WEBVTT

00:00:03.437 --> 00:00:09.217
Dem Tod auf der Spur. Spannende Fälle aus der Hamburger Rechtsmedizin.

00:00:09.517 --> 00:00:12.837
Der Crime-Podcast vom Hamburger Abendblatt.

00:00:14.297 --> 00:00:18.057
Moin und herzlich willkommen zu unserem Abendblatt Crime-Podcast.

00:00:18.237 --> 00:00:21.117
Ich bin Bettina Mittelacher, Gerichtsreporterin beim Hamburger Abendblatt.

00:00:21.117 --> 00:00:26.417
Und wie immer ist Klaus Püschel dabei, Rechtsmediziner, Seniorprofessor und

00:00:26.417 --> 00:00:31.217
der Experte, ohne den hier bei diesem Podcast gar nichts läuft. Hallo Klaus.

00:00:33.662 --> 00:00:38.402
Ich bin schon mal wieder sehr begeistert, wenn ich an unseren heutigen Fall denke.

00:00:38.822 --> 00:00:42.442
Aus Sicht der Rechtsmedizin eine echte Herausforderung.

00:00:43.362 --> 00:00:49.682
Der Leichnam unter Estrich, monatelange Liegezeit, Todesursache,

00:00:50.542 --> 00:00:52.762
Kopf, Hals, Nackenschuss.

00:00:53.802 --> 00:01:00.622
Das klingt wie organisiertes Verbrechen, aber Fehlanzeige dennoch ein echter,

00:01:00.822 --> 00:01:03.302
vor allen Dingen auch juristischer Leckerbissen.

00:01:04.002 --> 00:01:07.042
Los geht's, aber du musst noch unseren Gast begrüßen.

00:01:07.222 --> 00:01:12.182
Ja, wir freuen uns nämlich heute mal wieder einen besonderen Gast hier zu haben.

00:01:12.502 --> 00:01:15.902
Joachim Bülter war jahrzehntelang als Richter in Hamburg tätig.

00:01:16.042 --> 00:01:20.882
Die letzten 13 Jahre seiner juristischen Karriere verhandelte er als Vorsitzender

00:01:20.882 --> 00:01:24.022
Richter einer Schwurgerichtskammer über Mord und Totschlag.

00:01:24.822 --> 00:01:29.242
Und doch sagten sie in einem Gespräch, das wir beide vor einiger Zeit miteinander

00:01:29.242 --> 00:01:35.462
führten, Herr Bülter. Aber in den meisten Fällen sitzt auf der Anklagebank nicht der Killertyp.

00:01:36.322 --> 00:01:40.602
Ja, zunächst ein herzliches Hallo auch von mir in die Runde und an unsere Zuhörer.

00:01:41.122 --> 00:01:46.182
Ja, tatsächlich sitzt in vielen Spurgerichtsfällen nicht der eiskalte und rücksichtslose

00:01:46.182 --> 00:01:47.642
Killertyp auf der Anklagebank.

00:01:47.982 --> 00:01:52.302
Das ist eine Erkenntnis, die ich aus vielen Verhandlungen gewonnen habe.

00:01:52.962 --> 00:01:57.382
Natürlich gibt es auch die brutalen, kaltherzigen und berechnenden Mörder.

00:01:58.002 --> 00:02:01.922
Aber oft haben wir es auch mit Menschen zu tun, die nicht in dieses Klischee passen.

00:02:02.442 --> 00:02:05.962
Ich will jetzt nicht so weit gehen zu sagen, dass jeder zum Mörder werden kann.

00:02:06.062 --> 00:02:07.182
Das ist natürlich nicht so.

00:02:07.842 --> 00:02:13.102
Doch fast jeder kann einmal in Grenzsituationen geraten, in denen er sich so

00:02:13.102 --> 00:02:15.962
verhält, wie er es selber kaum für möglich gehalten hätte.

00:02:16.782 --> 00:02:20.742
Also würde er in einer Extremsituation wohl auch jemanden umbringen?

00:02:21.282 --> 00:02:24.662
Damit sind wir dann ja schon mitten in dem Fall, über den wir heute mit Ihnen

00:02:24.662 --> 00:02:30.182
sprechen wollen. Es war ein Tötungsdelikt, das bundesweit für Schlagzeilen gesorgt

00:02:30.182 --> 00:02:35.742
hat, erst wegen der eigentlichen Tat, später wegen des für viele überraschenden Urteils.

00:02:37.191 --> 00:02:43.391
Und die Rechtsmedizin hatte auch einiges zu diesem ungewöhnlichen Fall beizutragen.

00:02:44.291 --> 00:02:49.311
Schließlich erleben wir es auch in unserem Metier, nicht jeden Tag,

00:02:50.031 --> 00:02:54.511
dass wir es mit einer einbetonierten Leiche zu tun bekommen.

00:02:54.711 --> 00:02:56.071
Schon ein sehr spezieller Fall.

00:02:56.451 --> 00:02:59.711
Ja, wir beim Schwurgericht auch nicht. Ich möchte fast sagen,

00:02:59.831 --> 00:03:00.751
glücklicherweise nicht.

00:03:01.291 --> 00:03:03.671
Das war schon etwas sehr Außergewöhnliches.

00:03:04.371 --> 00:03:08.371
Wir reden heute über einen Tötungsdelikt in einem Restaurant in Hamburg-Saint-Georg.

00:03:08.631 --> 00:03:14.031
Das Casa Alfredo, so der Name des Lokals, erlangte durch den tödlichen Schuss

00:03:14.031 --> 00:03:16.511
auf einen Mann zweifelhafte Berühmtheit.

00:03:16.711 --> 00:03:21.411
Es war nicht nur so, dass ein Mensch dort eines gewaltsamen Todes gestorben ist.

00:03:21.711 --> 00:03:27.551
Sein Leichnam wurde auch noch in dem Lokal in einer Grube unter Baustoffen entsorgt.

00:03:27.551 --> 00:03:31.891
Die Gäste, die fortan in dem Restaurant speisten, hatten keine Ahnung,

00:03:32.091 --> 00:03:34.691
dass nur wenige Meter entfernt ein Toter lag.

00:03:36.411 --> 00:03:42.471
Wirklich eine gruselige Vorstellung. Naja, jedenfalls für die Zuhörer denke ich.

00:03:42.751 --> 00:03:45.131
Bei mir kommt da eher der Profi durch.

00:03:46.031 --> 00:03:52.531
Also das war damals der 18. November 2015, als die grausige Wahrheit ans Licht kam.

00:03:52.711 --> 00:03:57.591
An diesem Tag rückten Ermittler in dem Lokal an und ließen den Boden aufstemmen. Vielen Dank.

00:03:59.373 --> 00:04:03.433
Die Rechtsmediziner waren übrigens auch dabei. Das habe ich mir auch so gedacht.

00:04:04.233 --> 00:04:12.453
Darunter entdeckten sie den Leichnam eines Mannes, der Wochen zuvor von seinen

00:04:12.453 --> 00:04:14.593
Verwandten als vermisst gemeldet worden war.

00:04:15.853 --> 00:04:23.113
Leichenspürhunde hatten den Körper des 49-Jährigen unter dem Boden des Casa Alfredo entdeckt.

00:04:23.493 --> 00:04:29.953
Eingemauert in einer Abstellkammer, Beuchlings mit dem Gesicht nach unten in

00:04:29.953 --> 00:04:33.193
seinem Grab, muss man wohl sagen.

00:04:33.833 --> 00:04:40.233
Ja, diese Auffindesituation war tatsächlich der Ausgangspunkt in einem sehr besonderen Fall.

00:04:40.653 --> 00:04:45.493
Man kann sagen, dass sich letztlich herauskristallisierte, dass in diesem Fall

00:04:45.493 --> 00:04:51.033
die Grenzen von Schwarz und Weiß, von Gut und Böse, von Täter und Opfer verschwammen.

00:04:51.693 --> 00:04:55.693
Unsere Kammer hatte letztlich über den Mann zu entscheiden, der für den Tod

00:04:55.693 --> 00:05:01.933
eines anderen verantwortlich war und der den Leichnam einbetoniert hatte Doch es stellte sich heraus,

00:05:02.173 --> 00:05:07.453
dass dieser Täter in Wahrheit auch Opfer war Ich habe selten zuvor über einen

00:05:07.453 --> 00:05:11.673
so erstaunlichen Fall mit einer derart besonderen Vorgeschichte zu entscheiden gehabt.

00:05:12.858 --> 00:05:18.478
Gehen wir zurück zu diesem 18. November 2015, als die Polizei den Leichnam entdeckte.

00:05:18.758 --> 00:05:23.918
Es ist zugleich das Ende als auch der Anfang einer höchst ungewöhnlichen Geschichte.

00:05:24.258 --> 00:05:30.818
Der Tote ist ein 49 Jahre alter Mann, der in Saar Georg unter dem Namen Chin Chin bekannt ist.

00:05:31.538 --> 00:05:38.238
Seit dem 30. September des selben Jahres wurde RKND, so sein richtiger Name, vermisst.

00:05:39.098 --> 00:05:43.998
Nun war da also seine Leiche in einer Baugrube eines Restaurants und der Betreiber

00:05:43.998 --> 00:05:49.838
des Lokals, des Casa Alfredo, gesteht, den Mann erschossen und vergraben zu haben.

00:05:50.858 --> 00:05:54.258
Klaus, ihr in der Hamburger Rechtsmedizin habt ja den Toten untersucht,

00:05:54.458 --> 00:05:59.898
einen Mann, der sechs Wochen lang in einer Grube unter Baustoffen versteckt gelegen hat.

00:06:01.058 --> 00:06:05.178
Ja, das war natürlich keine gewöhnliche Sektion.

00:06:05.878 --> 00:06:14.438
Der Tote war doch stärker gradig Fäulnis verändert, also der ganze Körper von

00:06:14.438 --> 00:06:18.898
Fäulnisgas durchsetzt, auch die Körperoberfläche stark verändert und die inneren Organe.

00:06:21.538 --> 00:06:26.898
Und wir hatten deswegen auch relativ viel mit ihm zu tun, weil er doch von einem

00:06:26.898 --> 00:06:28.738
massigen Körperbau war.

00:06:28.898 --> 00:06:34.098
Das Entscheidende, darauf kommen wir dann gleich, haben wir im Bereich von Kopf,

00:06:34.238 --> 00:06:35.478
Hals und Schulter festgestellt.

00:06:35.618 --> 00:06:39.498
Ja genau, darauf wollte ich gerade hinaus. Was habt ihr denn als Todesursache herausgefunden?

00:06:40.218 --> 00:06:43.318
Es hieß ja damals, der Mann sei erschossen worden.

00:06:44.538 --> 00:06:51.438
Ja, das konnten wir dann auch durch unsere Sektionsbefunde genauso bestätigen.

00:06:52.612 --> 00:06:59.532
Trotz der Feuernis war noch eindeutig festzustellen, dass es sich um einen Einschuss

00:06:59.532 --> 00:07:03.912
in der rechten oberen Nackenregion handelte.

00:07:04.172 --> 00:07:10.272
Wir haben Zeichen eines relativen Nahschusses festgestellt, also die Waffenmündung

00:07:10.272 --> 00:07:13.652
muss dicht an der Haut dran gewesen sein.

00:07:13.652 --> 00:07:20.192
Der Schusskanal verlief dann durch die Halsweichteile.

00:07:20.572 --> 00:07:28.252
Das Projektil hat den ersten Halswirbel durchschlagen und hat sich hierbei auch zerlegt.

00:07:28.492 --> 00:07:35.912
Wir fanden dann den Bleikern linksseits am Hals neben dem Kehlkopf und weitere

00:07:35.912 --> 00:07:42.432
Projektilteile, vor allen Dingen vom Mantel, noch in der Umgebung bis hin zur linken Schulter.

00:07:42.432 --> 00:07:51.352
Also im Grunde ein Kunstschuss, in dem genau im Bereich Übergang Rückenmark

00:07:51.352 --> 00:07:56.712
zum Gehirn das Nervengewebe vollständig zerstört war.

00:07:56.892 --> 00:08:00.312
Das klingt ja danach, dass das Opfer sofort handlungsunfähig war.

00:08:00.592 --> 00:08:02.892
Genauso muss es gewesen sein.

00:08:03.272 --> 00:08:05.132
Wie gesagt, ein echter Kunstschuss.

00:08:06.172 --> 00:08:10.972
Momentan ist Handlungsunfähigkeit eingetreten und der Mann war dann auch ganz schnell tot.

00:08:10.972 --> 00:08:18.772
Ja, das ist tatsächlich ein relativer Nahschuss gewesen, also kein aufgesetzter

00:08:18.772 --> 00:08:21.192
Schuss, ein Schuss aus sehr kurzer Entfernung,

00:08:21.272 --> 00:08:24.252
das haben übrigens auch die kriminaltechnischen Gutachten bestätigt.

00:08:25.084 --> 00:08:29.164
Herr Bülter, Sie haben ja eingangs gesagt, dass es in vielen Fällen,

00:08:29.264 --> 00:08:34.704
in denen ein Mensch gewaltsam zu Tode kommt, sich nicht um einen kaltblütigen Mord handelt.

00:08:34.884 --> 00:08:39.384
Wenn man aber dieses hier hört, ein Schuss aus allernächster Distanz,

00:08:40.084 --> 00:08:43.024
könnte man schon an einen eiskalten

00:08:43.024 --> 00:08:47.104
Killer denken, aber hier entwickelte sich der Fall ja ganz anders.

00:08:47.704 --> 00:08:52.344
Ja, genau. Das deutete sich schon bei der allerersten Aussage des Mannes an,

00:08:52.564 --> 00:08:57.484
der ja gestanden hat, für den Tod des 49-Jährigen verantwortlich zu sein.

00:08:57.924 --> 00:09:03.404
Der Todesschütze behauptete nämlich, dass er zuvor von dem späteren Opfer massiv

00:09:03.404 --> 00:09:05.924
bedroht worden sei, unter anderem mit einer Schusswaffe.

00:09:06.304 --> 00:09:11.744
Und der geständige Täter sagte außerdem, dass er die Kugel im Rahmen eines tumultartigen

00:09:11.744 --> 00:09:14.364
und hochdynamischen Kampfgeschehens abgefeuert habe.

00:09:15.184 --> 00:09:19.504
Wenn sich so eine Version bewahrheitet, handelt es sich in der Regel nicht um einen Mord.

00:09:19.744 --> 00:09:22.304
Es kommt also eher ein Totschlag in

00:09:22.304 --> 00:09:26.064
Betracht, vielleicht durch einen Augenblicksversagen oder sogar Notwehr?

00:09:26.544 --> 00:09:31.264
Ja, auch darüber muss man in solchen Konstellationen durchaus nachdenken.

00:09:31.704 --> 00:09:33.164
Kein Fall ist natürlich wie der andere.

00:09:34.004 --> 00:09:38.184
Es müssen im Ermittlungsverfahren und vor allem auch später vor Gericht immer

00:09:38.184 --> 00:09:42.584
alle Details des Tatgeschehens und einer möglichen Vorgeschichte sorgfältig

00:09:42.584 --> 00:09:44.204
analysiert und bewertet werden.

00:09:44.944 --> 00:09:47.504
Kommen wir jetzt zur Vorgeschichte dieses tödlichen Schusses.

00:09:47.564 --> 00:09:51.884
Wir haben ja schon gesagt, dass sich die Tat in einem Restaurant in St. Georg abgespielt hat.

00:09:53.297 --> 00:09:59.297
Eigentlich hatte sich der Chef dieser Lokalität über Jahre bis zu jenem schicksalhaften

00:09:59.297 --> 00:10:04.757
Tag im September 2015 einen sehr guten Ruf erarbeitet.

00:10:04.957 --> 00:10:11.197
Er hatte in den besten Häusern Koch gelernt und überzeugte seine Gäste im Casa

00:10:11.197 --> 00:10:18.077
Alfredo, dass er 2012 eröffnet hatte mit stets frischen besten Speisen.

00:10:18.077 --> 00:10:22.697
In dem Restaurant kehrten unter anderem Ärzte, Schauspieler,

00:10:22.737 --> 00:10:30.117
Polizisten und Anwälte ein, also ein gutes Publikum, auch Stammkundschaft.

00:10:30.317 --> 00:10:37.437
Der Laden lief richtig gut, bis dann eines Tages Chin Chin aufkreuzte und anfing,

00:10:38.037 --> 00:10:40.377
dem Restaurantbetreiber das Leben schwer zu machen.

00:10:41.077 --> 00:10:44.837
Cincin hieß eigentlich RKND, das hatten wir vorhin schon kurz erwähnt.

00:10:45.017 --> 00:10:50.537
Der 49-Jährige war ein Mann, der Anfang der 80er Jahre zusammen mit seinen Eltern

00:10:50.537 --> 00:10:53.717
und seinen Brüdern aus der Türkei nach Deutschland gekommen war.

00:10:54.397 --> 00:10:59.277
Was haben Sie denn im Prozess über seinen Werdegang festgestellt, Herr Bülter?

00:10:59.477 --> 00:11:02.697
Ja, wie später im Rahmen der Ermittlungen festgestellt wurde,

00:11:02.937 --> 00:11:05.957
hatte er keinen Schulabschluss und auch keine Berufsausbildung.

00:11:05.957 --> 00:11:08.977
Er lebte offiziell von Sozialleistungen.

00:11:09.217 --> 00:11:14.757
Allerdings erzielte er offensichtlich weitere Einkünfte aus mutmaßlich illegalen

00:11:14.757 --> 00:11:19.197
Geschäften, möglicherweise im Bereich der Prostitution, des Drogenhandels und

00:11:19.197 --> 00:11:20.257
der Schutzgelderpressung.

00:11:20.457 --> 00:11:24.637
Er wurde im Zusammenhang mit einigen dieser Deliktsbereiche auch schon mehrfach verurteilt.

00:11:26.218 --> 00:11:34.418
Erkandee war ein eher kleingewachsener, allerdings sehr übergewichtiger Mann,

00:11:34.998 --> 00:11:38.638
kann ich nochmal sagen, damit hatten wir bei der Sektion viel zu tun.

00:11:39.638 --> 00:11:45.358
Der lief gerne in kurzer Hose und Badelatschen durch St. Georg, sogar im Winter.

00:11:45.698 --> 00:11:51.038
Er behauptete, er kenne jeden in St. Georg, machte sich ungeheuer wichtig.

00:11:52.438 --> 00:11:57.638
Eine Witzfigur hat ihn ein anderer Gastronom aus dem Viertel einmal genannt.

00:11:57.878 --> 00:12:01.098
Aber so witzig war das dann gar nicht mit ihm. Ich wollte gerade sagen,

00:12:01.178 --> 00:12:03.958
mag sein, dass manche ihn als Witzfigur empfunden haben.

00:12:04.178 --> 00:12:11.458
Doch für Alfredo M., den Gastwirt und Koch im Casa Alfredo, war Chin Chin eine ernsthafte Gefahr.

00:12:11.658 --> 00:12:14.898
Er war ein Mann, der ihm Angst einjagte und der es schaffte,

00:12:15.478 --> 00:12:18.538
sein Leben über Monate hinweg zur Qual zu machen.

00:12:19.238 --> 00:12:23.538
Was sich seit dem Sommer 2013 abgespielt hat, wissen wir durch die Erzählung

00:12:23.538 --> 00:12:28.618
des Gastwirts Alfredo M., aber auch durch Schilderungen aus dem Umfeld des Mannes,

00:12:28.878 --> 00:12:33.698
durch intensive Ermittlungen der Polizei und nicht zuletzt aus der Beweisaufnahme

00:12:33.698 --> 00:12:38.018
in dem Strafprozess, der ja vor Ihrer Kammer stattgefunden hat, Herr Bülter.

00:12:38.638 --> 00:12:42.298
Da musste sich ja Alfredo M. wegen Totschlags verantworten.

00:12:42.478 --> 00:12:47.238
Ja, in der Tat, so lautete der Anklagevorwurf. Natürlich werden im Hinblick

00:12:47.238 --> 00:12:52.438
auf den Tatvorwurf vor Gericht die Darstellung eines Angeklagten immer sorgfältig geprüft.

00:12:53.738 --> 00:13:01.718
Also, aus meiner Arbeit als Gutachter weiß ich, ein Angeklagter kann ja viel behaupten.

00:13:01.918 --> 00:13:05.978
Er darf, wenn er will, sogar lügen, dass sich die Balken biegen.

00:13:07.218 --> 00:13:12.638
Echt komisch. Also lügen, ohne dass er dafür irgendwie weitergehend bestraft

00:13:12.638 --> 00:13:14.078
wird. Das ist ein gutes Recht.

00:13:14.938 --> 00:13:18.238
Aber Zeugen dürfen nun überhaupt nicht lügen.

00:13:18.458 --> 00:13:23.338
Sie müssen strikt bei der Wahrheit bleiben. So habe ich das gelernt, oder? Genau so ist es.

00:13:23.698 --> 00:13:26.698
Deshalb wurden in dem Prozess gegen Alfredo M.

00:13:26.818 --> 00:13:32.018
Auch etliche Zeugen gehört, um den Wahrheitsgehalt der Aussage des Angeklagten zu prüfen.

00:13:32.018 --> 00:13:38.258
Das meiste von dem, was der 52-jährige Angeklagte zur Vorgeschichte und zum

00:13:38.258 --> 00:13:40.238
Hintergrund des Tatgeschehens berichtet hat,

00:13:40.998 --> 00:13:44.918
wurde letztlich im Rahmen der Beweisaufnahme durch etliche Zeugenaussagen oder

00:13:44.918 --> 00:13:49.118
andere Beweismittel bestätigt, wie zum Beispiel Handyauswertung,

00:13:49.278 --> 00:13:51.618
die Auswertung von Fotos und Kontoauszügen.

00:13:53.288 --> 00:13:58.028
Der Druck, den Chin Chin über Monate auf Alfredo M.

00:13:58.248 --> 00:14:04.148
Ausgeübt hat, hat sich beständig weiter gesteigert, zuletzt auf ein Level,

00:14:04.448 --> 00:14:08.568
das für den Gastwirt regelrecht unerträglich wurde.

00:14:09.848 --> 00:14:20.488
Der ganze Schied, also all das sei im Sommer 2013 losgegangen, sagte Alfredo M.

00:14:20.868 --> 00:14:26.968
Chin Chin, kam immer häufiger in das kleine Lokal nahe dem Hauptbahnhof und

00:14:26.968 --> 00:14:30.948
habe sich dort dann letztlich fast wie ein Stammgast aufgeführt.

00:14:31.748 --> 00:14:37.248
Der Angeklagte bezeichnet den 49-Jährigen in dieser Anfangszeit ihrer Bekanntschaft

00:14:37.248 --> 00:14:42.408
als Schwätzer, der sich nicht abwimmeln ließ. Ja, aber dabei blieb es nicht.

00:14:42.788 --> 00:14:49.008
Ja, das war noch zunächst ein halbwegs freundliches Gerede von Xin Xin,

00:14:49.288 --> 00:14:53.588
aber da rein schleicht sich bald ein neuer Unterton.

00:14:54.408 --> 00:14:58.928
Dieser Mann beteuert zwar weiterhin ständig, dass er es gut mit Alfredo meine,

00:14:59.068 --> 00:15:03.888
er deutet aber auch an, dass der Wirt einen Freund wie ihn dringend benötigen

00:15:03.888 --> 00:15:05.288
wurde, und zwar als Beschützer.

00:15:06.428 --> 00:15:11.248
Vorangegangen ist, dass Alfredo M. einem anderen Gastwirt insgesamt 1500 Euro

00:15:11.248 --> 00:15:14.888
geliehen hatte und dieser andere Gastwirt zahlte das Geld nicht zurück.

00:15:16.268 --> 00:15:21.328
Stattdessen forderte er angeblich weitere 5000 Euro. Und zwar,

00:15:21.688 --> 00:15:25.968
jetzt kommt die etwas skurrile Begründung, als Entschädigung dafür,

00:15:26.148 --> 00:15:30.108
dass der Koch schlecht über ihn im Stadtteil geredet habe.

00:15:30.808 --> 00:15:37.048
Ja, und nach dieser angeblichen 5000-Euro-Forderung tritt Chin Chin nun als

00:15:37.048 --> 00:15:39.668
angeblicher Retter von Alfredo M.

00:15:39.868 --> 00:15:44.308
Von diesem Gastwirt auf den Plan. Er bietet nun Alfredo M. an,

00:15:44.608 --> 00:15:47.608
das Problem mit diesem anderen Gastwirk zu lösen.

00:15:47.848 --> 00:15:50.588
Doch das koste Geld, sagt Chin Chin.

00:15:51.569 --> 00:15:55.369
Ja, ich wusste nicht, ob er mir helfen oder mich erpressen wollte,

00:15:55.689 --> 00:15:58.129
sagte Alfredo M. damals vor Gericht.

00:15:58.529 --> 00:16:04.169
Nur eines habe er sicher gewusst, dass er keinen Ärger wollte. Also zahlte er.

00:16:04.829 --> 00:16:08.409
Trotzdem stellten sich nun weitere Probleme ein. Plötzlich hieß es,

00:16:08.849 --> 00:16:13.849
jener Gastwirt habe die Albaner und Afghanen auf Alfredo M. angesetzt.

00:16:14.429 --> 00:16:18.209
Chin Chin aber, der vermeintlich gute Freund, könne ihm helfen.

00:16:18.489 --> 00:16:21.969
Er kenne Leute, die auf das Lokal Casa Alfredo aufpassen würden.

00:16:22.529 --> 00:16:25.789
Chin Chin prallte ständig damit, dass er in St. Georg jeden kennt,

00:16:25.889 --> 00:16:27.429
sagte der Angeklagte im Prozess.

00:16:28.089 --> 00:16:32.869
1000 Euro im Monat verlangte Chin Chin nun, angeblich um seine Leute zu bezahlen.

00:16:33.549 --> 00:16:37.269
Fortan kam er regelmäßig zum Monatsende und holte das Geld ab.

00:16:38.629 --> 00:16:43.989
Und im Stadtteil, erzählt Chin Chin, er sei nun Partner in dem Lokal.

00:16:46.591 --> 00:16:50.591
Seine Bekannten lädt er ein, dort zu essen, ohne dass sie bezahlen müssten.

00:16:50.751 --> 00:16:54.611
Das ist für Alfredo M. ein weiteres Ärgernis, neben dem Geld,

00:16:54.771 --> 00:16:57.891
das er seinem Erpresser nun jeden Monat überreichen muss.

00:16:58.791 --> 00:17:02.951
Alfredo M. will eigentlich kein weiteres Schutzgeld zahlen. Doch immer,

00:17:03.131 --> 00:17:06.471
wenn er sich mal weigert, die 1000 Euro an Chen Chen zu übergeben,

00:17:06.571 --> 00:17:08.391
spürt er sofort die Folgen.

00:17:09.051 --> 00:17:13.791
Innerhalb kürzester Zeit gehen zum Beispiel Scheiben des Restaurants zweimal zu Bruch.

00:17:14.531 --> 00:17:21.391
Außerdem erscheint im Internet auf einem Bewertungsportal eine vernichtende Kritik über sein Lokal.

00:17:22.351 --> 00:17:27.431
Darüber hinaus werden Gäste vor dem Restaurant massiv belästigt und,

00:17:27.451 --> 00:17:31.131
das war für ihn wahrscheinlich das Schlimmste, Alfredo M.

00:17:31.231 --> 00:17:36.651
Findet Fotos seiner Töchter im Briefkasten heimlich aufgenommen an einer Bushaltestelle.

00:17:37.511 --> 00:17:40.791
Der Gast wird befürchtet, deshalb seine Töchter könnten in Gefahr sein.

00:17:40.991 --> 00:17:48.271
Also zahlt er doch weiter an seinen Erpresser insgesamt mindestens 25.000 Euro.

00:17:49.471 --> 00:17:54.971
Im Juli 2015 ist er dann ziemlich hoch verschuldet, weil er parallel zu den

00:17:54.971 --> 00:18:00.031
Schutzgeldzahlungen eine Stromnachzahlung von 17.000 Euro leisten muss.

00:18:00.571 --> 00:18:03.671
Nun kann und will er nicht mehr zahlen.

00:18:04.531 --> 00:18:09.591
Doch darauf nimmt der Erpresser keine Rücksicht. Er wird dreister und erscheint

00:18:09.591 --> 00:18:11.691
nun mit einer Waffe im Hosenbund.

00:18:12.815 --> 00:18:19.535
Und nun, dann kommt der schicksalhafte und folgenschwere Abend des 30. September 2015.

00:18:20.455 --> 00:18:24.175
Ja, an diesem Abend lässt der Erpresser endgültig seine Maske fallen,

00:18:24.395 --> 00:18:26.135
die des vermeintlichen Beschützers.

00:18:26.715 --> 00:18:31.875
Jetzt verlangt er in aller Deutlichkeit weiteres Schutzgeld.

00:18:32.475 --> 00:18:37.755
Ja, was dann weiter geschehen sei, hat der Angeklagte im Prozess folgendermaßen geschildert.

00:18:38.575 --> 00:18:43.295
Chin Chin hat eine Schusswaffe dabei, legt sie vor sich auf einen Tisch und spielt damit herum.

00:18:43.655 --> 00:18:48.675
Er will das Geld und sagt, wenn du nicht zahlst, geht einer von uns beiden drauf.

00:18:49.455 --> 00:18:53.475
Dann habe Chin Chin gesagt, Alfredo M. solle seine schönen Töchter mal arbeiten

00:18:53.475 --> 00:18:54.955
schicken, die seien jetzt alt genug.

00:18:55.535 --> 00:19:00.155
Der Gastwirt, Alfredo M., deutet die Worte so, dass er seine Töchter für Chin

00:19:00.155 --> 00:19:04.395
Chin anschaffen lassen solle. Und das ist der Punkt, an dem Alfredo M.

00:19:04.455 --> 00:19:08.955
Nach seiner Darstellung völlig die Fassung verliert und das letztlich tödliche

00:19:08.955 --> 00:19:10.355
Geschehen dann seinen Lauf nimmt.

00:19:11.015 --> 00:19:16.115
Ja, er schilderte dann ja weiter, er sei jetzt voller Wut aufgesprungen,

00:19:16.375 --> 00:19:20.995
dabei sei der Tisch umgekippt, die Männer fallen zu Boden, es entsteht ein Handgemenge.

00:19:21.475 --> 00:19:25.615
Ja und dann spürt er unter sich, als er da auf dem Boden liegt,

00:19:25.715 --> 00:19:30.615
etwas Hartes und das ist die Waffe, die Chin Chin mitgebracht hatte.

00:19:30.735 --> 00:19:33.335
Alfredo M. greift danach und schießt.

00:19:34.771 --> 00:19:39.951
Und, wie wir ja später bei der Obduktion des Opfers festgestellt haben,

00:19:40.671 --> 00:19:49.151
ist in diesem Moment der Pistolenlauf, also die Mündung, nur ein bis zwei Zentimeter

00:19:49.151 --> 00:19:54.251
vom Kopf des 49-Jährigen Chin Chin entfernt.

00:19:54.531 --> 00:20:02.451
Der Erpresser ist momentan handlungsunfähig und tot. Ende finito.

00:20:03.591 --> 00:20:09.151
Ja, der Koch, also der Schütze ist, so erzählt er später vor Gericht,

00:20:09.311 --> 00:20:12.031
zunächst geschockt und auch überfordert.

00:20:12.971 --> 00:20:16.671
Er starrt lange auf den Toten, der Beuchlings da sieht.

00:20:16.771 --> 00:20:21.151
Er starrt auch auf das viele Blut im Raum, geht dann vor die Tür,

00:20:21.391 --> 00:20:24.331
raucht mehrere Zigaretten, geht dann erstmal nach Hause.

00:20:25.091 --> 00:20:28.451
Auf dem Weg dorthin denkt er darüber nach, sich der Polizei zu stellen,

00:20:29.151 --> 00:20:31.751
überlegt es sich dann aber anders.

00:20:32.871 --> 00:20:38.951
Ja, nun überlegt er, dass er doch lieber die Leiche hat.

00:20:39.876 --> 00:20:44.716
Und damit auch die Spuren des Geschehens beseitigen will.

00:20:45.416 --> 00:20:50.316
Ganz genau. In einem Nebenraum seines Lokals ist kurze Zeit vorher eine Grube

00:20:50.316 --> 00:20:54.056
ausgehoben worden für Pumpen, für einen Fettabscheider.

00:20:55.136 --> 00:21:00.216
Sehr günstige Gelegenheit. Ja, total. Das passte, als hätte man es geplant. Keiner Zufall.

00:21:00.476 --> 00:21:03.156
Als hätte man es geplant, aber es war ja nicht geplant.

00:21:04.236 --> 00:21:10.996
Dieses Loch, was da im Fußboden ist, diese Grube, ist ein Meter breit, ein Meter tief.

00:21:11.576 --> 00:21:15.136
Also hat schon ein bisschen die Ähnlichkeit eines Grabes.

00:21:15.816 --> 00:21:19.996
Am Morgen nach dem tödlichen Schuss nimmt Alfredo M. dem Toten Schinschen das

00:21:19.996 --> 00:21:25.956
Handy ab, zieht SIM-Karte und Akku raus, zerrt den Leichnam dann an den Knöcheln in die Grube.

00:21:26.276 --> 00:21:32.576
Und dann schüttet er sechs bis sieben Säcke Kalk und Zement auf den Toten.

00:21:32.576 --> 00:21:36.636
Der dort mit dem Gesicht nach unten liegt, dann schrubbt der Gastwirt,

00:21:36.796 --> 00:21:41.276
so gut es geht, im Restaurant das Blut von Möbeln und Fußboden.

00:21:41.676 --> 00:21:49.476
Ja, und dann, ich finde es gruselig, serviert er seinen Gästen wie gewohnt seine Spezialitäten.

00:21:50.196 --> 00:21:52.496
Das war der Leichenschmaus sozusagen.

00:21:53.356 --> 00:22:02.856
Gut. Also das klingt doch ziemlich gruselig und irgendwie scheinbar auch abgebrüht,

00:22:03.056 --> 00:22:05.436
was der Schütze da gemacht hat.

00:22:06.016 --> 00:22:10.656
Der Leichnam wird sorgfältig beseitigt, die Arbeit geht weiter.

00:22:11.396 --> 00:22:16.976
Herr Bülter, wie hat der Angeklagte denn später bei Ihnen im Prozess erklärt,

00:22:17.256 --> 00:22:21.636
warum er nicht zur Polizei gegangen ist, wenn es doch Notwehr war, oder?

00:22:22.700 --> 00:22:27.140
Tatsächlich hat der Angeklagte angegeben, dass er mindestens zweimal überlegt

00:22:27.140 --> 00:22:29.200
habe, sich der Polizei zu stellen.

00:22:29.720 --> 00:22:33.700
Er sei jedoch nach dem tödlich verlaufenden Tatgeschehen völlig durcheinander

00:22:33.700 --> 00:22:38.340
gewesen und habe daran gedacht, sich zunächst seine Töchtern zu offenbaren.

00:22:38.820 --> 00:22:42.740
Außerdem habe er sich letztlich nicht getraut, selbst zur Polizei zu gehen,

00:22:42.940 --> 00:22:47.320
weil er insbesondere nach dem Verbergen des Leichnams angenommen habe,

00:22:47.500 --> 00:22:52.060
dass man ihm seine Version des Tatgeschehens möglicherweise nicht glauben würde.

00:22:52.700 --> 00:22:58.840
Und schließlich habe er auch Angst davor gehabt, dass Personen aus dem Umfeld

00:22:58.840 --> 00:23:04.120
des Geschädigten ihn für die Tötung, ohne Rücksicht auf deren juristische Bewertung,

00:23:04.340 --> 00:23:07.100
durch schwere Repressalien zur Rechenschaft ziehen könnten.

00:23:08.160 --> 00:23:11.400
Ja, nun macht der Alfredo M. was anderes.

00:23:11.760 --> 00:23:16.900
Also er geht ja eben nicht zur Polizei. Der Leichnam ist schon versteckt.

00:23:17.080 --> 00:23:21.440
Das Handy des Toten und die Waffe entsorgt Alfredo M. in der Elbe.

00:23:22.400 --> 00:23:26.620
Einige Tage, nachdem der Gastwirt den Leichnam einboteniert hat.

00:23:28.220 --> 00:23:31.200
Verlegt er zur Tarnung in seinem Lokal einen neuen Fußboden.

00:23:31.360 --> 00:23:35.560
Dieser neue Fußboden soll die restlichen Blutspuren restlos überdecken.

00:23:35.860 --> 00:23:39.620
Aber genau das macht andere misstrauisch.

00:23:39.980 --> 00:23:42.980
Als nämlich auf der Facebook-Seite des Lokals am 7.

00:23:43.100 --> 00:23:48.760
Oktober 2015 steht, neuer Boden im Kasa, kommt alle und überzeugt euch selbst,

00:23:48.760 --> 00:23:53.420
taucht unter anderem ein Cousin des Opfers auf und fragt nach Chin Chin,

00:23:53.720 --> 00:23:57.000
der ja nun seit Tagen im Stadtteil nicht mehr gesehen wurde.

00:23:58.360 --> 00:24:02.440
Und Alfredo M. sagt aber nur zu diesem Cousin, Chin Chin war oft hier.

00:24:02.840 --> 00:24:08.140
Er behauptet nun, zuletzt seien Albaner im Casa Alfredo aufgetaucht und hätten

00:24:08.140 --> 00:24:11.240
sich nach Chin Chin erkundigt. Aber das stimmte ja überhaupt nicht.

00:24:12.870 --> 00:24:18.690
Überhaupt mehren sich ja nun die Hinweise, dass der Vermisste zuletzt in dem Restaurant war.

00:24:19.470 --> 00:24:25.350
War es nicht so, dass die Angehörigen des 49-Jährigen schließlich zur Polizei

00:24:25.350 --> 00:24:31.270
gegangen sind und den konkreten Verdacht geäußert haben, Alfredo M.

00:24:32.010 --> 00:24:36.710
Könne etwas mit dem Verschwinden des Mannes zu tun haben? War das nicht so? Ganz genau.

00:24:36.970 --> 00:24:40.010
Die Polizei hat daraufhin Ermittlungen aufgenommen.

00:24:40.370 --> 00:24:45.830
Eine Funkzellenabfrage zum Handy des Vermissten ergab, dass das Funktelefon

00:24:45.830 --> 00:24:48.990
zuletzt im Bereich des Lokals Casa Alfredo eingeloggt war.

00:24:49.810 --> 00:24:54.730
Und daraufhin gab es eine Telefonüberwachung des Handys von Alfredo M.

00:24:55.010 --> 00:25:00.310
Und schließlich dann ja auch die Durchsuchung des Restaurants am 18. November 2015.

00:25:01.030 --> 00:25:06.050
Die Ermittler haben Spürhund Chico dabei, der in dem Lokal anschlägt.

00:25:06.290 --> 00:25:10.970
Daraufhin gesteht Alfredo M., dass er den Schutzgelderpresser erschossen hat.

00:25:11.150 --> 00:25:17.950
Er erzählt, dass es während eines Kampfes und versehentlich gewesen sei und aus Notwehr.

00:25:18.110 --> 00:25:21.270
Und er verrät, wo genau er den Leichnam versenkt hat.

00:25:22.556 --> 00:25:25.476
Und nun wird mit Bohrhämmern der

00:25:25.476 --> 00:25:31.316
Fußboden in dem Nebenraum des Lokals aufgestemmt und der Tote entdeckt.

00:25:31.976 --> 00:25:40.336
In seiner Kleidung haben wir dann übrigens noch über 500 Euro Bargeld gefunden.

00:25:40.756 --> 00:25:42.276
Ich denke, das war ein wichtiges Detail.

00:25:43.156 --> 00:25:47.056
Bestimmt, weil sonst könnte man ja auf die Idee kommen, dass es ein Raubmord

00:25:47.056 --> 00:25:53.356
gewesen sein könnte. Jinn-Quals kommt nach dieser Durchsuchung, Alfredo M.

00:25:53.476 --> 00:25:57.436
In Untersuchungshaft, wird aber dann am 7.

00:25:57.596 --> 00:26:01.296
April von der U-Haft verschont, Herr Bülter. Wie kam es dazu?

00:26:01.736 --> 00:26:07.396
Immerhin lautete die Anklage auf Totschlag, das heißt, der Angeklagte hätte

00:26:07.396 --> 00:26:12.316
schon einige Jahre im Erfängnis erwarten können. Ja, das stimmt.

00:26:12.476 --> 00:26:15.216
Tatsächlich lautete die Anklage auf Totschlag. Das stimmt.

00:26:16.356 --> 00:26:21.376
Tatsächlich ist eine Haftverschonung unter Erfüllung bestimmter Auflagen bei

00:26:21.376 --> 00:26:24.456
derartig schwerwiegenden Anklagevorwürfen sehr selten.

00:26:24.956 --> 00:26:29.876
Hier zeichnete sich aber bereits ab, dass zumindest ein minderschwerer Fall

00:26:29.876 --> 00:26:34.316
des Totschlags in Betracht kam, der einen deutlich geringeren Strafrahmen vorsieht

00:26:34.316 --> 00:26:39.116
oder dass der Angeklagte möglicherweise sogar in Notwehr gehandelt haben könnte.

00:26:39.116 --> 00:26:44.156
Bei dieser Sachlage schien der Kammer eine weitere Fortdauer der Untersuchungshaft

00:26:44.156 --> 00:26:49.096
nicht mehr verhältnismäßig, was übrigens auch von der Staatsanwaltschaft ähnlich beurteilt wurde.

00:26:49.896 --> 00:26:54.316
Dann ist das ja insgesamt schon eine Art Signal, das jedenfalls mit einer sehr

00:26:54.316 --> 00:26:56.376
hohen Strafe nicht zu rechnen ist.

00:26:57.416 --> 00:27:00.916
Etwa fünf Wochen nachdem der Angeklagte auf freien Fuß gekommen ist,

00:27:01.096 --> 00:27:03.796
beginnt nun der Prozess gegen Alfredo M.

00:27:04.056 --> 00:27:08.096
Das ist jetzt der 11. Mai 2016.

00:27:09.476 --> 00:27:14.656
Der Angeklagte, so hieß es, einhellig in den Medien, in denen über den Prozess

00:27:14.656 --> 00:27:19.876
berichtet wurde, habe unaufgeregt und ruhig gewirkt an diesem ersten Verhandlungstag.

00:27:19.976 --> 00:27:22.796
Herr Bülter, war das auch Ihr Eindruck als Vorsitzender Richter?

00:27:23.416 --> 00:27:27.736
Ja, der Angeklagte wirkte äußerlich weitgehend ruhig und gefasst.

00:27:28.556 --> 00:27:33.936
Allerdings merkte man ihm in seiner Aussage an, wie sehr ihn das Tatgeschehen,

00:27:34.116 --> 00:27:40.216
die Vorgeschichte und auch die Angst vor Konsequenzen aus dem Umfeld des Getöteten noch beschäftigte.

00:27:40.456 --> 00:27:46.056
Zum Teil bereitet es ihm auch Schwierigkeiten, einzelne Geschehnisse der Vorgeschichte

00:27:46.056 --> 00:27:49.816
und des unmittelbaren Tatgeschehens zeitlich richtig einzuordnen.

00:27:51.276 --> 00:27:58.656
Ja, der Angeklagte hat dann ja im Prozess, also die Details zur Vorgeschichte

00:27:58.656 --> 00:28:04.336
mit den Schutzgelderpressungen im Wesentlichen so erzählt, wie wir das vorhin

00:28:04.336 --> 00:28:06.136
schon ausgeführt haben.

00:28:06.576 --> 00:28:14.396
Und den eigentlichen Schuss schildert er als eine Notwehrhandlung im Rahmen

00:28:14.396 --> 00:28:16.496
dieses Kampfes, der da stattgefunden hat.

00:28:17.096 --> 00:28:18.956
Außerdem zeigt er auch noch Reue.

00:28:19.919 --> 00:28:23.639
Er hat gesagt, er fühle sich schlecht und schuldig, sagt er.

00:28:24.579 --> 00:28:29.499
Herr Bülter, erst sind ja in dem Prozess einige wenige Verhandlungstage terminiert

00:28:29.499 --> 00:28:34.499
gewesen, doch dann gab es weitere Prozesstage mit vielen Gastronomen aus der

00:28:34.499 --> 00:28:36.099
langen Reihe als Zeugen,

00:28:36.899 --> 00:28:40.879
die dazu befragt wurden, ob Chin Chin wirklich ein Erpresser war.

00:28:41.299 --> 00:28:46.839
Ganz genau und dieses Bild hat sich im Laufe der Beweisaufnahme für das Gericht

00:28:46.839 --> 00:28:48.859
immer mehr bestätigt und verdichtet.

00:28:49.539 --> 00:28:56.179
Und vor allem kamen auch immer mehr Zeugen aus dem Umfeld des Getöteten zu Wort.

00:28:56.439 --> 00:29:02.599
Wie kam es dazu? Was war der Tenor, deren Aussagen? Ja, es waren mehrere Männer,

00:29:02.719 --> 00:29:10.099
die erzählten, der Angeklagte habe das spätere Opfer als eine Art Bodyguard engagiert.

00:29:10.419 --> 00:29:15.199
Der Angeklagte habe angeblich den Auftrag erteilt, seine frühere Lebensgefährtin

00:29:15.199 --> 00:29:17.099
zu überwachen und schwer zu verletzen.

00:29:17.879 --> 00:29:22.599
Konkret ging es darum, dass Alfredo M. angeblich wollte, dass man der Frau Säure

00:29:22.599 --> 00:29:23.939
ins Gesicht schütten solle.

00:29:24.779 --> 00:29:28.839
Das waren aber alles Aussagen, die den Angeklagten in ein schlechtes Licht rücken

00:29:28.839 --> 00:29:32.519
sollten und ihn als sehr gefährlich und zu allem bereit darstellten.

00:29:32.859 --> 00:29:36.719
Aber letztlich haben wir diesen Zeugen nicht geglaubt. Und warum nicht?

00:29:37.439 --> 00:29:42.019
Ja, zum einen war auffällig, dass keiner der Zeugen solche Behauptungen schon

00:29:42.019 --> 00:29:43.899
bei früheren Aussagen getätigt hatte.

00:29:44.259 --> 00:29:47.799
Man sollte doch eigentlich annehmen, dass man so etwas, wenn es denn stimmen

00:29:47.799 --> 00:29:51.019
würde, vielleicht schon mal bei der Polizei vorher erzählt hätte.

00:29:51.839 --> 00:29:57.579
So aber waren die Behauptungen vollkommen neu. Schon deshalb erschien uns das wenig glaubwürdig.

00:29:57.839 --> 00:30:03.039
Außerdem waren die Zeugenaussagen wenig schlüssig, weitgehend auch unkonkret

00:30:03.039 --> 00:30:04.799
und darüber hinaus widersprüchlich.

00:30:04.979 --> 00:30:07.579
Es war einfach nichts, was uns wirklich glaubhaft erschien.

00:30:09.053 --> 00:30:13.233
Es gab in diesem an Besonderheiten ohnehin schon reichen Prozess.

00:30:13.993 --> 00:30:15.833
Dann noch eine weitere Überraschung.

00:30:16.933 --> 00:30:22.473
Ein Ortstermin im Casa Alfredo. Ja, das erlebt man ja wirklich nicht so oft,

00:30:22.553 --> 00:30:27.253
dass ein Prozesstag außerhalb des Gerichtsgebäudes stattfindet.

00:30:27.433 --> 00:30:33.313
Hier also am Tatort, Herr Bülter, das war eine besondere Entscheidung.

00:30:34.233 --> 00:30:39.053
Ja, das ist völlig richtig. Ein solcher Ortstermin kommt tatsächlich sehr selten vor.

00:30:39.493 --> 00:30:43.833
Es erschien dem Gericht aber wichtig, sich hier einen unmittelbaren Eindruck

00:30:43.833 --> 00:30:48.293
von den tatsächlich sehr beengten räumlichen Verhältnissen vor Ort zu machen,

00:30:48.893 --> 00:30:51.573
um es besser nachvollziehen und überprüfen zu können.

00:30:52.293 --> 00:30:56.193
Der Angeklagte hatte ja eine recht detaillierte Schilderung abgegeben,

00:30:56.393 --> 00:31:00.933
wie sich der Kampf mit Chin Chin abgespielt habe und wie es dann schließlich

00:31:00.933 --> 00:31:03.633
zu dem letztlich tödlichen Schuss gekommen sei.

00:31:03.873 --> 00:31:06.613
Und all das wollten wir uns unbedingt genauer ansehen.

00:31:07.233 --> 00:31:11.413
Es ging also um die beengten Platzverhältnisse im Restaurant, oder? Oder?

00:31:11.913 --> 00:31:19.413
Damals bei dem Kampf sollen ja auch Möbel umgefallen sein und einiges mehr,

00:31:19.593 --> 00:31:21.873
weil da einfach überhaupt kein Platz war.

00:31:22.273 --> 00:31:28.253
Genau, nach der Schilderung des Angeklagten sollen ja im Verlauf der zunächst verbalen,

00:31:28.353 --> 00:31:33.213
aber durchaus schon bedrohlichen Auseinandersetzung ein Tisch und mindestens

00:31:33.213 --> 00:31:38.573
zwei Stühle umgefallen und dabei auch der Angeklagte und sein Kontrahent Chin

00:31:38.573 --> 00:31:40.413
Chin zu Boden gestürzt sein.

00:31:41.093 --> 00:31:45.733
Dabei ist dann auch die ursprünglich auf dem Tisch liegende Schusswaffe zu Boden gefallen.

00:31:47.733 --> 00:31:52.233
Und hat jemand bei dem Ortstermin die Rolle von Chin Chin übernommen?

00:31:53.093 --> 00:31:57.653
Tja, soweit ich mich erinnere, hat der Verteidiger des Angeklagten dies übernommen.

00:31:58.665 --> 00:32:03.145
Und nach diesem Ortstermin sind Sie und Ihre Kammer zu dem Schluss gekommen,

00:32:03.285 --> 00:32:07.665
dass sich der Kampf und das Geschehen mit dem Schuss so abgespielt haben kann,

00:32:07.905 --> 00:32:09.865
wie Alfredo M. es geschildert hatte, oder?

00:32:10.505 --> 00:32:15.145
Ja, die Schilderung des Angeklagten war nach diesem Ortstermin jedenfalls durchaus

00:32:15.145 --> 00:32:16.585
plausibel und nachvollziehbar.

00:32:17.065 --> 00:32:19.845
Die Staatsanwaltschaft hat ja schließlich für Alfredo M.

00:32:19.985 --> 00:32:24.945
Drei Jahre und drei Monate Haft verlangt. Er sei schuldig des Totschlags in

00:32:24.945 --> 00:32:29.985
einem minderschweren Fall. Die Tat sei eine Kurzschlussreaktion gewesen,

00:32:30.125 --> 00:32:31.425
meinte die Staatsanwaltschaft.

00:32:31.585 --> 00:32:37.385
Es war also schon damit zu rechnen, dass jedenfalls keine sehr hohe Strafe herauskommen würde.

00:32:38.545 --> 00:32:45.845
Aber, also ehrlich gesagt, das Urteil, Herr Bülter, dass Ihre Kammer dann am 31.

00:32:46.205 --> 00:32:52.865
August 2016 verhängt hat, hat doch viele überrascht, mich eingeschlossen.

00:32:53.105 --> 00:32:54.445
Da gab es einen Freispruch.

00:32:55.165 --> 00:32:58.825
Mit der Begründung, dass der Angeklagte in Notwehr gehandelt habe,

00:32:59.105 --> 00:33:03.325
also was zunächst nach einem Verbrechen geklungen hatte, dieser Schuss aus nächster

00:33:03.325 --> 00:33:06.525
Nähe, war eher eine Verzweiflungstat.

00:33:06.885 --> 00:33:09.945
So hat Ihre Kammer das Geschehen ja in etwa bewertet, oder?

00:33:10.665 --> 00:33:13.945
Ja, also entscheidend war, dass wir zu dem Ergebnis gekommen sind,

00:33:14.105 --> 00:33:15.485
dass es sich um Notwehr handelte.

00:33:15.485 --> 00:33:23.565
Der Schuss des Angeklagten ist nach unserer Überzeugung das letzte und dann

00:33:23.565 --> 00:33:28.085
auch einzig verbliebene wirksame Mittel gewesen für Alfredo M.,

00:33:28.085 --> 00:33:29.905
um den Angriff auf sein Eigentum,

00:33:30.385 --> 00:33:33.805
die Unversehrtheit seiner Töchter und insbesondere natürlich auf sein eigenes

00:33:33.805 --> 00:33:38.545
Leben durch die vorangegangene Bedrohung mit einer scharfen Schusswaffe abzuwehren.

00:33:39.265 --> 00:33:42.245
Er war ja selber von Chin Chin mit dessen Pistole bedroht worden.

00:33:43.005 --> 00:33:47.485
War diese Tat, was die Notwehr betrifft, ein Grenzfall?

00:33:48.285 --> 00:33:52.985
Absolut. Die Tat war an der äußersten Grenze dessen, was Notwehr noch abgibt.

00:33:54.020 --> 00:33:57.600
Man darf ja nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung einen gegenwärtigen,

00:33:57.780 --> 00:34:01.920
rechtswidrigen Angriff nicht nur mit einem gleichintensiven Mittel abwehren,

00:34:02.080 --> 00:34:06.980
sondern man darf alles tun, um den Angriff endgültig und dauerhaft zu beenden.

00:34:07.300 --> 00:34:10.440
Man muss sich also nicht auf eine unklare Kampflage einlassen.

00:34:10.900 --> 00:34:16.740
Und das kann im äußersten Fall dazu führen, dass man den Angriff unter Berücksichtigung

00:34:16.740 --> 00:34:21.280
von Erforderlichkeit und Verhältnismäßigkeit, das ist immer zu prüfen und ist

00:34:21.280 --> 00:34:25.680
auch sehr wichtig, auch durch Tötung des Angreifers abwehren und dauerhaft beenden darf,

00:34:26.220 --> 00:34:30.600
wenn keine andere erfolgversprechende und mildere Möglichkeit mehr verbleibt.

00:34:31.060 --> 00:34:35.820
So lag es nach Überzeugung unserer Kammer in diesem Fall. Die Alternative war

00:34:35.820 --> 00:34:37.740
also gewissermaßen er oder ich?

00:34:38.160 --> 00:34:42.560
Ja, das hatte Chin Chin ja auch mit seiner Äußerung zu Beginn der Auseinandersetzung

00:34:42.560 --> 00:34:47.140
schon quasi vorgegeben. Wenn du nicht zahlst, geht einer von uns beiden drauf.

00:34:47.720 --> 00:34:52.200
Und der auf Notwehr gestützte Freispruch des Angeklagten ist dann ja später

00:34:52.200 --> 00:34:54.160
auch vom Bundesgerichtshof bestätigt worden.

00:34:56.153 --> 00:35:02.113
Unmittelbar nach der Urteilsverkündung gab es dann aber erstmal ordentlich Tumult

00:35:02.113 --> 00:35:04.553
im Gerichtssaal, wie damals zu lesen war.

00:35:04.693 --> 00:35:10.633
Die Angehörigen des Toten waren sehr unzufrieden damit, dass der Angeklagte freigesprochen wurde.

00:35:11.973 --> 00:35:15.893
Irgendwo vielleicht verständlich, aber wir hatten in dieser Hinsicht schon gewisse

00:35:15.893 --> 00:35:20.273
Vorkehrungen getroffen und dafür gesorgt, dass ausreichend Sicherheitspersonal

00:35:20.273 --> 00:35:24.593
vor und im Verhandlungssaal bereit stand. Und das war auch gut so.

00:35:24.773 --> 00:35:29.453
Es wurde richtig laut und in gewisser Hinsicht auch etwas bedrohlich.

00:35:29.633 --> 00:35:33.173
Ja, es war ja eine richtig aufgeheizte Stimmung damals.

00:35:34.113 --> 00:35:38.873
Mörder, die glauben einem Mörder. Also das wurde da gebrüllt im Saal.

00:35:38.953 --> 00:35:43.333
Die Angehörigen von Chin Chin, wie er sich nannte, die waren nach dem Freispruch

00:35:43.333 --> 00:35:48.473
wirklich extrem aufgebracht. Und dann lassen sie auch noch ihrer Wut freien Lauf.

00:35:48.953 --> 00:35:53.973
Ein Angehöriger hämmert mit den Fäusten gegen die Sicherheitsscheibe und brüllt,

00:35:54.513 --> 00:35:58.473
glaubst du, dass das schon alles ist, dass es zu Ende ist?

00:35:58.993 --> 00:36:04.413
Ich denke ja, die Beamten hatten wirklich alle Hände voll zu tun, die Menge zu bändigen.

00:36:05.633 --> 00:36:10.853
Und es ging mit dem Tumult ja noch weiter, quer durch das Gerichtsgebäude.

00:36:11.173 --> 00:36:15.773
Etliche Angehörige rennen durch den gerade geöffneten Nebeneingang,

00:36:15.953 --> 00:36:22.213
offenbar, um sich den Freigesprochenen doch noch persönlich zu schnappen.

00:36:23.287 --> 00:36:28.647
Es wirkt wie ein entfesselter Mob. Polizisten und Justizbedienstete laufen hinterher

00:36:28.647 --> 00:36:32.087
und fangen die aufgebrachte Menge im Erdgeschoss ab.

00:36:32.707 --> 00:36:35.947
Gleichzeitig bringen Polizisten Alfredo M. in Sicherheit.

00:36:36.427 --> 00:36:43.227
Herr Bülter, Sie haben ja schon gesagt, Sie haben in gewisser Weise vorausgesehen,

00:36:43.707 --> 00:36:46.607
dass es bei manchen Menschen, insbesondere Angehörigen des Opfers,

00:36:46.807 --> 00:36:49.107
Unverständnis für das Urteil geben könnte.

00:36:49.107 --> 00:36:55.127
Und in Ihrer Urteilsbegründung sind Sie auch genau darauf eingegangen. Ja, das stimmt.

00:36:55.627 --> 00:37:00.607
Ich habe noch gesagt, für manchen mag das Urteil vielleicht überraschend oder

00:37:00.607 --> 00:37:02.327
auch schwer nachvollziehbar erscheinen.

00:37:02.547 --> 00:37:06.887
Ich habe aber auch betont, dass der Angeklagte nicht in allen seinen Vernehmungen

00:37:06.887 --> 00:37:12.247
immer konstant und in einzelnen Punkten auch nicht von Anfang an wahrheitsgemäß ausgesagt hat.

00:37:12.427 --> 00:37:17.687
Aber gleichzeitig habe ich herausgehoben, dass die Tat eben an der Grenze des

00:37:17.687 --> 00:37:20.387
in der Notwehrsituation gerade noch erlaubten liege.

00:37:21.207 --> 00:37:24.527
Ich habe außerdem an die Adresse des Angeklagten gesagt, dass er einen Fehler

00:37:24.527 --> 00:37:27.907
begangen habe, weil er nicht rechtzeitig zur Polizei gegangen ist.

00:37:28.067 --> 00:37:31.307
Damit meinten Sie nicht schon während der Schutzgelderpressung,

00:37:31.387 --> 00:37:34.747
denn dann wäre die Situation ja wahrscheinlich nicht weiter eskaliert.

00:37:35.487 --> 00:37:41.647
Und es wäre wohl auch nicht zur Tötung des Erpressers gekommen. Tja, sehr gut möglich.

00:37:42.727 --> 00:37:46.347
Im Übrigen habe ich außerdem an die Adresse des Angeklagten gesagt,

00:37:46.347 --> 00:37:50.367
Wir sind nicht sicher, dass alles sich genauso zugetragen hat,

00:37:50.467 --> 00:37:51.587
wie Sie es geschildert haben.

00:37:51.747 --> 00:37:54.267
Aber es spricht mehr dafür als dagegen.

00:37:54.647 --> 00:37:56.647
Also in dubio pro reo?

00:37:57.147 --> 00:37:59.367
Ja, im Zweifel für den Angeklagten.

00:37:59.987 --> 00:38:04.587
Was uns als Kammer aber auch noch wichtig war zu erläutern, ist Folgendes.

00:38:04.747 --> 00:38:10.387
Die Beseitigung der Leiche sei absolut unwürdig und stelle für die Angehörigen

00:38:10.387 --> 00:38:14.527
eine, so habe ich mich damals, glaube ich, ausgedrückt, eine zutiefst verletzende

00:38:14.527 --> 00:38:16.507
und nahezu unerträgliche Zumutung dar.

00:38:16.787 --> 00:38:21.047
Aber ich habe auch erklärt, dass die Überlegung des Angeklagten zum Verbergen

00:38:21.047 --> 00:38:24.087
der Leiche in gewisser Weise nachvollziehbar sei.

00:38:24.567 --> 00:38:30.407
Er hatte ja angegeben, befürchtet zu haben, dass ihm niemand die Tötung aus Notwehr abnehmen wird.

00:38:30.807 --> 00:38:36.247
Aber wir sind davon überzeugt, dass er den Schuss in einer, wie man es häufig

00:38:36.247 --> 00:38:41.747
nennt, unübersichtlichen Kampfsituation als letztes ihm in diesem Augenblick

00:38:41.747 --> 00:38:44.307
verbleibendes Abwehrmittel abgegeben hat.

00:38:45.347 --> 00:38:53.287
Ja, und Alfredo M., die Hauptperson in dem Prozess, der wirkt bei der Urteilsverkündung relativ starr.

00:38:53.407 --> 00:38:57.887
Er sitzt regungslos da, zeigt weder Freude noch Angst oder Bestürzung.

00:38:58.707 --> 00:39:02.807
Dass es für ihn allerdings auch körperlich bedrohlich werden könnte,

00:39:03.127 --> 00:39:07.567
hat eine Situation einige Wochen vor der Urteilsverkündung schon gezeigt.

00:39:07.567 --> 00:39:13.967
Damals hatte ihn nämlich ein Angehöriger des Getöteten vor dem Gerichtsgebäude

00:39:13.967 --> 00:39:15.847
angegriffen und zusammengeschlagen.

00:39:17.201 --> 00:39:22.701
Alfredo M. geht deshalb nach der Urteilsverkündung jetzt auf Nummer sicher.

00:39:22.981 --> 00:39:26.441
Er verlässt das Gericht nach dem Urteil durch einen Nebenausgang,

00:39:26.621 --> 00:39:29.361
als die Zuschauer schon längst wieder weg sind.

00:39:30.241 --> 00:39:34.601
Längere Zeit nach dem Urteil mit dem Freispruch kam es ja im Zusammenhang mit

00:39:34.601 --> 00:39:39.421
dem Fall um den Tod des Schutzgelderpressers Chin Chin zu einem weiteren Prozess.

00:39:39.421 --> 00:39:48.161
Im August 2018 stand ein Verwandter des Getöteten wegen seines privaten Rachefellzuges

00:39:48.161 --> 00:39:49.901
gegen Alfredo M. vor Gericht.

00:39:50.261 --> 00:39:59.601
Und dieser neue Angeklagte ist nun Eyüp D., der 50 Jahre alte Cousin von Chin Chin.

00:40:00.041 --> 00:40:04.781
Ja, ganz richtig. Aber mit diesem Verfahren hatten wir als Schwurgericht nichts

00:40:04.781 --> 00:40:07.901
mehr zu tun. Das war eine Anklage vor dem Amtsgericht.

00:40:08.041 --> 00:40:10.801
Es ging dort dann um Körperverletzung und Sachbeschädigung.

00:40:11.761 --> 00:40:18.601
Ejübde wurde vorgeworfen, er habe den Gastwirt, der seinen Bruder tötete, zweimal verprügelt.

00:40:19.041 --> 00:40:23.801
Außerdem soll er von der Außenwand des Casa Alfredo ein Metallgitter aus dem

00:40:23.801 --> 00:40:25.021
Mauerwerk gerissen haben.

00:40:25.401 --> 00:40:30.241
Der erste Angriff des Ejübde gegen den Gastwirt soll sich am 28.

00:40:30.541 --> 00:40:35.601
Juni 2016 abgespielt haben, direkt vor dem Gericht, also während des Prozesses,

00:40:35.841 --> 00:40:37.861
bei Ihnen vor dem Schwurgericht, Herr Bülter.

00:40:38.101 --> 00:40:45.841
Es gab damals ja mehrere Zeugen, die sahen, wie der Angreifer dem Gastwirt vor

00:40:45.841 --> 00:40:47.941
dem Strafjustizgebäude auflauerte

00:40:47.941 --> 00:40:51.561
und ihm einen Kopfstoß und mehrere Faustschläge ins Gesicht versetzte.

00:40:52.201 --> 00:40:56.761
Alfredo M. fiel zu Boden und erlitt eine Kopfplatzwunde und schwere Prellungen,

00:40:57.041 --> 00:41:00.681
die noch vor dem Gerichtsgebäude von Sanitätern behandelt wurden.

00:41:02.510 --> 00:41:05.710
Der zweite Fall, nämlich am 8.

00:41:05.910 --> 00:41:14.790
Dezember 2016, also Monate nach dem Freispruch, soll wiederum Ejübde dem Gastwirt

00:41:14.790 --> 00:41:20.710
vor dessen Restaurant in der Kirchenallee mit der Faust mehrfach auf den Mund geschlagen haben.

00:41:20.830 --> 00:41:27.090
Dabei rief er, wenn ich dich hier noch einmal sehe, bringe ich dich um, verlasse diese Gegend.

00:41:28.050 --> 00:41:33.630
Zum Prozessauftakt folgt EJBD die Anklageverlesung mit versteinertem Miene und

00:41:33.630 --> 00:41:35.770
erklärt dann, ich möchte dazu nichts sagen.

00:41:35.990 --> 00:41:42.430
Am zweiten Verhandlungstag aber räumt er dann ein, ja, ich habe ihm eine geknallt.

00:41:43.290 --> 00:41:46.750
Und am Ende, nach mehreren Zeugenaussagen und der weiteren Beweisaufnahme,

00:41:46.910 --> 00:41:51.310
steht für das Amtsgericht fest, EGPD ist schuldig wegen Körperverletzung,

00:41:51.410 --> 00:41:53.310
versuchter Nötigung und Sachbeschädigung.

00:41:53.510 --> 00:42:00.250
Der 50-Jährige hält eine Strafe von 10 Monaten Haft auf Bewährung sowie 600 Euro Geldstrafe.

00:42:00.370 --> 00:42:02.410
Und die Richterin findet klare Worte.

00:42:03.270 --> 00:42:09.450
Das waren drei Akte der Selbstjustiz, sagt sie. Das Urteil ist die Reaktion

00:42:09.450 --> 00:42:12.490
darauf, wir leben in einem Rechtsstaat.

00:42:14.350 --> 00:42:19.750
Ja und Alfredo M., was ist dann aus ihm geworden?

00:42:20.973 --> 00:42:25.993
Er hatte doch einmal im Verlauf des Prozesses gegen ihn gesagt,

00:42:26.293 --> 00:42:32.313
dass er sich vorstellen könne, das Casa Alfredo wieder zu eröffnen, wenn alles vorbei sei.

00:42:33.093 --> 00:42:38.393
Tja, das ist genau das Problem. Die Frage ist, ob und wenn ja,

00:42:38.853 --> 00:42:41.453
wann vielleicht einmal alles vorbei ist.

00:42:42.373 --> 00:42:47.033
Alfredo M. hat damals nach seinem Freispruch erstmal ein Restaurant der Lüneburger

00:42:47.033 --> 00:42:51.453
Heide aufgemacht. Doch auch da fühlte er sich nicht sicher, wie er in einem

00:42:51.453 --> 00:42:54.353
Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel betonte.

00:42:54.593 --> 00:43:00.153
Er sagte, irgendwann kriegen sie mich, sie werden mich holen, ich weiß es.

00:43:00.573 --> 00:43:04.753
Er hat dieses neue Lokal in der Lüneburger Heide später dann auch wieder dicht

00:43:04.753 --> 00:43:09.833
gemacht und er wollte ein weiteres neues Lokal aufmachen.

00:43:11.521 --> 00:43:16.241
Man kann ihm nur wünschen, dass er eines Tages wirklich zur Ruhe kommt,

00:43:16.981 --> 00:43:24.001
also jetzt nicht zur letzten Ruhe und dann hoffentlich dauerhaft in Sicherheit

00:43:24.001 --> 00:43:28.581
ist und ich hoffe, ich habe mit ihm nie wieder zu tun.

00:43:30.021 --> 00:43:34.401
Ja, dem kann ich mich nur vollständig anschließen.

00:43:34.661 --> 00:43:38.681
Das ist etwas, was wir, glaube ich, alle für Alfredo M.

00:43:39.241 --> 00:43:42.621
Hoffen wollen. Auf jeden Fall, geht mir genauso.

00:43:43.941 --> 00:43:52.341
Ja, ich danke Ihnen beiden, Ihnen, Herr Bülter, Dir, Klaus, für diese Folge

00:43:52.341 --> 00:43:55.881
über diesen wirklich sehr spannenden, sehr außergewöhnlichen Fall.

00:43:55.881 --> 00:44:03.581
Und ich freue mich, dass wir das so schön aufschlüsseln konnten.

00:44:04.441 --> 00:44:09.301
Also wirklich eine klasse Geschichte. Und ich freue mich schon,

00:44:09.401 --> 00:44:12.341
bis nächstes Mal. Ja, tschüss.

00:44:13.221 --> 00:44:20.581
Ich finde diesen Fall von daher sehr ungewöhnlich und berichtenswert,

00:44:20.761 --> 00:44:26.981
weil bei einem Mann, der einen anderen erschossen hat,

00:44:27.621 --> 00:44:30.761
dann eben ein Freispruch rauskommt, weil Notwehr.

00:44:31.201 --> 00:44:37.621
Gibt es auch? Ja, in der Tat war das ein in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht

00:44:37.621 --> 00:44:42.801
sehr außergewöhnlicher Fall, der mir auch sehr nachhaltig in Erinnerung geblieben ist.

00:44:43.041 --> 00:44:48.961
Und es hat mir auch Spaß gemacht, darüber heute nochmal in der Rückschau zu berichten.

00:44:49.341 --> 00:44:52.021
Wunderbar. Okay, vielen Dank und tschüss.

00:45:02.601 --> 00:45:04.381
Vertraue und glaube, es hilft, es heilt die göttliche Kraft!

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