Akte Rheinland. Ein Podcast des Bonner Generalanzeigers über wahre Verbrechen.
Music.
Es ist der 5. Mai 2012, etwa 15.30 Uhr in Bonn-Lannesdorf, nahe der König-Facht-Akademie. Auf der einen Straßenseite stehen knapp drei Dutzend Anhänger der rechten Kleinpartei Pro NRW mit Transparenten, Freiheit statt Islam und einem Megafon. Auf der anderen Seite fast 200 Gegendemonstranten, vermummt, mit Schutzbrillen, die Hände voller Pflastersteine und Blumentöpfe aus den Vorgärten. Dazwischen riegeln Mannschaftswagen die Kreuzung ab. Plötzlich bricht in der Gegendemonstration ein Steinhagel los. Polizisten zucken hinter ihren Schilden zurück, Tränengasnebel steigt auf. Doch eine Lücke entsteht und ein junger Mann zieht ein Messer mit einer 10 cm langen Klinge. Er stürzt auf den Einsatzleiter zu, der wehrt ihn ab. Dann attackiert er einen Beamten, rammt die Klinge in dessen linken Oberschenkel, hinterlässt eine klaffende Wunde. Schließlich sticht er zweimal in die Innenseite der Oberschenkel einer Polizistin. Nur Sekunden später fesseln mehrere Beamte den Angreifer, reißen ihm das Messer aus der Hand.
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Episode von Akte Rheinland. Wir sind der True Crime Podcast des Bonner Generalanzeigers und wir besprechen hier an jedem zweiten Donnerstag einen Kriminalfall aus dem Raum Bonn. Mein Name ist Anna-Maria Bekes und ich würde mich sehr freuen, wenn ihr unserem Podcast folgt, uns abonniert und uns am allerliebsten natürlich fünf Sterne hinterlasst.
Hier geht es heute um einen Fall, der schon in früheren Episoden von uns erwähnt worden ist. Nämlich zum einen in der Folge über Dennis Kuspert alias Desodog, den Gangsterrapper, der sich dem islamischen Staat anschloss. Und außerdem in der Folge zum versuchten Bombenanschlag am Bonner Hauptbahnhof. Beide Episoden verlinke ich euch natürlich in der Folgenbeschreibung. Und beide Episoden haben noch eins gemeinsam. Zu Gast bei uns war da nämlich jedes Mal Rüdiger Franz, unser redaktionsinterner Experte für Islamismus und insbesondere Salafismus. Und den haben wir natürlich auch heute wieder eingeladen. Hallo Rüdiger. Hallo liebe Anna.
Bevor wir tiefer ins Thema eintauchen, erzähl doch mal, wie du mit dem Thema Salafismus oder Islamismus überhaupt in Kontakt gekommen bist und was dich daran interessiert oder vielleicht kann man sogar sagen fasziniert. Dazu muss ich sagen, dass ich im Jahr 2010 aus einer anderen redaktionellen Verwendung bei uns im Haus nach Bad Godesberg gekommen bin in die Redaktion und Bad Godesberg damals eben auch schon traditionell als ehemaliger Diplomatenstadtteil mit den ganzen Botschaften und Residenzen seit den Hauptstadtzeiten Bonns sehr multikulturell geprägt war. Und auch nicht nur auf der akademisch-diplomatischen Ebene, sondern auch in der, in Anführungsstrichen, normalen Bevölkerung ein hoher Ausländeranteil festzustellen war. Dass außerdem in Bad Godesberg hauptsächlich weniger die türkische Community stark war, sondern traditionell und auch in ansteigendem Maße die arabische.
Und darunter auch solche Zeitgenossen waren, die dem wahhabitischen Islam, wie er in Saudi-Arabien vorherrscht, durchaus zugeneigt waren. Und wie das dann oftmals so ist, wo schon viele Gleichgesinnte leben, kommen dann gerne auch weitere dazu. Parallel dazu, auch das spielte in dem gesamten Themenkomplex eine gewisse Rolle.
Erlebte gerade der sogenannte Medizintourismus damals in Bad Godesberg-Aufwind mit vielen Privatkliniken, die auf der Suche nach neuer Klientel in arabischen und nordafrikanischen Staaten fündig wurden. Dadurch sah man dann im Godesberger Stadtbild beispielsweise viele Frauen, die im Niqab, also in dem schwarzen traditionellen Gewand mit verhülltem Gesicht unterwegs waren. Und diese Melange hat dann auch gleichzeitig auf der anderen Seite die Verunsicherung innerhalb der einheimischen Bevölkerung verstärkt. Also da sprechen wir dann eben von Form der Überfremdungsangst, die sich dann auch in Bürgerversammlungen, in der Kommunalpolitik äußerte und natürlich dann auch an uns als Redaktion herangetragen wurde. Also kurzum, dieser sogenannte Clash of Civilizations hat sich eigentlich wie in einem Brennglas in einem Bonner Stadtteil gebündelt. In einem Stadtteil, der bis dahin eher für Villen und Privatschulen, Reihenromantik und Postkartenmotiv bekannt war. Und daran musste man sich erstmal gewöhnen. Und man muss auch sagen, dass dieses Thema Salafismus.
Im Frühjahr 2012, also quasi wie aus einem heiteren Himmel auf die Stadt runterfiel. Ich selbst kann nicht für mich reklamieren, Religions- oder sogar Islamwissenschaftler zu sein. Ich habe mich in das Thema damals selber eingelesen und bin dann, weil das natürlich auch in anderen Regionen plötzlich akut war, mit anderen Journalistinnen und Journalisten in Deutschland und Europa in Verbindung getreten, und habe mich mit denen vernetzt, habe selber Seminare zum Thema besucht, bis ich dann irgendwann selbst auch mal als Referent auf so einer Bühne stand. Und seitdem, und gerade damals in den Folgejahren, hatte ich halt viele, viele Gespräche mit Experten, Beobachtern, Politikern, Pädagogen, Staatsschützern und teilweise auch Salafisten selbst. Und ja, im Frühjahr 2012, also jetzt genau vor 13 Jahren, da kam dann eins zum anderen.
Ich habe ja gerade schon erwähnt, am Rande dieser Episoden, die wir schon gemacht haben, ging es um einen bestimmten Tag und der soll hier heute im Mittelpunkt stehen. Du hast gerade schon gesagt, im Frühjahr 2012 kam das alles ins Laufen und wir sprechen heute speziell über den 5. Mai 2012. Vielleicht erzählst du nochmal, wie du dich an diesen Tag erinnerst als Reporter. Du warst ja da unterwegs. Genau. Also was ich noch ganz genau weiß, war, dass keineswegs so schönes Wetter war wie heute. Wir sind jetzt auch gerade im Mai. Aber dieser 5. Mai 2012 war ein sehr regnerischer Tag. Man kann fast sagen, ein trüber grauer Tag. Vor allem aber, was man morgens noch nicht wusste, das war, dass es ein sehr langer Tag werden würde. Ich bin am Vormittag von zu Hause nach Bonn-Lannesdorf gefahren. Also Lannesdorf ist ein Stadtteil von Bad Godesberg im Süden des Stadtbezirks gelegen und habe dort erst einmal die Ruhe vor dem Sturm erlebt. Denn lange Zeit passierte erst mal gar nichts. Wir kommen ja gleich darauf, was überhaupt der Anlass war.
Es war, wie schon gesagt, der 5. Mai war der erste Samstag im Mai. Der Mai ist ja nun ein Monat, in dem immer besonders viele Veranstaltungen stattfinden. Und auch an dem konkreten Tag hatten wir es in Bonn mit mehreren Großveranstaltungen zu tun, mit denen eben nicht nur die Presse, sondern auch die Sicherheitsbehörden oder die Polizei, die Ordnungsdienste beschäftigt waren. Zum einen war in der Rheinaue, also nicht weit von Bonn-Landesdorf entfernt, Rhein in Flammen. Und am Nachmittag stand dann auch noch der letzte Spieltag der Fußball-Bundesliga an.
Unter anderem mit einem Spiel in Köln, damals mit einem weniger erfreulichen Ausgang für den FC, der damals zum, ich weiß nicht wievielten Mal, in die zweite Liga abstieg. Jetzt haben wir gerade ein Wochenende hinter uns, an dem wir uns über den Aufstieg des FC freuen können. Du freust dich ja besonders darüber als Fortuna Düsseldorf. Absolut. Man muss auch hier hin und können. Wissen wir ja. Ja, wir schauen uns die Ereignisse erst mal möglichst chronologisch an. Das machen wir ja immer. Und du hast es gerade schon gesagt, es gibt ja eine Vorgeschichte zu dem Ganzen. Also der 5. Mai, der fiel ja nicht ganz so vom Himmel. Da gab es ja Ankündigungen. Vielleicht kannst du mal erzählen, was da erwartet worden war. Dafür muss man nochmal ein kleines bisschen ausholen und vielleicht kurz erklären, inwieweit da im Frühjahr 2012 mehrere Stränge der ganzen Erzählung zusammengetroffen sind. Eigentlich war es gerade ein Jahr her, dass Salafisten in deutschen Städten und in der deutschen Öffentlichkeit überhaupt erst öffentlich aufgetreten waren, nämlich 2011, da machten die plötzlich in Mönchengladbach von sich reden, wo eine Gruppe um den Konvertiten, Sven Lau.
Anfing plötzlich in den Abendstunden auf öffentlichen Plätzen öffentlich das Gebet abzuhalten. Das haben sie natürlich nicht ohne Bedacht gemacht, sondern sie wollten auf sich aufmerksam machen und wollten im Grunde auch eine gewisse Form der Machtdemonstration da dokumentieren. Das war 2011 in Mönchengladbach. Wir springen jetzt ein Jahr weiter. Ins Frühjahr 2012, wo plötzlich, man kann sagen über Nacht, in Bad Godesberg-Mehlem, wenige hundert Meter von den Ereignissen im Mai 2012, in einem ehemaligen Pizzaliefer-Service eine Moschee eröffnete. Und wie sich dann relativ schnell rausstellte, waren die Protagonisten dort eben auch diesem salafistischen Umfeld zuzuordnen. Damals sind die auch in der Öffentlichkeit einfach noch präsenter gewesen über Facebook, über das Internet, haben sich dort präsentiert und damit dann auch ihre Ideologie offen vor sich hergetragen und seinerzeit dort ganz eindeutig dokumentiert, dass sie mit liberalen Neuerungen im Islam nichts zu tun haben, sondern im Gegenteil sich eher den Beharrungskräften zuordnen. Die Stadtverwaltung Bonn hat dann ähnlich überrascht, konsterniert, hilflos reagiert, wie die Öffentlichkeit, wie die Anwohner, wie auch die Medien. Man wusste natürlich erstmal gar nicht, wie man damit umgehen sollte, weil man ja auch persönlich zunächst mal keinen Grund hatte.
Gegenüber den handelnden Personen Argwohn zu hegen. Man kannte die ja auch noch gar nicht. Aber als dann deutlich wurde, das sind also Salafisten, die im Grunde ähnliche Aktivitäten planen wie die Glaubensbrüder und Schwestern in Mönchengladbach, ist dann die Stadtverwaltung Bonn. Einen kleinen Kunstgriff eingeschritten, hat dann die Bauverwaltung in Marsch gesetzt und durch das Bauordnungsamt prüfen lassen, inwieweit das Nutzungskonzept einer ehemaligen Pizzeria auch für einen Gebetsraum trägt. Und über diesen, ja es gab keinen Rechtsstreit, aber es gab halt ein Verwaltungsverfahren und Schriftverkehr und über den sind dann diese Aktivitäten dort auch wieder eingeschlafen. Aber was wichtig ist, es war erst im April 2012, als das passierte. Und gleichzeitig begann die große Welle der öffentlichen Koranverteilung in deutschen Innenstädten. Das waren auch die Sammertisten?
Das waren, kann man sagen, auch die Salafisten, die sich schon damals in unterschiedliche Gruppierungen auffächerten und beispielsweise die Organisation Die Wahre Religion war eine, die relativ öffentlich wirksam agierte und die waren das, die unter anderem auch in Bad Godesberg oder auch auf dem Bonner Friedensplatz Korane verteilt haben. Was dann später allerdings durch die Stadt unterbunden, sprich verboten wurde. Es gab dann auch noch ein paar ganz nette Gegenreaktionen. Ich erinnere mich noch an die Bad Godesberger CDU, die dann auf der anderen Seite des Platzes das Grundgesetz öffentlich verteilt hat. Also da war dann halt hier und da dann eben auch Courage gefragt, die es dann auch da durchaus gab. So, und auf die Art und Weise sind wir also in diesen Mai 2012 hineingekommen. Wichtig dazu ist auch noch zu wissen, dass eine Woche nach dem 5. Mai, also an dem Wochenende unmittelbar darauf, Landtagswahlen anstanden. Bis dahin regierte in NRW eine rot-grüne Minderheitsregierung. Und die Partei, die sich selber Bürgerbewegung pro NRW nannte.
Die hat versucht, diese Entwicklung durch radikal muslimische Islamisten ja im Grunde auf ihre eigenen Mühlen zu lenken, dieses Wasser, und ihre rechtspopulistische Bewegung dadurch zu beleben. Man hat also im Grunde diese salafistischen Aktivitäten sich dahingehend zunutze gemacht, die Sorgen und das Unbehagen in der Bevölkerung aufzugreifen, zu überspitzen und dann eben auch auf eine durchaus polemische Art und Weise aufzugreifen. Was pro NRW, also eine rechtspopulistische Splittergruppe, die 2007 gegründet worden war, was die dann gemacht haben, sie haben im April, Mai 2012 eine regelrechte Wahlkampftournee organisiert, hatten in insgesamt 24 Städten Nordrhein-Westfalens Kundgebungen angemeldet und waren dann in derselben Woche noch, also in der ersten Mai-Woche, also am Dienstag vor diesem Samstag in Bonn war es in Solingen zu Militanten, zu Zusammenstößen mit militanten Islamisten gekommen. Also da wurde dann eben auch aus den Reihen der Salafisten die Polizei angegriffen, auch ein paar Passanten kamen zu schade und ja, es gab mehrere Verletzte und über 20 Strafanzeigen. Also im Grunde vier Tage vor dem, was dann an dem Samstag in Lannesdorf passiert ist. Ganz genau. Warum Lannesdorf? Das muss man vielleicht mal erklären. In Lannesdorf gab es die König Fahd Akademie. Das war eine saudische Schule, die noch zu Bonner Hauptstadtzeiten gegründet worden war, um Kindern arabischer Herkunft zu vermitteln.
Dort einen vorübergehenden Schulbesuch zu ermöglichen, beispielsweise für die Zeit, in der ihre Eltern als Diplomaten in Bonn akkreditiert waren oder eben auch Kinder von Personen, die sich medizinisch in Bad Godesberg behandeln lassen. Das war dann später einer der Anlässe, warum es diese Klientel gab. Allerdings, es gibt die Begriffe Ersatzschule und Ergänzungsschule. Die eine Variante ist eine vollwertige Schule, die also im Grunde dauerhaft besucht werden darf und um den dauerhaften Besuch an einer Ergänzungsschule wie der König Pfad Akademie zu erlauben, bedurfte es Sondergenehmigungen durch die Schulverwaltung. Und der Vorwurf an die Bonner Stauwaltung war seinerzeit, dass sie sehr freigiebig mit diesen Sondergenehmigungen gewesen sei und deswegen diese König Pfad Akademie im Grunde eine Magnetfunktion bekommen hat für Leute, die eher in dem strenggläubigen muslimischen Schiene unterwegs waren. So, dazu muss man wissen, dass die Architektur der Königfahrtakademie in der äußeren Anmutung auch so ein bisschen an eine Moschee erinnert, mit einem schlanken Turm in der Art eines Minarets, dass sie aber eben eine Schule war und deswegen für Menschen, die, sagen wir mal.
Per se dem Islam gegenüber kritisch oder ablehnend gegenüberstehen, natürlich auch für den einen oder anderen sicherlich auch eine Provokation darstellte. Und nicht zuletzt gab es einen Skandal um diese Schule, der allerdings zu der Zeit bereits zehn Jahre zurück lag. Da war die König-Fahrt-Akademie nämlich ins Visier des Verfassungsschutzes geraten, weil dort einzelne Lehrer den Heiligen Krieg gepredigt haben sollten und weil eben auch Material in Büchern nicht mit dem Grundgesetz in Einklang zu bringen schien. Dieser Skandal war aber, wenn man ehrlich ist, 2012 längst kalter Kaffee und ich habe auch ganz lustig, muss man sagen, im Nachhinein zufälligerweise noch wenige Tage vor dem 5. Mai mit dem Direktor dieser Königfahrtakademie über Salafisten und Islamisten gesprochen und da hat er sich sehr eindeutig und auch... Ablehnend, einordnend über die Bewegung geäußert und hat bekundet.
Dass diese König-Fahrt-Akademie absolut und unmissverständlich zu den deutschen Gesetzen und zum Grundgesetz stehe. Insofern kann man sagen, sind da die Rechtspopulisten so gesehen vielleicht um zehn Jahre zu spät gekommen. Wie auch immer, sie haben sich auf jeden Fall die Genehmigung besorgt, nicht nur in Sichtweite, sondern man kann sagen unmittelbar vor dieser König-Fahrt-Akademie zu demonstrieren. Also wir haben ja im Grunde zwei Akteure bei dieser angemeldeten Demo. Steht ja auf der einen Seite Pro NRW, hast du gerade schon gesagt. Und diese Partei oder Bürgerbewegung gibt es ja heute nicht mehr, beziehungsweise als Partei haben die sich im März 2019 aufgelöst und sind in einen Verein umgewandelt worden. Und diese Bürgerbewegung pro Nordrhein-Westfalen oder kurz pro NRW, das war eine rechtsextreme und verfassungsfeindliche Kleinstpartei. Die Keimzelle von pro NRW, die lag in Köln, also bei pro Köln. Die Aktivitäten wurden dann aufs gesamte Kölner Stadtgebiet und schließlich auf ganz NRW ausgeweitet. Hass und Feindbild war der Islam und da muss man natürlich dazu sagen, es war glaube ich nicht nur der salafistische Islam, sondern im Grunde der Islam an sich. Also auf der einen Seite stehen an diesem 5. Mai Rechtsextremisten und auf der anderen stehen Salafisten, also Verfechter des radikalen Islam.
Was genau, damit wir das jetzt auch mal klarziehen, macht denn eigentlich den Salafismus aus? Was ist das für eine Strömung? Also um es ganz kurz und prägnant zu skizzieren, dann sprechen wir da über die Anhänger einer ultrakonservativen islamistischen Strömung, die im Grunde eine geistige Rückbesinnung auf die sogenannten Altvorderen, das sind die sogenannten Salaf, anstrebt. Also die Altforderin des Islam in der Zeit Mohammeds, also im 7. Jahrhundert. Zu diesem Zweck streben sie eine vollständige Umgestaltung von Staat, Gesellschaft und individuellem Leben nach dem Vorbild der ersten Generationen des Islam an. Interessant finde ich ja, dass inzwischen durch Studien belegt wurde, dass sich radikale Islamisten und Rechtsextremisten in Deutschland und wahrscheinlich auch anderswo quasi gegenseitig stärken und damit so eine Art Radikalisierungsspirale erzeugen. Die Politikwissenschaftlerin Susanne Pickel von der Uni Duisburg-Essen hat dazu unserer Redaktion kürzlich gesagt, Zitat, radikaler Islam kann in Deutschland besonders gut Fuß fassen, wenn es eine Gegenbewegung gibt, die vertritt, dass der Islam hierzulande keinen Platz hat, die von einer Islamisierung des Abendlandes spricht. Das kommt uns ja auch bekannt vor. Da gab es ja auch Pegida dann noch ein paar Jahre später.
Also eine rechtsradikale Bewegung, kurz gesagt. Die Radikalisierungsspirale meint, dass Muslime Angst vor Diskriminierung und Bedrohung durch Rechtsextremisten haben und dass radikale Rechte Angst vor einer Bedrohung durch den Islam haben. Und das schaukelt sich dann hoch. Ich denke, auch für den 5. Mai kann man sicher von so einer Art Radikalisierungsspirale sprechen, oder? Also sicher ist da was dran, denn so ein Feindbild ist natürlich immer gut, wenn es um Identifikationsstiftung geht, wenn man sich hinter einer gemeinsamen, einheitlichen Flagge versammeln kann. Ich weiß auch noch, wie ich am Abend des 5. Mai irgendwann spät zu Hause saß und versucht habe, die Bilder in meinem Kopf alle mal zu sortieren und meine Eindrücke ein bisschen abzukühlen, weil man ja doch auch selbst in einem gewissen Erregungszustand von so einer Veranstaltung zurückkommt. Und was ich noch weiß, ist, dass mir am Abend schon irgendwo klar wurde.
Im Grunde haben beide Seiten an dem Tag genau die Bilder bekommen, die sie vorher haben wollten. Also die Rechtspopulisten konnten im Grunde den Beweis auf ihre Fahnen schreiben, dass Islamisten oder vielleicht sogar Muslime per se leben. Die antidemokratisch und gewaltbereit oder sogar gewalttätig sind.
Und die Islamisten konnten auf ihre Fahnen schreiben, dass insbesondere die böse deutsche Polizei gegen den Islam gewalttätig vorgeht. Weil die das ermöglicht haben, dass Pro NRW da demonstriert. Genau, also insofern, ich habe damals, glaube ich, irgendwann mal in einem Kommentar oder in einem Beitrag von einer Art Wanderzirkus etwas despektierlich, muss ich zugeben, geschrieben. Angesichts dessen, was ja vorher schon in Solingen und in anderen Städten passiert war, Denn da trafen sich ja dieselben Gestalten immer wieder und ja, eigentlich konnte man vorher dann schon ahnen, was passieren würde. Zu der Studie insofern, ja, oberflächlich würde ich da zustimmen. Ich würde allerdings schon auch ein bisschen davor warnen, es bei dieser Korrelation als Erklärungsmuster zu belassen. Wenn wir jetzt die Hoffnung hegen, dass wir den Islamismus besiegen, wenn wir den Rechtsextremismus besiegen und umgekehrt, wäre das meines Erachtens zu kurz gegriffen. Weil der Islamismus ja nicht primär den Rechtsextremismus im Visier hat, sondern die liberale, weltoffene Gesellschaft. Genau, wie der Rechtsextremismus. Ja, genau. Und außerdem ist der Islamismus ja auch gerade in Ländern stark, wo es keine deutschen Rechtsextremen gibt, sondern wo der Islam auch Staatsreligion ist. Das muss man natürlich kritisch auch anmerken.
Was man allerdings auch noch sagen kann, das finde ich interessant, wenn es um das Thema Pro NRW geht, das ist nämlich, und da sind wir wieder beim Frühjahr 2012, ebenfalls wenige Tage vor den Demonstrationen, eine Razzia in mehreren Städten in NRW gegeben hat, unter anderem in Düsseldorf, Essen, Wuppertal, Rade vorm Wald. Und zwar richtete sich diese Polizeiaktion gegen eine mutmaßliche Neonazi-Gruppe und in dem Zusammenhang wurde unter anderem auch das Fraktionsbüro von Pro NRW in Rade vorm Wald durchsucht, weil nämlich die Strafverfolgungsbehörden damals informelle und personelle Überschneidungen oder Zusammenhänge vermuteten. Also der Verdacht ist dann später im Sande verlaufen und Pro NRW hat natürlich damals gesagt, Das sei ein durchsichtiges Manöver, um deren Wahlkampf zu durchkreuzen und sie zu diskreditieren. Gut, letztlich wissen wir, wie diese kurze Blüte von Pro NRW dann auch endete, nämlich mit 1,5 Prozent bei dieser Landtagswahl dann eine Woche später. Also viel gebracht hat es Ihnen nicht.
Was das Ganze dann an diesem Samstag in Bonn zum Eskalieren gebracht hat, ist das, was bei vielen Kundgebungen von Pro NRW schon passiert ist, in anderen Ländern auch bei anderen Kundgebungen schon passiert ist. Die haben nämlich Mohammed-Karikaturen hochgehalten. Kannst du darauf nochmal eingehen? Ja genau, das hatten sie sogar vorher angekündigt. Das war im Grunde so der große Show-Act, der Höhepunkt des Tages. Man hatte angekündigt, vor den Moscheen oder in Sichtweite zu Moscheen oder eben auch zu der König Fahd Akademie.
Islamkritische Karikaturen oder Bilder zu zeigen, unter anderem auch die berühmt-berüchtigten Mohammed-Karikaturen von Kurt Westergaard. Vielleicht kurz zur Erklärung, wir sprechen jetzt hier nicht über irgendwelche Schmäh-Skizzen oder Schmierereien, sondern Kurt Westergaard ist ein renommierter Karikaturist, der 2010 für eben diese Karikatur, die, wie man wissen muss, den Propheten Mohammed zeigt, mit einem Turban, welcher die Gestalt einer Bombe, einer gezündeten Bombe hat. Und dafür hatte er 2010 sogar den Preis für Zivilcourage und Pressefreiheit erhalten und wurde von Angela Merkel für sein Mut gewürdigt. Insofern bestand natürlich da auch eine schwierige Gemengelage und in keiner Weise war eine Option, das Zeigen dieser Karikaturen einfach mal zu verbieten. Allerdings, logischerweise, hatten auch Vertreter der Regierung, sowohl Bundesregierung, der Bundesinnenminister war damals Hans-Peter Friedrich von der CSU, aber auch die nordrhein-westfälische Landesregierung hatten natürlich Sorge, dass das passieren könnte oder passieren würde, was dann auch passiert ist. Und haben auch noch versucht, das Zeigen dieser Karikatur untersagen zu lassen, polizeilich, und sind damit aber gescheitert. Weil es eben unter die Meinungsfreiheit fällt, logischerweise.
Was passiert denn dann, als die Karikaturen gezeigt werden? Das ist ja im Grunde ein Theaterstück, was sich da abspielt, nur leider mit ziemlich realem Bezug. Denn man hat so das Gefühl, die Pro-NRW-Leute, die wissen ganz genau, was sie machen, wenn sie die Karikaturen zeigen. Und auf der anderen Seite, die radikalen Muslime, die ja da unter den Gegendemonstranten sind, die wissen auch ganz genau, was sie tun und was ihr Drehbuch ist. Also zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich sehe, was dann passiert.
Ja, wie ich schon geschildert habe, verlief der Tag vor Ort eigentlich erstmal ziemlich ruhig. Mehrere Stunden lang passierte genau genommen erstmal gar nichts. Es trudelten langsam Demonstranten ein, also Teilnehmer der Gegendemonstrationen. Polizei war vor Ort und so langsam füllte sich dann der Platz vor der Königfahrtakademie, an denen unmittelbar eine Straßenkreuzung grenzte. Und auch auf der anderen Seite der Fläche sind mehrere Straßen, die da zusammenlaufen. Also wir haben im Grunde einen großen, großen Kreuzungsbereich.
An dem sich fünf, sechs, sieben Straßen treffen. Ich würde mal sagen, der ganze Mittag dümpelte so dahin und es hätte auch irgendeine andere Versammlung sein können unter Ferner Liefen. Da war also nicht viel Bedrohliches, das da in der Luft lag. Also da sind wir dann ungefähr um den späten Mittag und wie wir eben schon gesagt haben, stehen sich diese beiden Gruppen gegenüber abgetrennt durch die Polizei? Noch nicht, noch nicht. Also erst füllte sich eigentlich der Bereich der Gegendemonstrationen und den hatte die Polizei abgesperrt mit Absperrgittern. An den Absperrgittern gab es auch eine Zugangskontrolle und auf der anderen Seite war eine Polizeikette durch Polizeifahrzeuge gebildet worden, die dann später eigentlich auch den Sichtschutz zur Gegenseite darstellen sollte. Jenseits dieser Fahrzeugkette war dann der Platz für Pro NRW vorgesehen. Allmählich füllte sich also die Fläche mit den Gegendemonstranten und begann die Demonstration mit Reden von der Pritsche eines LKWs runter mit Megafon und Mikrofon. Das war eine Mischung aus, ich sag mal, so Larifari-Lakon.
Die nicht weiter von Belangen waren. Und zwischendurch allerdings sprach auch schon der ein oder andere islamistische Prediger, der später dann noch in der Szene von sich reden machen sollte. Und da merkte man schon, dass sich die Menge langsam aufheizte. Der Platz war inzwischen auch gut gefüllt, waren viele Leute da. Später konnte man sagen, es waren insgesamt etwa so 200 Personen an der Gegendemonstration beteiligt. Vielleicht ein bisschen mehr, 200, 250. Nicht nur Personen, die eindeutig dem muslimischen Milieu optisch zuzuordnen waren, sondern waren auch ein paar Leute eher aus dem linken politischen Spektrum, Antifa, Linksjugend, also vielleicht ein Dutzend, die auch eben da waren, um gegen Pro NRW zu demonstrieren. Ja und dann geschah folgendes, als die ersten Reden vorbei waren, die auch im Duktus an Aggressivität gewannen, da knieten plötzlich dann gut und gerne so 50, 60 Männer in der vordersten Reihe nieder und fingen an zu beten. Bei den Gegendemonstranten wohlgemerkt. Bei den Gegendemonstranten, ja. Also erkennbar Muslime, die knieten dann zum muslimischen Gebet und das ganze schwoll dann halt an in dem Skandieren von Allah-Wakbar.
Kann man sich vorstellen, wenn mehrere Dutzend kräftiger Männer stimmen, das dann skandieren, das hat schon dann eben auch ein gewisses Potenzial, um daraus einen gewissen Handlungsmut abzuleiten. und man merkte, die schienen sich auf irgendwas vorzubereiten. Irgendwann dann erst danach trudelte Pro NRW überhaupt ein. Die wurden also extra von der Polizei über einen anderen Weg dann zu ihrem Standort geleitet, kamen mit so einem Van und zwei, drei Privatwagen dort an und ihre Zahl lag bei ungefähr knapp 30 Teilnehmern. Also zwischen der Gegendemonstration und Pro NRW, Würde ich sagen, war eine Distanz von knapp 50 Metern. Und dazwischen stand die Reihe aus Einsatzfahrzeugen der Polizei. Es war genau 15.30 Uhr, also beste Bundesliga-Zeit, als dann pro NRW, wie angekündigt, diese Karikaturen hochhielt. Die Polizei hatte ja geplant, dass die Gegendemonstranten diese Karikaturen eigentlich gar nicht sehen sollten. Durch den Sichtschutz. Das hatte aber nicht damit gerechnet, dass der Koordinator der Reden von dem LKW, also der Moderator der Veranstaltung, Veranstalter der Demonstration war der Rat der Muslime in Bonn.
Dass der lauthals dann schrie, da sind die Karikaturen, sie zeigen die Karikaturen, da sind die Karikaturen. Und das mit sich überschlagender Stimme. Ich stand also direkt hinter den Polizeibeamten an den Fahrzeugen und hörte dann auch schon direkt, wie die Polizisten sich verständigten und das Stichwort Steine einander zuriefen. Und dann kam auch der erste Hagel schon in unsere Richtung geflogen und es handelte sich halt so um handelsübliche Pflastersteine. Ich höre noch, wie der Polizeiführer seinen Leuten zuruft, Steine. Und der Einsatzleiter Dieter Weigelt, der Einsatzleiter der Polizei, sprach dann am nächsten Tag in der Pressekonferenz von Kindskopf großen Steinen. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Okay, wir sind jetzt also schon quasi in der Eskalation. Wir müssen vorher einmal erwähnen, dass um 14.30 Uhr, also ungefähr eine Stunde vorher, unser Protagonist sozusagen dieses Falls eintrifft, Murat K.
Wir nennen hier wie immer seinen Nachnamen natürlich nicht. Wir haben uns aber in diesem seltenen Fall entschieden, seinen Vornamen nicht zu verändern. Ehrlich gesagt schlicht und ergreifend, weil dieser Name ein so geläufiger türkischer Vorname ist, dass wir ihn dadurch vermutlich nicht identifizierbar machen. Lass uns mal kurz über Murat K. und seinen Lebensweg sprechen. Ganz viel ist ja nicht bekannt, aber ein bisschen was wissen wir ja. Tatsächlich ist Murat K. bis zu jedem Tag niemand, den man, wie man so sagt, auf dem Zettel hatte. Um es kurz zu sagen, viele Informationen über ihn und seine Person kommen erst im Laufe des Prozesses an die Öffentlichkeit.
Insofern tappte die Polizei und natürlich mit ihr auch die Medien und die Öffentlichkeit hinsichtlich dieses mutmaßlichen Täters dann in der ersten Zeit nach der Tat ziemlich im Dunkeln. Im Prozess wurde Murat dann als einer von drei Söhnen einer türkischen Einwandererfamilie, der in der Kreisstadt in Hessen geboren und in der nahegelegenen Kleinstadt aufgewachsen ist. Dort lebte er 2012, also zum Zeitpunkt des Angriffs noch, nur ein paar hundert Meter entfernt von seinem Elternhaus. Also mit anderen Worten, er ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, hat aber den türkischen Pass.
Er geht zunächst auf die Gesamtschule, wechselt dann auf die Hauptschule und dann ist er bis etwa 2005 Schüler an einer Berufsfachschule, hält sich dann anschließend mit Gelegenheitsjobs über Wasser, der arbeitet unter anderem als Postsortierer, Verpacker oder auch bei Amazon. Eine Ausbildung zum Industriemechaniker, die bricht er nach einem Jahr ab und lebt dann von Sozialleistungen, also zu dem Zeitpunkt Hartz IV. Er wird auch kriminell und insbesondere gewalttätig, prügelt sich vor Diskotheken, wird dadurch logischerweise Polizei bekannt und er muss sogar 2005 dann schon eine Jugendstrafe verbüßen. Und irgendwann, das ist übrigens gar nicht mal so lange vor den Ereignissen im Mai 2012, also ich habe in einer Quelle gefunden, dass das tatsächlich erst seit ein paar Monaten so gewesen sein soll. Er selbst spricht von ein paar Jahren. Da tritt dann jedenfalls ein Wandel in Murad Kahrs Leben ein. Er kommt übrigens nicht aus einer religiösen Familie, also da hat er das nicht mit aufgesogen oder so. Jetzt wendet er sich aber plötzlich ganz intensiv dem Islam zu. Der lässt sich diesen langen Bart stehen, das ist ja so eine Art Erkennungszeichen, gerade im Salafismus, wird als Zeichen der Frömmigkeit gesehen. Der trägt jetzt auch diese für Salafisten typische Kleidung nach Vorbild des Propheten und er schließt sich einer kleinen Gruppe strenggläubiger Muslime an.
Auszüge aus psychosoziale Aspekte von Radikalität und Extremismus. In der Fachdebatte herrscht weitestgehend Einigkeit darüber, dass die meisten Menschen, die sich radikalisieren, nicht psychisch krank sind, dass sie aber häufig bereits im Vorfeld der Radikalisierung ein antisoziales Verhalten zeigen. Nicht selten geht dem Anschluss an eine radikale Gruppierung eine kriminelle Vergangenheit voran. Vor dem Hintergrund bestimmter psychosozialer Problematiken entfaltet der Anschluss an eine radikale oder extremistische Gruppierung für diese Klientinnen und Klienten also eine entlastende Wirkung. Verhaltensweisen, die außerhalb als problematisch wahrgenommen werden können, gelten innerhalb der Gruppe mitunter sogar als Ressource. Welcher Weltanschauung bzw. Pseudoreligiösen oder völkisch-rassistischen Überzeugung sich ein Mensch letztlich anschließt, scheint dabei eher in seiner individuellen Biografie begründet zu sein, sowie von Verfügbarkeiten und Gelegenheiten abzuhängen. Quelle Infodienst Radikalisierungsprävention der Bundeszentrale für politische Bildung. Also die Frage, die man sich ja gerade bei so jemandem stellt, ist, wieso radikalisiert sich so jemand? Das ist ja eigentlich ein Typ, der so ein bisschen auf die schiefe Bahn geraten ist und sein Ausweg ist dann der radikale Islam.
Wirklich simpel klingt, aber das ist so ein Muster, das wir in diesen salafistischen Zusammenhängen, auch im prozessualen Bereich, immer wieder gesehen haben. Es gab ja dann in den Jahren drauf viele, viele Hauptverhandlungen in unterschiedlichsten Zusammenhängen mit Anschlägen und versuchten Tötungsdelikten. Und immer wieder war gesellschaftliche Anerkennung eigentlich das Thema, als wesentlicher Faktor, also versagte gesellschaftliche Anerkennung. Ich will es mal so sagen, wenn ich mangels Bildung, Sprachkenntnissen oder anderen Gründen für Perspektivlosigkeit keine Anerkennung finde, dann suche ich mir die eben mitunter bei denjenigen, die sie mir versprechen. Also der hessische Verfassungsschutz, der kennt Murat damals zwar als Mitglied der salafistischen Szene, ordnet ihn aber eindeutig als Randfigur ein und nicht als Ton angeben. Und auch das wirkt in einer gewissen Weise typisch. Also man will raus aus der Rolle als armes Würstchen und entschließt sich dann dazu, irgendetwas Herausragendes zu tun, mit dem man sich dann eben beweisen will. Ja, im Grunde hat er das ja erreicht, was er wollte, als er dann später im Laufe des Prozesses von seinen Glaubensbrüdern und seinen Gleichgesinnten den Ehrentitel Löwe von Bonn verliehen bekam. Also er ist kein Tonangeber bis zu diesem Zeitpunkt. Vielleicht ist es sogar so, könnte man auch spekulieren, dass er vielleicht dann auch nicht so viel zu verlieren hat. Und vielleicht sind es dann oft diejenigen, die dann solche Rollen spielen.
An diesem 5. Mai ist es jedenfalls jetzt Murat K., der die Polizeibarriere schließlich durchbricht. Das ist dann gegen 15.30 Uhr. Und wir haben es ganz zu Beginn gehört, mit einem Messer mehrmals zusticht. Hast du denn eigentlich als Reporter, du warst ja dabei von diesen Angriffen, selbst was mitbekommen? Ja, ich stand direkt hinter der Polizeikette und merkte, dass die Situation dabei war, der Polizei zu entgleiten. Denn die gesamte Lage wurde spürbar unübersichtlich. Es war ja so, dass von außerhalb des eigentlich kontrollierten Bereichs, in dem die Polizei vorher auch Kontrollen durchgeführt hatte, um dort überhaupt rein zu gelangen, Plötzlich Steine flogen und um diese Steinwürfe, um denen Einhalt zu gebieten, hat die Polizei im Grunde diesen abgeschlossenen Bereich zwangsläufig öffnen müssen.
Und dann wurde die Lage unübersichtlich. Also ich hörte erst mal nur, sowohl über Funk als auch analog, wie Polizisten nach Verstärkung riefen und sah dann auch im Augenwinkel die, so halb über die Motorhaube eines der Einsatzfahrzeuge hinweg, wie Polizisten zu Boden gingen. Ich wusste aber noch nicht, warum. Später stellte sich das heraus, dass es sich um die 30-jährige Polizeikommissarin handelte und ihren 35 Jahre alten Kollegen, die da durch Messerstiche schwer verletzt worden waren. Das Ganze war direkt angrenzend an der Befriedungsmauer der Königfahrtakademie.
Gleichzeitig hatten die Gegendemonstranten, also sprich die Salafisten, sich in angrenzenden Straßen, die sich in Sichtweite noch befanden, auch Wurfmaterial, Wurfgeschosse in Vorgärten zusammengesucht bis hin zu Mülltonnen, aber eben auch Steine oder ich habe noch genau vor Augen, wie ein Jägerzaun im Grunde in seine Einzelteile zerlegt wurde, um daraus eben Knüppel zu machen. Und gleichzeitig, das muss man sich halt mit der entsprechenden Geräuschkulisse das Ganze vorstellen, steht also der veranstaltete Demonstration auf dem Lastwagen und schreit hysterisch, nehmt die Plakate runter, nehmt die Plakate runter in Richtung Pro NRW und das ist nicht der Islam zu seinen Glaubensgeschwistern. Und in diesem Getümmel, wo es hin und her wogte und sich kleine Grüppchen bildeten, die miteinander kämpften, da kam es dann zu diesen Messerstichen. Und zwar hat der Täter es ja insgesamt dreimal versucht und hat zweimal Erfolg gehabt. Was ich jetzt erzähle.
Das habe ich natürlich nicht mitbekommen, sondern das hat sich dann später aus den Prozessakten ergeben. Also der Murat K. hatte ein 22 Zentimeter langes Messer dabei, das hatte eine 10 Zentimeter lange Klinge, das hatte er in der Tasche. Hatte er so geschützt, hatte sich selbst aus Papier eine Scheide gebaut, um sich nicht selbst zu verletzen. Hatte sich dann zu einer Gruppe begeben, die gerade dabei war, Steine in Richtung der Polizei zu werfen und sich dann da in dieser aufgeheizten Stimmung mit hochgeschaukelt und heiß gemacht. Ich weiß noch, das habe ich wiederum selbst gesehen, dass die militanten Salafisten anfingen, so Ketten zu bilden und die Schals und Tücher vor das Gesicht zu ziehen oder auch Brillen aufzuziehen, weil teilweise die Polizei auch Tränengas zum Einsatz gebracht hat. Und dann, wie schon gesagt, ist die Polizei sozusagen ausgeschwärmt außerhalb dieser Absperrgitter und war dann auch in mehreren Fällen in Eins-zu-eins-Situationen mit den gewaltbereiten Gegendemonstranten konfrontiert. Und auf die Art und Weise, in der Unübersichtlichkeit dieses Chaos, ist es dann dazu gekommen, was eigentlich nicht hätte passieren dürfen, dass einige der Angreifer wiederum in den Rücken der Polizei gelangen konnten.
Und ja, Murat hat offenbar ganz genau gewusst, wo die Schwachstellen der Polizeiausrüstung sind. Nämlich, wir kennen diese Westen, die die Polizeibeamten tragen, aber die Weste endet ja irgendwo im Hüftbereich und unterhalb der Weste tragen Polizeibeamte vielfach dann eben relativ, zwar ein bisschen wattierte, dickere Hosen, aber in Anführungsstrichen normale Hosen, durch die man zumindest mit dem Messer durchstechen kann. Und das hat er genau versucht. Beim ersten Polizisten ist er damit gescheitert, der konnte ihn noch abwehren.
Und der zweite Versuch war dann erfolgreich. Also er hatte gezielt das Messer so gehalten, dass er sozusagen in einem 45-Grad-Winkel von unten in Richtung Beine stechen konnte. Er hatte zunächst... Ein Polizeikameramann auf die Art und Weise verletzt. Der hat dann auch noch seine Kamera verloren und ist hingefallen. Der wurde von Murat K. in den linken Oberschenkel getroffen von außen. So, und dann kam eine andere Polizeibeamtin ins Spiel, die versuchte, den Murat K. aus der Kreuzung zu drängen. Und die ist ja ebenfalls in dieser leicht gebückten Haltung angegangen und hat auch ihr gezielt in den Oberschenkel gestochen, allerdings eher auf der Innenseite. Sie hat zwei Treffer bekommen, zwei Schnittwunden davon getragen. Erst im linken Oberschenkel, dann oberhalb des Knies auch ins rechte Bein. Also im Krankenhaus hat man später im einen Bein eine 10 cm und im anderen Bein eine 5 cm lange Schnittwunde diagnostiziert. Vielleicht, um es nochmal zu veranschaulichen, wie ernst die Situation gerade für Sie war, da hieß es im Prozess, das kam also mehrfach auch zum Tragen, wäre das Messer bei dem Stich in die Innenseite des linken Oberschenkels nur etwa einen Zentimeter tiefer eingedrungen, wäre die Oberschenkelarterie verletzt worden. Zitat Ende. Also sprich, es hätte akute Lebensgefahr bestanden. Insgesamt werden an diesem Tag 109 Personen am Ende festgenommen und 29 Beamte werden verletzt. Zwei davon, das haben wir gerade schon gehört, schwer.
Weißt du eigentlich, wie es den beiden Beamten heute geht? Wir haben mehrfach versucht und zwar unterschiedliche Kollegen von uns haben mehrfach versucht Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Die Versuche sind aber alle über die Pressestelle abgeblockt worden mit der Information, dass sie nicht öffentlich über die Ereignisse von damals sprechen wollen, was man ja auch zu respektieren hat. Was wir wissen ist schon, dass sie sich erholt haben, dass es ihnen den Umständen entsprechend wieder gut geht und dass sie auch noch im Polizeidienst sind. Von der Kollegin, von der Polizistin war mal zu lesen, dass sie immer noch Angst, wenn sie sich in die Nähe größerer Menschengruppen bewegen muss, ohne dass sie es unbedingt will. Ich kann aber nicht beurteilen, inwieweit, Auch da schon der Heilungsprozess vorangeschritten ist. Ich meine, wir hoffen mal, dass da eben auch die psychologische Betreuung innerhalb der Polizei so gut funktioniert, dass die beiden Beamten eben auch psychisch wieder vollhergestellt werden. Ja, auf jeden Fall.
Vor Gericht haben die beiden jedenfalls gesprochen. Die haben ja beide da ausgesagt. Und ihre Nebenklagevertreterin, Gudrun Roth, die hat betont, dass es, Zitat, lediglich dem Zufall zu verdanken sei, dass die Opfer diese Messerattacken überlebt haben. Das hast du ja auch gerade schon mal ausgeführt. Der damals 35 Jahre alte Beamte, der hatte eine 16 Zentimeter lange und bis zu vier Zentimeter tiefe Schnittwunde erlitten und war fast vier Monate berufsunfähig. Und zur Kollegin hast du gerade schon was gesagt, die war durch Stiche an beiden Oberschenkeln verletzt worden und drei Wochen krankgeschrieben. Beide haben berichtet, dass sie noch nie eine vergleichbare Situation erlebt hätten. Und für die Beamtin hatten das Vorgehen und das Auftreten der gewalttätigen Demonstranten eine ganz neue Kategorie. Sie hatte den Eindruck, dass die Angreifer, Zitat, bis zum Schluss kämpfen wollten und dass es, Zitat, vielleicht um Leben und Tod ging.
Ja, im Grunde kann ich das dahingehend bestätigen, dass die Entschlossenheit der Gegendemonstranten mit Händen zu greifen war. Und da bin ich auch wieder bei diesem martialisch wirkenden Gebet. Das hatte sowas wie von dem letzten Gebet vor einer Schlacht mit ein bisschen Fantasie zugegebenermaßen. Aber nicht nur in diesem Prozess ist ja dann auch sehr schnell deutlich geworden, dass sich dieses Milieu eben nicht als Demonstranten versteht, sondern als Kämpfer. Und vor dem Hintergrund ist dieser Aspekt mit Leben und Tod meines Erachtens nicht völlig aus der Luft gegriffen. Auch die äußeren Merkmale, wie die Klientel im Gerichtssaal auftritt, spricht Wende. Ich kenne das von Prozessen am Oberlandesgericht in Düsseldorf, wie diese dort angeklagten Salafisten auftreten. So war das im Grunde auch auf etwas kleinere Flamme bei dem Murat K. Vielleicht erzählst du mal, wie er vor Gericht sich gegeben hat.
Also äußerlich war er auf jeden Fall eindeutig, hatte sich also eindeutig bemüht, den salafistischen Kleidungsstandards zu entsprechen mit Bart und typischer weiter Hose. Er hat sich ja eingelassen zur Sache und hat ja erklärt, er habe eine Aufgabe gehabt, Zitat. Und zwar deswegen, weil der Prophet beleidigt worden sei.
Dann hat er noch ein paar spezielle Einlagen gehabt. Er hat unter anderem mit dem Grundgesetz durch den Gerichtssaal geworfen und hat gesagt, dass das halt nicht sein Gesetz sei, sondern dass sein Gesetz ausschließlich der Koran darstelle und ein ganz beliebter Sport. Dort unter Salafisten im Gerichtssaal ist es auch demonstrativ sitzen zu bleiben, wenn das Gericht den Saal betritt, das steht man ja normalerweise auf. Salafisten bleiben dann sitzen, erhalten dann meistens eine Ordnungsstrafe, die dann eine mögliche Haft nochmal um ein, zwei Tage verlängert. Und das ist dann mit einkalkuliert sozusagen? Das ist einkalkuliert, das ist im Grunde dann Teil der Demonstration. Also es gab ja tatsächlich später auch noch ein Video, das auftauchte in einschlägigen Internetkanälen mit der unverholenen Drohung, ihn freizupressen aus der Haft, indem man wahllos irgendwelche Leute als Geiseln nimmt. Also so ein bisschen nach dem Vorbild der RAF, was dann natürlich auch die Sicherheitsbehörden entsprechend alarmiert und aufgeschreckt hat, aber es ist dann nie zum ernsten Versuch gekommen, der bekannt geworden wäre. Ja, die dritte große Strafkammer des Bonner Landgerichts spricht Murat K. am 19. Oktober 2012 schuldig wegen Landfriedensbruchs, gefährlicher Körperverletzung in drei Fällen und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte.
Es wird eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren verhängt, nach deren Absitzen soll Murat K. ausgewiesen werden. Das Tatmesser wird eingezogen und der Angeklagte muss den verletzten Beamten Schmerzensgeld zahlen. Denn begründet wird die Strafzumessung vor allem mit den bewussten Zielen auf die ungeschützten Oberschenkelregionen. Das hatten wir ja gerade schon.
Also er nahm dadurch bewusst in Kauf, die Opfer möglicherweise tödlich zu verletzen durch Treffen der Oberschenkelarterie.
Da kann ich nur sagen, auch bei der Urteilsverkündung hat Murat K. Das Verhaltensmuster an den Tag gelegt, das ich eben schon mal versucht habe zu beschreiben. Also er war äußerlich absolut gelassen und hat so ein bisschen wie in der Schule beim Nachsitzen gelangweilt mit den Fingern am Tisch rumgetrommelt. Da war also von Reue nichts zu spüren oder zu sehen oder zu hören. Interessant war noch, das Urteil hat insofern überregional für Aufmerksamkeit gesorgt, als das Landgericht Bonn im Strafmaß über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinausgegangen ist.
Nicht signifikant, aber immerhin um drei Monate. Also es gab dann sechs Jahre Haftstadt, fünf Jahre und neun Monate. Und damit, das war zumindest die Bewertung, auch in überregionalen Medien habe das Landgericht Bonn ein klares Zeichen im Umgang mit religiösen Extremisten gesetzt. Der vorsitzende Richter Klaus Reinhoff, der fand am Ende dieses Prozesses sehr deutliche Worte. Zum einen sagte er, dass Murat K. sich in Anspruch genommen habe, für alle Muslime zu sprechen. dass das eine Anmaßung gewesen sei. Und er nannte ihn einen Prototyp eines Fanatikers und stufte ihn als hochgefährlich ein. Er attestierte Murat K. an grenzenloser Selbstüberschätzung zu leiden und offensichtlich jeden Bezug zur Realität verloren zu haben. Wie Murat K. sich dem gegenüber verhalten hat, das hast du ja schon hinlänglich beschrieben. Und was ich sehr interessant finde, ist, dass dann dieser Verurteilte, der das ganze Gericht und diesen ganzen Staat, in dem er lebt, ja gar nicht anerkennt, Revision einlegt. Also die Rechte, die ihm dieser deutsche Staat garantiert, nutzt. Und er hat damit auch Erfolg. Der BGH, der Bundesgerichtshof, hebt die gegen Murat K. Verhängte Strafe etwa ein Jahr später teilweise auf. Was hat es denn damit auf sich?
Ja, das stimmt. Der BGH hat das Urteil aufgehoben bzw. Eine Wiederaufnahme des Prozesses angeordnet. Wobei man jetzt nicht glauben sollte, dass es da um materielle Belange, beispielsweise um Fehler in der Beweisaufnahme oder dergleichen gegangen sei, sondern wie so oft bei Revisionen sind es ja oftmals formelle Rechtsfehler, die dann moniert werden. Und insofern hat der BGH, also der Bundesgerichtshof, zwar das Urteil im Schuldspruch bestätigt, allerdings im Strafmaß aufgehoben und das damit begründet, dass es bei der Strafzumessung in dem ersten Urteil zu Rechtsfehlern gekommen sei. Also was dann passierte, war im Grunde eine neue Schleife, die das Verfahren nochmal gedreht hatte, landete dann wieder beim Landgericht Bonn, diesmal nicht in der dritten großen Strafkammer, sondern in der ersten. Und da erlebten wir eigentlich dann eine Neuauflage dieses Auftritts beim ersten Mal. Also keine Reue seitdem eingetreten? Nee, genau. Also im Gegenteil. Es war so zwischen den Zeilen herauszuhören, dass der Richter vielleicht sogar gar nicht abgeneigt gewesen wäre, das Strafmaß nochmal im Sinne des Angeklagten zu korrigieren.
Aber am Ende reißt dann auch der Angeklagte selbst jegliche Hoffnung wieder ein, indem er sich abermals einlässt. Also da haben sich teilweise wirklich skurrile Geschichten im Gerichtssaal abgespielt. Da hat der Angeklagte beispielsweise einen Polizisten gefragt, der im Zeugenstand saß, ob er den damaligen Einsatz bereue, also der Polizist. Und er hat dann auch nochmal erklärt, ich habe am 5. Mai getan, was jeder aufrechte Muslim getan hätte. Wer Mohammed beleidigt, verdient die Todesstrafe. Und hat dann sich mit dem Versprechen verabschiedet, weiter gegen alle vorzugehen, die diesen Beleidigten, also Mohammed beleidigten und das unterstützen. Und angekündigt, dass Mordanschläge weiter durchgeführt werden. Hat ja dann auch tatsächlich den ein oder anderen Nachahmer gefunden. Also da kann man sich dem Richter im ersten Prozess nur anschließen. Das ist ja auch eine grenzenlose Anmaßung zu sagen, jeder Muslim würde so handeln. Ja, also das Gericht hat sich dem auch angeschlossen, hat ihn dann zum zweiten Mal zu sechs Jahren Haft. Ja, also wie du schon sagst, es kommt zum zweiten Prozess, er wird nochmals verurteilt und ich würde vorschlagen, wir hören jetzt mal hier den Kommentar, den du zu diesem zweiten Prozess im Generalanzeiger geschrieben hast.
Generalanzeiger Bonn, 21. Januar 2014 Bereits bei der Urteilsverkündung im Oktober 2012 hatte der Messerstecher von Lannesdorf lauthals verkündet, er erkenne das deutsche Recht ohnehin nicht an und fühle sich nur Allah verpflichtet. Gestern hat er diese Haltung noch einmal bekräftigt, indem er das Grundgesetz auf den Boden des Gerichtssaals schleuderte und Drohungen ausstieß. So verstörend diese Gesten zunächst wirken mögen, neben der Symbolkraft steckt in ihnen doch auch ein hoher Erkenntniswert. Der deutsche Rechtsstaat, wesentliche Säule eben jenes Grundgesetzes, war Murat K. Jedenfalls dann doch nicht verhasst genug, um in eigener Sache nicht ausgiebig Gebrauch von ihm zu machen. Man kann nur hoffen, dass dieses neue Urteil gegen Murat K. Einer angekündigten zweiten Überprüfung durch den Bundesgerichtshof standhält. Denn eines steht fest, angesichts des Verhaltens des Salafisten im Gerichtssaal ist vor allem den beiden Bonner Polizisten, auf die Murat K. am 5. Mai 2012 eingestochen hat, die Belastung eines weiteren Auftritts im Zeugenstand kaum zuzumuten. Dem Gericht zufolge war es der reine Zufall, dass die Stiche die Arterie verfehlten. Viel hätte nicht gefehlt und die Beamten, im weitesten Sinne Verteidiger des Rechtsstaates, wären gestorben. Vor diesem Hintergrund sind sechs Jahre Haft ausgesprochen mild.
Unter einem anderen Gesichtspunkt aber hat der Angeklagte der deutschen Öffentlichkeit durchaus einen Dienst erwiesen, so stellen seine Tat und sein Verhalten all denen ein vernichtendes Zeugnis aus, die sich dem Thema islamistischer Extremismus bislang durch Schweigen oder beschwichtigende Worte entzogen haben. Wer in diesem Zusammenhang beispielsweise behauptet, die Belastungen seien nicht so groß, wie es manche Schlagzeilen suggerierten, kann zu diesem Thema nicht mehr ernst genommen werden. Also du hast es gerade schon gesagt, die neue Strafkammer bestätigt, das alte Strafmaß sozusagen. Er bekommt wieder sechs Jahre. Murat K. nimmt dann seine Revision auch zurück und das Urteil wird somit rechtskräftig. Die Bonner Staatsanwaltschaft muss wiederum nun darüber entscheiden, ob der in Deutschland geborene Murat, der die türkische Staatsbürgerschaft besitzt, nach dem Verbüßen der Hälfte der Strafe abgeschoben wird. Das wäre also möglich gewesen. Die Staatsanwaltschaft entscheidet aber, er muss die volle Haftstrafe in Deutschland, Er stellt 2016 dann übrigens auch noch einen Antrag auf vorzeitige Haftentlassung und den lehnt das Landgericht Kassel, das da zuständig ist, für ihn ab. Im Jahr 2018, da hat er dann seine Haftstrafe verbüßt, wird Murat K. In die Türkei abgeschoben. Wenn gleich damit quasi sein Fall abgeschlossen ist, zumindest soweit wir wissen, der 5. Mai 2012, der hat noch weitere Nachwirkungen. Wir haben eben schon gehört, es gab ja insgesamt 109 Festnahmen. Was ist denn da noch alles passiert?
Wie das nach solchen Großereignissen oft ist. Die meisten Verdächtigen wurden dann erkennungsdienstlich behandelt. Das heißt Personalien aufgenommen und so weiter. Und danach dann wieder auf freien Fuß gesetzt. Also ohne das jetzt verniedlichen zu wollen. Aber viele der Beteiligten hatten ja jetzt auch nichts so gravierendes getan wie Murat K. Da kam dann vielleicht ein Landfriedensbruch in Frage oder eine Sachbeschädigung oder vielleicht eine Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Also ich sage jetzt mal salopp, wie gesagt, ohne es verharmlosen zu wollen, aber Delikte eher im niedrigschwelligen Bereich. Infolgedessen gab es natürlich dann da auch eine Reihe von Strafbefehlen und einige wenige Hauptverhandlungen.
Aber das verlief meistens auch medial begleitet eher unterm Radar, weil sich das öffentliche Interesse natürlich dann eher auf die Hauptpersonen bezog, zumal es von denen eine ganze Reihe gab. Wir haben als Journalisten auch erst in den Tagen danach und teilweise auch in den Wochen danach erst so richtig vergegenwärtigt, wem wir da an dem Tag gegenüber gestanden hatten. Also es war unter anderem Reda Seyam mit von der Partie, der von der CIA gesucht wurde, weil er verdächtigt wird, an Terroranschlägen in Bali 2002 mit über 200 Toten beteiligt gewesen zu sein. Oder Desodok, Dennis Kuspert, den wir ja auch schon mal im anderen Podcast als Gegenstand hatten. Das im Kampfgetümmel überhaupt erstmal zu identifizieren, welches Who is Who der nicht nur nationalen, sondern auch internationalen islamistischen Szene sich da an dem Tag in Lannesdorf, in Bonn-Lannesdorf versammelt hatte, hat auch eine gewisse Zeit gedauert. Aber die kleineren Strafprozesse, die da wegen dieser niedrigschwelligen Delikte dann am Ende verhandelt und abgearbeitet wurden, die haben im Endeffekt dann kaum noch jemanden interessiert. Verstehe.
Es gab ja nach diesem 5. Mai auch teils sehr scharfe Kritik am Polizeieinsatz bzw. An dessen Planung. Da kann man einen Brandbrief eines offenbar am Einsatz beteiligten Polizeibeamten erwähnen, den hat die Kölnische Rundschau veröffentlicht. Dieser Polizeibeamte sagt da, die Einsatzführung habe, Zitat, den Einsatz komplett falsch analysiert und bewertet. Also, dass eine Gefangenensammelstelle erst viel zu spät einen Tag vor der Kundgebung eingerichtet worden sei, dann auch nur für 50 Personen. Es wären zu wenig Beamte da gewesen. Die Mannschaft sei zu dünn ausgestattet gewesen. Es hätte für verletzte Polizisten keinerlei medizinische Erstvorsorgung gegeben. Die Bonner Polizei, so schreibt der Polizist laut Rundschau, sei eine Chaos-Truppe, deren Polizeiführer den Hut nehmen sollte. Was sagst du denn dazu? Tja, es ist schon natürlich starker Tobak gewesen damals. Klar ist, dass wir als Medien da auch nicht dran vorbeikamen. Aber wir wissen auch, dass mediale Kritik an Polizeieinsätzen auch recht schnell ins Wohlfeile abgleiten kann. Nach dem Motto, hinterher ist man immer schlauer. Also ein paar Sachen sind schon bemerkenswert gewesen. Ich erinnere mich noch gut daran.
Dass mich am Abend vorher, am Freitagabend, noch relativ spät nach eigentlichem Dienst- und Büroschluss, jemand von der Polizei in Bonn anrief und sagte, hör mal, zieh dir mal festes Schuhwerk an. So nach dem Motto. Also könnte schon eventuell eine etwas robustere Veranstaltung werden. Hat er mir so mit etwas gedämpfter Stimme am Telefon zugeraunt. Und hast du das ernst genommen?
Ja, also ich habe das ernst genommen, weil ich den Informanten ernst nehmen musste. Das war jetzt niemand, der mal eben so aus der Hüfte schießt und irgendeinen kleinen Witz macht. Und wie sich dann auch herausstellte, gab es tatsächlich, es gab ja damals noch kein WhatsApp oder Instagram. Was es aber gab, war SMS und Facebook. Und über die Kanäle ist diese Szene in ganz Deutschland mobilisiert worden. Und das logischerweise nicht erst am Samstagmorgen schon, sondern eben auch angesichts der Ereignisse in anderen Städten in den Tagen zuvor. Der Rat der Muslime in Bonn hatte ursprünglich geplant, gar nichts zu machen und die Demonstrationen von Pro NRW komplett zu ignorieren. Hat aus bestimmten Gründen dann dagegen entschieden, nach eigener Aussage, um keine Gelegenheit verstreichen zu lassen, auch deeskalierend zu wirken. Tatsache ist aber, dass die Mobilisierung funktioniert hat. Und später habe ich dann erst erfahren, das erzählte mir dann ein Bekannter, der in der Bonner CDU aktiv ist und war, Das am Mehlämmer Bahnhof, wie gesagt, das war ja die Woche vor der Landtagswahl und am Mehlämmer Bahnhof hatte die Godesberger CDU einen Wahlkampfstand aufgebaut. Nun muss man wissen, der Mehlämmer Bahnhof ist der Bahnhof, der dem Ort des Geschehens am nächsten liegt.
Und da war ausgerechnet unsere jetzt frischgebackene Bundestagspräsidentin Julia Klöckner als Wahlkampfunterstützerin für die NRW-Parteifreunde am Wahlkampfstand und hat Wahlkampfmaterial verteilt und sich mit Bürgern unterhalten. Und diese Gruppe aus CDU-Kommunalpolitikern wurde dann Zeuge, wie Demonstranten und Salafisten teilweise schon mit Steinen und Wurfgeschossen bewaffnet den Weg von Melemer Bahnhof in Richtung Königfahrtakademie antraten. Also da fragt man sich natürlich dann schon, wo war da die Polizei? Aber tatsächlich hat ja eine Polizeikontrolle stattgefunden, die aber möglicherweise nicht wirksam genug war. Also ich habe ja von den Absperrungen, von den Absperrgittern berichtet, an denen kontrolliert wurde. Und dass dann doch auch in dem Bereich offensichtlich Wurfgeschosse vorhanden waren.
Hat dann die Polizei dadurch zu erklären versucht, es könnte ja auch so sein, dass man sich, dass dort schon an den Tagen vorher oder am Vorabend das deponiert worden sei. Dann müsste man allerdings die Polizei fragen, wenn die Möglichkeit im Raum steht, warum habt ihr denn da nicht mal im Gebüsch vorher geguckt? Das hätte man ja tun können. Also die Polizei war schon überrascht von dem Ausmaß. Der Polizeisprecher damals hat noch unmittelbar vor der Demonstration mit mir gesprochen und hat gesagt, es ist alles easy, wir haben hier alles im Griff, wir gehen von einem reibungslosen Verlauf aus, das waren seine Worte. Und umso schockierter und konsternierter war dann eben dieser Polizeisprecher im Nachhinein. Also man sah dann relativ schnell, dass es einfach zu wenige Polizisten waren, die im Einsatz waren, möglicherweise aus den genannten Gründen, genau mit den parallel stattfindenden Großveranstaltungen in der Region.
Woran ich mich noch sehr gut erinnere, ist, dass als sich der Pulverdampf so ein bisschen verzogen hatte, da war es aber auch schon nach 17 Uhr, da saßen die Einsatzleitungen Einsatzleitung und auch die Pressesprecher der Polizei in so einem Mannschaftswagen der Polizei, in diesem, ob das ein VW war, so ein Bulli mit so einem Tischchen in der Mitte.
Und ich trat so von der Seite dazu und bekam mit einem Ohr mit, wie sie mit der Polizeipräsidentin brachen. Und ja, da hat mich mein Reporterglück kurz verlassen, weil in dem Moment, als ich den Satz hörte, dürfen wir der Presse denn auch sagen, das, hatten sie mich dann entdeckt und dann brach das Gespräch schlagartig ab. Aber da ging es halt darum, wie kommunizieren wir jetzt hier vor Ort, dass zwei Kollegen mit schweren Verletzungen aus dem Einsatz rausgegangen sind. Aber ... Der Polizei jetzt hier nachzusagen, sie hätte versagt, wie das teilweise auch in den Medien verbreitet wurde, das ginge meines Erachtens zu weit, weil die Lage einfach unglaublich unübersichtlich war. Man muss ja auch bedenken, es ging ja nicht nur um Eigenschutz. Die Angriffe der Salafisten zielten ausschließlich auf die Polizei, sondern es ging ja auch dann darum, der Täter habhaft zu werden. Wir müssen uns also Verfolgungsjagden durch Privatgärten über Garagen, Mäuerchen und so weiter vorstellen, bei gleichzeitigem Abwehr unmittelbarer Angriffe, unter anderem eben auch mit Messern. Insofern ist das alles schwierig. Ja, das war schon das blanke Chaos.
Bis die Situation irgendwann mal gegen 17, 18 Uhr so weit im Griff war, dass man auf dem Parkplatz hinter einem Supermarkt, man kennt ja diese Supermarktparkplätze, die so eine kleine Rampe bergab führen und dann hat man dahinter so eingefriedet Parkplätze und das kam natürlich dann dem Zweck, ihn als Gefangenensammelstelle zu nutzen, ganz gut entgegen. Und dann saßen also da die Gegendemonstranten mit Kabelbindern versehen auf dem Boden und wurden halt dann nach und nach registriert und mit einem Polizeibus in Richtung Gewahrsam im Polizeipräsidium gebracht, wo es dann am selben Abend auch noch einen weiteren Zwischenfall gab.
Als nämlich Gesinnungsgenossen versucht haben, durch eine Spontandemonstration die Festgenommenen sozusagen aus dem Gewahrsam herauszupressen. Also da sah sich dann plötzlich das Polizeipräsidium an einem größeren Ansturm weiterer Mitstreiter gegenüber. Du hast eben schon gesagt, der Informant hat dich gewarnt, dir festes Schuhwerk anzuziehen und so weiter. Du warst ja da ziemlich mittendrin. Hast du eigentlich mal Angst gehabt in der Situation? Also es hätte brenzlig werden können. Ich muss aber gestehen, dass ich mich tatsächlich zwar etwa 20, 30 Meter von den unmittelbaren Kämpfen aufgehalten habe, uns aber immer noch diese Kette aus Einsatzfahrzeugen der Polizei trennte. Dahinter hatte ich Position bezogen. Was ich allerdings noch sehr gut weiß, ist, wie die Steine unmittelbar vor mir auf dem Asphalt landeten und dann eben mir dann sozusagen auch zwischen den Beinen durchgekullert sind. Und natürlich ging mein Blick nach oben.
Also das hätte durchaus sein können, dass man da von Steinen verletzt wird, wenn man nicht aufgepasst hätte. Also das schon.
Jetzt hast du ja in deinem Kommentar, den wir eben gehört haben, von Januar 2014 geschrieben, dass es Menschen gibt, die den radikalen Islam verharmlosen oder die Gefahr nicht ernst nehmen. Wie siehst du das denn heute und wie schätzt du auch heute die Gefahr durch den radikalen Islam ein? Vielleicht auch speziell auf Bonn bezogen, dass ja als Hochburg des Salafismus galt oder vielleicht auch noch gilt? Also mein Eindruck ist, dass sich wenig daran verändert hat.
Dass es den Versuch gab und gibt, die Gefahren durch den radikalen Islam herunterzureden oder zu relativieren oder einfach nicht sehen zu wollen. Und auf der anderen Seite aber auch genauso den Versuch, ihn überzudramatisieren oder möglicherweise auch der gesamten Religion Islam als radikalistisch zuzuordnen. Was wir noch nicht so richtig gelernt haben, aber das ist mein persönlicher Eindruck, ist ein Fortschritt in der Debattenkultur. Es gibt ja durchaus die berechtigte Sorge, mit jeder Kritik am Islam automatisch in die rechte Ecke gestellt zu werden. Exemplarisch vielleicht, ich habe zufälligerweise in einem anderen Zusammenhang vor wenigen Tagen noch Kontakt mit dem ARD-Journalisten Konstantin Schreiber gehabt. Der hat sich ja über die Jahre akribischer als ich, wie ich sagen muss, in die ganze Thematik eingearbeitet, hat teilweise investigativ auch in Moscheen recherchiert und Bücher über das Thema radikaler Islam geschrieben und der sagt, er habe derartigen Druck erlebt, dass er sich zum Islam und zu dem ganzen Thema gar nicht mehr öffentlich äußern will. Da muss ich sagen, wenn es soweit kommt, dann besteht natürlich tatsächlich die Gefahr, nicht nur der Stigmatisierung.
Sondern auch, dass man ein wichtiges und leider zukunftsträchtiges Thema wirklich ausschließlich den Rechtspopulisten überlässt und damit über Bande zu deren Wahlerfolgen beiträgt. Dann habe ich natürlich noch eine Frage. Ich weiß nicht, ob du sie beantworten kannst, aber man fragt sich ja, was ist denn eigentlich jetzt aus den Salafisten in Bonn geworden? Denn sichtbar sind sie ja eigentlich nicht mehr, oder? Ja, das stimmt allerdings. Gerade in den Jahren nach den medienwirksamen Anschlagsversuchen um 2014, 2013 hat sich die Szene verändert.
Sichtlich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Also diese Aktivitäten im Internet und in sozialen Medien hat sich im Grunde in ihr klandestines Gegenteil verkehrt. Plötzlich waren sie von der Bildfläche verschwunden, aber das heißt natürlich nicht, dass sie nicht mehr da sind. Und unsere Kollegen der Lokalredaktion beispielsweise hatten in der jüngeren Vergangenheit mehrfach darüber berichtet, dass Schüler an weiterführenden Bonner Schulen Druck auf Mitschüler und Mitschülerinnen ausüben, weil diese ihre Ansicht nach den Islam nicht konsequent genug auslegen, also sprich Kleidungsvorschriften, Ernährung und dergleichen. Also hier ließe sich schlimmstenfalls die Hypothese aufstellen, dass der Salafismus womöglich die große öffentliche Bühne gar nicht mehr nötig hat, weil unter Umständen seine Saat im Kleinen schon ausreichend aufgegangen ist. Ansonsten fallen mir in der jüngeren Vergangenheit natürlich Palästina-Demonstrationen ein, bei denen der Antisemitismus blüht und natürlich sind auch nicht alle gesellschaftlichen Probleme verschwunden, die wir 2012 hatten, im Gegenteil, also die Perspektivlosigkeit, Wohnungsprobleme, Arbeitslosigkeit.
Also Bildungschancen, Integrationsdefizite, all das begegnet uns ja täglich wieder und wird in ihren Konsequenzen und ihren Folgen auch noch durch die sozialen Medien umso stärker wiedergegeben und verstärkt, dass da eben auch problematische Echokammern entstehen, in denen sowas dann auch noch zusätzlich beschleunigt wird. Also insofern würde ich davor warnen, dieses Phänomen als erledigt zu betrachten. Dasselbe gilt natürlich auch für alle anderen Formen des Extremismus. Inwieweit hat es denn eine Aufarbeitung des 5. Mai 2012 in Landesdorf gegeben oder hat es die nicht gegeben?
Oh ja, also ich glaube, es würde die Sendung sprengen, würde man all die Präventions- und Aussteigerprogramme aufzählen, die es infolge dieses Datums gegeben hat. Also sowohl in NRW als auch auf lokaler oder auch auf überregionaler Ebene. Landesdorf hat dieses Phänomen eindeutig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerufen, da bin ich mir ganz sicher. Aber zunächst mal, gemessen an objektiven Tatbeständen, würde ich mal als erfreulich bewerten wollen, dass sich diese Bilder seitdem in dieser Form zumindest nicht wiederholt haben. Übrigens nicht mal bei der Demonstration, bei der im vergangenen Jahr das Kalifat gefordert wurde. Also insofern hat schon sowohl bei Sicherheitsorganisationen oder auch in Verwaltungen da eine Sensibilisierung stattgefunden hat. Was sich leider, muss ich sagen, wenig geändert hat, dass ausgerechnet die Islamverbände und Moscheengemeinden in Deutschland bei dem Thema sich auffallend zurückhalten. Es hat natürlich nach diesem 5. Mai eine große Debatte auch in der Bevölkerung gegeben. Wir haben auch einiges an Leserbriefen natürlich erhalten.
Und einer dieser Leserbriefschreiber, der schrieb damals, Zitat, Welcher Kleingeist hat denn die Demonstration vom vergangenen Samstag bei uns in Landesdorf überhaupt erst genehmigt? Das ist verantwortungslos. Also, er führt das dann noch weiter aus. Jetzt muss man dazu sagen, das ist ein Anwohner, der da wirklich... Direkt betroffen war von dieser Demonstration. Er schreibt, die am Rande Beteiligten, so wie meine Nachbarn und ich, waren völlig überrascht, als am Samstagnachmittag etliche Demonstranten kreuz und quer durch unsere Gärten in der Landesdorfer Straße vor den Einsatzkräften der Polizei flüchteten.
Ich selber war auch erschrocken, als ich einen Meter vor mir in Nachbarsgarten zwei Demonstranten, die sich hinter einer angrenzenden Garage versteckten, aufgeschreckt habe. Er fordert dann von der Stadt Bonn, Wer die Genehmigung zu dieser Demonstration erteilt hat, der sollte auch zur Verantwortung gezogen werden. Für wie begründet oder berechtigt hältst du so eine Kritik? Ja, also ich erinnere mich noch gut daran, dass dieses Stadtgespräch an Fahrt gewann in den folgenden Tagen, die auch davon geprägt waren, dass die Stadt verständlicherweise auch unter Schock stand. Und da hat auch mancher Leserbriefschreiber, nicht unbedingt jetzt der Zitierte, aber da wurde natürlich auch sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite hier und da übers Ziel hinaus geschossen. Ich war auch wütend an dem Abend und an den Tagen danach. Unterm Strich allerdings habe ich mir dann auch bewusst gemacht und ohne mir die eine oder die andere Seite zu eigen zu machen oder gar Sympathien zu entwickeln. Letztlich war es so, die Polizei hatte eine angemeldete und rechtmäßige Demo zu schützen, die von der Gegenseite gewaltsam verhindert werden sollte. Das war erstmal die objektive Situation und ob man das nun gut findet oder nicht, Demokratie ist halt kein Stuhlkreis, in dem wir mit Teddys werfen und es jedem gut gehen soll, sondern die muss eben auch was aushalten. Es muss Diskurs und Kontroverse nicht nur möglich sein, sondern es muss sie geben, um eben auch Meinungen und Positionen zu entwickeln.
Und insofern, ja, muss man sagen, unterm Strich haben die Salafisten eigentlich ihrer Religion einen Bärendienst erwiesen, indem sie dokumentiert haben, dass sie mit einer liberalen Gesellschaft, in der auch harsche Kritik bis hin zur Provokation ausgehalten werden muss, nicht zurechtkommen. Umso wichtiger fand ich damals, dass eben auch in der Breite die muslimischen Mitbürger gar keinen Zweifel daran gelassen haben, dass das nicht ihre Welt ist und sich unmissverständlich auch davon distanziert haben. Also ein prägnantes Beispiel war eben der Direktor der König Pfad Akademie, der während der Krawalle konsterniert auf dem Dach seiner Schule stand und das sozusagen zu seinen Füßen live und in Farbe alles erlebt hat, der dann auch entsprechend klare Worte der Distanzierung dazu gefunden hat. Und insofern würde ich mal sagen, hat die Gesellschaft in Bonn dadurch keinen Schaden erlitten, sondern die Atmosphäre wurde relativ schnell auch wieder geheilt, weil ja auch jeder vernünftig denkende Mensch relativ schnell zu dem Ergebnis und seiner Gedanken kommen musste, dass das nicht repräsentativ ist. Ja, das ist doch ein gutes Schlusswort für diesen Fall, würde ich sagen. Ich danke dir ganz herzlich, dass du wieder bei uns warst und uns da mitgenommen hast und von deinen Erfahrungen berichtet hast. Sehr gerne. Und hoffentlich bis zum nächsten Mal. Euch auch allen vielen Dank fürs Zuhören. Wir hören uns in zwei Wochen. Tschüss. Ja, danke.
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Das war Akte Rheinland. Der GA-Podcast zu Kriminalfällen aus Bonn und der Region. Akte Rheinland ist eine Produktion der Generalanzeiger Bonn GmbH. Redaktion und Moderation Anna Maria Bekes. Produktionsleitung Andreas Deick. Mitarbeit Sabrina Bauer. Simeon Gerlinger.
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