Hallo Leute, hier ist Anna von Akte Rheinland. Wir haben große Lust, euch bald mal wiederzusehen. Wenn ihr auch Lust habt, uns zu sehen und zu hören, dann kommt doch vorbei. Am 31. Oktober gehen wir mal wieder live und besprechen mit Kriminalpsychologin Lydia Benecke einen Kriminalfall aus dem Rheinland. Diesmal im LVR Landesmuseum in Bonn. Alle Infos und den Link zu den Tickets gibt's auf ga.de slash live minus podcast. Wir freuen uns auf euch. Akte Rheinland. Ein Podcast des Bonner Generalanzeigers über wahre Verbrechen.
Sonnengelb leuchtet die Villa Hüser in der Bernhardstraße 25 in Bonn-Oberkassel zwischen den alten Bäumen hindurch. Ein Baudenkmal aus der Zeit um 1900, als reich gewordene Industrielle Bonn und das südliche Rheinland zu ihrem bevorzugten Ruhesitz erkoren hatten. Von der Terrasse schaut man über den Rhein hinüber nach Plittersdorf mit Hauskastanien. Heute residiert hier ein internationaler Finanzdienstleister in dörflicher Abgeschiedenheit. Früher, als die Villa noch Haus Bernward hieß, wurden Kinder hierher geschickt. Sie kamen zur Erholung. Aber in Wahrheit wurden sie gequält. Mutmaßlich tausende Verschickungskinder erlebten jahrzehntelang ein Martyrium. Jetzt fordern sie Aufarbeitung.
Willkommen zurück bei Akte Rheinland. Wir sprechen hier an jedem zweiten Donnerstag über Verbrechen und Kriminalfälle aus Bonn und der Umgebung.
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Allein, ohne Eltern und auch ohne Schutz. Viele von ihnen erinnern sich bis heute mit Schrecken daran. Zwei dieser Kinder waren Detlef Lichtrauter und Barbara Thielke. Mein Name ist Barbara Thielke. Ich bin im Alter von sechs Jahren nach Bonn-Oberkassel verschickt worden in das Haus Epton, Weil ich angeblich Tuberkulose hatte.
Und ja, das waren also sehr unangenehme Erlebnisse, die ich da hatte. Und darüber würde ich gerne heute reden. Mein Name ist Detlef Lichtrauter, ich bin 1961 geboren und wurde 1973 als Zwölfjähriger aufgrund der Tatsache, dass ich sehr dünn war, für die obligatorischen sechs Wochen nach Bonn-Oberkassel in das Haus Bernward verschickt. Mich hat das, was ich dort erleben musste, nie losgelassen, immer wieder eingeholt, sodass ich mich im, Im Rhythmus von 10, 15 Jahren immer wieder scheinbar unmotiviert vor dem Haus Bernward wiederfand. Entweder bin ich mit dem Auto dorthin gefahren oder habe spontan eine Motorradtour dorthin gemacht. Und die schlimmsten Erlebnisse haben mich dann eingeholt, als ich ungefähr 50 Jahre alt war. Da kamen sie wirklich albtraumhaft nahezu täglich wieder. Genau, Detlef Lichtrauter war zwölf Jahre alt, als er im Sommer 1973 ins Haus Bernward nach Bonn-Oberkassel geschickt wurde. Barbara Thielke war bei ihrer ersten Verschickung gerade mal sechs. Sie wurde insgesamt dreimal verschickt. Das erste Mal, von dem wir heute sprechen, ist 1955.
Sie war in zwei verschiedenen Heimen, in Oberkassel untergebracht, im Haus Epton und im Haus Bernward, in dem auch Detlef Lichtrauter einige Wochen verbringen musste. Das Haus Bernward, in das beide verschickt wurden, war eine imposante Villa direkt am Rhein, hier in Bonn, die damals als Kinderkurheim betrieben wurde. Doch was hinter den Mauern geschah, war alles andere als kindgerecht. Wir rekonstruieren in dieser Episode, was Detlef Lichtrauter und Barbara Thielke dort erlebt haben und warum es so lange gedauert hat, bis den beiden irgendjemand zugehört hat. Sie sind zwei von vielen Betroffenen und doch sind sie eine der wenigen, die ihre Geschichte öffentlich erzählen. Du hast ja mehrere Interviews zu diesem Thema geführt, unter anderem eben mit den beiden. Und wir werden heute Auszüge aus diesen Interviews hören.
Was ich ganz interessant fände, wäre, wenn du vorab schon mal deine Eindrücke von den Interviews und auch von deinen Interviewpartnern schildern könntest. Das war ja sicher auch für dich interessant. Sehr beeindruckend, oder? Genau so ist es. Die Menschen, also jetzt meine zwei Gesprächspartner, Partnerinnen, mit denen ich über ihr Erlebtes gesprochen habe, die haben sich ja auch schon untereinander ausgetauscht. Die teilen also ihre Erinnerungen nicht zum ersten Mal. Und dennoch ist natürlich jedes Gespräch erneut emotional. Die meisten von ihnen haben mittlerweile realisiert, welch großes Unrecht ihnen mittlerweile widerfahren ist. Und gerade Detlef Lichtrauter, mit dem ich bereits mehrere Male sprechen durfte, Der ist absoluter Experte auf dem Gebiet. Er hat sich bereits mit tausend anderen Betroffenen vernetzt und eine Initiative gegründet für die Betroffenen. Ja, da kommen wir ja später nochmal genauer drauf zu sprechen.
Detlef war damals zwölf Jahre alt, als ihn seine Eltern nach Oberkassel geschickt haben. Und zwar nicht, weil er krank war. Der war einfach nur dünn, oder? So ist es. Also er hat mir erzählt, der Hausarzt hat damals gesagt, dem Jungen würde eine Aufbaukur gut tun. und das war alles. Das reichte als Begründung, um ihn für sechs Wochen von zu Hause wegzuschicken. Bei Barbara Thielke war eine angebliche Tuberkulose, die der Arzt diagnostiziert hatte, ausschlaggebend für die Verschickung. Wie sich jedoch später herausstellte, hat sie niemals Tuberkulose gehabt als Kind. Was weiß Barbara Thielke denn noch von ihrer Ankunft in Haus Bernward in Bonn? Sie erinnert sich vor allem an ihre erste Nacht ganz besonders. Davon kann sie wohl am besten selber erzählen.
Diese strengen Regeln habe ich sofort an meinem ersten Tag im Haus Epton zu spüren bekommen. Ich bin in der Nacht aufgewacht und musste ganz dringend auf die Toilette. Und ich wusste nicht, wo die war. Ich bin aus meinem Bett aufgestanden und habe da im Flur nach einer Tür gesucht, wo die Toilette sein könnte. Und da saß eine Schwester im Flur auf einem Stuhl und die stürzte auf mich zu. Das war so eine ältere Schwester, die sagte, wo willst du hin? Und da habe ich gesagt, ich suche die Toilette, ich muss ganz, ganz dringend auf die Toilette. Sie sagte, hier geht niemand auf die Toilette in der Nacht. Und du gehst jetzt sofort wieder in dein Bett. Morgen früh kannst du zur Toilette gehen. Und da habe ich ihr noch gesagt, ich habe Angst, dass ich dann ins Bett mache, wenn ich einschlafe. Niemand geht in der Nacht auf die Toilette. Sie hat mich wieder in mein Bett gebracht und ich habe versucht, wach zu bleiben. Das ist mir aber nicht gelungen. Dann bin ich doch eingeschlafen und habe dann morgens entsetzt festgestellt, dass mein Bett nass war. Das ist mir zu Hause niemals passiert.
Und auch Detlef Lichtrauter erinnert sich an jedes Detail von seinem Aufenthalt.
Wie gesagt, die Villa war groß, sie war grau gestrichen und von innen mit schwerem Holz ausgekleidet. Er hat es als Kind als sehr einschüchternd empfunden. Und gleich bei der Ankunft hieß es, hinsetzen, Mund halten. Es gab keine Begrüßung, es gab keine Erklärung. Und den Kindern wurde von vornherein systematisch beigebracht, bloß keine Widerworte zu geben. Von wem kamen denn diese Worte, also Hinsetzen, Mundhalten? Wer hat denn diese Anweisung gegeben? Von den sogenannten Schwestern oder Tanten, manche sagen auch Nonnen, Erzieherinnen. Also das waren die Frauen, die in den Kinderheimen die Kinder beaufsichtigt haben.
Oft waren das keine ausgebildeten Erzieherinnen, sondern es waren Frauen aus dem Ort. Manchmal gab es auch Praktikantinnen, also so Absolventinnen von Erzieher, Erzieherinnen, Schulen. Und genau der Grund war, die kosteten eben die Betreiber dieser Heime wenig oder nichts. Was ist dann passiert mit den Kindern, wenn sie da angekommen waren? Dann kam das übliche Prozedere, dass alle Kinder dort durchlaufen haben. Sie mussten erst mal ihr Gepäck abgeben, ihre persönlichen Dinge wurden ihnen weggenommen, Kuscheltiere eingesammelt. Und was die Kinder dann erlebten, erfahren wir gleich genauer. Aber schon mal so viel. Barbara Thielke fasst die Erinnerungen ihrer Heimaufenthalte so zusammen. Wenn ich mich an diesen Aufenthalt erinnere, dann erinnere ich mich hauptsächlich an Durst, an die Angst zu ersticken, wenn man mich gefüttert hat und an Heimweh.
Ich hatte großes Heimweh und habe viel geweint. Ja, wir merken jetzt schon Haus Bernward, das war kein Ort der Erholung, wie es eigentlich ja hieß oder was es eigentlich sein sollte. Das war ein Ort der Kontrolle. Also wenn ich mir alleine schon vorstelle, dass meinem einen Sohn sein Kuscheltier weggenommen wird, wenn er in einer fremden Umgebung ist, das allein finde ich schon wirklich einfach nur grausam, ehrlich gesagt.
Ja, und der kleine Detlef und die kleine Barbara, das waren ja ganz sicher nicht die einzigen Kinder, die dieses Gefühl gespürt haben, dieses Kontrollgefühl und diese Ohnmacht. Wir wollen heute verstehen, wie der Alltag in Haus Bernward wirklich aussah. Felicia, was hat Detlef Lichtrauter dir dazu erzählt? Er sagt, genau wie die anderen Betroffenen, der Tagesablauf war ziemlich militärisch. Alles war durchgeplant, Aufstehen war um Punkt 6 Uhr. Es wurde nicht geweckt, sondern angeschrien. Alle Kinder mussten sofort aufstehen, sich anziehen, ihre Betten machen. Wer zu langsam war, wurde angebrüllt oder bekam einen Klaps. Frühstück gab es um sieben Uhr und ganz wichtig, in absoluter Stille. Also dabei durfte sich nicht unterhalten werden unter den Kindern. Was wurde da serviert beim Frühstück? Es gab immer das Gleiche. Entweder Graubrot, meist trocken und dazu ein dünner Kräutertee oder wie Barbara Thielke auch berichtet, Grießbrei. Mehrfach am Tag, mittags und abends. Und auch für die Kinder, die keine Laktose vertrugen beispielsweise, gab es nichts anderes. Also Laktoseintoleranz, das war damals nicht anerkannt. Und wer nicht aufaß, musste so lange sitzen bleiben, bis der Teller leer war. Einige der Betroffenen haben ja auch berichtet, wenn sie sich beispielsweise während des Essens übergeben haben, weil sie nicht mehr konnten oder weil sie das Essen nicht vertragen haben, musste auch das Erbrochene wieder aufgegessen werden.
Genau, Barbara Thielke ist eine dieser Personen, die das erlebt hat Und sie erinnert sich noch ziemlich genau an diese vollkommen traumatisierende Erfahrung, die sie da machen musste, Ich habe mindestens einmal am Tag erbrochen Weil ich das einfach nicht runterschlucken konnte Es ging nicht Und wenn ich das trotzdem schlucken musste, dann musste ich es sofort erbrechen, Und dieser Zwang, das wieder aufessen zu müssen, das war eigentlich so ziemlich das Schlimmste, was ich erlebt habe. Das habe ich nicht freiwillig gemacht, das ist wieder aufgegessen. Da musste jemand von den älteren Kindern immer zu Hilfe kommen. Die mussten meine Zöpfe an meinem Stuhl festbinden, damit der Kopf auch nach hinten zeigte. Und die Schwester hat mir das Essen dann in den Mund gestopft, und auch mein Erbrochenes in den Mund gestopft und wenn ich keine Luft mehr kriegte, dann hatte ich teilweise Angst auch zu ersticken.
Weil das ja alles in meinen Hals runter lief und ich konnte nicht mehr atmen. Und die Schwestern nahm aber keine Rücksicht darauf und stopfte alles, was da auf meinem Teller lag, rücksichtslos in mich hinein. Das waren so meine Erfahrungen mit dem Essen.
Ich habe mich vor allem vor Milchspeisen geekelt und die gab es hauptsächlich. Auch wenn ich jetzt schon mit mehreren Betroffenen gesprochen habe, habe ich jedes Mal aufs Neue das Gefühl, ich kann diese Schilderung überhaupt nicht ertragen. Ja, das kann ich total gut verstehen. Also das ist wirklich unvorstellbar. Und einen kleinen Teil davon kenne ich aus meiner eigenen Familie. Meine Mutter hat mir nämlich erzählt, dass sie tatsächlich als Kind auch immer aufessen musste beim Mittagessen. Und die musste nach der Schule dann auch so lange am Tisch sitzen bleiben, bis sie aufgegessen hatte. Und wenn sie bis, ich glaube, 15 Uhr nicht aufgegessen hatte.
Dann durfte die nicht spielen gehen. Und das war dann bei ihr auch wirklich ein Kampf jeden Tag. Und die hat das dann irgendwie immer kurz vor 15 Uhr alles runtergeschlungen, damit sie dann doch rausgehen durfte. Das war also in der Erziehung da offensichtlich noch ein relativ normaler Bestandteil. Vielleicht auch bedingt durch Eltern, die Hunger selbst im Krieg erlebt hatten. Das könnte ich mir zumindest vorstellen, dass das der Hintergrund sein könnte. Aber das, was hier passiert, geht natürlich einen ganz, ganz enormen Schritt weiter noch. Das stimmt. Und dazu kommt ja auch, dass die Kinder in einer besonderen Situation sind. Die sind nicht zu Hause, es werden Dinge gekocht, die sie eventuell tatsächlich nicht vertragen, also nicht nur nicht mögen, sondern einfach nicht essen können. Die Kinder hatten Heimweh, körperliche Symptome, Bauchweh, Übelkeit, ja auch aufgrund dieser Situation, dass sie von ihren Eltern getrennt sind. Und Barbara Thielke hat mir auch erzählt, dass die Kinder täglich Tabletten einnehmen mussten. Also sie musste immer mittags eine Tablette nehmen und das führte dazu, dass sie wahnsinnig müde geworden ist. Die Kinder standen richtig neben sich und teilweise sind die eben dann auch beim Essen über ihrem Teller eingeschlafen. Ich musste jeden Tag Medikamente nehmen.
Morgens zum Frühstück, mittags und abends nochmal. Mal. Aber ich wusste ja, dass ich angeblich krank war. Und da ist es üblich, dass man Medikamente nehmen muss. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Aber mittags kriegte ich eine Tablette. Danach war ich furchtbar müde. Was genau haben die Kinder denn da für Medikamente bekommen?
Die Kinder damals wussten nicht, was sie für Tabletten bekommen. Die Betroffenen berichten mir das so, dass die Tanten, also diese Erzieherinnen oder Aufpasserinnen nach dem Essen, nach dem Abendessen, nach dem Mittagessen, es war je nach Heim auch etwas unterschiedlich, mit einer Plastikbox rumgegangen sind, mit bunten Pillen. Und die Kinder mussten alle den Kopf in den Nacken machen und haben diese Tabletten eben schlucken müssen. Wie gesagt, niemand von ihnen wusste, was das war und die Ansage der Tanten war nur für die Ruhe.
Detlef Lichtrauter erinnert sich ebenfalls, dass die Tabletten bunt waren und dass sie sie ohne Wasser schlucken mussten, was manchmal gar nicht so einfach war. Und auch er bestätigt danach fühlte man sich schläfrig, manche sogar apathisch. Und genau, wenn die Kinder sich weigerten, dann wurde ihnen die Tablette mit Zwang eingeflößt. Aus meiner Erinnerung kann ich berichten, dass nach dem Abendessen der damalige Lebensgefährte von Dr. Müller oder eine Tante wahlweise mit einem Plastikbecher, mit einer Plastikdose durch die Reihen ging. Wir mussten den Kopf in den Nacken legen, den Mund öffnen und jeder von uns bekam eine kleine bunte Kapsel in den Rachen geworfen. Haben denn die Kinder, also haben damals Detlef oder Barbara jemals erfahren, was das für Medikamente waren? Später, also viele Jahre danach, hat zumindest Detlef Lichtrauter sich ja eingehend damit befasst, was ihm damals widerfahren ist. Und hat herausgefunden, dass es sich vermutlich um Beruhigungsmittel wie Implitol oder andere Psychopharmaka handelte. Wir wissen heute, das geht auch aus den Unterlagen, die im Bonner Stadtarchiv liegen, hervor, dass wir täglich sediert wurden. Also nochmal zusammengefasst, Detlef Lichtrauter war zwölf Jahre alt. Es gab wohlgemerkt keinerlei Diagnose, die diese Gabe von Tabletten jeden Tag gerechtfertigt hätte, geschweige denn eine Einverständniserklärung von ihm oder von seinen Eltern.
Also das ist wirklich ein massiver medizinischer Übergriff. Juristisch gesehen ist das eine gefährliche Körperverletzung. Und Detlef Lichtrauter war ja bei weitem nicht der Einzige, dem das passiert ist, oder? Nein, absolut nicht. Wie gesagt, viele ehemalige Verschickungskinder berichten exakt das Gleiche von Haus Bernward, aber auch von anderen Heimen oder Kurorten, wie es damals hieß. Das war also der Grund, die Ruhigstellung als Erziehungsmittel wurde in diesen Heimen häufig praktiziert. Und in einem offenen Brief einer ehemaligen Mitarbeiterin, der Detlef Lichtrauter auch vorliegt, da schreibt diese Mitarbeiterin eben, der Heimleiter hätte angeordnet, sedieren, sedieren, bis er im Stehen einschläft. Also so wurde damals begründet eben, dass die Kinder diese Medikamente erhalten haben. Ja, kommen wir zum Alltag der Kinder. Ich rufe nur mal ganz kurz in Erinnerung, dass das hier eine Erholungskur für die Kinder sein sollte offiziell.
Was ist tagsüber passiert während dieser Zeit? Es gab ein paar Stunden Unterricht, schildern die Betroffenen. Das nannte man dort so. Aber das war wohl kein richtiger Unterricht. Meistens mussten die Kinder leise Arbeitsblätter ausfüllen beziehungsweise alleine auf diese Arbeitsblätter starren. Es ging nicht wirklich ums Lernen, es ging vor allem ums Gehorsam. Und wer unruhig war oder redete, wurde isoliert oder bestraft. Häufig mit Schlägen beispielsweise. Was war denn eigentlich mit Kontakt zur Familie, zu Hause? Den gab es kaum. Also telefonieren war prinzipiell verboten und Briefe oder Postkarten, die die Kinder an ihre Eltern schreiben durften, wurden jedoch zensiert, berichtet sowohl Detlef Lichtrauter als auch Barbara Thielke.
Es gab ja auch während der Kur die Prozedur, dass einmal pro Woche eine Postkarte oder wahlweise ein Brief nach Hause geschrieben werden musste. Diese Post, das war in allen uns bekannten Kinderverschickungsheimen so üblich, wurde ja zensiert. Das heißt, es wurde vom Personal strikt darauf geachtet, dass keine Begriffe wie Heimweh, ich muss hier Erbrochenes aufessen, ich werde hier geschlagen. Solche Begrifflichkeiten durften ja in solchen Briefen nicht auftauchen.
Wurden sie schriftlich verfasst, wurden diese Briefe und Postkarten umgehend zerrissen und mussten nochmal geschrieben werden. Das heißt, es gab eine Postzensur. Aber in der Folge bedeutet das, dass die Informationen, die zu Hause bei den Eltern ankamen, letztlich ein völlig verfälschtes Bild der Zustände vor Ort gezeichnet haben. Bei meinem ersten Heimaufenthalt konnte ich ja noch nicht schreiben. Ich konnte zwar so ein bisschen lesen, ich konnte auch zählen, aber ich konnte keinen Brief schreiben oder sowas. Und da habe ich dann immer so ein älteres Mädchen neben mir sitzen gehabt, die dann gesagt hat, was man da draufschreiben könnte. Und wenn ich ihr gesagt habe, sie sollte schreiben, mein Vater möchte mich bitte abholen oder so, sagt sie, nein, nein, das darfst du nicht schreiben. Um Gottes Willen, da kriegst du Probleme. Du musst schreiben, es geht dir gut und du hast kein Heimweh mehr, sonst machen sich deine Eltern ja Sorgen. Ja, dann wurden da immer die gleichen Sätze draufgeschrieben, aber das entsprach in keinster Weise der Wahrheit, wie ich mich tatsächlich fühlte.
Ja, man muss das mal ganz klar so benennen. Wir sprechen hier über systematische Isolation der Kinder. Hat denn überhaupt keiner kontrolliert, was da passiert ist?
Offensichtlich nicht so richtig. Das ist auch das Bittere an der Geschichte. Viele dieser Heime wurden von freien Trägern betrieben. Die Jugendämter oder Krankenkassen haben zwar die Kinder dorthin vermittelt, auf Anordnung von beispielsweise dem Hausarzt, aber es wurde sehr selten kontrolliert, was dort eigentlich passierte. Es gab Träger, die konnten sich per Antrag von der Aufsichtspflicht befreien lassen. Das belegen Aktenfunde, ganz klar. Nach dem Jugendwohlfahrtsgesetz von 1961 waren die Landesjugendämter und somit auch die Jugendämter, die ihnen untergeordnet waren, in der Aufsichtspflicht. Leider ist das 1979 in einem Grundsatzurteil vom Bundesverfassungsgericht rückwirkend aufgehoben worden. Trotzdem müssen wir aber sagen, dass jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter zwischen 1961 und 1979 in dem Bewusstsein gearbeitet hat oder hätte arbeiten müssen, dass Kontrolle stattfinden muss. Aber schon in der ersten NRW-Kurzstudie von Prof. Marc von Mikel hat herausgefunden, dass es in einigen Jahren hier in NRW nur vier Überprüfungen von Kinderverschickungsheimen gegeben hat.
Die Kontrolle hat einfach nicht stattgefunden. Und von Seiten der Träger hat es, soweit uns bekannt ist, auch keine Kontrolle, zumindest keine umfassende Kontrolle gegeben. Und dort, wo Missstände bekannt wurden durch Elternbriefe, also wenn Verschickungskinder nach Hause kamen und haben von den schlimmen Erlebnissen erzählt und sie trafen auf Eltern, die ihnen geglaubt haben und die noch den nächsten Schritt gewagt haben, nämlich sich zu beschweren, dann haben sie oft Folgendes erlebt, dass die erste Beschwerde gar nicht wahrgenommen wurde, auf die wurde gar nicht reagiert. Man hat also wirklich versucht, von Seiten diverser angeschriebener Träger, also das konnten Krankenkassen und Wohlfahrtsverbände sein oder kirchliche Einrichtungen, das Ganze wirklich auszusitzen. Und wenn diese Eltern dann nochmal nachgehackt haben, dann haben sie wirklich standardisierte Antwortschreiben bekommen, in denen mitgeteilt wurde, dass man, also die Träger, in gutem Austausch und gutem Kontakt mit den Heimleitungen vor Ort sei. Dort sei alles in bester Ordnung und diese Geschichten, diese Horrorgeschichten würden der kindlichen Fantasie entspringen. Und damit war das Thema erledigt.
Ja, jetzt wissen wir, wie der Tagesablauf in diesem Heim aussah. Was aber nachts passierte, das ist wirklich kaum in Worte zu fassen. Felicia, Detlef Lichtrauter hat dir auch von einer ganz bestimmten Nacht erzählt.
Genau, eine Nacht, die er bis heute nicht vergessen kann und die ihn noch Jahrzehnte später in seinen Albträumen verfolgt. Für ihn ist sie zum Inbegriff des Schreckens geworden. Es war spät und die Jungen in seinem Schlafsaal im Haus Bernward lagen schon in ihren Betten und dann kam Herr Dr. Müller. Das ist der Heimleiter, ne? Genau, von dem habe ich ja auch eben schon mal gesprochen. Otto Müller, er war Arzt und Leiter des Hauses Bernward und, so schildern es viele, übereinstimmend und auch unabhängig voneinander, er war eine sehr autoritäre und jähzornige Figur.
Lichtrauter beschreibt, wie Müller spätabends im Seidenpyjama schnaufend und offensichtlich wütend durch den Schlafsaal ging und eine Prügelorgie startete. Er hatte drei, vier Jungs im Bett liegend verprügelt, hat die Decke runtergezogen und die Schlafanzughose und den nackten Hintern versohlt. Ja, was war denn passiert, dass diesen Mann so wütend gemacht hatte? Ein paar der Jungs hatten versucht, nachts auf Toilette zu gehen. Also die durften nachts nichts aufs Klo. Genau so ist es. Ab 18 Uhr gab es im Haus Bernward ein Trinkverbot und wer nachts auf Toilette musste oder Durst hatte, der hatte eben Pech. Ich merke echt, wie wütend ich werde, wenn ich mir das vorstelle. Ja, was es mit diesem Trinkverbot auf sich hatte, das lassen wir Barbara Thielke am besten selbst erzählen. Am Abend bekamen wir überhaupt nichts mehr zu trinken, damit niemand ins Bett macht. Und das war eigentlich das Schlimmste, dass ich ständig das Gefühl von Durst hatte.
Weil es war dann auch Sommer und draußen war es heiß und, Milch war nichts gegen den Durst und ich habe dann alles Mögliche versucht, unterwegs, ohne dass es jemand merkte, Wasser zu trinken. Das war eine Pfütze, das war Wasser aus dem Rhein, wenn niemand geguckt hat.
Und nachts, wenn ich aufgewacht bin und Durst hatte, dann bin ich zum Fenster gegangen. Da war so eine Rinne, wo das Wasser von der Fensterscheibe immer aufgefangen wurde. Gab es früher solche Holzrinnen auf der Holzfensterbank. Und da bin ich dann hingegangen, habe geguckt, ob im Zimmer mich niemand beobachtet. Und wenn ich das Gefühl hatte, alle schliefen, dann habe ich das Wasser aus dieser Rille da aufgelegt. Leider war sowohl das Trinkverbot als auch diese brutale und willkürliche Gewalt Normalität in diesem System. Und auch Barbara Thielke berichtet von gewalttätigen Taten ihr gegenüber. Aber da wurde diese Nonne, ich weiß nicht mehr, wie sie hieß, die wurde dann schrecklich wütend. Ich musste mein Nachthemd ausziehen, damit sie mich mit meinem Pantoffel schlagen konnte. Das waren alles so Methoden, die kannte ich noch von Haus Epton. Aber die waren offensichtlich noch weiter verbreitet.
Ich wollte mein Nachthemd gar nicht ausziehen, weil ich ganz furchtbar gefroren habe. Ich hatte hohes Fieber und das fand sie alles so provozierend von mir. Die sagte dann, wenn ich sage, du ziehst dein Nachtdämmt aus, dann machst du das und zwar sofort. Die hat mir das dann so vom Körper gerissen, mich mit meinem Pantoffel einmal durchgeprügelt und da habe ich gedacht, meine Güte, da bist du wieder an der richtigen Stelle gelandet. Die macht das genau so, wie du das schon mal kennengelernt hast. Und in meinem Zimmer war noch ein Junge.
Der auch Masern hatte. Und er sagte, du musst aufpassen, leg dich nicht mit der an. Die ist böse. Da war ich dann auch sehr, sehr vorsichtig. Diese körperlichen Züchtigungen oder ganz einfach die Prügel, die die Kinder bekommen haben, galt als Erziehungsmethode, auch noch in den 1970er-Jahren. Ja, und wenn ich das kurz einwerfen darf, leider sogar noch viel länger. Ich habe gerade erst in unserem anderen Podcast Medizin macht Moral, da könnt ihr auch gerne mal reinhören, wir posten das gerne nochmal in die Shownotes, genau über dieses Thema gesprochen. Also eine Userin hatte uns tatsächlich darauf aufmerksam gemacht, dass es bis zum Jahr 2000 in Deutschland nicht verboten war, Kinder zu schlagen. Und leider ist es wahr, das wurde erst 2000 gesetzlich so festgeschrieben, auch wenn man sich das kaum vorstellen kann.
Aber zurück ins Haus Bernward, wie ging es denn nach dieser Prügelnacht dann weiter? Naja, wie immer. Also am nächsten Morgen gab es kein Gespräch, keine Erklärung, keine Entschuldigung. Es gab einfach Frühstück und wer nicht funktionierte in diesem Heim, bekam eine Spritze. Oder wer gar in der Nacht sich ins Bett gemacht hatte, weil er nicht auf Toilette gehen konnte, bekam eine Spritze. Das war gängige Praxis. Die Kinder, die sich daneben benommen hatten oder eben die sogenannten Bettnässer, bekamen eine Indektion in den Po. Also hier im Haus Bernward wurde auch sediert und aus dem offenen Brief der ehemaligen Mitarbeiterin an den Deutschen Kinderschutzbund geht hervor, dass Dr. Müller als angstbesetzte Maßnahme Kindern destilliertes Wasser zum Teil fünf, sechs Mal in den Rücken oder den Po gespritzt hat. Er hat aber auch über Jahre Impletol, das ist ein Schmerzmittel, was früher zur Bekämpfung von Migräne eingesetzt wurde, hat er auch per Spritze Bettnässern verabreicht.
Und zusätzlich ging er bei besonders lebhaften Kindern, das geht aus diesem Brief hervor, in übertriebenem Maße mit der Spritze gegen Kinder vor und hat also auch die Tanten ermutigt und aufgefordert, diese Spritzen zu setzen. Man liest in diesem Brief, dass die Kinder nach dem Mittagsschlaf, zum Teil aber auch morgens, nur über die Flure torkelten und gar nicht mehr richtig bei Sinnen waren.
Aus anderen Einrichtungen wie zum Beispiel der Lungenheilanstalt Abrat ist uns bekannt, dass dort der Wirkstoff Thalidomid vor der Zulassung und später ja traurigen Berühmtheit in dem Schlafmittel Kontergan vor der Zulassung also schon an Kindern und Jugendlichen getestet wurde. Wir sprechen also hier von Medikamententestungen. Dazu gibt es auch eine Studie der Heine-Universität Düsseldorf, die abgeschlossen ist und im Oktober des Jahres 2025 veröffentlicht werden soll. Es hat also zum einen Medikamentenmissbrauch stattgefunden, die Pillen nach dem Essen, von denen wir eben schon sprachen. Zum anderen wurden aber auch medizinische Maßnahmen durchgeführt, wie zum Beispiel die Spritze in den Po, die völlig sinnlos waren. Also sie sollten die Kinder erniedrigen, ihnen Schmerzen zufügen und sie einschüchtern.
Also man kann es wirklich kaum fassen, wenn man das so hört. Man fragt sich, hat da niemand was gemerkt und hat da niemand mal kritisch nachgefragt? Naja, die Eltern wussten von nichts, weil der Kontakt so gering gehalten wurde und die Postkarten zensiert, wie gesagt. Die Träger wollten offenbar nichts wissen und die Kinder schwiegen. Weil sie hatten ja gelernt, wenn du redest, wird es noch schlimmer. Das Schlimmste aus meiner Sicht ist, dass die Kinder oft selbst sogar mitgemacht haben, weil man sie bewusst gegeneinander ausgespielt hat. Wie meinst du das? Die Tanten, also die Erzieherinnen, forderten die Kinder auf, andere zu verspotten. Wer ins Bett machte, wie Barbara Thielke, wurde ausgelacht. Wer weinte, wurde verhöhnt. So entstand ein System der Einschüchterung, auch unter den Kindern. Das hat auch Barbara Thielke erlebt.
Dann kam die Schwester, die für alles, für unsere ganze Versorgung zuständig war. Das war Schwester Ute. und die anderen Kinder sind schon zu ihr gelaufen und haben erzählt, die Neue hat ins Bett gemacht. Ja, sagt sie, dann müssen wir dir mal sofort zeigen, wie das mit Bettnassern hier gemacht wird. Du legst dich jetzt auf dein Bett und vorher ziehst du alles aus, was du anhast. Da habe ich meinen Schlafanzug ausziehen müssen, mich auf den Bauch legen Und die anderen Kinder, die mussten alle um das Bett herumstehen und zugucken, wie sie mich mit meinem Pantoffel verprügelt hat. Die hat richtig überall hingeschlagen, wo sie ihn getroffen hat und so lange, bis sie nicht mehr konnte. Ich habe mich total geschämt, weil ich da nackt liegen musste. Das kannte ich auch nicht. Und es hat auch weh, wie sie mich geschlagen hat. Das waren meine neuen Pantoffeln und sie hat mit der Gummisohle geschlagen und das war ziemlich schmerzhaft.
Und ich wollte ihr dann erklären, wieso ich nachts nicht zur Toilette durfte. Da sagt sie, rauszugehe, gar nicht zu erzählen. Du redest nur, wenn ich dir das Wort erteile oder wenn ich eine Frage an dich habe. Ansonsten wird hier nicht unaufgefordert geredet.
Und dann hatte ich beschlossen, von da an nichts mehr zu sagen. Das habe ich auch, soweit es ging, durchgezogen. Ich hatte Angst, dass ich irgendwann was Falsches sagen würde und dass ich wieder verprügelt wurde. Und ich hatte auch mit den anderen Kindern keinen Kontakt. Ich habe die niemals von mir aus angesprochen, wenn die mich was gefragt haben, dann habe ich geantwortet.
Aber das war hauptsächlich während der Spaziergänge, die wir machen mussten. Innerhalb des Hauses durften die Kinder nicht miteinander reden. Was man nochmal hervorheben muss, das war alles kein Einzelfall. Also das war wirklich Alltag in vielen sogenannten Erholungseinrichtungen. Ja, und uns ist wirklich bewusst, das ist wirklich sehr schwer zu ertragen, was wir hier erzählen und was vor allem die Betroffenen erzählen. Wir finden trotzdem, es muss erzählt werden und natürlich vor allem, weil die Betroffenen ja wollen, dass es erzählt wird und weil sie selbst sprechen können.
Wir kommen jetzt zu einer Form der Gewalt, über die Betroffenen noch seltener sprechen, nämlich sexualisierte Grenzüberschreitungen bis hin zu sexuellem Missbrauch. Und auch das gab es in Haus Bernward in Bonn. Felicia, kannst du uns den Moment beschreiben, als Detlef Lichtrauter dir davon erzählt hat? Kannst du dich daran noch erinnern? Ja klar, also das ganze Thema ist natürlich schambesetzt. Das Detlef Lichtrauter hat sich damit ja schon eingehend befasst und hat mir dementsprechend auch relativ gefasst davon erzählt. Was ich aber in dem Gespräch immer wieder gemerkt habe, ist so diese Unschuldigkeit des Kindes. Also, dass er mir von den Situationen erzählt und aber auch erzählt, wie er sich damals da irgendwie ein komisches Gefühl bei hatte, aber sich nicht wirklich was dabei gedacht hat. Und dass so dieses Ausmaß und was das eigentlich bedeutet, was ihm da widerfahren ist, das kam erst ganz, ganz viele Jahre später. Was hat er denn berichtet? Worum ging es genau? Es ging um die sogenannten Visiten, also um die wöchentlichen ärztlichen Untersuchungen, die durch Dr. Otto Müller angeleitet und durchgeführt wurden. Der ist ja der Leiter des Hauses und Arzt und er ist im Übrigen in den 1980er Jahren bereits verstorben.
Also ihn kann man dazu nicht mehr befragen. Was ist denn da genau passiert bei diesen Visiten? Detlef Lichtrauter erinnert sich so. Also die Kinder, meistens die Jungen, mussten sich im Flur vor dem Behandlungszimmer von dem Arzt in Reihe und Glied aufstellen und die hatten nur Unterwäsche an. Sie durften nicht miteinander sprechen, das war ja sowieso sehr häufig, also auch beim Essen, eben bei der Visite. Und sie durften sich nicht gegenseitig ansehen, sondern mussten eben hintereinander stehen und darauf warten, dass sie aufgerufen wurden. Der Ablauf war dann immer derselbe. Zuerst wurden die Jungen mit dem Stethoskop abgehört. Dann mussten sie die Zunge rausstrecken, den Rücken zeigen. Und dann kam das, was sich Detlef Lichtrauter, wie vermutlich alle dieser Jungs, gemerkt hat als ungewöhnlich und sehr unangenehm. Müller nahm mit zwei Fingern den Bund ihrer Unterhose, zog sie leicht nach vorne und schaute hinein. Und es gab dafür keinerlei medizinischen Anlass. Es wurde auch nichts dazu erklärt. Das perfide daran ist aus meiner Sicht, die Kinder haben natürlich gespürt, wie ich ja auch gesagt habe, man hat das Gefühl, da ist was falsch. Aber sie hatten keine Sprache dafür, sie wussten nicht, was ihnen da passiert. Und sie hatten natürlich auch niemandem, dem sie sich hätten anvertrauen können. Eben nicht mal ihre Eltern, weil mit denen konnten sie ja nicht sprechen.
Warum sie mit ihren Eltern nicht sprechen konnten, das hat Barbara Thielke mir nochmal ausführlich erklärt. Sag nichts!
Du weißt ganz genau, da ist dieser Arzt, der hat irgendwelche Verbindungen, der kann dich in irgendein Heim einweisen lassen, in irgendeine Psychiatrie, was er ja wahrscheinlich gemeint hat, wo du bis zu deinem Lebensende sitzt und nicht mehr rauskommst. Also diese Angst hat mich lange verfolgt. Ja, noch zwei Gedanken dazu. Zum einen ist natürlich wichtig festzustellen, dass es jetzt bei Untersuchungen, ärztlichen Untersuchungen von Kindern nicht total ungewöhnlich ist, dass da die Genitalien auch angeschaut werden. Das macht auch die Kinderärztin oder der Kinderarzt. Das muss aber natürlich erklärt werden und zwar auch einem kleinen Kind oder zumindest der oder den Beziehungsberechtigten. Und das, was hier passiert ist, ist natürlich was völlig anderes, also das ist einfach ein Übergriff und auch ja, eine Machtdemonstration irgendwo und was ich noch mal dachte, dass die Kinder überhaupt nicht miteinander sprechen durften, das hat natürlich auch System, also so haben die ja gar nicht die Möglichkeit gehabt, sich auszutauschen und vielleicht mal zu sagen, sag mal, hast du eigentlich das Gefühl, dass hier irgendwas falsch läuft? Also für die Kinder muss das wirklich ein Gefühl des komplett schutzlos ausgeliefert Seins gewesen sein.
Genau und man bezieht es ja auch dann erstmal auf sich. Also das wirkt ja noch jahrelang. Viele Jahrzehnte haben viele von ihnen gebraucht, wenn überhaupt, um zu begreifen, was passiert ist und überhaupt darüber zu sprechen. Detlef Lichtrauter hat mir dazu gesagt, dass er bis ins Erwachsenenalter nicht verstanden hat, warum er körperliche Nähe so schwer aushalten kann, warum er sich im Schwimmbad nicht gerne auszieht und dass man erstmal immer denkt, mit mir selber stimmt etwas nicht. Ich glaube und ich fürchte, das geht vielen so, denen sowas passiert. Und da muss man natürlich immer ganz klar sagen, das ist niemals die Schuld desjenigen, dem das passiert oder derjenigen, dem das passiert. Das ist sehr wichtig, den Leuten das nochmal zu sagen, dass nie sie selbst schuld sind. Was hat denn bei Detlef Lichtrauter dazu geführt, dass er gemerkt hat, dass nicht mit ihm etwas nicht stimmt, sondern dass dieses Kindheitserlebnis ihn so nachhaltig geprägt hat? Also das Gefühl, dass da was Unrechtes passiert ist, hatten glaube ich viele der betroffenen Kinder schon sehr früh. Und was dann dazu führte, dass sie richtig gemerkt haben, okay, mein Gefühl ist auch richtig, das war dann der Punkt, an dem sie anderen Betroffenen begegnet sind. Und bei Detlef Lichtrauter war es so, dass er sagt, als er rund 50 Jahre alt war, also Jahrzehnte nach seinem Aufenthalt.
Hat ihn diese Situation, in der Otto Müller diese Jungs in dem Raum verprügelt hat, noch in Albträumen verfolgt. Und diese Gedanken ließen ihn einfach nicht mehr los. Also hat er sich dem Thema angenommen und hat angefangen zu recherchieren, ist auf andere Menschen getroffen, die Ähnliches erlebt haben und hat dann, wie gesagt, diese Initiative für Betroffene gegründet. Doch dazu später nochmal ganz genau mehr. Also erstmal habe ich davor schon einen Heidenrespekt, dass er eben nicht das weggeschoben hat, was ja auch eine natürliche menschliche Reaktion erstmal ist, dass er sich wirklich dieses Themas angenommen hat und sich damit selbst auseinandergesetzt hat.
Detlef Lichtrauter, der war ja im Sommer 1973 sechs Wochen lang in Haus Bernward hier in Bonn und man kann sagen, das waren sechs Wochen voller Angst, Gewalt und Kontrolle. Du hast ihn ja glaube ich gefragt, ob er irgendeinen positiven Moment erinnert und da hat er ganz klar gesagt, nein, nicht einen einzigen. Und nach sechs Wochen war das dann einfach vorbei, oder? Genau. Die Kinder wurden dann einfach wortlos abgeholt, genauso wortlos, wie sie gekommen waren. Es gab den Koffer in die Hand oder sie sind in den Bus gebracht worden und zurück nach Hause gefahren worden. Und genau, sind dann mit dem, was sie dort erlebt hatten, erstmal allein geblieben. Hat er denn zu Hause gar nichts gesagt?
Also viele Kinder haben zu Hause überhaupt nichts erzählt. Genauso Detlef Lichtrauter. Auf die Frage seiner Eltern, wie der Aufenthalt war, hat er nur geantwortet, gut, mehr nicht. Ja, es ist wirklich schrecklich, dass er nicht darüber reden konnte und dass auch die Eltern offenbar gar nicht nachgehakt haben. Genau, die Eltern, könnte ich mir vorstellen, dass sie das nicht für möglich hielten, dass da so etwas passiert. Und damals in der Zeit, zum einen waren viele Eltern auch, glaube ich, überfordert und haben deshalb ihre Kinder auch überhaupt weggeschickt. Wenn man mehrere Kinder hatte, eine betroffene hat mir erzählt, ihre Mutter war schwanger und hatte einfach keine Kapazitäten, sich zu kümmern. Und dann ist man natürlich froh, wenn das Kind irgendwo unterkommt und versorgt wird und dann fragt man erstmal nicht nach. Und dazu kommt auch noch, dass Ärzte damals oder vielleicht auch bis heute ein sehr hohes Ansehen genießen und als unfehlbar gelten. Und diese Kuren damals als völlig gängiges Mittel und als sinnvoll erachtet wurden. Und genau, die Kinder sollten sich ja eben erholen und aufgepäppelt werden. Irgendwann hat sich Detlef Lichtrauter ja aber dann doch noch getraut, seiner Mutter etwas zu erzählen. Genau, allerdings war die Reaktion leider nicht die, die er sich gewünscht hatte. Nachdem er von dem Schrecken erzählt hat, hat die Mutter ihn nur gefragt, ach Detlef, war das denn wirklich so schlimm?
Ja, daraus spricht natürlich eine gewisse Ohnmacht der Mutter, würde ich jetzt mal zu ihren Gunsten annehmen. Und dass ich es vielleicht gar nicht genau wissen wollte, um sich nicht damit befassen zu müssen. Für ein Kind, das muss man ganz klar sagen, ist es die schlechteste Antwort, die man hätte geben können. So nach dem Motto, naja komm, so schlimm war es doch nicht und sei doch dankbar, dass du das hattest.
Was hat dir denn Detlef Lichtrauter dann über seine Zeit nach diesem Heimaufenthalt und über die Nachwirkungen dieser Zeit erzählt? Er und auch viele andere erzählen, dass sie danach neben sich gestanden haben. Barbara Thielke zum Beispiel sagt, sie hatte dort gelernt, keine Widerworte zu geben und sie hat damit beschlossen, nicht mehr zu sprechen und hat das dann auch danach so beibehalten als Kind. Lichtrauter erzählt von Schlafproblemen, von Albträumen. Und genau, aber es war so ein bisschen, niemand hat diese Symptome der Kinder in Zusammenhang mit den Verschickungen gesehen. Und vielen Betroffenen ging es dadurch einfach so, die haben sich innerlich zurückgezogen, haben vielleicht versucht, das Erlebte zu verdrängen und haben darüber Essstörungen, Angstzustände oder Depressionen entwickelt. Was man sich heute kaum vorstellen kann, ist, wieso da kein Zusammenhang hergestellt wurde. Aus den Berichten der Betroffenen geht hervor, dass den Kindern damals häufig nicht geglaubt wurde. Also Kinder hatten damals einfach, deren Aussagen wurden nicht so viel vollgenommen. Und das ist jetzt aber eine Mutmaßung meinerseits, dass ich sagen würde, die mentale Gesundheit, das ist ja erst ein Thema, was so in den letzten Jahren, ich sag jetzt mal, eine zentralere Rolle in der Gesellschaft spielt damals.
Hat man da, glaube ich, nicht so wahnsinnig drauf geachtet. Also so viel zu früher war alles besser. Das ist, glaube ich, ganz sicher nicht der Fall, was man hieran sieht. Und deshalb hat es dann wohl auch so lange gedauert, bis jemand zu sprechen angefangen hat. Genau, das passierte dann erst Jahrzehnte später, also im Fall von Lichtrauter zumindest. Und genau, meistens durch Zufall. Also man stößt auf einen Zeitungsartikel, auf einen Facebook-Post von jemandem, der auch betroffen ist und von seinen Erfahrungen berichtet und plötzlich geht einem Licht auf und man merkt, ach ja, ich war ja gar nicht das einzige Kind, was das erlebt hat und vor allem, was das auch als Unrecht empfunden hat. Lass uns mal über diese ersten lauten oder vielleicht damals noch leiseren Stimmen sprechen und darüber, wie daraus eine ganz wichtige Bewegung geworden ist. Detlef Lichtrauter hat vor ungefähr 15 Jahren, also so ungefähr 2010, mit der Recherche begonnen und ist immer wieder zum Haus Bernwardt gefahren. Es hat ihn einfach nicht losgelassen. Er stand immer wieder davor und diese Gedanken oder diese Erinnerungen, die er hatte, hat er immer wieder durch und durch gespielt.
Und dann hat er 2019 Anja Röhl kennengelernt. Wer ist Anja Röhl? Sie ist Pädagogin und Autorin und sie hat die Initiative Verschickungskinder auf Bundesebene gegründet. Zunächst erstmal online als Webseite. Sie selber war auch ein Verschickungskind. Und daraufhin, dass sie die Initiative gegründet hat, bekam sie binnen weniger Monate tausende Rückmeldungen von anderen Betroffenen, die ihr von ihren eigenen Erfahrungen berichtet haben. Und immer wieder kommen ähnliche Themen in den Erinnerungen der damaligen Kinder vor. Und zwar eben Isolation, Gewalt, Zwang, Medikamente, Beschämung und zum Teil sexuelle Übergriffe. Und dann, wie ging es weiter? Aus diesen anfänglichen Facebook-Gruppen von Betroffenen und so einzelnen Vernetzungen wurde dann eine echt große Gruppe. Mittlerweile ist Detlef Lichtrauter Landeskoordinator der Initiative Verschickungskinder in NRW. Es gibt auch in anderen Bundesländern Initiativen und es gibt eben diese bundesweite Initiative, die Anja Röhl gegründet hat. Die sind also alle miteinander vernetzt.
Und zusammen sammeln sie Berichte und sammeln Betroffenen Geschichten, sammeln Namen von Heimen, rekonstruieren eben diese Strukturen und fordern öffentliche Sichtbarkeit und Anerkennung und vor allem Aufarbeitung von diesem Thema. Also die Frage, wie es soweit kommen konnte.
Wie wurden denn diese Forderungen aufgenommen? Ich glaube, wie es immer mit so Initiativen oder Forderungen ist, Anfangsrecht verhalten. Es gab große Skepsis, also gerade Behörden, Kirchen und eben diese Träger wollten erstmal dann die Einzelfälle prüfen, wie es so schön hieß.
Und dann kamen aber eben die Zahlen, dass über 10 Millionen Kinder betroffen waren, dass es hunderte dieser Heime gab und dass eben dort immer nach dem gleichen oder einem ähnlichen Muster vorgegangen wurde. In NRW wurde 2020 eine erste Anhörung im Landtag durchgeführt und einige LandespolitikerInnen haben sich klar positioniert. Darunter Dennis Melzer von der SPD, der sagte, das darf nicht länger die private Last der Betroffenen bleiben. Also es hat nach und nach dann doch immer mehr Aufmerksamkeit erfahren.
Ein Glück, weil zehn Millionen Kinder, das ist wirklich eine unglaubliche Hausnummer. Wie ist denn heute der Stand der Aufarbeitung? Ich würde sagen, es gibt noch viel zu tun. Also es gibt immer noch kein zentrales Archiv. Die Initiative hat natürlich viele betroffenen Berichte gesammelt. Aber es gibt kein Archiv, es gibt keine Gedenkstätte an den jeweiligen Einrichtungen oder ähnliches. Das sind Dinge, die sich seitens der Initiative oder seitens der ehemaligen Verschickungskinder gewünscht werden. Und genau, es gibt aber eine Bundesstudie zu dem Thema, die jetzt Ende letzten Jahres veröffentlicht wurde. Und was da untersucht wurde, das kann Detlef Lichtrauter, glaube ich, besser zusammenfassen. Laut der jüngst vorgestellten sogenannten Bundesstudie, die von der Humboldt-Universität zu Berlin angefertigt wurde, spricht man von ca. 9,3 bis 13,6 Millionen Kindern, die ganz grob zwischen 1945.
1946 und 1989, 1990 verschickt wurden. Diese Studie der Humboldt-Universität unter der Leitung von Professor Alexander Nützennadel wurde in Auftrag gegeben von vier ehemaligen Trägerorganisationen der Deutschen Rentenversicherung, des Deutschen Roten Kreuzes, die Caritas hat sich beteiligt und die Diakonie. Und es sollten die Zusammenhänge, Verantwortlichkeiten, es sollte das ganze System der Kinderverschickung erforscht werden.
Zehn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben über zwei Jahre geforscht, haben circa 60 Archive besucht, und haben herausgefunden, dass es in ganz Deutschland knapp über 2000 sogenannte Verschickungsheime gab. Und sie haben zusammenfassend berichtet herausgefunden, dass es sich wirklich um Formen von institutionalisierter Gewalt gehandelt hat. Dass es sich oft um personelle Unterbesetzung handelte, dass das Personal oft sehr schlecht ausgebildet war, überfordert war. Das heißt permanente Verletzung der Aufsichtspflicht.
Das Thema Aufsicht wurde natürlich auch erforscht und es kam für uns wenig überraschend heraus, dass die Aufsicht viel zu selten überhaupt wahrgenommen wurde. Und wenn sie wahrgenommen wurde, wurden die Dinge, die Missstände, die aufgedeckt wurden, nicht wirklich konsequent verfolgt und hatten in den allerwenigsten Fällen wirklich spürbare Konsequenzen für die Heimbetreiber. Der Art, dass man wirklich drauf gedrungen hat und mit Vehemenz drauf gedrungen hat, dass diese Missstände abgestellt wurden. Oder dass man letztlich vielleicht sogar zum letzten Mittel, nämlich einer Schließung des Heims gegriffen hat. Das hat es nur in äußerst seltenen Fällen gegeben. Letztlich viel zu wenig. Das heißt, es ist bei der Studie ganz deutlich herausgekommen.
Wie ich vorhin schon eingangs gesagt habe, Also das ist einfach das größte Träger- und Staatsversagen der deutschen Nachkriegsgeschichte war. Detlef Lichtrauter möchte ganz klar, dass das, was er und so viele andere erleben mussten, Konsequenzen hat. Nicht durch persönliche Entschädigung, sondern eben durch Aufarbeitung. Und zwar nicht nur für sich selbst, sondern eben für alle anderen ehemaligen Verschickungskinder. Und auch für viele Kinder, die heute in Heimen leben. Die Initiative, die Detlef Lichtrauter eben mitbegründet hat, die in NRW, ist ein Zusammenschluss von Ehemaligen. Aber darüber hinaus ist sie ein kollektives Gedächtnis und eine politische Bewegung. Und vor allem soll diese Initiative und dieses Sich-Zusammentun zeigen, es sind keine Einzelfälle, sondern da steckt strukturelles Versagen hinter. Ich gehöre jetzt fünf Jahre der Initiative Verschickungskinder an und ich habe schon mit gut 1500 Betroffenen Kontakt gehabt, persönlich, per Mail, per Telefon.
Wir sind ganz froh, dass unser monatlich erscheinender Newsletter mittlerweile an über 1000 Betroffene verschickt wird. Auch die Mitgliedszahlen unseres Vereins erhöhen sich erfreulicherweise im Monatsrhythmus. Ich kann sagen, dass bundesweit gesehen ca. 15.000 betroffenen Berichte bei der Initiative Verschickungskinder mittlerweile hinterlegt sind. Was genau fordert denn die Initiative? Ich würde sagen, vor allem drei Dinge. Zum einen ist es Sichtbarkeit, also wie ich eben schon gesagt habe, Gedenkorte, Tafeln an den ehemaligen Heimen, Dokumentationen, Schulmaterialien, die eben darüber aufklären, was damals passierte. Dann zweitens die Verantwortungsübernahme der Institutionen, also dass da aufgeklärt wird, welche Rolle hatten die Behörden, welche Rolle hatten die ÄrztInnen, die Krankenkassen, die Träger und da auch, dass man sich eingesteht, was oder vor allem das etwas schiefgelaufen ist. Und die dritte Sache ist konkrete Unterstützung für die Betroffenen in Form von psychologischer Hilfe, also Beratungsstrukturen, Vernetzung, Erinnerungsarbeit, um da die Traumata auf persönlicher Ebene irgendwie weiter aufarbeiten zu können.
Einzelfälle kann man in der Regel sicherlich nicht mehr aufklären. Wir wünschen uns von den Betroffenen, Trägern, von den Menschen, die heute in Verantwortung bei den Trägern arbeiten, ein klares Bekenntnis zu den schlimmen Geschehnissen der damaligen Zeit. Wir erwarten eine Entschuldigung, aber auch wirklich eine aktive Verantwortungsübernahme, dass also die Träger heute ihre Archive öffnen, nicht nur selber gucken, welche Unterlagen gibt es noch, dass sie auch wirklich proaktiv mitarbeiten. Dieses dunkle Kapitel der Nachkriegsgeschichte aufzuarbeiten. Wir haben bereits einige Schwerpunktorte eingerichtet. Wir haben dafür gesorgt, dass zum Beispiel in Bad Sassendorf, einer der Hotspots der Kinderverschickung, die erste Erinnerungsskulptur mit einer entsprechenden Erklärtafel aufgestellt wird, dank der Unterstützung des hiesigen Ortsbürgermeisters.
Wir wünschen uns, dass dies in mehr Orten stattfindet. Mein Wunsch natürlich auch hier als jemand, der nach Bonn-Oberkassel verschickt wurde. Es hat jetzt so viele Berichte, so viele Radioberichte, Fernsehberichte über Bonn-Oberkassel, über Haus Bernward und Haus Epton gegeben, dass ich mir wünschen würde, dass die heute Verantwortlichen der Stadt Bonn auch vielleicht mal von sich aus sich dieses Themas annehmen und das Thema erforschen, vielleicht sogar auch auf uns als Verein zukommen und in Erwägung ziehen, eine Erinnerungsplakette oder vielleicht auch eine Erinnerungsskulptur, wo auch immer in Bonn oder Bonn-Oberkassel, in Gedenken an die Leiden der ehemaligen Verschickungskinder in diesem Ort aufzustellen.
In der Politik gibt es mittlerweile also kleine Fortschritte, oder? Ja, würde ich sagen. In NRW wurde 2020 ein eigenes Referat beim Sozialministerium eingerichtet, das sich um die Aufarbeitung kümmern soll. Und erstmals im neuen Koalitionsvertrag steht, wir unterstützen die Aufarbeitung der Misshandlungen von Kindern bei Kuraufenthalten zwischen 1950 und 1990 durch die Initiative Verschickungskinder. Ja, immerhin, oder? Ja, kann man so sagen. Die Betroffenen weisen aber darauf hin, dass es weiterhin keine zentrale Aufarbeitung gibt. Also eben kein bundesweites Archiv, keine wissenschaftlich geleitete Kommission wie bei anderen Themen der Nachkriegszeit und viele Träger, sowohl kirchlich als auch privat, haben bis heute keine interne Aufarbeitung begonnen. So gibt es zum Beispiel beim Landschaftsverband Rheinland, der bei Haus Bernward Fachaufsicht war und auch regelmäßig Kinder dorthin vermittelt hat, keine Unterlagen.
Ja, was bleibt, wenn keine Akten mehr da sind und wenn mutmaßliche Täter wie dieser Heimleiter damals tot sind? Und ich glaube, in erster Linie ist es dann Anerkennung für das Geschehene, die bleibt natürlich, und eben Erinnerung. Und Erinnerung ist kein Verwaltungsakt, logischerweise. Ja, ich würde sagen, den Betroffenen geht es vor allem darum, dass das, was ihnen passiert ist, ihnen zum einen geglaubt wird, dass das festgehalten wird, also nicht verloren geht. Und dass es sichtbar bleibt, um auch in Zukunft ähnliche Strukturen zu verhindern oder gar nicht erst zuzulassen. Ich würde mir wünschen, dass man davon absieht, diese Ereignisse doch noch irgendwie schön zu reden. Bevor einer einsieht, damals haben wir wirklich etwas falsch gemacht.
Und wie kann ich das wieder gut machen? Also da sind noch lange nicht alle angekommen. Und man hört immer noch viel zu oft solche Sätze wie, naja, das war damals eben so. Kinder wurden nun mal so behandelt.
Dass es damals so war, das kann ich bestätigen. Kinder hatten keine Stimme. Es hieß auch bei uns, wenn Erwachsene reden, halten Kinder den Mund. Aber Gott sei Dank ist doch da eine große Änderung eingetreten in der Gesellschaft. Man hat den Kindern auch eine Stimme gegeben. Haus Bernward ist heute ein Bürogebäude. Es gibt dort keine Tafel oder Inschrift, die an diese dunkle Vergangenheit erinnern würde. Für Detlef Lichtrauter und für Barbara Thielke und die vielen, vielen anderen Verschickungskinder sind die Orte, an denen sie die größte Angst in ihrem Leben gespürt haben, aber trotzdem noch da. Und noch heute wissen sie ganz genau, wie sie dort gesessen haben, wie es dort von innen ausgesehen hat, wo im Schlafraum ihr Bett gestanden hat, an welchen Stellen sie mit ihrem Pantoffel verprügelt worden sind. Und so etwas vergisst man einfach nicht. Ja, und deshalb ist, glaube ich, das Wichtigste für Betroffene dieses Systems, dass man hinschaut und ihnen glaubt und ihre Erinnerung und auch ihren Schmerz und ihr Leid wirklich anerkennt. Schön wäre natürlich, wenn wir mit diesem Podcast vielleicht auch wieder einen ganz kleinen Teil dazu beitragen könnten, dass eben mehr Menschen von diesem Thema erfahren und dem Wunsch der Betroffenen da ein Stückchen weiter nachgekommen werden kann. Ja, das wäre wirklich schön.
Kannst du uns zum Abschluss erzählen, wie es Detlef Lichtrauter und Barbara Thielke heute geht und was sie machen? Gerne. Detlef Lichtrauter ist verheiratet. Er ist Vater von zwei mittlerweile auch schon erwachsenen Kindern. Er war Musiklehrer und ist pensioniert. Seit 2022 ist er Landeskoordinator der Initiative Verschickungskinder in Nordrhein-Westfalen. Und er sagt, die Arbeit ist für ihn eine ganz wichtige Aufgabe. Und trotz Ruhestanz geht er da sehr gerne nach, weil er, so wie er selbst sagt, damit ein Stück wert selber Therapie macht. Und auch Barbara Thielke war Lehrerin, ist ebenfalls mittlerweile pensioniert. Und wenn man heute mit ihr spricht, merkt man einfach, sie hat diese ganze Geschichte, die sie da als Kind erleben musste, bis heute irgendwie mitgenommen und auch in ihrer Arbeit begleitet. Und sie konnte das nie so richtig loslassen und hat bis heute an den Folgen von ihren Heimaufenthalten zu knabbern. Und ich erinnere mich, dass mich das als Erwachsener noch jahrelang verfolgt hat. Ich kann zum Beispiel keine Jugendherberge betreten. Allein schon der Geruch, der dort aus der Küche kommt, das ist schlimm. Das erinnert mich sofort an irgendein Heim.
Ich bin Lehrerin gewesen. Ich habe es nicht hingekriegt, mit meinen Kindern irgendwo ins Schullandheim zu fahren. Meine Klassen haben sich schon beschwert das war.
Ja, auch die Begründung. Ich konnte dafür keine Begründung liefern. Ich konnte nicht sagen, das erinnert mich an eigene schlimme Zeiten. Meine Freundinnen verstanden das alle nicht und das hat mich immer so ein bisschen ausgegrenzt. Meine Schwester hat es auch nicht verstanden.
Im Grunde ist das für mich das erste Mal gewesen, dass ich jetzt mit Leuten zusammengekommen bin, die das Gleiche erlebt haben wie ich und die es genauso erlebt haben wie ich. Dafür bin ich sehr dankbar. Ja, und wir sind wirklich dankbar, dass die beiden uns davon erzählt haben. Es ist ja klar, dass jedes Mal, wenn man das erzählt, das auch nochmal hochkommt. Und es ist überhaupt nicht selbstverständlich, das zu teilen. Deshalb vielen, vielen Dank, dass die beiden das gemacht haben. Und dir, Felicia, vielen Dank, dass du diese Interviews geführt hast. Das war sicherlich auch nicht ganz ohne. Von daher bin ich froh, dass du da warst und uns deine Recherche mitgebracht hast. Ja, danke auch, dass ich hier sein durfte. Ich fand die Recherche wahnsinnig spannend und auch ich will mich bei den Betroffenen bedanken, dass sie mir gegenüber so wahnsinnig offen waren und dass sie auch hier bei uns im Podcast ihre Geschichte erzählt haben. Was, glaube ich, noch ganz wichtig wäre, ist, wenn jetzt selbst Betroffene gerade diesen Podcast hören oder jemanden kennen, der ebenfalls als Kind verschickt wurde. Die Initiative Verschickungskinder erreicht ihr unter der Webseite www.kinderverschickung-nrw.de und da seht ihr auch alle regionalen Gruppen und Anlaufstellen, verschiedene Veranstaltungen für Betroffene. Also schaut da auf jeden Fall mal vorbei.
Den Link posten wir natürlich auch in die Shownotes. Wir bedanken uns bei euch fürs Zuhören. Danke dir, Felicia, dass du da warst. Danke, dass ich hier sein durfte. Immer wieder gerne. Und wir überlassen heute natürlich einem der Betroffenen, nämlich Detlef Lichtrauter, das letzte Wort. Ich würde mir wünschen, dass nach so vielen Berichten, die es jetzt gegeben hat, auch die heute Verantwortlichen der Stadt Bonn.
Vielleicht auch mal Interesse daran zeigen und Initiativ werden, dieses dunkle Kapitel ihrer Stadt proaktiv aufzuarbeiten. Dass Sie sich vielleicht mit dem Gedanken beschäftigen, irgendwo eine Erinnerungsplakette anzubringen, eine Erinnerungsskulptur. Da gibt es ja verschiedene Formen. Dass Sie vielleicht an uns als Verein herantreten und mit uns kooperieren und wir gemeinsam eine Möglichkeit finden, wie man dem Leid der abertausenden verschickten Kinder dann hier aus Bonn-Oberkassel gedenken kann. Mein zweiter Wunsch wäre, dass sich vielleicht noch, das mag jetzt etwas vorwegen klingen, dass sich vielleicht noch lebende ehemalige Mitarbeiterinnen, die sogenannten Tanten des Hauses, noch mal zu Wort melden. Das wäre natürlich sehr hilfreich. Und der, ja, bekanntermaßen letzte Überlebende, mir bekannte Überlebende, der ehemalige Lebensgefährte von Dr. Müller, dass der sich nochmal zu Wort meldet und die letzten ungelösten Rätsel vielleicht entschlüsselt.
Das war Akte Rheinland, der GA-Podcast zu Kriminalfällen aus Bonn und der Region. Akte Rheinland ist eine Produktion der Generalanzeiger Bonn GmbH. Redaktion und Moderation Anna-Maria Bekes, Produktionsleitung Andreas Deick. Musik Sabrina Bauer, Simeon Gerlinger.
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