Ja, es stimmt. Silke Brüchmann ist Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. Ihr ist höchstwahrscheinlich in irgendeiner Form das passiert, wovor man jedes junge Mädchen immer gewarnt hat. Das rechtfertigt aber in keinster Weise, warum ihr dieser Mensch das Leben genommen hat. Nachdem Silkes Leben endet, kocht die Gerüchte Küche hoch und auch die Medien tragen zu einem Framing bei, was einer klaren Einordnung bedarf. Ich bin unfassbar dankbar, dass ich Christina Ahn treffen durfte, Silkes beste Freundin. Sie fasst das in Worte, was jeder einzelne Mensch im Zusammenhang mit diesem Fall hören muss. Auch in Folge 4 sind wir wieder auf der Spur des Täters. Einen Anstoß für rund 20 neue Hinweise liefert die ZDF-Sendung Aktenzeichen XY ungelöst, die Silkes Fall durch Schauspieler nachstellt. Und ins Visier der Ermittler gerät ein Mann, der wenig später in Überschriften als der Sexgangster mit dem Mord an Silke Brüchmann in Verbindung gebracht werden soll. Zurecht. Mein Name ist Pia Rabener und ihr seid angekommen in der vierten Folge von Akte Sturmann. Wer hat Silke getötet?
Akte Sturmann. Wer hat Silke getötet? Ein True Crime Podcast der Sturmann-Redaktion des Hamburger Armblats. Kurze trigger warnung an dieser stelle wir sprechen heute im laufe dieser folge über victim blaming also eine täter opfer schuld umkehr ich werde da nachher noch mal ausführlicher darauf eingehen, Wenn du selbst Überlebende oder Überlebender von sexualisierter oder körperlicher Gewalt bist, könnte dich eines der Hauptthemen dieser Folge triggern. Hör sie dir also vielleicht lieber gar nicht oder zumindest nicht alleine an. Mittwochabend, 20.15 Uhr. Die ganze Familie im Wohnzimmer auf der Couch versammelt, spannende Musik ertönt aus dem Fernseher. Dann erklingt Rudi Kernes Stimme. Die Kamera fährt auf ihn zu, er hinter seinem Pult. Kerner begrüßt alle Zuschauer, dann stürzte sich sofort in den ersten echten Kriminalfall des Abends. Ich bin ehrlich, ich habe diese Sendung über alles geliebt. Es hatte einfach etwas ganz Besonderes, wenn man sich bewusst machte, dass es sich hier nicht bloß um zugegeben eher mittelmäßig geschauspielerte Kriminalfälle handelte, sondern um tragische Schicksale. Hinter diesen steckte oft eine trauernde oder hoffnungsvolle und oft sehr verzweifelte Familie.
Ich bin nach einem Fall jedes Mal in ein Rabbit Hole versunken, habe alles gesucht, was es zu einem Fall gab. Wie hätte ich wohl reagiert, wenn es bei Aktenzeichen XY auf einmal um einen Fall gegangen wäre, der mir mehr als vertraut gewesen wäre, weil es zum Beispiel um meine ermordete beste Freundin ginge. Es ist der 20. Juni 1986. Silkes Tod liegt mittlerweile über ein Jahr zurück. Ermittler Wolf-Rüdiger Könntop ist zu Gast bei Aktenzeichnix Y ungelöst. Das wird damals noch moderiert von Eduard Zimmermann, ein deutscher Journalist und Fernsehmoderator, bekannt unter dem Spitznamen Ganovenede. Zunächst wird ein klassischer Einspielerfilm gezeigt. Zwei junge Schauspielerinnen verkörpern Silke und Christina auf dem Rückweg vom Freibad. Sie unterhalten sich über Partypläne, Silke sagt, sie müsse erst noch mit ihrem Vater sprechen. Der habe morgen früh ein Tennisturnier, da müsse man zu Hause immer auf leisen Sohlen gehen.
Im Gespräch mit ihren Eltern verhandelt Silke, dass sie länger wegbleiben darf als normalerweise. Dann macht sie sich mit dem Fahrrad auf den Weg. Die Absicht, zur Party eines Mitschülers zu gehen, kann wohl doch nicht so endgültig gewesen sein, erklärt die Moderatorin. Silke sei schließlich nicht zur Hausparty eines Freundes gefahren, wie sie es zunächst ihren Eltern gesagt hatte. Sie stellt ihr Fahrrad am Bahnhof Rheinfeld ab, macht sich mit den Jugendlichen auf den Weg nach Bagteheide, bricht dann ab und lässt sich an der B75 absetzen. Locker und frei heraus fragt sie den Radfahrer noch nach dem Weg. Die Sprecherin weist darauf hin, dass an der Bundesstraße 75 gegen 18.30 Uhr noch starker Verkehr gewesen sein müsste. Zum einen wäre lange verkaufsoffener Sonderamt gewesen, die Leute kämen vom Einkaufen. Zum anderen hätten viele das Wochenende und das schöne Wetter für einen Ausflug an die Ostsee genutzt. Die Polizei ermittelt später, dass bis zu 600 Fahrzeuge an Silke Brüchmann vorbeigefahren sein könnten.
Der Film zeigt anschließend noch die Suche ihrer Eltern, die sie dann auf dem Polizeirevier als vermisst melden. Der Einspieler endet mit einem Zoom auf das Gesicht von Silkes Mutter, die unter Tränen vermutet, Ich glaube, der Silke ist tatsächlich etwas passiert. Dann wechselt die Kamera zurück ins Studio. Die Aufzeichnung von Ankenzeichen X Y Y wird natürlich auch Thema im Podcast sein.
Habt ihr das direkt gesehen, an dem Abend alles ausgestrahlt wurde? Wusste man vorher schon? Ist da nochmal jemand auf dich zugekommen in dem Zusammenhang? Da muss ja in irgendeiner Form auch Recherche stattfinden haben, wie das dargestellt wird oder hat man sich da gar nicht mehr bei euch gemeldet? Ich kann gar nicht mehr sagen, ob ich eine Information darüber bekommen habe damals, dass diese Sendung ausgestrahlt wird oder wann sie ausgestrahlt wird. Aber ich habe sie gesehen, ja, an dem Abend auch gesehen. Ja, also ich denke, ich werde die Information wohl bekommen haben. Ja, die Darstellung ist schon...
Irgendwie so, es ist halt eine gestellte Situation und es sind gestellte Konversationen zwischen Eltern und Kind, zwischen Freundinnen. Ich habe mich da jetzt nicht wiedergefunden. Ermittler Wolf-Rüdiger Könntopp blickt mit ernster Miene in die Kamera und stellt den Fall mit monotoner Stimme vor. Auch Eduard Zimmermann kommt zu Wort. Der Moderator betont, dass sich der Tatzeitraum aufgrund der Zeugenaussagen auf 18.30 bis 20 Uhr begrenzen lässt und weist darauf hin, dass Silke von unzähligen Autofahrern gesehen worden sein muss. Dann spricht Zimmermann die Theorie an, Silke hätte versuchen können, per Anhalter in die Innenstadt zu kommen. Hinter Könntop wird jetzt ein Foto von Silke eingeblendet, das sie in den Klamotten zeigt, die sie am Tattag getragen haben soll.
Auch ein Bild der Tatwaffe wird gezeigt, das Modell detailliert beschrieben. Sogar ein Foto der am Tatort gefundenen Zigarettenmarke, die weißen, wird eingeblendet. Die würden nur in bestimmten Supermärkten verkauft werden, weiß Könntop. Zudem blendet die Sendung noch einen silbernen Ohrring, einen blauen Kajalstift der Marke Astor sowie eine Tüte rot verpackter Teebonbons ein. Alles Sachen, die Silke eigentlich bei sich getragen haben müsste, die am Tatort aber nicht gefunden wurden. Die Teebonbons soll sie sich beispielsweise noch am Vormittag des selben Tages gekauft haben. Das ist auch irgendwie, ich habe da mal TikTok aufgemacht irgendwie und dann skoll ich so und dann kommt man so total schlecht gemachtes Video mit so einer Story über sie. Irgendwie, wird Bodo irgendwie den Kompon auf die Idee, sowas zu machen, irgendwie, das ist irgendwie.
Überhaupt nicht. Also für mich sah es komplett unrealistisch aus. Also ich konnte mir das auch nicht komplett angucken. Meinst du jetzt auch Aktenzeichen, Exiptonomen da? Nee, das war anders gemacht. Okay. Ja, ähnlich, aber komplett unrealistisch. Also wirklich nichts irgendwo, wo ich jetzt sagen würde, das ist sie gewesen oder so. Das würde man auch nicht so gut umsetzen könnten, wenn man da... Nein, aber ich habe das nun auch zweimal bei Ankenzeichen gesehen. Einmal, wie dieser Massengentest war. Ich habe das ja 85 bei oder 86 war es dann nachher im Fernsehen irgendwie gesehen. Und ja, da kann man sich auch vielleicht nicht reindenken. Und will man die auch gar nicht. Und klar möchte ich gerne wissen, wer es war und warum.
Und das fragen sich ja auch bestimmt viele und es wäre auch schön für ihre Eltern gewesen, um vielleicht mit einem größeren Frieden einzuschlafen. Ich weiß, was mit meiner Tochter passiert ist. Thomas und Christina haben nach der Ausstrahlung der Sendung beide ein komisches Gefühl. Und auch im weiteren Verlauf ihres Lebens stolpern sie immer wieder über Darstellungen des Falls, die ihnen, um es mal vorsichtig auszudrücken, nicht immer gefallen. Thomas, weil er Silke einfach ganz anders in Erinnerung hat und ich das Gefühl habe, dass er nicht möchte, dass die Medien seine Meinung und Erinnerung an sie überschreiben. Und Christina, weil sie das Gefühl bekommt, dass das Internet Silke die Schuld an ihrem Schicksal gibt. Von Anfang an hat Christina betont, dass das Richtigstellen dieses sogenannten Opfer-Shamings ihre Hauptmotivation ist, in diesem Podcast stattzufinden. Und weil ich es für genauso wichtig halte wie sie, hat sich unser Gespräch auch lange um genau dieses Thema gedreht. Hast du in der Berichterstattung da auch in irgendeiner Form schon eine Rolle gespielt oder hat sich das eher auf Selke konzentriert?
Also das Einzige, woran ich mich erinnern kann, wo ich eine Rolle gespielt habe, in Anführungszeichen, es gab ja diese Veröffentlichung in dieser Sendung XY und das ist glaube ich ein Jahr danach erst erschienen. Und da war ich ja diejenige, die mit Silke zusammen gewesen ist an dem Tag, aber ich fand halt auch diesen ganzen Film aus heutiger Sicht schon sehr bewertend und so die Darstellung von Silke und ja, das schiebt sie so in ein Licht, so nach dem Motto, vielleicht ist sie per Anhalter gefahren, war sehr leichtsinnig und leicht bekleidet und das bildet ja eigentlich die Realität gar nicht ab. Gut, wir wissen natürlich nicht, ob sie in ein Auto gestiegen ist, aber selbst wenn sie vielleicht mit jemandem mitgefahren ist, ist das ja trotzdem...
Nicht in Ordnung, so das Gefühl zu vermitteln, als sei sie dann selbst schuld, dass sie sich in so eine Gefahr gebracht hat, dass sie so etwas zustoßen kann. Also das hat mich sehr umgetrieben. Verständlich und das wollen wir ja hier auch deutlich machen. Deshalb sind wir ja auch zusammengekommen, um darüber zu sprechen, weil dir und auch mir eben sehr am Herzen liegt, das richtig einzuordnen. Und darüber werden wir auch gleich noch sprechen. Ja.
Ich habe mir noch die Frage gestellt, ich meine, das geht ja dann an der Schule rum, man beschäftigt sich damit in den Tagen, danach ist das ja wahrscheinlich überall Thema gewesen. Hat man da im Freundeskreis drüber gesprochen? Ja, also natürlich ist das schon ein Schulhof-Thema gewesen. Ist ja klar, wenn so etwas passiert und alle waren betroffen und alle fanden es schrecklich. Aber es gab auch so Sätze wie, ja, stille Wasser sind tief zum Beispiel, auch so einen Satz, den ich sehr fragwürdig finde. Und du hast dich ja auch mit der Frage an mich gewendet, wie ich das darstellen möchte im Podcast und wie das Thema sein wird, weil der eben eine Sache ganz besonders am Herzen liegt und zwar, dass richtig eingeordnet wird, dass es nicht Silke schuld war. Also mir ist es halt ganz wichtig zu sagen, dass bei all der Darstellung dieses Verbrechens im Laufe der letzten Jahrzehnte immer wieder so Sätze zu lesen oder zu hören waren, auch im Internet geschrieben werden, sowas wie, sie hat ja kein BH an oder wenn man so leicht bekleidet ist.
Dann darf man sich ja auch nicht wundern, dass man damit gewisse Begehrlichkeiten weckt. Oder es steht ja auch im Raum, dass sie in das Auto gestiegen ist, ob sie vielleicht getrampt hat. Das konnte man ja eigentlich bis zum Schluss nicht wirklich sicher klären. Und dass man eigentlich immer mit solchen Äußerungen dem Opfer so eine Art Schuld auflädt und damit immer sagt, ein Stück weit sei sie selbst dafür verantwortlich, was ihr zugestoßen ist. Und das finde ich ganz schlimm, weil es gibt einfach überhaupt gar nichts, was ein Mensch sagen oder wie er sich verhalten kann, was rechtfertigen kann, dass ihm solche Gewalt zugefügt wird. Und ich finde das ganz wichtig, weil das in unserer Gesellschaft sowieso zunehmend so ein großes Thema ist. Und an dieser Stelle muss ich mich noch einmal zwischenschalten, auch wenn Christina es hier, finde ich, schon sehr passend formuliert hat. Was sie eben beschrieben hat, nennt man Opferschaming oder auch Victimblaming genannt.
Das steht in erster Linie wortwörtlich übersetzt dafür, dem Opfer die Verantwortung zuzuschieben. Gemeint ist also eine Umkehr des Täter-Opfer-Verhältnisses. Das Opfer ist Schuld für das an ihm begangene Unrecht, nicht der oder die Täter. Diesem Ansatz zufolge wird das Opfer zum Täter erklärt. Diese Beschuldigung der Geschädigten ist ein häufiges Phänomen im Bereich sexualisierter Gewalt. Mädchen und Frauen, die sexuelle Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung erlebt haben, wird der Vorwurf gemacht, das Falsche angehabt zu haben oder sich nicht genug gewehrt zu haben. Im Fall von häuslicher Gewalt muss sich die Leidtragende dafür rechtfertigen, nicht frühzeitig zur Polizei gegangen zu sein oder die Beziehung nicht konsequent genug beendet zu haben. Diese Technik der Anschuldigung wird häufig in Gerichtsverhandlungen von der Strafverteidigung des Täters angewendet. Auch Gerichte machen sich des Victim Bladings zu eigen.
In einigen Fällen leugnet die Polizei auf der Täterseite die Wahrnehmung der Betroffenen und schiebt alle Verantwortung von sich. Dieses manipulative Verhalten kann von Personen jedwenen Geschlechts ausgehen. Häufig steht die Bewahrung eines Machtgefälles dahinter. Aber Victim Blaming, das ist leider nichts, was Opfer und Täter untereinander ausmachen. Gerade wenn, wie im Fall Silke, das Opfer nicht mehr am Leben ist und sich nicht mehr zum Tathergang äußern kann und es auch keinen Täter gibt, kommt es dazu, dass Silke von der Gesellschaft für ihr Verhalten geblamed wird. Klar, nicht von jedem und vor allem nicht von jedem öffentlichkeitswirksam. Aber habt ihr euch vielleicht im Laufe dieses Podcasts schon mal bei dem Gedanken ertappt, dass ihr dachtet, wie man nur so blöd sein kann, als junge Frau sich abends alleine auf dem Weg zu einer Party zu machen und dann mutmaßlich zu einem fremden Menschen in ein Auto zu steigen, dass ja jeder weiß, dass man sowas nicht macht.
Dann möchte ich euch Folgendes sagen. Dann seid ihr Teil des Problems und vor allem betreibt ihr nach der vorausgegangenen Definition, wenn auch nicht laut und öffentlich, trotzdem Victim Blaming. Und es ist mir ganz wichtig zu sagen, dass Silke gar keine Schuld getroffen hat. Sie hat nichts falsch gemacht und sie hat sich auch wie ein ganz normaler Teenager benommen, Wie ein Teenager sich mit 15 Jahren benimmt und mit 15 macht man auch mal Sachen, die man vielleicht nicht unbedingt mit seinen Eltern eins zu eins abspricht und vielleicht ist man auch mal ein bisschen leichtsinnig, aber niemand hat das Recht, ihr deswegen einen Vorwurf zu machen. Und das ist mir total wichtig, dass man das, ja, dass einem jedem oder dass jedem das so bewusst wird. Es ist nicht ihre Schuld. Sie hat einfach verdammtes Pech gehabt und ist auf einen Menschen getroffen, der ihr das niemals hätte antun dürfen. Wenn ich ganz ehrlich bin, macht mich das Gespräch nicht nur traurig, sondern auch wütend.
Christina hat hier genau die richtigen Worte gefunden. Und dass man sich 1986 vielleicht noch nicht mit dem Framing in der Darstellung bei Aktenzeichen XY bewusst war, ist eine Sache. Dass es bis heute Menschen gibt, die Silke in irgendeiner Form für ihr grausames Schicksal, das ihr eine fremde Person angetan hat, verantwortlich machen, ist die andere.
Und leider, und damit spanne ich jetzt den Bogen in die Gegenwart, hat die Darstellung von Silke bei Aktenzeichen XY noch ganz andere Folgen. Und an dieser Stelle kommt Rieke ins Spiel. Rieke hat eigentlich einen ganz anderen Namen, hat aber nur im Vertrauen mit mir gesprochen und möchte sich zu Silkes Tod nicht mit ihrer eigenen Stimme äußern. Deshalb habe ich ihren Namen geändert.
Soviel darf ich trotzdem über Rieke preisgeben. Sie ist eine Person aus dem Familienumfeld von Silke und auch sie beschäftigt der Tod der 15-Jährigen bis heute.
Nicht nur, weil er Teil ihres Familienschicksals ist, sondern auch, weil Rieke auf Social Media regelmäßig über illegale Re-Uploads der Aktenzeichen XY-Folge gestoßen ist, die sich mit Silkes Pfeil befasst. In den Kommentarspalten wird die Schauspielerin, die Silke verkörpert, immer wieder stark sexualisiert. Um nur ein paar Beispiele zu nennen. Hier schreibt ein User auf TikTok, BH hätte eventuell Schlimmeres verhindert. Ein anderer schreibt, kein Wunder, dass sie nicht ankam. Viele weitere Kommentare sexualisieren den Körper der Schauspielerin, machen sich darüber lustig, dass sie kein BH trägt. Das erspare ich euch lieber. Rieke hat mir eine Mail geschrieben, in der sie das Thema angesprochen hat. Sie erzählt mir auch, dass sie der ZDF-Redaktion bereits mehrfach die illegalen Re-Uploads gemeldet hat und dazu aufgefordert hat, sie sperren zu lassen. Sowohl sie als auch ich haben auch über TikTok versucht, die Accounts hinter den Kommentaren zu melden. In einigen Fällen haben entweder das ZDF oder TikTok die Beseitigung der Videos und Kommentare bewirkt. Die Kommentare hatte ich zu diesem Zeitpunkt meiner Recherche schon selbst gefunden, aber Rikes Mail ruft mir noch einmal in den Kopf, wie wichtig es ist, auch auf diesen Aspekt im Podcast einzugehen. Deshalb habe ich Rike gebeten, mir ein schriftliches Statement zukommen zu lassen.
Weil sie nicht selbst zu hören sein möchte, werde ich es euch vorlesen. Ich beobachte die Berichterstattung aus persönlichem Interesse schon lange. Auch nach über 40 Jahren finden sich auf diversen Social-Media-Plattformen Inhalte zu Silkes Fall, insbesondere Ausschnitte aus dem Aktenzeichen XY-Beitrag. Erschütternd finde ich, dass sich unter ausnahmslos jedem Post, den ich finden konnte, Kommentare häufen, die in keinem Kontext, aber vor allen Dingen nicht in diesem angemessen sind. Meist unter anonymen Profilen versteckt, kommentieren die User und Userinnen Silkes Aussehen, insbesondere ihre Figur, auf eine sexistische und frauenfeindliche Weise. Ich frage mich an dieser Stelle, ob es an einer Impulskontrolle fehlt und die Aussagen gepostet werden, ohne darüber nachzudenken, oder ob manche auch bei längerem Nachdenken nicht verstehen, wie unangebracht so etwas ist. In beiden Fällen bin ich fassungslos darüber, dass solche Gedanken überhaupt so weit verbreitet sind. Leider sind derartige Bemerkungen nämlich keine Einzelfände, sondern bilden die augenscheinliche Mehrheit der Kommentare ab. Das zeigt für mich eindeutig und repräsentativ einen Nistand auf. Es sagt viel darüber aus, wie unsere Gesellschaft derartige Fälle sieht, was mich als junge Frau beunruhigt. Deutlich wird eine negative Haltung gegenüber Frauen und umgekehrt eine verständnisvollere Haltung gegenüber männlichen Täter.
Wenn so grausame Taten 2026 mit dem Aussehen des Opfers legitimiert werden und für einen repräsentativen Teil der Bevölkerung annähernd nachvollziehbar sind, ist das ernst zu nehmen. Eine Tat sollte unabhängig davon bewertet werden, was das Opfer trug und welche Figur es hatte. Und genau das finde ich in den Kommentaren nicht wieder. Ausdrücklich erwähnen möchte ich, dass ich der Redaktion vernagten Technics Y vor kurzem schon zum zweiten Mal aus diesem Grund geschrieben habe. Nach meinem Hinweis wurde nun schon der zweite Großaccount auf TikTok gelöscht, der die Inhalte ohne Zustimmung hochlädt und die Kommentare nicht moderiert hat. Auch wenn ich dankbar bin, dass das Team von Aktenzeichen XY direkt reagiert hat, sehe ich die Pflicht ebenso bei den Betreibern solcher Plattformen. An erster Stelle ist jedoch jede und jeder selbst dafür verantwortlich, was er kommentiert und solch unpassende Bemerkungen sollten gar nicht erst gepostet werden. Auch wenn es für viele so weit weg ist, sollte nicht vergessen werden, dass zu diesen Video-Ausschnitten eine junge Frau gehört, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatte.
Und an dieser Stelle möchte auch ich, Pia, sagen, danke, Rieke, für deine Worte. Sie haben mich sehr berührt und ich hoffe, sie regen zum Denken und Reflektieren an. Aber natürlich schulde ich euch auch noch eine Antwort darauf, was nach der Ausstrahlung von Aktenzeichen XY passiert. Silkes Fall wurde einem Millionenpublikum gezeigt und in der Sendung laufen die Telefone heiß. Am Ende erhält die Polizei ganze 20 Hinweise aus der Bevölkerung, die die Sendung am Mittwochabend verfolgt haben. Aber ihr könnt es mittlerweile schon ahnen, der entscheidende Hinweis ist wieder nicht dabei. Als ein vielversprechender Anruf erscheint zunächst die Aussage eines Autofahrers aus NRW, der Silke an der B75 bei Blumendorf gesehen haben will und sich noch an passende Kleidungsstücke erinnern kann. Doch im Zuge einer ausführlichen Vernehmung verstrickt sich der Autofahrer in Widersprüche. So kann das Mädchen faktisch gar nicht zu dem genannten Zeitpunkt an der Stelle gewesen sein, die der Zeuge angegeben hatte. Auch das Messer wollen mehrere Anrufe erkannt haben, doch die Aussagen verlaufen relativ schnell im Sande.
Ernüchterung stellt sich bei den Ermittlern ein. Schließlich hatten sie sich mehr erhofft und auch bei Silkes Eltern noch immer frische Wunden wieder aufgerissen. Könntopp betont gegenüber der Presse aber trotzdem, dass man den Fall nicht ad acta legen werde. Und was soll ich euch sagen? Die Jahre gehen ins Land und es passiert nichts. Bis es 1992 in Bagteheide zu einer versuchten Vergewaltigung an einer 16- und einer 9-jährigen Schülerin kommt. Der beschuldigte Mann hatte an einem Wochentag versucht, die Mädchen in seine Gewalt zu bringen und sie mutmaßlich zu vergewaltigen.
Die zuständige Mordkommission in Lübeck ist sich sicher, dass alles dafür spricht, dass der Täter aus dem Kreis Stormann kommt. Mehr als 100 Hinweise auf den gesuchten Mann gehen bei der Polizei ein. Die Polizei gibt an, dass sie über das Aussehen des Täters ziemlich konkret Bescheid wisse und dass er einen weizengelben Mercedes der Baureihe 123 Farbe. Die Kripo prüft, ob zwischen den versuchten Vergewaltigungen an den 16 und 9 Jahre alten Schülerinnen ein Zusammenhang zu mehreren Mordfällen aus dem Kreis Sturmann besteht. Denn auch wenn sich dieser Podcast mit dem Fall um Silke Brüchmann befasst, ist Silke leider nicht das einzige Mädchen, welches im Kreis Sturmann ermordet wird und deren Tod bis auf weiteres ungeklärt bleibt. In der Berichterstattung wird das Bild eines sogenannten Sexgangsters gezeichnet, ein Serientäter, der in Sturmann gleich mehrere Mädchen vergewaltigt hat oder es zumindest immer wieder versucht. Und wenn es ihm nicht gelingt, seine Opfer zur Strecke bringt. So kommt der Tatverdächtige für den Fall der 13 Jahre alten Hannelore Knebel aus Stemwarde infrage. Am 21. Dezember 1970 wurde das Mädchen etwa 300 Meter von ihrem Elternhaus entfernt von einem damals etwa 30 Jahre alten Mann mit rundem Gesicht angesprochen.
Er bat sie, ihm bei der Suche nach seiner verlorenen Brieftasche zu helfen. Ihr zweijähriger Bruder ist dabei, sie bringt ihn noch nach Hause, danach verschwindet sie für immer spurlos. Einen Tag später findet ein Suchtub der Polizei Hannelores Deich in einem Graben. Neun Jahre später, nicht weit entfernt von dem Graben, in dem Hannelore gefunden wurde, finden zwei Amateurfunker die Leiche der 10-jährigen Anche Kliewe aus Basbüttel unter einem Heulstapel versteckt. Elf Tage zuvor war sie von ihren Eltern als vermisst gemeldet worden, die Polizei hatte vergeblich nach ihr gesucht. Gegen Mittag hatte Anche am Tag ihres Verständens das Haus verlassen und war mit ihrem gelben Klappfahrrad zum Spielen unterwegs. Um 14 Uhr wird sie das letzte Mal von einer Anwohnerin in der Nähe des Holzstapels gesehen. Der Mörder hat ihr den Schädel zertrümmert. Von Silkes Fall wird auch erneut berichtet. Auch sie wird in Zusammenhang mit dem mutmaßlichen Serientäter gebracht. Die grausame Wahrheit ist, dem Mann kann der Mord an Silke, Hannelore und Antje nicht nachgewiesen werden. Es gibt keinen Täter und die Zeit rennt. Es kommt zur Jahrhundertwende, ohne Frieden für Silkes Angehörige. Ab und zu taucht ihr Bild in der Berichterstattung auf, zum Beispiel, wenn sich ihr Tod mal wieder jährt.
Christina, Anja und Thomas werden erwachsen, leben ihr Leben ohne die Freundin aus Schulzeiten, ziehen weg, kommen zurück nach Rheinfeld und vergessen Silke nie. Und dann kommt der Oktober 2010. Silke ist mittlerweile über 25 Jahre tot. Sie soll endlich ihren Frieden finden. Und das mithilfe eines einzigen Rachenabstrichs. Und das erwartet euch in der nächsten und letzten Folge von Akte Stormann. Wer hat Silke getötet? Ich spreche mit Forensikerin Dr. Nicole von Wurmschwag. Die ist nicht bloß eine renommierte Forensikerin mit einem eigenen Forschungslabor zur forensischen Genetik- und Rechtsmedizindozentin, sondern sie ist auch die Frau, die 2010 den bis dato größten Massengentest in der Geschichte Schleswig-Holsteins mit ihrem Team auswertet. Anlass für den Massentest im Kreis Sturmann ist der Fall Silke Brüchmann. Finden Sie in unserer Abendblatt-Podcast-App und auf abendblatt.de slash podcast.