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Generalanzeiger Bonn, 9. Mai 2019. In einer Wohnung in Bonn wird eine 63-jährige Frau tot aufgefunden. Zwei Tage lang lag sie hilflos am Boden, während ihr 37-jähriger Sohn im Nebenzimmer Alkoholtrank und Cannabis konsumierte. Er alarmierte den Rettungsdienst erst, als es bereits zu spät war.
Hallo und herzlich willkommen zur Akte Rheinland. Hier sprechen wir an jedem zweiten Donnerstag über Verbrechen und Kriminalfälle aus Bonn und der Umgebung. Mein Name ist Anna-Maria Bekes. Und ich bin Sabrina Bauer. An dieser Stelle nochmal der Hinweis. Am 2. Juni nehmen wir eine weitere Live-Episode von Akte Rheinland im Kontrakreistheater in Bonn auf. Alle Infos und den Link zu den Tickets gibt's unter ga.de slash live minus podcast.
Diesmal sind zu Gast Dina und Franzi von den Trashologinnen. Wir besprechen einen Fall aus Bonn, der in ganz Deutschland Schlagzeilen gemacht hat. Ein kleines Stichwort verrät vielleicht der einen oder dem anderen schon, worum es geht. Nämlich Weiberplage. Es sind noch ein paar Karten da, vor allem auf den Außenrängen. Und da müsst ihr euch gar keine Sorgen machen. Die Bühne im Kontrakreis, die ist so gestaltet, dass man von überall einen ganz guten Blick hat. Wir freuen uns auf euch. Der Fall, über den wir heute sprechen, dreht sich um eine Mutter, die verzweifelt und schwer krank war. Und um ihren Sohn, der sie einfach liegen ließ, bis sie starb. Das ist die einfache Zusammenfassung, die wir auch schon zu Beginn in einem Ausschnitt aus dem Generalanzeiger Bonn gehört haben. Aber so einfach war es natürlich in Wahrheit nicht. Wir wollen wie immer versuchen, euch die Geschichte dahinter zu erzählen. Wir fragen uns, was muss passieren, dass ein Mensch solche scheinbare oder tatsächliche Gleichgültigkeit zeigt? Warum holte der Sohn keine Hilfe? Bevor wir aber zum Mai 2019 kommen, müssen wir ein paar Jahre zurückblicken. Nennen wir den Mann, über den wir hier sprechen, mal Tobias und seine Mutter nennen wir Heike. Beide heißen nicht wirklich so.
Die beiden, Mutter und Sohn, lebten über Jahrzehnte in einer gemeinsamen Wohnung, nicht weit von der Bonner Innenstadt. Wer Tobias Vater ist, das weiß er bis heute nicht. Er wuchs nur mit seiner Mutter Heike auf. Heike war einmal eine starke Frau, heißt es später vor Gericht. Sie hatte eine Anstellung als Sachbearbeiterin für eine Bundestagsfraktion in Berlin, war stolz, eigenständig, wollte nicht abhängig sein. Doch als sie 2015 kündigen musste, im Raum stand eine Abfindung, geriet ihr Leben ins Wanken. Sie kehrte zurück in die Wohnung nach Bonn, wo ihr Sohn Tobias bereits wohnte. Und dort sollten sie beide immer isolierter auch weiterleben. Ja, diese Abfindung, die ist natürlich dann auch irgendwann aufgebraucht und Heike findet oder sucht keine neue Anstellung. Aus den Gerichtsunterlagen geht hervor, dass sie trotzdem nach ihrer Rückkehr aus Berlin keine Sozialleistungen bezog, obwohl sie eben kaum eigene finanzielle Ressourcen hatte. Das lag dann wohl an ihrem Stolz, der sehr stark ausgeprägt war. Und laut ihrem Sohn wollte sie, Zitat, dem Staat nicht auf der Tasche liegen. Tobias selbst arbeitete als Kellner in einem Lokal und er brachte dann somit das Geld für den Lebensunterhalt der beiden auf. Das wird natürlich auch nicht viel Geld gewesen sein, logischerweise. Also das reichte nicht aus, um das dann alles zu stemmen, was er dann verdient hat. Und Tobias selbst kämpfte auch mit Alkohol- und Drogenproblemen. Schon seit seinen Zwanzigern konsumierte er laut eigenen Angaben regelmäßig Marihuana. Später kamen aber auch immer höhere Mengen Alkohol dazu.
Und sein Alltag sah so aus, er ging abends in die Bar, arbeitete bis tief in die Nacht und kam erst gegen Morgen wieder heim. Genau, also dass dann nicht viel Geld übrig bleibt, wenn man auch viel Alkohol konsumiert und so weiter, ist ja irgendwie klar.
In dieser Zeit, so erzählen es Nachbarn der beiden, wurde Heike, also die Mutter, immer wunderlicher, haben die das genannt. Die verriegelte die Türen, notierte Autokennzeichen fremder Fahrzeuge und sie war überzeugt davon, beobachtet zu werden. Das klingt so nach Paranoia, ne? Ja, das kommt einem sofort in den Sinn. Also ganz kurz zur Erklärung. Paranoia ist ein Zustand, in dem jemand übermäßiges, oft irrationales Misstrauen entwickelt. Betroffene glauben häufig, dass andere ihnen schaden oder sie verfolgen wollen. Selbst wenn dafür keine objektiven Anhaltspunkte vorliegen. Dieses Symptom tritt oft bei psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie oder paranoider Persönlichkeitsstörungen auf und kann bei den Betroffenen zuständiger Angst, sozialer Isolation und stark beeinträchtigt im Alltagsleben führen. Heike hatte unseres Wissens keine dieser Diagnosen, aber ihr Verhalten lässt darauf schließen, dass sie eventuell in so ein Schema fallen könnte. Therapeutische Ansätze wie kognitive Verhaltenstherapie und natürlich auch medikamentöse Behandlungen können helfen, diese verzerrte Wahrnehmung zu korrigieren. Und auch das, also Therapie und Medikamente, hat sie nicht bekommen. Zusätzlich hatte sie starke gesundheitliche Probleme, oder? Ja, richtig. Sie war sehr starke Raucherin, litt an einer chronischen Lungenerkrankung, COPD wird die genannt. Und trotzdem lehnte sie es ab, diesbezüglich einen Arzt aufzusuchen, als die Probleme immer schlimmer wurden. Ja, und dann kommt der 14. Oktober 2018.
Bonn, 14. Oktober 2018, 22.43 Uhr. Mehrere Anrufe gehen bei der Polizei ein. Nachbarn berichten von wiederholten, schwachen Hilferufen aus der Wohnung im ersten Stock. Niemand öffnet, als sie klopfen. Schließlich entscheiden sich die Beamten, die Tür gewaltsam zu öffnen. Ein beißender Geruch schlägt ihnen und den Rettungskräften entgegen. Abgestandener Rauch, verdorbene Lebensmittel, ungewaschene Wäsche. Dann sehen sie sie. Heike liegt auf dem Boden neben einem alten Sessel, nur mit einem dünnen Oberteil bekleidet, die Beine nackt. Wie lange liegt sie hier? Die Frage eines Sanitäters durchschneidet die Stille. Von der Tür aus kommt eine Antwort. Seit Stunden, sagt Tobias. Seine Worte sind undeutlich, lallend. Der Geruch von Alkohol hängt in der Luft. Die Rettungskräfte legen eine Decke über Heike. Vorsichtig wird sie auf eine Trage gehoben.
Die Rettungskräfte bringen Heike ins Krankenhaus, wo sie wegen starker Unterkühlung und wegen eines allgemeinen Schwächezustands sofort intensivmedizinisch behandelt wird. Also sie kommt auf die Intensivstation. Ihre Körpertemperatur liegt nur noch bei 33 Grad und sie hat sehr niedrige Sauerstoffwerte. Also Sauerstoffwerte im Blut. Man diagnostiziert außerdem die Kubitusbunden, das sind diese Druckgeschwüre vom bewegungslosen Liegen, an Gesäß und Oberschenkeln. Die Wohnung, heißt es in den Unterlagen, sei stark vermüllt und verwahrlost gewesen. Ja, und ihr Sohn Tobias ist an dem Tag betrunken, als die Polizisten in die Wohnung kommen. Er erklärt ihnen, er sei überfordert und hat so eine Art Blackout gehabt. Und er gibt zu viel zu trinken und gesteht, dass er mit der Pflege seiner Mutter nicht klarkomme.
Und seine Mutter Heike wird schließlich stationär aufgenommen. Also nach der Intensivstation dann auch noch weiterhin im Krankenhaus betreut. Und man denkt eigentlich, dass die Familie jetzt Hilfe bekommen würde. Ja, tatsächlich verbessert sich Heikes Zustand in der Klinik auch zunächst. Sie wird dann weiterverlegt, es folgt eine Reha und siehe da, wenn sie regelmäßig betreut wird, also wenn man sich um sie kümmert, raucht sie weniger, sie kommt zu Kräften und ihr Gesundheitszustand verbessert sich. Das ändert sich aber, als sie dann Anfang 2019 zurückkehrt in ihre alte Wohnung zu ihrem Sohn. Kurze Zeit später wird sogar eine Betreuerin vom Amtsgericht eingesetzt. Also da geht ja die Hilfe noch weiter. Und sie soll Heike eben dabei helfen, Sozialleistungen zu beantragen. Weil wir haben ja schon gehört, so die finanzielle Lage ist nicht besonders und Sozialleistungen könnten das eben ein bisschen entlasten. Und sie soll auch die gesundheitliche Versorgung sichern. Doch sie kommt an Heike kaum ran. Bei einem Hausbesuch im März 2019 schildert die Betreuerin eine schlimme Szene. Im Wohnzimmer sitzt Heike auf einem alten Sessel, trägt nur eine Windel und ein dünnes Shirt, während Tobias verschlafen im Flur auftaucht. Die Wohnung sei in einem, Zitat, desolaten Zustand gewesen. Ja, das ist wirklich schrecklich, in was für Zuständen die da leben, als erwachsene Menschen. Und Heike blockiert offenbar diese Hilfe, die ihr angeboten wird, total. Die will ihre Post nicht öffnen lassen, will niemanden an sich ranlassen und lehnt das eben ab, diese Unterstützung zu bekommen.
Weil das für sie ein zu großer Eingriff in ihre Privatsphäre ist. Das kann ich auch total nachvollziehen, ehrlich gesagt. Für die muss das furchtbar gewesen sein, dass die als früher so starke und eigenständige Frau jetzt ganz offensichtlich auf Hilfe angewiesen ist. Und wahrscheinlich hat sie sich, ich kann mich da ein bisschen reinversetzen, vielleicht hat sie sich gedacht, ich will mir wenn überhaupt nur von meinem Sohn helfen lassen, aber nicht von fremden Leuten in Anführungsstrichen. Das Jobcenter verlangt dann noch einen persönlichen Termin von ihr, zu dem kommt es aber nie. Und der Sohn, also Tobias, der tut nichts, um den Zustand in dieser Familie, sag ich mal, zu ändern. Er zieht sich zurück in seine Welt aus Alkohol, Cannabis, Filmen und Videospielen. Ja, und Anfang Mai 2019 verschlechtert sich Heikes Zustand offenbar rapide. Schon beim Vorfall im Oktober hatte Tobias gesehen, dass ein Sturz für seine Mutter lebensbedrohlich sein kann. Doch dennoch ändert sich nichts daran. Er hat eine Vollzeitstelle als Kellner und arbeitet bis spät in die Nacht. Nach der Schicht kommt er heim, trinkt weiter, raucht Joints, vergräbt sich vor dem Fernseher und in seinen Computerspielen. Am Montag, dem 6. Mai, geht Tobias wie gewohnt zur Arbeit. Heike verbringt den Tag im Wohnzimmer.
Angeblich ist sie da schon fast regungslos, das berichtet der Sohn später. Und als er dann am späten Abend heimkehrt, da sitzt sie noch in ihrem Sessel und raucht eine Zigarette. Die wie vielte auch immer an diesem Tag, denn ja, das ganz starke Rauchen, das ist jetzt auch wieder in ihr Leben zurückgekehrt. Der entscheidende Tag ist dann der Dienstag, 7. Mai. Tobias steht gegen Nachmittag auf, er hatte bis in die frühen Morgenstunden getrunken. Laut seinen späteren Aussagen findet er seine Mutter auf dem Boden liegend vor. Sie ist offenbar gefallen und kann nicht mehr von alleine aufstehen. Ja, und jetzt kommt das Entscheidende. Tobias weiß, wie schlecht es ihr geht. Also COPD ist wirklich eine furchtbare Lungenkrankheit, die viele sehr starke Raucher haben oder auch Menschen, die unter bestimmten Bedingungen arbeiten mussten. Und die muss da wirklich absolut hilflos gewesen sein, denn wenn man dann immer weiter die schädlichen Stoffe zuführt, dann wird das natürlich auch nicht besser. Also er hat 2018 vor wenigen Monaten erlebt, dass ein ähnlicher Sturz seiner Mutter beinahe tödlich geendet ist, der Tobias. Er hat diese Scham gespürt, die Blicke der Rettungskräfte, das hat er ja selbst so geschildert. Ja, und genau diese Scham, so wird er das später nennen, die lässt ihn jetzt in diesem Moment im Mai zögern. Er ruft keinen Krankenwagen, weil er nicht, Zitat, wieder wie ein hilfloser Trottel dastehen will.
Ich habe mich wieder so geschämt. Ich war betrunken und wusste, dass mich die Sanitäter erneut ansehen würden, als wäre ich ein Versager. Meine Mutter wollte sowieso sterben, dachte ich. Also ließ ich sie liegen und betäubte mich, um das zu vergessen.
Der Sohn müsste jetzt eigentlich einfach nur den Notruf wählen. Doch er geht in sein Zimmer, schließt die Tür, er trinkt Whisky, kifft, schaltet den Fernseher ein. Und seine Mutter liegt im Wohnzimmer, bewegungsunfähig, ohne Wasser, ohne Essen, mit einer vollen Windel. Ja, es vergehen Stunden, dann ganze Tage. Tobias schaut zwischendurch nach Heike, er wechselt ihr aber nicht mal die Windel. Und er legt dann irgendwann eine Decke über sie. Ich habe eher das Gefühl, dass er ihr damit nicht unbedingt helfen will oder sie wärmen will, sondern vielleicht eher das ausblenden will, damit er eben sie nicht mehr sehen muss in diesem Zustand. Später sagt er, sie habe jegliche Hilfe abgelehnt. Aber selbst das, muss ich ganz ehrlich sagen, das wäre für mich überhaupt keine Entschuldigung. Immerhin war diese Frau sichtbar in Lebensgefahr. Weiß man denn, ob er sie angesprochen hat, ob da noch irgendeine Kommunikation stattgefunden hat? Wie das genau abgelaufen sein soll, weiß man nicht, aber er hat eben gesagt, sie hätte seine Hilfe abgelehnt. Wie das jetzt gelaufen sein soll, das weiß ich nicht und ehrlicherweise vorstellen kann man sich das Ganze schwierig, weil sie liegt da völlig hilflos auf dem Boden. Was sprichst du dann noch? Die Situation ist völlig klar. Da ist doch völlig logisch, dass jemand, der da liegt, da nicht liegen bleiben will. Aber so hat er tatsächlich nachher argumentiert und vielleicht sogar angenommen, dass sie nicht mehr leben will.
Das ist aber eine Spekulation. Am Abend des 8. Mai kauft er noch ein paar Lebensmittel, sogar neue Windeln, aber er kümmert sich nicht wirklich um Heike. Stattdessen kauft er für sich selbst Alkohol und kehrt zurück ins Zimmer. Noch mehr Fernsehmarathon, noch mehr Rausch. Dann kommt der 9. Mai 2019. Gegen 16 Uhr steht Tobias endlich auf. Er geht ins Wohnzimmer und findet seine Mutter dort leblos. Jetzt gerät er in Panik. Er ruft erst eine Freundin an, die ihn dann auffordert, sofort die 112 zu wählen. Das macht er dann auch. Aber es ist längst zu spät. Heike ist tot.
Bonn, 9. Mai 2019, 16.07 Uhr. Der Notruf geht bei der Leitstelle ein. Eine leblose Person, keine Reaktion. Der Anrufer klingt panisch. Es ist Tobias. Minuten später trifft der Rettungswagen ein. Die Sanitäter klingeln, klopfen an die Tür. Keine Antwort. Schließlich öffnet Tobias. Der Geruch in der Wohnung ist beißend. Eine Mischung aus kaltem Rauch, Alkohol und ungewaschenen Textilien. Der Boden klebt. Der Fernseher läuft. Mitten im Wohnzimmer auf dem Fußboden eine reglose Gestalt. Heike liegt auf dem Rücken. Ihr dünner Pullover ist hochgerutscht, die Beine unbekleidet. Ihr Gesicht ist eingefallen, die Lippen bläulich verfärbt. Ein sanitäter tastet nach ihrem puls nichts ihre haut ist eiskalt wie lange liegt sie schon hier fragt einer der sanitäter scharf tobias starrt auf den boden zwei tage murmelt er ein kurzer blick zwischen den rettungskräften sie wissen es ist zu spät.
Als die Rettungskräfte eintreffen, können sie nur den Tod feststellen. Die Rechtsmedizin ermittelt, dass Heikern unter Kühlung gestorben ist. So etwas kann selbst bei normaler Zimmertemperatur geschehen, wenn ein ohnehin schwacher Körper über Stunden oder Tage auf dem kalten Boden liegt und keine Flüssigkeit bekommt. Ja, also um das ganz deutlich zu machen, da ist eine Frau im Frühling in Deutschland in einer Wohnung letztlich an Unterkühlung gestorben. Also man kann fast sagen erfroren. Ja, und das in einer Wohnung, in der es zu dem Zeitpunkt 21 Grad warm war. Noch am selben Tag nimmt die Polizei Tobias mit auf die Wache und vernimmt ihn. Er gesteht schließlich, dass er seit zwei Tagen wusste, dass seine Mutter auf dem Boden lag. Er habe sich nicht aufraffen können, den Notruf zu wählen. Er habe geahnt, dass sie es nicht überleben würde, habe sich aber in Alkohol und Drogen geflüchtet, so nennt er das. Das macht mich echt fassungslos, denn es gab ja so viele Warnsignale.
Also den Sturz, den wir schon beschrieben haben im Oktober 2018, also nur wenige Monate davor. Dann das anschließende Betreuungsverfahren, die wiederholten Hinweise, dass Mutter und Sohn mit der Situation völlig überfordert sind. Warum hat denn da niemand durchgegriffen? Oder hätte man Tobias dazu zwingen können, Hilfe zu holen? Die Gerichtsakten zeigen, dass die Betreuerin, die das Amtsgericht eingesetzt hatte, mehrfach versucht hat, Heike zum Handeln zu bewegen. Doch Heike, das haben wir schon gehört, war eine eigenwillige Persönlichkeit, die wich jeder Unterstützung aus und wollte keine Behörden in ihrem Leben. Das ist jetzt kein Vorwurf an Heike, das ist einfach mal eine Faktenbeschreibung. Da kann man dann also nicht gegen deren Willen eingreifen. Die war ja nicht unmündig.
Tobias hätte dagegen aktiv werden müssen, aber er war ja selbst in einer ganz tiefen Krise. Also am Ende haben wir hier zwei Erwachsene, nach allem was wir wissen, mündige Menschen. Und so berechtigt oft Kritik an Ämtern ist, ich glaube, es ist nicht so einfach hier gegen den Willen der Menschen etwas durch- oder umzusetzen. Von daher finde ich, am Ende bleibt die Verantwortung vor allem bei Tobias. Ja, und richtig, im Sommer 2020 kommt der Fall schließlich vor das Bonner Schwurgericht. Der Vorwurf, Totschlag durch Unterlassen. Tobias räumt von Beginn an ein, dass er nichts getan hat, um den Tod seiner Mutter zu verhindern. Er beschreibt das Verhältnis als, Zitat, dysfunktional und sich selbst als Opfer einer Alkohol- und Cannabis-Sucht. Ja, die zentralen Fragen der Verhandlung lauten, wusste Tobias, dass er damit den Tod seiner Mutter billigend in Kauf nahm, also dadurch, dass er sie liegen ließ? Und hätte er sie rechtlich gesehen retten müssen? Die Antwort des Gerichts ist ganz klar, ja, unbedingt. Als Sohn war er für seine Mutter verantwortlich. Er wusste um ihre Hilflosigkeit und er hätte sie ins Krankenhaus bringen oder den Rettungsdienst rufen können. Ganz kurz noch dazu, was jetzt das dysfunktionale Verhältnis der beiden betrifft, darüber wissen wir nicht viel, also aus den Gerichtsunterlagen geht da nicht viel hervor.
Man weiß, dass Tobias eben seinen eigenen Vater nicht kannte, auch nicht wusste, wer das ist und die Mutter hat ihm offenbar diese Information auch vorenthalten, also hat ihn bewusst darüber im Unklaren gelassen. Das könnte natürlich bei ihm Unmut ihr gegenüber ausgelöst haben, aber da können wir jetzt nicht drüber spekulieren. Er selbst, das steht fest, sagt, dass sie ein dysfunktionales Verhältnis hatten, also dass die Beziehung irgendwie gestört war. Und Tobias' Verteidigung verweist auf seine psychische Zerrüttung. Tatsächlich gibt es Hinweise auf Depressionen, auf eine Überforderung, die man fast mit einer lähmenden Ohnmacht vergleichen kann. Ein psychiatrischer Gutachter kommt jedoch zu dem Schluss, dass Tobias' Schuldfähigkeit nicht aufgehoben war. Er hatte keinen gravierenden Realitätsverlust, kein Warnsyndrom, er war schlicht in einer destruktiven Lebenssituation. Das Gericht verurteilt Tobias deshalb zu vier Jahren Freiheitsstrafe wegen Totschlags durch Unterlassen.
Eine mildere Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung kam nicht in Betracht, so das Gericht, da Tobias sich bewusst war, wie gefährlich es für seine Mutter war, dort am Boden zu liegen. Ja, und wir haben uns bei der Recherche gefragt, wie man jemanden wegen Totschlags verurteilen kann, obwohl es ja kein aktives Handeln, also kein aktives Tun gab, sondern eben nur das Unterlassen.
Das hat mit der sogenannten Garantenpflicht zu tun, richtig? Genau, nach deutschem Strafrecht macht sich auch strafbar, wer das gebotene Handeln unterlässt, obwohl er rechtlich dazu verpflichtet ist. Einen bestimmten Erfolg, ist jetzt ein schwieriges Wort in dem Zusammenhang, denn mit Erfolg ist in diesem Fall natürlich der Tod gemeint, zu verhindern. Also, derjenige muss rechtlich diesen Tod verhindern und macht nichts. Bei nahen Angehörigen, also beispielsweise Eltern und Kindern, besteht so eine Garantenpflicht. Das bedeutet, wenn Tobias wusste, dass seine Mutter in akuter Lebensgefahr war und nur er sie hätte retten können, war er als Sohn verpflichtet zu handeln. Er hätte den Notarzt rufen oder ihr anders helfen müssen. Diese besondere Verantwortungsbeziehung führt dazu, dass das Nichtstun dem aktiven Tun gleichgestellt wird, wenn ein Mensch dadurch stirbt. Genau, im konkreten Fall war Tobias sich bewusst, dass seine Mutter sterben könnte und er nahm das billigend in Kauf, indem er sich zurückzog und keine Hilfe holte. Ja.
Deshalb lautet die Anklage auf Totschlag durch Unterlassen nicht nur auf fahrlässige Tötung. Ja, und auch das Strafmaß unterscheidet sich bei den beiden. Die mögliche Strafe für einen Totschlag beginnt grundsätzlich bei fünf Jahren Freiheitsstrafe. Bei Unterlassungsdelikten können die Gerichte den Strafrahmen oft etwas abmildern, wenn die seelische Situation des Täters berücksichtigt wird. Im Fall von Tobias kam das Gericht zu vier Jahren Haft. Ja, vier Jahre Haft. Manche sagen ein vergleichsweise mildes Urteil. Weil Doris zeigt, dass Unterlassen eben genauso strafbar sein kann, wie etwas zu tun, wenn man eine Garantenpflicht hat.
Und gerade gegenüber hilflosen Angehörigen gilt das. Hätte Tobias rechtzeitig den Rettungsdienst gerufen, wäre seine Mutter vermutlich, wie schon im Herbst 2018, ins Krankenhaus gekommen und hätte überleben können. Am Ende stellt sich die Frage, ob Tobias und Heike in ihrer Verstrickung überhaupt in der Lage waren, Hilfe anzunehmen. Ja, und dieser Fall, der erinnert uns daran, dass nicht nur aktives Tun, sondern auch das bewusste Nichtstun tödliche Folgen haben kann und strafrechtlich relevant ist. Damit schließen wir diese besonders traurige Akte. Uns interessiert natürlich wie immer, was ihr zu dem Fall sagt. Findet ihr, dass faire Haft in dem Fall eine angemessene Strafe sind? Schreibt uns gerne eure Meinung dazu. Wir veröffentlichen eine Umfrage auf Spotify und natürlich könnt ihr uns auch dort oder auf unserem Instagram-Kanal atakte-Rheinland einen Kommentar da lassen. Oder ihr schickt uns eine Mail an podcast.ga.de. Denkt bitte auch dran, unseren Podcast zu abonnieren und uns eine Fünf-Sterne-Bewertung dazulassen. Das hilft uns sehr dabei, hier weitermachen zu können. Und natürlich freut es uns auch total. Wir hören uns in zwei Wochen wieder mit einem neuen Fall. Bis dahin, passt auf euch und auf eure Lieben auf. Und wenn ihr selbst mal das Gefühl habt, ihr seid überfordert, zum Beispiel mit der Pflege eines Angehörigen, dann holt euch bitte Hilfe. Es gibt professionelle Beratungsstellen, Pflegedienste und Betreuungen, die man in Anspruch nehmen kann. Wir posten euch dazu ein paar Anlaufstellen in die Folgenbeschreibung dieser Episode. Macht's gut. Tschüss. Tschüss.
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Das war Akte Rheinland. Der GA-Podcast zu Kriminalfällen aus Bonn und der Region. Akte Rheinland ist eine Produktion der Generalanzeiger Bonn GmbH. Redaktion und Moderation Anna-Maria Bekes. Produktionsleitung Andreas Deick. Mitarbeit Sabrina Bauer, Simeon Gerlinger und andere. Sprecher Daniel Dähling, Martin Busch.
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