, wie die Polizei am Donnerstag mitteilte. Gegen beide wurde Haftbefehl wegen des Verdachts des Totschlags erlassen. Ja, wir haben es gerade gehört, es werden relativ schnell dann zwei Tatverdächtige gefasst. Wie sind die Ermittler den beiden auf die Spur gekommen? Naja, so wie wir es hier in diesem Podcast schon häufiger berichtet haben, weil die Täter nicht schweigen können und von ihrer Tat erzählen müssen. In dem Fall ist es der 30-Jährige, wir nennen ihn hier Dennis, auch das ist nicht sein echter Name. Zwei oder drei Tage nach der Tat erzählt Dennis einem Bekannten, dass er mit einem anderen Mann einen Mann getötet und begraben habe. Der nimmt ihm die Geschichte jedoch nicht ab und hält alles nur für erfunden. Erst als Anfang August in den Medien von dem Leichenfund in Eidorf berichtet wird, erinnert er sich wieder an das Gespräch und ruft am 3. August 2020 um 08 Uhr die Leitstelle der Polizei in Siegburg an. Ja, und diesen Anruf, den haben wir nachsprechen lassen. Ja, guten Abend. Es geht um Folgendes. Es ist ja gestern Morgen um 10 Uhr morgens in Merten bei Eidorf eine Leiche gefunden worden. Eine männliche Leiche.
Es ging wohl um ein Gewaltverbrechen. Mir hat letzte Woche davor einer gestanden, dass die wohl mit zwei jungen Leuten den jungen Mann erschlagen hätten und aus Grausamste hingerichtet und wohl ein bisschen verbuddelt hätten. Die hätten den wohl vergraben. Und dann hätten die den wohl mit einem Stock erschlagen auf dem Kopf holen und dann wäre der noch am Leben gewesen. Und dann wären die wohl noch weiter auf den losgegangen und, keine Ahnung, der andere Mann muss wohl auch schwerere Taten auf ihn ausgeübt haben. Ich weiß nicht so genau was, das wollte der junge Mann mir auch nicht sagen.
Der wollte sich aber irgendwie ein bisschen erleichtern bei mir und das habe ich auch gemerkt. Ich habe erst mal nicht daran geglaubt. Ich denke, der labert irgend so ein Dünnschiss. Aber da, wo ich das gehört habe, da habe ich schon gedacht, da ist was Wahres dran. Aber auch der zweite Tatverdächtige, also der jüngere Mann, plaudert ja Details über die Tat aus, oder? Ja, der 20-Jährige, wir nennen ihn hier Baran, spricht mit seiner Ex-Freundin über die Tat. Auch sie bringt Barans Erzählungen und den Leichenfund erst miteinander in Verbindung, als sie im Internet von dem Toten in Eidorf liest.
Und lass mich raten, auch sie geht zur Polizei. Richtig, sie meldet sich am 4. August bei der Polizei. Sie wird noch am selben Tag vernommen und berichtet der Polizei Barans Version der Tatnacht. Das klingt so, als würden wir im weiteren Verlauf mehrere Versionen von dem hören, was sich in dem Waldstück in Merten abgespielt hat. Aber fangen wir erstmal mit der Beziehung der drei Männer zueinander an. Wie stehen das Opfer und diese beiden Tatverdächtigen zueinander? Sie stammen alle drei aus der Drogen- und Obdachlosen-Szene. Die beiden Tatverdächtigen waren im Sommer 2020 bereits seit einigen Monaten befreundet. Dennis kennt Erhan bereits seit Jahren. Baran und Erhan begegnen sich hingegen zum ersten Mal am 21. Juli 2020, also einen Tag vor der Tatnacht. Dennis nimmt bereits früh Drogen, Marihuana, später Amphetamine, MDMA, Halluzinogene und auch Heroin. Bei ihm entstand eine Zitat Polytoxia-Abhängigkeitserkrankung, wie es im Urteil heißt. Seinen Heroinkonsum steigert er zum Zeitpunkt der Tat auf zwei Gramm pro Tag. Das sind etwa zehn Spritzen täglich. Also ich fand das Wahnsinn, diese Angabe. Plus zehn Tabletten Diazepam und Benzodiazepin. Und auch Baran startet seine Drogenkarriere früh. Im Alter von sieben Jahren konsumiert er unwissentlich Amphetamin, das er bei seiner Mutter findet. Dann folgt Cannabis, dann MDMA, Ecstasy, Psychedelika, verschreibungspflichtige Medikamente und später auch Heroin. Zur Tatzeit braucht er täglich 1,5 Gramm Heroin sowie Alkohol und weiche Drogen.
Okay, das sind auf jeden Fall Drogenkarrieren. Was ist sonst zu den beiden bekannt? Dennis' Eltern trennen sich früh. Seine Kindheit ist von Umzügen geprägt. Der neue Partner seiner Mutter nimmt Drogen und ist gegenüber seiner Mutter und ihm gewalttätig. Dennis fällt durch verschiedene Delikte auf. Unter anderem stiehlt er ein Kreuz aus einer Kirche, sprüht Hakenkreuze auf Gebäude. Er wird beim Schwarzfahren erwischt, beim Betrug und auch beim Drogenbesitz. Ein Grafikdesignstudium bricht er ab und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Er schnorrt Geld, so wie er es nennt, oder lebt von staatlichen Transferleistungen. Seit 2005 leidet er unter chronischer Insomnie und wird deswegen auch psychiatrisch behandelt. Also das heißt, dass er nicht schlafen kann, oder? Genau. Außerdem werden bei ihm eine bipolare Störung und ADHS diagnostiziert. Entzugsversuche scheitern. Okay, das zu Dennis und was ist mit Baran? Bei Baran spielt sich eine ähnliche Kindheit ab. Seine Eltern trennen sich, als er noch ein Baby ist. Auch er wird von den Partnern seiner Mutter geschlagen. Es kommt zu einem sexuellen Übergriff durch den Partner seiner Mutter auf ihn und seine Halbschwester. Seine Mutter schlägt ihn einmal krankenhausreif. Er wächst danach bei den Großeltern auf. Vorbestraft ist er allerdings nicht. Und er ist überdurchschnittlich intelligent, macht sein Fachabi, aber beginnt weder ein Studium noch eine Ausbildung. Zeitweise lebt er auch auf der Straße.
Was wissen wir über diese Tatnacht? Ja, die Geschichte der drei beginnt am 21. Juli 2020, am Vortag der Tatnacht. Die drei Männer begegnen sich in der Szene, konsumieren gemeinsam Drogen und Alkohol. Dennis schlägt am späten Nachmittag vor, dass alle in sein Zeltlager in Eidorf-Märten fahren und dort übernachten können. Sie fahren gemeinsam mit der S-Bahn dorthin. Vom Garnhof gehen sie zu Fuß etwa 500 Meter in den Wald zu einer Anhöhe. Ein Fußweg von etwa acht bis zehn Minuten. Dort hatte Dennis im Sommer 2019 ein Lager eingerichtet, um an der Stelle in warmen Sommernächten übernachten zu können. Baran und Erhan sind an dem Abend das erste Mal dort. Das Lager war mit Isomatten sowie Matratzenauflagen ausgestattet. Mit Plastiktüten gefüllte Rucksäcke dienten als Kopfkissen. In der Erde befanden sich Metallstäbe, an denen ursprünglich Planen und Folien aufgespannt waren. Davor war eine Feuerstelle errichtet worden. Zum Wenden des Feuerholzes lagen eine rote Schaufel sowie teilweise ausgebrannte Holzknüppel an der Feuerstelle.
Ja, jetzt haben wir einen Eindruck bekommen, wie es dort ausgesehen hat. Im Lager angekommen, zünden die Männer an Feuer an, konsumieren Heroin und schlafen ein. Dann kommt der nächste Morgen. Was passiert dann? Als Dennis und Baran aufwachen, ist Erhan bereits aufgebrochen, um sich sein Substitutionsmittel in Bonn abzuholen, wie er es immer tut. Die beiden stellen fest, dass ihre Schuhe teilweise verbrannt bzw. Angesenkt sind. Sie verdächtigen Erhan, ihre Schuhe in die Feuerstelle gestellt zu haben und werden wütend. Auch sie fahren dann nach Bonn, um den Tag über in der Innenstadt um Geld zu betteln und sich Heroin zu kaufen. Dort bemerkt eine Frau die verbrannten Schuhe von Dennis und kauft ihm kurzerhand ein neues Paar Turnschuhe. Also erstmal finde ich das sehr nett. Und dieses Detail mit den Turnschuhen klingt an sich schon interessant, oder? Ich finde auch, es wurde auch nochmal extra im Urteil aufgenommen. Die Ermittler versuchen auch später, diese Frau als Zeugin ausfindig zu machen, aber leider vergebens. Kommt es dann in Bonn zum Zusammentreffen zwischen den beiden und Erhan? Richtig. Gegen Mittag treffen die drei wieder aufeinander in Anwesenheit von anderen Mitgliedern der Szene. Dennis und Bahran konfrontieren Erhan mit dem Vorwurf, er habe die Schuhe absichtlich ins Feuer gestellt. Er erzählt jedoch eine andere Version der Geschichte. Dennis und Bahran hätten die nassen Schuhe selbst zu nah ans Feuer gestellt, damit sie trocknen könnten. Also ehrlich gesagt, als du eben schon gesagt hast, die zünden da ein Feuer an, habe ich schon gedacht, ob das jetzt so eine gute Idee ist. Mitten im Wald meinst du? Ja.
Glauben Dennis und Bahran denn diese Erklärung? Naja, sie legen zumindest den Streit bei und fahren am selben Abend alle drei wieder in das Lager und kommen dann so gegen 23 Uhr dort an und zünden wieder ein Feuer an. Ja, das hat sich ja bewährt. Nur dieses Mal eskaliert offenbar der Streit. An dieser Stelle eine Warnung. Die Tat ist äußerst brutal. Wir werden dazu jetzt ein Audio hören. Wer das nicht hören möchte, kann die Stelle überspringen.
Im Laufe der Nacht kommt es erneut zu einem Streit zwischen den drei Männern. Über den Grund für den Streit lassen sich nur Vermutungen anstellen. War es der Streit um die verbrannten Schuhe, der wieder auflebte? Geldschulden? Ausländerfeindliche Motive? Oder doch Drogengeschäfte? Er führt auf jeden Fall dazu, dass Erhan den Lagerplatz gegen 0.30 Uhr fluchtartig verlässt und in Richtung des S-Bahnhofs flüchtet. Zu dem Zeitpunkt ist der S-Bahn-Verkehr für die Nacht jedoch schon eingestellt. Die letzte S-Bahn ist um 23.44 Uhr abgefahren. Die erste S-Bahn würde erst wieder in den Morgenstunden fahren. Das wissen alle drei.
Dennis und Baran laufen Erhan nach, um ihn anzugreifen. Dennis nimmt aus dem Lager einen massiven, mindestens einen Meter langen Holzknüppel mit, Baran greift eine rote Schaufel. Als Erhan bemerkt, dass die beiden Männer ihn verfolgen, läuft er am Bahnhof vorbei, etwa 300 Meter weiter auf der kleinen asphaltierten Zufahrtsstraße zum Bahnhof entlang, die nur spärlich beleuchtet ist. Auf dem Weg holen die beiden Erhan ein. Dennis schlägt ihm mit dem Holzknüppel auf den Kopf. Erhan fällt rückwärts auf den Asphalt und schlägt mit dem Hinterkopf auf. Nach ein paar Sekunden kann er trotz seiner Verletzungen wieder aufstehen. Dann schlägt Baran mit der Schaufel mehrfach, mindestens dreimal, auf Erhans Kopf und sein Gesicht ein. Dabei bricht das Schaufelblatt vom Schaufelstiel ab. Durch die Schläge geht Erhan erneut zu Boden und bleibt regungslos liegen.
Dann tritt Baran auf Erhahn zu, zieht ihm den Gürtel aus der Hose, legt ihn um Erhahns Hals und zieht ihn fest zu. Erst dann bemerken sie, dass Erhahn nicht mehr lebt. Ja, du hast es schon gesagt, es ist wirklich eine furchtbare Tat. Der Tatort, über den wir jetzt gesprochen haben, ist damit aber ja nicht der Fundort, an dem Erhahn später entdeckt wird. Wie schaffen die beiden Täter es denn, den Leichnam in dieses etwa 20 Meter entfernte, ausgetrocknete Bachbett zu legen? Man kann sich kaum vorstellen, wie Menschen zu so einer Tat fähig sein können. Du hast es schon gesagt, zwischen dem Tatort und der späteren Fundstelle liegen mehrere Meter. Sie bringen den Leichnam von der Straße aus auf das linkseitige Bankett und die dortige Anhöhe über einen Baumstumpf in das ausgetrocknete Bachbett des Moorsbach. Der Leichnam wird mit Ästen und Erde bedeckt. Der Kopfbereich wurde mit Brennspiritus übergossen und angezündet. Wer von beiden den Leichnam bedeckte und anzündete und auch wann das Ganze passierte, also auch eventuell Tage nach der Tat, das konnte nie wirklich geklärt werden. Okay, und was haben die beiden Männer anschließend gemacht? Sie kehren in das Lager zurück und bleiben die restliche Nacht dort. Am nächsten Morgen fahren sie wieder in die Stadt und verbringen die nächsten Tage wie gewohnt in der Drogenszene.
Um dann am 5. August 2020 vorläufig festgenommen zu werden. Ja, und ab da beginnt das Rätsel, was ist in der Nacht in Eidorf wirklich passiert? Denn beide machen komplett widersprüchliche Angaben dazu, wie die Tat abgelaufen sein soll und wer schließlich den tödlichen Schlag ausgeführt haben soll. Mich hat die Durchsicht des Urteils und auch diese zahlreichen Zeitungsartikel dazu an diese Whodunit-Filme erinnert, also die Frage, wer ist der Mörder, wer könnte das sein?
Wir haben in unserem Fall zwei mögliche Täter, drei potenzielle Mordwerkzeuge, den Holzknüppel, diese rote Schaufel und den Gürtel. Und auch drei mögliche Todesursachen, die Schläge mit dem Knüppel, dann die Schläge mit der Schaufel und anschließend die Drosselung mit dem Gürtel. Am Ende steht die zentrale Frage, wer ist schuldig? Was sagen denn die beiden zur Tat? Dennis behauptet während seiner Vernehmung bei der Polizei und einer Begehung des Tatortes am 6. August, Baran sei mit Erhan im Lager in Streit geraten, weil er ihn dazu bringen wollte, Drogen für die türkische rechtsextreme Gruppe Graue Wölfe zu verkaufen. Sie sollen teilweise heftig in türkischer oder arabischer Sprache gestritten haben, bis Erhan geflüchtet sei und Baran ihm nach sei. Als er ihn gestellt habe, habe Erhan Baran ins Gesicht geschlagen. Dennis habe alles nur aus einer Entfernung von 100 bis 200 Metern beobachtet, also völlig unbeteiligt gewesen. Dennis habe dann den Holzknüppel geholt, um Baran zu verteidigen. Erhan habe dann zufällig die Schaufel gefunden, also diese rote Schaufel, die ihm Baran dann entrissen habe und dann habe Erhan, Zitat von Dennis, wie ein Geisteskranker mehrfach auf Erhan eingeschlagen. Das Geschehene habe Dennis derart traumatisiert, dass er sich dann auch nicht von diesem Tatort habe entfernen können und auch nicht als Baran zu dem Gürtel gegriffen hat und ihn gedrusselt hat. Okay, das ist die eine Version und was sagt Baran?
Der 20-Jährige wird am 5. August vorläufig festgenommen, macht aber keine Angaben zur Tat. Und der Prozess startet Anfang März 2021 vor der 8. Strafkammer des Bonner Landgerichts. Wie verhalten sich denn die beiden Angeklagten jetzt hier im Prozess? Sie machen beide Angaben, allerdings nur in schriftlicher Form durch ihre Verteidiger. Rückfragen beantworten sie nicht. Baran stellt dann aber seine Version vor. Demnach sei es zwischen Erhan und Dennis in der Nacht zum Streit gekommen, weil Erhan immer wieder nach Drogen gefragt hätte. bis ihn Dennis aus dem Lager geschickt haben soll. Sie begleiten dann Erhan zum Bahnhof. Dabei soll Dennis den Knüppel und auch einen Spaten mitgenommen haben. Am Bahnhof soll Erhan aber weiter in Richtung Wald gelaufen sein und der Streit sei abermals aufgeflammt. Weil Dennis dachte, Erhan würde ihn angreifen wollen, habe ihm einen Schlag mit dem Ast verpasst und anschließend weitere Schläge mit dem Spaten. Nach der Tat sollen sich Dennis und Baran gestritten haben. Dennis soll Baran bedroht und ihn gezwungen haben, die Leiche in den Wald zu ziehen. Waran habe daher den Gürtel um Erhans Hals gelegt, um ihn in den Wald zu transportieren. Und Dennis bleibt bei seiner Version der Geschichte? Er ergänzt vor Gericht, dass Erhan Baran mit der Schaufel attackiert und auch an der Stirn verletzt habe. Und dass Baran später an den Ablageort des Leichnams zurückgekehrt sein soll, um ihn anzuzünden. Generalanzeiger Bonn, 19. März 2021.
Ein 21-jähriger, drogenabhängiger Obdachloser wurde zu einer Jugendstrafe von 6,5 Jahren verurteilt. Der mitangeklagte 30-jährige Tatverdächtige wurde hingegen freigesprochen. Das Urteil gegen den jungen Mann fiel auch deshalb so milde aus, weil das Schwurgericht davon ausgehen musste, dass der Täter die Tat im Zustand erheblich eingeschränkter Steuerungsfähigkeit begangen hatte. Beide Angeklagte hatten reichlich Heroin und Alkohol konsumiert. Wir haben jetzt gerade gehört, es gibt ein Urteil. Viele Fragen bleiben offen. Das Ganze ist auch ziemlich verwirrend, gebe ich zu. Zum Beispiel, was ist denn der Grund für den Streit in der Tatnacht? Waren es jetzt die verbrannten Schuhe? War es dieses komisch nebulös angesprochene Thema der Grauen Wölf, also dieser türkischen rechtsextremen Gruppe? Oder war das jetzt einfach doch ein Drogendiebstahl unter Suchtkranken? Ja, das bleibt alles offen und auch für den Vorsitzenden Richter des Schwurgerichts ist es kein leichter Fall. Die Urteilsverkündung leitet er nämlich folgendermaßen ein. Es gibt Verfahren, die bringen die Beteiligten an Grenzen, so zitiert ihn unser Gerichtsreporter. Fest steht, die Richter mussten sich bei der Urteilsfindung für den Tathergang entscheiden, der für sie am plausibelsten erschien.
Das Gericht spricht deshalb also Dennis frei. Er wird am 19. März aus der U-Haft entlassen und trifft dann auf den Bekannten, der ihn bei der Polizei verraten hatte. Ja, und der Bekannte ist skeptisch und fragt Dennis, warum er frei sei und nur Bahran wegen Totschlags verurteilt worden sei. Dennis erwidert, er habe, Zitat, den besseren Anwalt gehabt. Der Zeuge interpretiert Dennis' Aussage so, dass es eine Gemeinschaftstat war und der Freispruch nur seinem besseren Anwalt zu verdanken sei. Verstehe. Und das meldet er dann offensichtlich. Das heißt, dieser Fall geht weiter. Du sagst es. Die Staatsanwaltschaft und Baran legen Revision ein. Der Fall kommt von dem Bundesgerichtshof. Und ich habe schon langsam das Gefühl, ich bekomme hier immer die Fälle mit der erfolgreichen Revision. Das ist ein geheimer, hinterhältiger Plan von mir, dir immer diese Fälle zu geben. Du musst doch noch Jura studieren. Auf jeden Fall.
Also, der BGH, dein Lieblingsgericht, löst also das bisherige Urteil auf. Und was ist die Begründung dafür? Ja, das Urteil wird am 8. Juni 2022 aufgehoben. Für den Bundesgerichtshof ist die Beweiswürdigung lückenhaft. Der BGH moniert eine unzureichende Beweiswürdigung hinsichtlich eines fehlenden gemeinsamen Tatplans und Tötungsvorsatzes. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Tat nicht doch gemeinsam geplant gewesen sei oder der Freigesprochene die Übergriffe des Mitangeklagten zumindest nachträglich gebilligt habe. Also, dass er das nur beobachtet hat und dann aber nachträglich gesagt hat, ja, finde ich gut, sozusagen. Also ihn nicht aktiv davon abgehalten hat. Ja, verstehe. Es kommt also zu Prozess Nummer 2 in Bonn. Der startet mehr als drei Jahre nach der Tat im September 2023.
Beide Angeklagten äußern sich zunächst nicht. Bis zum siebten Verhandlungstag. Dann gibt Baran eine schriftliche Erklärung ab. Also auch wie in den ersten Prozessen, alles nur schriftlich. Demnach habe sich Dennis des Öfteren rassistisch gegenüber Erhan geäußert. In der Tatnacht habe Dennis dann plötzlich Erhan aufgefordert, das Lager zu verlassen. Baren hätte versucht, ihn zu beruhigen. Auch bei der Attacke mit dem Ast habe er versucht, Dennis abzuhalten, sei von ihm aber zu Boden geschubst und bedroht worden. Dennis sei insgesamt derjenige, der Erhan an dem Abend alle Verletzungen zugefügt habe. Er habe nur bei der Beseitigung der Leiche mitgeholfen, weil Dennis ihn und seine Familie bedroht habe. Okay, das ist jetzt aber wieder eine ganz neue Version, die er ja vorher auch nicht so zum Besten gegeben hat. Also jetzt sagt er im Grunde genau das Gegenteil von dem, was Dennis gesagt hat. Er ist... Ganz außen vor und hat gar nichts gemacht. Okay. Genau. Und er erklärt auch, warum er jetzt wieder eine neue Version liefert und warum der Ablauf plötzlich so anders gewesen sein soll. Beim ersten Prozess habe er nämlich auf seine Verteidigerin gehört und er sollte sich an ihre Strategie halten, sonst müsse sie das Mandat niederlegen und ihm würde eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren drohen.
Okay, das klingt einigermaßen abenteuerlich. Was sagt denn jetzt Dennis? Der steht ja jetzt auf einmal im Fokus und dachte schon, er wäre durch mit der Nummer. Der äußert sich nicht dazu. Für das Gericht ist es also wieder eine sehr schwierige Lage. Ja, aber das Gericht nimmt den Angeklagten ihre Aussagen allerdings nicht ab. Es erkennt darin Schutzbehauptungen, Widersprüche und Ungereimtheiten. Das Gericht versucht aus den Aussagen der beiden den plausibelsten Tathergang zu rekonstruieren. Es ist der, den wir bereits im Audio gehört haben. Die Kammer geht also davon aus, dass Dennis und Bahran Ehren zum Bahnhof folgten, um den Streit mit ihm auszutragen und sich beide dafür bewaffneten. Dennis mit dem Ast und Baran mit der roten Schaufel. Dennis schlug Erhan mit dem Ast, Erhan ging zu Boden, stand wieder auf, bis Baran ihn mit der Schaufel attackierte und anschließend mit dem Gürtel drosselte. Gibt es denn eigentlich von der Gerichtsmedizin keine zweifelsfreie Einschätzung dazu, welcher Schlag jetzt am Ende tödlich war? Das ist ja eigentlich juristisch dann immer ausschlaggebend, oder? Es gibt ein Gutachten. Laut der Sachverständigen der Gerichtsmedizin könnten aber alle drei Verletzungen zum Tode geführt haben. Also für die Kammer ist es nicht eindeutig festzustellen, welche dieser Handlungen wirklich tödlich war. Und daher bewerten sie für Dennis das Ganze so, dass das Opfer erst durch das Drosseln verstarb, während sie für Baran annehmen, dass das Opfer schon tot war, als er die Schläge und das Drosseln ausführte.
Okay, das ist was ganz kompliziertes Juristisches, oder? Ja, es ist sehr schwierig, sich vorzustellen, aber wenn man es eben keinem klar nachweisen kann. Deswegen steht auch im Urteil, dass der Zweifelssatz angewendet wird. Indubio pro reo. Genau, also im Zweifel für den Angeklagten. Okay, verstehe. Das heißt, im Grunde müssen wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass es jetzt eine Wahrheit gibt, die wir hier erfahren, sondern es gibt zwei potenzielle Wahrheiten. Und wenn ich es jetzt mal unjuristisch betrachte, am Ende, wenn die das gemeinsam gemacht haben, ist es ja wahrscheinlich auch wirklich egal, oder? Okay, was sagt das Gericht denn jetzt zur Steuerungsfähigkeit? Denn die beiden haben ja vor der Tat Drogen konsumiert, sind suchtkrank. Für das erste Urteil hat das ja eine entscheidende Rolle gespielt, wie wir eben gehört haben. Wie sieht es jetzt aus? Ja, die Kammer geht im zweiten Prozess nicht davon aus, dass die Steuerungsfähigkeit der beiden zur Tatzeit erheblich eingeschränkt war. Sie haben zwar Heroin, 2 beziehungsweise 1,5 Gramm, sowie unbekannte Mengen Kräuterschnaps und im Fall von Baran auch noch 20 bis 24 Tabletten Benzodiazepan konsumiert. Das Gericht sagt aber, dass sie eben an diese Mengen gewöhnt waren. Und es spricht auch dafür, dass sie sich an das Tatvorgeschehen erinnern konnten. Das haben sie ja übereinstimmend wiedergegeben. Verstehe. Wobei 20 bis 24 Tabletten Benzodiazepam, das ist absolut heftig.
Würde man normalerweise durchaus mindestens im Krankenhaus landen. Gut, das Urteil fällt am 19. Dezember 2023 in diesen zweiten Prozess. Dennis wird wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren und drei Monaten verurteilt. Und Baran erhält wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung sechs Jahre Jugendstrafe. Da hören wir also, wie das dann aufgeteilt wurde nach dem jeweils angenommenen plausibelsten Tathergang. Bei Baran wird außerdem noch eine Schwere der Schuld festgestellt. Das Gericht argumentiert, sein Verhalten war rücksichtslos und von einer erheblichen Gleichgültigkeit gegenüber den Auswirkungen auf das Opfer sowie dessen Angehörige geprägt. Wir haben ja zumindest schon gehört, dass er eine Ehefrau, zwar getrennt und auch eine Tochter hatte.
Ja, wir sind am Ende dieses Falles und auch am Ende unserer heutigen Folge und das sage ich an dieser Stelle mal, wir sind tatsächlich auch am Ende mit Akte Rheinland für dieses Jahr jedenfalls. Nächstes Jahr kommen wir natürlich wieder, wir legen jetzt eine kleine Winterpause ein und sind im neuen Jahr wieder für euch da. Wir freuen uns total auf euch und auf 2026. Da wird es so ein paar Neuigkeiten geben. Wir werden mal versuchen, uns an Videopodcasts zu probieren. Wir haben schon einige Fälle wieder auf unserer langen, langen Liste. Und natürlich wird es auch wieder einen Live-Podcast geben. Folgt uns bitte auf Instagram bei adakte-Rheinland. Aktiviert unbedingt dieses kleine Glöckchen bei Spotify. Folgt uns und schenkt uns gerne 5 Sterne bei Spotify und Apple Podcasts. Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Jahr. Tschüss.
Das war Akte Rheinland, der GA-Podcast zu Kriminalfällen aus Bonn und der Region. Brina Bauer, Simeon Gerling und andere. Sprecher Daniel Dähling, Martin Busch. Akte Rheinland ist eine Produktion.