WEBVTT

00:00:01.713 --> 00:00:09.093
Akte Rheinland. Ein Podcast des Bonner Generalanzeigers über wahre Verbrechen.

00:00:11.613 --> 00:00:16.413
Generalanzeiger Bonn. 14. Juni 1929.

00:00:17.173 --> 00:00:20.153
Der Prozess wird zur Sensation.

00:00:21.733 --> 00:00:27.293
Schon in den frühesten Morgenstunden warten hundert vor dem Tor des Landgerichts

00:00:27.293 --> 00:00:31.153
in der Wilhelmstraße, um nicht den Augenblick zu verpassen,

00:00:31.373 --> 00:00:35.733
wenn es geöffnet wird, und sich in langer Schlangenreihe aufzustellen,

00:00:35.953 --> 00:00:41.193
einen der wenigen Plätze zu ergattern, die dem Publikum zur Verfügung stehen.

00:00:42.293 --> 00:00:46.853
Schwüler und schwüler wird es im Saal, drückend die Atmosphäre.

00:00:47.413 --> 00:00:50.053
Aber ruhig rollt sich das Drama ab.

00:00:51.233 --> 00:00:56.373
Leicht vorn übergebeugt mit verschränkten Armen lehnt der angeklagte Dr.

00:00:56.653 --> 00:01:02.153
Richter an der Bank. Nur eine Hand macht Bewegungen, wenn er etwas erklären will.

00:01:03.441 --> 00:01:09.601
Mit ruhiger Stimme pariert er jeden Angriff, jede Frage und wird nur lebhafter,

00:01:09.921 --> 00:01:12.121
wenn er medizinische Dinge erklären muss.

00:01:12.801 --> 00:01:19.041
Über allem der Vorsitzende, alle Fäden leitend von Punkt zu Punkt,

00:01:19.761 --> 00:01:25.721
Schritt für Schritt vorwärtsgehend, die Wahrheit, die hier so tief versteckt liegt, zu erforschen.

00:01:26.601 --> 00:01:31.761
Sehr schwer ist es und wohl selten hat ein Prozess derartige,

00:01:32.201 --> 00:01:33.861
schwierige Fragen lösen müssen.

00:01:34.401 --> 00:01:38.401
Hat der praktische Arzt Dr. Richter einen Meineid geleistet,

00:01:38.681 --> 00:01:43.721
hat er, und das ist das Schwerste, hat er einen Mord begangen?

00:01:44.621 --> 00:01:48.921
Hallo zusammen zu einer neuen Folge Akte Rheinland. Hier besprechen wir an jedem

00:01:48.921 --> 00:01:52.241
zweiten Donnerstag einen Kriminalfall aus Bonn und Umgebung.

00:01:52.801 --> 00:01:55.701
Vorneweg habe ich eine wichtige Info für euch, wie angekündigt,

00:01:55.721 --> 00:01:59.061
gibt es in diesem Jahr zwei Live-Episoden von Akte Rheinland.

00:01:59.261 --> 00:02:01.581
Die erste zeichnen wir am 2.

00:02:01.801 --> 00:02:05.701
Juni 2025 auf im Kontrakreis-Theater in Bonn.

00:02:05.821 --> 00:02:08.741
Und zwar nicht, wie lustigerweise ganz viele von euch dachten,

00:02:08.901 --> 00:02:14.521
mit OK, ciao, liebe Grüße an der Stelle, sondern mit Dina und Franzi vom Podcast Trashologin.

00:02:14.861 --> 00:02:20.181
Die zwei sind Psychologinnen und sprechen in ihrem Podcast über Reality-TV und Popkultur.

00:02:20.421 --> 00:02:23.741
Bei uns werden sie aber über einen sehr spannenden Fall sprechen.

00:02:24.461 --> 00:02:30.701
Alle Infos dazu gibt es unter ga.de slash live minus podcast und ich poste euch

00:02:30.701 --> 00:02:32.481
den Link auch nochmal in die Shownotes.

00:02:32.681 --> 00:02:37.321
Jetzt aber zu unserem heutigen Fall, den besprechen wir heute in einer besonderen Zusammensetzung.

00:02:37.821 --> 00:02:42.361
Unser True Crime Format, also Akte Rheinland, trifft heute auf den Geschichtspodcast

00:02:42.361 --> 00:02:44.501
des Generalanzeigers Hinterbonner Türen.

00:02:44.981 --> 00:02:48.701
Und deshalb sitze ich heute hier zusammen mit meinen Kolleginnen Christine Ludewig

00:02:48.701 --> 00:02:53.201
und Johanna Lübcke, deren Stimme ihr ja schon von Akte Rheinland kennen müsstet.

00:02:53.201 --> 00:02:54.901
Hallo auch von uns. Ja, hi.

00:02:55.061 --> 00:02:58.481
Wir freuen uns, dass wir heute zusammen eine Folge machen können und zwar über

00:02:58.481 --> 00:03:01.941
einen historischen Mordfall aus dem Bonn der 1920er Jahre.

00:03:02.343 --> 00:03:06.163
Dem Arzt Dr. Peter Richter wurde damals der Giftmord an der Krankenschwester

00:03:06.163 --> 00:03:07.823
Katharina Mertens vorgeworfen.

00:03:08.223 --> 00:03:12.663
Dieser Fall hat die Stadt extrem beschäftigt und heute findet man aber kaum noch Infos darüber.

00:03:12.943 --> 00:03:16.423
Ja, wenn man an die Szene denkt, die wir am Anfang gehört haben mit den langen

00:03:16.423 --> 00:03:21.403
Warteschlangen vor dem Gericht, da muss das öffentliche Interesse damals echt groß gewesen sein.

00:03:21.943 --> 00:03:26.163
Gleich mehrere komplette Seiten hat allein unsere Zeitung, der Generalanzeiger,

00:03:26.283 --> 00:03:30.943
diesem Prozess 1929 gewidmet. Ja, den Generalanzeiger gab es auch damals schon,

00:03:31.083 --> 00:03:33.043
wir werden dieses Jahr 300 Jahre.

00:03:33.223 --> 00:03:37.923
Demnach waren über 40 Pressevertreter aus allen Teilen des Landes anwesend und

00:03:37.923 --> 00:03:41.483
für sie wurde extra ein Pressezimmer mit vier Telefonzellen eingerichtet.

00:03:42.303 --> 00:03:47.063
Warum hat denn dieser Mord so viel Aufmerksamkeit erregt? Das hatte mehrere Gründe.

00:03:47.343 --> 00:03:51.023
Punkt eins, der Fall war auf jeden Fall Stadtgespräch. Es ging um Affären,

00:03:51.183 --> 00:03:54.323
Mord und Abtreibung, ein absolutes Tabuthema damals.

00:03:54.323 --> 00:03:58.163
Die Nachricht über den Tod der Krankenschwester soll sich laut einem der ersten

00:03:58.163 --> 00:04:02.483
Artikel des Generalanzeigers über den Fall in der Stadt wie ein Lauffeuer verbreitet haben.

00:04:02.603 --> 00:04:06.383
Das lag sicher daran, dass Opfer und Täter in weiten Bonner Kreisen bekannt waren.

00:04:06.783 --> 00:04:10.583
Allein über das Kennenlernen sind zig Versionen im Umlauf. Mal geschah das beim

00:04:10.583 --> 00:04:13.763
Ringkauf, beim Juweliergeschäft des Mannes von Katharina Mertens,

00:04:14.163 --> 00:04:16.103
mal weil er ihr Kind behandelte.

00:04:16.263 --> 00:04:20.423
Die Gerüchteküche brodelte also. Und zwar so sehr, dass der Verhandlungsvorsitzende

00:04:20.423 --> 00:04:24.483
die Geschworenen am ersten Prozestag ermahnte, sich auf die Erkenntnisse des

00:04:24.483 --> 00:04:28.763
Prozesses zu konzentrieren und an die Presse Appellierte objektiv zu berichten.

00:04:28.943 --> 00:04:31.823
Ein weiterer Grund für das Interesse war die Seltenheit.

00:04:32.183 --> 00:04:35.383
Der Generalanzeiger schrieb damals auch, dass die letzte Mordverhandlung am

00:04:35.383 --> 00:04:37.303
Landgericht Bonn etwa fünf Jahre her sei.

00:04:37.483 --> 00:04:40.783
Und der Fall war auch noch aus weiteren Gründen in dieser Zeit besonders.

00:04:41.383 --> 00:04:44.683
Zu dieser Zeit gab es zwar noch die Todesstrafe, aber sie wurde faktisch kaum

00:04:44.683 --> 00:04:48.123
noch umgesetzt. und es gab die Debatte, ob man sie ganz abschaffen sollte.

00:04:48.471 --> 00:04:52.131
Das wissen wir aus einem Aufsatz des Bonner Historikers Horst-Pierre-Potin.

00:04:52.331 --> 00:04:56.471
Die Todesstrafe wurde in diesem Fall der ermordeten Krankenschwester wieder thematisiert.

00:04:56.671 --> 00:05:00.211
Aber bevor wir in den Prozess eintauchen, was war eigentlich passiert?

00:05:00.371 --> 00:05:05.291
Katharina Mertens lernte Peter Richter wahrscheinlich 1923 kennen.

00:05:05.491 --> 00:05:08.331
Da haben wir ja schon gehört, es gibt unterschiedliche Versionen.

00:05:08.511 --> 00:05:12.731
Eine davon ist eben die, dass das Kaschar, als er ihr Kind geimpft hat.

00:05:13.251 --> 00:05:16.751
Und danach entwickelte sich zwischen den beiden eine Liebesbeziehung,

00:05:16.871 --> 00:05:18.311
die noch intensiver wurde.

00:05:18.471 --> 00:05:22.751
Als Mertens Ehemann, ja, sie war nämlich verheiratet, wegen Hehlerei für zwei

00:05:22.751 --> 00:05:24.131
Jahre ins Gefängnis musste.

00:05:24.411 --> 00:05:28.531
Als Katharina Mertens schwanger wurde, führte Peter Richter eine Abtreibung

00:05:28.531 --> 00:05:31.871
bei ihr durch, die bei der Frau Folgeschäden auslöste.

00:05:32.031 --> 00:05:35.571
Dieser Schwangerschaftsabbruch war nicht nur medizinisch problematisch,

00:05:35.691 --> 00:05:38.951
sondern es gab damals natürlich auch noch eine andere Rechtslage als heute,

00:05:39.451 --> 00:05:40.691
also zumindest in Teilen.

00:05:40.851 --> 00:05:45.591
Ja, der Paragraf 218, den es ja auch heute noch gibt, stammt aus dem Strafgesetzbuch

00:05:45.591 --> 00:05:50.991
des Norddeutschen Bundes, wurde 1872 übernommen in das Reichsstrafgesetzbuch

00:05:50.991 --> 00:05:55.291
des Kaiserreichs und dann auch in der Weimarer Republik erst nicht verändert.

00:05:55.711 --> 00:05:59.171
Demnach war Abtreibung verboten, es wurde als Verbrechen gewertet.

00:05:59.451 --> 00:06:04.411
Doch in dieser Zeit wurde zunehmend gefordert, den Paragrafen 218 zu streichen

00:06:04.411 --> 00:06:09.391
oder wenigstens keine Strafe bei einem Abbruch in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten zu verhängen.

00:06:09.751 --> 00:06:13.811
Das Strafgesetzbuch wurde dann 1926 nur dahingehend verändert,

00:06:13.811 --> 00:06:16.871
dass eine Abtreibung nicht mehr mit bis zu fünf Jahren Zuchthaus,

00:06:16.971 --> 00:06:20.131
sondern nur noch mit Gefängnisstrafe geahndet wurde.

00:06:20.591 --> 00:06:23.951
Eine Reform des Paragrafen gab es dann 1927.

00:06:24.571 --> 00:06:28.711
Aber ganz wichtig, auch heute, also fast 100 Jahre später, ist es noch so,

00:06:29.131 --> 00:06:31.911
dass Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich strafbar ist.

00:06:32.031 --> 00:06:36.091
Für die Person, die den Abbruch durchführt, ebenso wie für die Schwangere selbst.

00:06:36.531 --> 00:06:39.011
Und da geht es um Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren.

00:06:39.791 --> 00:06:44.531
Über Sinn und Unsinn des Paragrafen 218 gibt es laufend Diskussionen und Debatten.

00:06:44.751 --> 00:06:48.191
Nur in bestimmten Fällen bleibt ein Abbruch straffrei, nämlich wenn er in den

00:06:48.191 --> 00:06:52.451
ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft erfolgt und auch dann nur nach Beratung

00:06:52.451 --> 00:06:54.111
und mit ärztlicher Zustimmung.

00:06:54.371 --> 00:06:57.871
Oder aber, wenn die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung entstanden ist

00:06:57.871 --> 00:07:01.691
oder wenn Leben oder Gesundheit der Schwangeren durch die Schwangerschaft gefährdet sind.

00:07:01.931 --> 00:07:07.391
Aber das ist natürlich heute nicht unser Thema. Die Reform von 1927 erlaubte

00:07:07.391 --> 00:07:09.171
einen Abbruch aus medizinischen Gründen.

00:07:09.651 --> 00:07:12.691
Der Abbruch von Katharina Mertens fiel aber nicht darunter. Ja,

00:07:12.791 --> 00:07:15.411
und offenbar kam es bei diesem Abbruch auch zu Komplikationen.

00:07:15.491 --> 00:07:20.151
Immer wieder musste Katharina Mertens in den Jahren danach behandelt und operiert werden.

00:07:20.391 --> 00:07:24.091
Die Kosten übernahmen Richter, wie im Prozess mehrfach ausgesagt wurde.

00:07:24.631 --> 00:07:29.331
1925 wollte sich Katharina Mertens dann mittels Scheidungsklage von ihrem Mann

00:07:29.331 --> 00:07:32.751
scheiden lassen. In diesem Prozess wurde auch Richter befragt,

00:07:32.831 --> 00:07:37.651
also ihr mutmaßlicher Geliebter, und er leugnete unter Eid dieses Verhältnis.

00:07:38.362 --> 00:07:41.862
Das sollte auch beim späteren Mordprozess Thema werden, das werden wir noch hören.

00:07:42.002 --> 00:07:46.862
Mit der Zeit kühlte die Beziehung der beiden ab, besonders als Richter im Jahr

00:07:46.862 --> 00:07:49.682
1927 eine Praxis in Bingen eröffnete.

00:07:49.942 --> 00:07:53.722
Briefe und Zeugenaussagen dokumentieren, dass in dieser Zeit Katharina Mertens

00:07:53.722 --> 00:07:56.242
Richter mit der Abtreibung unter Druck setzte.

00:07:56.442 --> 00:08:01.082
Sie forderte die Heirat oder zumindest an seiner Seite als Sprechstundenhilfe zu bleiben.

00:08:01.262 --> 00:08:03.822
Ja, das klingt so böse, wie sie hat ihn unter Druck gesetzt.

00:08:03.882 --> 00:08:07.522
Für mich spricht daraus ehrlich gesagt ihre Verzweiflung, Denn ihr blieb wahrscheinlich

00:08:07.522 --> 00:08:11.802
nicht viel anderes übrig zu dieser Zeit, hatten nicht verheiratete Frauen einen

00:08:11.802 --> 00:08:13.502
ziemlich schweren Stand in der Gesellschaft.

00:08:13.842 --> 00:08:19.202
Am 1. Dezember 1928 dann suchte Richter seine ehemalige Geliebte in ihrer Wohnung

00:08:19.202 --> 00:08:21.302
in der Nähe des Wilhelmsplatzes auf.

00:08:21.642 --> 00:08:24.602
Da sie wieder unter Schmerzen im Unterleib litt, untersuchte er sie.

00:08:25.042 --> 00:08:28.242
Kurz darauf verschlechtete sich ihr Zustand und sie vermutete,

00:08:28.602 --> 00:08:30.102
von ihm vergiftet worden zu sein.

00:08:30.362 --> 00:08:33.682
Sie lief auf die Straße, wo die beiden auf einen Polizisten trafen.

00:08:33.682 --> 00:08:38.862
Sie fuhren dann erst in die Klinik, in der ihr Zustand als hysterisch fehldiagnostiziert wurde.

00:08:39.082 --> 00:08:43.822
Dann wurde sie in eine Nervenheilanstalt gebracht, wo sie kurz darauf an einer Herzlähmung starb.

00:08:43.882 --> 00:08:46.822
Ja, bei dieser Diagnose, Hysterie, da klingelt es bei mir schon wieder.

00:08:47.582 --> 00:08:51.562
Heutzutage ist erwiesen, dass diese Krankheit im Grunde erfunden wurde,

00:08:51.662 --> 00:08:52.762
um Frauen zu kontrollieren.

00:08:52.882 --> 00:08:57.442
Als Begriff taucht die Hysterie schon bei Hippokrates, also in der griechischen Antike, auf.

00:08:57.562 --> 00:09:01.042
Und es ist die angebliche Frauenkrankheit schlechthin.

00:09:01.042 --> 00:09:05.102
Der Begriff stammt von Hysterar, griechisch für Gebärmutter und es wurde allen

00:09:05.102 --> 00:09:09.782
Ernstes angenommen, die Gebärmutter wandere durch den Körper der Frau und mache

00:09:09.782 --> 00:09:12.882
sie so anfällig für jede Art von Nervenkrankheit.

00:09:13.182 --> 00:09:18.722
Viele Frauen und zwar oft solche, die unbequem, laut, eben schwer kontrollierbar

00:09:18.722 --> 00:09:23.442
waren, wurden mit dieser Diagnose in Nervenheilanstalten eingewiesen und teilweise

00:09:23.442 --> 00:09:25.642
wirklich schrecklichen Prozeduren unterzogen.

00:09:26.222 --> 00:09:30.142
Heute gibt es die Diagnose Hysterie in der Form nicht mehr. Stattdessen spricht

00:09:30.142 --> 00:09:32.702
man von histrionischer Persönlichkeitsstörung.

00:09:32.902 --> 00:09:36.102
Und die wird natürlich nicht einfach so diagnostiziert, weil jemand sich nicht

00:09:36.102 --> 00:09:40.262
so verhält, wie man das will, sondern die beruht auf tatsächlichen psychiatrischen

00:09:40.262 --> 00:09:43.662
Untersuchungen und sie betrifft Männer genauso wie Frauen.

00:09:44.313 --> 00:09:45.733
Tatsächlich passiert es aber

00:09:45.733 --> 00:09:48.733
auch heute noch vielen Frauen, dass sie als hysterisch bezeichnet werden.

00:09:49.033 --> 00:09:52.173
Ich weiß nicht, ob euch das schon mal passiert ist? Ja, tatsächlich schon.

00:09:52.393 --> 00:09:54.473
Ich glaube, wenn dann eher hinter meinem Rücken vielleicht.

00:09:55.693 --> 00:09:58.493
Also mir ist es auf jeden Fall auch schon passiert. Und ich glaube,

00:09:58.673 --> 00:10:02.913
wir machen auf Spotify mal eine kleine Umfrage dazu. Da könnt ihr gerne dran teilnehmen.

00:10:03.213 --> 00:10:06.653
In unserem Fall war es so, dass Katharina nicht etwa psychisch krank war,

00:10:06.813 --> 00:10:08.093
sondern ganz klar physisch.

00:10:08.273 --> 00:10:13.273
Und diese Fehldiagnose hat sie am Ende ihr Leben gekostet. Im Prozess, der dann am 12.

00:10:13.433 --> 00:10:17.933
Juni 1929 begann, wurden die Beziehungen der beiden und besonders die Geschehnisse

00:10:17.933 --> 00:10:20.393
der Nacht im Dezember detailliert rekonstruiert.

00:10:20.813 --> 00:10:24.853
40 Zeugen waren allein am ersten Tag dabei, darunter laut dem Generalanzeiger

00:10:24.853 --> 00:10:28.253
alle Schichten. Ärzte, Juristen, Studenten, Handwerker.

00:10:28.453 --> 00:10:32.033
In der Mitte die Mutter der Ermordeten, tief in Trauer gekleidet,

00:10:32.273 --> 00:10:35.253
gestützt von der Schwester, so wird das Bild gezeichnet im Artikel.

00:10:35.393 --> 00:10:38.813
Aufschluss über die Beziehung gab neben den Aussagen der vielen Zeugen einen

00:10:38.813 --> 00:10:41.593
Karton voller Briefe, wie der Vorsitzende ausführte.

00:10:41.673 --> 00:10:46.633
Im ersten Teil des Prozesses ging es erstmal um den Main-Eidrichters im Scheidungsprozess

00:10:46.633 --> 00:10:52.513
1925 und zu Beginn behauptete Richter weiterhin mehrfach nur mit Mertens befreundet

00:10:52.513 --> 00:10:55.493
gewesen zu sein, also so wie in diesem ersten Prozess.

00:10:55.733 --> 00:10:59.593
Und er habe sie mehrfach besucht, eben weil er sie wegen einer Krankheit behandelt

00:10:59.593 --> 00:11:01.453
habe, die er aber nicht verschuldet habe.

00:11:01.673 --> 00:11:04.473
Der Angeklagte, also Peter Richter, was war das für ein Typ?

00:11:04.473 --> 00:11:09.353
Ja, er wurde 1899 in Mayen in der Eifel als Sohn eines Landwirts geboren.

00:11:09.613 --> 00:11:14.193
Er hatte fünf lebende Geschwister, seine Eltern waren zum Zeitpunkt des Prozesses bereits verstorben.

00:11:14.593 --> 00:11:18.573
Nach einem Jahr als Soldat studierte er Medizin, arbeitete in Bonn erst in einer

00:11:18.573 --> 00:11:20.633
Ohren, dann in einer Frauenklinik.

00:11:21.613 --> 00:11:25.813
1927 siedelte er in den Hunsrück über und eröffnete schließlich eine Praxis

00:11:25.813 --> 00:11:27.493
als Nasen- und Ohrenarzt in Bingen.

00:11:28.033 --> 00:11:31.093
Der GA beschreibt sein Auftreten am ersten Verhandlungstag so.

00:11:31.093 --> 00:11:36.753
Der Angeklagte überrascht durch sein jugendliches und unreifes Aussehen.

00:11:37.973 --> 00:11:43.413
Er ist dunkelblond, etwas affektiert frisiert und schwarz gekleidet.

00:11:44.733 --> 00:11:50.473
Während seiner ganzen Vernehmung hält er die Arme übereinandergeschlagen und

00:11:50.473 --> 00:11:55.373
versucht den Eindruck eines durchaus zu Unrecht Angeklagten zu machen.

00:11:56.413 --> 00:12:03.473
Seine im Zeugen- und Zuschauerraum befindlichen Freunde begrüßt er lächelnd mit Verbeugungen.

00:12:03.793 --> 00:12:07.973
Als eine Zeugin Aussagen machte, die eine engere Beziehung zwischen Mertens

00:12:07.973 --> 00:12:12.133
und Richter belegten, sagte der Angeklagte, die Zeugin sei ihm von Anfang an

00:12:12.133 --> 00:12:14.493
unsympathisch gewesen und ihre Aussage nicht wahr.

00:12:14.653 --> 00:12:18.593
Und was wissen wir über Katharina Mertens, also das Opfer? Nicht so viel.

00:12:18.773 --> 00:12:23.133
Sie war offenbar Krankenschwester, verheiratet mit einem Bonner Juwelier Mertens,

00:12:23.453 --> 00:12:25.553
dessen Laden wahrscheinlich in der Breitestraße war.

00:12:25.793 --> 00:12:29.993
Sie hatten eine Tochter, damals acht Jahre alt und nach der Scheidung lebte

00:12:29.993 --> 00:12:32.273
sie, also Katharina Mertens, bei ihrer Mutter.

00:12:33.132 --> 00:12:37.672
Der Gerichtsmediziner beschrieb sie als zarte Frau und er stellte schwere Verletzungen

00:12:37.672 --> 00:12:39.572
und Entzündungen im Unterleib fest.

00:12:39.992 --> 00:12:42.572
An den Folgen der Abtreibung muss sie sehr gelitten haben.

00:12:43.092 --> 00:12:46.112
Freunde und Familie bezeichneten sie trotzdem als lebensrohe Frau.

00:12:46.732 --> 00:12:49.992
Und laut dem Vorsitzenden schrieb Mertens Richter oft wegen Geldnöten.

00:12:50.212 --> 00:12:53.572
Er bezahlte demnach ihren Kuraufenthalt in Bad Kreuznach zum Beispiel.

00:12:53.852 --> 00:12:57.932
Und sie drohte wohl auch mit Selbstmord etwa bei einem Treffen in seiner neuen

00:12:57.932 --> 00:13:02.292
Praxis in Bingen. Ja, es gibt ja dann immer mehr Zeugenaussagen im Laufe dieses

00:13:02.292 --> 00:13:06.892
ersten Prozestages und die bestätigen im Grunde ja das Verhältnis der beiden.

00:13:07.412 --> 00:13:10.372
Und Richter hat das ja dann auch irgendwann zugegeben. Genau,

00:13:10.572 --> 00:13:13.932
ein Staatsanwalt aus Köln, der Mertens drei Jahre vorher heiraten wollte,

00:13:14.552 --> 00:13:17.592
sagte aus, dass sie ihm das Verhältnis mit Richter gestanden habe.

00:13:17.912 --> 00:13:20.672
Sie habe ihm auch einen Brief gezeigt, in dem Richter angab,

00:13:20.752 --> 00:13:21.892
ihr verpflichtet zu sein.

00:13:22.432 --> 00:13:25.692
Und später habe Mertens dem Staatsanwalt vor einer Reise nach Bingen geschrieben,

00:13:25.952 --> 00:13:28.992
wo soll ich denn hingehen als zu dem, der mich ruiniert hat.

00:13:29.372 --> 00:13:32.772
Andere Zeugen sagten vor Gericht aus, dass Mertens meinte, sie habe Richter

00:13:32.772 --> 00:13:34.212
in der Hand wegen eines Eingriffs.

00:13:34.412 --> 00:13:39.332
Nachdem der Meineid nun also geklärt war, ging es ab dem zweiten Verhandlungstag um den Mord.

00:13:39.572 --> 00:13:42.092
Dabei ging es viel um das Gift Strohfantin.

00:13:42.392 --> 00:13:46.052
Erst hatte Richter bestritten, es zu besitzen, dann aber doch zugegeben.

00:13:46.052 --> 00:13:51.572
Sehr im Kopf geblieben ist mir die Befragung eines Zeugen am dritten Tag der

00:13:51.572 --> 00:13:53.912
Verhandlung und zwar zur Mordnacht.

00:13:54.172 --> 00:13:58.152
Und der Zeuge war ein Student, der im Erdgeschoss des Hauses von Mertens Mutter wohnte.

00:13:59.152 --> 00:14:03.272
Generalanzeiger Bonn, 15. Juni 1929.

00:14:04.672 --> 00:14:10.112
Vorsitzender. Und Sie haben gellende Schreie vernommen? Zeuge, ja.

00:14:11.092 --> 00:14:15.792
Vorsitzender zum Angeklagten. Haben Sie die Frau nicht doch am Hals gewirkt?

00:14:16.132 --> 00:14:20.852
Angeklagte. Angeklagter. Das ist ganz ausgeschlossen. Nur als sie mir in den

00:14:20.852 --> 00:14:24.992
Finger biss, kann ich ihr in einer Reflexbewegung an den Hals gekommen sein.

00:14:25.272 --> 00:14:27.572
Aber von einem Würgen war keine Rede.

00:14:28.492 --> 00:14:31.812
Vorsitzender. Weshalb hat die Frau dann immer geschrien?

00:14:33.192 --> 00:14:38.332
Angeklagter. Nach meiner Meinung wollte sie eine möglichst theatralische Szene

00:14:38.332 --> 00:14:42.952
spielen und hat darauf gewartet, dass jemand im Hause darauf aufmerksam würde.

00:14:45.332 --> 00:14:50.372
Also sie hat nach ihrer Meinung den vom Zeugen als Todesschrei charakterisierten

00:14:50.372 --> 00:14:52.872
Ruf nur kaschiert? Angeklagter,

00:14:54.198 --> 00:14:59.418
Zeuge? Verzeihen Sie, Herr Doktor, ich bin Jurist und kein Mediziner,

00:14:59.638 --> 00:15:04.358
aber der Schrei war so charakteristisch, dass er als ein Schrei in höchster

00:15:04.358 --> 00:15:06.578
Not absolut nicht zu verkennen war.

00:15:06.958 --> 00:15:10.058
Denn ich vergesse diesen Schrei in meinem ganzen Leben nicht.

00:15:10.558 --> 00:15:15.278
Auch der Polizist, der die beiden in die Klinik begleitete, belastete mit seinen Aussagen Richter.

00:15:15.478 --> 00:15:19.318
In den Zeugenaussagen der Nacht wurde auch deutlich, dass Mertens Richter mehrfach

00:15:19.318 --> 00:15:22.738
beschuldigt hat. Er habe ihr etwas eingeführt, sie vergiftet.

00:15:23.278 --> 00:15:27.078
Der Arzt aus der ersten Klinik räumte ein, trotz dieser Aussagen fälschlicherweise

00:15:27.078 --> 00:15:29.538
angenommen zu haben, sie leide an Hysterie.

00:15:30.038 --> 00:15:33.058
Deshalb wurde sie ja dann auch in eine Nervenheilanstalt gebracht.

00:15:33.418 --> 00:15:37.638
Also der Prozess scheint sich ja dann immer mehr zu Lasten des Angeklagten entwickelt

00:15:37.638 --> 00:15:39.758
zu haben. Wie ist er denn damit umgegangen?

00:15:39.958 --> 00:15:43.358
Am 4. Verhandlungstag beschreibt der Generalanzeiger ihn als blass,

00:15:43.498 --> 00:15:45.498
apathisch und deutlich weniger selbstsicher.

00:15:45.898 --> 00:15:51.138
Und nach dem 5. Verhandlungstag titelt der GA dann am 18. Juni 1929 Dr.

00:15:51.398 --> 00:15:52.778
Richter zum Tode verurteilt.

00:15:53.098 --> 00:15:57.698
Den Einstieg in den Bericht über das Urteil fanden wir sehr befremdlich.

00:15:57.938 --> 00:16:01.798
Er erinnert eher an einen Leserbrief, fanden wir, hebt sich aber auch durch

00:16:01.798 --> 00:16:05.838
eine Markierung vom folgenden neutraleren Gerichtstext ab, ist aber trotzdem

00:16:05.838 --> 00:16:07.598
nicht klar als Meinungsäußerung markiert.

00:16:08.118 --> 00:16:11.378
Der Inhalt ist auf jeden Fall aus heutiger Perspektive unfassbar.

00:16:12.418 --> 00:16:18.738
Generalanzeiger Bonn, 18. Juni 1929. Das Urteil ist gesprochen.

00:16:19.258 --> 00:16:24.958
Der Vorhang schließt sich über einer Tragödie, die fünf Tage lang die Öffentlichkeit

00:16:24.958 --> 00:16:28.298
bewegt und zu lebendigen Stellungnahmen mitriss.

00:16:28.918 --> 00:16:34.098
Denn was in diesen fünf langen und bangen Verhandlungstagen immer wieder sichtbar

00:16:34.098 --> 00:16:38.958
wurde, ist im Grunde genommen der alte und ewige Kampf der Geschlechter.

00:16:39.838 --> 00:16:45.598
Der Kampf zwischen Mann und Weib, dem Zuneigung, Liebe, Leidenschaft vorausging

00:16:45.598 --> 00:16:48.918
und der in diesem Falle mit einem Mord endete.

00:16:50.138 --> 00:16:54.938
Der angeklagte Richter ist diesem Kampf in seiner letzten Auswirkung erlegen.

00:16:55.218 --> 00:16:58.858
Das Weib, Frau Mertens, war stärker als er.

00:16:59.278 --> 00:17:06.058
Sie beherrschte, dirigierte, bestimmte ihn, der Jung, stadtfremd, mit hohen Zielen,

00:17:06.698 --> 00:17:11.538
weich und daher im innersten Wesen formfähig nach Bonn kam und das Schicksal

00:17:11.538 --> 00:17:14.318
hatte, dieser Frau in die Arme zu fallen.

00:17:15.118 --> 00:17:21.018
Beide wussten zu viel voneinander und die Angst vor Enthüllung saß ihm drückend im Nacken.

00:17:21.238 --> 00:17:27.098
Aus Liebe wurde Hass, aus dem freundlichen, hilfsbereiten und weichherzigen

00:17:27.098 --> 00:17:30.478
Manne ein überlegter, kaltherziger Mörder.

00:17:30.918 --> 00:17:36.098
Er selbst bestreitet die Tat, die Geschworenen aber sprachen ihn des Mordes

00:17:36.098 --> 00:17:38.558
für schuldig. Der Vorhang fällt.

00:17:39.038 --> 00:17:43.498
Fällt über einer Tragödie der menschlichen Irrungen, Wirrungen.

00:17:44.298 --> 00:17:51.958
Urteilen wir nicht zu hart. Wer von uns ist ohne Erhoffen wir uns die Gnade,

00:17:52.158 --> 00:17:54.038
dass unsere Augen klar bleiben.

00:17:54.498 --> 00:17:57.978
Das Leben ist manchmal härter als wir selbst.

00:17:58.878 --> 00:18:01.978
Ja, also das kann man wirklich aus heutiger Sicht überhaupt nicht glauben.

00:18:02.158 --> 00:18:06.018
Das sind absolut wilde Spekulationen und dann wird das Opfer auch noch als die

00:18:06.018 --> 00:18:09.838
Schuldige dargestellt und der Mord wird zur Tragödie der menschlichen Irrungen.

00:18:10.758 --> 00:18:13.878
Diese Verharmlosung findet dann für mich ihre Krönung in der Aussage,

00:18:13.978 --> 00:18:17.078
man solle nicht zu hart urteilen, weil wer ist schon ohne Schuld?

00:18:17.918 --> 00:18:22.198
Ja, auf jeden Fall niemand, der seine Freundin vergiftet. Also ich denke,

00:18:22.318 --> 00:18:25.778
wir können zumindest sicher sagen, dass heute niemand mehr bei uns so einen

00:18:25.778 --> 00:18:29.058
Schwachsinn verfassen würde. Ja, Gott sei Dank.

00:18:29.918 --> 00:18:33.598
Immer wieder haben sich auch Prozessbeteiligte so geäußert.

00:18:33.718 --> 00:18:37.598
Sie haben Verständnis gezeigt gegenüber dem Angeklagten oder gaben dann auch,

00:18:37.758 --> 00:18:40.398
wie dort angedeutet im Artikel, Mertens die Schuld.

00:18:40.718 --> 00:18:44.358
Ein Psychiater zum Beispiel stellte Richter ganz klar als Opfer der Mertens

00:18:44.358 --> 00:18:48.098
dar. Er charakterisierte sie als Frau mit einer gefährlichen Wirkung,

00:18:48.238 --> 00:18:53.998
die es beherrsche, bei ihren Opfern, also Zitat, Opfern, Mitleid zu erregen und sie zu erpressen.

00:18:54.578 --> 00:18:58.278
Richter also ganz klar als Opfer der Mertens. Das wurde auch noch mal bei den

00:18:58.278 --> 00:19:00.778
Schlussplädoyers von der Verteidigung vorgetragen.

00:19:01.318 --> 00:19:05.758
Los ging es am 5. Verhandlungstag aber erst mal mit dem Befund des Gerichtsmediziners.

00:19:05.998 --> 00:19:10.778
Der Saal war damals überfüllt, schreibt der Generalanzeiger der Angeklagte noch gefasst.

00:19:11.276 --> 00:19:15.356
Der Gerichtsmediziner Müller-Hess teilte seinen Befund mit, diagnostizierte

00:19:15.356 --> 00:19:19.296
die Druckflecken am Hals als Würgemale und nannte weitere Verletzungen.

00:19:19.556 --> 00:19:23.656
Eine Vergiftung über den Magen schloss er aus. Bei der Untersuchung des Herzens

00:19:23.656 --> 00:19:27.676
fiel dann auf, dass es im Krampfzustand und blutleer zum Stillstand gekommen war.

00:19:28.196 --> 00:19:31.516
Danach übernahm der Pharmakologe wegen des Verdachts der Vergiftung.

00:19:31.516 --> 00:19:33.096
Das war der Pharmakologe Prof.

00:19:33.356 --> 00:19:37.936
Fünas und der untersuchte die Leiche auf Gifte und hielt laut dem Generalanzeiger

00:19:37.936 --> 00:19:41.876
im Gerichtssaal erst ein großes Referat über aus Pflanzen hergestellte Gifte,

00:19:42.036 --> 00:19:43.536
zu denen auch Strophantin zählt.

00:19:43.776 --> 00:19:48.656
Er erklärte, dass es höchst ungewöhnlich sei, dass Richter diesen Stoff in Pulverform bezog.

00:19:48.876 --> 00:19:51.996
Warum hatte er die Lösung nicht in der Apotheke richtig dosiert gekauft,

00:19:52.196 --> 00:19:55.216
sondern selber hergestellt, ohne Kontrolle über die Stärke des Mittels?

00:19:55.656 --> 00:20:00.656
Laut Fünas war eine Herstellung in so hoher Konzentration ohne Apotheker Ärzten verboten.

00:20:01.256 --> 00:20:02.716
Darüber entspann sich dann eine

00:20:02.716 --> 00:20:06.136
Debatte mit dem Sachverständigen der Verteidigung, der das anders sah.

00:20:06.356 --> 00:20:09.996
Das könnte aber auch an unterschiedlichen Landesgesetzen liegen.

00:20:10.376 --> 00:20:14.896
Über Versuche mit Fröschen, denen Fünas Extrakte aus dem Herz und Darm der Ermordeten

00:20:14.896 --> 00:20:19.176
spritzte, konnte der Sachverständige dann ermitteln, dass das Gift voraussichtlich

00:20:19.176 --> 00:20:21.036
über den Darm eingeführt worden war.

00:20:21.536 --> 00:20:25.796
Der Sachverständige der Verteidigung erwiderte dann noch, dass Mertens Reaktion

00:20:25.796 --> 00:20:28.236
auch auf Kokain zurückzuführen sein könnte.

00:20:28.736 --> 00:20:32.276
Das schloss aber der Gerichtsmediziner aus, unter anderem, weil sie in der Klinik

00:20:32.276 --> 00:20:33.476
bei klarem Bewusstsein war.

00:20:34.096 --> 00:20:38.696
Finos schloss mit seinem Ergebnis, dass Katharina Mertens an einem Herzgift,

00:20:38.756 --> 00:20:41.216
das über den Darm eingeführt wurde, gestorben war.

00:20:41.736 --> 00:20:45.436
Dass sie sich dieses selbst zugeführt hatte, wie die Verteidigung vermutete,

00:20:45.676 --> 00:20:47.036
schloss der Sachverständige aus.

00:20:47.276 --> 00:20:50.756
Danach starteten die Schlussplädoyers mit Oberstaatsanwalt Großmann.

00:20:51.016 --> 00:20:55.436
Er erklärte, schon mit dem Meineid habe der Angeklagte seine Glaubwürdigkeit verloren.

00:20:55.816 --> 00:20:59.696
Zitat, wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Auch er zeigte Verständnis für

00:20:59.696 --> 00:21:03.736
den Angeklagten, aber ausgewogener als manch anderer im Prozess.

00:21:09.676 --> 00:21:16.116
Das Ganze ist eine große Tragödie, aber nicht nur für ihn, sondern auch für die Frau.

00:21:16.836 --> 00:21:22.456
Es wird niemand in diesem Saale sein, der etwa den ersten Stein auf sie werfen möchte.

00:21:22.976 --> 00:21:28.596
Sie war ein Kind des Volkes. Sie hat die Umwelt so genommen, wie sie sich ihr darbot.

00:21:29.476 --> 00:21:33.976
Der erste Mann hat sie vernachlässigt, hat sie sogar hineingezogen in seine

00:21:33.976 --> 00:21:35.156
strafbaren Handlungen.

00:21:35.716 --> 00:21:41.156
An ihrer Familie hatte sie kaum einen Halt. Und so ist es ein tragischer Zufall,

00:21:41.456 --> 00:21:46.416
dass diese beiden Menschen zusammenkamen und zusammenblieben und schließlich

00:21:46.416 --> 00:21:49.396
in Schuld und Strafe zusammengekettet wurden.

00:21:49.896 --> 00:21:52.656
Und diese Kette wurde immer enger.

00:21:53.356 --> 00:21:56.956
Aber man wird es der Frau nicht allzu hart anrechnen dürfen,

00:21:57.256 --> 00:22:01.836
dass sie an dem Manne festhielt, dem sie die Schuld an ihrem siechen Körper,

00:22:02.176 --> 00:22:04.436
an ihrer Existenzlosigkeit gab,

00:22:04.936 --> 00:22:10.456
dem sie die Schuld gab, dass ihre Zukunft und die Zukunft ihres Kindes gefährdet wurde,

00:22:10.996 --> 00:22:13.396
wenn sie nun nicht auch in Bingen zur Ruhe kam.

00:22:14.056 --> 00:22:17.836
Die also nicht locker ließ, nicht locker lassen konnte.

00:22:18.757 --> 00:22:24.177
Ich verstehe sehr wohl auch die Lage des Angeklagten, wie er immer mehr in diese

00:22:24.177 --> 00:22:26.317
Situation hineingeritten wurde.

00:22:27.037 --> 00:22:30.997
Großmann war überzeugt von Richters Schuld, aber sagte, dass deshalb nicht unbedingt

00:22:30.997 --> 00:22:32.797
die Todesstrafe vollstreckt werden müsse.

00:22:33.117 --> 00:22:38.217
Die Verteidigung stellte Mertens als Täterin dar, betonte ihre Selbstmordandrohungen immer wieder.

00:22:38.437 --> 00:22:42.497
Und das Gericht befand ihn am Ende des Mordes für schuldig, merkte aber im Urteil

00:22:42.497 --> 00:22:46.437
auch an, dass die Todesstrafe zu hart wäre, die damals eben auf Mord stand.

00:22:46.897 --> 00:22:51.257
Nach der Urteilsverkündung wird es dann im Generalanzeiger nochmal befremdlich.

00:22:51.437 --> 00:22:55.277
Der Angeklagte hielt sich demnach nur noch mit Mühe aufrecht und dann heißt

00:22:55.277 --> 00:22:59.377
es, Zitat, einige Damen aus dem Zuschauerraum sahen sich veranlasst,

00:22:59.477 --> 00:23:01.597
auf ihn zuzustürzen und ihm die Hand zu reichen.

00:23:01.717 --> 00:23:06.537
Doch verhinderten hinzugetretene Gerichts- und Polizeibeamte weitere Kundgebungen des Publikums.

00:23:06.937 --> 00:23:10.597
Was es mit diesen Mitleidsbekundungen auf sich hatte, das können wir nicht sagen.

00:23:10.897 --> 00:23:14.537
Die Menge vor dem Gericht, die laut Generalanzeiger aus mehreren tausend Menschen

00:23:14.537 --> 00:23:17.597
bestand, nahm das Urteil wohl stillschweigend entgegen.

00:23:17.737 --> 00:23:22.377
Dieses Urteil wurde ein halbes Jahr später in eine lebenslange Zuchthausstrafe umgewandelt.

00:23:22.537 --> 00:23:24.957
Wie genau es dazu kam, konnten wir nicht nachvollziehen.

00:23:25.497 --> 00:23:29.437
Richter verbrachte sie im Rheinbacher Zuchthaus und laut dem Historiker Horst

00:23:29.437 --> 00:23:32.757
Pierre Boutin soll er ein vorbildlicher Insasse gewesen sein,

00:23:33.077 --> 00:23:36.517
übernahm dort immer wichtigere Aufgaben und im Zweiten Weltkrieg dann wurde

00:23:36.517 --> 00:23:39.397
er sogar für seine medizinischen Kenntnisse konsultiert.

00:23:39.997 --> 00:23:45.477
Nach 1945 kam er ins Gefängnis in Aachen, aus dem er 200 Tage lang ausbrach.

00:23:45.617 --> 00:23:51.237
Aus einem Spiegelartikel von 1949 wissen wir, dass Ende 1948 die Strafe bis zum 30.

00:23:51.477 --> 00:23:55.097
November 1953 mit Bewährungsfrist ausgesetzt wurde.

00:23:55.517 --> 00:23:59.497
Und seit dieser Zeit konnte Peter Richter zu einem relativ normalen Leben im

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beschaulichen Gläs zurückfinden, einer kleinen Ortsgemeinde im Landkreis Ahrweiler,

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zu der auch die Abtei Maria Lach gehört übrigens.

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Der Spiegeljournalist, der sich für den Artikel mit ihm traf,

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beschreibt ihn mit einem, Zitat, frischen roten Gesicht, vollem grau melierten

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Haar nach hinten gekämmt.

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In typischer Richterhaltung, wie auch damals im Bonner Prozess,

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die Arme vor der Brust verschränkt, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, freundlich lächelnd.

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Die Richters kamen ursprünglich aus dem Ort und waren dort immer angesehene

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Leute gewesen, schreibt der Journalist auch.

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Und Richter wird zitiert, ich genieße mein Leben.

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Nach der Bewährung wurde ihm seine Reststrafe erlassen. Er durfte jedoch nicht

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mehr als Arzt praktizieren.

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1972 starb er in Gläs. Ja, also das ist schon echt harter Tobak.

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Der Fall birgt so eine große Gemengelage mit ganz vielen schwierigen Themen.

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Die finanzielle Abhängigkeit einer, ja, am Ende alleinerziehenden Frau von einem

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privilegierten Mann, dieses Machtgefälle, die Abtreibung mit ihren Folgen und

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die unterschwellige und teilweise auch ganz offensichtliche Frauenfeindlichkeit

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in der Presse und im Gerichtssaal.

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Der Fall ist nicht nur aus heutiger Perspektive gesehen krass,

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auch damals hat er ja national für viel Aufsehen gesorgt.

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Was aber vielleicht auch mit der Hochphase des Boulevardjournalismus zu erklären

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ist, die es in den 1920er Jahren gab.

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Ja, ich fand die Recherche wirklich extrem bedrückend. Ich glaube, das ging uns allen so.

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Die langen Gerichtsberichte haben einen dann regelrecht gefesselt und in diese

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Zeit zurückversetzt. Das war sehr spannend. Dem kann ich nur zustimmen.

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Anna, vielen Dank, dass wir hier sein durften. Ja, sehr gerne.

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Es war mir eine wirklich große Freude.

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Ich freue mich, dass wir die Themen Stadtgeschichte und True Crime hier mal verbinden konnten.

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Denn 100 Jahre bin ich für einen

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Mordfall auch noch nicht in der Zeit zurückgereist in diesem Podcast.

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Und wenn ihr, liebe Hörerinnen und Hörer, das auch so spannend fandet,

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dann abonniert doch am besten sofort unseren Podcast hinter Bonner Türen und

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hinterlasst eine Fünf-Sterne-Bewertung.

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Natürlich auch gerne für Akte Rheinland.

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Wenn ihr Fragen, Anregungen oder anderes Feedback habt, dann schreibt uns bei

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Spotify oder YouTube, schickt eine Mail an podcast.ga.de oder meldet euch auf

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Instagram, da heißt unser Profil at Akte Rheinland.

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Wir hören uns in zwei Wochen wieder mit einem neuen Fall.

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Bis dahin, vielen Dank fürs Zuhören. Macht's gut. Tschüss. Tschüss.

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Music.

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Das war Akte Rheinland, der GA-Podcast zu Kriminalfällen aus Bonn und der Region.

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Akte Rheinland ist eine Produktion der Generalanzeiger Bonn GmbH.

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Redaktion und Moderation Anna-Maria Bekes, Produktionsleitung Andreas Deik,

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Mitarbeit Sabrina Bauer.

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Music.

