Akte Rheinland, ein Podcast des Bonner Generalanzeigers über wahre Verbrechen.
Als er in dieser Nacht aus der Spielhalle mit seinen Nachbarn nach Hause zurückkehrt, sieht er seine Kleidung und persönlichen Gegenstände überall im Hof vor dem Mehrfamilienhaus verteilt liegen. Er sagt seinen Begleitern, dass er noch eine rauchen und dann alles aufräumen werde. Seine Nachbarn bieten ihm an, die Nacht in deren Wohnung zu verbringen. Er lehnt ab. Die beiden Nachbarn gehen in ihre Wohnung im ersten Stock des Mehrfamilienhauses. Er bleibt noch etwas im Hof und betritt über eine Außentreppe den Flur im ersten Stock. Zwischen den Eingangstüren der beiden Wohnungen steht ein kleines Schuhregal. Er lässt sich darauf niedersinken.
Plötzlich öffnet sich die Tür zu seiner Wohnung. Es ist seine Freundin. Sie sieht ihn an. Sie sieht sofort, dass er getrunken hat. In ihr steigt die Angst hoch. Die Angst, dass sie in die Wohnung kommen und sie wieder schlagen könnte. So, wie es schon mal passiert ist, als er getrunken hatte. Sie läuft in die Küche. Dort greift sie ein Messer. Schwarzer Griff, 19 cm lange Klinge. Bewaffnet mit diesem Messer geht sie zurück zur Wohnungstür, öffnet diese und betritt den Flur. Dann versetzt sie ihrem Freund unvermittelt einen Stich in den rechten Brustkorb. Sie will verhindern, dass er sie wieder schlägt und sie will ihn für sein rücksichtsloses Verhalten bestrafen. Danach läuft sie zurück in ihre Wohnung, schließt die Tür und rennt in ihr Schlafzimmer. Dort setzt sie sich mit ihren beiden Töchtern aufs Bett. Das Messer lässt sie im Sitzen hinter sich fallen.
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Episode von Akte Rheinland, dem True Crime Podcast des Generalanzeiger Bonn. Wie an jedem zweiten Donnerstag sprechen wir hier auch heute wieder über einen wahren Kriminalfall aus der Region um Bonn. Mein Name ist Anna-Maria Bekes und heute wieder mit dabei ist meine Kollegin Sabrina Bauer aus der Online-Redaktion. Hallo Anna. Hi Sabrina, du hast uns heute mal wieder einen Fall mitgebracht, ne? Genau, wir sprechen in diesem Podcast ja sehr oft über Taten, die sich gegen Frauen richten, also Femizide zum Beispiel. In unserem heutigen Fall ist es allerdings eine Frau, die die Täterin ist. Und der Fall ereignet sich schon am 13. Dezember 2019 in Mechernich, das ist im Kreis Euskirchen, also erweiterte Region. Wie wir schon im Intro gehört haben, geht es um partnerschaftliche Gewalt. Eine Frau sticht nachts im Flur vor ihrer gemeinsamen Wohnung ihren Partner nieder. Wir nennen die beiden hier Anja und Daniel und wie immer der Hinweis, das sind nicht ihre echten Namen. Wie war denn das Verhältnis zwischen Anja und Daniel? Naja, zunächst einmal sehr glücklich und harmonisch. Sie wurden 2017 ein Paar, führten eine glückliche Beziehung, schmiedeten Pläne für eine gemeinsame Zukunft. Sie wollten heiraten und gemeinsam nach Polen zurückkehren. Das heißt, sie haben polnische Wurzeln. Ja, genau.
2018 wurde ihre gemeinsame Tochter geboren. Anja hatte bereits eine Tochter aus einer früheren Beziehung. Ja, das hört sich ja erstmal nach einer, ich sag mal, ganz normalen Beziehung an, wie viele andere sie auch führen, ne? Genau. Allerdings, wie bei anderen Paaren auch, gab es natürlich Probleme, die die beiden bewältigen mussten. Ihre gemeinsame Tochter kam zu früh auf die Welt und hatte gesundheitliche Probleme. Das hat die Eltern aber vor allen Dingen Anja sehr belastet. Sie hat sich permanent Sorgen um den Gesundheitszustand ihrer Tochter gemacht und musste sich natürlich auch intensiver um die Kleine kümmern, als das vielleicht bei einem gesunden Säugling der Fall gewesen wäre. Sie fühlt sich dadurch dauerhaft müde und gestresst. Okay, wie geht es denn weiter? Ja, im Spätsommer, Herbst, also im August, September 2019 ziehen sie in die Wohnung, vor der sich später auch die Tat ereignen wird. Und wie muss man sich diese Wohnsituation vorstellen, die die beiden da haben? Oder die Familie? Ja, die Wohnung befindet sich im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses mit insgesamt drei Wohnungen. Zu den beiden Wohnungen im Obergeschoss, also da, wo auch Anja und Daniel wohnen, gelangt man über eine Außentreppe. Im oberen Stockwerk angelangt liegt im Gebäudeinneren ein kleiner Flur, von dem beide Wohnungstüren abgehen. Im Erdgeschoss liegt dann die dritte Wohnung.
In unmittelbarer Nähe zu dem Haus befindet sich zudem ein kleiner Schuppen, in dem sich Daniel häufiger zurückzog und auch ein Hof, der zwischen dem Mehrfamilienhaus und dem Schuppen liegt. Ein Umzug ist ja immer mit einer Veränderung verbunden für die Familie, also für Anja und Daniel und die Kinder. Ist das ja aber nicht nur eine räumliche Veränderung, wenn ich das richtig verstanden habe? Ja, da sagst du was. Spätestens seit dem Umzug in die neue Wohnung beginnt Daniel wiederholt, Zitat, erhebliche Mengen Alkohol zu trinken. Anja war damit überhaupt nicht einverstanden, also trinkt Daniel heimlich. Er nutzt Vorwände, um die Wohnung kurz zu verlassen, bleibt dann aber länger weg und trinkt.
Auch mit den beiden Nachbarn, die in der Wohnung nebenan wohnen, ist er häufiger unterwegs, so auch in der Tatnacht. Über seinen Alkoholkonsum streiten sich Anja und Daniel dann auch immer häufiger. Also das klingt schon so nach einer ziemlich belasteten Beziehung. Also ihr geht es nicht gut, sie ist müde und gestresst, was vielleicht auch so ein bisschen eine Untertreibung sein könnte mit so einer Situation und so einer Belastung. Und er ist ja anscheinend auch irgendwie belastet, sonst fängt man ja nicht an, so viel Alkohol zu trinken. Was macht denn dieser Alkoholkonsum mit Daniel? Verändert er sich oder was passiert? Ja, anders als noch zu Beginn der Beziehung verliert Daniel immer häufiger seine Beherrschung. nicht nur wenn die beiden alleine sind, sondern auch vor Gästen, also auch vor Freunden, die zu Besuch sind. In den Gerichtsunterlagen steht dazu, dass es zu mindestens zwei bis drei Gewalttätigkeiten von Daniel gegenüber Anja gekommen sein soll. Was da genau passiert ist, wird aber nicht beschrieben, aber es gab zumindest einen Schlag in Anjas Gesicht.
Und das Schlimme ist, Gewalt in Beziehungen kennt Anja. Sie sagt vor Gericht aus, dass auch ihr Ex-Mann sie geschlagen habe. Sie bleibt aber trotzdem bei Daniel. Und es passiert ja noch mehr, ne? Ja, es gibt auch verbale Angriffe von Daniel auf Anja. Ende Oktober, Anfang November 2019, also ungefähr einen Monat vor der Tat, kommt es zu einem Vorfall, bei dem Daniel sinngemäß zu Anja sagt, die hatte so ein bisschen zugenommen, ne? Kennt man ja auch, stressige Situationen, da hat man vielleicht mit anderen Sachen zu kämpfen. Und er sagt dann, guck mal in den Spiegel, du dickes Schwein, wie du aussiehst. Und das trifft Anja sehr. Ich glaube, das muss man irgendwie gar nicht erklären, wie sehr das jemanden trifft. Das macht sie sehr traurig. Und eine Freundin bemerkt ihre Traurigkeit und ihre Niedergeschlagenheit und spricht sie direkt darauf an. Anja erzählt dann auch von dem Vorfall. Und anstatt zu erkennen, dass ihr Freund sich mit dieser Aussage so falsch und verletzend verhalten hat, nimmt sie die Schuld auf sich, sagt halt, ja, sinngemäß, das habe ich mir selber zuzuschreiben. Ich habe auch nicht auf mich geachtet. Also so nach dem Motto, du hast ja recht. Ja. Okay. Gut, also ja, das Verhalten kennt man wahrscheinlich auch. Und ich glaube, so ein Schuldgefühl oder ein Schamgefühl wird sie ja wahrscheinlich gehabt haben vielleicht, weil sie zugenommen hat. Vielleicht hat sie sich damit nicht wohlgefühlt. Und wenn dann noch so ein Spruch kommt, naja. Ich finde es auch so verletzend, das überhaupt so wiederzugeben. Das finde ich schon schlimm. Auf jeden Fall. Also das überhaupt zu jemand anderem zu sagen, egal ob es der Partner ist.
Körper werden nicht bewertet. Wie geht es denn jetzt weiter mit den beiden? Anja ist zunehmend enttäuschter von Daniels Verhalten, auch weil sie sich fast komplett alleine um die beiden Kinder kümmern muss. Also auch um die jüngere Tochter, die eben so viel Aufmerksamkeit und Fürsorge braucht. Und die auch Daniels Tochter ist. Ja, genau. Und es bleibt halt komplett an ihr hängen. Dann kommen wir mal zum Tatabend. Was passiert da? Wie kommt es dazu? Ja, da gibt es noch eine größere Vorgeschichte. Anja fürchtet nämlich an Krebs erkrankt zu sein und muss sich einer ambulanten Operation unterziehen, um eine Diagnose stellen zu können.
Nach der OP kommt sie abends nach Hause, fühlt sich aber sehr schlecht und bleibt wegen der Schmerzen und auch der Angst vor einer möglichen Erkrankung im Bett. Am nächsten Morgen geht es ihr dann aber besser. Sie verbringt den Tag mit ihren beiden Töchtern, erledigt Hausarbeiten in der Wohnung. Gegen Mittag kommt Daniel auch nach Hause. Sie essen gemeinsam und unterhalten sich über ihre Planung für die Weihnachtsfeiertage. Sie einigen sich darauf, einen Weihnachtsbaum zu kaufen, den sie auf ein kleines Schränkchen stellen wollen. Weil sie kein solches Schränkchen besitzen, geht Daniel dann zu den Nachbarn, um eins auszuleihen. Dann kommt er wieder und die beiden schauen gemeinsam fern. Also erstmal so ein harmonischer Familiennachmittagabend, sogar mit Plänen für die Weihnachtsfeiertage, klingt ja erstmal sehr, sehr positiv und auch normal. Ja, wobei man jetzt vielleicht schon mal sagen kann, ich weiß nicht, ob wir dazu noch kommen, aber für mich hört sich das, ich will da überhaupt nichts ferndiagnostizieren, kann ich auch nicht, aber für mich hört sich das an, als wäre sie da zumindest mal nah an einer Depression oder zumindest eines depressiven Zustands.
Auch jetzt durch die Sorge. Dazu ist es in den Gerichtsurteilen nicht beschrieben. Aber mindestens mal sehr stark belastet. Dann kommen wir dazu, was jetzt passiert.
Dann geraten die beiden allerdings in Streit. Daniel gibt an, dass er wegen des Schränkchens nochmal zu den Nachbarn müsse. Anja vermutet, dass das nur ein Vorwand sei, um wieder heimlich trinken zu können. Daniel wiederum wirft Anja vor, dass es ihr doch immer nur um das Geld ginge. Um diesen Vorwurf zu entkräften, greift Anja zu ihrer Geldbörse und gibt ihm das Geld für die Weihnachtseinkäufe und Teile ihres eigenen Geldes, insgesamt 200 Euro. Er nimmt das Geld und verlässt die Wohnung. Daniel trifft vor der Wohnung seine Nachbarn, die gerade zu einer Spielhalle fahren wollen, und schließt sich ihnen an.
Was macht Anja jetzt? Sie bleibt in der Wohnung und spielt mit ihren Töchtern. Und als ihre Wut langsam nachlässt, geht sie nach draußen auf den Hof zu dem Schuppen, weil sie denkt, Daniel würde sich da wieder verstecken und vielleicht was trinken, möchte sich aber da mit ihm versöhnen und ihn auch wieder zurück in die Wohnung bitten. Als sie ihn dann dort nicht findet, ruft sie ihn auf dem Handy an. Er geht dann ran und erzählt ihr, dass er mit den Nachbarn in der Spielhalle ist. Anja macht das wütend, weil er bereits bei einem vorherigen Besuch das gesamte Haushaltsgeld verzockt hat und nun befürchtet, dass er das auch mit dem Weihnachtsgeld machen wird. Außerdem geht sie davon aus, dass er sich natürlich in der Spielhalle auch betrinken wird. Ja, also ich kann auf jeden Fall nachvollziehen, dass sie da alles andere als begeistert ist, wenn die dem gerade 200 Euro in die Hand gedrückt hat.
Warum macht sie das so wütend? Warum ist sie so außer sich? Ja, sie hat so eine Art Déjà-vu. Sie kennt die Situation aus ihrer früheren Ehe. Ihr Ex-Mann, das hatten wir eben ja schon gesagt, soll ebenfalls gewalttätig gewesen sein, soll viel Alkohol getrunken und auch Geld verzockt haben. Und das hat die Familie damals in finanzielle Probleme gebracht. Bei ihr kamen dann wahrscheinlich so diese Szenarien der Vergangenheit und auch die ganzen Gefühle und Ängste hoch. Also sie hatte wahrscheinlich das Gefühl, das wiederholt sich jetzt alles wieder, ne? Ja, okay. Was macht sie jetzt zu Hause? Ja, sie betrinkt sich. Also im Prinzip sein Coping-Mechanismus. Sie trinkt alle Vorräte, die zu Hause sind, aus, unter anderem Bier und auch eine Dose Whisky-Cola. Wie viel sie trinkt, kann sie später auch nicht mehr sagen, kann auch das Gericht nicht mehr genau feststellen. Als sie aber von der Polizei in Gewahrsam genommen wird, hat sie einen Promillwert von 2,4. Okay, das ist heftig. Hat sie denn vorher auch öfter Alkohol oder irgendwas anderes konsumiert? Nee, das ist für sie ein absolut ungewöhnliches Konsumverhalten. Sie hat sonst weder Drogen noch Alkohol im Übermaß konsumiert.
Zwischen 20.43 Uhr und 20.44 Uhr versucht Anja erneut viermal Daniel zu erreichen, jedoch erfolglos. Daraufhin schickt sie ihm um 20.44 Uhr über WhatsApp eine Nachricht in polnischer Sprache. Zwischen 20.44 Uhr und 20.51 Uhr ruft Anja wieder bei Daniel an. Zweimal nimmt er den Anruf an, dreimal bleiben die Anrufe unbeantwortet. Spätestens nach diesen Anrufversuchen kommt in ihr das Gefühl auf, dass es so nicht weitergehen könne. Sie kommt zu dem Schluss, dass ihre Beziehung zu Daniel keinen Sinn mehr ergebe, weil er zu viel trinke, Geld verspiele und beide sich deswegen immer stritten. Sie findet, dass die beiden sich besser trennen sollten, anstatt sich immer weiter zu verletzen.
Anja sendet Daniel daher zwischen 20.52 Uhr und 20.53 Uhr mehrere WhatsApp-Nachrichten in polnischer Sprache. Du hast das gewählt, was du immer wolltest. Ich will dich nicht mehr sehen. Du hast alles kaputt gemacht. Um 21.15 Uhr ruft sie erneut Daniel auf seinem Handy an und auch ihren Nachbarn, mit dem Daniel unterwegs ist. Dann wählt sie zwischen 21.16 Uhr und 21.37 Uhr 31 Mal Daniels Nummer. Zweimal nimmt er ab.
Um 21.18 Uhr schickt Daniel ein Bild aus der Spielhalle. Darüber wird Anja noch wütender, weil sie ihre Vermutung darin bestätigt sieht, dass Daniel sich betrinkt, das Weihnachtsgeld verspielt und ihre Anrufe bewusst ignoriert. Anja schickt ihm deswegen um 21.32 Uhr sowie zwischen 21.54 Uhr und 22.11 Uhr folgende Nachrichten. Was treibst du jetzt? Bist du stinkig, dass ich dich störe? Du Hurenbock hast gezeigt, wozu du fähig bist. Zum wiederholten Mal. Du wolltest das, was du hast. Leb wohl, du Mistkerl. Leb wohl. Du hast es selbst dazu gebracht. Um 22.19 Uhr schickt Anja dann eine WhatsApp-Nachricht in polnischer Sprache an ihre Freundin Marta. Ich bitte für alles um Verzeihung. Schreib mich nicht ab. Die beiden Freundinnen schreiben sich anschließend mehrere Nachrichten.
Bis 22.48 Uhr versucht Anja erneut, 35 Mal ihren Freund auf dem Handy anzurufen. Aber er nimmt nicht ab. Und auch die Nummer ihres Nachbarn wählt sie 25 Mal. Da er die Nummer von Anja nicht kennt, nimmt er die Anrufe nicht entgegen. Aus Wut über Daniel packt Anja in der Nacht seine Klamotten in einen Koffer und in Tüten. Einen Teil wirft sie in den Hof, den Rest stellt sie auf die Außentreppe. Es soll ein Zeichen an ihn sein, dass sie sich so nicht von ihm behandeln lasse und ihn nicht wiedersehen wolle. Um 22.56 Uhr wählt sie ein letztes Mal Daniels Nummer.
Anschließend telefoniert Anja von 22.56 Uhr an für etwa 19 Minuten mit Marta. Während des Telefonats weint Anja, sagt aber von sich aus kaum etwas. Nur auf Martas Nachfragen erzählt sie nach und nach, was an dem Abend passiert ist. Marta versucht Anja zu beruhigen. Sie gibt ihr den Rat, nicht auf Daniel zu warten, sondern sich schlafen zu legen. Danach schreiben die beiden noch Nachrichten über WhatsApp. Martha rät ihr, sich zu ihrer Tochter ins Bett zu legen. Lege dich zu ihr und schlaft ohne Weinen und Angst ein. Weg sie in den Schlaf und sag ihr, dass du sie liebst und alles tun wirst, damit sie glücklich ist. Gute Nacht. Schlaft ruhig. Morgen rufe ich an. Okay, das alles, was wir jetzt gehört haben, um das deutlich zu machen, das stammt aus den Gerichtsakten. Also das sind im Grunde dokumentierte Nachrichten und der Verlauf dieses Abends. Das ist also im Grunde die Vorgeschichte zu der Tat, die dann sich ereignet. Was passiert denn jetzt, als Daniel schließlich aus der Spielhalle nach Hause kommt? Ja, die Situation spitzt sich zu und es kommt dann zur Eskalation.
Als Daniel gemeinsam mit seinen Nachbarn nach Hause kommt, sieht er seine Klamotten und persönlichen Gegenstände im Hof verteilt liegen. Er sagt den beiden, dass er nach draußen bleiben will, um eine zu rauchen und anschließend seine Sachen aufräumen möchte. Sie bieten Daniel an, die Nacht in ihrer Wohnung zu verbringen, aber Daniel lehnt ab. Er will zurück in die gemeinsame Wohnung mit Anja. Die beiden Nachbarn gehen in ihre Wohnung Daniel bleibt noch etwas im Hof Und geht dann über die Außentreppe nach oben Zu seiner und Anjas Wohnung, Oben angekommen Geht er aber nicht direkt in die Wohnung Sondern setzt sich auf das kleine Schuhregal im Flur, Anja hört, dass jemand im Flur vor ihrer Wohnung ist Sie öffnet die Wohnungstür Und sieht Daniel auf dem Schuhregal sitzend Er schaut in ihre Richtung.
In dem Moment kommt in Anja die Angst auf, dass Daniel in die Wohnung kommen und sie schlagen könnte, wie er es schon mal im angetrunkenen Zustand gemacht hat. In ihrer Angst läuft sie in die Küche, greift ein Messer mit einer 19 Zentimeter langen Klinge und läuft zur Wohnungstür. Dort sticht sie ihrem Freund unvermittelt in den rechten Brustkorb. Anschließend läuft sie zurück in die Wohnung, schließt die Tür und geht ins Schlafzimmer.
Daniel schleppt sich zur Tür seiner Nachbarn und klopft. Einer seiner Nachbarn öffnet die Tür. Daniel hält sich die Hand vor den rechten Brustkorb und erklärt sinngemäß, ruft den Krankenwagen, sie hat mich mit dem Messer gestochen. Dann sackt er auf dem Boden zusammen. Einer der Nachbarn wählt den Notruf. Wegen seiner mangelnden Deutschkenntnisse versteht die Leitstelle aber nicht, um welchen Notfall es sich handelt. Er rennt mit dem Handy dann zu den Nachbarn im Erdgeschoss, klingelt Sturm und hält ihnen das Handy hin, damit sie der Leitstelle erklären, was passiert ist. Der andere Nachbar kümmert sich derweil um Daniel. In dieser Zeit öffnet Anja nochmal die Wohnungstür, tritt einen Schritt in den Flur und sagt sinngemäß auf Polnisch, er ist selber schuld. Dann geht sie wieder zurück in ihre Wohnung und verschließt die Tür. Die Stichverletzung in Daniels Brust unterhalb des rechten Schlüsselbeins ist 4 cm lang. Er verliert viel Blut und befindet sich in akuter Lebensgefahr.
Ich habe ja gerade schon gesagt, das ist eben eine Dokumentation aus den Akten und das ist irgendwie eine Chronik partnerschaftlicher Gewalt, wie wir sie eigentlich ja nur selten so detailliert nacherzählen können, weil wir eben diesen Anruf- und Nachrichtenverlauf der Tatnacht vorliegen haben. Ja, ich finde, man kann halt so von Stunde zu Stunde nachverfolgen, wie sich das eben entwickelt hat, wie sie immer verzweifelter, wütender wird, auch immer mehr Nachrichten schickt und auch Anrufe tätigt. Sie wird ja wahrscheinlich auch immer betrunken. Genau. Und wir starten so bei einem ganz normalen Familienabend mit Abendessen, Fernsehen, Plänen für die Weihnachtsfeiertage, bis das dann diese Wendung nimmt und in diesem lebensgefährlichen Angriff auf den eigenen Partner ändert. Ja, vielleicht ist das eine ganz gute Gelegenheit. Da hat uns nämlich auch ein Hörer darauf hingewiesen, dass man wirklich niemals die Droge Alkohol verherrlichen sollte. Also das ist uns natürlich ganz klar. Trotzdem sagt man umgangssprachlich Drogen und Alkohol. Aber klar, Alkohol ist ein absolutes Zellgift und man sieht ja an vielen, vielen, vielen Fällen, dass Alkohol da eine Rolle spielt. Und auch hier ist es so, er trinkt, sie trinkt dann auch und irgendwie eskaliert es dann total.
Wir hören jetzt von dieser schrecklichen Tat und wie geht es jetzt direkt danach weiter? Daniel wird vom Notarzt und dem Rettungsdienst vor Ort versorgt und wird später im Krankenhaus in Euskirchen notoperiert. Er überlebt den Messerstich. Anja wird mit auf die Wache genommen. Dort wehrt sie sich heftig gegen eine Blutabnahme und verletzt dort auch eine der anwesenden Personen. Wie es ihrem Freund geht, fragt sie allerdings kein einziges Mal. Das ist echt krass. Also die eskaliert da wirklich komplett. Ja, sie sagt ja später, dass sie sich gar nicht daran erinnern kann. Also das hören wir nachher auch. Sie geht davon aus, dass sie es war, aber sie kann sich nicht daran erinnern, dass sie es getan hat. Ja, 2,4 Promille sind natürlich auch nicht nichts.
Dann kommt es etwa ein halbes Jahr später zum Prozess. Vor dem Landgericht Bonn beginnt der Prozess gegen Anja wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung im Juni 2020, also ein halbes Jahr nach der Tat. Zu dem Zeitpunkt sitzt Anja bereits mehr als sechs Monate in Untersuchungshaft, das als junge Mutter und mit keinerlei Vorstrafen, also vorher noch nie irgendwie in Erscheinung getreten. Sie ist zur Zeit der Verhandlungen 33 Jahre alt, Daniel ist 41. Was sagt sie denn jetzt selbst zu der Tat? Ja, sie räumt den, Zitat, objektiven Sachverhalt im Wesentlichen im Sinne der Tatsachenfeststellung ein. Das heißt, sie gibt zu, es getan zu haben, beziehungsweise sie geht davon aus, dass sie es getan hat. Weil es niemand anders getan haben kann. Weil es niemand anders getan haben kann. Also sie erinnert sich im Prinzip an das davor und an das danach, aber nicht an die Tat an sich.
Weiß aber, dass es niemand anders gewesen sein kann. Das gesteht sie sich schon ein. Also sie erinnert sich, wie sie Daniel im Flur habe stehen sehen und hat dann schnell die Tür geschlossen, aus Angst, er könnte sie schlagen, das, was er schon mal gemacht hat und was ihr Ex-Mann gemacht hat. Und dass sie das Messer genommen habe, daran könne sie sich aber nicht erinnern. Und auch an die ganzen Nachrichten und Anrufe hat sie keine Erinnerung. Sie gibt aber zu, dass es so aussah, dass sie das mit dem Stich gewesen sei. Sie kann sich erst wieder wirklich an den Moment erinnern, als sie im Schlafzimmer sitzt und die Polizei schon da ist. Und sie sagt aber auch, sie habe sich nicht von Daniel trennen wollen, sie liebe ihn doch. Unser Gerichtsreporter beschreibt sie allgemein während der Verhandlungen als ruhig und traurig wirkende Frau. Also wenn du mich fragst, und das ist überhaupt keine Rechtfertigung dieser Tat, es ist wirklich furchtbar, was sie tut und das hat absolut niemand verdient. Auch kein gewalttätiger Mann. Aber irgendwie kommt die mir vor wie eine komplett traumatisierte Person. Also da werden offensichtlich so viele Erinnerungen bei der Wacht, dass die nicht mehr rational handelt. Und ob die sich jetzt wirklich nicht erinnern kann, ist eben die Frage. Oder ob sie eben das Unangenehme ausblendet und wegdrückt.
Aber im Prozess gibt es ja dann eine Wendung, mit der man nicht wirklich rechnen konnte. Es ist schon fast so eine serienreife Wendung, die man vielleicht eher aus dem Nachmittagsprogramm kennt. Anja und Daniel erklären, sich versöhnt zu haben und beabsichtigen, zu heiraten. Daher sagt Daniel auch nicht mehr vor Gericht aus. Er beruft sich auf das Zeugnisverweigerungsrecht als Verlobter gemäß Strafgesetzbuch Paragraf 52 und er zieht auch seinen Nebenklageantrag zurück. Wir müssen hier vielleicht mal ganz kurz erklären, was dieses Zeugnisverweigerungsrecht genau ist. Ja, genau das sollten wir. Also von dem sogenannten Zeugnisverweigerungsrecht können die Angehörigen der oder des Beschuldigten Gebrauch machen. Das dürfen allerdings nur bestimmte Verwandte sein. Also der Verlobte, die Verlobte, Ehefrau, Ehemann. Ganz wichtig, auch noch nach der Trennung und auch nach der Scheidung. Das halte ich irgendwie ganz interessant. Der Lebensgefährte, die Lebensgefährtin. Ganz kurz, das heißt aber, die haben sich jetzt anscheinend nicht nur verlobt, damit er davon Gebrauch machen kann. Weil auch als Lebensgefährte hätte er dazu das Recht gehabt. Das ist nur zur Erklärung, weil ich das so spannend fand, dass man sogar auch dann nicht gegen seinen Ex-Mann aussagen müsste. Gut zu wissen.
Wieder was gelernt. Und außerdem zählen auch Verwandte dazu, die in gerader Linie mit einem Verwandt oder verschwägert sind. Also bei der direkten Verwandtschaft, also in der Seitenlinie bis zum dritten Grad verwandt oder bis zum zweiten Grad verschwägert. Also du musst auch gegen den Schwippschwager nicht aussagen. Genau. Trotzdem muss das Gericht natürlich ein Urteil fällen. Was sagt denn die Kammer über Anjas Einsichts- und Steuerungsfähigkeit während dieser Tat? Ja, wir haben über ihren Alkoholkonsum an dem Abend ja schon gesprochen. Das Gericht geht auch davon aus, dass ihre Steuerungsfähigkeit an dem Tatabend dadurch, Zitat, in erheblicher Weise vermindert war. Das hat aber trotzdem nichts an ihrer Einsichtsfähigkeit geändert. Also sie konnte schon noch die Bedeutung und auch die Konsequenzen ihrer Tat verstehen und erkennen. Also sie wusste, sie kann ihn damit töten. Wir hatten ja schon gehört, sie hatte zur Tatzeit einen Atemalkohol von 2,4 Promille. Und was wir vielleicht auch erwähnen sollten, auch Daniel hatte sehr viel getrunken. Also bei ihm ist es dann ein Wert von 2,36 Promille, also ungefähr ähnlich alkoholisiert. Ja, nochmal, Alkohol macht wirklich nie irgendwas besser.
Was können wir denn zu Anjas Schuldfähigkeit sagen? Ja, auch die Schuldfähigkeit war ebenfalls nicht beeinträchtigt. Es gab zwar Hinweise auf eine Affekttat, aber die reichten für das Gericht nicht aus. Wichtigster Punkt ist nämlich, dass die Verletzungen, die Daniel Anja zugefügt hat, also körperlich und seelisch, was wir gesagt haben, also die Schläge zum Beispiel oder der Schlag und auch diese seelischen Verletzungen, diese Beleidigungen zu ihrer Körperfülle, die stehen eben nicht in unmittelbarem zeitlichem Zusammenhang mit der Tat. Also anders wäre es gewesen, wenn diese verbalen und körperlichen Angriffe unmittelbar in diesem Abend stattgefunden hätten, also kurz vor dem Angriff. Das heißt, wenn er sie zum Beispiel geschlagen hätte oder eben sowas Demütigendes zu ihr gesagt hätte in diesem Moment. Dann wäre das eher für eine Affekttat, also hätte er eher für diese Affekttat gesprochen. Wie bewertet das Gericht dann die Tat und wie sieht das Strafmaß aus? Für sie handelte Anja mit bedingtem Tötungsvorsatz. Das bedeutet, dass sie in Kauf nahm, Daniel durch diese Attacke zu töten.
Für Totschlag wird insgesamt eine Freiheitsstrafe von 5 bis zu 15 Jahren verhängt, für minderschwere Fälle 1 bis 10 Jahre. Okay, und welche Umstände haben sich dann strafmildernd ausgewirkt in Ihrem Fall? Ja, verschiedene Punkte. Zum einen, dass sie selbst keine Vorstrafen hatte, dass sie geständig war und glaubhaft Reue gezeigt hat, dass sie sich beim Opfer entschuldigt hat und dass sie zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlungen auch schon bereits sechs Monate in U-Haft verbracht hat, also auch schon eine Längezeit in der Haftbar. Und auch ihr eigener Gesundheitszustand unter ihrer jüngsten Tochter sowie die Spannung innerhalb der Beziehung werden ebenfalls dazu gezählt. Okay, also das schon. Das wird alles berücksichtigt. Und aufgrund dieser Punkte geht das Gericht insgesamt von einem minderschweren Fall des Totschlags aus. Und außerdem bleibt es bei dem Versuch, also Daniel hat das überlebt. Und auch für den Tatbestand der gefährlichen Körperverletzungen gibt es schließlich eine Abmilderung. Wie lautet dann das Urteil? Anja wird am 23. Juni 2020 wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Die Verteidigung hatte davor noch eine Strafe auf Bewährung gefordert. Der vorsitzende Richter hat damals gesagt, Mitleidsentscheidungen sind nicht richtig, auch wenn es eine sehr große Tragik in diesem ganzen Fall gäbe.
Trotzdem war das Leben von Daniel in Gefahr, was man hier auch nicht außer Acht lassen darf. Der Richter gibt den beiden dann aber für ihre Zukunft und vor allem ihre Hochzeitspläne noch mit auf den Weg. Wir wünschen ihnen, dass sie das schaffen. Und das fand ich ganz eindringlich. Das hat unser Gerichtssupporter geschrieben, dass Anja und Daniel sich nach der Urteilsverkündung wortlos im Foyer des Bonner Landgerichts im Arm liegen. Also man kann denen wirklich nur das Beste wünschen und dass sie das hinkriegen. Ich habe ja eben gesagt, Alkohol hilft eigentlich nie. Was aber helfen würde oder geholfen hätte in dem Fall oder vielleicht ja auch geholfen hat, ist Therapie, glaube ich. Also mindestens mal für Anja, weil ich glaube, die war da wirklich in einem absoluten Ausnahmezustand, was nichts entschuldigt und jetzt auch nicht rechtfertigt. Aber sie hatte offensichtlich gedacht, das ist jetzt die Lösung für ihr Problem in diesem Moment. Deshalb hätte ich eigentlich tatsächlich auch erwartet, dass es vielleicht eine Affekttat ist.
Aber da muss man wirklich sagen, da dürfte es doch wirklich andere Lösungen geben, sich aus so einer Beziehung zu befreien. Was sie aber gar nicht wollte. Das ist ja das Komische. Irgendwie wollen die ja in dieser wirklich nicht guten Dynamik beide bleiben. Ja, aber auch für ihn noch. Also eigentlich müssten, wir können es ja nicht, es ist nur Empfehlung, aber das liegt so nahe, dass man denkt, wenn man doch mit mehr Reden und mehr Therapie viele Dinge besser machen könnte. Ja, weil bei ihm wird es ja auch wie so eine Art Flucht. Also auch da ist natürlich überhaupt nicht gut zu heißen, was er gemacht hat, um Gottes Willen. Weder die Gewalt noch diese ekligen Bemerkungen. Aber auch da ist ja nicht die Lösung, wenn ich mich in der Beziehung offensichtlich nicht wohlfühle, dann in Schuppen zu gehen und zu saufen oder in die Spielhalle. Ja, weil mir was verboten wird, das dann trotzdem heimlich zu tun und zu wissen, dass ich meiner Partnerin damit ja auch irgendwo wehtue, ist es manchmal schlimm, was sich Menschen gegenseitig antun. Statt sich einfach zu trennen.
Denn das wäre ja vielleicht eine schöne Lösung gewesen für die beiden. Oder an sich zu arbeiten. Also gemeinsam an sich zu arbeiten. Genau, wenn sie sich dafür entscheiden, diese Beziehung doch weiterzuführen, dann wäre da sicherlich Arbeit nötig. Aber es wäre ja schön, wenn die beiden das geschafft haben. Das wünschen wir ihnen natürlich sehr. Anja dürfte ja inzwischen ihre Strafe abgesessen haben. Und wir sind damit auch am Ende unserer heutigen Episode von Akte Rheinland angelangt. Wie immer an der Stelle die Bitte an euch. Abonniert gerne unseren Podcast, teilt ihn und gebt uns bitte eine Fünf-Sterne-Bewertung bei Spotify und bei Apple Podcasts. Ja, vielen Dank dafür und auch fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal. Tschüss. Tschüss.
Das war Akte Rheinland, der GA-Podcast zu Kriminalfällen aus Bonn und der Region. Akte Rheinland ist eine Produktion der Generalanzeiger Bonn GmbH. Redaktion und Moderation Anna-Maria Bekes Produktionsleitung Andreas Deick Mitarbeit Sabrina Bauer Simeon Gerlinger und andere Sprecher Daniel Dähling Martin Busch.
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