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Generalanzeiger Bonn, 28. April 2004. Vermutlich durch mehrere Messerstiche wurde eine 34-Jährige in der Nacht von Montag auf Dienstag lebensgefährlich verletzt. Wie die Polizei berichtete, fanden Bewohner eines Mehrfamilienhauses in Bornheim die Frau gegen 0.50 Uhr. Sie lag im Flur des Gebäudes. Die Verletzte wurde sofort in ein Krankenhaus gebracht. Wie ein Polizeisprecher auf Anfrage gestern mitteilte, befindet sich das Opfer, das schwere Stichverletzungen erlitt, inzwischen außer Lebensgefahr. Dringend tatverdächtig ist der 36-jährige Lebensgefährte der Frau. Er werde voraussichtlich heute dem Haftrichter vorgeführt, so die Polizei weiter. Genaue Erkenntnisse zum Tathergang lagen allerdings noch nicht vor. Im Flur, nach Vermutungen der Polizei, auch der Tatort, stellten die Beamten ein Messer sicher. Die Ermittlungen der Bonner Kriminalpolizei dauern an. Hallo und herzlich willkommen zu Akte Rheinland, dem True Crime Podcast des Generalanzeiger Bonn. Wir sprechen hier an jedem zweiten Donnerstag über wahre Verbrechen und Kriminalfälle aus dem Rheinland. Mein Name ist Anna-Maria Bekes. Und ich bin Sabrina Bauer. Bevor wir zu unserem heutigen Fall kommen, habe ich noch eine wichtige Info für euch. Es wird dieses Jahr nicht eine Live-Episode Akte Rheinland geben.

Sondern gleich zwei. Wie schon in den vergangenen drei Jahren treten wir auch in diesem Jahr wieder gemeinsam mit Lydia Benecke auf und stellen euch einen Fall vor. Allerdings diesmal nicht im Kontrakreistheater, sondern im LVR Landesmuseum in Bonn. Das Schöne daran ist, dass wir dadurch ungefähr 100 Plätze mehr anbieten können als bisher. Merkt euch also unbedingt schon mal den 31. Oktober 2025 vor, also Halloween. Wir melden uns dann rechtzeitig wieder mit allen Infos. Ja, tatsächlich, um das abzuschließen, belassen wir es in diesem Jahr nicht bei einem Live-Auftritt mit Akte Rheinland, sondern wir legen noch einen drauf und nehmen eine weitere Episode vor Publikum auf. Ebenfalls im Kontrakreis Theater, da sind wir ja quasi wie zu Hause.

Und wenn alles gut geht, wird das stattfinden am 2. Juni 2025. Ist also gar nicht mehr so lange hin. Diesen Termin also bitte auch schon mal rot im Kalender markieren. Aber zu dem Termin ist Lydia nicht dabei, ne? Nee, also in diesem Fall bin das dann ausnahmsweise nur ich, zusammen mit zwei Kolleginnen eines anderen Podcasts. Und ihr könnt ja mal raten, um welchen Podcast es geht. Ich erstelle dazu einfach mal eine kleine Umfrage bei Spotify. Sehr gut, es bleibt also spannend. Heute geht es aber erstmal um einen anderen Fall. Ja, richtig. Heute befassen wir uns mit einem sogenannten häuslichen Streit, der in einem schweren, ja, lebensbedrohlichen Angriff gipfelte. Die Tat ereignete sich, das haben wir eingangs schon gehört, Ende April 2004, also vor mehr als 20 Jahren in Bornheim. Hier lebt der Mann, den wir heute Dirk nennen, also er heißt nicht wirklich so, mit seiner Lebensgefährtin Sandra. Auch hier nennen wir nicht den wahren Namen.

Dirk ist 36 Jahre alt, Sandra 34. Im Haushalt lebt außerdem ihr Sohn, der zum Tatzeitpunkt neun Jahre alt ist. Sandras Sohn stammt aus einer inzwischen geschiedenen Ehe.

Und ansonsten können wir zu ihrem Hintergrund gar nicht mal so viel sagen, außer dass Dirk und sie sich schon aus Schulzeiten kennen. Also die waren auf derselben Schule, sie zwei Klassen unter ihm und 2001 werden die beiden dann ein Paar. Und nachdem Dirk eine Umschulung abgebrochen hat, dazu kommen wir gleich noch, zieht er zu Sandra in deren Wohnung. Er beteiligt sich mit seiner monatlichen Arbeitslosenhilfe an der Miete für die Wohnung und Sandra lebt von Unterhalt von ihrem Ex-Mann und hat seit Anfang 2004 auch einen Nebenjob. Das sind also finanziell schon eher schwierige, um nicht zu sagen eigentlich prekäre Verhältnisse, in denen die zwei leben. Ja, aber die drei leben also im April 2004 als Familie zusammen.

Harmonisch ist das aber trotzdem nicht zwischen ihnen, ne? Nee, es gibt andauernd Streit und es hat auch bereits körperliche Übergriffe von Dirk auf Sandra gegeben. Die Situation zu Hause ist zu diesem Zeitpunkt, April 2004, höchst angespannt und das gipfelt dann eben in dieser furchtbaren Tat, über die wir heute sprechen. Ja, und bevor wir dazu kommen, kannst du vielleicht ein bisschen mehr über Dirk und auch seinen bisherigen Lebensweg erzählen? Dirk stammt aus einem Arbeiterhaushalt, er ist in der Nähe von Bonn aufgewachsen und ist der Sohn eines Chemiefacharbeiters und einer Hausfrau. Die Schule hat er ohne Probleme mit Leistungen im oberen Bereich durchlaufen und danach eine Lehre als Chemiefacharbeiter abgeschlossen. Also er tritt sozusagen in die Fußstapfen seines Vaters. Das klingt ja erstmal nach einem geradlinigen und erfolgreichen Lebensweg. Aber wenn man näher hinschaut, bröckelt dieses Bild, oder? Ja, und an dieser Stelle ist eine kurze Inhaltswarnung wichtig. Es geht jetzt und auch im weiteren Verlauf nochmal um Suizidalität.

Dirk weist nämlich, und das schon im Kindesalter, suizidale Tendenzen auf, im Alter von nur zwölf Jahren. Und er nimmt ja nach einem Streit mit seiner Mutter einen ersten demonstrativen Suizidversuch. Was bedeutet denn demonstrativ? Ja, das soll wohl heißen, dass das nicht ernst gemeint war, dass er sich nicht wirklich selbst töten wollte, sondern dass das vielleicht eher ein Schrei nach Aufmerksamkeit sein sollte. Ich persönlich würde sagen, ja, und man muss auch, glaube ich, keine Psychologin dafür sein, dass ein Selbstmordversuch, egal ob er ernst gemeint ist oder nicht, ein extrem wichtiges Warnzeichen ist, das man auf gar keinen Fall ignorieren darf. Und diese Bezeichnung als demonstrativ, die finde ich deshalb auch ein bisschen schwierig. Das sage ich jetzt mal dazu, das wurde im Urteil so genannt. Das klingt für mich einfach etwas lapidar. Wir wissen aber natürlich nicht, was dahinter steckt. Und wir haben auch keine weiteren Informationen zur Kindheit von Dirk. Klaas aber, seine Psyche scheint schon früh instabil gewesen zu sein. Ja, das kann man wohl sicher so sagen. Und im späteren Verlauf seines Lebens unternimmt Dirk einen weiteren Versuch, sich zu suizidieren. Das ist im Jahr 1999, da ist er also Anfang 30.

Dieser Versuch mündet in einer längeren Einweisung in eine psychiatrische Klinik. Und im März 2004, also nur wenige Wochen vor der Tat, über die wir hier sprechen, da folgt dann ein dritter Suizidversuch. Da nimmt er so viele Tabletten, dass er in einen mehrtägigen Schlaf fällt und aus dem erwacht er dann einfach selbst wieder. Wir kommen auf seine suizidalen Tendenzen, wie gesagt, zu einem späteren Zeitpunkt nochmal zurück. Er ist nochmal zurück zu seinem Leben bis zu diesem Tag im April 2004. Du hast erzählt, dass er seine Ausbildung zum Chemiefacharbeiter absolviert hat. Ja, richtig. Er ist dann erstmal im Schichtdienst tätig, fest angestellt.

Aber nach ein paar Jahren häuft er dann so viele krankheitsbedingte Fehltage an, dass er irgendwann dadurch seine Anstellung verliert. Später bezieht er, also zu dem Zeitpunkt, über den wir sprechen, Arbeitslosengeld und Hilfe und hat logischerweise große finanzielle Probleme dadurch. Was sind denn die Gründe, warum er so oft krank ist? 1992, also im Alter von ungefähr 24 Jahren, treten bei Dirk erste Anzeichen einer Muskelerkrankung auf. Die 1996 als, Achtung, Myodenilat-Desaminase-Mangel, ich hoffe, ich habe es richtig ausgesprochen, kurz nennt man das auf jeden Fall MAD-Mangel, diagnostiziert wird. Das ist eine Erkrankung, die mit Muskelschwäche, Schmerzen und Krämpfen einhergeht. Zur Linderung der Beschwerden nimmt Dirk regelmäßig das Schmerzmittel Tramadol.

Und oft nimmt er das in Dosierungen oberhalb des verschriebenen Bereichs. Also er dosiert das so ein bisschen selbst hoch. Okay, und das hat er dann gemacht, wenn es ihm besonders schlecht ging? Ja, genau. Und zusätzlich zu dieser Erkrankung leidet er ab ungefähr dem Jahr 2000 auch noch an Herzrhythmusstörungen und epileptischen Anfällen. Da wird ihm deshalb unter anderem das Antiepileptikum Topiramat verschrieben und insgesamt wird Dirk als zu 70% schwerbehindert eingestuft. Das dürfte seinen Alltag ziemlich erschwert haben. Ja, definitiv. Er ist also absolut nicht zu beneiden. Sowohl sein Berufs- als auch sein Privatleben wurden durch seine gesundheitlichen Einschränkungen ganz stark beeinflusst. Wichtig ist aber auch, er trank sehr regelmäßig Alkohol schon seit seinem 16. Lebensjahr.

Zu dem Zeitpunkt, über den wir hier sprechen, trinkt er normalerweise täglich mehrere Flaschen Bier und er ignoriert auch, dass es da zu Wechselwirkungen mit den Medikamenten, die er nimmt, kommen kann. Dirk ist ja zum Zeitpunkt der Tat quasi Stiefvater des neunjährigen Sohnes seiner Freundin, aber er hatte auch noch eigene Kinder, ne? Ja, er ist Vater dreier Kinder aus unterschiedlichen Beziehungen und zu diesen Kindern hat er nur unregelmäßigen Kontakt und zahlt zum Zeitpunkt der Tat auch keinen Unterhalt für sie.

Früher war er da offenbar auch schon unzuverlässig. Was den Kindesunterhalt betrifft, 1997 wird er vom Amtsgericht Bonn zu einer Freiheitsstrafe von drei Monaten wegen Unterhaltspflichtverletzung verurteilt. Wir können zusammenfassend festhalten, Dirks Leben ist privat, beruflich und finanziell von großer Instabilität geprägt. Du hast eben schon gesagt, dass aus einer Beziehung mit Sandra, die seit 2001 besteht, nicht harmonisch verläuft. Ja, also anfangs verstehen die sich gut, aber seit ungefähr einem halben Jahr ist die Beziehung von Spannungen geprägt, zu diesem Zeitpunkt, über den wir sprechen. Es gibt viel Streit, zum Beispiel über die Haushaltsführung oder auch das Engagement im Familienleben. Die Situation spitzt sich also ein halbes Jahr vor der Tat immer weiter zu. Dirk verbringt da seine Tage meistens im Bett und steht oft erst um halb sieben auf und zwar wohlgemerkt abends, also 18.30 Uhr. Und dann spielt er bis spät in die Nacht am Computer oder sitzt vor dem Fernseher und trinkt Bier. Also ja eigentlich total konträr zu einem Familienleben mit einem neunjährigen Kind. Also er beteiligt sich nicht wirklich am Familienleben und das kritisiert seine Partnerin. Also total verständlich. Dirk fühlt sich davon aber drangsaliert, also von dieser Kritik und unter Druck gesetzt. und mit diesem gefühlten oder tatsächlichen Druck vermag er offenbar nicht umzugehen.

Und das äußert sich dann in der denkbar schlimmsten Art und Weise, er misshandelt seine Freundin in Streitsituationen mehrfach, dreimal schlägt er zu, einmal tritt er sogar mit Füßen nach ihr, also als sie am Boden liegt und er geht auch mit der Hand an ihren Hals, also so wird das später im Urteil genannt. Ich denke, das soll bedeuten, so eine Vorstufe von Würgen. Also er packt ihr so mit der Hand an den Hals. Das dürfte allerdings schon ziemlich schwerwiegend gewesen sein, denn nach einem dieser Vorfälle hat Sandra danach mehrere Tage lang keine Stimme. Das ist echt eine schreckliche Situation. Und da drängt sich die Frage auf, wird hier nicht auch mal über das Thema Trennung gesprochen? Ob das nicht besser wäre? Doch, etwa drei Wochen vor der Tat sieht Sandra auch aus dem Schlafzimmer aus. Also das ist ja schon ein sehr demonstrativer Schritt einer räumlichen Trennung. Sie schläft dann seitdem auf dem Sofa im Wohnzimmer. Ich muss ehrlich sagen, ich finde es eigentlich unglaublich. Es ist ja ihre Wohnung. Aber gut, sie sagt auch zu Dirk, dass es vielleicht besser wäre, wenn er aus der Wohnung auszieht. Und auch darüber streiten die beiden heftig. Sie wirft ihm vor, sich hängen zu lassen, sich selbst um die nötigsten Dinge einfach nicht zu kümmern. Also wir haben es ja eben schon gehört, der verbringt im Grunde den ganzen Tag im Bett, steht dann auf und spielt Computer oder guckt Fernsehen. Und sie meint unter anderem auch einen Antrag auf Arbeitslosenhilfe. Den hat er nämlich trotz der nahenden Frist immer noch nicht ausgefüllt. Also es geht darum, dass er auch weiter dieses Geld bezieht, mit dem er sich ja auch an der Miete beteiligt. Es ist also völlig klar, dass sie sich deshalb Sorgen macht.

Und Dirk droht Sandra nach einem dieser Streits, beim nächsten Mal wäre es nicht mehr so glimpflich ablaufen, wenn sie sich von ihm trennen würde. Ja, das ist eine ganz, ganz klare Gewaltandrohung. Auf jeden Fall. Und diese Androhung, die wird dann leider am Abend des 27. April 2004 in die Tat umgesetzt. Dabei beginnt der Abend ja ganz harmonisch, so zumindest schildern es alle Beteiligten später. Ja, am Anfang wirkt das wie ein ganz normaler Familienalltag. Jetzt mal abgesehen davon, dass Dirk auch an diesem Tag erst um 18.30 Uhr aufsteht, Sandra sitzt zu dem Zeitpunkt auf der Couch, der neunjährige Sohn hat noch einen Freund zu Besuch, den bringt er dann nach Hause und Sandra erzählt Dirk von ihrem Tag. Als der Sohn dann zurückkommt, essen die drei gemeinsam zu Abend und da ist auch im Urteil beschrieben, dass sie sich gegenseitig mit Pellkartoffeln füttern und sich necken, also so heißt das da. Wie kommt es dann, dass das dann alles so schnell eskaliert? Wir haben zumindest Hinweise darauf, warum dieser Abend einen eskalativen Verlauf nimmt. Dirk nimmt nämlich nach dem Abendessen 30 bis 40 Tropfen Dramadol, weil er sich schon in den Tagen zuvor nicht wohl gefühlt hat. Also auch hier sehen wir wieder, er dosiert das so nach gut Dünken. Ich habe mal nachgeguckt, die Tageshöchstdosis sind 160 Tropfen. Könnte also noch eine normale Dosis sein, aber das ist ein sehr starkes Medikament, das ist klar.

Und er trinkt dann den ganzen Abend über Bier. Also gegen 21 Uhr geht der Sohn ins Bett und Dirk und Sandra schauen sich dann gemeinsam Big Brother im Fernsehen an. Dabei trinkt er über den Abend verteilt vier Halbliter Flaschen Pilz, also zwei Liter Bier und sie trinkt Radler, also beide trinken Alkohol.

Und möglicherweise liegt es daran, dass es nach der Sendung dann wieder mal zum Streit kommt. Worum geht es bei dem Streit inhaltlich? Naja, es wäre vermutlich einfacher zu sagen, worum es nicht geht, denn die streiten so ziemlich über alles. Zum einen kritisiert Sandra Dirk, das habe ich eben schon kurz gesagt, weil er diesen Antrag auf Vorzahlung der Arbeitslosenhilfe immer noch nicht ausgefüllt hat. Die Frist dafür läuft am 28. April ab, also das ist der Tag danach. Und es geht aber auch noch um ganz andere Sachen. Ein paar Tage vorher ist Dirk offenbar mit Sandras Auto in einen Unfall verwickelt worden. Er sollte deshalb Ersatzteile fürs Auto besorgen, hat das nicht gemacht. Er hat offenbar außerdem eine extrem hohe Telefonrechnung verursacht. Weil er so oft telefoniert hat, um seine Stimme für den Eurovision Song Contest in Istanbul abzugeben. Ich habe mal nachgeguckt, kleiner Zwischenfakt. Für Deutschland trat damals Max Mutzke mit dem Lied Can't Wait Until Tonight an, aber das nur am Rande. Ja, das zumindest, also Max Mutzke war da mutmaßlich Auslöser eines heftigen Streits, der sich auch immer weiter steigert. Bis dahin muss ich ehrlich sagen, dass man in solchen Streits dann immer weiter sich hochsteigert und dann auch Sachen aufbringt, die jetzt eigentlich in dem Sinne nicht relevant sind. Das finde ich noch normal.

Sandra wirft Dirk dann unter anderem auch vor, dass er seiner eigenen Tochter noch nicht mal zu deren Kommunion gratuliert hat. Und sie kommt dann damit an, dass er sie nicht richtig über die Umstände seiner Entlassung aus dem Job im Jahr 1995 aufgeklärt hat. Das hatten wir eben schon kurz gehört. Er fliegt da raus, weil er so viele Fehltage hat. Er soll dann eine Umschulung machen zum Informationselektroniker und diese Umschulung bricht er ab, weshalb er dann erst bei ihr einzieht. Und dieses Thema, das kommt dann irgendwie nochmal zwischen den beiden auf in diesem Streit. Da werden aber wirklich ganz viele alte Geschichten hervorgeholt. Ja, und ich habe es gerade schon gesagt, sowas kennt man ja wirklich vielleicht selbst aus Streitigkeiten, dass dann das eine zum anderen kommt. Dirk stört hier auch genau das, dass Sandra mit den alten Geschichten anfängt, so nennt er das. Und er behauptet außerdem, sie würde ihm hinterher spionieren. Und da sagt Sandra, und das ist der Wendepunkt, es hat keinen Zweck mehr, sie fordert ihn auf, seine Sachen zu packen und die Wohnung zu verlassen.

Bornheim, 27. April 2004. Er sieht sie an, mit diesem starren Blick, den sie schon kennt und der Unheil verspricht. Sie greift nach ihrem Handy und sofort steht er auf und tritt ihr das Gerät aus der Hand. Dann schlägt er zu, in ihr Gesicht. Sie geht zu Boden, doch er macht weiter. Von ihren Schmerzensschreien geweckt, erwacht ihr Sohn und will der Mutter zu Hilfe eilen. Da packt er den Neunjährigen am Hals und schiebt ihn so aus dem Zimmer. In diesem Moment gelingt es ihr, die Haustür aufzureißen und um Hilfe zu rufen. Er hat inzwischen ein großes Messer aus der Küche geholt und er sticht von hinten zu, trifft ihren Rücken und den rechten Oberarm.

Sie versucht, weiter aus der Wohnung zu flüchten, verliert das Gleichgewicht, fällt und bleibt auf dem Treppenabsatz vor der Nachbarwohnung auf dem Rücken liegen. Während sie versucht, sich mit den Händen zu schützen und um Hilfe zu rufen, sticht er immer wieder zu. In die Brust, den rechten Unterarm und den rechten Oberschenkel. Insgesamt neunmal. Dabei brüllt er, das hast du jetzt davon. In diesem Moment kommt der Nachbar aus der ersten Etage hinzu und fordert ihn auf, aufzuhören. Er richtet sich auf, den Griff des Messers in der Hand. Die Klinge ist abgebrochen.

Er lässt von seinem Opfer ab und geht langsam in die Wohnung zurück.

Wann die Klinge des Messers abgebrochen ist, das konnte nie geklärt werden. Da kommen wir ganz am Ende nochmal drauf. Fest steht, der Nachbar, von dem wir gerade gehört haben, der verständigt die Polizei und den Notarzt und bringt den Sohn bei anderen Nachbarn in Sicherheit.

Übrigens, bei dieser Gelegenheit berichtet der Neunjährige dann noch, sein Stiefvater, also Dirk, habe ihm in diesem Moment die Schuld für die Ereignisse gegeben. Er hat also offensichtlich gesagt, du bist an allem schuld. Tatsächlich hat Dirk den Jungen, als der ihn quasi bei der Tat störte, am Hals gepackt und so in sein Zimmer zurückgedrängt. Er ist also auch ihm gegenüber gewalttätig geworden. Ja, das ist wirklich unfassbar. Und was macht Dirk dann? Ja, der ist wie gehört in die Wohnung zurückgekehrt. Er schließt sich im Schlafzimmer ein, nimmt aus der Nachttischschublade ein weiteres Messer, kauert sich neben das Bett und er denkt darüber nach, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Also da kommen eben seine suizidalen Tendenzen wieder zum Vorschein in dieser Panik-Situation für ihn. Also er beschreibt selbst, dass er da sehr panisch und ängstlich war.

Um 0.56 Uhr treten Polizeibeamte dann die Tür zum Schlafzimmer ein und da richtet Dirk das Messer gegen seine eigene Brust. Er wird aber dann durch die Polizisten überwältigt. Also genau genommen sprühen die ihm Pfefferspray ins Auge und er wird daraufhin festgenommen. Und verletzt sich nicht selber? Nein. Erstmal das Wichtigste, wie geht es mit Sandra und ihrem Sohn weiter? Sandra kann nur durch eine Notoperation das Leben gerettet werden. Sie hat schwerste Verletzungen durch diese Messerstiche. Es sind insgesamt neun, wie wir noch im Urteil hören werden. Sie liegt bis Mitte Mai im Krankenhaus und noch fast ein halbes Jahr später, beim Prozessauftakt Mitte September, sagt sie aus, Schmerzen zu haben.

Sie sagt, sie werde sehr wahrscheinlich 50-prozentige Invalidin bleiben. Also es gibt da wirklich bleibende Folgen, die sie ihr Leben lang beeinträchtigen werden. Und ihr Sohn, der in den Streit eingreifen wollte, der sei ebenfalls schwer traumatisiert von den Ereignissen. Und er sei jetzt in psychotherapeutischer Behandlung, um das Geschehen aufzuarbeiten. Wenn du mich fragst, hat Dirk in Kauf genommen, das Leben seiner Freundin und ihres Sohnes zu zerstören. Nur weil sie es gewagt hat, sich von ihm zu trennen. Ja, da gebe ich dir vollkommen recht. Und wir haben ja ja leider schon öfter über Femizide gesprochen. Und das hier ist für mich ein typischer Fall eines zum Glück gescheiterten Femizids. In Deutschland gibt es fast jeden Tag einen Femizid. Das hat Bundesinnenministerin Nancy Faeser bei der Vorstellung des BKA-Lageberichts geschlechtsspezifisch gegen frauengerichtete Straftaten berichtet. Alle drei Minuten erlebt eine Frau oder ein Mädchen hierzulande häusliche Gewalt. Und jeden Tag werden mehr als 140 Frauen und Mädchen in Deutschland Opfer einer Sexualstraftat.

Faeser sagte dazu, sie werden Opfer, weil sie Frauen sind. Das ist unerträglich und verlangt konsequentes Handeln. Ja, unerträglich, dem kann ich mich nur anschließen. Die Ursachen für die steigende Gewaltkriminalität gegen Frauen sind übrigens vielfältig. Und nein, liebe AfD und Fans, es sind nicht die bösen Ausländer, an denen es liegt. Ein viel wichtigeres Merkmal, das nahezu alle Täter verbindet, ist nämlich, und das zeigt die Statistik wirklich überdeutlich, nicht deren Nationalität, sondern ihr Geschlecht. Sie sind alle Männer. Als eine Ursache werden die in unserer Gesellschaft noch immer tief verankerten patriarchalen Strukturen gesehen. Ja, und auch die muss man ja gar nicht erst importieren. Traditionelle Rollenbilder, die gibt es auch in Deutschland nach wie vor. Gut zu erkennen ist das unter anderem am Gender Care Gap, also an dem Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Zeitaufwand, den Frauen und Männer an unbezahlter Arbeit leisten. Pro Woche sind es durchschnittlich rund neun Stunden, die Frauen mehr als Männer unbezahlt arbeiten. Insgesamt durchschnittlich rund 30 Stunden pro Woche. Kein Wunder, dass so viele Frauen nur in Teilzeitarbeiten gehen. Mit Care-Arbeit ist zum Beispiel Kindererziehung gemeint oder die Pflege von Angehörigen. Und natürlich sowas wie Kochen, Putzen, Waschen. Also zusammengefasst das, weshalb ich oft schon vor Beginn meines Lohnarbeitstages ziemlich platt bin. Ja, und wenn diese traditionellen Bilder aufgebrochen werden, kann das manche Männer verunsichern und sich für sie als Bedrohung darstellen.

Diese Ablehnung wird dann heutzutage oft noch verstärkt durch Social Media, wo Männern von der sogenannten Inselbewegung, also Frauenhassern im Netz, suggeriert wird, dass ihnen etwas zusteht, dass sie sich einfach nehmen können, nämlich Frauen. Ja, und dass ihnen auch zusteht, dass Frauen diese Rollen ausfüllen, die aus ihrer Sicht für sie vorgesehen sind. Wichtig zur Einordnung ist aber auch, dass diese steigenden Zahlen in dem Bereich auch darauf zurückzuführen sind, dass sich die Bereitschaft der Opfer, den Täter anzuzeigen, in den vergangenen Jahren sukzessive erhöht hat. Also immer häufiger bringen Frauen Straftaten zur Anzeige, statt einfach zu schweigen. Und so ergeben sich natürlich auch höhere Fallzahlen. Das ist also nicht zwingend etwas Negatives, sondern die trauen sich dann eben auch zur Polizei zu gehen. Und dass unser Fall hier ein typisches Gewaltdelikt aus diesem Bereich ist, das zeigt sich übrigens schon daran, dass Dirk, während er auf seine Freundin einsticht, nach Erinnerung des Nachbarn, der dazukommt, schreit, das hast du jetzt davon. Also, du hast es verdient, dass ich hier mit einem Messer auf dich einsteche, weil du dich von mir getrennt hast. Du bist verantwortlich dafür. Genau, du bist schuld, ja. Wie gibt sich Dirk denn als Angeklagter vor Gericht? Er sagt aus, dass er sich zwar noch an den Streit erinnert, nicht aber an die Messerattacke selbst.

Er sei erst im Treppenhaus wieder zu klarem Verstand gekommen. Er sagt tatsächlich, er sei dann erst zu Bewusstsein gekommen. Gut, er war ganz offensichtlich nicht bewusstlos, aber er meint, dass er eben keine Erinnerung hat. Aber auch im Treppenhaus nimmt er das Ganze nach seiner Aussage nur eingeschränkt wahr. Er hätte so einen Tunnelblick gehabt, sagt er, und er hätte durch diesen Tunnelblick allein das Gesicht und die Hände seiner Freundin wahrgenommen. Anschließend sei er panisch ins Schlafzimmer geflüchtet, wo er dann ja festgenommen wurde. Und er dachte, Sandra sei tot, oder? Genau das versucht das Schwurgericht in Bonn rauszufinden, was der Angeklagte vor seinem Rückzug ins Schlafzimmer wirklich wahrgenommen hat. In der polizeilichen Vernehmung hat er gesagt, dass sie tot ist. So zitiert ihn auch einer der Richter aus der Akte. Vor Gericht selbst sagt er dagegen, er hätte höchstens an schwere Verletzungen gedacht, die er ihr zugefügt hat. Wie argumentieren denn Anklage und Verteidigung? Die Staatsanwaltschaft geht von einem versuchten Mord aus, da der Angeklagte das Opfer habe töten wollen und zwar aus niedrigen Beweggründen. Das ist also für sie das Mordmotiv.

Der Staatsanwalt sagt, seine Lebensgefährtin brachte nur und das zu Recht auf den Punkt, was sie störte. Das ist also genau das, was wir gerade gesagt haben. Das sei, so der Staatsanwalt, für Dirk genug Grund gewesen, ihr Leben zu beenden. Auf Grundlage der Aussage eines psychologischen Sachverständigen, der Dirk begutachtet hat, geht die Anklage aber von einer verminderten Schuldfähigkeit aus und fordert eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten. Verminderte Schuldfähigkeit aufgrund der Medikamente und des Alkohols, die er an dem Abend eingenommen hat. In Verbindung mit seinen gesundheitlichen Problemen genau. Die Verteidigung dagegen sieht keine niedrigen Beweggründe, die eine Verurteilung wegen versuchten Mordes nach sich ziehen würden. Und auch versuchter Totschlag komme nicht in Betracht, sagen die. Die Verteidiger gehen davon aus, dass Dirk während der Tat die Klinge zerbrochen hat. Da kommen wir eben dazu, dass diese Messerklinge ja abgebrochen war. Und dass er dadurch strafbefreiend vom Tötungsversuch zurückgetreten ist. Zitat, er hat in die großen entsetzten Augen seines Opfers gesehen und abgelassen. Er sei darum, nur wegen gefährlicher Körperverletzung zu bestrafen. Die Verteidiger plädieren auf eine Strafe von bis zu zwei Jahren auf Bewährung. Und zu welchem Schluss kommt das Gericht am Ende?

Das verurteilt Dirk am 21. September 2004 wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Die mindestens neun Messerstiche, die gezielt lebenswichtige Körperregionen trafen, werden als Beleg dafür gesehen, dass der Täter den Tod seines Opfers herbeiführen wollte. Also nicht nur in Kauf genommen hat, sondern wirklich wollte, dass sie stirbt. Und er trat, so die Urteilsbegründung, eben nicht während des Angriffs von sich aus von der Tat zurück. Sondern wurde von einem Dritten, nämlich dem Nachbarn, der hinzukam, erst gestoppt. Ja, genau. Und das spielt eine wesentliche Rolle in der juristischen Bewertung. Zugleich fließen die gesundheitlichen Probleme, die regelmäßige Einnahme von Medikamenten und der erhöhte Blutalkoholwert, den Dirk zum Tatzeitpunkt hatte, als mildernde Umstände in die Strafzumessung ein. Letztlich gibt es eine Freiheitsstrafe von vier Jahren. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir sehr hoffen, dass Sandra und ihr Sohn diese schreckliche Tat irgendwann verarbeiten und hinter sich lassen konnten.

Klar ist, solche Taten sind leider keine Einzelfälle. Das stimmt und mal vielleicht als kleinen Tipp dafür, mit wem wir am 2. Juni eine gemeinsame Live-Folge aufnehmen, da verrate ich euch, was helfen würde, solche Taten zu verhindern, nämlich die feministische Revolution. Wir freuen uns wie immer auf euer Feedback zu dieser Episode und zu unserem Podcast allgemein. Und wir wissen, dass es auch diesmal Hörer, Gendern hier nicht erforderlich, geben wird, denen manche der von uns genannten Fakten, und das sind Fakten, übel aufstoßen und die sich dann vielleicht auch bemüßigt sehen, uns dafür eine nette Ein-Stern-Bewertung zu hinterlassen. Darum die wirklich ernst gemeinte Bitte, helft uns gerne, dem etwas entgegenzusetzen, indem ihr uns fünf Sterne schenkt, unseren Podcast teilt und weiterempfehlt, ihn abonniert und die Glocke bei Spotify aktiviert, dann verpasst ihr nicht, wenn es eine neue Folge gibt. Ah ja, und vergesst nicht, an unserer Umfrage teilzunehmen bei Spotify. Gerne könnt ihr uns auch eine Mail an podcast.ga.de schreiben oder aber ihr schickt uns eine Nachricht oder einen netten Kommentar auf unseren Instagram-Account at akte Rheinland. An der Stelle nochmal eine riesengroße Bitte. Wenn ihr das noch nicht tut, und das dürften viele von euch sein, denn unser Account ist im Vergleich zur Zahl unserer Hörerinnen und Hörer sehr klein, dann folgt uns auf Instagram. Den Link findet ihr auch in der Folgenbeschreibung.

Ja, das stimmt, da war in der Vergangenheit noch nicht so viel los, aber das wollen wir ab jetzt ändern. Ja, wir haben uns fest vorgenommen, unser Instagame zu verbessern. Ist immer peinlich, wenn Leute über 40 solche Worte sagen. Na ja, gut. Und wir freuen uns auf jeden Fall wirklich auf Feedback und auf Unterstützung von euch dabei. Ja, vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal. Tschüss.

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Das war Akte Rheinland, der GA-Podcast zu Kriminalfällen aus Bonn und der Region. Akte Rheinland ist eine Produktion der Generalanzeiger Bonn GmbH. Redaktion und Moderation Anna-Maria Bekes. Produktionsleitung Andreas Deick. Mitarbeit Sabrina Bauer, Simeon Gerlinger und andere. Sprecher Daniel Dahling, Martin Busch.