ZDF, der Auslandsjournal, Adventskalender. Hinter jedem Türchen eine Geschichte.

Hoshkeldiniz und herzlich willkommen in Istanbul. Ich bin Föbe Gahr, ich berichte für das ZDF aus der Türkei und aus dem Iran. Und mein täglicher Arbeitsweg, wenn ich nicht gerade in Teheran bin, der führt mich am Taksimplatz vorbei, einem der wichtigsten Zentren in dieser Stadt. Und da kann man auch immer schon mal ganz gut ein Gefühl dafür bekommen, was einen an so einem Nachrichtentag womöglich erwartet. Der Taksimplatz ist ein wirklich symbolträchtiger Ort hier in Istanbul. Und er wird besonders häufig abgesperrt von der Polizei. Bestimmt alle zwei, drei Wochen komme ich hier morgens vorbei und sehe alles voller Polizeigitter. Die stehen hier normalerweise auch immer schon so auf Vorrat rum. Da hinten sind auch immer ein paar Wasserwerfer, jederzeit bereit zum Einsatz. Und es ist halt so, dass zum Beispiel, wenn die Frauen demonstrieren wollen gegen Gewalt an Frauen oder wenn die LGBTQI-Community sich treffen will, dass dann als allererstes mal der Taxe im Platz abgesperrt wird. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Morgen, als ich hier entlang ging und eigentlich meinen Sohn in den Kindergarten bringen wollte und dann gemerkt habe, ach, hier fährt wieder nichts, die Aufzüge gehen nicht, es ist abgesperrt, irgendwas ist wieder los. Und wie es herausgestellt hatte, war das der Morgen, an dem der Istanbuler Oberbürgermeister verhaftet worden war. Da blieb dann also keine Zeit mehr für den Weg zum Kindergarten. Mein Sohn ist mit ins Studio gekommen und ich bin bis heute sehr dankbar dafür, dass er keine der Schalten am Morgen gecrashed hat.

So, jetzt gehen wir mal ein Cimmit kaufen.

Kasanien will ich jetzt keine kaufen, aber was anderes.

Cimmit sind diese wirklich typischen Sesamkringel, die hier zu jedem Frühstück, aber auch nachmittags einfach dazugehören. Und das Interessante daran ist, dass man am Cimmitpreis auch immer ein bisschen ablesen kann, wie es der tückischen Wirtschaft gerade geht. Es gab ja hier eine sehr hohe Inflation, mittlerweile sind es noch so ungefähr 32 Prozent. Aber zum Beispiel, als ich hier an die Türkei gezogen bin, da hat der Cimmit 15 Lira gekostet. Jetzt sind es 20 Lira und das Ganze wird hier auch als Cimmit Index bezeichnet.

Ich habe heute ehrlich gesagt schon gefrühstückt. So, was zeige ich jetzt noch? Warte mal, was wollte ich jetzt noch zeigen? Das war's, oder? Nee, das ist Chaos, natürlich. Ja, so, wenn ich jetzt ins ZDF-Studio will, dann muss ich jetzt hier über den Zebrastreifen gehen. Dass der nicht zählt, ist ja sowieso klar. Aber ich kann schon mal sagen, in dieser Stadt sollte man sich auch nicht darauf verlassen, dass es irgendwie hilft, wenn man quasi stur weitergeht und die Autos einfach ignoriert und darauf zu hoffen, dass die Autos bremsen. Das funktioniert nämlich nicht. Und da ich manchmal auf dem Arbeitsweg auch schon die ersten Gespräche mit dem ZDF führe, können auch die Planer und Planerinnen ein Lied davon singen, dass ich eben manchmal angerumpelt werde von Taxen zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit. Das Chaos gehört zu Istanbul einfach dazu. Beim Verkehr, aber auch in ungefähr allen anderen Lebenslagen. Das muss man einfach als Charme dieser Stadt wahrnehmen und aufnehmen. Und ich muss immer wieder an ein Interview denken, das wir Anfang des Jahres geführt haben, für unsere Dokumentation mit einem Nachtclub-Besitzer, der mir genau das ziemlich eindringlich erklärt hat.

Istanbul ist wirklich eine sehr chaotische Stadt. Ich finde, ihre Schönheit liegt genau darin. Es ist, als ob wir auf heißen Kohlen sitzen. Ständig herrscht Unruhe, als ob etwas passieren könnte. Ich lebe jetzt ungefähr ein Jahr in Istanbul. Können Sie mir helfen, das Chaos lieben zu lernen? Werden Sie zu einem Teil des Chaos. Das ist der einzige Weg. Wenn Sie sich vom Chaos isolieren, können Sie es nicht genießen. Werden Sie ein Teil davon, dann ist es einfacher. Vertrauen Sie mir.

Wir haben es geschafft. Wir sind im ZDF-Studio angekommen. Fehlt nur noch eines. Gneiden! Also, vom ZDF-Studio Istanbul, beziehungsweise von der Crew, die heute hier ist. Frohe Weihnachten! Sie Noellen! Und Sie? Grüß Gott, Möbelag! Das war fassi. Der Auslandsjournal Adventskalender. Hinter jedem Türchen eine Geschichte.