Music.

Kall, 17. Januar 2012, 13.05 Uhr. Der Geselle klopft an die Außentür der Autowerkstatt. Er ist gerade von seiner Mittagspause zurückgekehrt und das Tor ist verschlossen. Er hat keinen eigenen Schlüssel. Er hört, dass jemand in der Werkstatt ist. Jens. Ich habe auch keinen Schlüssel, ruft er ihm zu. Und dass er nochmal losfahren solle, Schleifpapier besorgen. Der Geselle sieht, dass unter der Tür eine rötliche Flüssigkeit ausläuft. Er hält die Flüssigkeit für Bremsmittel oder Frostschutz. Doch in Wahrheit ist es mit Wasser vermischtes Blut.

Hallo und willkommen zurück bei einer neuen Episode von Akte Rheinland. Hier besprechen wir an jedem zweiten Donnerstag einen Kriminalfall aus der Region Bonn. Mein Name ist Anna-Maria Bekes und heute habe ich die große Ehre, endlich mal wieder mit jemandem am Mikrofon zu stehen, der schon sehr lange nicht mehr dabei war. Seine Fans haben ihn sehr vermisst und immer wieder eingefordert, dass er nochmal hier am Mikro steht. Und heute ist es endlich soweit. Herzlich willkommen, Andreas Deik. Ja, vielen Dank und hallo Anna. Und ich korrigiere nicht Fans, sondern singular ein Fan. Und der meint es wahrscheinlich auch nicht gut mit mir. Aber ich bin trotzdem gerne heute hier und freue mich natürlich, diese Folge mit dir zusammen zu moderieren. Ich bin gespannt. Das sind unbestätigte Gerüchte. Okay. Wahrscheinlich. Für uns ist sowieso alles gerade recht aufregend. Wir sind gerade mit dem Generalanzeiger in ein neues Gebäude gezogen. Das heißt, wir stehen heute auch in einem neuen Studio. Wir haben unsere Live-Episode, die erste in diesem Jahr, hinter uns gebracht. Es hat sehr viel Spaß gemacht und jetzt geht's hier wieder weiter. Ich habe auch eine gute Nachricht für dich, Andreas, weil ich weiß, dass du das auch nicht so toll findest. Ich bin sehr gespannt. Und für alle anderen, die am liebsten immer ganz schnell in den Fall starten. Wir haben uns jetzt überlegt, die Reaktionen auf Feedback auf Instagram auszulagern.

Da wird es also auf unserem Account atakte.reinland immer mal wieder kleine Videos geben, in denen wir auf Feedback eingehen. Einen kleinen Hinweis möchte ich aber trotzdem heute noch loswerden. Wir haben ganz viele Follower bei Spotify. Das sind ungefähr 25.000, was uns total freut. Leider haben wir aber trotzdem noch nicht mal 2.000 Bewertungen bei Spotify. Und diese Bewertungen helfen dabei, dass dieser Podcast bestehen bleiben kann. Deshalb die ganz große Bitte an euch. Wolltest du was sagen? 25.000 Leute da draußen? Ja. Ja, dann an euch 25.000 Leute. Schreibt mal ganz fleißig, wir wollen was von euch lesen, oder? Ganz genau, in der Tat.

Das gibt es doch nicht, dass da 25.000 Leute einfach uns stellschweigend zuhören die ganze Zeit über. Genau. Alle, die uns auf Spotify folgen, klickt einmal bitte auf die drei Punkte ganz oben rechts, dann auf Show bewerten und dann ganz einfach auf alle fünf Sterne. Und das hilft natürlich auch bei Apple Podcasts und ist super wichtig für uns. Vielen, vielen Dank dafür. So, jetzt aber. Andreas, du hast ja vor mittlerweile mehr als fünf Jahren mit mir zusammen diesen Podcast begonnen und dein Markenzeichen war ja immer, dass du unvorbereitet in die Aufnahme gegangen bist. Das kann man so sagen, ja. Damals war das nicht so abgesprochen und hat mich manchmal vor Probleme gestellt. Und jetzt haben wir gesagt, wir machen aus, sagt man das, aus der Not eine Tugend? Das sagt man, glaube ich, so. Ja, wir sind ja beide Sprichwort-Experten. Das stimmt. Jetzt machen wir das also mal ganz bewusst so. Du weißt nämlich nicht so genau, worum es heute gehen soll. So wie immer, genau. Aber ich bin natürlich sehr gespannt. Ich weiß so in etwa, es geht um die Eifel, es geht um einen Fall, der in der Eifel spielt und es ist ja nicht das erste Mal, dass wir über die Eifel sprechen und es ist ja auch nicht das erste Mal, dass ich sozusagen mit dummen Fragen hier auftauche. In der Tat, alles stimmt. Und wir haben hier ausführlich über den Fall aus der Eifel, Lolita Brieger gesprochen.

Den hört ihr in Episode 8 aus Staffel 2. Wir verlinken die Folge natürlich auch nochmal in den Shownotes. Damals war der Journalist Uli Weidenbach bei uns zu Gast. Der hat für den WDR eine Doku zu diesem Fall gemacht. Und damit haben wir noch eine Gemeinsamkeit zu unserem heutigen Fall. Ich habe für diese Episode nämlich mit einer Journalistin gesprochen, die ebenfalls für den WDR ebenfalls eine Doku gedreht hat. und die heißt Vom Dorf vertuscht. Und der Titel verrät schon, worum es heute geht. Nämlich nicht nur um einen Mord... Inzwischen Eifelmord genannt wird, sondern vor allem um das, was danach geschah. Ja, und so wie ich dich kenne, ist es natürlich immer so, dass du uns jetzt neugierig gemacht hast, aber wir gehen jetzt wahrscheinlich erstmal zurück und fangen von vorne an. Und deswegen direkt mal meine Frage, wo genau spielt denn unser Fall? Der Fall spielt in Sötenich, das ist ein Ortsteil der Eifelgemeinde Kall, liegt im Kreis Euskirchen, also gar nicht weit weg von Bonn. Sötenich hat so um die 1000 Einwohner, der Römerkanal Wanderweg führt hier vorbei und der Ort ist bekannt durch Kalksteinbrüche und ein großes Zementwerk und seit 2012 durch den sogenannten Eifelmord. Ja, ich komme ja selber aus der Voreifel, deswegen habe ich so eine ungefähre Vorstellung, wie es da aussieht und wo der Fall vielleicht gespielt hat. Aber erzähl mal, was genau ist dort passiert. Also vielleicht kommen wir auf deine Eifel-Expertise später nochmal zu sprechen.

Erstmal zur Tat, die ereignet sich am 17. Januar 2012 um die Mittagszeit. Wir befinden uns in einer Autowerkstatt. Ein kleiner Hinweis, die Namen nahezu aller Beteiligten in diesem Fall sind bekannt, das ist uns auch bewusst, wir bleiben aber trotzdem dabei, dass wir die Namen ändern. In dieser Autowerkstatt befindet sich Jens. Jens ist 46 Jahre alt und von Beruf Automechaniker. Er befindet sich jetzt, es ist etwa 12.30 Uhr im Keller dieser Werkstatt und mit ihm im Keller bei ihm ist Marco. Marco ist 32 Jahre alt, kommt aus Mechernich und arbeitet als Schrotthändler. Jens hält eine geladene Jagdflinte in den Händen, die er jetzt entsichert und auf Marco richtet. Der steht etwa anderthalb Meter von ihm entfernt auf so einem kleinen Podest. Als er Jens ansieht, drückt er ab. Das Geschoss trifft Marco in die linke Seite des Brustkorbs, durchschlägt diesen waagerecht und zerreißt beide Lungen und das Herz mit allen vier Herzkammern. Okay, das klingt erstmal krass und ich nehme mal an, dass wir über Details noch sprechen werden, wie es dazu gekommen ist. Aber ist Marco jetzt sofort tot?

Ja, es wird jetzt ein bisschen gruselig. Also Markus Herz wird durch das Geschoss, das danach aus seinem Körper wieder austritt, gegen die Wand fliegt und von da zu Boden fällt, so umfassend zerstört, dass sein Kreislauf nahezu sofort vollständig zum Erliegen kommt. Und trotzdem läuft Marco noch die Treppe zur Werkstatt nach oben, die sind ja im Keller. Er ruft sogar noch den Namen seines Angreifers sozusagen, also er ruft Jens. Und er lässt eine Antriebswelle, die er in der Hand gehalten hat, also so ein Autoteil, fallen und läuft weiter durch die Werkstatthalle in Richtung des Tores. Also er will nach draußen fliehen. Da kommt er aber nicht mehr an, sein Gehirn wird nicht mehr mit Sauerstoff versorgt und er bricht dann neben der Werkstattgrube zusammen.

Ja, okay. Und Jens, der jetzt geschossen hat, der steht noch unten im Keller. Und was tut der jetzt? Ja, der rennt hinterher. Der folgt also Marco über die Treppe nach oben, sieht ihn da reglos auf dem Bauch neben der Grube liegen. Und er hat immer noch seine Jagdflinte in der Hand. Er tritt jetzt neben Marco. Und in diesem Moment vernimmt er einen einzelnen Atemzug von ihm. Und er geht jetzt davon aus, dass Marco in diesem Moment gestorben ist. Und du willst mir jetzt nicht sagen, dass der tatsächlich noch gelebt hat? Ja, schon. Also der lebt ja noch, ist jedenfalls das, was eine weitere Person, die jetzt die Werkstatt betritt, sagt. Jens Vater, dem gehört nämlich diese Autowerkstatt, der kommt rein, sieht seinen Sohn mit der Flinte neben dem am Boden liegenden Marco stehen und sagt, der lebt ja noch. Daraufhin setzt Jens die Flinte, deren beide Läufe geladen waren, auf den Nacken von Marco auf und drückt nochmals ab. Die jetzt austretende Schrotmunition, also im einen Lauf war eine Kugel, in der anderen war Schrot, durchtrennt das Rückgrat von Marco. Der stirbt frühestens drei, spätestens acht Minuten nach diesem ersten Schuss. Sorry, wenn ich jetzt mal eine Zwischenfrage stellen muss, aber Jens Vater kommt herein. Was macht der da?

Da reden wir auf jeden Fall später nochmal drüber. Wie gesagt, die Werkstatt gehört an sich dem Vater. Und Jens arbeitet da unter anderem. Und was er jetzt da genau macht, das ist ehrlich gesagt ein bisschen rätselhaft. Er ist auf jeden Fall, das wissen wir, ist aber für die Geschichte weniger relevant. Er ist auf jeden Fall ein bisschen angetrunken, was er meistens ist. Und er kommt eben dazu, als sein Sohn gerade jemand erschossen hat. Das scheint ihn aber nicht so richtig zu beeindrucken. Also der Kommentar, der lebt ja noch, wäre jetzt nicht das Erste, was mir einfallen würde, wenn ich in so eine Situation käme. Aber jetzt mal zurück zum Tatort. Hätte er denn den ersten Schuss überleben können? Nee, also der war in dem Moment schon dem Tod geweiht, so heißt es später im Gerichtsurteil. Nicht mal eine sofortige Notoperation hätte ihn noch irgendwie retten können, weil sein Herz eben umfassend zerstört wurde. Boah, das klingt ganz schön heftig, aber als Fall ja irgendwie auch recht einfach erstmal, oder? Also es klingt jetzt noch nicht rätselhaft. Zwei Schüsse, Tod, Urteil, fertig. Ich ahne, dass es so einfach wahrscheinlich nicht kommen wird, wenn wir hier darüber sprechen. Da liegst du natürlich wie immer richtig. Ich würde vorschlagen, bevor wir zum Nachspiel dieser Tat kommen, erzählen wir jetzt erstmal die Vorgeschichte. Wie konnte es zu dieser Tat kommen?

Hallo Elke. Die nackte Wahrheit ist, dass der Typ das ganze Geld bekommen hat. Selbst mein Geld, was ich mir verdient und gespart habe, circa 10.000 Euro, hat er gefressen. Und auch die 10.000 Euro, die ich von Papa geliehen bekommen habe, hat er aufgefressen. Ich habe ihm auch mal hier 100 und mal da 200 zugesteckt, als er total blank war und mich mal wieder zusammengeschlagen hat und umbringen wollte. Ich habe ihm das ganze Geld gegeben, weil ich extreme Angst vor ihm habe und mir gedacht habe, ich könnte mir meine Ruhe und mein Leben erkaufen. Ich weiß selber, dass es total dämlich von mir war, aber so habe ich halt gedacht. Nur ist die ganze Scheiße total schiefgelaufen. Ich schätze mal, dass ich ihm insgesamt so an die 25.000 bis 28.000 Euro gegeben habe. Und das ganze Geld ist weg. Am besten ist einfach, wenn er verschwindet, ich mir mit Claudia einen Kredit über 10.000 Euro nehme, dann kann ich meine Gläubiger auszahlen und dann kann ich auch wieder arbeiten und vor allen Dingen aufatmen, weil alles Geld, was ich und Claudia dann verdienen, nur für uns ist. Meine Schulden bei dir und Papa trage ich dann so ab, wie ich Geld verdiene und es mir leisten kann.

Ich wünsche dir noch einen schönen Urlaub und ich habe dich echt saulieb. Ich kann es dir leider nur nicht so zeigen. Und das tut mir extrem leid. Ich habe auch schon ernsthaft darüber nachgedacht, mich selbst umzubringen, weil ich das alles nicht mehr ertragen kann. Ich bin am Ende meiner Kräfte. Claudia kann auch nicht mehr. Sie ist auch total fertig und ich weiß nicht, wie ich aus der Scheiße rauskommen soll, ohne dass er verschwindet. Das ist die einzige Lösung.

Okay, das, was wir da jetzt gehört haben, das klingt so ein bisschen nach einem Brief, oder was war das? Ja, genau, ein Brief. Und den Brief hat Jens im Dezember 2011 an seine Schwester Elke geschrieben, ihr allerdings nie übergeben. Wie kommt denn dieser Brief für dich rüber? Also, wenn ich den Brief so lese, höre, dann habe ich auf jeden Fall schon mal erst mal sehr viele Fragen. Aber ich verstehe auf jeden Fall, dass es um viel Geld geht, wenn... Mhm, genau. Und Jens wirkt ziemlich verzweifelt, oder? Das kann man so raushören, ja, das finde ich schon. Wir gehen jetzt noch mal ein bisschen weiter in der Zeit zurück und schauen uns Jens Leben mal genauer an. Und ja, mir ist bewusst, jetzt werden wir sehr viel über den Täter sprechen. Ich denke, es wird aber im Verlauf der Episode klar, warum wir das in diesem Fall so machen. Ich möchte aber trotzdem an dieser Stelle betonen, dass wir dadurch nicht seine Tat irgendwie entschuldigen wollen. Und natürlich werden wir gleich auch noch auf das Opfer dieser Tat, nämlich Marco, genauer eingehen. Okay, dann kommen wir jetzt also zuerst zu Jens. Wie wächst der auf? Was wissen wir über ihn?

Jens wird 1966 in Mechernich geboren. Sein Vater betreibt damals bereits eine Autowerkstatt mit angeschlossenem Autohaus. Jens hat noch eine ältere Schwester, die wir hier Elke nennen. Beide Kinder wachsen im elterlichen Haushalt auf, in dem es allerdings nicht sehr harmonisch zugeht. Der Vater arbeitet sehr viel, ist dadurch stark beansprucht. Vor allem aber ist er alkoholkrank. Die Mutter versorgt die Familie deshalb im Grunde allein. Auch sie trinkt sehr viel Alkohol. Häusliche Gewalt ist in der Familie an der Tagesordnung. Der Vater schlägt seine Frau und auch seinen Sohn, also Jens. Bei einer Gelegenheit kommt es sogar dazu, dass er die Mutter auch vergewaltigt. Daraufhin sucht sie mit den Kindern für einige Monate Schutz in einem Frauenhaus. Okay, das klingt alles sehr zerrüttet und dramatisch. Aber wenn du sagst für einige Monate, bedeutet das, dass die schließlich zurückgehen? Ja, man kann nur mutmaßen, warum. Also ich unterstelle jetzt mal, dass da eine gegenseitige Abhängigkeit recht nahe liegt. Ja, und so wird diese Ehe der Eltern also fortgeführt, was übrigens Jens, damals Jugendlicher, seiner Mutter übel nimmt. Also er ist nicht damit einverstanden, dass sie zurück zum Vater geht. Das ist ein total problematisches Verhältnis zwischen Vater und Sohn. Dass er da nicht einverstanden ist, überrascht nicht, wenn man dann noch hört, dass Jens berichtet, in seiner Jugend sexuell missbraucht worden zu sein und das möglicherweise von seinem Vater.

Was meinst du mit möglicherweise? Ja, das ist schwierig. Er hat weder eine klare Erinnerung dran, noch kann er das irgendwie beweisen. Das Ganze kommt im Rahmen des Gerichtsprozesses gegen Jens, beziehungsweise durch dessen Begutachtung durch einen psychiatrischen Sachverständigen zur Sprache. Nun geht es hier ja auch nicht vorrangig um Jens' Kindheit und Jugend. Trotzdem ist das sicher wichtig, um einordnen zu können, unter welchen Bedingungen er aufwächst und vielleicht auch, um zu verstehen, woher seine Probleme mit Beziehungen herrühren könnten. Wir wissen auch, dass Jens an einem Punkt seines Lebens einen Suizidversuch unternimmt. Über die Hintergründe dessen ist aber nichts bekannt geworden. Seine Schwester beginnt schon als Teenager Cannabis zu rauchen und Alkohol zu trinken. Auch das möglicherweise Folge der schwierigen Familienverhältnisse. Okay, jetzt ohne den weiteren Fall zu kennen, können wir denn ausschließen, dass diese Vorwürfe gegen den Vater irgendwie eine Form von Schutzbehauptungen sind? Nee, ausschließen können wir das auch nicht. Also es ist nie wirklich bewiesen worden. Es wird im Gerichtsurteil erwähnt und der Sachverständige hat das als wahrscheinlich angenommen, dass er Missbrauch erlebt hat. Ob das jetzt aber wirklich durch den Vater passiert ist, können wir weder ausschließen noch verifizieren.

Okay, wie geht es denn dann ansonsten weiter in Jens Leben? Was die Schule betrifft, verschlechtern sich seine Leistungen nach der Grundschule, da ist er noch ein guter Schüler. Auf der Realschule klappt es dann nicht mehr so gut, er selbst erklärt das mit Faulheit. Die achte Klasse muss er wiederholen und wechselt schließlich auf die Hauptschule, die er 1983 mit dem Abschluss nach Klasse 10 verlässt. Den Wehrdienst verweigert er und will eigentlich eine Schreinerlehre machen. Er kommt dann aber dem Wunsch seines Vaters nach und macht eine Ausbildung im elterlichen Betrieb zum Kfz-Mechaniker. Also der Wunsch ist vielleicht auch eher so eine Art Befehl, kann man da mutmaßen. Der Vater ist schon sehr übermächtig in diesem Leben. Die Ausbildung schließt er 1986 ab, arbeitet als Geselle im Autohaus des Vaters und legt 1991 die Meisterprüfung ab. Übrigens ohne finanzielle Unterstützung des Vaters.

Jens und seine Schwester Elke übernehmen die Leitung des väterlichen Autohauses, das zunächst als GbR geführt und 2007 in eine GmbH umgewandelt wird. Ansonsten beschäftigt sich Jens seit seiner Jugend und bis er etwa 25 ist mit Kickboxen. Später fährt er dann Motorrad- und Autorennen auf Rennstrecken. Dabei erleidet er mehrere Unfälle, die unter anderem zu einem Fehlverhältnisbruch im rechten Fuß und Problemen im rechten Knie führen.

2011 erkrankt er an einer Nervenentzündung im Spinalkanal des Rückens, die stationär behandelt wird, aber keiner Operation bedarf. Abgesehen davon ist Jens bis zu seiner Verhaftung wegen des Verbrechens, über das wir hier sprechen, nie ernstlich krank. Er konsumiert keine Drogen und ist nicht alkoholkrank. Also bis jetzt auf die gesundheitlichen Sachen sehe ich da auch keine großen Auffälligkeiten in seinem Lebenslauf. Aber du hast ja eben schon seine Beziehungen angesprochen. Wie läuft es denn in der Hinsicht für Jens? Er lernt Anfang der 1990er Jahre seine erste Frau kennen, mit der er zwei Töchter bekommt. Ab 1996 baut die Familie ein Haus in unmittelbarer Nähe zum Autohaus, in das sie dann 1997 zieht. Also du siehst, es konzentriert sich wirklich alles in diesem Eifeldorf. Das Glück währt aber nicht lange, die Ehe zerbricht. So um 1998, 1999, 2001 wird sie geschieden. Seine Ex-Frau zieht dann mit den beiden Töchtern weg aus dem Dorf und Jens hat daraufhin kaum noch Kontakt zu seinen Kindern.

Noch vor der ersten Ehe hatte Jens eine andere Frau kennengelernt, die er dann später heiratet. Und die beiden leben, bis er inhaftiert wird, in seinem Haus zusammen. In den früheren Jahren ihrer Beziehung, also mit der zweiten Frau, kommt es zeitweise zur Unterbrechung, weil Jens offenbar auch was mit anderen Frauen hat. Darunter ist auch eine längere Affäre. Ich sage das, weil es später noch mal wichtig wird. Jens ist seinen beiden Töchtern gegenüber unterhaltspflichtig. Er zahlt diesen Unterhalt aber nicht, weil er dazu offenbar finanziell nicht in der Lage ist. Das ist auch der Grund, warum Jens Ende 2011 aus dem väterlichen Betrieb ausscheidet. So soll verhindert werden, dass es zu weiteren Pfändungen des Geschäftskontos durch das Jugendamt wegen der rückständigen Unterhaltszahlungen kommt. Es gibt, wie du siehst, also hier schon finanzielle Probleme bei Jens. Also so ganz einfach war das wohl alles nicht bei Jens und auch nicht mit Jens. Wobei ich mich, als ich eben von Beziehungen sprach, jetzt nicht nur auf Liebesbeziehungen bezogen habe, sondern auch auf Freundschaft. Dann kommen wir jetzt also auf Marco zu sprechen. Genau, der Marco ist übrigens Trauzeuge bei der zweiten Hochzeit von Jens, währenddessen Vater und Schwester, also Jens Vater und Schwester, die Mutter ist zu dem Zeitpunkt schon verstorben, nicht zu dieser Hochzeit kommen. Scheint also größere Verwerfungen in dieser Familie zu geben, aber erzähl mal bitte, wer ist jetzt dieser Marco und wie lernen die sich kennen, also er und Jens?

Die beiden lernen sich im Herbst 2010 über einen gemeinsamen Bekannten kennen, mit dem Marco zu dieser Zeit zum Schrotten umherfährt. Was ist Schrotten? Schrotten heißt An- und Verkauf von Wertstoffen. Verstehe.

Marco, der zu diesem Zeitpunkt 31 Jahre alt ist, also gut zwölf Jahre jünger als Jens, hat aus einer früheren Beziehung zwei Söhne. Er ist mehrfach wegen Körperverletzungs-, Eigentums- und Verkehrsdelikten mit dem Gesetz in Konflikt geraten und hat 2000, 2001 eine Jugendstrafe verbüßt. Ein bisschen später, 2007, 2008, verbüßt er dann mehrere weitere Freiheitsstrafen und während dieser Inhaftierung heiratet er seine Frau. Das ist nicht diejenige, mit der er die zwei Kinder hat, sondern das ist eine frühere Freundin.

2008 wird er vorzeitig aus der Haft entlassen und zum familiären Hintergrund von Marco lässt sich sagen, dass er aus einer Familie von Jenischen stammt. Das ist eine eigenständige, transnationale, ethnische Minderheit in Europa. Die haben eine eigene Kultur, Traditionen und auch eine eigene Umgangssprache, das Jenisch. Die gehören nicht, wie fälschlicherweise manchmal angenommen, zu den Sinti und Roma. Der ist in seinem Elternhaus jetzt auch nicht wirklich gut aufgehoben gewesen. Der hat in vielen unterschiedlichen Haushalten gelebt und er hat offenbar weder richtig lesen noch schreiben gelernt. Außerdem ist über Marco noch bekannt, dass er telefonsüchtig ist. Also man muss sich das so vorstellen, der telefoniert gefühlt rund um die Uhr. Da kommt es auch zu skurrilen Situationen. Zum Beispiel telefoniert er offenbar auch, während er im Bordell ist. Muss man sich jetzt nicht näher vorstellen. Auch mit Jens telefoniert Marco viele Male am Tag, wobei er häufig nur bei ihm anklingelt, damit Jens dann zurückruft. Das haben die zwei aus Kostengründen so vereinbart. Wenn du das so erzählst, klingt der Marco jetzt nicht unbedingt nach einem positiven Einfluss. Ja, schwierig. Jens und Marco werden aber Freunde, das kann man so sagen. Das kann man definitiv so sagen. Also erstmal arbeiten die zwei zunehmend zusammen, indem sie gemeinsam mit Schrott handeln. Dadurch entsteht dann aber eine ganz enge Freundschaft. Jens erlebt Marco als einen fleißigen, sehr hilfsbereiten und herzensguten Menschen, der allerdings ab und zu, insbesondere wenn was nicht so verläuft, wie er das will, ja Aussetzer hat.

Bei denen er sich sehr aggressiv gebärdet. Er ist total explosiv und so beschreibt Jens das schnell auf Zündung. Bei einer Gelegenheit kommt es in einem McDonalds zu einer Auseinandersetzung zwischen Marco und zwei Frauen und denen gibt er dann unvermittelt eine Ohrfeige beziehungsweise sogar einen Faustschlag. Um Marco zu schützen, gibt Jens, der den Frauen bekannt war, wahrheitswidrig an, Marco gar nicht zu kennen. Dafür wird Jens im Oktober 2011 wegen Strafvereitelung verurteilt. Also er geht schon sehr weit für diesen Freund, würde ich sagen. Ich wollte gerade sagen, er ist offenbar bereit für Marco zu lügen und nimmt sogar eine Verurteilung in Kauf dafür.

Das klingt dann tatsächlich, wenn man es so nennen will, nach einer sehr engen Freundschaft. Ob das jetzt gesund ist, darüber kann man natürlich streiten. Ja, also die Bindung ist wirklich sehr eng. Zuletzt ist es üblich, dass die Frau von Jens, das ist Claudia, also seine zweite Frau, auf ihrem Weg von ihrer Arbeitsstelle, Marco und seine Frau Annette, an deren Wohnung abholt und mit nach Hause nimmt. Da verbringen dann diese beiden Ehepaare die Zeit, den ganzen Tag. Und zwar sitzen die beiden Frauen in der Küche, trinken Kaffee und rauchen. Und die Männer sitzen im Wohnzimmer. Da hat Jens auch seinen Computer stehen. Die Gespräche der Männer finden hinter verschlossenen Türen statt. Die Frauen dürfen also nicht dabei sein.

Worüber wird da geredet? Ja, das wird wahrscheinlich viel mit Geld zu tun haben und mit Möglichkeiten an Geld zu kommen. Aber dazu kommen wir noch. Marco verliert dann seinen Führerschein. Und jetzt sitzt erst mal Jens am Steuer des Fahrzeugs, wenn die beiden Schrottgeschäfte machen. Und ab November 2011 kriegt dann Jens diese schweren Rückenprobleme. Das haben wir ja eben schon gehört. Und jetzt fordert er regelmäßig seine Frau auf, Marco zu begleiten und dieses Fahrzeug zu steuern. Zuletzt nimmt Jens an diesen Fahrten zum An- und Verkauf von Schrott gar nicht mehr selbst teil. War denn die Frau von Jens davon begeistert, mitfahren zu müssen? Ich meine, sie hat ja auch einen Job und dann auch noch mitfahren. War das nicht mehr schon viel? Doch, und das sagt sie Jens dann auch. Also zum einen ist ihr die zeitliche Beanspruchung durch die Schrottfahrten zu viel und auch die ständigen Besuche von Marco und seiner Frau belasten sie zunehmend. Sie hat den Eindruck, sie und Jens haben gar kein eigenes Leben mehr, also gar kein Eheleben. Jens ändert aber nichts und bittet seine Frau, weiter diese Fahrten für ihn zu machen. Ich nehme mal an, die haben das gemacht, um Geld zu verdienen. Hat sich das denn wenigstens finanziell gelohnt? Ja, zunächst schon. Also Marco und Jens handeln mit Schrott und Gebrauchtwagen und verdienen damit am Anfang echt gut. Marco verfügt außerdem immer mal wieder über größere Bargeldbeträge von manchmal sogar mehreren tausend Euro, von denen offenbar nie bekannt wird, woher dieses Geld eigentlich kommt. Das ist also ein bisschen zwielichtig.

Allerdings braucht Marco auch jede Menge Geld. Unter anderem geht er oft in Spielhallen und außerdem, wir haben es eben schon gehört, in Bordelle. Der verspielt viel Geld und dann macht er gerne mal andere Menschen für seine Verluste verantwortlich und lässt sie seinen Ärger spüren, auch körperlich. Es gibt ein Vorkommnis, da gibt er Jens eine derart heftige Ohrfeige, dass die Rötung davon noch Stunden später zu sehen ist. Und zwar, weil Jens ihm in dem Moment kein Geld leihen will. Und das geht da irgendwie um 20 Euro. Er schlägt auch Jens Frau, Jens Schwester und seine eigene Ehefrau ins Gesicht. Und einmal zerstört er große Teile der Einrichtung seiner Wohnung mit einer Kettensäge. Übrigens deckt Jens ihn auch hier wieder, als nämlich Marco seine Schwester ins Gesicht schlägt, hält er diese davon ab, die Polizei zu informieren. Für Marco scheint das normal zu sein, Leuten bei der geringsten Gelegenheit einfach eine zu schallern. Und das ist umso schlimmer, weil wir hier über jemanden sprechen, der über 1,90 Meter groß und ziemlich stabil gebaut ist. Also der wiegt um die 90, 92 Kilo. Das klingt nicht besonders sympathisch, ehrlich gesagt. Ziemlich gefährlich und einschüchternd. Ja, es ist vermutlich kein Wunder, dass Jens Schwester und Vater Marco nicht so gerne mögen. Der Vater ist sogar überzeugt davon, dass Marco vom Hof seines Autohauses Schrott gestohlen hat. Ob das stimmt, ist nie geklärt worden.

Deshalb hat Marco jedenfalls im Betrieb der Familie Hausverbot. Und der Stiefsohn von Jens, also der Sohn seiner zweiten Frau, der bis Ende 2012 in dessen Haushalt lebt, Der hat zwar zunächst sogar ein ganz enges Verhältnis zu Marco und bittet ihn auch bei persönlichen Problemen um Hilfe. Zuletzt zieht er sich aber von ihm zurück, weil er das Gefühl hat, das Verhältnis zwischen dem und seinen Eltern tut den beiden nicht gut. Der Stiefsohn merkt, dass Jens, also sein Stiefvater, zunehmend bedrückt und alt aussieht, auch wenn er auf Fragen immer erklärt, es wäre alles in Ordnung. Ich sehe schon, es geht um Geld, Streit, irgendwie wird die Familie auch mit reingezogen. Es sieht also so aus, als ob die Situation sich hier immer weiter zuspitzt, nehme ich an, oder? Was passiert denn, wenn das Geld mal knapp wird? Ja, das Geld wird knapp, denn als Jens wegen seiner Rückenprobleme ausfällt und seine Frau ja auch in Anführungsstrichen nur als Fahrerin zur Verfügung steht und nicht in dem Sinne als Geschäftspartnerin und da auch keine Sachen rumschleppen kann, da wird dieser erhebliche Geldbedarf, den Marco hat, auf einmal nicht mehr gedeckt. Und jetzt versucht er sich das Geld von Jens zu leihen? Genau, also Jens leiht sich von seinem Vater und seiner Schwester sehr viel Geld, 10.000 Euro mal, dann 3.500 Euro, auch noch von anderen Leuten bekommt er Geld und das geht alles an Marco. Übrigens damit der gegen ihn verhängte Geldstrafen von mehreren tausend Euro und seinen Rechtsanwalt bezahlen kann. Also diese Gewalttaten, die er da begeht, die bleiben natürlich nicht ohne Folgen.

Marco bezahlt aber diese Geldstrafen nicht, sondern gibt das Geld in der Spielhalle und einem Bordell aus. Das berichtet er Jens im November 2011 und verbindet das mit der Aufforderung an den Freund. Dieser müsse, Zitat, sehen, dass ich nicht in den Knast gehe. Also er macht irgendwie Jens dafür verantwortlich, dass er jetzt nicht in den Knast gehen soll. Ja, ich wollte gerade sagen, es klingt so, als würde er jetzt Jens im Grunde die Verantwortung dafür auf. Ja, genau.

Was ich noch nicht verstehe, also woran liegt es, dass Jens ihm überhaupt so viel Geld leiht? Also hat er den unter Druck gesetzt oder ist das wirklich einfach nur immer noch Sympathie? Kannst du dazu etwas sagen? Das ist total schwierig. Ich glaube, das ist einmal aus falsch verstandener Freundschaft, weil er sich dem wirklich verpflichtet fühlt. Bei den Beträgen ist es, ne? Ja. Okay. Und auch aus Angst. Also man kann vielleicht küchenpsychologisch sogar so ein bisschen eine Parallele ziehen zwischen diesem sehr übermächtigen Vater, der ja so viel Macht über Jens hat und dem genauso übermächtigen Freund, die im Grunde alles von dem fordern können und er wird jedem Wunsch nachkommen. Also er hat eindeutig auch Angst vor Marco, er mag ihn aber auch total gerne. Also Jens hat das selber vor Gericht so gesagt, er war zu 85 Prozent ein herzensguter Mensch und zu 15 Prozent brandgefährlich.

Man muss dazu sagen, dass Jens Marco zu Beginn der Freundschaft schon mal Geldbeträge geliehen hatte und die hatte der immer zurückgezahlt. Also er kommt vielleicht auch erstmal nicht darauf zu vermuten, dass er das Geld nicht wiederkriegt. Jetzt summieren sich die Beträge aber immer weiter auf. Also der gibt dem auch mal 100 Euro, da mal 50 Euro und außerdem verkauft Marco nochmal ein Fahrzeug für Jens und gibt ihm den erzielten Betrag aber nicht. Und Jens müsste diesen Betrag übrigens seinerseits dem Eigentümer des Fahrzeugs geben. Also du siehst, die Lage spitzt sich tatsächlich aus Jens Sicht immer weiter zu. Die Schulden häufen sich immer weiter an und er arbeitet ja auch nicht mehr. Er hat ja kein festes Einkommen und deshalb verfasst er dann im Herbst 2011 auch mehrere Schreiben, unter anderem den Brief an seine Schwester, den wir eben auszugsweise gehört haben. Ende des Jahres 2011 überlegt Jens dann, eine Solaranlage auf seinem Haus zu installieren und plant dafür, einen weiteren Kredit in Höhe von 30.000 Euro auf sein Grundstück aufzunehmen. Er geht davon aus, dass die Anlage um die 25.000 Euro kosten wird und bietet Marco an, ihm die restlichen 5.000 zum Kauf eines LKWs zur Verfügung zu stellen. Wozu ist das? Also Marco glaubt, dass er mit diesem LKW wieder mehr Geld mit Schrott verdienen kann. Verstehe. Ja.

Marco spricht aber in seinem Umfeld immer wieder davon, dass Jens ihm für den Lkw-Kauf den gesamten Betrag von 30.000 Euro zur Verfügung stellen wird. Und Jens erwähnt auch in einem Telefonat mit seiner Schwester, Marco wolle 30.000 Euro von ihm haben. Marco spricht auch immer wieder davon, dass er Geld brauche, sonst müsste er ins Gefängnis. Also klar, wenn er die Geldstrafen nicht bezahlt, wird das natürlich dann irgendwann eine Haftstrafe. Und deshalb nimmt Jens jetzt Verhandlungen mit seiner Hausbank auf, um diesen Kredit zu kriegen.

Parallel kommt es dazu, dass nur kurz erzählt, dass Marcos Ex-Freundin Elif, mit der er zwei Söhne hat, die vorige Beziehung, in der Weihnachtszeit 2011 für mehrere Tage bei Marco zu Besuch kommt. Wie genau das abgelaufen ist, ist für mich ein bisschen rätselhaft, denn Marco ist ja verheiratet mit Annette. Aber definitiv kommt es dazu, dass Marco und seine Ex intime Kontakte haben, so heißt es im Gerichtsurteil, und er sogar darüber nachdenkt, zu ihr zurückzukehren. Und jetzt kommt Anfang Januar 2012 aber, berichtet jetzt Marcos Frau Annette ihm, dass sie schwanger ist. Und Marco bestimmt daraufhin Jens zum Taufpaten für sein drittes Kind. Wild. Das klingt wild und wilder als jeder TV-Soap. Das ist wirklich so. Es geht echt drunter und drüber. Also wir sind jetzt im Januar 2012 und nach außen hin ist es immer noch so, als wären Jens und Marco dicke Freunde. Tatsächlich aber fragt Jens zu diesem Zeitpunkt seinen Bekannten Josef, der Karate macht, ob dieser nicht seinem Kumpel, Zitat, einen übergeben könne. Also er glaubt offenbar, dass der das ganz gut hinkriegt. Was meint er mit einen übergeben? Ja, er möchte, dass der den vermöbelt, genau. Und als Josef sagt, er sei doch kein Auftragsschläger, antwortet Jens, okay, er soll es eh lassen, der Kumpel sei eh saugefährlich. Und wenig später schreibt Jens Josef dann noch eine SMS, in der es sinngemäß heißt, Er könne nicht mehr und er werde sich weghängen. Das ist dramatisch, wenn man darüber nachdenkt, dass er einen Suizidversuch unternommen hat.

Jens fragt Josef bei einem weiteren Treffen, ob er nicht jemand kenne, der seinen Kumpel stärker verprügeln könne, da er von diesem erpresst werde und einen Kredit aufs Haus aufnehmen müsse. Josef nennt ihm einen Arbeitskollegen, der dafür in Frage käme. Jens gibt ihm einen Zettel mit, auf dem Name und Adresse von Marco vermerkt sind. Josef bietet Jens an, hat das einzig Vernünftige in dieser Situation zu tun und zur Polizei zu gehen. Und er könne ihn dabei begleiten. Jens lehnt das aber ab. Weißt du, was er sich davon erhofft hat? Marco verprügeln zu lassen? Ich glaube, er wollte irgendwie ihm Angst einjagen. Und vielleicht hat er gedacht, das ist die Sprache, die der versteht. Das ist so meine Vermutung. Er wusste sich da, glaube ich, nicht zu helfen. Jedenfalls scheint er nicht zu glauben, dass ihm die Polizei bei seinen Problemen helfen kann. Richtig? Naja, er meldet sich dann tatsächlich doch bei der Polizei. Und zwar ruft er am 10. Januar einen ihm persönlich bekannten Polizeibeamten an. Also wir sind in der Eifel. Der geht also nicht auf die Wache, sondern der ruft den Beamten von nebenan an sozusagen. Na klar.

Und er schildert ihm, dass er mit einem Mann, er nennt hier auch Markus' Namen, Stress habe, der Geld von ihm fordere und dass er sich bedroht fühle. Der Polizist rät ihm, den Kontakt abzubrechen und hinsichtlich der Bedrohung Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Für den Fall, dass der Angeklagte wegen der Begehung einer rechtswidrigen Tat erpresst werde, solle er insoweit Selbstanzeige erstatten. Also der Polizist ahnt, dass Jens irgendeinen Grund haben könnte, darum er nicht zur Polizei geht. Wir wissen tatsächlich nicht, was dahinter steckt. Ich weiß, du willst jetzt fragen, aber wir wissen es nicht. Diese Anregung greift Jens aber nicht auf. Also ich glaube schon, dass du recht hast. Jens scheint kein Vertrauen zu haben, dass sein Problem durch die Polizei, sprich durch den Rechtsstaat, gelöst werden kann. Übrigens hat auch Jens Vater schon Anfang 2012 mit einem anderen Polizeibeamten, den wiederum er persönlich kennt, gesprochen und ihm gesagt, er und seine Tochter wüssten nicht, wie es mit Jens weitergehen solle. Da sei, Zitat, was mit Marco. Jens werde unter Druck gesetzt und brauche Geld. Dieser Polizeibeamte wiederum ruft Jens dann in den folgenden Tagen an. Jens sagt ihm aber dann auch nur, das hätte sich erledigt. Er habe mit dem Kollegen von der Polizei gesprochen. Und beide Polizeibeamten schildern Jens später als nervös und verzweifelt. Er habe, Zitat, ziemlich fertig gewirkt. Ja, es klingt so ziemlich nach einer Art von Abhängigkeitsverhältnis. Ich versuche, mich da gerade so ein bisschen reinzuversetzen.

Für Jens hat sich das vermutlich angefühlt wie eine total ausweglose Situation. Nehme ich mal an. Ja, das glaube ich auch. Wobei er nicht auf alle so verzweifelt wirkt. Am 12. Januar geht Jens gemeinsam mit Marco zur Bank, um über den von ihm gewünschten Kredit zu sprechen. Der Bankberater, auf den macht Jens einen sehr souveränen Eindruck. Und er weist ihn darauf hin, dass er ihm ohne Vorlage einer Verdienstbescheinigung den Kredit nicht gewähren kann. Eine solche Verdienstbescheinigung kann Jens, der kein Gewerbetreibender mehr ist und kein festes Einkommen hat, aber nicht vorlegen. Einen Tag später ruft Jens dann dreimal, bei dem Bankberater an. Er erklärt ihm, er werde erpresst, brauche dringend Geld. Er habe Angst, Zitat, sich in der Kiste wiederzufinden. Er kündigt an, mit dem Erpresser in der Filiale vorbeizukommen und zu randalieren.

Der Berater solle hierauf die Polizei alarmieren und ihn in der Filiale dieser Kreissparkasse vorläufig festnehmen lassen. Das klingt wie absolute Ausweglosigkeit. Jens plant so eine Art Schauspiel, wenn ich das richtig verstanden habe, für Marco. Damit der wiederum merkt, dass bei ihm selbst, also bei Jens, nichts mehr zu holen ist. Ja, genau, so kann man das sagen. Also ich glaube, das zeigt wirklich die Verzweiflung doch recht deutlich.

Der Bankberater fühlt sich allerdings jetzt nicht bedroht von Jens. Der informiert aber richtigerweise die Polizei über dessen Anrufe. Und daraufhin... Nochmal, wir sind in der Eifel, sucht der Polizist, der ihn zuvor auf Bitte des Vaters angerufen hat, Jens am 13. Januar zu Hause auf. Also man muss sich das so vorstellen, sagt dann, Jung, das geht aber so nicht. Also der macht ihm Vorwürfe wegen seines Verhaltens gegenüber diesem Bankberater und er rät ihm, wenn er wegen einer strafrechtlichen Sache erpresst werde, müsse er Selbstanzeige erstatten und bringt ihn zu diesem Zweck zur Polizeiwache. Also die scheinen alle zu vermuten, dass Jens selbst irgendwas getan hat, was rechtlich nicht in Ordnung ist und dass er deswegen erpresst wird. Und jetzt auf der Polizeiwache macht Jens etwas für mich wirklich Merkwürdiges. Er erklärt nämlich, er werde gar nicht erpresst, er habe den Bankberater bedroht, er würde ihm den Kopf abschneiden und den ganzen Laden in die Luft sprengen, weil ihm, Zitat, finanziell das Wasser bis zum Hals stehe. Er habe die Bedrohung aber nicht ernst gemeint. Wenn du sagst, wir sind in der Eifel, dann nur so zur Erklärung. In der Eifel haben wir natürlich eine dörfliche Struktur. Das bedeutet, man kennt sich. Es sind wirklich eher so kleinere Dörfer und ländlich geprägt. So muss man sich die Eifel vorstellen für all die Zuhörerinnen und Zuhörer, die jetzt nicht bei uns aus der Region kommen. Ist auch nicht wirklich dicht besiedelt.

Und von daher ist das, glaube ich, ist es jetzt nicht ungewöhnlich, wenn man dann eben zu den Polizisten geht, den man sowieso kennt. Ja. Also er macht es für sich selbst eigentlich immer schlimmer. Ja, das wirkt irgendwie fast wie so eine Kamikaze-Aktion und während Jens noch auf der Polizeiwache ist, ruft ihn natürlich wieder mal Marco an. Jens sagt ihm, er sei bei der Polizei und Marco äußert daraufhin seine Sorge, Jens könnte verhaftet werden und sagt ihm, scheiß auf die Kohle.

Jens und seine Frau, die ihn bei der Polizei dann abholt, fahren daraufhin gemeinsam zu Marco und Jens und Marco machen am darauffolgenden Tag einen gemeinsamen Spaziergang. Und ein paar Tage später feiern die beiden Ehepaare zusammen den Geburtstag von Annette, also Markus' Frau. Okay, das ist jetzt ein ganz schöner Sprung. Ist das alles irgendwie tatrelevant? Ja, berechtigte Frage, die ich aber definitiv mit Ja beantworten würde. Das alles zeigt uns nämlich, dass Marco zu diesem Zeitpunkt irgendwie nicht ahnen konnte, dass Jens ihm gegenüber nicht mehr wohlgesonnen war. Also, dass er ihn wortwörtlich loswerden wollte, wie er unter anderem in dem Brief an seine Schwester ja schreibt. Und damit sind wir jetzt zurück am Tattag, dem 17. Januar 2012. Ja, und den Rest dieses Falls, den hört ihr in Teil 2 in zwei Wochen. Bis dahin, macht's gut.

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Das war Akte Rheinland. Der GA-Podcast zu Kriminalfällen aus Bonn und der Region. Akte Rheinland ist eine Produktion der Generalanzeiger Bonn GmbH. Redaktion und Moderation Anna-Maria Bekes. Produktionsleitung Andreas Deik. Mitarbeit Sabrina Bauer, Simeon Gerlinger und andere. Daniel Dähling.

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