Akte Rheinland Ein Podcast des Bonner Generalanzeigers über wahre Verbrechen. Overrath, 7. Oktober 2003, 16.22 Uhr.
Es ist ein regnerischer Dienstagnachmittag, kurz nach 16 Uhr. Sie ist in der Wohnung ihrer Eltern, die gerade im Urlaub sind, telefoniert von dort aus mit einer Freundin. Da reißt ein Geräusch sie abrupt aus dem Gespräch. Es knallt, zweimal schnell hintereinander. Sofort beendet sie das Telefonat und geht nachschauen. Sie steigt die Treppe hinunter zur Kanzlei des Rechtsanwalts. Dort verharrt sie, laut in die Stille. Zögernd drückt sie auf das Klingelschild der Anwaltskanzlei. Nach kurzer Zeit öffnet sich die Tür, nur einen Spalt breit. Ein Mann steckt den Kopf heraus. Er trägt einen langen, schwarzen Mantel, darunter ein Hemd mit rundem Ausschnitt. Sein Gesicht ist blass und hager, sein Kopf kahlgeschoren. Was ist los? fragt sie. Ist etwas passiert? Brauchen Sie Hilfe? Der Mann lächelt freundlich. Nein, nein, es sei nur etwas heruntergefallen und kaputt gegangen. In diesem Moment hört sie ein Flüstern aus dem Hintergrund. Es ist der Anwalt, der jemanden fragt. Was ist mit meiner Frau passiert? Können wir nicht einen Krankenwagen holen? Jemand antwortet sofort. Nein.
Der Fremde schließt die Tür. Sie geht zögernd zurück in die Wohnung ihrer Eltern, ruft ihre Freundin zurück, um ihr von dem verstörenden Vorfall zu berichten. Sie ahnt nicht, was hinter der Tür der Kanzlei in den vergangenen Minuten passiert ist und was nun noch passieren wird.
Hallo und herzlich willkommen bei einer neuen Live-Episode von Akte Rheinland. Heute aus dem LVR Landesmuseum in Bonn. Wir sind ein Podcast des Generalanzeiger Bonn und bei uns geht es alle zwei Wochen Donnerstags um Verbrechen und Kriminalfälle aus dem Rheinland. Und auch heute in diesem besonderen Setting weisen wir wieder darauf hin, dass ihr diesen Podcast hört, ist uns wahnsinnig wichtig. Vielen Dank dafür. Ihr helft uns sehr, wenn ihr ihn nicht nur hört, sondern uns auch teilt, uns auf Instagram schreibt und uns markiert. Unser Handel dort ist at Akte Rheinland. Und natürlich, wenn ihr uns fünf Sterne auf Spotify und Apple Podcasts schenkt. Aktiviert bitte außerdem unbedingt bei Spotify diese kleine Glocke, damit ihr nie verpasst, wenn es eine neue Episode gibt. Der Fall, den wir heute hier besprechen, hat sich im Bergischen Land ereignet, aber weit darüber hinaus zu Entsetzen und Diskussionen geführt. Mein Name ist Anna-Maria Bekes und ich bin Sabrina Bauer. Mit uns auf der Bühne sind außerdem unser Sprecher Martin Busch, Jörg Mannhold, Leiter unserer Regionalressorts und Experte fürs Rheinland und alles Rheinische und natürlich unsere Expertin, Kriminalpsychologin Lydia Benecke.
Dankeschön, dass ihr alle da seid. Lydia, für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass so 0,1 Prozent unserer Hörerinnen und Hörer dich nicht kennen sollten, Magst du dich noch mal kurz vorstellen? Ja, ich arbeite mit Menschen, die Sexual- und Gewaltstraftaten begingen, in zwei Institutionen, in einer speziellen JVA und in einer Ambulanz. Und ich versuche Menschen kriminalpsychologische Erkenntnisse so nahe zu bringen, dass sie gut verständlich sind und vielleicht gelingt mir das auch heute Abend, so hoffe ich. Davon bin ich überzeugt. Wir sind sehr sicher, dass deine Expertise diesen Podcast, wie alle Podcasts mit dir zuvor wieder zu etwas ganz Besonderem machen wird.
Wir starten in unserem Fall. Wir haben es zu Beginn von Martin gehört. Wir gehen 22 Jahre in der Zeit zurück in den Oktober 2003. Am 7. Oktober werden ein Anwalt, seine Frau und seine Tochter in ihrer Kanzlei in Overath erschossen. Wir können an dieser Stelle schon mal verraten, dass es in diesem Fall keine ermittlerische Höchstleistung war, die die Täter aufspürte, was diesen Fall zu etwas Besonderem und auch etwas besonders Schrecklichem macht. Es ist also keine lange Ungewissheit, wer die Täter waren.
Lydia, kannst du uns vielleicht schon mal eine kurze Einschätzung geben, was den Fall so interessant macht? Ja, also es ist ja für mich prinzipiell immer spannend, deswegen habe ich ja Psychologie studiert, welche Faktoren zusammenspielen bei Entscheidungen von Menschen, die dann eben den Schaden anderer Menschen bewirken. Und in diesem Fall, glaube ich, können wir ein bisschen nachvollziehbar machen, wie unterschiedliche Aspekte in der Biografie und in der Persönlichkeitsentwicklung und dann eben aber auch situative Faktoren und ideologische Faktoren, wie die hier sehr ungünstig ineinander griffen und diese ganzen Faktoren dann letztendlich verständlicher machen, warum dieser Mensch diese Entscheidung traf, auch wenn ich immer wieder betone, dass eine Erklärung niemals eine Entschuldigung ist. Das ist wichtig, auf jeden Fall. Ja, ihr kennt uns, wir gehen natürlich auch diesmal wieder ganz tief ins Detail und wir rollen diesen Fall ganz von vorne auf. Und bevor wir quasi ganz an den Anfang gehen, bleiben wir noch kurz am Tattag, also dem 7. Oktober 2003. Wir befinden uns in Overath, das ist eine Kleinstadt im Rhein-Spergischen Kreis, von Bonn aus etwa eine Dreiviertelstunde mit dem Auto oder, wie Jörg heute noch herausfand, sieben Stunden zu Fuß. Er hat es aber nicht ausprobiert. Jörg, kannst du uns den Ort der Tat etwas genauer beschreiben? Du warst ja vor Ort und hast uns Eindrücke mitgebracht. Ja, klar, sehr gerne.
Vorab bin ich nach Overath gefahren. Ich muss zugeben, vorher war ich noch nie in Overath. Overrath war für mich sonst immer der Präsident des 1. FC Köln und ich kenne mich aber so ein bisschen auch im rechtsrheinischen Rhein-Sieg-Kreis aus. Im Grunde genommen fährt man die B484 entlang der Acker und da ist dann sozusagen an der B484, ist aufgereiht wie an der Perlenkette, sind die wichtigen Orte dort im Rechtsrheinischen. Und am Ende quasi als Krönung liegt Oberrad. Das ist so ein Mittelzentrum, eine Ortsmetropole.
Sie ist Stadt, Aber sie hat einen dörflichen Charakter. Und ich war mal Freitagnachmittags da, da konnte man kaum die Straße überqueren, weil da die ganzen Leute aus der Umgebung zum Einkaufen gefahren sind. Aber ansonsten ist es so charakterlich eher dörflich. Du hast ja Fotos gemacht, wenn ich das kurz zwischendurch sagen darf. Diese Fotos zeigen wir euch dann natürlich auch wieder auf Instagram im Nachhinein. Ja, und die Orte des Geschehens, wo es jetzt heute darum geht, die liegen auch alle an der Hauptstraße. Also da ist nichts irgendwie versteckt, das Licht alles an der Hauptstraße. Kannst du uns die Orte des Geschehens ein bisschen näher bringen? Welche sind das? Ja, also wenn man in Overath ankommt, meinetwegen auch mit der Bahn, dann kommt man an so einem kleinen idyllischen Bahnhöfchen an mit einem kleinen Bahnhofsvorplatz. Das ist, wie gesagt, sehr idyllisch. Da finden Feste statt.
Und wenn man jemanden zum Zug bringen will, kann man das da auch tun. Und dann in der Mitte ist ein steinerner Brunnen mit einem Pferd und einem Bauernjungen. Wie gesagt, alles sehr idyllisch. Das ist so ein bisschen so ein Gegensatz zu dem, was da dann seinerzeit passiert ist. Und wenn man vor dem Bahnhof steht, linkerhalb, ist so ein Bücherschrank, wie man den heute kennt und kurz davor ist ein Gedenkstein, der erst relativ spät dann 2023 ins Werk gesetzt wurde. Und ich habe erst mal lange gesucht, weil ich bin so außenrum. Es war schon Herbst, also die Gedenktafel war oben auf dem Stein angebracht. Da musste ich erst mal die Blätter so ein bisschen auf die Seite, bis ich das gefunden habe. Und rund um den Platz gibt es Restaurants, Bäckerei, Apotheke und, Das ist sozusagen das Zentrum von Oberrad und nur 50 Meter davon entfernt war der Tatort. Was kannst du uns über den Tatort sagen? Über Oberrad haben wir ja jetzt schon einiges gehört, aber was war der Tatort sozusagen? Der Tatort war der erste Obergeschoss eines Hauses. Unten ist ein Friseursalon, der war damals, aber heute auch noch.
Und in die Wohnung, das war ja dann quasi die Anwaltskanzlei, kommt man hinten über den Hinterhof, gibt es den Haupteingang für das Wohngebäude und man muss also quasi in den Hinterhof und dann hoch.
An dieser Stelle ein wichtiger Hinweis. Wir nennen hier heute einige Clannamen. Das ist ungewöhnlich für uns. Also die echten Vor- und Nachnamen mehrerer Beteiligter. Und zwar zum einen den Namen des Haupttäters, Thomas Adolf. Zum anderen die Namen der Opfer dieses Verbrechens. Mechthild Bucksteg, Alia Nickel und Hartmut Nickel. Das tun wir, weil der Fall juristisch abgeschlossen ist, die Tat öffentlich dokumentiert wurde und die Opfer heute in Overath namentlich geehrt werden mit diesem Gedenkstein, den du schon erwähnt hast. Es geht uns nicht um Sensation, sondern um historische Genauigkeit und darum, die Erinnerung an diese Menschen wachzuhalten. Die Mittäterin hingegen nennen wir nicht bei ihrem echten Namen, weil sie zur Tatzeit noch sehr jung war und nach Jugendstrafrecht verurteilt wurde. Sie wird hier bei uns heute Abend Elisa heißen. Ja, und da dieser Fall einer ist, bei dem wir sehr ausführlich über Täter und Mittäterinnen sprechen werden, ihr werdet im Laufe der Episode verstehen, warum wir das tun, ist es uns ganz besonders wichtig, so ausführlich es uns möglich ist, über die Opfer zu sprechen.
Overrath, 7. Oktober 2003, 16.20 Uhr. Die beiden dumpfen Knallgeräusche schrecken ihn am Schreibtisch sitzend auf. Was war das? Er stürmt aus seinem Büro, reißt die Tür zum Wartezimmer auf. Ihn erwartet ein Bild des Schreckens. Ein Mann im langen schwarzen Mantel steht vor ihm, am Kragen SS-Runen, in der Hand eine Pumpgun. Seine Begleiterin, eine große junge Frau mit knallroten, zum Zopf gebundenen Haaren, kommt in diesem Moment aus dem Flur zurück ins Wartezimmer.
Sein Blick fällt auf das Dreiersofa und auf seine Frau Mechthild, die auf dem Sofa liegt. Entsetzen packt ihn, als er sieht, dass sie blutet, schreckliche Wunden aufweist. Da kommt auch seine Tochter aus ihrem Büro, in das sie sich kurz zuvor vor einem weiteren Schuss aus der Waffe gerettet hatte. Die vier Personen starren sich an. Der Mann im Mantel befiehlt ihm, sich auf den Boden zu legen. Er befolgt den Befehl, legt sich auf den Bauch, quer vor den Tisch. Der Täter befiehlt nun auch Alja, sich hinzulegen. Sie muss dafür über ihren Vater steigen, weil der Raum so klein ist. Nun liegen sie beide mit dem Gesicht nach unten, Kopf an Kopf. In diesem Augenblick zerreißt ein Klingeln die gespannte Stille. Die Nachbarin, die die Schüsse gehört hat. Der Täter befiehlt seiner Begleiterin, die am Boden liegenden zu fesseln und geht zur Tür, nicht ohne zuvor den Kragen seines Hemdes nach innen zu klappen, um die SS-Runen zu verbergen. Als er zurückkehrt, richtet er sich an den Rechtsanwalt und sagt, »Herr Nickel, was sind Sie doch für ein schlechter Mensch!«.
Was sind Sie doch für ein schlechter Mensch, sagt hier der Täter zu seinem Opfer, dem Rechtsanwalt Hartmut Nickell, bevor er ihn mit einem aufgesetzten Schuss gleichsam hinrichtet. Wir gehen darauf natürlich gleich noch viel genauer ein, aber eins dürfen wir an dieser Stelle mal vorwegnehmen. Nach allem, was wir wissen, war dieser Hartmut Nickell vieles, aber sicher kein schlechter Mensch. Ja, Hartmut Nickel war zum Zeitpunkt seines Todes 61 Jahre alt und führte seit 27 Jahren seine Rechtsanwaltskanzlei in Oberrad. Und zwar erfolgreich, eine typische Kleinstadtkanzlei. Und Nickel war in seiner Heimatstadt ein geachteter und beliebter Mann.
Er galt immer als korrekt und fairer Anwalt und wurde von Mandanten, Kollegen und Gerichten geschätzt.
Seine Fälle umfassten Familienrecht, Verkehrsdelikte und zivilrechtliche Streitigkeiten und er war bekannt dafür, hilfsbereit und entgegenkommend zu sein. Wenn Mandanten kein Geld hatten, kam es vor, dass er sie trotzdem verteidigte und er setzte sich sogar bei Zahlungsschwierigkeiten der Gegenpartei dafür ein, dass seine Mandanten Ratenzahlungen gewährten. Ja, so übrigens auch bei einem Fall, bei dem Hartmut Nickel den Verpächter der Schwellenbacher Mühle vertrat. Das war ein Bauernhof in Overath, den ab 1989 zunächst ein Paar gemeinsam gepachtet hatte, bis die beiden sich trennten und die Frau wegzog. Dieser Pachtvertrag, der lief über zehn Jahre, wurde dann Mitte der 90er Jahre zum 30. Juni 1999 gekündigt. und der verbliebene Pächter wurde schließlich auf Zahlung ausdehender Pacht und Nebenkostenvorauszahlung verklagt. Im September 1999 wurde er durch Versäumnisurteil zur Zahlung von 6.334,88 Mark verurteilt und ihm wurde die vollständige Räumung des Hofes auferlegt. Warum erzähle ich das alles? Weil dieser Pächter Thomas Adolf hieß und gut vier Jahre später den Rechtsanwalt, der den Verpächter vertrat, in dessen Kanzlei hinrichtete. Hartmut Nickel.
Und eben dieser Hartmut Nickel hatte übrigens, das soll hier nicht unerwähnt bleiben, Mitte der 90er Jahre erreicht, dass eben Thomas Adolf und dessen damaliger Lebensgefährtin Ratenzahlungen gewährt würden, als diese mit den Zahlungen von Nebenkosten in den Rückstand geraten waren. Täter und Opfer, Nickel und Adolf, waren sich damals übrigens nur flüchtig bei einem Ortstermin auf dem Hof begegnet. Aber bleiben wir erstmal noch ein bisschen bei Hartmut Nickel. Was ist über ihn weiteres bekannt, Jörg? Nickel arbeitete oft bis spätabends. Zu Hause genoss er es, bei klassischer Musik und Rotwein auf der Couch weitere Akten zu studieren. Von seinem Wohnzimmerfenster aus hatte er einen Blick auf sein kleines Idyll mit einem Bach, der ins Tal plätscherte und weidenden Schafen. Obwohl er sich mit seiner Frau kulturelle Höhepunkte wie die Salzburger Festspiele, die Kölner Philharmonie oder sogar einen Weihnachtseinkauf in New York leistete, sprach er sehr ungern darüber. Er wollte vermeiden, dass die Nachbarn das Gefühl hatten, das Ehepaar würde protzen.
Hartmut Nickel war in zweiter Ehe mit Mechtelt Bucksteg verheiratet, richtig? Genau. Seine erste Frau und Mutter seiner ältesten Tochter Alja war 1986 oder 87 an Krebs gestorben und 1988 heiratete er Mechtelt, mit der zusammen er 1988 und 1989 zwei weitere Töchter bekam. Alja Nickel ist im Oktober 2003 26 Jahre alt und steht am Beginn einer vielversprechenden juristischen Karriere. Sie ist also in die Fußstapfen ihres Vaters getreten. Genau, sie gilt als kluge und zielstrebige Persönlichkeit, hat nach einem sehr guten Abi Jura studiert und Ende 2002 ihr erstes Staatsexamen bestanden. Wenige Wochen, bevor sie getötet wird, hat sie ihr Referendariat angetreten und arbeitet auch bereits aktiv in der Kanzlei des Vaters mit, wo sie sich ein kleines Büro eingerichtet hat. Ihr Verhältnis zu ihrem Vater ist sehr herzlich und seit dem Tod ihrer Mutter, bei dem sie erst zehn Jahre alt war, sogar noch viel inniger geworden. Alja gilt als offen und aufrichtig und ist in ihrem Freundeskreis sehr beliebt. Sie lebte in einer glücklichen Beziehung. Das Paar plant, nach dem zweiten Staatsexamen zu heiraten.
Dazu kommt es nicht, weil Alja wie ihr Vater und ihre Stiefmutter am 7. Oktober 2003 ums Leben gebracht wird. Was wissen wir über Mechthild, die zweite Frau von Hartmut Nickel? Mechthild Buchstedt war zum Zeitpunkt ihres Todes erst 53 Jahre alt. Sie war eine Frau, deren Leben von Engagement und Fürsorge geprägt war. Bevor sie in der Kanzlei ihres Mannes arbeitete, war sie Mitarbeiterin eines Jugendamtes. Davon profitierte Hartmut, denn Mechthild konnte ihre berufliche Erfahrungen nutzen und Familienrechtsangelegenheiten weitestgehend selbstständig vorbereiten. Mechthild war in ihrer Kirchengemeinde verwurzelt und in ihrer knappen Freizeit widmete sie sich umfassenden ehrenamtlichen Tätigkeiten, gab ehrenamtlich Kommunionsunterricht, kümmerte sich um elternlose Jugendliche und sang im Kirchenchor. An diesem 7. Oktober erwartet Mechthild, als sie in der Kanzlei noch etwas Büroarbeit erledigt, einen ruhigen Feierabend. Sie will sich mit einer Freundin treffen. Als es gegen 16.15 Uhr an der Tür klingelt, ist sie überrascht, denn es steht gar kein Termin im Kalender. Der Mann, der vor der Tür steht, behauptet jedoch, einen zu haben. Mechthild bittet ihn also ins Wartezimmer, prüft im Büro den Kalender. Kein Termin mit dem angeblichen Namen des Fremden.
Ja, deshalb fragt sie den Mann leicht verärgert, was das soll. Er befiehlt ihr jetzt, sich auf das eine der beiden Sofas im Wartezimmer zu legen. Dann werde ihr nichts passieren. Sie weigert sich und daraufhin nimmt er seine Pumpgun aus der blau-roten Sporttasche, die er dabei hat, richtet sie auf Mechthild und sagt, jetzt siehst du, was das für ein Termin ist und dann, weil du nicht still bist, werde ich dich töten. Und genau das tut er dann auch. Aus einer Entfernung zwischen einem halben und einem Meter gibt er einen Schuss auf Mechthild Bucksteg ab, die mit der rechten Vorderseite ihres Körpers zur Waffenmündung steht. Der Schuss führt zu einer schweren Durchschussverletzung des Rumpfes. Mechthild wird durch die Wucht auf das dreisitzige Sofa geschleudert und stirbt binnen weniger Minuten. Zu diesem Zeitpunkt ist es etwa 16.19 Uhr. Es sind also nur wenige Minuten vergangen, von dem Zeitpunkt, an dem Thomas Adolf an der Tür der Kanzlei klingelt, bis zu diesem ersten Mord, den er dort begeht. Und wenige weitere Minuten später ermordet Adolf auch die beiden anderen Personen in der Kanzlei, Hartmut Nickel und Alja Nickel.
Overrath, 7. Oktober 2003, 16.25 Uhr.
Sein Blick fällt auf das Fenster, indem Einschusslöcher prangen. Er kann sehen, dass Passanten von der Straße zum Fenster hinaufschauen, offenbar aufgeschreckt durch die Schüssel, die er abgegeben hat. Jetzt muss es schnell gehen. Er nimmt das Portemonnaie der Anwaltstochter vom Fensterbrett, nimmt das Bargeld rund 80 Euro heraus, wirft die Geldbörse auf die Couch. Er sieht, dass es seiner Komplize nicht gelungen ist, den Anwalt zu fesseln. Auch ihm selbst gelingt es nicht, den Mann mit dem Kabelbinder zu fesseln. Er weiß, dass jetzt etwas passieren muss, schnell. Sie müssen weg und die Zeugen des Mordes an der Anwaltsfrau müssen beseitigt werden. Er fühlt in sich eine Hemmung gegen diesen letzten Schritt. Doch dann wird ihm wieder bewusst, dass der Anwalt und seine Tochter Hochverräter sind. Vertreter des Systems, das er so sehr hasst, das überwunden werden muss, um die rechte Ordnung herzustellen. Er ist jetzt nicht Thomas, der neben der Tankstelle zelten muss. Er ist der Obersturmbahnführer. Seine Pflicht ist es, gemäß den fortgeltenden Reichsgesetzen diese Kollaborateure, diese Staatsfeinde zu töten, um so ein historisches Zeichen zu setzen. Entschlossen richtet er das Wort an den Juristen. Herr Nickel, was sind Sie doch für ein schlechter Mensch. Er zieht seine Komplizin am Arm in den Flur, befiehlt ihr, dort mit der Tasche zu warten.
Augenblicke später, es ist jetzt 16.28 Uhr, richtet er die Pumpgun auf den Kopf des Anwalts und drückt ab, lädt nach und schießt auch der Tochter in den Kopf. Beide sind sofort tot.
Bevor wir dazu kommen, wie es nach dieser schrecklichen Tat weitergeht, wollen wir uns jetzt den Menschen genauer anschauen, der diese begangen hat. Thomas Adolf wird 1958 als uneheliches Kind in Hagen, Westfalen geboren. Genauer gesagt ist ja das, so sagt es sein Vater später, unerwünschte Ergebnis einer Kneipenbekanntschaft. Unbekanntschaft. Der Vater zahlt zwar Unterhalt für das Kind, hat aber zumindest bis 1979 keinen persönlichen Kontakt zu ihm.
Adolfs Mutter, die bei der Geburt 18 Jahre alt ist, kümmert sich nie adäquat um den Jungen, ließ ihn verwahrlosen, sodass er in Obhut genommen wird und hauptsächlich bei seiner Großmutter mütterlicherseits in Hagen aufwächst. Die Mutter kommt wegen Diebstahls, Betrugs und Hehlerei ins Gefängnis. Die Großmutter, vom Enkel als Mutti bezeichnet und die tatsächliche Mutterfigur in seinem Leben, ist eine überzeugte Nationalsozialistin. Sie hat während der Nazi-Herrschaft das Mutterkreuz erhalten und idealisiert ihren während der Kriegsgefangenschaft verstorbenen Sohn, der der SS diente. Thomas Adolf wächst also in diesem Klima auf und hört oft Gespräche von Kriegsheimkehrern, um die sich seine Oma kümmert. In der Familie wird das Dritte Reich verklärt und idealisiert. Als der Junge etwa zehn Jahre alt ist, nimmt ihn die Mutter gegen seinen Willen vorübergehend wieder in ihren Haushalt auf, in dem sie mittlerweile mit ihrem Ehemann lebt. Zwischen diesem Stiefvater und Thomas kommt es schnell zu Spannungen. Dieser misshandelt ihn körperlich, wenn er sich von ihm provoziert fühlt. Nach einem halben Jahr flüchtet sich der Junge zurück zur Oma. Die Mutter verschwindet 1969 schließlich spurlos.
Lydia, kannst du diese Familiengeschichte und die Sozialisation dieses Täters für uns einordnen? Genau, ich habe mir die natürlich genauer angeschaut, denn in meiner Arbeit spielt es immer eine Rolle, wie bestimmte, sagen wir mal, Grundlagen geschaffen werden für die Persönlichkeitsentwicklung, wie Menschen sich sehen, wie sie mit anderen Menschen umgehen.
Und natürlich kann das bei identischer Kindheit bei unterschiedlichen Menschen trotzdem unterschiedliche Ergebnisse haben. Das ist uns allen klar hier.
Sieht man aber schon, dass bereits die Tatsache, dass er eben bei dieser Großmutter aufwuchs, das war in einer Zeit, als es sehr ungewöhnlich war, sagen wir mal, bei der Großmutter aufzuwachsen. Seinen Vater hat er ja nicht kennengelernt, bis er selbst erwachsen war. Die Mutter hat die ersten zehn Jahre ihn nicht besucht.
Und diese Großmutter war halt sehr, sehr wichtig, auch als einzige Bezugsperson. Gleichzeitig kann man davon ausgehen, dass in der damaligen Zeit Gleichaltrige auf so eine Lebenssituation vermutlich eher abwertend reagiert haben. Dazu hat er sich zwar nicht geäußert, aber es ist eher wahrscheinlich, dass er schon gemerkt hat, dass er anders ist, dass er keinen Vater hat, dass die Fragen, wo sind denn deine Eltern, warum lebst du denn bei deiner Oma? Und das kann natürlich schon mal so eine Grundlage sein für gewisse Selbstwertprobleme. Muss es natürlich nicht, wird aber, wenn man das Gesamtbild kennt, eventuell später ein Faktor von vielen sein, der relevant ist, dann ist auch interessant, dass diese Großmutter einen Erziehungsstil hatte, der sehr, sehr typisch war für eine überzeugte Nationalsozialistin, als die sie sich ja auch ihr Leben lang betrachtet. Und in dem Zusammenhang wollte ich erwähnen, es gab ja eben damals dieses fürchterliche Buch Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind von einer Lungenfachärztin, die wirklich hier im Prinzip alle Grundlagen des Menschseins empfohlen hat, Kindern abzutrainieren, damit sie willenlose Tötungsmaschinen werden letztendlich. Das ist auch natürlich keine Erklärung für das, was hier geschehen ist, erklärt aber etwas, was sicherlich wichtig ist. Die Großmutter hat hier auch entsprechend erzogen. Sie wurde also, obwohl er sie sehr positiv wahrgenommen hat, schon auch als hart und konsequent und auch kaltherzig beschrieben. Also sie hat keinerlei emotionale Nähe gegeben.
Und somit hat er natürlich versucht, als Kind sie dazu zu bringen, ihm Aufmerksamkeit zu schenken. Und er hat halt gemerkt, dass das, was ihr wirklich wichtig ist, diese nationalsozialistischen Ideen sind. So ist zum Beispiel wichtig zu erwähnen, dass sie eben diesen verstorbenen Sohn, den sie hatte, der als SS-Offizier gestorben ist, dass sie den vergöttert hat. Während sie zum Beispiel den Sohn, mit dem sie im Haushalt lebte und der sich um sie gekümmert hat, in keinster Weise mit irgendeiner positiven, sagen wir mal, Emotion offenbar behandelt hat. Und so hat er also sicherlich gemerkt, für diese Frau ist er dann wertvoll, wenn er diese nationalsozialistischen Überzeugungen auch aufnimmt.
Und das Tragische ist, dass er auch viel emotionalen Nutzen daraus gezogen hat. Das muss man sich ungefähr so vorstellen. Er hat natürlich diese Ideologie von diesen Kriegsheimkehrern, die seine Großmutter auch beraten hat, die immer wieder da waren und ganz viel erzählt haben, hat er natürlich aufgesaugt und hat sich die angenommen und einerseits fühlte er sich ja gefühlsmäßig sehr verbunden zu diesen Ideen. Männern dann und zu seiner Großmutter. Und er sah natürlich auch eine Selbstaufwertung in der rassistischen Ideologie, die ja im Prinzip nahegelegt hat, dass er von Geburt schon ein wertvollerer Mensch sei. Und natürlich ist das auch etwas sicher Attraktives für ein Kind.
Das hier einerseits nach Bindung und Anerkennung sucht und andererseits sicherlich auch Abwertung erlebt. Und er hat natürlich die rechtsextremen Narrative auch so aufgefasst, dass von Anfang an bei diesen Kriegsheimkehrern zum Beispiel auch oft Enttäuschung und von, es wäre alles besser, wenn der Krieg anders ausgegangen wäre, die Rede war. Und so hat er natürlich auch gelernt, zum Beispiel eigene Probleme und aktuelle Situationen im Sinne dieser Ideologie sozusagen zu deuten und auf Sündenböcke, also dann politische Gegner, später auch zu projizieren. Natürlich als Kind sind das die Grundlagen, die aber später nochmal wieder wichtig werden. Deswegen muss man das hier als Grundlage definitiv so sehen. Also emotional hatte die Ideologie sehr, sehr viele relevante Aspekte für ihn. Und auch interessant ist, er hatte dann zwischendurch Ferienbesuche bei einem Onkel und auch bei einer Großtante. Und hier ist vielleicht zu erwähnen, dass dieser Onkel, dass der ihn sehr beeindruckt hat, weil der nämlich im militärischen Tonfall wurde berichtet, mit seiner Familie gesprochen hat, seine Familie also auch sehr hierarchisch und sehr dominant geführt hat. Und er hat später gesagt, das hat er sehr, sehr großartig gefunden. Also dieser Respekt, den er gesehen hat, den der Onkel bekommen hat. Und das war sicherlich etwas, was später auch so ein Bild, wie er sich gerne aufwerten wollte, mitgebracht hat.
Man muss bedenken, er hat sicherlich auch eine Vaterfigur gesucht. Und diese Großtante, das war die Schwester seiner Großmutter, bei der er dann auch in den Ferien war, die hat zum Beispiel ihm gesagt, er muss sich ordentlich benehmen. Und gleichzeitig hat sie ihn aufgefordert und gesagt, er bekommt dann auch Belohnungen dafür, wenn er Steine auf nahegelegene Unterkünfte von Flüchtlingen und Ausländern wirft. Und das ist auch interessant, weil er hier natürlich gemerkt hat, er bekommt von verschiedenen Seiten Anerkennung, wenn er diese Ideologie übernimmt. Und hier bei der Steinewerfaktion wird ja bereits gewalttätiges Verhalten nicht nur legitimiert, sondern sogar gefördert. Es wird gesagt, du darfst gegen die Gewalt ausüben, du sollst das sogar. Und dafür bekommt er Anerkennung und wird verstärkt und merkt, er kann Aggressionen ausagieren. Er fühlt sich mächtig dadurch, aufgewertet und dadurch merkt man, dass diese Ideologie natürlich für ihn biografische, sehr, sehr viele positive Aspekte hatte. Das erzähle ich alles so ausführlich, weil wir das alles im weiteren Verlauf immer wieder sehen werden, dass das eine Rolle spielt. Und er hat ja eben auch bei seiner Mutter, als er zehn war, diese Erfahrung gemacht, dass da eine fremde Frau vor ihm steht, die er zehn Jahre nicht gesehen hat. Also er kann sich gar nicht an die erinnern und die sagt so so, du kommst jetzt mit. Das war sicherlich eine weitere schwere Verunsicherung für ihn. Und dann hat er eben seinen Stiefvater provoziert und hier ist mir aufgefallen.
Er hat halt gesagt, dass der Stiefvater niveaulos war. Und das habe er mit zehn Jahren so empfunden, weil das Zitat ist, dieser Stiefvater habe eine Redensart gehabt, die sei völlig unkultiviert gewesen, ganz anders als das, was seine Großmutter auch vermittelt hat. Man müsse kultiviert sein, man müsse sich irgendwie auf eine bestimmte Art verhalten. Und hier sieht man, dass da auch schon so ein Aspekt von narzisstischen Tendenzen zu sehen ist, weil er gesagt hat, dieser Stiefvater ist unter seinem Niveau, unter dem, was auch seine Großmutter für ihn repräsentiert. Das hat er zum Anlass genommen, immer wieder dann auch zu provozieren. Der Stiefvater hat hier mit Gewalt reagiert und er hat auch immer wieder in seiner Biografie festgestellt, dass dann auch Gewalt eingesetzt wurde gegen ihn, sowohl vom Stiefvater als auch später von seinem Onkel. Das heißt, man sieht hier schon so kleine Bausteine, die in viele Richtungen weiter sich hätten entwickeln können, in seiner Gesamtgeschichte aber eben später immer relevanter werden, weil er häufig sozusagen auf diese emotionalen Erfahrungen zurückgreift. Die halt wirklich in der frühen Kindheit schon so angelegt werden.
Ja, als die Großmutter älter wird und kränkelt, nimmt ihr Sohn, also sein Onkel Thomas auf. Der wohnt in Dormagen, ist Bauingenieur und leitet das dortige Tiefbauamt. In Dormagen besucht Thomas das städtische Gymnasium. Er ist mit einem IQ von 125 überdurchschnittlich intelligent, zeigt gute Leistungen in der Schule, wird Klassen- und sogar Schulsprecher sowie Chefredakteur der Schülerzeitung und tritt der SPD bei. Das ist jetzt nicht gerade das, was man von einem Jungen aus einer, ich sage es mal salopp, Nazifamilie erwartet.
In der Tat, doch tatsächlich scheint Thomas Adolf sich politisch zunächst eher links zu verorten. Er entwickelt dann eine kritische bis ablehnende Haltung gegenüber dem etablierten Parteiensystem und das Pendel schlägt erstmal ins Radikale aus. Im Herbst 1977 sympathisiert er mit der RAF. Das geht so weit, dass er gemeinsam mit einem Mitschüler einen Brandanschlag auf den hölzernen Anbau des Rathauses in Dormagen plant. Sie wollen damit ein Zeichen der Solidarität setzen, weil sie glauben, die in Stammheim inhaftierten RAF-Mitglieder seien ermordet worden. Ja, noch vor der Ausführung dieses Anschlags wird Thomas Adolf aber festgenommen, weil er das Bekennerschreiben leider im Kopierer liegen gelassen hat.
Er verbringt neun Wochen in Untersuchungshaft in der JVA Düsseldorf. Nach seiner Entlassung wird er des Gymnasiums verwiesen und aus der SPD ausgeschlossen. Und er wendet sich nun dem nationalsozialistischen Gedankengut seiner Großmutter zu. Das ist dann wenig überraschend. Und genau, das muss man auch mal genauer betrachten, weil ich habe natürlich mir genau angeguckt, welche Erfahrungen gerade in der Zeit der Kindheit und Jugend ist ja eben deswegen auch besonders viel Relevantes, weil die Menschen eben da, wie gesagt, gewisse Lernerfahrungen machen. Und wir hatten ja gerade den Punkt, dass er zu seiner Mutter kam gegen seinen Willen, dass er dann eben bei dem Stiefvater dann rebelliert hat, Gewalt erfahren hat. Übrigens so, dass zum Beispiel dann auch irgendwann eine blutende Wunde an seinem Kopf entstand, der dann ja eben zu seiner Großmutter zurück ist, dann ist vielleicht noch eine Sache wichtig für seine Persönlichkeitsstruktur. Er ist ja dann bei dem Onkel gewesen und seine Großmutter starb, als er 14 war. Die wurde am Ende noch gepflegt in dieser Familie, aber war wohl schwer krank. Und er hat immer das Gefühl gehabt, dass er dort auch der Außenseiter war.
Weil der Onkel selbst hatte drei Söhne und offenbar hat die Familie sich bemüht, ihn zu integrieren, ihm das Gefühl zwar irgendwie zu vermitteln, er sei auch Teil der Familie, aber er hat schon gesagt, dass er diesen Onkel auch nicht respektieren konnte und dass er sich auch immer irgendwo eben als nicht zur Familie zugehörig empfunden hat und hat halt im Prinzip nach Aufwertung gesucht. Und wenn er jetzt 14 ist, muss man sich vorstellen, seine Großmutter, die einzige für ihn relevante Bindungsperson, ist tot. Er lebt in einer Familie, in der er das Gefühl hat, dass er nicht dazugehört, versucht die ganze Zeit gegen den Onkel zu rebellieren, wie vorher gegen den Stiefvater. Und auch das führt dann eben zu Gewalt vom Onkel. Und dann ist es spannend, dass er während der Gymnasialzeit eine Verhaltensweise beginnt, nämlich zunächst einmal Erfolg zu sammeln. Und man sieht, also es war ja einigermaßen überraschend jetzt diese Wendung, als er eben hier Klassenstufenschüler, Stadt- und Bezirksschülersprecher wurde und Chefredakteur seiner Schülerzeitung. Und da kann man natürlich naheliegenderweise annehmen, dass er hier gemerkt hat durch seinen IQ, dass er in dieser Peergroup der Gleichaltrigen jetzt erstmal versucht hat, positiv aufzufallen und dadurch natürlich seinen Selbstwert zu stabilisieren. ist ja jetzt naheliegend, weil das waren ja viele Ämter und viele, wo auch Anerkennung bekommen hat. Das Spannende ist halt, dass er dann eben die politische.
Aktivität begonnen hat. Er ist ja eben bei den Jusos eingestiegen und hat dann erstmal auch politische Reden gehalten und hat versucht, sich zu profilieren und Kontakte zu knüpfen, sich ja auch in dem Versuch, sich aufzuwerten. Meine, Annahme im Gesamtbild ist, dass diese Art von politischen Inhalten aber nicht seine Grundbedürfnisse befriedigt hat. Die Grundbedürfnisse, die er schon in der Kindheit entwickelt zu haben scheint.
Wären ja gewesen ein extremes Bild, bei dem eine Gruppe von Menschen extrem aufgewertet und extrem abgewertet wird. Und auch ein Bild, das irgendwo eine Legitimation beinhaltet, auch für Gewalt, auch für extreme Machtausübung. Und wenn man mal drüber nachdenkt, dann ist naheliegend, dass er das wahrscheinlich bei den Jusos nicht vorgefunden hat. Jetzt ist natürlich der Punkt, wahrscheinlich hat er nicht überlegt, ich suche eine politische Ideologie, die meinen emotionalen Grundbedürfnissen entspricht. Das denkt ein Mensch nicht. Aber das sind Prozesse, die ja unbewusst ablaufen. Dass die Person so merkt, irgendwie ist das nicht so das Wahre und so. Und dann wurde eben gesagt, dass er nun angefangen hat, sich gegenüber etablierten Parteisystemen zunehmend kritisch zu äußern und auch ablehnend. Also er sucht das Extreme. Genau. Und ich denke, er hat dann einfach sich etwas zurechtgebogen, was er argumentativ vorweisen konnte. Aber in Wirklichkeit war meiner Vermutung nach das Ganze eher von seinen Grundmotiven motiviert. Und er hat dann erklärt, warum dies und jenes ihm nicht passt. Und hat sich dann eben der ersten Ideologie zugewandt, die für ihn zu dieser Zeit greifbar war. Die RAF war sehr, sehr bekannt, auch medial, wurde sehr, sehr stark wahrgenommen, hat auch sehr viel Angst verbreitet.
Und das war dann die Ideologie erst einmal, die attraktiv wahrscheinlich auf den ersten Blick zumindest dem Jugendlichen erschien, weil sie eben Gewalt legitimierte und dieses auch dichotome Weltbild mit verkörpert hat. Jetzt ist der Punkt, dass er aber dann durch diesen nicht gelungenen Versuch hier, so einen Anschlag zu begehen, dann eben offensichtlich weiter erstens gescheitert war und zweitens bei seinem Onkel auch rausgeflogen ist und er gemerkt hat, dass etwas, wodurch er versucht hat, Macht anzunehmen. Und auch Aggression auszuagieren. Ich meine, so einen Anschlag zu machen und sich zu bekennen und dann auch in den Medien erscheinen zu wollen, da ist ja einiges an Motiven. Machtmotiv, Aggressionsmotiv und auch Aufmerksamkeit gewinnen. Und dann sitzt er plötzlich da, sein Onkel schmeißt ihn raus. Es hat alles nicht geklappt. Und ich würde mal davon ausgehen, dass nun in dieser Situation, wo er jetzt komplett einsam da saß, dass da natürlich es naheliegend ist, für ihn rückzugreifen auf etwas, was früher einmal Stabilität für ihn geboten hat.
Rettungsanker sozusagen. Genau, die Erinnerung an die nationalsozialistische Ideologie seiner Großmutter, die natürlich auch als Erinnerung dann für ihn in der Situation was Positives war. Und von daher macht es irgendwie Sinn, dass er sich der dann zugewandt hat und dann ja auch über die Ideologie wiederum versucht hat, Anschluss an andere Menschen zu finden. Weil an dem Punkt war er ja jetzt erst mal allein und gescheitert. Also wie gesagt, ich versuche nur so ein bisschen nachvollziehbar zu machen, wie ohne, dass Menschen das selber reflektieren, manchmal bestimmte Dinge aus ihrer Biografie, bestimmte Entscheidungen zumindest begünstigen können. Er ist ja auch nicht der einzige Fall eines Extremisten, der gleichsam die Seiten wechselt. Da gibt es ja auch in Deutschland bekannte Beispiele. Und psychologisch hast du es ja im Grunde schon erklärt, wie sowas kommen kann. Absolut. Und das Wichtigste hier ist noch, dass er sehr schnell gemerkt hat, dass diese RAF-Ideologie, mit der er sich offenbar gar nicht näher beschäftigt hat, sondern die für ihn einfach etwas war, was in den Medien diese Machtkomponente und diese interessanten für ihn Dinge ausstrahlte, dass das sicherlich keine tiefe Beschäftigung war, aber er dann, da wo er sozialisiert wurde in dieser nationalsozialistischen Ideologie, da halt dann den Rest seines Lebenswegs wirklich sich auch tief hineinbegeben hat. Also in den Schoß der Großmutter zurück im weitesten Sinne.
Im März 1979 tritt Thomas Adolf dann der Neonazi-Organisation Vikingjugend bei, trägt deren Uniform, beginnt Waffen zu sammeln und Schießübungen zu machen. Ein Verfahren, das wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Waffengesetz gegen ihn eingeleitet wird, wird eingestellt. Im August 1979 bricht er die Schule dann ganz ab und verlässt Deutschland. Er reist über Johannesburg nach Wintug, Namibia, wo er auf der Hühnerfarm eines nationalsozialistisch eingestellten weißen Farmers arbeitet.
Er berichtet später selbst laut den Ermittlungen wahrheitsgemäß, dass er danach etwa sechs Monate als Söldner in einem Kommando der rhodesischen Armee diente. Dort sei er in Kampfhandlungen mit Schwarzen verwickelt gewesen, was ihn laut Ermittlern das Morden regelrecht gelehrt hat. Ja, Rhodesien war ein von einer weißen Minderheitsregierung kontrollierter Staat im südlichen Afrika, international nicht anerkannt, isoliert und geprägt von Rassentrennung und Gewalt. Dort kämpften weiße Truppen und Söldner gegen die schwarzen Befreiungsbewegungen, bis der Staat, genauer gesagt Süd-Rhodesien, 1980 als Zimbabwe unabhängig wurde. Nach Festnahmen in Botswana und kurzzeitigem Arrest in Südafrika reist Adolf Ende 1980 nach Paraguay und anschließend weiter nach Argentinien. Über einen deutschen Club knüpft er Kontakte zu deutschen Nationalsozialisten und arbeitet im Catering-Bereich einer Fluglinie. Wegen finanzieller Probleme kehrt er schließlich im Dezember 1981 zurück nach Deutschland. Sein Onkel in Dormagen nimmt ihn kurzzeitig auf, wirft ihn aber nach einem heftigen Streit endgültig aus dem Haus. Adolf zieht jetzt nach Köln, wo er als Taxifahrer arbeitet.
1984 lernt er seine spätere Lebensgefährtin kennen, mit der er dann 1989 das Anwesen Schwellenbacher Mühle bei Overath pachtet. Ja, hier kommt also erstmals Overath ins Spiel in seinem Leben. Richtig. Und hier versucht Adolf, seinen Lebenstraum zu verwirklichen und veranstaltet Treffen mit jungen Neonazis. Er richtet einen Raum mit Militaria, der Reichskriegsflagge und Orden aus dem Zweiten Weltkrieg ein. Er selbst präsentiert sich in einer Bomberjacke mit SS-Runen und Hakenkreuzen. Wirklicher Erfolg will sich bei ihm allerdings nicht einstellen. 1994 kandidiert er im Kölner Stadtteil Nippes für die Deutsche Liga für Volk und Heimat und erhält bei der Kommunalwahl eine verschwindend geringe Zahl von Stimmen. Und seine finanziellen Probleme verschärfen sich, als seine Freundin sich Mitte der 90er Jahre von ihm trennt. Hauptgrund für die Trennung ist aus ihrer Sicht, dass er nicht ausreichend arbeitet, um zum Einkommen beizutragen. Sie selber fährt etwa zehn Stunden täglich Taxi, während er teils über längere Zeit überhaupt nicht mehr arbeitet.
Er hat außerdem kostspielige Hobbys, fährt Motorrad, macht den Flugschein für Sport, Flugzeuge, wobei die Einkünfte aus den daraufhin durchgeführten Rundflügen ziemlich bescheiden bleiben. Es gäbe über diese Zeit übrigens noch ganz viel weiteres zu berichten. Da säßen wir allerdings morgen noch hier. Wir kürzen das also etwas ab. Was wichtig ist, ist Laufen bei den beiden bei diesem Paar Schulden auf oder besser gesagt dann am Ende bei Thomas Adolf, denn die Freundin ist ja weg. Unter anderem gibt es dann nicht bezahlte Strom- und Wasserrechnungen.
1998 verlässt Thomas Adolf Overath und zieht zu einer neuen Freundin. Die ist Reitlehrerin und hat eine Reithalle in Raum Aachen gepachtet. Dort arbeitet er mit, ist für die Finanzen zuständig und führt das zur Reithalle gehörende Casino. Die Beziehung zu dieser Partnerin ist von extremer Eifersucht und Aggression seitens Thomas Adolfs geprägt. Das gipfelt schließlich darin, dass er, als sie ihm ankündigt, sich zu trennen, damit droht ihr, das Gesicht zu zerschneiden. Zitat, dann hätte sie keine Probleme mehr mit anderen Männern. Hintergrund ist, dass sie einen anderen kennengelernt hat, einen Zahnarzt, und auch ihm droht Adolf und kündigt ihm an, wenn er seine Freundin nicht in Ruhe lasse, werde er bald selbst sein bester Kunde sein. Als die Freundin sich unbeeindruckt von seinen Drohungen zeigt und ihn auffordert, den Hof mit seinen Pferden zu verlassen, versucht er, sie mit dem beschuten Fuß gegen den Kopf zu treten. Die Frau macht das einzig Richtige, sie zeigt ihn an und er wird wegen versuchter Körperverletzung verurteilt.
Auch in dieser Zeit macht Thomas Odolf aus seiner rechtsextremen Gesinnung kein Geheimnis. Auch seinen Partnerinnen gegenüber zeigt er diese offen, fällt in der Reithalle durch Nazi-Sprüche gegenüber Jugendlichen auf, die sich darüber bei seiner Freundin beschweren. Nachdem ihn seine Ex angezeigt hat, wird sein Zimmer durchsucht. Dabei werden unter anderem eine halbautomatische scharfe Kleinkaliberpistole der Marke Landmark-Prez Kaliber 22, die beschriebene Bomberjacke, eine Armbrust und nationalsozialistische Literatur und Videokassetten vorübergehend sichergestellt.
Thomas Adolf lebt nach dem Verlassen des Reiterhofs zunächst vorübergehend wieder in der Schwellenbacher Mühle. Er ist dort auch in der Zwischenzeit regelmäßig gewesen, um seine Neonazitreffen abzuhalten. Wir befinden uns jetzt, um euch wieder abzuholen, im Jahr 1999 und bald muss Adolf das anwesende Overath endgültig verlassen. Weil der Pächter im August eine Räumungsklage erhebt über seinen Anwalt Hartmut Nickel. Bereits im April hatte Nickel Klage auf Zahlung von Pacht- und Nebenkostenrückständen erhoben. Nun wird Adolf am 13. September 1999 durch Versäumnisurteil des Amtsgerichts Bergisch Gladbach zur vollständigen Herausgabe des Pachtobjekts verpflichtet. Also Versäumnisurteil, das bedeutet schlichtweg, dass Adolf trotz ordnungsgemäßer Ladung nicht zum Gerichtstermin erschienen ist. Ja, und der Verlust der Mühle war für Adolf besonders einschneidend, da das Anwesen als sein Zentrum rechtsextremer Aktivitäten diente. Man kann sagen, jetzt geht es richtig bergab mit ihm. Adolf lebt jetzt zunächst auf einem anderen Pferdehof in Geilenkirchen, fährt gelegentlich Schwarz-Taxi und bezieht Arbeitslosenhilfe. Während dieser Zeit hat er ein paar Wochen, etwa drei dauernde Beziehungen.
Entschuldigung, ich habe mich versprochen. Er hat eine etwa drei Wochen dauernde Beziehung, die er als sehr romantisch beschreibt. Die Partnerin ist damals 17 Jahre alt. Er ist über 40. Ab Februar 2000 wohnt Adolf in einer Wohnung in Geilenkirchen. Mitte des Jahres beginnt eine vom Arbeitsamt finanzierte Umschulung zum Mediengestalter für Digital- und Printmedien. Außerdem beginnt er, Drogen zu nehmen. Zunächst Marihuana, dann vor allem an den Wochenenden Ecstasy und schließlich auch Speed. Er nimmt bis zu fünf Gramm täglich, weil er glaubt, damit sein Leistungs- und Reaktionsvermögen zu verbessern. Er wird in dieser Zeit dreimal wegen Betäubungsmitteldelikten verurteilt, verkauft Drogen an Jugendliche, um mit ihnen in Kontakt zu kommen. Und die Umschulung bricht er im März 2002 ab und begibt sich wegen Depressionen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen in psychologische Behandlungen, die er jedoch im März 2002 schon abbricht. Ja, nun beginnt eine Phase, in der sich Thomas Adolf zunehmend weiter radikalisiert.
Er rasiert sich eine Glatze und verfolgt das Ziel, eine organisierte Kampftruppe aufzubauen, um die nationalsozialistische Revolution einzuleiten, notfalls unter Waffengewalt. Er sieht sich selbst als den neuen Führer. Er wettert gegen Hochverräter und da sieht er unter anderem Richter, Anwälte und Politiker in Verdacht.
Von einem Kameraden, Leander, der eigentlich anders heißt, erwirbt er eine Pumpgun des Typs Mossberg, deren Kolben er absägt. Zur Erklärung, eine Pumpgun ist eine Schrotflinte, bei der man den Lauf nach jedem Schuss manuell nachlädt, durch eine Pumpbewegung am Vorderschaft, deshalb der Name. Das geht schnell, ist laut und sehr wirkungsvoll auf kurze Distanz. In Deutschland sind abgesägte Versionen, wie sie Thomas Adolf benutzt hat, verboten, weil sie extrem gefährlich und kaum zu kontrollieren sind.
Adolf führt jetzt paramilitärische Übungen durch, unter anderem in einem stillgelegten Stollen im Siebengebirge, also ganz hier um die Ecke, und auf einem Anwesen in Rösrath. Darauf werden wir später nochmal eingehen. Hier schon mal so viel, Mitte 2003 sind seine Rekrutierungsversuche endgültig gescheitert und Adolf wird wohnungs- und obdachlos. Er lebt von August bis September 2003 in Geilenkirchen. Er reitet in seinem langen schwarzen Mantel auf einem alten Pferd umher, das er tritt und schlägt und er nächtigt im Schlafsack in einem Zelt. Zuletzt zeltet er auf einem Spielplatz oder in Übach-Palenberg neben einer Tankstelle. Ja, man kann sagen, es ist die Schilderung eines verfuschten Lebens. Ja, und so ist natürlich hier wichtig, dass einerseits vielleicht verwundern mag, dass er ja von seiner intellektuellen Grundausstattung viele Möglichkeiten gehabt hätte, sein Leben auch für sich durchaus erfolgreich zu gestalten.
Aber er hat ja häufig impulsive Entscheidungen getroffen, die offensichtlich sehr stark auf aktuelle Bedürfnisse ausgerichtet waren. Und es wurde auch gesagt, dass er zum Beispiel bei seiner Auslandsreise, dass da auch so ein Abenteuerlustbedürfnis im Spiel war, aber auch diese Kontakte, die er suchen wollte. Er scheint immer wieder Ideen gehabt zu haben, wie er sehr schnell vielleicht seine Bedürfnisse befriedigen könnte, Anerkennung finden und vermeintlich mit seiner Ideologie, auch mit anderen zusammen, irgendwelche Dinge eben dann aus seiner Sicht erreichen. aber er ist ja immer und immer wieder gescheitert. Und er wird eigentlich beschrieben als ein Mensch, der durchaus in der Lage ist, erst mal andere zu beeindrucken, vordergründig, weil er sehr klug reden kann, charismatisch wirken kann. Aber man merkt halt, dass er niemals geschafft hat, irgendeinen Plan zu vermitteln. Und realistisch auch in seinem Leben allein, also einen Plan wie zum Beispiel überhaupt mal eine seiner Grundideen durchzuziehen, zum Beispiel mit dem Hof, wirklich umzusetzen. Es wurde auch oft berichtet, dass eben er nicht gerade, wie war das, die Arbeit erfunden habe, war zum Beispiel im Urteil ein Zitat. Also er war jemand, der offensichtlich nicht unbedingt sehr motiviert war, auch zielstrebig allein finanziell sich Sicherheit zu erschaffen. Und umso interessanter finde ich dann, dass die Situation damals mit dem Pachtvertrag, die ja später eben nochmal wichtig wird, dass er da gesagt hat, er war der Meinung.
Der Verpächter habe den Pachtvertrag in der Absicht abgeschlossen, nach zehn Jahren eine von ihm und seiner Partnerin sanierte, Hofanlage teuer verpachten zu können. Und er sah seinen Lebenstraum endgültig zerstört, weil ja angeblich sein Lebenstraum war, dort diesen Hof zu betreiben. Aber man muss wissen, dass der Grund, warum dieses Pachtverhältnis nicht fortgesetzt wurde, war, dass der Hof massiv verwahrlost war, weil er nicht unbedingt viel dafür getan hatte, seinen angeblichen Lebenstraum tatsächlich umzusetzen. Man merkt also an solchen Aspekten, er behauptet, große Träume zu haben, aber er tut nicht wirklich Dinge, Allein schon hier zum Beispiel mit diesem vermeintlichen Lebenstraum, um das Ganze wirklich auch hinzukriegen. Und er...
Er schiebt dann die Verantwortung anderen zu. Deswegen, dann sagt er später eben, der Verpächter, der hatte von Anfang an einen Plan, uns rauszuschmeißen, was totaler Quatsch war. Aber das war eine selbstwertdienliche Ausrede, eine kognitive Verzerrung, um sich dann sagen zu können, er sei quasi ein Opfer sozusagen eines bösen Plans. Und das ist halt auch etwas, was man bei ihm sieht, dass er dann nach und nach, als er immer mehr scheiterte, zum Beispiel auch immer klarer sich Menschen zuwand, die jünger waren. Er hat zum Beispiel explizit junge Männer zwischen 17 und 22, als er deutlich älter war, eben auf seinen Hof eingeladen, schlicht und ergreifend, weil er wusste, die kann er mit seinen Reden beeindrucken. Die checken noch nicht, dass er in Wirklichkeit außer großen Reden nicht viel bewirken kann. Das heißt, er hat immer mehr sich, ich sag mal, gegenüber gesucht, bei denen er noch irgendwie diese Anerkennung glaubte zu kriegen. Und selbst da, muss man ja sagen, ist er gescheitert. Also das heißt, man sieht ja immer massiveres Scheitern und hier sieht man parallel, dass er immer mehr diese Fantasie hat, immer mehr sich mit diesen vermeintlichen Symbolen schmückt und diese Symbole sollen ja auch ihn irgendwie dann aufwerten und im Prinzip merkt man, umso mehr er scheitert, desto mehr fokussiert er sich auf diesen Traum von dieser vermeintlichen.
Nationalsozialistischen Fantasiewelt, sage ich mal. Und das ist etwas, was erinnert. Tatsächlich, ich teilweise jetzt nicht, wie in diesem Fall genau, aber so ein bisschen, was Fantasiewelten angeht, von Fällen kenne, wo Menschen narzisstische Persönlichkeitseigenschaften haben. Das wurde bei ihm auch festgestellt, also entsprechende Eigenschaften, jetzt keine Persönlichkeitsstörungen. Aber wenn die Person immer mehr auseinanderdriftet zwischen dem, was sie gerne wäre und erreicht hätte und dem, wie ihr Leben wirklich ist und wie ihre Handlungen dann tatsächlich enden, dann können die Leute sich wirklich mehr in Fantasien hineinbegeben. Und ich hatte tatsächlich schon mit Leuten zu tun, die wirklich gesagt haben, dass sie dann den Tag über irgendwie sich vorstellen, sie wären Superman. Das ist jetzt kein Witz. Oder einfach so sich in so eine Fantasiewelt hineinbegeben, wo sie irgendwie super stark und super mächtig, oft ist es ja dieses stark sein, mächtig sein, bewundert sein, andere nehmen sie wahr. Und diese Fantasien sind dann vorübergehend manchmal festgelegt. Erfolglose, narzisstisch strukturierte Menschen erstmal eine Stabilisierung. Bei ihm ist das Problem, dass diese Fantasien hier immer größer wurden, aber eben durch seine nationalsozialistische Ideologie, die er als Kind schon bekommen hat, sozusagen ausgestaltet werden. Und das ist eine super gefährliche Mischung, wie man hier sieht, weil dann einerseits der ganze Frust, es wurde ja immer mal frustrierender für ihn, der wurde sicherlich in Wutgefühle, wie man ja später auch in der Tat sieht, weil da sieht man ja, dass er schon auch getötet hat mit einer Kaltgütigkeit.
Wo ich schon aufgrund der Arbeitserfahrung mit Menschen die Taten begehen bei ihm sagen würde, dass er hier auch Aggressionen ausagiert hat und Wut ausagiert hat, dass er durch die Ideologie eine Legitimation hatte. Und das wurde wichtig, denn er hat eine Ideologie gehabt, im Rahmen derer er sich ja dann eingeredet hat, dass Gewalt auszuüben, in Ordnung wäre unter einer von ihm selektiv ausgelegten Logik. Und das ist halt sehr gefährlich, weil der ganze Frust in Wut umgewandelt, mit einem Grundbedürfnis Aggressionen auszuagieren, gleichzeitig sich aufzuwerten, gleichzeitig diesen Fantasien. Er könnte womöglich auch noch irgendwie etwas Großes erreichen. Das sieht man, wie sich das Ganze hier zugespitzt hat. Das war eine sehr, sehr gefährliche Gesamtmischung. Ja, also verfuschtes Leben trifft es eigentlich total gut. Du hast eben gesagt, er hatte eigentlich ja viel Potenzial, hoher IQ. Er konnte zum Beispiel auch fließend Deutsch, Englisch, Flämisch. Er hat nichts daraus gemacht. Er ist zum Beispiel auch mal vom Verfassungsschutz angesprochen worden als möglicher V-Mann. Auch das, die haben ihn dann letztlich als Spinner abgetan und nie wieder kontaktiert. Er hat viel mehr Energie investiert, scheint mir, sein Leben lang in die Fantasien der Grandiosität, als auch nur ansatzweise etwas zu tun, um eine echte Stabilität zu erreichen. Ja und in diesem Zustand, also das verfuschte Leben, da kommt es jetzt zu einer Begegnung mit der Frau, die wenig später Thomas Adolfs Komplizien werden soll.
Geilenkirchen, 12. September 2003. Es ist ein Freitagnachmittag, als Tim, ihr Freund, plötzlich diesen Fremden im Schlepptau hat. Sie kennt ihn flüchtig als freundlichen Kunden aus der Tankstelle, bei der sie zeitweise gearbeitet hat. Doch der Mann, der jetzt vor ihr stand, jagt ihr erstmal einen Schreck ein. Er ist stark abgemagert, wirkt verwahrlost, heruntergekommen geradezu. Er hat mehrere Taschen bei sich, darunter eine blau-rote Sporttasche und einen Schlafsack. Dieser Schlafsack ist sein Zuhause. Er hat keine Wohnung, übernachtet neben der Tankstelle. Er bittet Tim, bei ihm duschen und ein paar Tage bleiben zu dürfen. Sie fühlt eine Mischung aus Mitleid und Abneigung. Doch beide Gefühle verschwinden wenig später, als er geduscht und frisch angezogen ist. Sie schätzt ihn auf ungefähr 35 Jahre und er wirkt lebenserfahren auf sie, mit einer geradezu fesselnden Ausstrahlung. Er beginnt ihr Komplimente zu machen. Sie habe einen germanischen Körperbau, sagt er, mit einem ausdrucksvollen Kiefer- und Gesichtsausdruck. Sie sei rein arisch, sagt er.
Sie versteht nicht so genau, was er damit sagen will, aber sie fühlt sich geschmeichelt. Sie, die Unnahbare, die Kalte, schmilzt unter seinen Worten dahin, fühlt sich von ihm erstmals ernst genommen, wertgeschätzt und bewundert. Er hört ihr zu und noch mehr erzählt er von seinem abenteuerlichen Leben, den Aufenthalten in Afrika, den Pferden auf dem Reiterhof. Nur vier Tage nach ihrem Kennenlernen bittet er sie, seine Freundin zu werden. Und sie sagt sofort ja. Tim ist vergessen.
Ja, auch Elisa, wir haben schon gesagt, das ist nicht ihr echter Name, die wollen wir uns natürlich näher anschauen und versuchen zu ergründen, wie es zu dieser, man kann sagen, unseligen Verbindung kommen kann. Wir haben es, das habe ich schon gesagt, der Name ist nicht echt und wichtig ist, auch hier verzichten wir auf die genauen Ortsnamen. Die sind teilweise sehr detailliert, das ist aber für den Fall aus unserer Sicht nicht unbedingt relevant. Kurze Zwischenfrage, können wir das Handy ausmachen? Das wäre ganz schön.
Elisa wird 1984 geboren. Sie ist zum Zeitpunkt der Tat, also 19 Jahre alt. Ihre Eltern trennen sich, als sie zwei Jahre alt ist. Sie leidet stark unter der Abwesenheit ihres Vaters. Ihre Mutter heiratet ein zweites Mal. Der Stiefvater trinkt oft und viel Alkohol, misshandelt die Mutter und auch Elisa und ihren Bruder.
1990 flüchtet sich die Familie in ein Frauenhaus. Elisa kommt dann kurzzeitig zur Großmutter, kehrt aber dann ins Frauenhaus zu ihrer Mutter zurück. Ja, das Verhältnis zu ihren Eltern ist von fehlender emotionaler Nähe geprägt. Die Mutter wird zwar als innerlich warmherzig beschrieben, zeigt sich nach außen in der Erziehung, aber hart und konsequent und verbirgt ihre wahren Gefühle eher. Der Vater ist Fernfahrer, also Lkw-Fahrer, überhäuft Elisa mit Geschenken und nennt sie seine Prinzessin. Wirklich emotional verfügbar ist er aber nicht für sie und vor allem ist er durch seine häufigen beruflich bedingten Abwesenheiten in wichtigen Lebensmomenten nicht da für seine Tochter. Ja, Kommunikation scheint ein schwieriges Element in diesem Familienkonstrukt zu sein, was sich an mehreren Stellen zeigt. Der Vater spricht über Gefühle und generell über Persönliches kaum bis gar nicht. So erzählt er, als er an Lungenkrebs erkrankt, nur seinem Sohn davon. Elisa empfindet das als sehr tiefen Vertrauensbruch. Konflikte werden in dieser Familie nicht offen und verbal ausgetragen. Die Mutter straft insbesondere ihre Tochter Elisa oft mit Schweigen und Ignoranz. Was diese auch für sich übernimmt, sodass zwischen den beiden nach Streitigkeiten oft Funkstille herrscht und das teilweise über Monate.
Elisa und die Mutter entfremden sich vor allem in der Teenagerzeit immer mehr voneinander und sie hat gar kein Vertrauensverhältnis zu der Mutter. Sie bespricht also keinerlei persönliche Probleme mit ihr, Liebeskummer oder ähnliches. Ja, Lydia, vielleicht kannst du uns hier auch nochmal eine Einordnung geben. So ein Verhalten innerhalb einer Familie, wie wirkt sich das auf ein Kind aus? Auch das ist natürlich sehr, sehr unterschiedlich, weil man natürlich immer betonen muss, dass diese identische sozusagen Lebenserfahrung immer von anderen Faktoren abhängig trotzdem sehr unterschiedlich von Kindern bewältigt wird, aber es ist in diesem Fall klar, dass Elisa eben, viele Probleme entwickelt hat und sie litt offenbar auch selber darunter. Also sie war halt sehr impulsiv, so reizbar leicht, ist eben oft in Konflikten gewesen mit ihrer Familie und hat dann im Prinzip auch versucht, mit so einer Fassade der Coolness, so wurde es beschrieben.
Ihre Verletzbarkeit zu kaschieren. Und sie hat ja immer wieder zum Beispiel Entscheidungen getroffen, die nicht gut waren. Sie wurde dann zum Beispiel einmal fremd untergebracht, dort ist immer wieder ausgebüxt, hat sich einer Mädchengang angeschlossen, man sieht ihre Suche nach irgendwie so Anerkennung und vielleicht auch das zu finden, was sie glaubt, was sie glücklich macht und dass sie irgendwie merkte, irgendwie ihr Leben ist nicht okay. Aber sie war natürlich auch noch sehr jung und hatte aufgrund der nicht guten Bindung zu ihren Eltern, weil eben der Vater zwar idealisiert wurde, aber doch auch abwesend war und mit der Mutter dieses Verhältnisses ja immer schon sehr angespannt war, hatte sie eben auch keine Elternfiguren, die irgendwie vielleicht ihr da helfen hätten können. Im Gegenteil. Und das zeigt natürlich, dass sie leider für jemanden wie ihn, wie den Täter hier, sehr, sehr ansprechbar war. Denn wir haben ja schon seine Tendenz besprochen, sich zunehmend im Laufe seines Lebens jüngeren Menschen, die er beeindrucken konnte, zuzuwenden. Jetzt war er ja bereits so tief in seinem Leben, so an einem Tiefpunkt, an einem gescheiterten Punkt, dass natürlich für ihn jetzt eine so junge, unerfahrene Person leichter zu manipulieren war, muss man tatsächlich sagen, weil er mit seinen Geschichten und seinem vermeintlich Selbstsicheren auftritt, selbst in seiner Situation vermochte sie zu beeindrucken, was ihm natürlich das gegeben hat, was er suchte, nämlich Aufwertung natürlich.
Und bei ihr ist hier naheliegend, dass sie dann durch diese ältere Person, die aber auch diese Selbstsicherheit ausstrahlte und die diese spannenden Geschichten erzählte und sie auch sicherlich sehr aufgewertet hat und dadurch natürlich manipuliert hat, um sie an sich zu binden, dass sie dafür sehr empfänglich war. Und das wurde wichtig, weil er sie dann zur Selbstaufwertung brauchte und sie letztendlich bei ihm sicherlich versucht hat, irgendwie so Grundbedürfnisse zu erzeugen. Wie Stabilität, eine ältere Person, die ihr auch irgendwie Halt gibt, zu befriedigen. Und diese Konstellation war sehr, sehr, sehr gefährlich natürlich in der Geschichte, muss man sagen. Wir haben jetzt ein bisschen vorgegriffen. In Elisas Familie passiert in ihrer Jugend oder in ihrer Kindheit eigentlich etwas, das nach meinem Eindruck eher selten ist. Die Eltern kommen nämlich Mitte der 1990er Jahre wieder zusammen und leben, zumindest bis zum Zeitpunkt des späteren Gerichtsprozesses, in einer neuen Partnerschaft zusammen, ohne jedoch noch mal zu heiraten. Als Elisa 13 Jahre alt ist, zieht die Familie in ein Viertel, das als sozialer Brennpunkt bezeichnet wird. Du hast es gerade schon gesagt, sie schließt sich einer 20-köpfigen Mädchengang an, probiert Drogen, beteiligt sich an Mutproben, unter anderem Ladendiebstählen. In dieser Zeit gibt es massive Schulvorsäumnisse. Also sie macht ständig blau, kommt ins Heim, haut da ständig auch wieder ab und dann zieht die Familie schließlich um, um sie aus diesen Einflüssen da rauszuholen und wieder zu stabilisieren.
Elisa beginnt früh als Supermarktaushilfe zu arbeiten, um sich Geld hinzuzuverdienen und selbstständig zu werden. Nach dem Hauptschulabschluss im Jahr 2001 folgen gescheiterte Bewerbungen und eine abgebrochene Ausbildung. Elisa fühlt sich in dieser Lebensphase der Gabba-Szene zugehörig. Das heißt, sie hört den entsprechenden Hardcore-Techno, passt sich auch äußerlich dieser Szene an, mit im Nacken ausrasierten Haaren. Die sind, das haben wir ja eben schon gehört, zum Zeitpunkt, über den wir hier sprechen, knallrot gefärbt. Die trägt dann eben einen Zopf, sodass man den ausrasierten Nacken sieht. Und sie hat auch die entsprechende Kleidung an, darunter auch die bekannten Lonsdale-Jacken und Shirts. Darüber haben wir schon mal in einer Podcast-Folge gesprochen. Die Marke wurde ja vor allem in den 1990er und frühen 2000er Jahren quasi von Neonazis gekapert, weil die Buchstaben unter einer Jacke getragen dann NSDA ergeben. Ist diese Gabba-Szene denn rechtsradikal oder rechtsextrem? Die Frage lässt sich so einfach nicht beantworten. Ich versuche es in aller Kürze. Die Musik und die Szene an sich, die sind im Ursprung komplett unpolitisch. Es hat sich aber gerade in dieser Zeit durchaus eine rechtsextreme Randgruppe innerhalb der Szene gebildet, die auch vom Verfassungsschutz beobachtet wurde, insbesondere in den Niederlanden. Da kommt Gabber ja her und im Ruhrgebiet. und rein äußerlich hatten Gabba und die damaligen Neonazis durchaus Ähnlichkeiten. Wie das bei Elisa war, das wissen wir nicht. Sie selbst hat sich durchweg auch verabschiedet.
Als unpolitisch bezeichnet. Ich glaube aber, man kann sagen, dass Thomas Adolf sie durch seine Lebenserfahrung fasziniert hat und sie deshalb auch anfällig für das gewesen sein könnte, was er ihr erzählt hat. Elisa hat ihr Leben in dieser Jugendphase später selbst als, Zitat, unerträglich bezeichnet. Sie strebt früh nach Beziehungen, oft mit deutlich älteren Männern. Ja, das haben wir quasi gerade ja schon besprochen. Und für Thomas Adolf ist es ja auch nicht das erste Mal, dass er so eine junge Freundin hat.
Er hatte ja auch mehrfach Erkränkungserlebnisse in den Beziehungen mit Frauen, die selbstbewusst auch ihm entgegenstanden. Und letztendlich ja auch durch sein Verhalten, zum Beispiel, dass er nicht arbeiten wollte, dass er nicht bereit war, das für die gemeinsamen Ziele zu tun, was sie glaubten, immer wieder ja auch sich von ihm getrennt haben. Man sah ja auch bei der Trennung, wie er mit den Drogen dann auch gezeigt hat, wie gekränkt er war und wie absolut auch hier gewaltbereit er sich darstellte. Und da muss man ja sagen, das heißt, er hat sicher von Trennung zu Trennung mehr erkannt, dass eine selbstbewusste Frau, die Erwachsenen im Leben stehend Entscheidungen trifft, dass die offensichtlich nicht bei ihm bleiben wird. Und das hat natürlich die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöht, dass er sich so eine vulnerable junge Frau hier leider gesucht hat.
Man kann wahrscheinlich auch sagen, das ist glaube ich nicht zu weit gegriffen, dass es auch bei Mechthild Bucksteak, als sie sich da ihm entgegensetzt und ihn da wirklich verärgert anguckt in der Kanzlei, dass es natürlich auch da ihn betrifft. Und er entsprechend reagiert. Wie das Machtverhältnis zwischen Thomas Adolf, der 45 Jahre alt ist zu diesem Zeitpunkt, und der 26 Jahre jüngeren Elisa, wie dieses Machtverhältnis aussieht, darauf kommen wir gleich noch genauer zu sprechen. Noch sind wir aber im Februar 2003. Da beginnt Elisa eine neue Beziehung mit einem suchtkranken Mann. Wir nennen ihn hier Tim, einem Konsumenten harter Drogen. Sie selbst beginnt in diesem Zuge damit, Amphetamine zu nehmen und sagt selbst, dass sie ihren Konsum schnell auf bis zu zwei Gramm täglich steigerte, um der Wirklichkeit zu entfliehen. Im Juli kommt es dann zu schweren Streitigkeiten mit ihren Eltern, weshalb Elisa zu ihrem neuen Freund zieht. Sie sieht das von vornherein eher als Zweckgemeinschaft. Ja, und genau jetzt, zu diesem Zeitpunkt, trifft sie auf Thomas Adolf.
Der zu diesem Zeitpunkt, das haben wir auch schon eindrucksvoll beschrieben, glaube ich, also September 2003 am Tiefpunkt seines Lebens sein dürfte. Binnen weniger Tage, wir haben es gehört, werden die beiden ein Paar, das könnte man eine sehr rasante Liebesgeschichte nennen. Und was man sich auch mal bewusst machen muss, weniger als einen Monat später werden die beiden gemeinsam in Overath in der Kanzlei von Hartmut-Nickel landen, wo Adolf drei Menschen tötet. Ja, und an dieser Stelle mal ein kleiner Einschub. Elisa geht die ganze Zeit davon aus, dass Thomas Adolf nicht wirklich Adolf heißt, sondern sich diesen Namen nur aufgrund seiner Gesinnung selber gegeben hat. Tatsächlich ist das aber wirklich sein echter Familienname.
Aus naheliegenden Gründen können die beiden nicht länger bei Eliases bisherigem Freund Tim wohnen und ziehen gemeinsam in Elisas Zimmer bei den Eltern. Sie vereinbaren, beide ihren Drogenkonsum sofort einzustellen, wobei sich nur Elisa daran hält. Und was wir uns gut vorstellen können, Elisas Eltern sind nicht begeistert vom neuen Freund der Tochter. Ja, man kann auch hier wohl sagen, aus naheliegenden Gründen. Zum einen ist Thomas Adolf im Alter der Eltern selbst. Zum anderen ist er wohl rein äußerlich aus ihrer Sicht nicht unbedingt der Traumschwiegersohn. Er tritt auch jetzt schon mit langem Mantel, Glatze und sichtbaren Zeichen seiner Gesinnung auf. Er legt auch sofort offen, dass er überzeugter Nazi ist und versucht immer wieder, insbesondere Elisas Vater, in politische Gespräche zu verwickeln. Was der aber ablockt und ihm sagt, er solle, Zitat, das Gerede lassen. Ja, ehrlich gesagt fragt man sich, warum die Eltern den nicht rausschmeißen.
Vor allem der Vater merkt schnell, dass seine Tochter sehr verliebt ist in den neuen Freund. Sie verhält sich nach seinem Eindruck ihm gegenüber auch anders als in vorherigen Beziehungen. Das merkt er, als Elisa sich in ein Gespräch zwischen den beiden Männern einhakt und daraufhin von Adolf angezischt wird. Sie solle sich nicht einmischen, sagt er. Sie verlässt daraufhin einfach den Raum. Der Vater sagt später, das habe ihn sehr erstaunt, da sie sonst immer die Hosen angehabt habe. Ja, und das deckt sich auch mit dem, was später die Ermittlungen zeigen. Elisa zeigt gegenüber Thomas Adolf eine für sie ungewohnte und offenbar bedingungslose Hingabe. Sie ist fasziniert von ihm, fühlt sich von ihm ernst genommen und geschmeichelt. Und sie hinterfragt offenbar nicht, was er ihr erzählt. So stellt er sich ihr gegenüber von vornherein als Zitat Führer der Schutzstaffel vor. Ja, dass sie nicht in Frage stellt, warum der Führer in einem Zelt neben der Tanke schlafen muss.
Das kann man sich durchaus fragen. Wir haben das eben schon von Martin gehört. Adolf preist Elisas Äußeres als rein arisch, schwärmt von ihrem germanischen Körperbau. Er bringt sie dazu, vor allem schwarze Klamotten anzuziehen, um sie vor seinen Kameraden als uniformiert zeigen zu können. Manchmal soll sie auch eine Gaspistole sichtbar am Hosenbund tragen. Elisa scheint für ihn gut in sein Weltbild und auch an seine Seite zu passen. Und er präsentiert sie im Grunde auf diese Art und Weise als die Frau vom Chef.
Er zeigt also auch ihr gegenüber sofort und ganz klar seine nationalsozialistische Gesinnung. Schnell erklärt er ihr, dass ein bewaffneter Kampf notwendig sein werde, bei dem auch Menschen sterben könnten. Er zeigt ihr auch die Pumpgun und erklärt, die Polizei suche ihn und er werde die Waffe notfalls einsetzen, worüber sie zwar sehr erschrocken ist, doch sie bleibt dennoch an seiner Seite. Und wie wir wissen, auch dann, als er die Waffe tatsächlich einsetzt. Wie intensiv und gleichzeitig fast skurril diese Beziehung sich entwickelt, zeigt sich daran, dass Thomas Adolf Elisa Anfang Oktober, also etwa drei Wochen nach ihrem Kennenlernen, ein Eid unterschreiben lässt. Sie schwört auf die Schutzstaffel und verspricht ihm unbedingten Gehorsam bis in den Tod.
Mitte September bekommt Thomas Adolf von seinem Kameraden Lars, der heißt auch nicht in echt, so 700 bis 800 Euro ungefähr für seine politische Arbeit. Dieser Lars ist ein Neonazi, übrigens auch kein ganz Unbekannter in der rheinländischen Neonazi-Szene. Und er wohnt auf dem recht großzügigen Anwesen seiner reichen Angehörigen in Rösrath.
Der gibt Adolf sporadisch immer mal wieder Geld und von diesem Geld kauft Thomas Adolf dann einen schwarzen Citroen AX, den er auf Elisa anmeldet. In dieser Zeit fasst Adolf den Entschluss, Raubüberfälle auf ihm verhasste Personengruppen zu begehen, um dabei Geld für den bewaffneten Kampf zu erbeuten. Mit diesen Personen sind etwa Politiker, Journalisten und Juristen gemeint. Mit zwei seiner Kameraden und mit Elisa plant und übt Adolf diese Raubtaten, etwa indem sie ein Steuerberaterbüro, warum weiß man jetzt auch nicht so ganz genau, aufsuchen. Und danach soll Elisa dann eine Skizze der Räumlichkeiten anfertigen. Das macht sie auch. Thomas Adolf versucht in dieser Zeit auch allein, einen Rechtsanwalt in Köln zu überfallen, bricht die Tat jedoch ab. Er kann sie nicht durchführen. Ja, also er fühlt da eine zu große Hemmung. Diese beiden Kameraden von Thomas Adolf, die machen ihm deutlich, dass sie seine Pläne nicht für besonders sinnvoll halten. Zum einen lehnen sie den Einsatz der Pumpgun ab, zum anderen halten sie die von ihm anvisierten Ziele für nicht lohnend. Also da ist einfach nicht genug zu holen. Und auch sein Geldgeber Lars hilft ihm nicht mehr. Als er ihn nochmal um Geld bittet, drückt er ihm 20 Euro in die Hand mit den Worten, es klappt nichts und du willst immer nur Geld.
Adolf hat nun, Anfang Oktober 2003, also im Grunde nur noch Elisa an seiner Seite. In dem schwarzen Citroen fahren sie am 3. Oktober nach Ostdeutschland, wo er weitere Kameraden treffen und Unterstützung bekommen will. Diese Mission, kann man so sagen, scheitert jedoch auch mal wieder auf ganzer Linie. Der Kontakt zu den Gesinnungsgenossen lässt sich nicht herstellen, weil sie im Knast sitzen.
Dann geht auch noch das Auto kaputt und muss teuer repariert werden. Weiteres Geld geht für Benzin und Essen drauf. Die zwei schlafen im Auto und als das Paar sich dann am Vormittag des 7. Oktober auf die rückreisigen Westen macht, da geht ihnen schließlich erst das Geld aus und dann das Benzin. Sie streiten heftig, es kommt sogar fast zur Trennung, doch schließlich versöhnen sie sich wieder. Sie stranden mit fast leerem Tank in Overath. Es ist jetzt etwa 16.15 Uhr. Die beiden stellen jetzt das Auto am Bahnhof in der Nähe der Kanzlei von Hartmut Nickel ab. Das ist ungefähr 50 Meter vom Tatort entfernt. Er beschließt jetzt, Nickel zu überfallen, um Geld zu beschaffen und sein Ansehen bei Elisa wieder herzustellen, das durch den gescheiterten Trip in den Osten bröckelte. Was nun folgt, haben wir bereits gehört. Die beiden verschaffen sich Zutritt zur Kanzlei und Adolf tötet zunächst Mechthild Bucksteg und Minuten später Hartmut und Alja Nickel.
Overrath, 7. Oktober 2003, 16.28 Uhr. Sie wartet im Flur, hört die zwei Schüsse. Er kommt aus dem Wartezimmer, verstaut die Pumpgun in der Sporttasche, drückt ihr diese danach wieder in die Hand. Die beiden eilen aus dem Haus. Sie schaut kurz in Richtung der Hauptstraße. Werden sie verfolgt? Thomas geht über den Bahnhofsplatz in Richtung des Autos, das sie dort abgestellt haben. Unbehelligt steigen sie in den Citroën, fahren los. Nach kurzer Zeit bricht es aus ihr heraus. Was sollte das eigentlich? fragt sie. Er herrscht sie an. Halt die Schnauze! Sie gehorcht. Mit dem geraubten Geld tanken sie den Wagen. Gehen dann ein Eis essen, als wäre alles normal. Am nächsten Abend besuchen sie einen Kameraden von Thomas. Als der in einer Zeitung etwas über die Morde in Overath liest, sagt Thomas, »Wir waren das. Es ist jetzt Krieg.« Er prallt damit, dass Elisa sich dabei wacker geschlagen habe und eine ganz tapfere sei. Sie nickt bestätigend und sagt, »Das war eine ziemlich heftige Situation.«.
Ja, Adolf und Elisa fliehen. Die Polizei veröffentlicht schnell ein Phantombild der beiden. Auf dem sieht man Adolfs schmales, hageres Gesicht, die Glatze und von Elisa nur eine Rückansicht ihres roten Zopfes. Die beiden tauchen aber nicht wirklich unter, sondern leben im Grunde so weiter wie vorher auch. Noch am Abend der Morde schreibt Adolf, als er mit Elisa zu Besuch bei seinem Cousin ist, eine Bekanntmachung im Namen der 39. SS-SD-Division Götterdämmerung, die die Morde als, Zitat, strafrechtliche Verfolgung der Hochverräter und Beginn des bewaffneten Kampfes deklariert. Am Folgetag, dem 8. Oktober, sucht Adolf einen seiner noch verbliebenen Kameraden auf. Das ist dieser Leander, von dem er die Pumpgun damals gekauft hat. Den sucht er an seinem Arbeitsplatz auf. Das ist so eine Spielhalle und er übergibt ihm die Pumpgun dann mit der Anweisung, jetzt bring du dein Ding mit deinem Anwalt zu Ende.
Zum Hintergrund, Leander wie auch Adolf selbst hatte Ärger in der Vergangenheit mit seinem Anwalt. Adolf weist ihn nun quasi an, den von ihm durch die Morde in Oberrat begonnenen Kampf vorzuführen und diesen Anwalt ebenfalls zu töten. Danach soll er die Waffe wiederum an den Nächsten weitergeben, um so nach und nach eine Todesliste abzuarbeiten. Leander nimmt die Waffe zwar an sich, hat aber nie vor, diesen Befehl auszuführen. Stattdessen macht er was ganz anderes. Er wendet sich am 14. Oktober an die Polizei und verrät seinen Kameraden Thomas Adolf. Ja, und er ist nicht der Einzige. Auch sein sporadischer Geldgeber Lars, von dem wir schon gehört haben, mit dem gegenüber sich Adolf mit der Tat in Overath brüstet, gibt der Polizei einen anonymen Tipp.
Köln, November 2004. Er sitzt im Saal 207 des Kölner Landgerichts. Vor ihm ein Stapel Papiere, ordentlich ausgerichtet, die Hand in der Bewegung geübt. Thomas Adolf schreibt mit, fast ohne den Kopf zu heben. Vier Stunden lang, jede Verhandlung, immer das gleiche Bild. Die Fesseln an den Handgelenken behindern ihn kaum. Sie klirren leise, wenn er den Stift ansetzt. Auf dem Papier notiert er jedes Wort der Anklage, jede Zahl, jeden Satz. Später, so sagt er, wolle er daraus etwas machen, ein Pamphlet. Ein weiterer Text über den Kampf gegen das System. Wenn Zeugen sprechen, schaut er sie an, ruhig, konzentriert, als prüfe er, ob sie die richtige Geschichte erzählen. Nur manchmal blitzt ein Lächeln auf, Ein leises, überlegenes, das niemand richtig deuten kann. Die Staatsanwältin nennt ihn gefährlich. Der Gutachter spricht von narzisstischer Selbstüberhöhung. Adolf führt zu, schreibt weiter. Er hält inne, wenn sein Name fällt, hebt den Blick, mustert den Saal, als gehöre er hierher. Als sei das Ganze nur eine Bühne, auf der er der Hauptdarsteller ist. Später, am Ende eines langen Sitzungstages, zitiert die Staatsanwältin einen alten Bekannten, der ihn beschrieben hatte.
Thomas ist politisch unverbesserlich. Adolf lächelt. Dann beugt er sich wieder über seine Notizen. Ja, wir haben es eben gehört, der große Obersturmbannführer wird von seinen vermeintlichen Kameraden Schnöde verraten. So, das ist für die Polizei am Ende. Ein leichtes ist, ihn aufzuspüren.
Vielleicht sagen wir trotzdem, bevor wir zum Prozess kommen, noch ein, zwei Worte zu den Ermittlungen bis dahin. Tatsächlich wird in dieser einen Woche zwischen Tat und Ergreifung kurzzeitig ein vermeintlich Verdächtiger festgenommen. Den Mann hatte seine in Scheidung lebende Ehefrau verdächtigt, weil er auf die Täterbeschreibung passte und Hartmut Nickel sie in der Scheidungssache als Rechtsanwalt vertreten hatte. Ansonsten ist es, wie du schon gesagt hast, Anna, dann am Ende recht unspektakulär, als Adolf von seinen Kameraden verraten wird. Ja, am 14. Oktober 2003, also an diesem Tag, an dem Leander der Polizei Bescheid sagt, lockt der dann im Grunde seinen Freund und dessen Freundin Elisa zu diesem Spielcasino, in dem er arbeitet. Und da werden die beiden dann gegen 22 Uhr von einer Spezialeinheit festgenommen. Die leisten keinen Widerstand und beide sitzen danach jeweils 14 Monate in Untersuchungshaft. Ja, Thomas Adolf wird im Hochsicherheitstrakt einer Justizvollzugsanstalt untergebracht. Im Hinblick auf ein mutmaßlich hohes Strafmaß und eine deshalb befürchtete Suizidgefahr werden für ihn anfänglich besondere Sicherungsmaßnahmen getroffen, obwohl es keine tatsächlichen Anhaltspunkte für Suizidgefahr gibt. Nach einem Gespräch mit der Anstaltspsychologin werden diese besonderen Sicherungsmaßnahmen dann auch wieder aufgehoben. Ab da darf er dann also auch Kontakt zu Mitgefangenen haben. Über seine Führung während der U-Haft wird im Gerichtsurteil festgehalten. Er führte sich in der Haft gut, disziplinarische Maßnahmen wurden gegen ihn nicht angeordnet.
Auch Elisa sitzt zunächst in Einzelhaft, unter der sie sehr leidet. Nach einer Lockerung nimmt sie Kontakt zu Mitgefangenen auf, führt Gespräche mit Mitarbeitern des Sozialen Dienstes und dem Vollzugspersonal und schließlich arbeitet sie auch in der Näherei. Auch sie soll sich während der U-Haft gut geführt haben, wie es im Justizjargon heißt.
Kommen wir zu den Ermittlungen und dem anschließenden Prozess. Ja, der Prozess gegen Thomas Adolf und Elisa findet ab Juni 2004 vor dem Landgericht Köln statt. Zuständig sind die vierte große Strafkammer und die erste große Jugendkammer. Beim Hauptangeklagten sind im Zuge der Ermittlungen in Elisas Wohnung mehrere Schriftstücke sichergestellt worden, in denen Adolfs nationalsozialistisches Gedankengut offenbar wird. Die Morde in Overath stellt er als Beginn der Revolution im nationalsozialistischen Sinn dar. Durch sie habe er den Umbruch vorantreiben wollen. Er spricht unter anderem von einer Exekution und behauptet, ich vollzog das Recht. Er schreibt außerdem, dass er ruhige, tiefe Entschlossenheit und ruhige, tiefe Sicherheit das Richtige zu tun empfunden habe. Über die Auswirkungen der Tat auf Elisa macht er sich dennoch große Sorgen. Ja, Thomas Adolf hat sich ja auch in dieser Phase in einem Brief an unsere Kolleginnen und Kollegen vom Kölner Stadtanzeiger gewandt. Ja, richtig. Aus der U-Haft heraus schreibt er einen Brief an den Stadtanzeiger. Darin beschreibt er sich als eine Art Vorkämpfer einer revolutionären Bewegung. Zeitweise wird gefordert, dass der Prozess gegen Adolf vom Landgericht Köln zur Düsseldorfer Staatsschutzkammer verlegt werden müsse, jedoch ohne Erfolg.
Nun sind wir im Prozess. Die beiden Angeklagten verhalten sich vor Gericht ja ziemlich unterschiedlich. Ja, absolut. In einem Artikel der Welt über den Prozess wird eindrucksvoll das Auftreten und Verhalten des Hauptangeklagten Thomas Adolf beschrieben. Sein Anblick habe eine dämonische Kälte ausgestrahlt. Das klingt pathetisch, scheint aber gut zu Adolf zu passen. Er war vor Gericht dauerhaft an Händen und Füßen gefesselt, die Handschellen mit einer Lederkoppel verbunden. Und er scheint seine Bewegungen nach und nach an diese Fesseln angepasst zu haben, sodass sie ihn schließlich kaum mehr zu behindern scheinen. Aus seinem Gesicht spricht Arroganz und die absolute Überzeugung von der Richtigkeit seines Tuns. Jedenfalls die meiste Zeit der Hauptverhandlungen. Ja, dazu kommen wir gleich. Schauen wir uns erstmal im Vergleich dazu das Auftreten und auch Verhalten der Mitangeklagten Elisa an. Das steht ja im krassen Gegensatz zu dieser von Thomas Adolf zur Schau getragenen Arroganz und Kälte.
Wie wir schon gehört haben, ist Elisa eine auffallend große Frau mit über 1,80 Meter Körpergröße. Sie ist sehr schlank und gibt sich normalerweise eher maskulin, burschikos, cool. So wird das im Gerichtsurteil genannt. Sie nutzt eine eher harte Sprache und trägt ihr Haar zur Tatzeit im Nacken ausrasiert. Vor Gericht gibt sie sich nun allerdings eher schwach, verletzlich und auch sehr weinerlich. Immer wieder müssen Sitzungen unterbrochen werden, weil sie in Tränen ausbricht. Nach Eindruck der Strafkammer weinte sie allerdings eher über sich selbst und ihre eigene missliche Situation und weniger über die Schuld oder über das Leid der Opfer und der Angehörigen. Wir haben ja eben durchaus schon gehört, dass sie Thomas Adolf teils durchaus Paroli geboten hat, also sich mit ihm angelegt hat, kann man fast sagen. Auf mich wirkt sie vom Typ her jetzt auch nicht grundsätzlich schwach. Ja, man muss klar sagen, dass ihre Verteidigung vor allem auf der Behauptung basiert, dass ihre Mittäterschaft, also konkret insbesondere die Fesslungsversuche der Opfer, aus Todesangst vor dem Haupttäter, ihrem Freund und Partner, Thomas Adolf, beruhte. Sie behauptete, sie habe sich erst im Polizeigewahrsam wieder sicher gefühlt. Wörtlich sagt sie, sie habe mitmachen müssen, weil ich den Thomas lieb hatte. Diese Angstversion erscheint tatsächlich widersprüchlich. Das Gericht stellt unter anderem fest, dass ihr Verhalten nach der Tat nicht mit Todesangst vereinbar war.
Dafür gibt es mehrere Beispiele. Das wird unter anderem mit ihrem Verhalten während eines Besuchs bei Adolfs Cousin am Tatabend begründet, wo sie anschmiegsam an ihrem Freund lehnt. Darüber hinaus hatte sie die Raubabsicht ihres Freundes durchaus erkannt und bewusst geholfen, indem sie ja auch die Tasche mit der Pumpgun trug. Als Adolf allerdings dann Mechtild Bucksteg erschießt, da wendet sich Elisa ab und weicht zurück. Wie bewertet das Gericht denn ihre Schuld dann letztlich? Elisa wird nach Jugendstrafrecht behandelt, weil sie zur Tatzeit 19 Jahre alt ist und damit zwar erwachsen war, aber noch als heranwachsend galt. Sie wird am Ende wegen Beihilfe zum Mord in Tateinheit mit Beihilfe zum Raub mit Todesfolge und mit unerlaubtem Führen einer Schusswaffe, einer sogenannten Repetierwaffe, so wird die Pumpgun bezeichnet, verurteilt. Freigesprochen wird sie vom Vorwurf der gemeinschaftlichen versuchten Anstiftung zum Mord, weil das Gericht nicht feststellen konnte, dass sie von Adolfs Plänen zur Fortsetzung seines Kampfes wusste oder ihn dabei unterstützte.
Und das muss man auch noch erwähnen, Thomas Adolf hat auch während des Gerichtsprozesses versucht, seine Freundin zu schützen und auch weiter zu entlasten. Und er sagte auch, sie habe schreckliche Angst vor ihm gehabt und hätte alles für ihn getan. Tatsächlich befindet die Kammer, dass sich Elisa unter dem, Zitat, extrem suggestiven Einfluss Adolfs befand, letztlich aber freiwillig aus Liebe und kritiklosem Vertrauen in seine Vorstellungen und Entscheidungen handelte. Das Gericht hält auch fest, dass Elisa zahlreiche Lügen vorbringt, um sich selbst zu entlasten. Für das Gericht ist klar, dass Elisa die Ermordung der drei Opfer nicht beabsichtigt hat.
Aber dass Elisa zumindest die mögliche Tötung von Hartmut Nickel und seiner Tochter durch ihr Handeln, also das Fesseln der Opfer, billigend in Kauf nahm. Und Lydia, was würdest du sagen, wie schätzt du ihr Verhalten da während des Prozesses und auch davor ein? Man muss natürlich immer im Hinterkopf behalten, dass wir hier von einer sehr jungen Frau sprechen, mit 19, die eine sehr schwierige Entwicklungsgeschichte hatte. Natürlich ist alles, was ihr gerade gesagt habt, nachvollziehbar. Also sie hat sicherlich zum Beispiel nicht immer die Wahrheit gesagt, in dem Versuch irgendwie weniger, sagen wir mal, Konsequenzen zu erleben. Das ist ja dann auch nachvollziehbar. Und es wurde ja auch argumentiert, dass sie nicht abhängig war, weil sie zum Beispiel ihm auch widersprochen hat, zum Beispiel ihn aufgefordert hat, er dürfe nicht so mit ihrem Vater reden. Und sich durchaus auch nicht alles hat gefallen lassen. Das hat sie auch selber gesagt, dass sie sich nicht alles hat gefallen lassen und dass sie eben durchaus auch, wo es ihr persönlich gerade wichtig war, auch mal Gegenmeinungen geäußert hat. Und es scheint auch so, als habe er tatsächlich ein wenig zumindest fürchten müssen, dass auch sie sogar in der Lage wäre, diese Beziehung zu beenden, obwohl er offensichtlich mit ihr die Beziehung einging, weil er glaubte, sie kontrollieren zu können aufgrund ihrer Jugend und ihrer Lebensunerfahrenheit.
Und somit kann man sicherlich sagen, dass sie wahrscheinlich von den, sagen wir mal, langfristigen Entwicklungen dieser Beziehung anfangs nicht ausging, aber während sie da drin steckte und sicherlich emotional schon sehr fokussiert auf ihn war.
Beeinflussbar war, ohne dass es jetzt eben eine Abhängigkeit war. Aber das ist ja genau, was hier gesagt wurde, weil eine Abhängigkeit hätte bedeutet, dass sie wirklich alles getan hätte, widerspruchsfrei, was er gesagt hätte oder wirklich Angst gehabt hätte, dass er sozusagen sie verlässt in dem Sinne. Und ich glaube, dass sie zwar versucht hat, ihn zu halten, wie sie es gesagt hat, aber man merkte, sie konnte abwägen. Kann es sehr gut sein, dass sie, weil sie auch ein impulsiver Mensch war, jemand, der ohnehin sehr schwankend in seinen Gefühlen war, auch in seinem Selbstbild und sehr, sehr häufig spontane Entscheidungen traf, die auch zu ihren Ungunsten sich immer wieder entwickelten, dass sie dann möglicherweise in dieser Situation tatsächlich auch zumindest nicht in vollem, sagen wir mal, reflektieren dann wirklich entschieden hat, wie sie hier vorgeht. Trotzdem muss man ja sagen, sie hat ja danach, und das ist interessant.
Keine Anzeige dafür gezeigt, sich schuldig zu fühlen oder Ähnliches. Was natürlich damit zusammenhängen kann, dass sie zu diesem Zeitpunkt von dieser Fantasieideologie von ihm, und das muss man ja sagen, es war eine völlige Fantasie, in die er sie mit reingezogen hat, dass sie sich so weit zumindest davon mitreißen lassen und überzeugen lassen zu dem Zeitpunkt, dass sie möglicherweise das, was er vertreten hat, dass das ja richtig sei und dass es ja eine moralisch aus seiner Sicht richtige Tat war, dass sie zumindest vielleicht zu dem Zeitpunkt diese Überzeugung geteilt hat. Wir wissen natürlich nicht, wie sich das Ganze weiterentwickelt hat, aber ein so junger Mensch, der so beeinflussbar ist, kann natürlich prinzipiell auch noch eine positive Entwicklung nehmen, was in diesem Fall sehr zu hoffen ist, muss ich wirklich sagen. Ja.
Ja, kommen wir zurück zu Thomas Adolf. Als reuiger Täter hat der sich ja nicht gerade präsentiert. Nee, überhaupt nicht. Er sah und präsentierte sich quasi als politischer Gefangener. Er lehnte es auch ab, Angaben zu seiner Person zu machen, denn es gehe ja nicht um ihn, sondern um seine politische Tat.
Adolf nutzt den großen Auftritt im Gerichtssaal, um seine kruden Theorien zu verbreiten. Schon dem Haftrichter damals hat er erklärt, er sei Offizier der SS und das Deutsche Reich sei nicht untergegangen. Als der Richter ihn über seine Rechte belehrt, fällt Adolf ihm ins Wort und droht, säße er nicht in Handschellen hier, würde er ihn, also diesen Haftrichter, genauso erschießen wie die Opfer in Overath. Und auch diesen Richter beschuldigt er dann mal des Hochverrats. In der Hauptverhandlung macht er dann immer wieder ausführliche Notizen, schreibt insbesondere das auf, was er von der Anklage hört, teilweise über die gesamte Sitzungsdauer. Dabei wirkt er interessiert, aber nicht persönlich betroffen. Als der Richter vor dem Landgericht Köln ihn zu Beginn des Prozesses fragt, ob er weitere Mordpläne habe, sagt er ohne Umschweife, ja, jederzeit, ich brauche da nicht lange zu überlegen. Ich habe es ein Jahrzehnt lang überlegt. Er erklärt, dass er mit weiteren Personen unter seiner Führung als Sturmbannführer ein Netzwerk im Sinne einer terroristischen Vereinigung geführt habe. Mitte 2003 sei bei einem Treffen eine Todesliste erstellt worden, mit in ihren Augen Hochverrätern, die den Niedergang der Bundesrepublik Deutschland betrieben hätten. Dabei handelt es sich um Amts- und Mandatsträger, Volljuristen für den Staatsschutz tätige Polizisten und Verfassungsschutzbeamte. Auch die Fahrt in den Osten Deutschlands sei Teil dieser Pläne gewesen, um einen Spitzel und Verräter zu ermorden, den Adolf aber nicht habe ausfindig machen können.
Die Morde in Overrath seien der Anfang einer geplanten Angriffsserie. Hartmut Nickel bezeichnet er als Hochverräter, er sieht seine Frau als treibende Kraft in der Kanzlei und seine Tochter als angehende Juristin ebenfalls involviert. Für die Tat habe er am 1. Oktober 2003 von einem Vorgesetzten den Befehl bekommen und schließlich am Tattag von einer Person, deren Identität er nicht offenbaren könne, das Zeichen bekommen, dass sich alle drei Personen, also die Zielpersonen, in der Kanzlei befinden würden und er nun beginnen könne. Nach der Tat habe er dann den Befehl bekommen, die Waffe an ein weiteres Mitglied der Organisation weiterzugeben, um den Nächsten auf der Todesliste umbringen zu lassen.
Wer dieser ominöse Vorgesetzte sein soll, das erfahren wir übrigens nicht. Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass der Thomas Adolfs Fantasie entspringt, wie so vieles in seinem Leben. Und das Verhalten von Adolf als Angeklagte, das erfährt kurz vor Ende des Prozesses dann wiederum eine erstaunliche Wende. Es kommt der 27. Verhandlungstag, der 28. Oktober 2004. An diesem Tag ändert Adolf seine Strategie.
Er legt plötzlich das Geständnis ab, dass er den Raub selbst alleine und spontan geplant habe. Weil er zur Tatzeit dringend Geld für Benzin für die Rückfahrt benötigte und kurz zuvor bereits Überlegungen zu Raubüberfällen mit seinen Bekannten angestellt hatte. Da fragt man sich doch, was ist denn plötzlich aus dem bewaffneten Kampf zum Umsturz des Systems geworden? Er erklärt, seine bis dahin gemachten Angaben zur Todesliste und dem Tötungsauftrag für die drei Opfer seien ein reines Konstrukt von ihm gewesen, um nachträglich aus dem Geschehen den größtmöglichen Nutzen für seine politischen Ziele zu erreichen. Auch die beiden Zeugen, die angeblich an der Erstellung dieser Todesliste beteiligt sein sollten, sprechen sich gegen die Existenz oder auch ihre Mitwirkung an einer solchen Liste aus. Ja, das ist ja wirklich eine ziemliche Kehrtwende. Ja, und auch auf die Frage, ob er die Taten wiederbegehen würde, gibt Adolf nach diesem 27. Verhandlungstag nun eine ganz andere Antwort. Ich selbst werde eine solche Tat nicht noch einmal ausführen, aber ich könnte mir vorstellen, Planungen solcher Taten für andere durchzuführen. Einen Verhandlungstag später, am 3. November 2004, korrigiert er seine Aussage erneut und will nun nur noch an Planungen zur Geldbeschaffung durch andere beteiligt sein. Er wolle seine politische Gesinnung nicht aufgeben, könne sich aber aktuell keine Meinung bilden, ob ein bewaffneter Kampf notwendig sei.
Was ist denn eigentlich mit diesem Streit um die Pachtschulden in den 90er Jahren? Wird der jetzt als Motiv gesehen oder nicht? Die Kammer sieht es so, dass Adolf Hartmut Nickel als Opfer des Raubüberfalls auswählte, weil ihm das Tatumfeld und der Tatort durch die Pachtstreitigkeiten um seinen früheren Hof zwar bekannt waren, er habe ihn aber nicht aus Rache deswegen umgebracht. Für die Kammer steht letztlich fest, dass Adolf beim Betreten der Kanzlei eine Raubabsicht hatte, aber keine klare Mordabsicht. Ja, und doch mordet er. Ja, und er wird wegen Mordes in zwei Fällen verurteilt. Das klingt für uns erstmal merkwürdig, denn natürlich hat Thomas Adolf drei Menschen ermordet. Juristisch handelt es sich hierbei jedoch um zwei Taten. Den ersten Mord an Mechthild Buckstedt und den zweiten Fall, die Morde an Hartmut und Aljanicke. Das Urteil fällt am 15. Dezember 2004. Thomas Adolf wird des Mordes in zwei Fällen, wie du gerade erklärt hast, jeweils in Tateinheit mit Raubmethodesfolge und mit unerlaubtem Führen einer Schusswaffe. Sowie der versuchten Anstiftung zum Mord in Tateinheit mit unerlaubtem Führen einer Schusswaffe schuldig gesprochen und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Zudem wird die besondere Schwere der Schuld festgestellt und die anschließende Sicherungsverwahrung angeordnet. Elisa erhält eine Jugendstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten.
Das Gericht erkennt in seinen Taten insgesamt vier Mordmerkmale. Der erste Mord an Mechthild Buchstedt war heimtückisch, weil das Opfer arg und wehrlos war. Den Doppelmord an Hartmut Nickel und seiner Tochter Alja beging Adolf, um damit die erste Tat zu verdecken. Zudem sieht die Kammer bei der Ermordung von Hartmut Nickel zwei weitere Mordmerkmale verwirklicht. Habgier, um die Beute nicht wieder zu verlieren und sonstige niedrige Beweggründe. Als sonstiger niedriger Beweggrund gilt auch die Ermordung eines politischen Gegenspielers. Das Gericht ist sich sicher. Thomas Adolf hatte sich von seiner ursprünglichen Darstellung der Taten als politisch motiviert, eine öffentliche Resonanz seiner Gesinnungsgenossen und Sympathisanten erhofft. Als die jedoch dann ausblieb, versuchte er, seine Strafe abzumildern. Das Gericht hält die Raubvariante daher für plausibel. Für das Gericht rückte Adolf aber in keinster Weise von seinem nationalsozialistischen Gedankengut ab.
Ja, ich habe es gerade schon gesagt, das Gericht erkennt hier die besondere Schwere der Schuld. Die wird damit begründet, dass der Täter, allein schon damit, dass er drei Menschen ums Leben brachte. Die Ermordung von Hartmut Nickel und seiner Tochter, die mit dem Gesicht nach unten, teilweise gefesselt und somit wehrlos, auf dem Boden liegen mussten. Durch einen Schuss aus nächster Nähe hat für die Kammer außerdem Hinrichtungscharakter. Und dazu kommt noch die besonders entwürdigende Äußerung des Angeklagten gegenüber Hartmut Nickel, die wir mehrfach heute gehört haben. was sind sie doch für ein schlechter Mensch. Der innere Zusammenhang dieser Taten wiegt nach Überzeugung der Kammer besonders schwer. Schwer wiegt ebenfalls, dass er die Opfer nach der Tat als wertlose, zerstörerische Elemente verunglimpfte, deren Exekution mehr als notwendig gewesen sei.
Das Gericht hält Thomas Adolf für besonders gefährlich, weil er an seiner nationalsozialistischen Gesinnung festhält und jederzeit den bewaffneten Kampf wieder begründen könnte, so heißt es im Urteil. Ja, die Kammer ist sich sicher, dass Adolf sich nicht von Gewalt zur Durchsetzung seiner nationalsozialistischen Ideen distanziert hat und sie wieder planen und durch andere ausführen lassen würde. Das Gericht verhängt außerdem ja die anschließende Sicherungsverwahrung. Es attestiert Adolf aufgrund seiner Persönlichkeitsmerkmale einen Hang zur Begehung von Gesetzesverletzungen zwecks Durchsetzung ideologischer Zielvorstellungen. Er sieht ihn als Gefahr für die Allgemeinheit, weil er eine ideologisch begründete Gewaltbereitschaft aufweist und er habe die Straftaten in bewusster und aktiver Identifikation mit der nationalsozialistischen Ideologie begangen. De facto bedeutet das, dass der Verurteilte aufgrund der besonderen Schwere der Schuld nicht die Möglichkeit hat, nach 15 Jahren Haft eine vorzeitige Entlassung zu beantragen. Außerdem wird er nach Ablauf seiner Haftstrafe sicher verwahrt. Selbst wenn er seine Strafe rechnerisch verbüßt hat, wird er nicht automatisch entlassen, sondern bleibt in einer besonders gesicherten Einrichtung, solange die Gefahr fortbesteht, dass er wieder töten würde.
Mit dem Urteil des Landgerichts Köln endet der Fall aber noch nicht ganz. Nein, Adolfs Anwalt legt Revision ein. Der Fall geht vor den Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Der BGH fasst am 23. November 2005 den Beschluss, dass die Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Kölner Landgerichts als unbegründet verworfen wird. Da die Nachprüfung des Urteils aufgrund der Revisionsrechtfertigung keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten ergeben hat. Allerdings wird der Schuldspruch nochmal präzisiert. Er ist schuldig des Mordes und des Mordes in zwei tateinheitlichen Fällen, jeweils in Tateinheit mit Raub, mit Todesfolge und unerlaubtem Führen einer Schusswaffe. Auch der Schuldspruch zur versuchten Anstiftung zum Mord in Tateinheit mit unerlaubtem Führen einer Schusswaffe wird beibehalten. Damit ist das Urteil des Landgerichts Köln rechtskräftig. Trotzdem hat dieser Fall noch eine weitere Dimension, auf die wir gleich hier noch weiter eingehen werden. Und vorher wollen wir uns nochmal die Zeit nehmen, diesen nun Verurteilten nochmal psychologisch etwas genauer zu betrachten.
Ja, also das Gesamtbild, wenn man jetzt nämlich alle Informationen hat, kann man es, glaube ich, recht schlüssig zusammensetzen. Es wurde eben keine Persönlichkeitsstörung bei ihm festgestellt, aber eben die narzisstische Persönlichkeitsakzentuierung. Und hier wurde eben auch gesagt, er hatte dieses starke Bedürfnis, Zitat aus dem Urteil geliebt und bewundert zu werden. Das war ja eigentlich so der Ausgangspunkt in der Kindheit, mit dem er dieses Gefühl, ein ungeliebtes Kind zu sein, das keinerlei Bindung erfahren hat, versucht hat zu kompensieren. Und man sieht, dass diese Motive sich die ganze Zeit durch sein Leben ziehen. Also diese rechtsextremistische Ideologie hat sich bei ihm ja immer stärker verfestigt, weil sie seine Grundbedürfnisse emotional befriedigt hat. Eben einerseits immer wieder, wenn er Probleme hatte, sich nicht damit auseinanderzusetzen, dass seine Entscheidung und seine Handlung seine Probleme auslösen, sondern er hat ja immer Sündenböcke gesucht. Und das ist ja genau in dieser Ideologie dann etwas, was er dann ideologisch eben begründen wollte. Und er hat ja auch ursprünglich versucht, sozusagen Verbundenheit zu rechtsextremistischen Menschen, ursprünglich zu seiner Oma und zu diesen aus dem Krieg heimgekehrten Nationalsozialisten zu knüpfen. Und man sieht ja, dass er weiterhin immer wieder in seinem Leben versucht hat, quasi das wiederzufinden, indem er in rechtsextremistischen Gruppen.
Bewundert werden wollte, auch Anschluss finden wollte und Zugehörigkeit. Und er hat ja immer wieder gemerkt, dass er selbst in diesen Gruppen, die durchaus ja häufiger mal, sagen wir mal, sicherlich Menschen anziehen, die vielleicht sogar ähnliche Grundbedürfnisse wie er hatten, dass er selbst in diesen Gruppen ja immer wieder gescheitert ist. Und dass er selbst da letztendlich wahrgenommen wurde als ein seltsamer, bizarrer Typ, den keiner ernst genommen hat, was natürlich eine dauerhafte, massive Kränkung war, kombiniert mit seinem dauernden Lebensversagen, das immer schlimmer wurde. Und es geht irgendwie immer in seinen Motiven um diese Aufwertungsversuche, um Macht haben wollen, weil er ja eigentlich sein Leben als gescheitert und irgendwie auch als, er hat gar keine Kontrolle darüber erlebt, was falsch ist. Denn seine ganzen Entscheidungen, alle Entscheidungen, die er in seinem kompletten Leben getroffen hat, haben ihn ja sukzessiv in diese Situationen gebracht. Er hat das ja nie sehen wollen und deswegen sehen wir eben Sünden, Böcke, Externalisierung seiner Verantwortung für seine Probleme und dann eben wichtig die Legitimation von Gewalt. Und da ist eben der Punkt, der wichtig ist. Er hatte sicherlich sehr viel Wut. Er hatte sehr, sehr viel Frustration, viele negative Emotionen, die sich zunehmend in auch ... Aggressiven Vorstellungen wahrscheinlich manifestiert haben. Und bei Menschen, die solche Taten dann begehen, hat er ja auch an einer Stelle selber gesagt, oftmals kann man davon ausgehen, dass sie schon lange vorher Gewaltfantasien haben, wo sie sich auch in der Fantasie vorstellen.
Auch aggressiv gegenüber anderen Menschen zu sein, Gewalt auszuüben. Meistens fängt es in der Fantasie an. Ich glaube, bei ihm ist das auch so. Und es ist so, dass er dann aber für sich eine Erklärung brauchte, gegen wen er diese Gewalt richten könnte. Und hier war diese Ideologie entscheidend. Denn diese Ideologie war ja die Grundlage für eine subjektive Moral, die er persönlich definiert hat, aufgrund derer er sich selbst gesagt hat, diese Tat ist ja in Ordnung. Und hier zeigt sich eben, dass er ja dem Opfer gegenüber sagt.
Dieses sei ein schlechter Mensch, letztendlich aber sich selbst davon eigentlich überzeugen will, dass er ja kein schlechter Mensch sei, obwohl er ja letztendlich nichts anderes tut, als sich irgendeine Legitimation jetzt heranzuziehen, um seine ganzen Aggressionen, seine ganze Wut hier auszuagieren. Das heißt, die Ideologie war sozusagen ein verstärkender Faktor in seinen Entwicklungen hin zu einer Gewalttat und hat ihm letztendlich sozusagen diese letzte Schwelle, sich selber zu erklären, warum er sich das Recht nimmt, Menschen zu töten, die konnte er aufgrund dieser Ideologie ja dann überschreiten. Und es ist wirklich interessant, dass er dann offensichtlich auch gehofft hat, dieses Motiv aus seiner Kindheit, diese Zugehörigkeit zu rechtsextremistischen Kreisen vermeintlich dann dadurch herzustellen. Er dachte, er würde da als Held gefeiert werden und war sicherlich, naja, wiederum gekränkt, als er festgestellt hat, dass es nicht so kam. Das heißt, im Gesamtbild sieht man, dass diese Grundmotive sich wirklich die ganze Zeit durch sein Leben ziehen. Und letztendlich, wenn man über Prävention nachdenkt, wäre es natürlich hilfreich gewesen, Wenn er frühzeitig erstens mal natürlich nicht mit einer solchen Ideologie in Kontakt kommen wäre, sondern stattdessen Unterstützung bekommen hätte darin, seine Selbstwertprobleme zu lösen, seine Impulsivität auch mal, sagen wir mal.
In den Griff zu kriegen, nicht immer spontan das zu machen, wonach ihm gerade ist. Wenn er gelernt hätte, sozusagen an sich zu arbeiten, weil er überhaupt sich eingestanden hätte, dass er das Problem ist mit seinen Entscheidungen, mit seinen ganzen Eigenschaften, die er sich schönredet, dann hätte er ja eine Chance gehabt, ein Leben aufzubauen, mit dem er zufrieden gewesen wäre. Und stattdessen hat er an jedem Punkt sich immer entschieden, die anderen sind schuld, die anderen sind das Problem und immer nur Fantasie und Ideologie. Und deswegen leider eine gefährliche Mischung, wenn jemand dann so in seiner grandiosen Fantasie dann am Ende sozusagen sich wirklich komplett hineinbegibt in diese Fantasie, dass er deswegen diesen Traum offensichtlich auch mithilfe der Tat erreichen wollte.
Und da ist wichtig zu sagen, die Fantasie ist was anderes als ein Mensch, der die Realität nicht mehr einschätzt. Das wollte ich gerade fragen. Also er ist nicht im Wahn. Das ist wichtig, weil jemand im Wahn hätte nicht mehr die Möglichkeit, die Realität angemessen wahrzunehmen. Bei ihm war aber nicht das Problem, dass er die Realität nicht angemessen wahrnehmen konnte, sondern eher, dass er die Fantasie die ganze Zeit gewählt hat, weil der Tatsache ins Auge zu sehen, was er letztendlich für ein Lebensversager war, das war emotional so bedrohlich, dass er sich immer wieder entschieden hat, da nicht hinzuschauen. Und leider hat er dann diese junge Frau sozusagen in seine Fantasie mit eingezogen, mit eingewogen und sie auch da hineingezogen. Und dadurch, dass er dann durch sie sicherlich zu einem gewissen Grad den Eindruck hatte, diese Ideologie, die er ja jetzt hier vertritt und auch sein Fantasiebild von sich, was er alles erreichen könne, die schien ja daran zu glauben. Und das, fürchte ich, hat ihm sozusagen dann noch so den letzten Punkt gegeben. Das heißt, die Ideologie, seine Persönlichkeit, seine Unfähigkeit, seine Probleme selber anzugehen und letztendlich diese vulnerable Person, die ihm genau das gegeben hat, was er wollte. Die Selbstbestätigung, aber auch seiner Ideologie. Das alles ist der Cocktail, auf dem er dann diese Tat begehen konnte.
Für Thomas Adolfs Prognose, für die Zukunft wirkt sich gerade diese Verleugnung von Schuld, die wir gerade besprochen haben und diese Externalisierung von Schuld sehr ungünstig aus und begründet eine hohe Rückfallwahrscheinlichkeit für einschlägiges, delinquentes Verhalten, wie man das nennt oder einfacher ausgedrückt nach Überzeugung der Gutachterin, die ihn exploriert. Und auch des Gerichts kann es jederzeit wieder passieren, dass er Menschen tötet oder in seinen Worten den bewaffneten Kampf wieder eröffnet. Weil er das ja, wie wir gerade besprochen haben, vor sich und der Welt in seiner Ideologie mit einem historischen Auftrag rechtfertigen kann.
Sieben Gebirge, Herbst 2002. Der Wind pfeift durch die kargen Hügel, doch der selbsternannte Obersturmbahnführer spürt ihn kaum. In einem stillgelegten Stollen im Siebengebirge trainiert er seine Truppe für den bewaffneten Kampf, für den Umsturz des Systems. 15 bis 20 Männer, vermummt in schwarzen Bomberjacken und Springerstiefeln, folgen seinen Anweisungen, stundenlang. Er selbst trägt, um Härte und Entschlossenheit zu demonstrieren, die Pumpgun ungeladen bei sich, sowie eine Pistole Walter PPK. Wenig später verlegt er die Übungen auf das ländliche Anwesen seines Kameraden in Rösrath. In einem ehemaligen Stallgebäude trainieren sie nun in kleineren Gruppen. Hier geht es um die Formalausbildung, Häuserkampf, Zweikampf, Zugriffe und Fesselungen. Um ihre Identität zu schützen, vermummen sich die Teilnehmer und tragen Namensschilder mit Fantasienamen und Diensträngen der SS. Er selbst verzichtet als Leiter der Übung auf körperlichen Einsatz, um seine Führungsposition zu betonen.
Doch die Realität hält mit dem ideologischen Sendungsbewusstsein nicht Schritt. Im Frühling 2003 versucht er erneut, Kampftruppen aufzubauen, diesmal im grenznahen Selfkantgebiet nahe Aachen. Er setzt eine Zugriffsübung an, doch die jungen Leute, die er rekrutiert hat, kommen nicht, nehmen stattdessen in der Wohnung eines Kameraden Drohung. Eine Demütigung für ihn. Sein Geldgeber lässt ihn fallen und der Abstieg ist unaufhaltsam. Im August 2003 ist er wohnungs- und obdachlos, reitet auf einem klapprigen Pferd durch geilen Kirchen, gekleidet in seinen Militärmantel. Eine Karikatur seiner selbst.
Ja, ich glaube, diese Beschreibung hat nochmal deutlich vor Augen geführt, wie weit es mit seiner Fantasie dann wirklich war und was daraus dann geworden ist. Wir spulen ein bisschen vor, denn das Landgericht Köln hatte ja in seinem Urteil von Dezember 2004 bereits deutlich eine politische Motivation des Täters bei seinen Handlungen festgestellt. Trotzdem wurden die Taten damals selbst nicht als politisch motiviert gewertet. Und dann gibt es im März 2011, deshalb sage ich, wir spulen jetzt etwas vor, eine Antwort des NRW-Innenministeriums auf eine große Anfrage der Linksfraktion zur Nicht-Einstufung dieser Tat als politisch motiviert. Und da schreibt, da legt eben Ralf Jäger eine Statistik vor, der damalige NRW-Innenminister, in der alle Straftaten von Rechtsextremisten aufgelistet sind und die Tat von Overath, die fehlt darin. Und das Innenministerium schreibt hier, die Ermordung der Ehefrau wertete das Gericht als Heimtücke im Sinne des Mordtatbestandes, die Tötung des Rechtsanwaltes und seiner Tochter, geschah nach den Urteilsfeststellungen, um den vorangegangenen Mord und eine Raubtat zu verdecken und so weiter und so fort. Die Tat als solche erfülle aber nicht, heißt es, die Kriterien der Definition politisch motivierte Kriminalität. Also wir sind klar, sicher, die Tat eines Rechtsextremen war dieser Dreifachmord also, aber war sie auch eine rechtsextreme Tat.
Ja, um eine Tat als politisch motiviert einzustufen, gibt es seit dem 1. Januar 2001 ein Bewertungssystem des Bundeskriminalamtes. Unterschieden werden vier verschiedene Kategorien von politisch motivierter Kriminalität. Links, rechts, ausländische Ideologie und religiöse Ideologie. Zuständig ist der polizeiliche Staatsschutz. Laut Definition des BKA sind Straftaten als rechts zu werten, wenn sie einer rechten Orientierung zuzurechnen sind. Ohne dass die Tat bereits die Außerkraftsetzung oder Abschaffung eines Elementes der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zum Ziel haben muss. Der wesentliche Kerngedanke einer rechten Ideologie ist die Annahme einer Ungleichheit oder Ungleichwertigkeit der Menschen. Das hattest du ja vorhin auch schon ausgeführt. Rechtsextrem ist eine Tat, wenn Bezüge zu völkischem Nationalismus, Rassismus, Sozialdarwinismus oder Nationalsozialismus ganz oder teilweise ursächlich für die Tatbegehung waren.
Anfang Juni 2022 beauftragt NRW-Innenminister Herbert Reul das LKA, also das Landeskriminalamt, die Tat von Overath nachträglich als rechtsmotiviertes Tötungsdelikt melden zu lassen. Im Anschluss werden im Rahmen des Projekts Tore G NRW, das steht für Todesopfer rechter Gewalt in NRW, weitere ältere Gewaltdelikte untersucht und von den 30 untersuchten Grenzfällen werden sieben plus eben der Dreifachmord von Overath nachträglich als politisch motiviert eingestuft. Das Projekt ist nicht ganz unumstritten. Opferverbände haben kritisiert, dass sie nicht ausreichend in die Auswahl und Bewertung dieser Fälle einbezogen worden sind und auch die Opfer beziehungsweise deren Angehörige nicht nochmal dazu gehört worden sind. Die Morde von Overrath gelten hier als Präzedenzfall der Neubewertung, weil diese eben bereits im Vorfeld dieses Projekts neu eingestuft wurden, nämlich am 27. April 2022, also fast 19 Jahre nach der Tat. Und seitdem gilt der Dreifachmord von Overrath offiziell als politisches, nämlich rechtsextrem motiviertes Verbrechen.
Overrath, 14. November 2023. Mehr als 20 Jahre sind vergangen, seit nahe dieser Stelle am Overrather Bahnhof drei Leben ausgelöscht wurden. Die von Mechthild Bucksteg, Hartmut Nickel und Alja Nickel. Auch heute, wie damals, ist es regnerisch, als Bürgermeister Christoph Nicodemus auf dem in Blaulicht gehüllten Bahnhofsplatz eine Gedenktafel enthüllt. Sie wurde auf einem Findling angebracht und steht unter einer Laterne auf der östlichen Seite des Platzes.
Sie soll an die Opfer dieser bis heute unbegreiflichen Tat erinnern. Erst im Juni 2022 erfolgte eine Neubewertung der Tat und der Dreifachmord wurde als rechtsextremes Tötungsdelikt eingestuft. Christoph Nicodemus erklärte, der Täter habe das Ziel verfolgt, das Rechtssystem zu schädigen und den Anwalt Hartmut Nickel stellvertretend für die Rechtsstaatlichkeit umzubringen. Der Angriff sei daher als Anschlag auf die Judikative und die Gewaltenteilung zu werten. Der Bürgermeister sprach sich für eine wehrhafte Demokratie aus, die jederzeit für Menschenwürde, das Demokratieprinzip und die Rechtsstaatlichkeit eintritt. Er betonte, dass der Dreifachmord in erster Linie nicht der Familie Nickel und Bucksteg gegolten habe, sondern der gesamten Gesellschaft. Die Gedenkstätte solle verdeutlichen, dass wir uns gemeinsam politisch motivierten Angriffen auf Menschen und auf unsere Rechtsstaatlichkeit entgegenstellen.
Bleibt nicht trotzdem ein Widerspruch bestehen? Das Urteil hat zwar eindeutig und immer wieder auf Adolfs Ideologie verwiesen und mit ihr auch die Sicherungsverwahrung im Wesentlichen begründet. Aber die Tat selbst hat das Gericht ja nicht als politisch gewertet, sondern im Grunde als Raubmord. Eingestuft wurde sie dann aber, wenn auch viele Jahre später, als Rechtsextremen. Also ich glaube, die Frage ist total berechtigt und gerade wir beide haben ja im Vorfeld sehr lange darüber diskutiert und sind am Ende eigentlich zum Schluss gekommen, das schließt sich nicht aus.
Ja, genau, also mir obliegt ja keinerlei politische Bewertung, aber zumindest schaue ich ja immer, und das ist ja bei meiner Arbeit eben mit den Menschen, die Straftaten begingen, auf all diese Facetten, die ineinander greifen. Deswegen war es mir so wichtig, das hier in dem Fall so genau auszuführen, weil jede dieser Facetten hat hier ineinander gegriffen. Und jetzt ist natürlich die Frage, was hätte der Lebensversager in diesem Fall, und man muss ihn auch so nennen, weil er sich selbst ja auch so durchaus wahrgenommen hatte, dass er ein Teil seines großen Problems in seinem Leben war, was der getan hätte ohne die Ideologie.
Und das ist natürlich schwer zu beantworten. Trotzdem würde ich sagen, dass eine Ideologie, in der er die ganze Zeit, sein ganzes Leben eigentlich war und sich wohlgefühlt hat, die immer gesagt hat, Gewalt ist okay. Du kannst deine ganze Wut, deinen ganzen Frust kannst du auf Sündenböcke wirklich projizieren und du kannst und du darfst Gewalt ausüben. Und ich erinnere nochmal an seine Großmutter, die diese wirklich im Krieg aktiven Nazis wirklich bei sich beherbergt hat und erzählt hat, dass sein sozusagen Helden, ihr eigener Sohn, SS-Offizier sei ein Held, dann die Großtante, die gesagt hat, hier nimm diese Steine und wirf die auf diese Unterkünfte von Ausländern. Ihm wurde immer gezeigt, dass diese Gewalt und auch die tödliche Gewalt gegen Menschen, die als Sündenböcke in dieser Ideologie definiert werden, in Ordnung und sogar anerkannt sei. Dass er sogar Wertschätzung dafür erfährt. Das muss man ja sehen durch die Großmutter und durch diese Großtante sieht man sehr deutlich. Das heißt, diese Wertschätzung, die er gesucht hat, die hat er schon früh mit Gewaltausüben verbunden. Das hat natürlich jede mögliche Hemmschwelle, die vielleicht in seiner Persönlichkeit es noch hätte geben können, maximal reduziert und an der Stelle musste er sozusagen nur eine Begründung finden, warum jetzt diese Menschen laut dieser Ideologie für ihn sozusagen diese Sündenböcke seien.
Jetzt muss man natürlich sagen, dass er das hier sehr subjektiv ausgelegt hat, aber schon auf der Grundlage dieser Ideologie, mit der er ja sein Leben verbracht hat. Und es ist halt interessant, dass er letztendlich diese Fantasien hatte, durch Gewalt, Aggressionen auszuagieren, mächtig zu sein, Aufmerksamkeit zu bekommen und auch sozusagen von der Welt gesehen zu werden, auch das Bedürfnis, sich zu inszenieren öffentlich als derjenige, der sozusagen jetzt diese Macht hatte. Und dass er irgendwie diese grandiose Fantasie hatte, dadurch eine Welt erschaffen zu können, sozusagen, wie er es als Kind von seiner Großmutter gelernt hat. Das war natürlich eine völlig unrealistische und grandiose Fantasie. Und trotzdem war das so tief mit seiner Motivation verknüpft, dass ich persönlich davon ausgehe, dass die mögliche letzte Tötungshemmung, die er noch in seiner Persönlichkeit gehabt haben könnte, auf jeden Fall auf Grundlage dieser Ideologie dann von ihm ausgeräumt wurde. Und er hat sich ja entschieden, drei Menschen zu töten. Und zwar aus nächster Nähe. Und da ist natürlich sehr, sehr viel Wut und Kaltgütigkeit drin. Und ganz ehrlich, daher ist die Ideologie ein wesentlicher Aspekt für überhaupt, wie gesagt, seine Entwicklung bis zu diesem Tag, wo er sich das Recht gegeben hat, sich zu sagen, dass er hier etwas Gutes tun würde. Das ist ja wirklich der Glaube. Und diese Überzeugung konnte er nur auf der Grundlage an diesem Tag dieser gesamten Ideologie für sich ja dann gewinnen.
Also ich glaube vor allem, was ich damit meinte, dass sich das nicht ausschließt, ich glaube tatsächlich, die sind... Ganz blöd gesagt da gestrandet, ohne Benzin, ohne Geld. Und er brauchte jetzt erst mal einfach nur Geld. Und ist deshalb in die Rechtsanwaltskanzlei. Hat dann Mechthild getötet. Und er sagt ja selbst, er hatte dann eine Hemmung vor der nächsten Tat. Und über diese Hemmschwelle, die du gerade genannt hast, hebt er sich im Grunde mit seiner Ideologie selbst rüber, wird dann in seiner Fantasie zum Obersturmbandführer und exekutiert die Menschen im Grunde. Und wirklich wichtig zu betonen, finde ich auch noch mal, wie gesagt, aufgrund von Arbeit mit Menschen, die sehr stark in so Fantasiewelten zu ihrer Selbstwerterhöhung abgedriftet sind, kann ich sagen, dass die typischerweise lange dann schon diese Gewaltfantasien haben, was ja dann auch die Hemmschwelle senkt, es dann zu tun. Und in seinen Gewaltfantasien, die er, glaube ich, schon gehabt haben wird, da wird diese Ideologie ja auch immer eine Rolle gespielt haben, weil in diesen Fantasien hat er ja im Rahmen der Ideologiegewalt ausagiert. Und das heißt, die Ideologie hat seine Fantasien sicherlich gefüttert und sie hat eben hier die letzte Hemmschwelle reduziert.
Und letztendlich war natürlich auch die Frage, warum geht er dorthin, um Geld zu bekommen und halt nicht, sagen wir mal, in die Bank oder irgendwo hin, wo halt Tankstelle, wo er sicherlich leichter hätte Geld bekommen können. Und dass er dann diesen Ort gewählt hat, das passte auch wieder zu seiner Grundhaltung, dass er ja eben, wie er sagte, journalistisch tätige Menschen, juristisch tätige Menschen und auch politisch tätige Menschen so sehr hasste. Und denkt nochmal daran, dass er selbst als Schüler, Chefredakteur einer Schülerzeitung war, er aber niemals ein erfolgreicher Journalist wurde. Er hat versucht, Politiker zu werden und ist gescheitert. Und da kann man natürlich auch sich fragen, wie natürlich dann diese ideologischen sozusagen System-Sündenbock-Theorien auch zu seinen eigenen Scheitererfahrungen mit vielleicht passten. Also letztendlich... Die gefährliche Mischung wäre wahrscheinlich so nicht ohne diese Ideologie an dieser Stelle überhaupt in dieser Form entstanden. Genau, also dass jemand ein Versager oder auch Spinner ist, so wie ja Thomas Adolf von vielen gesehen wurde, das bedeutet ganz offensichtlich nicht, dass er nicht brandgefährlich sein kann, ganz im Gegenteil.
Unabhängig davon, wie und warum es zu dieser Tat kam und wie das jetzt bewertet wird, Und es ist mir ganz wichtig, jetzt zum Abschluss noch mal zu betonen, den Appell, den der Overrather Bürgermeister da ausspricht, den halte ich gerade in der aktuellen Zeit für sehr wichtig. Denn dieser Dreifachmord von Overrather ist ja nur einer von vielen Fällen, die vor allem in den 1990er Jahren und in den frühen 2000er Jahren nicht als rechtsextrem erkannt und anerkannt wurden.
Es ist also wichtig, hinzuschauen, nicht wegzuschauen. Dinge klar zu benennen, das wollen und werden wir auch in diesem Podcast weiterhin machen. Danke, dass ihr alle da wart. Danke fürs Zuhören und Zuschauen. Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe. Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit. Du hast nie gelernt, dich zu artikulieren. Deine Eltern hatten niemals für dich Zeit. Arschloch, Arschloch, Arschloch. Das war Akte Rheinland, der GA-Podcast zu Kriminalfällen aus Bonn und der Region. Akte Rheinland ist eine Produktion der Generalanzeiger Bonn GmbH, Redaktion und Motivation. Anna-Maria Bekes Produktionsleitung Andreas Deik Mitarbeit Sabrina Bauer Simeon Gerlinger und andere Sprecher Daniel D.