Music.

Kall, 17. Januar 2012, 12.30 Uhr. Sie stehen im Keller. Ich brauche die Kohle, sagt Marco. Jens solle sich was einfallen lassen, sonst werde er sich das Geld bei dessen Vater besorgen. Jens sieht rot. Feierabend, denkt er und es ist genug. Er sieht nur noch einen Ausweg. Marco muss weg, endgültig. Er entsichert die Jagdflinte und hebt sie mit beiden Händen an. Marco, der anderthalb Meter entfernt auf dem Podest im Treppenbereich steht, sieht ihn an. Und Jens drückt ab.

Hallo zurück bei Akte Rheinland. Wir waren ja beim letzten Mal ganz gemein und haben euch mit einem Cliffhanger zurückgelassen. Unsere Episode wäre sonst wirklich viel zu lang geworden. Deshalb haben wir sie zweigeteilt. Und jetzt kommt also Teil 2 von unserem Eifelmord. Und damit sind wir jetzt zurück am Tattag, dem 17. Januar 2012. Was wäre denn jetzt aus deiner Sicht das, was passieren müsste? Also Marco liegt tot am Boden, Jens steht mit der Flinte daneben. Sein Vater hat beobachtet, wie er ihm den zweiten Schuss verpasst hat. Ja, ich würde mal sagen, dann wäre es vielleicht mal an der Zeit, die Polizei zu rufen. Aber so wie du aussiehst, passiert das nicht? Nein. Also die offenbar ja guten Kontakte zur örtlichen Polizei, die werden diesmal nicht genutzt. Stattdessen verlässt erstmal Jens Vater die Werkstatthalle. Der geht jetzt einfach. Und Jens zieht den toten Marco an den Füßen über den Hallenboden ins Kellergeschoss zu den Öltanks, deckt den Leichnam mit einer Decke und einer Motorhaube ab und lässt ihn da einfach liegen. Die Jagdflinte legt er in einen Karton und versteckt diesen und kurz vor 13 Uhr, man muss jetzt dazu sagen, in der Werkstatt ist gerade Mittagspause. 12 bis 13 Uhr ist die Werkstatt immer zu, Tor verschlossen.

Kurz vor 13 Uhr lässt er dann Wasser die Treppe zum Keller runterlaufen und schrubbt Blut und Gewebe mit Besen und Abzieher in die Entwässerungsrinne. Also der macht den ganzen Dreck weg. Und dann kommt ein Geselle, der einen Teil der Werkstatt gepachtet hat um 13.05 Uhr aus der Mittagspause wieder und steht vor dem verschlossenen Werkstor.

Jens ruft ihm dann zu, er hätte keinen Schlüssel, das stimmt natürlich nicht, und er soll doch noch eben Fahnen und Schleifpapier besorgen. Der Mann fährt daraufhin nochmal weg, kauft Schleifpapier, trinkt noch einen Kaffee und als er zurückkommt, sieht er noch Spuren einer rötlichen Flüssigkeit auf dem Boden und er fragt Jens, ob er Sauerei gehabt hätte. Okay, das klingt jetzt so nach der Szene, die wir eingangs gehört haben. Ja gut, diese Sauerei, die hat Jens dann wohl wortwörtlich gehabt, aber der Zeuge ahnt dann vermutlich nicht, warum oder wie es dazu kam. Nee, also dieser Mann ist vermutlich einer der wenigen in diesem Konstrukt, das wir gleich sehen werden, der nicht weiß, was passiert ist und der nicht in irgendeiner Weise selbst da verstrickt ist. Er glaubt vermutlich, dass die rote Flüssigkeit Bremsmittel oder ähnliches ist. Jens ruft dann ab 13.38 Uhr mehrfach auf Markus' Handy an und schickt ihm SMS, ja, um vorzutäuschen, dass er nicht weiß, wo dieser ist. Er erzählt außerdem seiner eigenen Frau und Markus' Frau. Er hätte sich mit diesem gestritten, ihm dann 20 Euro gegeben und Marco sei weggegangen. Also die große Frage, die ich mir jetzt so ein bisschen stelle, inwiefern da jetzt ein Plan hinter steckt hinter dieser ganzen Tat. Aber das, was er dann ja dort vorgibt...

Wäre ja kein unrealistisches Szenario in dem Sinne. Nee, das stimmt.

Übrigens wird eine Sache nie aufgeklärt. Annette, Markus' Frau, die meldet ihn nämlich erst zwei Tage später als vermisst. Und die gibt auch einen falschen Zeitpunkt für sein Verschwinden an.

Warum kann nie geklärt werden? Die Bild-Zeitung schreibt damals, im Dorf hätte es geheißen, dass Jens und Annette ein Verhältnis hatten. Also Jens und Markus' Frau. Okay, ich sehe schon, unsere TV-Soap geht weiter. Das stimmt, aber ich konnte für dieses Gerücht wirklich keinerlei Belege finden. Fest steht, Annette behauptet, Marco hätte am 18. Januar um 8 Uhr morgens ohne Angabe von Gründen oder eines Ziels die eheliche Wohnung zu Fuß verlassen und sei nie mehr zurückgekehrt. Also zu einem Zeitpunkt, als Marco schon längst tot war. Warum Annette das sagt und ob sie es vielleicht sogar auf Betreiben von Jens macht, das wird nie geklärt. Okay, Marco ist jetzt tot. Wie geht es dann danach weiter? Ja, ziemlich wild. Denn natürlich wird Marco durchaus vermisst von seiner Schwester und von weiteren Familienmitgliedern. Die rufen immer wieder an, die kommen auch unangekündigt bei Jens und auch auf dem Hof der Werkstatt vorbei. Die setzen da auch Leute unter Druck und suchen da wirklich sehr massiv nach ihrem Verwandten. Und schließlich dringen sie auch in den Keller ein, in dem Marcos Leiche liegt. Und finden die dort oder nicht? Nee, es klingt unglaublich, aber die finden die Leiche nicht, weil Jens das Licht nicht einschaltet und vorgibt, es wäre defekt. Die können also nur mit Handylampen, Taschenlampen suchen und die sehen einfach diese Leiche nicht, die da liegt.

Ja, das klingt ja schon nach, ich sag jetzt mal aus Tätersicht, nach fast unverschämtem Glück. Und ich würde auch aus Tätersicht mal sagen, die Leiche, die muss ja jetzt irgendwie da weg, die muss verschwinden, oder? Ja, das sieht auch der echte Täter so. Also Jens, der hat ja sowieso schon Riesenglück gehabt, dass niemand bisher die Leiche entdeckt hat. Die liegt also, als Marcos Familie da auftaucht, schon drei Tage da.

Jens schaltet jetzt erstmal wieder seinen alten Bekannten ein, Josef. Du erinnerst dich, der Karate-Kämpfer. Der hatte ihm ja Hilfe angeboten. Ob Josef sich das jetzt so vorgestellt hat mit der Hilfe, das wage ich zu bezweifeln. Auf jeden Fall fordert Jens die Hilfe jetzt ein. Um 16.16 Uhr, das ist noch am Tattag, am 17. Januar, schickt der Josef eine SMS und bittet ihn, vorbeizukommen. Er zeigt ihm die Spuren und die zugedeckte Leiche und erzählt ihm, dass er Marco erschossen hat. Er berichtet auch, dass sein Vater dazugekommen sei und gerufen habe, dann bring es zu Ende. Ist also nochmal ein bisschen eine andere Qualität, als zu sagen, der lebt ja noch. Er hat ihm tatsächlich, so sagt Jens es jetzt, aufgefordert, es zu Ende zu bringen. Jens holt dann den Karton mit der Waffe aus einer Kellerecke und erklärt Josef, diese Flinte, die müsse weg. Er bittet den Bekannten, die Waffe durchzuflexen und erklärt noch, er wolle die Leiche verschwinden lassen. Und er benötige eine Uzi, wenn die Verwandten von Marco das rauskriegen würden, also das er ihnen umgebracht hat. Josef zerteilt zu Hause die Jagdflinte mit seinem Winkelschleifer in mehrere Teile und wirft sie knapp 15 Kilometer entfernt in den Ruhrsee. Diese Teile werden übrigens nie gefunden.

Das klingt alles überaus abenteuerlich. Die Tatwaffe hat er nun also entsorgt und was passiert mit der Leiche? Ja, die liegt weiter im Keller. Wir haben ja gerade schon gehört, die liegt da also wirklich einige Tage und das ist echt ziemlich riskant, denn natürlich gibt Marcos Familie keine Ruhe. Als Josef ein paar Tage später nochmal vorbeikommt, sagt Jens ihm, er habe, Zitat, die ganze Sippschaft da und der müsse weg, also der tote Marco. Josef weigert sich aber, bei der Entsorgung der Leiche zu helfen, er packe den nicht an. Also das ist ihm dann doch zu viel.

Jens sucht am 19. oder 20. Januar einen weiteren Bekannten, wir nennen den jetzt mal Paul, auf und fragt ihn, ob er einen Anhänger bei ihm unterstellen könnte. Er berichtet, Paul, er habe, Zitat, richtig Scheiße an der Backe. Er habe jemanden, der bewaffnet gewesen sei, im Keller der Werkstatt des Autohauses umgebracht. Die Person, die bezeichnet er zumindest zunächst nicht weiter. Diese Person hätte ihn unter Druck gesetzt, wenn er ihr nicht gebe, was sie wolle, werde die Person zu seiner Frau gehen und seine Familie platt machen. Dann wäre die Person auf ihn, also Jens, losgegangen. Er und das Opfer hätten ihre Waffen gezogen und Jens, der sei eben schneller gewesen, habe das Opfer in die linke Seite getroffen, dieses sei nach oben gelaufen und neben der Grube zusammengebrochen. Ich erzähle das jetzt nochmal, um wirklich diesen Tatverlauf nochmal deutlich zu machen. So erzählt er das jetzt eben Paul. Das Opfer habe dann auf dem Bauch neben der Grube liegend geröchelt und da habe Jens nochmal auf ihn geschossen. Dabei zeigt Jens, während er das Paul so erklärt, mit einem mit beiden Händen geführten imaginären Gegenstand zum Boden und sagt, das Gesicht des Opfers wäre danach weg gewesen. Also ich sage jetzt mal so, an Pauls Stelle hätte ich, glaube ich, viele Fragen und hätte mich auch gefragt, warum da zwei plötzlich ihre Waffe ziehen, die man eben mal so rumträgt. Ich glaube, das ist selbst in der Eifel nicht üblich. Und die ganze Geschichte, die klingt aber auch schon so, als hätte er sie ganz schön doll ausgeschmückt. Ja, das Gefühl habe ich auch. Und Paul weiß auch nicht, ob er Jens jetzt diese Geschichte glauben soll. Offenbar hat Jens schon mal öfter...

Etwas wildere Geschichten erzählt. Jens kündigt ihm jetzt jedenfalls an, er werde demnächst einen Anhänger bei ihm unterstellen. Er sagt übrigens nicht, dass darauf dann eine Leiche liegen soll. Ob Paul sich das jetzt irgendwie herleiten kann, ist die andere Frage. Das liegt ja wahrscheinlich ein bisschen auf der Hand, aber Paul weiß eben auch nicht ganz genau, ob er das da glauben soll, was ihm erzählt wird. Erstmal passiert das aber nicht, also dass der Anhänger da abgestellt wird. Jens weiht jetzt erst mal seine Ehefrau, also Claudia, ein und erzählt ihr, dass er Marco getötet hat und dass dessen Leiche im Keller der Werkstatt liegt.

Und wie geht es dann weiter? Schmückt er die Geschichte da auch wieder so aus, wie wir es eben gehört haben? Ja, sagen wir mal so, in diesem Fall lässt er sich selbst ein bisschen besser dastehen, finde ich. Er sagt, Marco hätte ihm diese Antriebswelle, die er in der Hand hielt, auf den Kopf schlagen und ihn umbringen wollen. Gut, das ist natürlich auch wirklich ein schweres Teil. Damit kann man wahrscheinlich jemanden umbringen. Und dann sei ein Schuss aus dem Gewehr losgegangen. Also das hört sich dann so ein bisschen so an, als wollte er gar nicht schießen und das wäre eben passiert. Und der zweite Schuss, der sei dann losgegangen, als sein Vater gekommen und die Tür laut zugeknallt sei. Die Geschichte verändert sich also immer mal wieder ein bisschen. Ja, wir hören offenbar schon eine nächste Version. Wie reagiert denn Claudia darauf und wie geht es weiter? Ja, der Kreis der Mitwisserinnen und Mitwisser wird immer größer. Claudia ruft nun, mittlerweile ist der 22. Januar Jens' Ex-Freundin Sandra an und bittet sie, vorbeizukommen. Jens müsse mit ihr reden. Auch Sandra erzählt Jens jetzt, dass er seinen besten Freund umgebracht habe, von dem er bedroht und erpresst worden sei. Und er fragt sie, ob sie helfen könne, die Leiche zu beseitigen. Jetzt muss man gerade mal dazu sagen, Sandra ist die, mit der Jens mal eine Affäre hatte. Schon während der Beziehung mit Claudia. Und die sagt jetzt auf die Frage, ob sie die Leiche mit beseitigt, einfach ja? Also so unfassbar das klingt, ja. Sandra ist geschockt, aber sie stimmt zu und dann gehen die zu dritt in den Keller und tragen Markus Leiche in die im Kellergeschoss gelegene Garage, wickeln die da in Planen ein.

Befestigen die mit Spanngurten und Jens nimmt bei dieser Gelegenheit übrigens noch Markus Portemonnaie aus dessen Hosentasche und guckt nach, ob da Bargeld drin ist. ist aber keins drin. Die zwei Frauen und Jens heben jetzt die Leiche auf den Anhänger, den sich Jens zuvor von seinem Cousin ausgeliehen hat. Und diesen Anhänger hängt Jens dann an sein Auto und stellt ihn auf einem Platz irgendwo in Sötenich ab. Währenddessen putzen Claudia und Sandra die Werkstatt und den Keller mit Reinigungsmitteln und Benzin, bis wirklich keinerlei Blutspuren mehr zu sehen sind. Sandra fährt kurz nach Mitternacht nach Hause und wirft das Portemonnaie und Kleidungsstücke von Claudia, die wahrscheinlich dreckig geworden sind, in einen Altkleider-Container. Das klingt alles wirklich unglaublich. Und der Anhänger mit dem toten Marco drauf steht einfach irgendwo drauf. Jens setzt den Anhänger in den folgenden Tagen mindestens zweimal um innerhalb von Sötenich und stellt ihn schließlich am 25. Januar in einer Garage eines Ferienhauses in Kall ab, dessen Besitzer nicht da ist. Das spricht er mit einem weiteren Bekannten ab und behauptet demgegenüber, auf dem Anhänger befände sich Schmuggelware.

Am 30. Januar wird aber der Besitzer dieses Ferienhauses zurückerwartet und deshalb muss Jens den Anhänger am 29. Januar wieder wegschaffen und jetzt platziert ihr den erstmal auf dem Gelände des Autohauses. Okay, das klingt wirklich wild. Wie kann ich mir das jetzt vorstellen? Diese Leiche wird da munter durch die Eifel gefahren. Das kann doch nicht alles einfach unbemerkt bleiben, oder? Also ich gebe dir total recht, ich finde es auch einfach wirklich nur unfassbar. Aber das liegt natürlich daran, dass Jens offenbar über ein richtiges Netz an Komplizinnen und Komplizen verfügt, die ihn decken und ihm helfen und das offenbar auch nicht hinterfragen. Also er sagt ja sogar den meisten davon, ich habe hier einen umgebracht, hilf mir und die helfen. Ja gut, aber es wird doch irgendwie polizeiliche Ermittlungen gegeben haben oder irgendwas. Du hast ja auch gesagt, dass die Familie von Marco da keine Ruhe gegeben hat. Das stimmt, die Familie sucht natürlich weiter. Am 25. Januar, also eine gute Woche nach der Tat, erscheint eine Vermisstenanzeige für Marco im Wochenspiegel. Das ist so ein Anzeigenblatt. Außerdem verteilen die Verwandten von Marco überall Handzettel und die sind übrigens unter Mithilfe von Jens auf dessen Computer erstellt worden. Also da gibt es wohl dann schon noch eine Verbindung und er tut tatsächlich auch so, als würde der da bei der Suche mithelfen. Okay, und was ist mit der Polizei?

Die kommt, zumindest soweit ich das recherchieren konnte, eigentlich nur ins Spiel, als Marcos Familienmitglieder bei Jens aufkreuzen und da Randale machen, weil sie ihren Verwandten suchen. Also es scheint da schon ein gewisses Misstrauen und einen Verdacht Jens gegenüber zu geben seitens der Familie. Aber ob es wirklich intensive polizeiliche Ermittlungen zu diesem Zeitpunkt gibt, darüber ist mir zumindest nichts bekannt. Und ich würde es tatsächlich auch eher bezweifeln, denn Marco ist nun mal auch ein erwachsener Mann, der natürlich erstmal hingehen kann, wo er will. Also die Vermutung liegt nahe, dass die Polizei da jetzt nicht ganz intensive Anstrengungen unternommen hat, um ihn zu finden. Wie sich das noch entwickelt hätte, wenn das alles länger gegangen wäre, das wissen wir natürlich nicht. Jetzt kommt es also dazu, dass Jens den Anhänger und somit die Leiche wieder bei sich stehen hat. Und das kann natürlich nicht so bleiben. Was heißt das? Also sucht er jetzt nach einem weiteren Bekannten, der ihm hilft? Ja genau, also er versucht es zumindest. Er kennt nämlich einen Mann, der als Baggerfahrer in einer Deponie für Bauschutt und Erdaushebungen arbeitet. Den bittet er, bei ihm Bauschutt abladen zu dürfen, den er aus finanziellen Gründen nicht auf die Deponie bringen will. Also der will da ein paar Euro sparen und fragt ihn dann, kann ich den Bauschutt bei dir loswerden? Weil dieser Baggerfahrer ist im Dorf dafür bekannt, dass er das schon manchmal macht. Der weiht den allerdings nicht ein. Also er sagt ihm nicht, hier übrigens in Wirklichkeit bringe ich dir da eine Leiche. Der Baggerfahrer und Jens treffen sich dann am Morgen des 30. Januar um 6 Uhr und Jens lädt seinen sogenannten Bauschutt ab.

Hürth, 30. Januar 2012, 8 Uhr morgens. Der Baggerfahrer wundert sich. Das scheint doch ziemlich wenig Bauschutt zu sein, für die Jens 50 Kilometer weit fährt, um die paar Euro für die Entsorgung zu sparen. Trotzdem beginnt er, das Material mit seinem Radlader aufzuschieben. Nachdem er einen Teil bereits aufgeschoben hat, bemerkt er eine Plane und Spanngurte, was ihm ungewöhnlich erscheint. Er zieht die Plane etwas zur Seite und entdeckt plötzlich die Beine eines Menschen darunter. Sofort versucht er, Jens und dessen Frau zu erreichen. Als Jens ihn endlich zurückruft, fordert er ihn auf, die Scheiße sofort wieder abzuholen. Jens bittet ihn, das einfach einzuschieben, er werde ihm später alles erklären. Der Baggerfahrer lehnt ab, er wolle damit nichts zu tun haben. Jens fährt wieder nach Hürth, wo er gegen 8.50 Uhr ankommt. Er wird erwartet, von Polizeibeamten, die der Baggerfahrer alarmiert hat.

Okay, nach dem, was wir da jetzt gehört haben, war es das jetzt für Jens, oder? Ja, also man kann sagen, die Mauer des Schweigens in der Eifel, die ist damit gebrochen. Du hast ja eben schon gesagt, du kommst selber aus der Voreifel, kennst das also so ein bisschen. Ich behaupte ja auch immer, ich komme vom Dorf. Ich stelle dann aber immer wieder fest, so eine relativ unbedeutende Kleinstadt im Oberbergischen ist vielleicht noch nicht ganz so dörflich, wie ich immer gedacht habe. Sowas kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Was sagst du denn dazu, dass das passieren kann? wenn das quasi gefühlt das halbe Dorf so einen Täter deckt. Der hatte ja mindestens sechs Mitwisser und teilweise auch Mittäter. Ja, das klingt für mich schon sehr außergewöhnlich. Und da würde ich mich auch wirklich schützend vor die Eifel stellen, die ich sehr, sehr liebe und die Menschen dort ebenfalls. Ich glaube schon, dass es dort ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl gibt, dass man füreinander einsteht und dass man füreinander da ist. Aber nach allem, was ich da jetzt so höre, klingt mir das eher nach einem Täterumfeld, dass sich da in irgendeiner Form solidarisch zeigt. Und für mich persönlich hat das jetzt auch nichts mit der Eifel selbst zu tun. Kann man keine Rückschlüsse ziehen, meinst du? Ja, ich denke mal so, dass diese dörflichen Strukturen dann natürlich irgendwo eine Rolle spielen können. Aber das hat jetzt nichts speziell mit der Eifel an sich zu tun. Also das kann überall passieren, wo es so kleine Dorfgemeinschaften gibt? Gehe ich jetzt mal davon aus.

Ich kann nur für mich sprechen. Und bei uns war das jetzt nicht gang und gäbe, dass man irgendeinem Täter dabei hilft, eine Leiche verschwinden zu lassen. Vielleicht hätte dich auch nur keiner gefragt. Das stimmt, bislang noch nicht. Was ich mich natürlich gefragt habe, wie würde man eigentlich selbst handeln in so einer Situation? Also wir nehmen mal an, dein bester Freund begeht ein Verbrechen. Du bist aber überzeugt, dass er vielleicht gar nicht anders handeln konnte, dass er im Recht war oder dass der andere es vielleicht nicht besser verdient hat. Denn das scheint ja auch ein bisschen in Marcos Fall so gewesen zu sein. Der war ja dann nicht sehr beliebt und vielleicht haben ihm auch nicht viele hinterher getrauert. Was machen wir in so einem Fall? Puh, also ich finde es wirklich schwierig, mich da hineinzuversetzen. Ich glaube, wenn man da wirklich in der Situation drin ist, dass der beste Freund ist, glaube ich persönlich würde immer dazu raten, zur Polizei zu gehen. Und am Ende will man sich auch selber nicht strafbar machen. Ein Stück weit kann man vielleicht, wenn auch nicht irgendwie wirklich verstehen, aber zumindest irgendwie rational nachvollziehen, dass man aus einer Freundschaft heraus vielleicht falsche Entscheidungen trifft. Formulieren wir es mal so. Wir machen dazu auch mal wieder eine Umfrage bei Spotify. Auch wenn man sich sicherlich nicht in diese Situation reinversetzen kann und ganz klar sagen muss, im Normalfall gibt es keine Rechtfertigung für so ein Verbrechen und auch nicht dafür dabei zu helfen, es zu vertuschen.

Ja, und bei diesem Fall ist es aber auch irgendwie ja gar nichts normal. Scheint mir vor allem auch, dass so viele der Menschen, die hier eine Rolle gespielt haben, über die wir geredet haben, danach dann tatsächlich bei einer TV-Doku mitwirken, also ganz offen mit Journalisten gesprochen haben. Ja, da gebe ich dir recht. Wobei wir selbst ja auch immer wieder die Erfahrung machen, dass Menschen oft durchaus sprechen wollen. Oft sind es gerade die Opfer oder Angehörigen der Opfer von Verbrechen, die darüber sprechen möchten, die auch selber eine Stimme haben möchten. Und natürlich möchten wir denen auch gerne eine Stimme geben. Was aber in diesem Fall passiert ist, das ist schon wirklich ungewöhnlich. Und das ist vor allem der Hartnäckigkeit und auch dem Einfühlungsvermögen zu verdanken, dass Katharina Google, die Macherin dieser Doku, an den Tag gelegt hat. Ich habe mit ihr darüber gesprochen und da hören wir jetzt mal rein. Ein Hinweis, die Namen, die sie hier natürlich ausspricht, die haben wir gepiepst. Das mag albern klingen, weil ihr den Namen natürlich seht und hört, wenn ihr euch die Doku selbst anschaut, was wir euch dringend empfehlen wollen. Aber wir wollen uns da treu bleiben, insbesondere weil viele derjenigen, die in diesem Fall eine Rolle spielen, ja noch in dem Ort leben.

Weshalb ich gerne mit Ihnen sprechen wollte, ich habe natürlich die Doku gesehen. Ich war echt beeindruckt. Also ich habe selten eine Doku gesehen, vor allem im deutschsprachigen Raum, die so nah dran war. Das kennt man eigentlich, finde ich, gar nicht hier. Ich zumindest kannte es nicht. Und deshalb ist das so das, was mich eigentlich am meisten interessiert. Aber vorab vielleicht die Frage, Sie sind ja gar nicht unbedingt immer mit Kriminalfällen befasst. Können Sie vielleicht ganz grundsätzlich erzählen, was Sie machen und was Ihre Spezialgebiete sind. Ja, also ich bin seit 1994, arbeite ich für den WDR als feste Freie und habe da relativ schnell angefangen, die längeren Formate zu machen. Das war hier und heute und ganz stark menschenhautnah. Das war wirklich fast von Anfang an, dass mich dieses Format so interessiert hat, weil Porträts von Menschen, ihre Motive, was sie tun, was das für Folgen hat, das interessiert mich in jeglichem Lebensbereich. Also das ist eine ganz dicke Bandbreite an Geschichten und da gab es aber auch immer mal wieder Kriminalfälle dazwischen.

Und ich denke, dieser Fall in Sötenich, der hat uns in vielerlei Hinsicht geschult, an den Rand der Möglichkeiten gebracht, für spätere Projekte nochmal gestärkt. Also das war auch in unserem Lebenslauf vom Ulf Eberle und mir echt ein Meilenstein. Diese Geschichte, wo wir zuerst dachten, wir können gar nichts reißen, außer dass wir die Schwester hatten, die das sehr wollte, über diese ganze verfahrene Situation, dieses Schweigen des Vaters.

Und so, dass wir da irgendwie weiterkommen. Sie hat nicht mehr gewusst, wie sie weiterkommen soll. Die war sehr offen und sagte aber auch gleichzeitig, sie weiß nicht, ob sich noch weitere Türen öffnen werden. Weil das Dorf ja mittlerweile auch sehr verschlossen war und dazu eigentlich nichts mehr sagen wollte. Die wurden ja eigentlich mit abgestempelt durch diese Geschichte. Wie ist es Ihnen denn dann gelungen, diese vielen Türen doch noch zu öffnen? Das ist ja wirklich erstaunlich, wie viele Leute da dann doch so offen mit Ihnen gesprochen haben, vor der Kamera.

Ja, also das hat sehr viel Zeit gebraucht. Der Vorfall war ja 2012 und ich glaube, wir haben so ein halbes, dreiviertel Jahr später dieses Thema übernommen. Und 2015 wurde der Film gesendet. Also wir blieben über zwei Jahre an der Geschichte dran und haben dazwischen auch gedacht, das wird doch nichts. Wer sehr gut war, waren auch jeweils die Anwälte. Das muss man auch sagen. Also die waren auch interessiert daran, dass der Fall noch mal eine andere Durchleuchtung bekommt als nur bei Bild und Express und in der Lokalpresse. Das hatte nicht die Tiefe, die vielleicht dieser Fall doch auch geboten hat. Und die haben uns auch geholfen, mit Türen zu öffnen und wirklich Beharrlichkeit, Beharrlichkeit. Also ich weiß nicht, wie oft ich bei dem Vater vor der Tür stand, zum Angeln hingegangen bin. Und der wollte gar nichts mit uns zu tun haben. Mit dem Fall, mit seinem Sohn, mit der Presse komplett abgeschlossen. Und das war der härteste Knochen. Wobei wir eben auch gemerkt haben, dass der so eine Schlüsselposition hat. Also mein Kollege Ulf Eberle, der hat auch zwischendurch gesagt, das lohnt sich doch.

Auch finanziell überhaupt nicht mehr. Und da bin ich, da ticke ich aber ganz anders. Also wenn ich das Gefühl habe, das ist eine lohnenswerte Geschichte, dann rechne ich nichts auf. Keine Stunde, die ich da irgendwie zu viel dran gehängt habe, sondern ich wusste einfach, das ist eine außergewöhnliche Geschichte, an der man aber auch ganz viel zeigen kann, durch die man vielleicht sehr viel lernt. Ich habe jetzt gerade eben nochmal über Facebook geguckt, was *** so macht und schreibt. Und die hat zum Beispiel geschrieben, ein Kind ist wie ein Schmetterling im Wind. Manche fliegen höher als andere, aber alle fliegen so gut sie können. Sie sollten nicht um die Wette fliegen. Jeder ist anders, jeder ist speziell, jeder ist wunderschön. Und wirkt damit für einen Verein Kinderseelenschützer gemeinsam gegen Kindesmisshandlung. Und dieses Muster, was sich da aufgetan hat, dass also Dinge sich wiederholen.

Ein Kind wird von einem dominanten Vater ständig unter Druck gesetzt. Er ist nicht gut genug. Das hat ja auch die *** als Schwester total gemerkt. Und dann trifft er auf einen Menschen, der wieder so dominant ist und der ihn wieder irgendwie so in die Enge treibt. Und dann versucht er sich daraus zu befreien. Und am Ende hat der Vater ja irgendwie doch auch wieder was damit zu tun, weil er ganz zum Schluss die Tatort-Szene betritt. Und so hat es *** erzählt. gesagt hat, was machst du hier? Und er sich so verloren und einsam gefühlt hat, und vielleicht demonstrieren wollte, du fandst den Vogel sowieso immer total komisch und hast gesagt, ich soll das schaffen, mich von dem zu befreien und jetzt zeige ich dir, dass ich das kann. So hat es auch der Anwalt irgendwie dechiffriert. Und das sind ja so psychologische Muster, die total interessant sind.

Die ganz oft in unterschiedlichsten Facetten auftauchen. Und das ist letztendlich das, was mich an der journalistischen Arbeit am meisten interessiert. Diese Muster zu entdecken und uns haben auch sehr viele Leute nach dem Film darauf angesprochen und haben sich so diese Gedanken gemacht und dafür macht man es ja dann, dass beim Zuschauer sich irgendwas bewegt und der anders vielleicht über jemand anderen nachdenkt, über sein eigenes Leben nachdenkt, vielleicht darüber nachdenkt, wie schmal der gerade sein kann zwischen legalem und illegalem Leben, was das alles so bewirken kann.

Und dass vielleicht auch jeder zum Täter werden kann, denn der *** ist ja nun nicht der klassische Mensch, dem man sowas zugetraut hätte, ganz platt gesagt. Ja, natürlich. Ich glaube sehr wohl, dass man ein gewisses Trauma braucht, um zu so einer Tat fähig zu sein. Also Menschen, die in einer relativ glücklichen Kindheit groß geworden sind und dadurch so ein Selbstbewusstsein bekommen haben und so eine innere Gelassenheit und Ruhe. Das ist äußerst schwer vorstellbar, dass sich Menschen zu sowas hinreißen lassen. Es sei denn wirklich, die müssen jemand anderen beschützen, ein Kind beschützen und das wird bedroht oder so. Die kommen in so eine Ausnahmesituation. Aber da ist was passiert beim *** schon in der Kindheit angelegt, was das letztendlich dann möglich gemacht hat. Obwohl er so ein feiner Kerl ist und so hat der was mit sich rumgeschleppt. Und das wurde ja anscheinend auch nie thematisiert und besprochen. Also der hat immer nur gedacht, der muss das alleine mit sich ausmachen.

Das ist ja sowas, was sich auch so durchzieht, dieses Schweigen und Verschweigen. Ja, Schweigen und Verschweigen, das zieht sich total durch. Und das ist ja auch eine Struktur, ein Muster, was man in so vielen Familien hat. Also das ist uns bei späteren Filmen und früheren Filmen auch schon öfter begegnet. Wer nicht redet miteinander, das ist fatal, kann fatal werden. Was ist denn Ihre persönliche Einschätzung, wenn wir bei einem Schweigen gerade sind? Denn das betrifft ja auch das Dorf. Wie kann das sein, dass ein ganzes Dorf wissentlich, ja, oder ein ganzes Dorf, aber im Grunde kann man es so sagen? Es sind mindestens sechs Mitwisser gewesen. Ja, das haben wir uns natürlich auch gefragt und sind ja aber letztendlich dann auch immer noch auf Leute gestoßen, die das gar nicht ausgeschlossen haben. Da vielleicht doch auch irgendwie...

Um mitzuhelfen. Also diese beiden Nachbarn, die sich nicht dafür verbirgen konnten, wäre der jetzt zu mir gekommen. Der Werkstattmitarbeiter, der dann der Freund wurde von der ***, der auch gesagt hat, oh Gott, ey, wenn da die Werkstatttür offen gestanden hätte und ich hätte es gesehen, die ganze Szenerie, ja, was hätte ich gemacht? Ich hätte ja der *** in die Scheiße geritten. Und das ist wahrscheinlich schon ein Muster auf dem Land, Dass so Dorfgemeinschaften vieles auch unter den Deckel kehren oder unter eine Decke kehren. Also ich bin selber auf dem Dorf groß geworden und da gab es immer irgendwelche komischen, kruden Geschichten von Familien auf Bauernhöfen, irgendwelche Verwandten, die nicht gezeigt wurden, sondern irgendwo in einem Zimmer vor sich hin hausten und nie irgendwie, aus irgendeinem Grund, nie der Dorfgemeinschaft präsentiert wurden. Also dieses komische Systemdorf, das gibiert irgendwie was. Das hat auch ganz tolle Seiten, das haben die ja auch gesagt. Sehr lustig finde ich wirklich, wie die A***** sagt irgendwie so, ja, die Eifel hilft sich, da versteht man doch was anderes drunter. Voll wahr, ja. Ich schlepp dir die Steine oder ich helfe dir beim Haus am Streichern, aber dass man irgendwie mithilft, eine Leiche zu vertuschen, das ist doch nicht damit gemeint.

Aber dass die Facetten sind viel und die Bandbreite ist breit, das doch irgendwie so als, ja, also du sitzt jetzt so richtig in der Scheiße. Ich helfe dir da jetzt dabei. Er hat ja, und das glaube ich ihm sofort, er hat ja gar nicht drum bitten müssen. Ich habe eine Frage gestellt, was mache ich da jetzt? Und dann haben die gesagt, kein Problem, ich helfe dir. Und je mehr wir in dieses Dorf da eingetaucht sind, umso mehr habe ich es eigentlich auch begriffen. Wie das funktioniert. Verstehen ist eine andere Sache. Man kann es eigentlich nicht verstehen, aber begreifen, wie so eins zum anderen reicht. Und er ist ja in seiner Art ein sehr liebenswürdiger Mensch, dieser ***. Ja, der hat ja auch was ganz Jungenhaftes noch behalten. Und wenn dann da so einer so steht, die Schultern zuckt und sagt, ich habe eine Leiche im Keller.

Was war ich denn da jetzt? Dass man dann aus dem allen, man hat den Aufwachsen sehen, man hat zusammen gegrillt, hat ein Fässchen getrunken und so weiter. Und jetzt sagt der, sie hat eine Leiche im Keller. Ja, dass man da jetzt nicht der Erste ist, der die 112 wählt, ist dann anscheinend denkbar. Ja, und das haben ja wirklich auch noch andere bestätigt. Dieser, ja, einerseits Zusammenhalt, aber dann eben auch im Schlechten. Ja, im Guten und in schlechten Zeiten. Ja, so nach dem Motto, dass man auf Gedeih und Verderb einander gebunden ist. Nicht nur als Familie, sondern als ganze Dorfgemeinschaft. Und vielleicht auch, das erinnert mich auch immer an den Fall Lolita Brieger, der ja auch in der Eifel spielt sozusagen. Das sind ja auch die Menschen, die wissen ja, ich komme hier nicht raus. Und da lebt ja tatsächlich dann auch heute noch dieser nachgewiesenermaßen Täter, der die Lolita Brieger umgebracht hat. Und nur weil er als Totschlag war, konnte der nicht mehr verurteilt werden, weil es verjetzt ist. Und der lebt da in diesem Dorf weiter.

Ja, das ist eigentlich ein super gutes Beispiel. auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert. Die hätte es vielleicht auch leichter gehabt, wenn die da weggegangen wäre. Das Autohaus ist irgendwie völlig eingebrochen. Die hat total viele anonyme Anrufe bekommen und so. Und sie ist da geblieben. Der Vater, gut, der ist wesentlich älter, der aber auch beklagt hat, heute gönnt sich keiner dem anderen mehr was. Früher waren die Zeiten viel besser. Aber hier im Dorf wird veräugt auch nur noch jeder den anderen. Der ist dem aber auch ausgeliefert und geht da nicht weg. Also ich glaube, vielleicht spielen auch Hügel noch eine Rolle.

Also in hügeligen Landschaften ist sowas irgendwie mehr vorstellbar, als wo so eine Weite ist, wo man weit gucken kann. Also ich glaube, dass das Eingeschlossene im Bergigen und so, dass das vielleicht auch noch was damit zu tun hat. Wie war das denn insgesamt? Wie nah lässt man denn solche Gespräche und so eine Recherche auch an dich ran? Nimmt man das mit oder wie ist das bei Ihnen? Also ich kann mich nicht mehr so 100 Prozent an meine emotionalen Zustände erinnern. Ich glaube, dass da schon immer wieder das Professionelle gesiegt hat, dass ich so wusste, ich bin die Journalistin und ich arbeite es auf und ich... Ich lasse das nicht so an mich rankommen. Ich glaube, dass ich da eigentlich immer wieder hinkommen kann, ohne an Empathie oder so zu verlieren. Aber es gibt schon immer so einen Punkt, wo ich auch weiß, ich muss Distanz halten. Ich muss bei den Fragen Distanz halten. Ich muss insgesamt in der Haltung zu den Protagonisten eine gewisse professionelle Distanz halten. Das habe ich eigentlich immer gemacht, aber trotzdem mache ich mir da wahnsinnig viel Gedanken drüber und versuche eben sehr viel irgendwie daraus zu lernen und diese Strukturen. Also wir haben uns wahnsinnig viel Gedanken gemacht über den Aufbau dieses Films.

Den haben wir ganz oft umgestellt und wollten das schlüssigste Konzept haben, wo man als Zuschauer irgendwie am meisten mitgeht. Natürlich spielt auch Spannung eine Rolle und so, aber um dieses Komplexe, es waren ja dann doch relativ viele Leute daran beteiligt. Dann auch die Schwester des Opfers, das war auch nicht so einfach, die zu bekommen, weil die sowieso kein einfaches Leben hat. Übrigens fand ich das auch sehr interessant, diese beiden Schwestern, Schwester vom Täter, Schwester vom Opfer, die beide im Film zu haben, zu gucken irgendwie, wie verhalten die sich, für wen war es und ist es jetzt eigentlich schlimmer? Ich habe gar keinen Unterschied gemerkt.

Also die Täter, Schwester hat auch so gelitten, dass ihr Bruder weg war und hat so danach gefragt und gebohrt irgendwie, was war da und wie ist das? Das fand ich eine Riesenleistung von dieser ***, muss man wirklich sagen. Also die hat da kein Schweigen drüber ausgebreitet, sondern wollte wissen, wie ist das alles passiert? Wie kam ihr Bruder dazu? Die hat sich auch ganz im Gegensatz zum Vater, der sein Bild da schnell hatte, hat die sich da nie schlecht geäußert über den ***, obwohl die denn ja auch total viel mitbekommen hat. Hat die sich da total zurückgehalten und wollte das einfach wissen, wie ist das passiert. Und also beide Geschwisterpaare haben in ganz unterschiedlicher Art und Weise eine schwierige Kindheit erlebt. Die einen im vermeintlich...

Bürgerlichen Milieu, da auf dem Dorf, irgendwie Autowerkstatt und so weiter. Und trotzdem kann sowas wahnsinnig brutal sein.

Und die anderen in diesem Volk der Jenischen, in diesem fahrenden Volk der Jenischen, da hat damals die Schwester auch natürlich noch viel ausführlicher erzählt, was das bedeutet hat, da aufzuwachsen. Man ist nie bei den leiblichen Eltern, sondern wird da so durchgereicht durch diese wahnsinnig große Großfamilie. Und von Anfang an werden die Kinder irgendwie ganz hart herangenommen, mit viel Gewalt groß geworden, rutschen auch ganz schnell ins kriminelle Milieu rein und da irgendwelche Waffen zu benutzen, was zu klauen, Leute zu bedrohen und so weiter. Das haben die schon in ganz jungen Jahren gelernt. Und also gerade auch die Schwester, der hat sich alles gesträubt, so leben zu müssen. Und es ist eigentlich eine sehr besondere Frau gewesen, die Schwester, muss ich echt sagen. Also die hat mich auch sehr überrascht. Und da natürlich denkt man noch total viel drüber nach, wenn man so ein Gespräch geführt hat. Ja, also wie kommt es dann doch, dass die sich da doch am eigenen Schopf auch wieder so ein bisschen rausziehen können und diesen Mut haben, zum Beispiel auch bei so einem Film mitzumachen. Das bedeutet ja schon irgendwie so ein Stück innere Stärke wieder zu haben. Da waren viel Psychologisches, was mich wahnsinnig interessiert hat.

Ja, das kann ich gut verstehen. Also gerade diese beiden Schwestern, die sind irgendwie der Dreh- und Angelpunkt für mich. Auch wenn der Vater natürlich eine wichtige Rolle spielt, das ist klar. Aber diese Schwestern, beide haben einen Bruder und beide kommen, genau wie Sie gesagt haben, aus so schwierigen Verhältnissen auf die eine oder andere Art. Und trotzdem haben die das offenbar innerlich geschafft, sich dem zu widersetzen. Also, dass diese *** gar nicht in diesem Modus drin ist, dass die so, also ich finde es wahnsinnig mutig, in so einer Gesellschaft sich so dahin und da auch noch trotzdem drin zu bleiben. Es ist ja nicht so, als wäre sie jetzt nach Köln gezogen und hätte von da aus dann erklärt, wie die Welt läuft. Nein, die sitzt da mittendrin. Also, fand ich wahnsinnig beeindruckend. Ja, die ist also so ein alternativ denkender Mensch. Die ist aus einer langen Tour von Sri Lanka. Die hat Yoga, findet die irgendwie interessant. Die hat ganz andere Sachen zugelassen in ihr Leben, reingelassen in ihr Leben. Tierschutz, also die engagiert sich für verschiedene Sachen. Das ist wirklich eine sehr ungewöhnliche Frau. Was sehr wichtig ist und das war uns dann bei den paar Kriminalfällen, die wir hatten, immer wichtig, dass man auch irgendwie die Seite des Opfers bekommt. Die Berichterstattung ist sehr häufig so, dass man sich so mit dem Täter auseinandersetzt.

Und es gibt ein Opfer, das dann irgendwie geschädigt ist, tot ist, wie auch immer. Aber die Angehörigen der Opfer, die kommen in der Berichterstattung häufig zu kurz. Leider, ja. Aber ich habe das Gefühl, diejenigen, die dann mit uns oder dann eben auch mit ihnen sprechen, die nehmen da immer was Positives mit. Immer. Deshalb ist es so schade. Ja, auf jeden Fall. Man muss dann aber noch mal sagen, dass 2018, als der *** nach Hause kam, hat diese Familie noch mal so rebelliert, die Opferfamilie. Also die das irgendwie auch in ihrer Gemeinschaft nicht anders gelernt haben, die sind dann wieder aufgetaucht und haben versucht, den irgendwie zu stellen und haben da ein unheimliches Bedrohungsszenario gemacht, Weil die halt finden, dass er letztendlich, also es ist ein Kuschelknast in Deutschland, ja. Und jetzt wird er auch noch zum Schluss rausgelassen. Das haben die überhaupt nicht nachvollziehen können. Also es ist schon auch eine sehr hohe Gemeinschaft, die Angst verbreiten kann und so. Ob die Schwester da mit dabei war, weiß ich gar nicht. Aber das habe ich auf jeden Fall noch mitbekommen. Ich glaube, der Anwalt, der hat das dann noch erzählt. Der hat gesagt, da wäre nochmal was los gewesen, auch mit Platzverweisen und so weiter. weil die haben so richtig rebelliert.

Das fand ich übrigens auch total interessant, dass der Anwalt sagte, dass der ***, als er ihn das erste Mal getroffen hat, geweint hat. Wie bei einer Beziehungstat, also wie wenn ein Mann seine Frau umbringt und die aber eigentlich immer noch geliebt hat und so, dass er das noch nie erlebt hat zwischen Freunden. Die waren ja nicht verwandt miteinander. Und das fand ich auch irgendwie nochmal so schlimm auch für den, dass der irgendwie auch so wahnsinnig an dem hielt und dass das dann so eine fatale Wendung genommen hat, dass er bis zum Schluss gehofft hat irgendwie, ja, der ändert sich mit seinen schlechten Seiten und bleibt da nur noch der gute Freund. Also das fand ich irgendwie auch sehr emotional irgendwie. Wir haben wirklich versucht, alle Seiten zu Wort kommen zu lassen. Das hat nur Positives dann gehabt. Was es bewirkt hat übrigens, dass die *** mit ihrem Vater wieder besser reden konnte. Das hat ein bisschen dieser Film bewirkt. Also die sind da jetzt, glaube ich, auch nicht drüber hinausgekommen. Mehr hat der Vater auch nicht dazu gesagt. Er müsste auch den Teufel tun. Also sich da selber noch reinzureiten, das macht man nicht. Die haben aber einfach im Alltag wieder etwas besser miteinander umgeben können. Ja, das ist ja schon viel wert, ne? Ja, auf jeden Fall.

Ich kann noch was Lustiges zu dieser Doku erzählen. Und zwar sollte das eigentlich gar keine Doku werden, sondern eine Folge von Mord mit Aussicht. Nein, jetzt sag bloß. Doch. Und dann haben sie sich das genau angeguckt und haben festgestellt, diese Leute wollen ja tatsächlich mit uns sprechen. Und dann haben die beim WDR gesagt, also nee, das machen wir nicht, das wäre verschenkt sozusagen. Und dann haben sie tatsächlich diesen Dokufilm gedreht. Also man muss vielleicht für den einen oder anderen da draußen erklären, dass das Mord mit Aussicht eine fiktionale TV-Serie ist. Eine Crime-Serie, die in der Eifel spielt. Genau. Von vielen sehr geliebt. Ich würde es trotzdem ganz gerne sehen, ehrlich gesagt. Ja, das würde ich mir, glaube ich, auch anschauen. Wie geht es in unserem Fall denn nun weiter? Ja, wir haben es eben gehört. Die Polizei findet den in Malerdecken und Planen gewickelten und mit Spanngurten umschnürten Leichnam von Marco halb vergraben auf diesem Deponiegelände. Schnell wird die Einschusswunde in seinem Nacken entdeckt, sodass die Ermittler von einem Gewaltverbrechen ausgehen. Und für die Aufklärung des Verbrechens kann man, glaube ich, sagen, da war jetzt keine Ermittlermeisterleistung erforderlich. Jens gibt nämlich sofort alles zu. Allerdings im Prozess gegen ihn behauptet er, in Notwehr gehandelt zu haben. Marco habe ihn angegriffen, er habe sich von ihm bedroht gefühlt. Jens' Verteidigung fordert deshalb ein Urteil wegen Totschlags und eine Freiheitsstrafe von nicht mehr als sechs Jahren.

Und selbst die Staatsanwaltschaft plädiert zwar auf Mord, aber auf eine Haftstrafe von nur zwölf Jahren aufgrund der seelischen Notlage des Täters. Also unter bestimmten Bedingungen kann ja die grundsätzlich lebenslange Haftstrafe für Mord runtergesetzt werden. Passiert das denn hier bei uns in diesem Fall?

Nee, und das ist, glaube ich, einigermaßen ungewöhnlich. Also nicht, dass das nicht passiert, aber dass das Gericht so klar über die Forderung der Anklage hinausgeht. Der Richter verurteilt Jens am 22. Oktober 2012 wegen heimtückischen Mordes zu lebenslanger Haft. Und, das finde ich wirklich bemerkenswert, der Richter bescheinigt ihm, Zitat, absoluten Vernichtungs- und Tötungswillen. Vier von Jens Komplizinnen und Komplizen werden zu Bewährungs- oder Geldstrafen verurteilt. sein Vater und seine Ehefrau, die können wegen des Verwandtschaftsverhältnisses nicht belangt werden. Und was ist mit Jens selbst? Findet der sich mit diesem Urteil ab? Nee, Jens geht in Revision, die ist aber nicht erfolgreich und er fordert in den Jahren danach immer wieder die Wiederaufnahme des Verfahrens bis zu seinem Tod. Denn im Mai 2018 wird Jens aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus der Haft entlassen und stirbt im September desselben Jahres mit 53 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Also er ist so krank, dass er nicht mehr haftfähig ist. Er wird Anfang Oktober 2018 auf dem Friedhof in Sötenich, seinem Heimatdorf, beigesetzt. Seine Frau hat sich während der Haft von ihm scheiden lassen und ist weggezogen. Im August 2012 kommt das Kind von Annette zur Welt. Jens Vater stirbt Ende 2024 und seine Schwester, die führt bis heute das Autohaus der Familie weiter.

Ja, dieser Fall, also ich möchte jetzt nicht sagen, dass der uns zeigt, dass Dorfidylle ein Mythos ist. Ich glaube, die gibt es nämlich wirklich. Aber hier in dem Fall ist das wohl tatsächlich so passiert. Naja, vielleicht hat Dorfidylle ja auch immer zwei Seiten. Das mag sein. Wir bedanken uns herzlich bei euch fürs Zuhören und hoffen, ihr seid auch beim nächsten Mal wieder dabei. Und ich danke dir natürlich, Andreas, dass du mich nochmal mit deiner Anwesenheit in diesem Podcast behehrt hast. Sehr gerne. Kommst du denn nochmal wieder? Ja, schauen wir mal. Also spätestens, wenn man mich hier mit Ketten ins Studio zieht, dann bestimmt. Hauptsache, du bist nicht vorbereitet. Das kann ich allerdings garantieren. Wunderbar. Macht's gut. Tschüss. Vielen Dank fürs Zuhören. Ciao.

Music.

Das war Akte Rheinland. Der GA-Podcast zu Kriminalfällen aus Bonn und der Region. Akte Rheinland ist eine Produktion der Generallanzeiger Bonn GmbH. Redaktion und Moderation Anna-Maria Bekes Produktionsleitung Andreas Deik Mitarbeit Sabrina Bauer Simeon Gerlinger und andere Sprecher Daniel D.

Music.