Ich weiß nicht, wer du bist. Ich bin mir nicht mal sicher, ob du noch lebst. Und wenn du es tust, warst du die letzten 40 Jahre ein freier Mann. Du bist durch die Welt gegangen in dem Wissen, dass du das Leben einer 15-Jährigen auf dem Gewissen hast. Am 1. Juni 1985 hast du nicht nur ihr Leben beendet, sondern eine Schuld auf dich geladen, mit der du für immer leben musst. Wer bist du und warum hast du Silke getötet? Ihr hört Akte Sturmann. Wer hat Silke getötet? Ein Podcast des Hamburger Abendblatts. Dieser Podcast erzählt die Geschichte einer 15-Jährigen, die Opfer eines Gewaltverbrechens wurde. In Rheinfeld, auf dem Land, in unserem Kreis Stormann. Ich bin Pia Rabener, Lokalreporterin beim Hamburger Abendblatt in der Redaktion Ost. Seit ich das erste Mal ein Foto von Silke gesehen habe, lässt mich ihr Schicksal nicht mehr los.
Akte Stormann. Wer hat Silke getötet? Ein True Crime Podcast der Stormann-Redaktion des Hamburger Abendblatts. In der heutigen und ersten Folge von Akte Sturmern erzähle ich euch, wer Silke war und was sie ausmachte. Das halte ich in Bezug auf meine Recherche für unfassbar wichtig. Silke ist Opfer eines Gewaltverbrechens geworden, aber sie hat davor bereits 15 Jahre unter uns gelebt. Ich durfte sie leider nicht persönlich kennenlernen. Und einem Großteil der Zuhörer dieses Podcasts wird es ebenso gehen. Deshalb habe ich mich an die Menschen gewandt, die ein Teil von Silkes Leben waren und sie als allererstes gefragt, wer war Silke Brüchmann? Silke kommt aus Rheinfeld, das ist schon ganz schön weit nördlich in unserem Redaktionsgebiet. Zwölf Kilometer vom Leichenfundort entfernt, um ganz genau zu sein. Rund 9000 Einwohner hat die Kleinstadt im Norden Stormanns. Viele Rheinfelder sagen deshalb, dass Rheinfeld nur so tut, als wäre es eine Stadt, aber eigentlich ein Dorf ist. Hier kennt also vermutlich jeder jeden oder zumindest jeden Zweiten.
Silke hat hier mit ihren Eltern gelebt, ist dabei in Bad Oldesloh zur Schule gegangen. Als ihr Leben endet, ist die 15-jährige Schülerin der Klasse 9b an der Theodor-Momsen-Schule ein Gymnasium.
Ich bin gerade in Rheinfeld. Mal wieder ehrlich gesagt. Ich war schon ein paar Mal hier. Aber heute führt mich mein Weg zu Anja. Anja hat sich auf den Aufruf im Hamburger Abendplatz im Stormanteil gemeldet. Da hatte ich nochmal einen kurzen Text dazu verfasst, dass sich bitte Personen aus dem privaten Umfeld von Silke bei mir melden sollen. Und das haben tatsächlich auch relativ viele gemacht, unter anderem eben Anja. Und Anja ist eine Grundschulfreundin von Silke gewesen. Ich bin sehr gespannt, was sie zu erzählen hat und ich freue mich auf das Gespräch mit ihr. Ich gehe mal rein. Ich heiße Anja Rademacher, bin 56 Jahre alt, bin in Bad Oldesloe geboren und in Rheinfeld aufgewachsen und ich bin mit Silke zur Grundschule gegangen. Wir wurden 1976, ich denke mal im August eingeschult und damals waren die Klassen sehr groß. Wie ist das generatiert? Wir waren, ich glaube anfänglich waren wir mal vielleicht 28 und wir waren ja 36 Schüler. Also es kamen auch immer welche irgendwie gefühlt, also aus meiner Erinnerung dazu. Und ich saß immer irgendwie vorne, meistens vorm Lehrertisch.
Und Silke saß ganz hinten. Wir sagten immer Lümmelbamm dazu. Da saßen so all die, ich weiß nicht, die vielleicht so ein bisschen, ich möchte nicht sagen, zappeliger waren oder so. Aber ja, da saß eine ganze Truppe. Und ich weiß noch, sie hat hatte, sie war so ein zartes Mädchen, groß, schlank und hatte lange, dünne, blonde Haare, die sie so zu zwei Zöpfen, geflochten hatte und die waren, unterschiedlich lang, also die, Zopfgummis waren so unterschiedlich schädlich langsam, ein bisschen komisch aus. War das so komisch geflochten? Na, war das, weil die Frisur und... Ich glaube, das war komisch geflochener Kühe. Ja, aber ja, so war es. Und ich habe sie immer so als.
Ja, also ein stilles, ja, ich möchte sagen stilles Mädchen. Still, aber auch fröhlich. Aber hinten auf der Nimmelbank war die ganz Nappeliuswunde nicht. Aber so, ich habe sie nie so, also ich glaube, sie war nie so, so hat sich nie in den Vordergrund gespielt. Also das möchte ich nicht sagen. Ja, und ich glaube, ich denke, sie war sehr, sehr pfiffig, sehr intelligent. Vermutlich passiert dann das, was jedes junge Mädchen oder jede junge Frau irgendwann durchlebt. Silke kommt in die Pubertät. Als Anja Silke nach Jahren zufällig in Rheinfeld sieht, ist sie überrascht, wie sehr sich Silke im Vergleich zur Grundschule verändert hat. Also es war dann eben so, dass wir dann wirklich mit dem Verlassen der Grundschule und dem Besuch der weiterführenden Schule riss der Kontakt dann auch ab. Ja. Und ich habe dann mehr ihre Eltern immer mal gesehen. Hier ihre Mutter, die war ja Sekretärin bei unserem damaligen Bürgermeister Michael Sachse und hat, glaube ich, auch hier die Leihbücherei geleitet, eine Zeit lang genommen. Die habe ich dann mal gesehen, aber Silke habe ich bis zu diesem Tag, als ich sie in der Reifeisenpassage sah, nicht wieder gesehen. Was ist das für eine Art, die Reifeisenpassage? Das ist so eine Einkaufspassage, die hier errichtet wurde. Ich glaube 1984 hat man die gebaut.
Unten in der Passage eben Läden. Ein Supermarkt war drin, ein Bäcker war drin, Videothek hatte man damals. Und also verschiedene Geschäfte. Und oben in der Passage waren dann Wohnungen. Die Wohnungen gibt es heute noch und die Geschäfte sterben nach und nach aus. Und da war eben ein Eisladen. Ja. Und mit so verschiedenen Möglichkeiten auch draußen zu sitzen. Und ich glaube, das war an einem Sonntag. Ich ging mit meinen Eltern irgendwie da durch und dann saß sie da. Und da habe ich wirklich gedacht... Du hast aber einen Satz gemacht. Hast sie gleich wieder ergeben? Ja, ja. Also da sah sie auch so ebenso aus wie in den Fotos. Und ich glaube, sie fragte den Italiener, hast du meine Zigarette?
Und das war so, habe ich gedacht. So hattest du sie nicht. So hatte ich sie nicht in Erinnerung. So frei und so. Ich weiß, das vielleicht auch noch. In der Grundschule. Ja, sie, genau, das kann ich auch noch erzählen. Und sie war eigentlich ein Mädchen, sie hat viel geweint. Also da war doch immer mal irgendwie, dass da mal eine Träne lief oder so. Genau, das viel fällt mir auch noch ein. Und deshalb wahrscheinlich war dieser Sprung so hart, dass ich dachte, oh, ist aber frei geworden. Bisschen tougher auch. Tougher, tougher, ja. Vielleicht hat ihr das gut getan, so Gymnasium wirklich auch mal nicht mehr so behübtet vielleicht. Ich weiß es nicht. Aber gesprochen habt ihr da? Gesprochen haben wir nicht. Nee, ich habe das nur beobachtet. Und das war auch das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe. Ich glaube schon, dass sie als Einzelkind, ich bin auch Einzelkind, also ich weiß, wie das Essen, sehr behütet war. Und ob es strenger war, das weiß ich nicht. Aber ich glaube schon, dass dann gerade, wenn die Kubertät beginnt und so, und man sieht die anderen, die gehen in die Disco, Und dass sie da einfach auch mal dazugehören wollte, raus wollte. Ja. Auch vielleicht ein bisschen mutiger geworden ist.
Weil ich ja sagte, mich hat das so erstaunt, dass sie da um einen Zigarette bat, in der Eisdiele. Hätte ich gar nicht gedacht, dass sie raucht. Ne. Ja. Da habe ich schon gedacht, vielleicht...
Ja, ich glaube, ich habe ja nicht umsonst so gedacht, oh Mensch, die hat sich aber entwickelt, die hat aber einen Satz gemacht. Die war überhaupt nicht mehr wie so in der Grundschule, dass sie so schnell mal geweint hat wegen irgendwas oder so. Nee, nee, die war recht selbstbewusst, selbstbewusst geworden. Wenn ich mich daran zurückerinnere, wie meine eigene Jugend in Staumann war, kann ich einige Parallelen zu Silke feststellen, obwohl wir zu einer ganz anderen Zeit groß geworden sind. Silke war 15. Sie war beliebt und echt viel auf Achse. Mit ihren Freundinnen gingen sie im Sommer gerne ins Freibad. Immer auf dem Rad unterwegs oder zu Fuß. Wenn man wie Silke und ich auf dem Land groß wird, verlässt man sich lieber nicht auf den Bus, der einmal die Stunde kommt. Wenn überhaupt. Ich weiß noch, wie ich selbst regelmäßig mit einer Freundin von der Disco zu Fuß nach Hause gejoggt bin. Freitagnachts, über schlecht ausgeleuchtete Straßen und Feldwege. Wenn meine Eltern das gewusst hätten, hätten sie mich vermutlich nie wieder ausgehen lassen. Zum Glück ist uns nie etwas passiert. Zum Glück waren wir immerhin zu zweit. Silke war allein. Bis sie es dann auf einmal nicht mehr war.
So, ich mache mich jetzt gleich wieder auf den Weg nach Rheinfeld. Mal wieder, sage ich, weil ich jetzt schon ein paar Aufrufen gefolgt bin, wenn ihr das hier hört. Ich war ja zum Beispiel schon bei Anja. Genau, das habt ihr ja gerade eben gehört. Und jetzt hat sich allerdings im Laufe der Recherche Christina bei mir gemeldet. Und Christina ist nochmal eine ganz besondere Person für diesen Podcast, eine besonders wichtige Person. Weil sie tatsächlich eine sehr enge Freundin von Silke war. Man könnte auch sagen, dass sie ihre beste Freundin war. Und Christina hat sich zwar bei mir gemeldet, sie hat mir eine Mail geschrieben. In der ging aber auch direkt hervor, dass sie auch ihre Zweifel hat, ob es richtig ist, sich an dem Podcast zu beteiligen. Sie hat geschrieben, dass sie Angst hat, dass Silke falsch dargestellt werden könnte. Und wir haben dann im Voraus einmal sehr lange miteinander telefoniert und ich glaube, ich konnte ihr da ihre Ängste so ein bisschen nehmen, sodass sie sich dann doch auf das Gespräch eingelassen hat.
Und man muss ja auch sagen, dass wir mit diesem Podcast die Möglichkeit haben, Dinge richtig zu stellen, die in der Vergangenheit über Silke falsch berichtet worden sind. Oder sagen wir mal so, dass sie in ein bestimmtes Licht gerückt wurde, in das sie eigentlich nicht gehört. Und ich glaube, das war auch die Motivation, weshalb Christina sich letztendlich doch dazu entschieden hat, sich an dem Podcast zu beteiligen. Und deshalb werde ich sie jetzt treffen. Und ich hoffe, sie erzählt mir sehr viel über Silke.
Ich bin sehr gespannt, was dabei rumkommt. Und ich freue mich einfach, dass sie mir die Möglichkeit gegeben hat, mit ihr zu sprechen. Ich glaube, näher als das Gespräch mit Christina werde ich nicht daran herankommen, wer Silke war. Und deshalb bin ich auch irgendwie sehr aufgeregt, dass ich Christina gerecht werden kann. Wir werden sehen. Ich freue mich auf das Gespräch. Ja, also ich bin Christina und war sehr lange mit Silke befreundet. Also genau genommen sind wir vier Jahre zusammen auf die TMS gegangen und ja, es war schon eine enge Freundin von mir und bis dieses Verbrechen halt 1985 unsere Freundschaft dann auseinandergerissen hat. Also ab der fünften Klasse sind wir zusammen zur Schule gegangen, da wir in der Grundschule nicht zusammen waren, weil wir in unterschiedlichen Bereichen Rhein-Pfalz wohnten.
Und glaube ich, hat sich das dann so erst ein bisschen entwickelt, dadurch, dass wir auch beide Fahrschüler waren. Wir sind ja immer gemischte Klassen gewesen aus Oldesloh, Rheinfeld und den umliegenden Gemeinden. Und die Rheinfelder sind halt dann ja irgendwie schon immer zusammengefahren. Ja, da hat sich dann die Freundschaft so entwickelt. Ihr musstet dann schon auch richtig mit der Bahn fahren. Ja, mit dem Bus oder mit der Bahn sind wir gefahren. Genau. Ja, also ganz schöne Strecke auch. Ja, ich glaube, mit der Bahn haben wir immer so eine Dreiviertelstunde. Wir mussten noch einen kleinen Fußweg vom Oldeslua Bahnhof machen. Und ja, das war aber alles machbar. Es war irgendwie, ach, es gehörte dazu. Es ist normal gewesen. Hat man Zeit zu quatschen? Ja, genau. Ich denke schon, dass sie eine sehr vertraute Freundin war, dass wir viel zusammen gemacht haben, dass wir auch, ja, wir haben viel gemeinsam gelacht. Wir haben gemeinsame Veranstaltungen im Gemeindehaus besucht. Da gab es immer so einen Jugendkeller. Da sind wir gelegentlich hingegangen. Wir haben uns so verabredet. Ihr Opa hatte einen Hund, mit dem sind wir oft spazieren gegangen.
Ja, was man so halt gemacht hat. In einer kleinen Stadt gibt es natürlich auch nicht so viel Freizeitaktivitäten. Also wir haben jetzt nicht irgendwie zusammen Sport gemacht oder so. Aber wir haben uns so die Freizeit immer nett miteinander vertrieben ja, also Silke ist aus meiner Sicht ein ganz besonderer, eher ruhiger zurückhaltender Mensch gewesen ähm, Deren größte Eigenschaft war eigentlich, total vorurteilsfrei mit allen Menschen umzugehen. Also sie hat eigentlich nie sich von irgendwelchen äußerlichen Einflüssen so leiten lassen, sondern hat eigentlich immer erstmal jedem Menschen so die gleiche Chance gegeben, ihn zu mögen. Das fand ich immer schon sehr bezeichnend, weil gerade in unserem Alter, in dem wir waren, macht man ja viel über.
Ja, mit welchen Leuten hängst du so ab, wie kleidest du dich, was hast du vielleicht für einen finanziellen Background, aber so war sie halt überhaupt nicht. Sie war gar nicht auf diese materiellen Dinge fokussiert oder so, sondern eben, ja, total vorurteilsfrei. Das finde ich schon sehr bezeichnend. Also ich glaube, viele hätten vielleicht gesagt, so, sie war eher schüchtern. Ich würde aber nicht sagen, dass sie schüchtern war, sondern eher so eine zurückhaltende Persönlichkeit, Aber nicht unbedingt schüchtern. Auch in der Schule jetzt nicht diejenige, die jetzt ständig zu allem und jedem was sagen muss, sondern eigentlich nur dann, wenn sie der Meinung ist, dass das jetzt auch nötig ist. Ja, also ich glaube, sie war auch eine gute Schülerin. Also ich kann mich jetzt nicht mehr so an ihre Zeugnisse erinnern, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass ihr Zeugnis schlecht gewesen wäre. Also doch. Und ich finde ebenso schon ihr ganzes Verhalten fand ich eigentlich für ihr Alter auch eher reifend. Und überlegt und nicht irgendwie.
Und auf gar keinen Fall irgendwie dumm oder unüberlegt oder so. Wart ihr da dann so sehr auf einer Wellenlänge? Also warst du auch mit ihr befreundet, weil ihr euch da sehr geähnelt habt? Oder habt ihr euch eher so in der Freundschaft ausgeglichen? Also ich glaube, ich bin schon eher der lautere Typ gewesen von uns beiden. Aber das hat sich gut ergänzt. Hattet ihr denn einen größeren Freundeskreis oder wart ihr lieber so unter euch? Also ich glaube, wir waren näher unter uns und wir hatten, also wir hatten auch noch andere Schnittmengen. Jeder von uns hatte auch noch andere Freundinnen, mit denen er mal so zusammen war, aber wir sind eigentlich viel eigentlich unter uns gewesen, ja. Also ich glaube schon, dass wir ein vertrautes Verhältnis zueinander hatten. Ob sie immer alles gesagt hat, das weiß ich natürlich nicht. Also sie wird sicherlich auch ihre Geheimnisse haben, wie jeder von uns seine Geheimnisse hatte. Aber ich würde schon sagen, dass wir ein vertrautes Verhältnis hatten.
Ich finde, man merkt sofort, wie eng die Bindung von Silke und Christina gewesen sein muss. So klar hat Christina ihre damalige beste Freundin noch vor Augen. Durch die gemeinsamen Schuljahre und den gemeinsamen Schulweg haben die Freundinnen sich vermutlich jeden Tag gesehen. Und was mir erst im Gespräch mit Christina bewusst wird, ist, dass sie auch diejenige ist, die den frühen Nachmittag mit Silke im Freibad verbracht hat.
Der 1. Juni 1985 ist ein Sonnenabend. Silke und Christina haben ihn gemeinsam in der Badeanstalt am Rheinfelder Herrenteich verbracht, wollen aber nach Hause. Die Mädchen sprechen über Partypläne für den Abend, aber Silke ist sich noch nicht sicher, ob sie ausgehen darf und denn ja, wie lange. Das muss sie erst noch mit ihren Eltern abklären. Also wir hatten drüber gesprochen, es gab Möglichkeiten, an dem Abend war eine Veranstaltung in den Oldesloher Berufsschulen, das sogenannte Spektakel, aber da ich von zu Hause aus auch die Erlaubnis nicht bekommen hätte, an dem Abend dahin zu gehen, war das für mich dann vom Tisch das Thema. Das heißt, du warst raus, Silke wusste Bescheid, mit dir ist auf jeden Fall nichts zu rechnen. Genau. Und sie musste dann ja auch erstmal nach Hause fahren und sich erst mit ihren Eltern klären. Genau, das war ja auch noch der späte Nachmittag, früher Abend oder nee, späte Nachmittag, ja eher, genau. Also hat sie gesagt, sie schaut mal und sie hinführt. Ja. Ja. Ich verstehe.
Spektakel, das ist die Party-Reihe, die in sämtlichen Berichterstattungen später immer wieder erwähnt wird. Christina erzählt mir, dass sie dort mehrfach mit Silke hingegangen ist und den Band zugehört hat, die dort gespielt haben. Als ich Anja gefragt habe, ob ihr das etwas sagt, hat sie ratlos mit dem Kopf geschüttet. Sie wäre immer in die Disco nach Großwedel gefahren, so wie alle. Dass es eine große Auswahl an Veranstaltungen am 1. Juni 1985 gibt, wird mir im Laufe meiner Recherche bewusst. Silke und ihre Freunde hatten die Qual der Wahl, zu verschiedensten Partys zu gehen und das mitten auf dem Dorf. Zugegeben, die meisten Veranstaltungen dürften mit einem etwas längeren Anfahrtsweg verbunden gewesen sein, aber das macht einem ja mit 15 Jahren nicht wirklich etwas aus. Jedenfalls muss Silke in der Regel immer schon um 22 Uhr zu Hause sein. Das liegt auch daran, dass die Bahn von Bad Oldesloh nach Rheinfeld nachts nicht mehr fährt. Aber Silke bettet darum, länger bleiben zu dürfen und vereinbart mit ihrem Vater, dass sie erst um 22.30 Uhr zu Hause sein muss. Sie erzählt ihren Eltern, dass sie auf die Hausparty eines Freundes eingeladen ist.
Vielleicht entspricht das auch der Wahrheit. Vielleicht ist Silke aber auch einfach 15 Jahre alt und weiß ganz genau, wohin sie heute Abend gehen möchte und dass es ihren Eltern nicht passen könnte. Vielleicht geht sie einfach trotzdem dahin, wo sie gerne hin möchte und behält es für sich. Es ist jetzt ein Tag vergangen, seitdem ich mit Christina gesprochen habe und sie hat mir eine Mail geschrieben, weil sie Angst hat, dass sie Silkes Persönlichkeit nicht vollumfänglich beschrieben hat. Ich habe mir die durchgelesen und was sie da nochmal geschrieben hat, möchte ich euch nicht vorenthalten, weil es mich sehr bewegt hat.
Sie hat geschrieben, auch wenn Silke eine ruhige, besonnene Persönlichkeit hatte, so haben wir unsere Zeit mit ganz normalen Dingen verbracht, die Mädchen in dem Alter nun mal machen. Wir haben zusammen gelacht, uns mit Jungs verabredet, uns in der Eisdiele getroffen, den Jugendkeller des Gemeindehauses besucht oder Mädchengespräche geführt. Sie war nicht introvertiert oder verschlossen. Sie war eine Persönlichkeit, die gar nicht mit dem Strom mitschwimmen wollte, sondern ihre eigenen Ansichten hatte. Sie hat zum Beispiel auch immer angezogen, was ihr gefiel und nicht zwingend das, was der breiten Masse gefiel. Das ist diese Reife, von der ich gestern sprach. Ich hoffe, ich kann mit diesen Zeilen noch einmal den Eindruck von Silkes Persönlichkeit untermauern, den ich gestern erzeugen wollte. Und liebe Christina, ich kann dir sagen, das hast du geschafft.
Die E-Mail von Christina hat mir noch einmal verdeutlicht, wie aufwühlend das Gespräch mit mir für Christina selbst gewesen sein muss. Wäre ich an ihrer Stelle, ich hätte auch lange überlegen müssen, ob ich all diese Gefühle noch einmal hochholen möchte. Mich nochmal dieser Hoffnung aussetzen möchte, dass es vielleicht doch noch eine Antwort auf all die Fragen gibt, die einen nach 40 Jahren begleiten. Umso dankbarer bin ich, dass Christina sich dazu entschieden hat, mir von Silke zu erzählen. Warum sie sich dazu durchgerungen hat, wird noch in einer späteren Folge dieses Podcasts eine große Rolle spielen. So, ich sitze jetzt im Auto, werde gleich auf Thomas treffen. Und ich bin ehrlich, das ist irgendwie auch ein komisches Gefühl. Das hatte ich bei den anderen beiden Gesprächen auch. Es ist natürlich ein besonderes Gefühl, jetzt Menschen zu treffen oder einen Menschen zu treffen, der Silke so nahe stand und der mir auch gleich natürlich sehr persönliche Geschichten erzählen wird. Und ich habe irgendwie total Angst, dass ich dem gar nicht gerecht werden kann und damit gar nicht richtig umgehen kann.
Das sind gerade die Gedanken, die mich beschäftigen. Ich werde mir natürlich Mühe geben und ich werde gut zuhören und einfach alles richtig aufnehmen und versuchen zu verinnerlichen, wer sie ist bzw. War. Ich durfte sie ja leider nicht persönlich kennenlernen und deshalb bin ich umso dankbarer und deshalb ist es umso wichtiger, um zu verstehen, wer Silke war und wie sie drauf war, was für eine Freundin sie war, wo sie Spaß dran hatte, worüber sie gelacht hat, was sie doof fand, was sie genervt hat. Das werde ich nur durch die Leute erfahren, die ihr nahestanden zu dieser Zeit. Und ich würde das einfach gerne besser nachvollziehen können. Deshalb bin ich sehr gespannt, was mir Thomas gleich erzählen wird. Und wir gehen rein. Thomas ist ein ehemaliger Schulfreund von Silke. Er ist mit ihr in eine Grundschulklasse gegangen. Ab der weiterführenden Schule trennten sich ihre Schulwege zwar, befreundet blieben sie aber trotzdem. Thomas lebt mittlerweile schon lange in Lübeck. Silke hat er nie vergessen. Am 1. Juni 1985 hat Thomas mit einem Freund an einer Bushaltestelle am Rheinfelder Bahnhof auf Silke gewartet. Sie hatten sich ein paar Tage zuvor auf dem Schulweg verabredet, zu einer Party zu gehen.
Wir haben da jeden, oder wie krass, jeden Nachmittag da gesessen. Ich habe ja schon gesagt, da war eine Posthaltsstelle, wo man insetzen konnte.
Und naja, man hat gewartet. Ich weiß jetzt nicht, ob da noch ein, zwei andere dazukamen oder ob ich mit ihm alleine da war. Das kann ich dir jetzt aus dem Kopf gar nicht... Das weiß ich nicht. Und irgendwann guckst du natürlich auf die Uhr. Ich weiß auch nicht, ob wir uns um drei oder um vier oder um fünf verabredet haben. Wann hattet ihr euch denn verabredet eigentlich? Also in welchen? Ein, zwei Tage vorher. Hatte man sich irgendwo in der Stadt getroffen und hat dir am Kockenende was mag und da und da ist was los. und ich meine, das wäre in der alten Schule gewesen. Ja. Und, dass da irgendwie eine Disco war, wäre irgendwas. Eine Handlung. Und da wollten wir dann hin. Aber sie ist nicht willkommen. Nee. Aber das war nicht ungewöhnlich, ne? Ja.
Um 17 Uhr verlässt Silke ihr Elternhaus mit dem Fahrrad. Sie fährt dann ein ganzes Stück mit dem Rad zum Bad Oldeslor Bahnhof und parkt es an den Fahrradständern vor dem Gebäude. Vor Ort unterhält sie sich kurz mit einer Bekannten und steigt mit weiteren Fahrgästen in einen VW-Bus Richtung Bagterheide, der normalerweise als Transporter für Kinder mit Behinderung genutzt wird. Am Wochenende wird er aber oft zum Party-Shuttle für stürmerner Jugendliche umfunktioniert. Es ist nicht klar nachvollziehbar, wo die Gruppe im VW-Bus hin möchte. Auf jeden Fall fährt Silke mit ihnen Richtung Bagta Heide, bis sie sich plötzlich umentscheidet.
Bereits um 18.20 Uhr verlässt die 15-Jährige vorzeitig den Bus und steigt kurz hinter Bad Oldesloe bei Blumendorf an der Bundesstraße 75 mit den Worten, ich will noch eine Freundin in Oldesloe besuchen, aus. Hat sie sich spontan umentschieden? Hat sie erst im Bus von einer anderen Party erfahren? Warum Dann ändert sie als einzige aus der Gruppe ihre Pläne und will allein auf eine andere Feier. Will sie dort jemanden treffen? Um 18.30 Uhr lässt Silke sich von einem Radfahrer den Weg zur Masurenwegschule in Bad Oldesloe erklären. Sie erzählt ihm, dass sie dort zur Party Spektakel 85 möchte. Der Radfahrer wird der letzte sein, von dem bekannt ist, dass er Silke lebend gesehen hat. In der nächsten Folge von Akte Stormann gehe ich den ersten Spuren von Silkes Verschwinden nach. Silke wird nicht mehr nach Hause kommen, das steht fest. Ich spreche mit Profiler und Fallanalytiker Axel Petermann über den Fall und erzähle euch von dem Moment, in dem Silke gefunden wird.