Dem Tod auf der Spur. Spannende Fälle aus der Hamburger Rechtsmedizin. Der Crime-Podcast vom Hamburger Abendblatt. Dieser Podcast wird Ihnen von einem echten Hamburger Original präsentiert, dem GBI, Großhamburger Bestattungsinstitut. Das GBI in der Rechtsform eines Vereins ist seit 1920 die Adresse in und um Hamburg für alle Themen rund um den konkreten Trauerfall sowie bei der Bestattungsvorsorge. Trauer und Feier, die Menschen vom GBI helfen ihnen, individuell, empathisch und kompetent. Mit der einzigartigen GBI-Bestattungsvorsorge regeln sie zudem rechtzeitig alles für ein gutes Ende und erhalten vom GBI eine zeitlich unbegrenzte Preisgarantie. GBI, das Hamburger Original, 15 Mal in und um Hamburg. Moin und schönen guten Tag. Willkommen bei unserem neuen Crime-Podcast, dem Tod auf der Spur. Mein Name ist Bettina Mittelacher, ich bin Gerichtsreporterin für das Hamburger Abendblatt. Ich mache das schon ziemlich lange jetzt, seit fast 30 Jahren. Und bei mir ist Professor Klaus Püschel, der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am UKE.

Und wenn ich sage, ich mache das seit 30 Jahren, dann kann er eigentlich nur milde lächeln, denn er ist im Job schon sehr viel länger als ich. Na, so viel ist das auch nicht, Bettina, aber immerhin. Seit 76 bin ich Rechtsmediziner hier in Hamburg am UKE, also dann schon über 40 Jahre. Und seit 1991 bin ich Direktor des Instituts und in dieser Zeit, also seit Mitte der 70er Jahre bis jetzt, habe ich, glaube ich, wirklich sehr viel ungewöhnliche Fälle hier in Hamburg mit untersucht, mit bearbeitet und über diese Geschichten weiß ich alles. Wenn du alles weißt, reden wir doch gleich heute mal über einen Fall, der Hamburg sehr verstört hat. Einen sehr außergewöhnlichen Fall. Und da geht es um zersägte Körper, es geht um Atombinker, es geht um Säure. Ein wahres Horrorszenario.

Und man kann sagen, der Fall des Säurefassmörders, um den es heute gehen soll, ist auch für einen Rechtsmediziner, für einen so erfahrenen Rechtsmediziner sehr besonders. Ja, das hat es vorher und hinterher hier in Hamburg nie wieder gegeben und das ist für Hamburg Kriminalgeschichte, aber auch übrigens nicht nur für Hamburg, sondern wenn man so die kriminologische Literatur durchschaut, dann findet man nur wenige Fälle, die entfernt daran erinnern. Und in dieser Konstellation mit Atombunker, mit sexuellem Missbrauch, mit vermissten Angelegenheiten, Entführungen, in dieser Art und Weise hat es das überhaupt nicht mehr gegeben.

Mörder und Monstrum waren Überschriften, die diese Sache schließlich publik gemacht haben. Dann hieß es auch der geheime Friedhof des Frauenmörders. Ein tatsächlich monströses Verbrechen, um das es da geht. Denn ein Hamburger Kirschner hat innerhalb von zwei Jahren zwei Frauen entführt. Die eine war 61 Jahre alt, die andere 31. Und er hat sie in einem schallisolierten und mit einer Eisentür verrammelten Atombunker in seinem Garten gefangen gehalten. Und dann hat er die Opfer erpresst und auf grausame Weise missbraucht und gequält und dann ermordet und zerstückelt und dann ihre Leichen in Säurefässern aufgelöst.

Das ist in jeder Hinsicht aufwühlend. Ja, bis heute entzieht sich auch meiner Vorstellungskraft, was hier zwischen dem sadistischen Mörder und seinen beiden Opfern so abgelaufen ist. Und als wir diese beiden Fässer da aufgemacht hatten, denke ich, haben wir in Abgründe geschaut. Ein Abgrund der Seele auf Seiten des Täters, ein Abgrund des Grauens, wenn man das aus Sicht der Opfer sieht, insgesamt monströse Verbrechen geradezu. Und ich finde, dass dieses hier tatsächlich für Hamburg und für die Rechtsmedizin extrem ungewöhnlich war. Was dahinter den Verließmauern des Atombunkers abgelaufen ist, war...

Extrem brutal. Man kriegt eine ungefähre Vorstellung davon, wenn man die Polizeiberichte kennt. Und was wir da bei der Obduktion beobachtet haben, war in Bezug auf die Leichenuntersuchung ebenfalls grenzwertig.

Und insgesamt war das tatsächlich eine extrem entsetzliche, grausame Geschichte. Was macht denn das Böse aus? Wie ist es zu erkennen? Also man spricht ja oft darüber, dass Mörder vielleicht einen besonders stechenden Blick haben oder eine fliehende Stirn. Ich weiß, dass das wissenschaftlich Quatsch ist, aber in Bezug auf den Kirschner, der diese Säurefassmorde begangen hat, da trifft es ja zumindest teilweise zu, denn diesen stechenden Blick hatte er ja durchaus. Das sieht vor allen Dingen auf den Zeitungsbildern, die damals erschienen sind, so aus. Und ich denke, das waren ganz besondere Aufnahmen. Den Mann habe ich später ja persönlich getroffen. Zum Beispiel musste ich ihn für das zuständige Landgericht im Gefängnis untersuchen. Ich habe das mit diesem stechenden Blick persönlich nicht so empfunden. Ich glaube, das ist so überzeichnet worden. Vom Äußeren her, von der äußeren Gestalt, von der Körpergröße, vom Körperbau, war das eher so ein Durchschnittstyp.

Aber er muss ja doch sehr einschüchternd gewesen sein. Eine Bekannte von mir hat ihn mal kennengelernt und sie hat mir erzählt, wie er sie durch ihr Haus geführt hat und dass er dann so hingezeigt hat an eine andere Stelle und zu ihr gesagt hat, und da hinten ist mein Atombunker, der ist schalldicht. Und wenn da einer schreit, hört das niemand. Das hat sie unheimlich beeindruckt im negativen Sinne. Sie fand das wirklich beängstigend, wie er das erzählt hat. Und das Schlimme ist ja, dass er recht gehabt hat mit dieser Einschätzung, dass das niemand hört. Denn in diesem Verlies, in dem die Frauen eingesperrt waren, muss es ja wirklich viele Schreie gegeben haben nach allem, was man weiß über die Quälereien. Und nachher gab es dann tödliche Stille.

Die 61-Jährige, die er entführt hat, wurde im März 1986 vermisst und sie hat dann Briefe geschrieben an ihren Ehemann, sie habe Arbeiten satt und wolle nur noch leben und es geht auch später Post von ihr ein, Postkarten und Briefe auch von Teneriffa. Und zweieinhalb Jahre später passiert das gleiche mit einer 31-Jährigen, die in einem Brief an ihren Lebensgefährten schreibt, dass sie ihn verlassen habe und es kommt Väterpost aus Chile und der Schweiz und Brasilien. Und in Wirklichkeit war die Frau nicht in Brasilien, sondern war in ihrem Verlies und ist gequält worden. Wir haben den Fall ja auch in unserem Krimisachbuch Töte Lügen nicht aufgeschrieben und die Besonderheit an dem Fall war, dass es noch ein drittes Opfer gibt, ohne dass der Fall womöglich gar nicht aufgeklärt worden wäre. Du hast die Frau dieses dritte Opfer kennengelernt.

Das war kurze Zeit, nachdem ich in Essen mal gearbeitet hatte als Institutsdirektor. Ich war gerade wieder hier in Hamburg angekommen sozusagen und habe damals die ganz normalen Dienste mitgemacht. Und da gab es dann einen Einsatz im Polizeipräsidium zu einem Entführungsfall. Der Fall war damals gar nicht in den Medien tatsächlich publiziert worden. Geheime Kommandosache der Polizei. Und man hat versucht die Spur vom Opfer aufzunehmen und mit dem Täter zu verhandeln.

Lösegeldforderungen gestellt. 300.000 Mark waren das damals? Ja, D-Mark Zeit noch. Und die Frau tauchte dann plötzlich wieder auf. Und ich musste sie im Polizeipräsidium untersuchen. Bin da spätabends hingefahren und war dann von der Situation irgendwie erstens überrascht, zweitens überfordert. Ich habe das ehrlich gesagt nicht so richtig verstanden. Die Entführte hatte ich mir vorgestellt, tatsächlich als Opfer, ängstlich, zitternd, froh, da dem Entführer entkommen zu sein. Und mir präsentierte sich eine Frau, die durch Ausrecht selbstbewusst auftrat und aus ihrem Verlies berichtete.

Das wollte ich allerdings gar nicht im Einzelnen hören, weil meine Aufgabe ja war, das Opfer auf Verletzungen zu untersuchen und festzustellen, ob sie unter Umständen unter Drogeneinwirkung gesetzt worden war. Sie hatte dann aber gar keine Verletzungen oder habt ihr da welche feststellen können? Sie war in der Tat völlig fit, hatte gar nichts. Also sie war nicht geschlagen worden, sie wies keine Fesselungsspuren auf, obwohl sie von vorübergehender Fesselung berichtete. Und insgesamt war sie nun auch nicht hochgradig verängstigt, eingeschüchtert, sondern geradezu erbost über das, was ihr da passiert war. Und ich habe mich dann wirklich gefragt, ob die Frau das alles in dieser Art und Weise tatsächlich erlebt hat, wie sie mir das erzählt hat oder ob das ein bisschen auch ihrer Einbildungskraft geschuldet war. Später habe ich Abbitte getan. Ich habe sie ja dann auch später persönlich kennengelernt.

Und das auch verstanden, was in ihr abgelaufen ist, als sie da im Verlies war. Also das Ergebnis war tatsächlich keine Verletzung. Die hatte offensichtlich tagelang nicht geduscht. Das war auffällig und war deswegen auch besorgt als Frau.

Und konnte sehr rational über das berichten, was ihr passiert war. Und hat ja dann auch erste Spuren zum Täter selbst gewiesen. Sie hat ja auch von der Mafia erzählt, von irgendwelcher Schatzsuche, von Astrologie und das kann einem natürlich zunächst erstmal abstrus vorkommen, wenn man solche Geschichten hört, aber wir haben dann später erfahren, dass das alles wahr war. In diesem Prozess, der Kirschner dann gemacht wird, denn sie konnte den Täter ja benennen, ist der Mann zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden.

Und es ist noch was anderes Besonderes passiert in diesem Prozess. Es gab nämlich eine Zuhörerin in diesem Verfahren, die sich für diesen Fall interessiert hatte. Sie hatte gehört, dass es eine Entführung ging und das ist nämlich die Mutter der 31 Jahre alten Frau gewesen, die jahre zuvor entführt worden war. Und die Mutter hat nicht daran geglaubt, dass ihre Tochter einfach verschwunden ist und hat nun in diesem Prozess Parallelen erfahren. Sie hat gemerkt, dass es um eine Entführung geht. Sie hat festgestellt, dass beide Frauen, die jetzt jüngst entführte und ihre Tochter denselben Mann kannten. Und sie fand, das sind merkwürdige Parallelen und hat diese Parallelen einer Polizeibeamtin geschildert, die ebenfalls in dem Prozess war. Und dadurch sind die ganzen Ermittlungen dann letztlich ins Rollen gekommen, die diese Säurefassmorde aufgeklärt haben.

Ja, das war in der Stadt eine merkwürdige Atmosphäre. Ich war in dem Prozess gegen den Entführer als Sachverständiger und sollte da berichten über meine Feststellung am Opfer und habe dann das nochmal tatsächlich dargestellt, dass der Täter der alten Frau oder älteren Frau kein Leid angetan hat. Und letztlich hat das ja auch zu einem vergleichsweise milden Urteil beigetragen. Und dann gab es da diese besondere Situation mit der Zuhörerin, die die Kriminalbeamtin ansprach. Die Kriminalbeamtin, die ich wiederum ganz gut kannte und die mir dann später auch viele Einzelheiten aus dem weiteren Gang des Ermittlungsverfahrens mitgeteilt hat.

Ja, man denkt, die verschwundenen Personen sind in Costa Rica und führen dort ein neues Leben und in Wirklichkeit sind sie längst tot. Man hat ja später erfahren, dass diese Briefe unter Zwang verfasst worden sind. Ja, das Auffällige war, dass beide Frauen diese Abschiedsbriefe geschrieben haben. Die Kriminalbeamtin hat die alten Vermissten-Sachen tatsächlich hervorsuchen lassen und hat dann die Akten sehr sorgfältig studiert und darin diese Briefe gefunden. Und diese Briefe hat sie dann tatsächlich von einem Schriftsachverständigen auswerten lassen. Und der hat dann gesagt, das ist ja merkwürdig, das sind unterschiedliche Schriften, die passen auch zu den Frauen. Man hat das mit alten Schriftstücken dieser Frauen verglichen. Das Merkwürdige ist, bloß es passt nicht zu dem sonstigen Schreibstil dieser Frauen und der Schreibstil bei den Briefen bzw. Postkarten ist derselbe. Und dann noch eine ganz besondere Merkwürdigkeit. Durch sorgfältige Untersuchungen dieser Schriftstücke hat der Sachverständige herausgefunden, dass es darin sogar Hinweise auf den Täter gab. Wie haben die Frauen denn das gemacht? Na, die...

Die jüngere Frau hatte tatsächlich mehrere Buchstaben nachgezeichnet, die auf der Ansichtskarte waren und diese jetzt dick hervorgehobenen Buchstaben ergaben zusammen dann die beiden Worte Hilf, Lutz und das war also der Ruf um Hilfe einerseits Und zum anderen der Hinweis auf den Täter mit dem Vornamen des Täters, den sie ja kannte, weil der aus dem näheren Bekanntenkreis war. Und das ist natürlich eine gräußliche Vorstellung, dass tatsächlich damals eigentlich bei sorgfältiger Überprüfung dieser Vermisstenfälle schon frühzeitig der Hinweis auf den Täter gegeben war. Man hätte also zu dem Zeitpunkt ihn eigentlich schon erkennen können, diesen Mann, wenn man sich vielleicht diese Briefe genauer angenommen hätte.

Nun, als man diese Hinweise erkannt hat, es werden ja nun auch auf einigen Schreiben seine Fingerabdrücke festgestellt. Dadurch zieht sich die Schlinge enger zu. Außerdem durchsucht man jetzt die Häuser des Verdächtigen und findet dort unter anderem Dinge, die den Opfer gehört haben. Und man findet eine besonders scharfe Fleischersäge. Und die hatte er vorher in einem Gartenbaubetrieb gekauft und das Werkzeug hatte extra für ihn bestellt werden müssen. Was hat er denn damals gesagt bei dem Laden, wofür er das braucht, diese Fleischersäge?

Naja, damit wollte er ein halbes Schwein zerteilen und in Wirklichkeit brauchte er es aber zum Zerlegen des Leichnams. Die Polizei hatte ja inzwischen... Eine größere Sonderkommission gebildet, muss man hier vielleicht noch einführen. Die Kriminalbeamtin, die hier sich dieser beiden Vermissten-Sachen ursprünglich angenommen hatte, war von ihren männlichen Kollegen gar nicht so richtig ernst genommen worden am Anfang. Und hatte dann aber einen Beweis nach dem anderen beigebracht, um zu zeigen, dass der Kirschner tatsächlich mit dem Verschwinden der Frauen etwas zu tun hat. Und damals waren dann die Polizeibeamten auch mehrfach bei mir und haben tatsächlich mit mir darüber spekuliert, wie man dann einen Leichnam verschwinden lassen kann, vielleicht auch im Zusammenhang mit Säure. Hintergrund war ja, dass auf dem Grundstück des Kirschners zwei leere Fässer gefunden worden waren und fünf Kanister mit 30-prozentiger Salzsäure und da kam man dann auf den Gedanken, dass diese Säure eingesetzt worden sein könnte. Du hast dich daraufhin mit dem Thema sehr intensiv befasst und dazu weitere Recherchen angestellt.

Ja, ich habe dann in der Tat auch sogar selber darüber geschrieben, nachdem ich die Literatur ausgewertet hatte und die wenigen ähnlichen Fälle, die es gibt, untersucht hatte. Und dabei war dann ganz klar, dass alleine durch Salzsäure ein menschlicher Körper nicht so ohne weiteres aufzulösen ist. Mit Salzsäure geht das tatsächlich überhaupt nur, wenn man die Salzsäure sehr lange einwirken lässt, mehrfach erneuert und zusätzlich auch das Gewebe aber auch tatsächlich zerkleinert. Salzsäure ist kein besonders gut geeignetes Mittel, um menschliches Gewebe, Fleisch eben aufzulösen. Es gibt andere Säuren, mit denen das eher möglich ist.

Zum Beispiel mit einem Gemisch aus konzentrierter Salzsäure und Salpetersäure, das bezeichnet man auch als Königswasser und das hat tatsächlich eine insofern dann durchschlagende Wirkung. Darüber sind übrigens dann auch tatsächlich Experimente gemacht worden, in denen man versucht hat, Fleisch durch diese Säuremischung aufzulösen.

Und in diesem Zusammenhang gab es dann auch einzelne Fälle aus der Vorgeschichte, wo man versucht hat, tatsächlich schon mal einen Mord dadurch zu kaschieren. Nun hat man ja erstmal diese leeren Fässer gefunden auf dem Grundstück, dann haben aber Nachbarn einen Hinweis gegeben, dass der Besitzer dieses Grundstücks in seinem Garten ein Loch gegraben hat, so tief, dass er kaum mit seinem Spaten noch die Erde nach oben befördern konnte. Und an der Stelle, die die Nachbarn nun gewiesen haben, hat die Polizei dann nochmal gegraben und hat dann schließlich in zweieinhalb Meter Tiefe eine graue Plastiktonne mit schwarzem Deckel und gelber Gummidichtung gefunden. Und dieses Fachfass wurde dann zu euch in die Rechtsmedizin gebracht. Was ist dann damit geschehen? Eine Obduktion im klassischen Sinne wird das kaum gewesen sein. Ne, das war damals wirklich eine für einen Rechtsmediziner sehr ungewohnte Situation. Zunächst einmal war ich ja den ganzen Tag über sozusagen online und habe dann immer die Zwischenberichte bekommen, was man da auf diesem Grundstück des Bundes.

Säurefass Mörders nahe seinem Ferienhaus gefunden hat, wie man dann erst auf Beton landete und dann das Fass vor Ort aufgemacht hat, dabei aber auch keine Einzelheiten erkannt hat. Und das Fass haben wir dann bei uns im Institut für Rechtsmedizin sozusagen auf dem Sektionstisch ausgekippt. Und da kamen ganz viele unterschiedliche Gegenstände zutage. Also zum einen natürlich diese Flüssigkeit, Salzsäure, die hat uns übrigens den Sektionstisch dann etwas verdorben. Der war hinterher angelaufen und das blanke Metall war dann sehr blind. Deswegen haben wir übrigens auch beim späteren, zweiteren Fall dann eine Plastikplane ausgebreitet auf dem Tisch.

Andererseits war bei diesem ersten Fall, das war also die junge Frau, die jüngere Frau, noch vieles im Detail genau festzustellen.

Und wir haben auf dem Sektionstisch viele einzelne Körperteile identifizieren können und konnten Weichteile, Knochen, Organe problemlos unterscheiden, nachdem eine vorangegangene computertomografische Untersuchung noch im Fass keine Einzelheiten zutage gefördert hat. Aber im Grunde genommen war es doch zunächst mal eine schleimige Masse, oder? Und was war nun eure Aufgabe? Zu einer schleimigen Masse wurde das vor allen Dingen im Zusammenhang mit dem Luftsauerstoff. Zunächst einmal konnte man tatsächlich die Körperteile noch gut abgrenzen, unterscheiden. Beispielsweise haben wir silberfarbene Fingernägel festgestellt. Wir konnten auch die Fesselungen an diesem Leichnam sehr gut nachvollziehen. Das waren wirklich sehr viele Strippen, die so um den Körper herumgelegt waren. Man konnte auch sehen, dass die Kopfhaare zum Beispiel abrasiert waren und hier konnte man eindeutig feststellen, dass der Leichnam, bevor die Teile in das Fass gelegt wurden.

Auch mittels Säge tatsächlich zersägt worden war. Und dann wussten wir jetzt auch, wozu der Kirschner sich diese ganz besondere Fleischer-Säge besorgt hatte. Also man konnte tatsächlich noch Sägespuren nachweisen? Ja, an einzelnen Knochen war das völlig eindeutig. Beispielsweise am Schienbein, da konnte man sogar die Anzahl der Sägezüge noch abgrenzen. Also das Gewebe war gar nicht so weit aufgelöst und man konnte auch sehen, dass er hier wiederholt angesetzt hatte, um das Schienbein, diesen dicken Knochen, durchzusägen. Wie habt ihr denn die Frau letztlich identifiziert? Also da gab es verschiedene Hinweise, zum Beispiel die Fingernägel, das passte zu dem Leichnam. Man konnte auch ungefähr das Alter dieses Leichnams einschätzen. Entscheidend waren dann die Untersuchungen zu den Kiefern und zu den Zähnen. Und das war dann schon eine große Besonderheit. Ich hatte ja während der Sektion schon gemerkt, dass die einzelnen Körperteile tatsächlich im Zusammenhang mit dem Luftsauerstoff zunehmend zerfielen und dass da so eine schleimige Masse daraus wurde. Ich bin dann wirklich sehr früh am Morgen mit den Kieferteilen, also da konnte man zunächst einmal noch Knochen unterscheiden und einzelne Zähne.

Zu unserem damaligen Fachzahnarzt gegangen, mit dem ich dann Zahnstatus und Gebissbefund im Detail aufgeschrieben habe und das mit dem vermissten Opfer verglichen habe. Sodass wir dann hier eine zahnärztliche Identifikation durchführen konnten. Das war ganz eindeutig. Also es war eindeutig die vermisste 31-Jährige, um die es sich da gehandelt hat. Ja, das war völlig klar. Wir haben später noch versucht DNA-Untersuchungen zu machen. Die gingen aber an diesem Material aus dem Säurefass dann nicht mehr. Deswegen war es umso wichtiger, dass wir die Identifikation mit den Zähnen noch hinbekommen haben. Übrigens, nachdem wir diese Arbeiten durchgeführt hatten, waren dann die Zähne zu einer wirklich nicht mehr identifizierbaren schleimigen Masse zerfallen. Also das war gut, dass ihr schnell gearbeitet habt, denn danach wäre das nicht mehr möglich gewesen.

Beim zweiten Fass war es ja schwieriger. Die Frau war ja länger vermisst worden. Und dieses Fass ist dann unter einer 80 Zentimeter dicken Betonschicht gefunden worden. Die Polizei musste diese Betonschicht aufstemmen, um die Plastiktonne freizulegen und in dem Fall hat der Kirschner angegeben, er habe den Leichnam der 61-Jährigen dort reingestopft und mit Salzsäure übergossen. Wie war das denn? Ihr habt dann ja, nachdem dieses Fass gefunden wurde, im Institut für Rechtsmedizin eine Nachtschicht eingelegt.

Am nächsten Tag bist du nach Hause gekommen. Wie hat die Familie reagiert?

Naja, das war zweimal eine Nachtschicht und die Sektionen haben ja auch wirklich sehr, sehr lange gedauert. Wir haben also stundenlang obduziert und neben dem Leichnam hatte der Täter in den Fässern ja auch noch eine Reihe weiterer Materialien untergebracht, bei denen wir dann darüber gegrübelt haben, welchen Zwecken die dienen sollten. Das waren also Klammern, zum Teil Wäscheklammern, Metallklammern, dann Steinwolle. Ehrlich gesagt nicht so richtig logisch, warum das da drin war. Zum Teil auch Sand, das könnte zum Beschweren gedient haben. Aber die Klammer beispielsweise werden Folterwerkzeuge gewesen sein. Man hat ja auch Videomaterial später gefunden, das der Kirschner von seinen Folterungen angefertigt hat. Aber zurück zu eurer Befundgebung an dem zweiten Fass. Ja, also...

Wir mussten hier natürlich zunächst einmal auch versuchen festzustellen, wie weit wir einzelne Leichenteile abgrenzen können. Das war schwierig. Wir konnten Hirngewebe nachweisen. Das war vergleichsweise gut erhalten und merkwürdigerweise die Gallenblase. Die hat sich farblich deutlich abgehoben und man konnte dann die Form und Struktur der Gallenblase nachvollziehen. Was gut erhalten waren, waren verschiedene Zahnarbeiten und da dann insbesondere die Metallteile. Da ging es also um Amalgamfüllungen, aber auch um Goldinlay und vor allen Dingen eine ganz spezielle Arbeit, eine sogenannte Ringdeckelkrone. Das war damals eine selten durchgeführte Zahnarbeit und die hat tatsächlich auch eine Rolle gespielt, weil damit Identifizierungshinweise gegeben waren auf den Leichnam dieser älteren Frau. Die diese Zahnarbeit schon in früheren Zeiten einmal bekommen hatte. Du hast vorhin gesagt, ihr habt auch sehr viel Sand in den Fässern gefunden. Dann seid ihr so ein bisschen vorgegangen wie die Goldsucher, oder?

Ja, das habe ich damals in der Gerichtsverhandlung in der Tat auch so beschrieben, dass wir gearbeitet haben wie im Wilden Westen, wo also tatsächlich der Sand durchgesiebt wird mit feinen Sieben. Und in den Sieben fingen sich dann die größeren Teile von den Zähnen und es war tatsächlich zum Teil eben auch Gold und deswegen kann man ohne weiteres sagen, dass wir uns betätigt haben wie Goldsucher. Naja, und nächsten Morgen, nachdem auch der zweite Fall abgearbeitet war, bin ich dann nach Hause gegangen und die Familie wusste schon, dass wir wieder eine Geschichte hatten vom Säurefass-Mörder. Und in groben Zügen hatte ich meinen kleinen Kindern damals schon etwas von meiner Arbeit erklärt und als wir dann beim Frühstückstisch saßen, guckte mich mein Sohn mit großen Augen an und sagte dann zu mir, und das war dann schon recht sarkastisch, so aus meiner Sicht.

Du Papi, sag mal, habt ihr da heute Nacht wieder ein Fass aufgemacht und ich hatte schon den Gedanken, dass das in der Tat richtig war, aber das war kein Grund zum Feiern und hatte auch nichts zu tun mit Bier oder Wein, sondern das war tatsächlich eher so ein Fass des Grauens. Und das war eine total brutale Geschichte. Und der Sohn hat mich dann aber wieder ganz gut geerdet, indem er seine... Ja, doch recht vorwitzige Frage gestellt hat. Nun kommt der Mann ja dann vor Gericht. Das wird ein großer Prozess vor dem Schwurgericht. Das Verfahren hat sehr lange gedauert, über 90 Verhandlungstage. Ich bin ja auch oft in dieser Verhandlung gewesen und habe den Angeklagten dann auch beobachten können.

Tatsächlich hat er nach meinem Eindruck einen stechenden Blick gehabt, also auf jeden Fall wirkte es immer wieder so und auffällig war auch eine eher hohe Stimme des Mannes. Und er hatte drei Verteidiger damals und oft wirkte er ungeduldig und wie auf dem Sprung und als wollte er nun unbedingt seine Geschichte selber erzählen, ist aber dann eher wenig zu Wort gekommen. Die Verteidiger wollten das gerne verhindern, dass er nun zu viel aussagt, aber er hat dann schon einiges geschildert und dann hat er unter anderem auch dargelegt, dass er einen Taucheranzug und eine Tauchermaske übergestreift hat, um die Salzsäure in die Fässer zu schütten, damit er sich da vorschützt und nicht diese giftigen Dämpfe einatmet.

Und er hat auch Erklärungen abgegeben, wie die Frauen gestorben sein sollen. Also er hat ja zugegeben, dass er die Fässer vergraben hat, da kam er aus der Nummerkammer nicht mehr raus. Aber er hat behauptet, die seien durch Unfälle gestorben. Die ältere soll durch einen Treppensturz gestorben sein und die andere bei Fessel Sex spielen und da habe sie ein Kreislaufversagen erlitten.

Aber in Wirklichkeit waren es Morde, die konnte man ihm letztlich auch nachweisen und das Gericht kam dann zu der Überzeugung, dass es Morde waren. Lebenslange Haft gab es dann für den Mann und besondere Schwere der Schuld und die Sicherungsverwahrung. Mehr geht ja nicht nach deutschem Recht und der Mann ist heute noch im Knast. Ich glaube, das ist auch gut so. Also bei der Gerichtsverhandlung hat der Saurophasmörder damals wirklich Quatschgeschichten erzählt und er hat tatsächlich versucht dem Gericht weiszumachen, dass Unglücksfälle waren. Er hat sogar noch eine Geschichte erzählt von einer Organmafia, die eine Frau ausgeweidet habe, um tatsächlich Organe für Transplantationszwecke zu gewinnen. Das war also eindeutig eine Schuldverschiebung, eine völlige Ablenkung und eine von den Fantasiegeschichten, die er gerne erzählte. Die andere Fantasiegeschichte spielte sich dann ab in der Sauna bei diesen Sexspielen und auch da gab es dann noch.

Diese Begleituntersuchung, die ich während der laufenden Gerichtsverhandlungen machen musste beim Beschuldigten, weil er nämlich gesagt hatte, er sei bei diesen Sexspielen verletzt worden und ich habe ihn dann im Gefängnis auf die Verletzung hin untersucht. Das Ganze wurde vom Gericht als Schutzbehauptung angesehen. Das Gericht hat das Ganze ja sehr konsequent abgeurteilt, letztlich mit der höchstmöglichen Strafe und, Das ist nun allerdings inzwischen schon so lange her, muss man sagen, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, an dem sich dann doch die Frage stellt, ob man den Säurefassmörder nicht doch auch wieder rauslässt, weil er nun schon seit über 25 Jahren letztlich im Gefängnis sitzt.

Und ich weiß nicht, wie er im Augenblick aus psychiatrischer Sicht eingeschätzt wird, ob man ihn noch für gefährlich hält. Bei dem Mann wurde ja damals eine sadomasochistische Fehlentwicklung festgestellt und eine schwere seelische Abartigkeit. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass sich das insoweit in, ich nenne es mal, Wohlgefallen aufgelöst hat, dass er jetzt nicht mehr gefährlich ist. Und ich denke, dass er im Gefängnis beziehungsweise in der Sicherungsverwahrung sehr gut aufgehoben ist bis heute. Ich finde, dieser Fall hat aber auch noch neben diesen ganzen Brutalitäten und grausigen Details, die wir jetzt gehört haben, die einen wirklich schaudern lassen, noch eine sehr bedrückende weitere Variante. Denn beide Fälle, die der 61-Jährigen und die der 31-Jährigen, sind ja zunächst über Jahre als Vermisstensache behandelt worden. Und in Wirklichkeit waren die Frauen entführt worden und gefoltert und tot. Das ist ja das gute Recht eines Erwachsenen zu verreisen und sich eine Auszeit zu nehmen oder wegzugehen. Aber ich denke, das sollte uns eine Warnung sein, dass man bei vermissten Sachen doch mal genauer nachgucken sollte, was wirklich mit den Menschen passiert ist.

Das ist in der Tat ein sehr prinzipielles Problem. Persönlich bin ich davon überzeugt, dass man viele vermissten Sachen von Seiten der Polizei intensiver abarbeiten müsste. Also bei diesen beiden Frauen gab es eigentlich von Anfang an Hinweise darauf, dass die unfreiwillig verschwunden sind und dass dahinter ein Verbrechen stecken könnte. Letztlich ist das eigentlich nur dem Spürsinn dieser einen Kriminalbeamtin zu verdanken, die da zugehört hat, als die alte Frau ihr vor Gericht ihre persönlichen Geschichten erzählt hat.

Also bei vermissten Sachen von Erwachsenen kann man einerseits sagen, jeder von uns kann hingehen, wo er will. Das hast du ja schon gesagt. Auf der anderen Seite, wenn er tatsächlich so seine persönlichen Bezüge hat, wie es bei diesen beiden Frauen war und dann völlig unmotiviert ganz plötzlich verschwunden ist, dann sind das schon Verdachtsmomente. Und gerade wenn Pläne da waren und eigentlich gemeinsam mit anderen tatsächlich auch Absichten bestanden, etwas zu unternehmen, dass sich dann jemand so plötzlich verabschiedet, ist sehr ungewöhnlich. Ich befürchte, dass viele vermissten Sachen eigentlich Tötungsdelikte beinhalten.

Es merkte ein oder andere Fall vielleicht auch ein Suizidfall sein, aber insgesamt vermute ich schon, wenn man das auf ganz Deutschland umsetzt, nicht nur hunderte, sondern tausende von vermissten Sachen, bei denen eigentlich die Mordkommission hätte ermitteln sollen. Also dann kann man davon ausgehen, dass es insofern tatsächlich viele unentdeckte Morde gibt, die so als Vermissten-Sache behandelt werden. Das macht einen nachdenklich, das ist bedrückend, das ist schlimm und zeigt eine weitere Facette dieses wirklich in vielerlei Hinsicht außergewöhnlichen Fall des Sorgefassmörders.

Wir hören uns hoffentlich demnächst wieder, liebe Zuhörer. Hören ist okay. Wenn ich Sie sehe, dann geht es Ihnen eher schlecht und Sie liegen dann als Tote vor mir. Also ich hoffe, wir hören uns wieder und wir sehen uns nicht so bald wieder.