WEBVTT

00:00:24.525 --> 00:00:27.865
Ich bin Mirko Drotschmann und ich freue mich sehr, heute hier mit dem Terra

00:00:27.865 --> 00:00:31.485
X History Podcast auf dem Podcast Festival bei euch zu sein.

00:00:31.565 --> 00:00:32.705
Und es ist was wirklich Besonderes.

00:00:32.865 --> 00:00:36.985
Normalerweise sitze ich im Keller vor mir ein Mikrofon, niemand um mich herum

00:00:36.985 --> 00:00:38.605
und jetzt so viele Menschen.

00:00:38.725 --> 00:00:41.185
Es freut mich sehr, dass ihr heute alle hier seid.

00:00:41.305 --> 00:00:44.525
Und das, was ihr gerade gehört habt, das stammt aus dem Jahr 1900.

00:00:45.465 --> 00:00:49.605
Also nicht die Intromusik, sondern das davor. Und zwar von einem gewissen Reginald

00:00:49.605 --> 00:00:51.945
Fessenden, über den werden wir gleich noch sprechen.

00:00:51.945 --> 00:00:55.485
Und ihr werdet euch vielleicht auch ein bisschen gewundert haben,

00:00:55.765 --> 00:01:00.925
wie wir auf die Idee kommen, bei einem Podcast-Festival über die Geschichte des Radios zu sprechen.

00:01:01.565 --> 00:01:06.405
Aber der Titel verrät es schon, ohne Radio gäbe es kein Podcast.

00:01:06.725 --> 00:01:11.565
Auch nicht unseren ZDF Terra Existory Podcast, den wir seit 2020 produzieren.

00:01:11.845 --> 00:01:15.545
Und nicht erst seit der Verbreitung des Fernsehens hört oder liest man immer

00:01:15.545 --> 00:01:19.705
wieder das lineare, also das gute alte Radio, Das sei praktisch tot,

00:01:20.025 --> 00:01:24.865
besonders durch Musikstreaming verdrängt, soziale Medien und vor allem,

00:01:24.965 --> 00:01:26.565
seit es immer mehr Podcasts gibt.

00:01:26.665 --> 00:01:29.305
Aber es ist nicht tot zu bekommen, das haben wir ja gerade auch schon am Aftaus

00:01:29.305 --> 00:01:31.985
für Radio hier bei euch gehört.

00:01:32.265 --> 00:01:37.605
Geschätzt 70.000 Podcasts gibt es in Deutschland und das ist wirklich eine ganze Menge.

00:01:37.745 --> 00:01:41.665
Deutschland ist mitführend bei der Anzahl der Podcasts weltweit.

00:01:41.785 --> 00:01:43.345
Ich konnte die Zahl zuerst gar nicht glauben.

00:01:43.945 --> 00:01:46.425
Aber trotzdem gibt es immer noch eine Menge Leute, die Radio hören.

00:01:46.425 --> 00:01:51.245
Nach einer aktuellen Studie von 2025 hören drei Viertel der Deutschen über 14

00:01:51.245 --> 00:01:56.165
Jahre täglich mindestens einen klassischen Radiosender über die diversen Ausspielwege.

00:01:56.265 --> 00:01:59.905
Also kein Radiosender, der Klassik spielt, sondern irgendein Radiosender.

00:02:00.385 --> 00:02:04.125
Und weil wir hier eine wunderbare Möglichkeit haben, das auch mal vor Ort live

00:02:04.125 --> 00:02:08.045
zu evaluieren, würde ich gerne mal einen kleinen Test mit euch machen.

00:02:08.105 --> 00:02:10.545
Wer von euch hört denn täglich Radio? Einfach mal klassisch.

00:02:16.046 --> 00:02:18.546
Es ist lustig, dass instinktiv erst die Hände hochgegangen sind,

00:02:18.586 --> 00:02:20.086
aber wir sind ja ein auditives Medium.

00:02:20.466 --> 00:02:25.186
Also da war schon ordentlich Lärm für Radio dabei. Wie sieht es denn mit Podcasts

00:02:25.186 --> 00:02:27.026
aus? Wer von euch hört denn täglich Podcasts?

00:02:31.926 --> 00:02:36.406
Ungefähr gleich, würde ich sagen. Also ihr hört alle Radio, alle Podcasts.

00:02:36.446 --> 00:02:40.006
Es wäre auch komisch bei einem Podcast-Festival, wenn jetzt niemand hier Podcasts hören würde.

00:02:40.786 --> 00:02:43.086
Und das mit dem Klatschen habt ihr schon gut hinbekommen, das dürft ihr gleich

00:02:43.086 --> 00:02:45.666
nochmal machen, denn ich bin heute nicht allein auf der Bühne.

00:02:45.766 --> 00:02:48.466
Wir haben ja hier schon Andrea und Dominik sitzen sehen.

00:02:48.686 --> 00:02:52.286
Wir haben auch noch einen Experten bei uns, der uns einen Einblick geben wird

00:02:52.286 --> 00:02:54.166
in die Geschichte des Radios.

00:02:54.426 --> 00:02:58.806
Und das ist Christoph Klaasnest, der Experte bei uns heute, Medienhistoriker,

00:02:58.946 --> 00:03:02.386
forscht am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

00:03:02.486 --> 00:03:03.466
Christoph, herzlich willkommen.

00:03:10.006 --> 00:03:13.706
Hallo Mirko. Hi. Wo hast du gerade geklatscht? Bei Radio oder bei Podcast?

00:03:15.166 --> 00:03:18.246
Bei Radio hätte ich, glaube ich, geklatscht, wenn ich geklatscht hätte.

00:03:18.926 --> 00:03:22.486
Aber ich bin auch Teil einer Podcast-Redaktion tatsächlich.

00:03:23.046 --> 00:03:27.286
Wir machen allerdings einen metahistorischen Podcast, wo es darum geht,

00:03:27.366 --> 00:03:30.826
wie man Geschichte schreibt eigentlich eher. Probleme der Wissenschaft.

00:03:31.446 --> 00:03:34.586
Das klingt spannend, klingt auch ein bisschen nach harter Kost.

00:03:34.986 --> 00:03:38.566
Deshalb die Frage an dich. Nachrichten oder Comedy? Wahrscheinlich dann eher

00:03:38.566 --> 00:03:40.146
die Nachrichten, oder? Nachrichten.

00:03:40.766 --> 00:03:42.626
Und bei der Musik Klassik oder Pop?

00:03:43.406 --> 00:03:47.386
Ja, Pop, Indie, Rock, aber gelegentlich auch,

00:03:48.273 --> 00:03:51.493
Und das ist auch ein gutes Stichwort für die Geschichte des Radios.

00:03:51.593 --> 00:03:54.733
In Klassik spielt er durchaus eine Rolle, das kann ich schon mal spoilern.

00:03:55.313 --> 00:03:59.413
Und was ganz interessant ist, Radio hören gehörte auch schon vor knapp 100 Jahren,

00:03:59.533 --> 00:04:03.033
nicht nur in Deutschland, sondern weltweit zum Alltag vieler Menschen.

00:04:03.273 --> 00:04:07.493
Und das ist interessant, auch der jüngeren Menschen. Eine der ersten frühen

00:04:07.493 --> 00:04:13.533
Medienumfragen unter Schülerinnen und Schülern in Deutschland stammt aus dem Jahr 1931.

00:04:14.113 --> 00:04:17.213
Und damals sagte eine 16-jährige Berlinerin folgendes.

00:04:18.273 --> 00:04:22.753
Wenn ich nach Hause komme, ist mein erster Weg zum Radio. Werden Sonaten gespielt

00:04:22.753 --> 00:04:25.953
oder politische oder sonst uninteressante Vorträge gesendet,

00:04:26.353 --> 00:04:29.933
drehe ich morrend ab, denn so etwas interessiert mich wirklich nicht.

00:04:30.233 --> 00:04:32.473
Gibt es aber lustige Unterhaltung, höre ich.

00:04:33.013 --> 00:04:36.073
Lustige Unterhaltung gibt es bei uns heute natürlich auch.

00:04:36.453 --> 00:04:40.773
Und ganz interessant ist, dass offenbar das Hören schon vor 100 Jahren für die

00:04:40.773 --> 00:04:45.393
meisten Menschen nicht nur was Besonderes war, sondern dass sich an den Hörgewohnheiten

00:04:45.393 --> 00:04:49.293
wenig geändert hat. Das Radio war auch damals so ein bisschen ein Nebenbei-Medium.

00:04:49.433 --> 00:04:52.073
Die Nutzung vielleicht nicht, man musste sich versammeln um das Gerät,

00:04:52.173 --> 00:04:55.993
aber man wollte sich vor allem unterhalten lassen mit guter Musik.

00:04:56.873 --> 00:05:01.953
Wenn Donjoz Belo seine neuesten Schlager spielt, dann bekomme ich einen Tanzfimmel.

00:05:02.653 --> 00:05:05.933
Ich weiß jetzt nicht, welche 16-Jährige heute noch von Tanzfimmel sprechen würde,

00:05:06.073 --> 00:05:10.893
aber es war eben eine andere Zeit und es ist heute noch ähnlich.

00:05:11.093 --> 00:05:14.133
Man möchte Musik hören, um ein bisschen vor dem Radio abzutanzen,

00:05:14.233 --> 00:05:17.613
wenn keiner hinschaut. Und da ist erstmal noch egal, ob wir von Radio oder von

00:05:17.613 --> 00:05:20.553
Podcast sprechen, wobei Podcast vielleicht jetzt nicht das klassische Musikmedium

00:05:20.553 --> 00:05:22.393
ist, die Grenzen sind irgendwo auch fließend.

00:05:22.813 --> 00:05:26.653
Am Anfang haben wir eine kurze Tonaufnahme gehört, wie gesagt aus dem Jahr 1900

00:05:26.653 --> 00:05:29.033
und auch wenn das es heute so ein bisschen altbar ist.

00:05:29.900 --> 00:05:34.720
Das war damals revolutionär. Der gebürtige Kanadier Reginald Fessenden,

00:05:34.940 --> 00:05:40.600
der damals in den USA gelebt hat, hat zum ersten Mal eine Radioübertragung zustande gebracht.

00:05:45.980 --> 00:05:50.520
Fessenden hat mit einem Assistenten über eine Distanz von Sage und Schreibe

00:05:50.520 --> 00:05:52.000
1,5 Kilometer gesprochen.

00:05:52.600 --> 00:05:55.780
Ist jetzt natürlich nicht so viel aus heutiger Sicht.

00:05:56.260 --> 00:05:59.260
Aber damals war da schon was ganz Besonderes. Er war damals Mitarbeiter von

00:05:59.260 --> 00:06:04.540
Erfinder Thomas Alva Edison und der hat ja unter anderem 1877 den Phonografen

00:06:04.540 --> 00:06:05.860
für Tonaufnahmen erfunden.

00:06:06.600 --> 00:06:11.120
1877, muss man sich auch mal vor Augen führen. Und davon angespornt hat Fessenden

00:06:11.120 --> 00:06:15.340
weiter experimentiert, wusste schon eine ganze Menge über freie elektromagnetische

00:06:15.340 --> 00:06:19.400
Wellen oder Herzsche Wellen, wie sie heute heißen, über Sender und Empfänger,

00:06:19.760 --> 00:06:22.740
drahtlose Telegrafie, da könnte man jetzt eher ins Detail gehen.

00:06:23.520 --> 00:06:27.220
Denkt man an Heinrich Herz oder Marconi, an Ferdinand Braun,

00:06:27.380 --> 00:06:30.500
Nikola Tesla oder eben Thomas Alva Edison.

00:06:30.760 --> 00:06:34.720
Aber Musik und Sprache über diese elektromagnetischen Wellen zu übertragen,

00:06:34.900 --> 00:06:37.460
das hatte bis dahin niemand geschafft.

00:06:37.760 --> 00:06:42.720
Drahtlose Nachrichtenübertragung war Ende des 19. Jahrhunderts nur per Morse-Zeichen möglich.

00:06:47.940 --> 00:06:50.820
Christoph, kannst du uns sagen, was da gerade übermittelt worden ist?

00:06:50.820 --> 00:06:53.220
Nein, ich kann den Morse-Code leider nicht.

00:06:53.400 --> 00:06:57.400
Ich auch nicht, aber es war sicher eine wichtige Botschaft, die darüber gekommen ist.

00:06:58.900 --> 00:07:03.000
Fessendens ist 1906 noch eine weitere Pioniertat gelungen, die vermutlich erste

00:07:03.000 --> 00:07:06.020
Unterhaltungsradiosendung der Geschichte.

00:07:06.420 --> 00:07:09.660
Wann genau die ausgestrahlt wurde, das ist heute unter Historikern umstritten.

00:07:09.960 --> 00:07:15.240
Aber nach Fessendens eigenen Angaben soll es am Weihnachtsabend 1906 gewesen

00:07:15.240 --> 00:07:20.760
sein. Von einer Funkstation in Brand Rock in Massachusetts hat er Handels Lago

00:07:20.760 --> 00:07:24.300
durch den Äther gesendet. Äther sagt man heute ja auch noch.

00:07:25.336 --> 00:07:28.276
Oder auch nicht, aber wir haben es manchmal, als ich noch beim Radio gearbeitet

00:07:28.276 --> 00:07:33.256
habe, so intern gesagt. Also der Äther war damals der Raum, durch den Radiowellen übertragen wurden.

00:07:33.656 --> 00:07:37.876
Und Fessenden hatte neben das Grammophon ein Mikrofon platziert und dann die

00:07:37.876 --> 00:07:40.496
Musik von Händel per Sprechfunk übertragen.

00:07:40.696 --> 00:07:44.076
Ein bisschen wie wenn man heute bei einem Konzert steht und den Ton im Handy mitschneidet.

00:07:44.476 --> 00:07:47.896
Ungefähr genauso gute oder schlechte Qualität. Und angeblich hat er dann sogar

00:07:47.896 --> 00:07:51.676
noch selbst zur Violine gegriffen und hat Stille Nacht, Heilige Nacht gespielt.

00:07:51.676 --> 00:07:55.516
Aber das ist ein Gerücht und die Sendung dann mit einem Bibelvers geändert.

00:07:55.936 --> 00:07:57.716
Wildes Programm, aber,

00:07:58.446 --> 00:08:01.366
Hat halt einfach so ein bisschen rumexperimentiert. Und das,

00:08:01.426 --> 00:08:05.766
was ihr jetzt hören könnt, das ist eine Sendung, die Fessenden später nochmal aufgenommen hat.

00:08:05.866 --> 00:08:08.166
Eine Originalaufnahme von dieser ersten Sendung gibt es leider nicht.

00:08:17.746 --> 00:08:22.866
Ja, klingt ganz nett. Rauscht natürlich noch ein bisschen, aber so war das eben damals.

00:08:23.166 --> 00:08:25.806
Wie viele Leute damals die Sendung gehört haben, das weiß niemand.

00:08:25.806 --> 00:08:29.566
Auf jeden Fall waren es vor allem Seeleute und Funker an Bord von Schiffen.

00:08:29.766 --> 00:08:32.686
Und die haben sich sicher gefreut, dass da mal ein bisschen was anderes rauskam,

00:08:32.866 --> 00:08:35.706
als sonst das übliche Gerede über den Funk.

00:08:36.386 --> 00:08:40.466
Man muss auch sagen, das Radio war in den Anfangsjahren eher etwas für Technikfreaks,

00:08:40.586 --> 00:08:42.146
die Empfänger für die Radiowellen hatten.

00:08:42.726 --> 00:08:46.046
Das war Anfang der 2000er Jahre, als die ersten Podcasts produziert wurden,

00:08:46.086 --> 00:08:48.146
wenn man so will, im Prinzip ähnlich.

00:08:48.386 --> 00:08:51.406
Auch Podcasts waren erstmal ein Nischenprodukt für Technik-Nerds.

00:08:51.566 --> 00:08:54.746
Aber jetzt kommen wir erstmal wieder zurück zum Radio. Da hat man in den Anfangsjahren

00:08:54.746 --> 00:08:56.166
normalerweise live gesendet.

00:08:56.346 --> 00:08:58.366
Man hatte ja keine Aufzeichnungsmöglichkeiten.

00:08:58.886 --> 00:09:02.086
Und das wäre sehr kompliziert geworden, da irgendwas zu schneiden.

00:09:02.286 --> 00:09:06.226
Nach Deutschland kam das Radio ein bisschen später, als es in den USA der Fall

00:09:06.226 --> 00:09:09.606
war oder in anderen europäischen Ländern. Wie viel ungefähr, Christoph?

00:09:09.846 --> 00:09:16.726
Naja, also das richtige Radioprogramm beginnt in den USA 1920 und in Deutschland 1923, Herbst 23.

00:09:17.146 --> 00:09:20.126
Also es ist nicht so ein großer Unterschied. Es gibt andere Länder,

00:09:20.266 --> 00:09:21.206
die sind viel, viel später.

00:09:21.826 --> 00:09:26.486
Okay, aber immer eine gewisse Verzögerung. Und zunächst wurde die Technik während

00:09:26.486 --> 00:09:30.006
des Ersten Weltkriegs militärisch weiterentwickelt, wie so oft bei technischen

00:09:30.006 --> 00:09:31.986
Innovationen, und dann auch genutzt.

00:09:32.086 --> 00:09:37.426
Und kurz vor Weihnachten 1920 gab es eine erste Testübertragung vom Funkberg

00:09:37.426 --> 00:09:40.226
in Königs Wusterhausen in Brandenburg.

00:09:40.406 --> 00:09:43.006
Da war die Hauptfunkstelle der Deutschen Reichspost.

00:09:43.886 --> 00:09:47.786
Und die Postbeamten, das ist ganz interessant, die haben zu selbst mitgebrachten

00:09:47.786 --> 00:09:52.346
Instrumenten gegriffen, zu Cello, Klarinette und Geige. und haben einfach mal losgelegt.

00:09:52.626 --> 00:09:56.666
Da gibt es leider auch keine Aufzeichnung von, aber später wurde diese Sendung

00:09:56.666 --> 00:10:00.846
vom Postbeamten Erich Schwarzkopf nochmal neu aufgenommen.

00:10:01.786 --> 00:10:07.966
Hallo, hallo, hier Königs Wusterhausen auf Welle 2700.

00:10:08.506 --> 00:10:13.306
Ja, eigentlich auch ein schöner Name für einen Radiosender heute, Welle 2700.

00:10:13.726 --> 00:10:17.186
Schöne Referenz zu damals, also mehr als 100 Jahre ist das her.

00:10:17.766 --> 00:10:22.566
Und interessant ist, alles, was mit Funk zu tun hatte, damals war staatliche Angelegenheit.

00:10:22.706 --> 00:10:25.746
Und da stand dem Reichspostministerium, deshalb eben auch die Postbeamten,

00:10:25.886 --> 00:10:28.926
die da Instrumente gespielt haben. Und verantwortlich war ein Mann,

00:10:29.026 --> 00:10:32.206
den kennt man heute vom Namen her vielleicht noch, nämlich Hans Bredow.

00:10:32.386 --> 00:10:35.406
Der hat die erste Testsendung praktisch über den Äther geschickt.

00:10:35.766 --> 00:10:38.546
Allerdings war die Zuhörerschaft noch sehr überschaubar. Lag nicht daran,

00:10:38.626 --> 00:10:41.706
dass es nur wenige Radiogeräte gab, das war vielleicht auch ein Grund,

00:10:41.806 --> 00:10:45.286
sondern es lag vor allem daran, dass Radiohören damals für Privatleute,

00:10:45.346 --> 00:10:49.806
und das ist wirklich interessant, offiziell verboten war. Warum, Christoph?

00:10:50.486 --> 00:10:54.406
Naja, die Funktechnik war eigentlich erstmal eine militärische Technik gewesen.

00:10:54.406 --> 00:10:58.186
Auch der Funkerberg in Königs Husterhausen, das war eine Militäreinrichtung,

00:10:58.306 --> 00:11:01.446
bis er nach dem verlorenen Krieg demilitarisiert werden musste.

00:11:01.526 --> 00:11:04.746
Und erst dann ging er an die Post. Vorher war das Militär.

00:11:05.326 --> 00:11:10.026
Die Militärs, für die war das super Funk, da mussten sie keine Kabel verlegen,

00:11:10.106 --> 00:11:15.026
konnten trotzdem ihre Befehle schnell weitergeben durch die Schützengräben und so weiter.

00:11:15.466 --> 00:11:20.706
Also das war eine militärische Technologie. Und wir reden ja jetzt eigentlich

00:11:20.706 --> 00:11:25.106
in dieser Zeit, 1920, noch nicht von dem Radio so richtig im heutigen Sinne.

00:11:25.346 --> 00:11:30.086
Also es sitzen Leute an Empfangsgeräten, die ein kuratiertes Programm empfangen,

00:11:30.626 --> 00:11:34.226
sondern wir reden eigentlich von Amateurfunkern nach dem heutigen Verständnis.

00:11:34.306 --> 00:11:36.226
Und das sind eben immer auch Sender gewesen.

00:11:36.446 --> 00:11:40.746
Und diese Sender hielt man für gefährlich. Also das konnte militärisch gefährlich

00:11:40.746 --> 00:11:44.106
sein, das konnte politisch gefährlich sein, da konnten sich Sozialisten mit

00:11:44.106 --> 00:11:46.646
organisieren oder so. Deshalb hat man das verboten.

00:11:47.428 --> 00:11:50.508
Und wer waren dann die Zuhörerinnen und Zuhörer? Wahrscheinlich Zuhörerinnen

00:11:50.508 --> 00:11:52.408
kann man streichen, vermutlich eher Männer, oder?

00:11:52.908 --> 00:11:57.328
Ja, das waren ganz am Anfang Technikfreaks. Also wir würden heute sagen Nerds.

00:11:57.628 --> 00:12:02.868
Also Leute, die sich selber irgendwie sogenannte Detektoren zusammengebastelt

00:12:02.868 --> 00:12:04.468
haben aus Einzelteilen.

00:12:06.008 --> 00:12:08.848
Man konnte auch nur mit Kopfhörern hören, das konnte man eigentlich immer nur

00:12:08.848 --> 00:12:11.868
einer hören oder höchstens zwei, die dann solche Kopfhörer hatten.

00:12:11.868 --> 00:12:18.328
Keine Lautsprecher, weil die Signale auch sehr schwach waren und solche Leute waren das.

00:12:18.708 --> 00:12:21.748
Also in unserer Familie gibt es irgendwie so einen Urgroßvater,

00:12:21.968 --> 00:12:26.508
der irgendwo in Oberschlesien auf dem Dorf saß und Volksschullehrer dort war

00:12:26.508 --> 00:12:30.388
oder Lehrer dort war und das war der erste, der hat den ersten Detektor in dem

00:12:30.388 --> 00:12:32.688
Dorf gehabt. Ja, da gibt es so irgendwelche Bilder von.

00:12:33.816 --> 00:12:36.356
Wie sah das denn überhaupt mit der staatlichen Kontrolle aus?

00:12:36.476 --> 00:12:39.356
Es ging da ja vor allem um Frequenzen, die man erstmal bekommen musste.

00:12:40.036 --> 00:12:43.196
Klar, meine Frequenzen waren begrenzt und das weiß man ja auch.

00:12:43.276 --> 00:12:47.516
Also wenn mehrere Leute auf einer Frequenz was machen, dann gibt es nur noch Salat.

00:12:47.616 --> 00:12:49.596
Dann hören wir nichts Richtiges mehr.

00:12:49.916 --> 00:12:53.756
Deshalb mussten diese Frequenzen zugeteilt werden. Und das ist natürlich staatlich

00:12:53.756 --> 00:12:56.536
passiert über die Post, die Reichspost in Deutschland.

00:12:57.656 --> 00:13:01.316
Sie mussten aber tatsächlich auch international koordiniert werden,

00:13:01.316 --> 00:13:07.116
weil auch vielen Wellenbändern, also Radiowellen machen ja nicht an Landesgrenzen Halt.

00:13:07.816 --> 00:13:12.276
Also brauchte man internationale Einrichtungen, die gesagt haben,

00:13:12.376 --> 00:13:15.596
also diese Frequenz kriegt Polen, was weiß ich was, die kriegt Deutschland,

00:13:15.796 --> 00:13:17.076
die kriegt Luxemburg oder so.

00:13:17.716 --> 00:13:23.956
Und deshalb ist schon 1925 die IBU gegründet worden, International Broadcasting

00:13:23.956 --> 00:13:27.716
Union, wo man genau diese Frequenzkoordination gemacht hat.

00:13:27.716 --> 00:13:33.356
Kann man sagen, die Geburtsstunde der europäischen Bürokratie hing damit dann ganz eng zusammen.

00:13:33.776 --> 00:13:35.996
Und irgendwann war es dann aber so weit, dass eben nicht nur,

00:13:35.996 --> 00:13:38.496
wie du sagst, Technikfreaks sich diese Sachen angehört haben,

00:13:38.616 --> 00:13:41.676
sondern dann durfte auch jeder, dann gab es Unterhaltung im Radio.

00:13:42.076 --> 00:13:48.456
Und die erste Unterhaltungsradiosendung, die wurde 1923 ausgestrahlt, am 29. Oktober.

00:13:48.956 --> 00:13:53.196
Das ist das Datum, das wir heute offiziell als Geburtsstunde des Radios in Deutschland feiern.

00:13:53.796 --> 00:13:59.056
Otto Urak war damals Kapellmeister dieser ersten Unterhaltungssendung aus dem Boxhaus in Berlin.

00:13:59.756 --> 00:14:02.696
Und 1953 erinnerte er sich daran in einem Interview.

00:14:03.036 --> 00:14:07.396
Am Tag vorher hatten wir schon ein Programm zusammengestellt von einer Stunde.

00:14:07.656 --> 00:14:13.176
Und dieses Programm wurde am 29. Vormittag nach dem Abgeordnetenhaus Probeweis übertragen.

00:14:13.436 --> 00:14:16.676
Dort saß unter anderem auch der Staatssekretär Dr.

00:14:16.896 --> 00:14:23.256
Bredow und hörte ab. Nach Beendigung des Konzertes rief Dr.

00:14:23.436 --> 00:14:27.596
Bredow an und sagte, Kinder, das hat gut geklungen, wir fangen an.

00:14:28.096 --> 00:14:32.656
Da rauf und knöpfe und ich uns erkundigen, wann wir anfangen sollten. Er sagte, heute Abend.

00:14:33.556 --> 00:14:37.016
Und sagt, um Gottes Willen, verehrter Staatssekretär, das geht doch nicht.

00:14:37.356 --> 00:14:40.216
Ich habe alle Künstler schon nach Hause geschickt. Das ist ganz egal,

00:14:40.376 --> 00:14:44.436
nehmt euch Autos oder sonst was. Ihr müsst zusammen trommeln heute Abend um 8 Uhr.

00:14:44.636 --> 00:14:47.776
Da ist die erste Sendung. Und es hat geklappt.

00:14:48.456 --> 00:14:51.476
Achtung, hier ist die Sendestelle Berlin.

00:14:52.596 --> 00:14:55.756
Im Boxhaus. Auf Welle 400 Meter.

00:14:59.716 --> 00:15:04.096
Welle 400 Meter. Da sieht man immer diese technischen Bezeichnungen damals noch.

00:15:04.756 --> 00:15:08.936
Wenn wir jetzt in dieses Jahr zurückgehen, 1923, Christoph, welche Bedeutung

00:15:08.936 --> 00:15:11.136
hatte denn diese erste Unterhaltungssendung?

00:15:11.276 --> 00:15:12.916
Und wie hat sich dann das Radio weiterentwickelt?

00:15:13.596 --> 00:15:17.256
Ich würde sagen, damals war die Bedeutung wahrscheinlich gar nicht so groß,

00:15:17.456 --> 00:15:20.796
weil es einfach nicht viele Empfangsgeräte gab.

00:15:21.556 --> 00:15:25.856
Es ging eben erst los. Und die waren auch teuer und wie gesagt,

00:15:26.016 --> 00:15:27.616
ein paar Technik-Nerds, die gebastelt haben.

00:15:27.616 --> 00:15:32.056
Aber rückschauen muss man natürlich sagen, es ist ein sehr, sehr wichtiges Datum

00:15:32.056 --> 00:15:37.716
gewesen, weil das ist sozusagen der Einstieg in die moderne massenmediale Eventkultur.

00:15:37.976 --> 00:15:42.336
Ja, das war das erste Medium, das man wirklich zu Hause sich aneignen konnte.

00:15:42.496 --> 00:15:46.656
Das zweite wichtige Medium dieser Zeit, das Massenmedium dieser Zeit, ist der Film.

00:15:46.896 --> 00:15:48.956
Aber dafür musste man eben noch ins Kino gehen.

00:15:49.476 --> 00:15:55.236
Und so gesehen würde ich schon sagen, dass das ein sehr, sehr wichtiges Datum war.

00:15:56.610 --> 00:16:00.310
Interessant ist, dass es in den Anfangsjahren auch schon nicht nur um politische

00:16:00.310 --> 00:16:03.910
Nachrichten ging oder Wirtschaftsberichte, sondern auch um Sport,

00:16:04.070 --> 00:16:08.370
um Kultur und es wurde auch experimentiert im Radio und zwar jede Menge.

00:16:08.690 --> 00:16:16.290
Zum Beispiel 1924, da hat der Frankfurter Südwestdeutsche Rundfunkdienst, die Süwrak,

00:16:16.650 --> 00:16:22.510
etwa das vermutlich erste deutsche Radiohörspiel mit dem Titel Zauberei auf

00:16:22.510 --> 00:16:24.230
dem Sender ausgestrahlt. ausgestrahlt.

00:16:24.350 --> 00:16:28.330
Davon gibt es leider auch keine Aufzeichnung, aber es gibt ein Skript.

00:16:28.570 --> 00:16:34.890
Und wir haben ja wunderbare Leute hier oben bei uns, die das jetzt einfach mal live nachproduzieren.

00:16:38.470 --> 00:16:44.130
Es war einmal ein Rundfunkteilnehmer, der war mit allem zufrieden, was der Sender ihm bot.

00:16:44.410 --> 00:16:49.610
Wir bringen Ihnen die amerikanische Produktnotierung vom 1. Dezember 1924. Nr.

00:16:50.050 --> 00:16:55.530
1, 678. Während Sprecher und Märchentante weiterreden, setzen Geige und Klavier ein.

00:16:58.370 --> 00:17:02.210
Nach einiger Zeit kommt eine weibliche Stimme dazu, die etwas singt.

00:17:02.390 --> 00:17:05.710
Guck, guck in meinen Herzen. Dazwischen Rufe.

00:17:06.150 --> 00:17:11.330
Zeitvorbereitung. Hackebein. Lesestunde. Palastschuhhaus. Alles endet mit unisono

00:17:11.330 --> 00:17:12.850
Krach und Paukenschlag.

00:17:13.130 --> 00:17:14.770
Das könnt ihr euch nicht vorstellen.

00:17:17.667 --> 00:17:19.827
Wild, aber Kunst.

00:17:25.587 --> 00:17:29.527
Also auch da haben wir schon ein anspruchsvolles Programm. Die erste Radiokunst.

00:17:29.927 --> 00:17:34.667
Genau, darum geht es tatsächlich auch in diesem Rundfunk-Hörspiel von Hans Flesch,

00:17:34.747 --> 00:17:38.967
ein absoluter Pionier, dass all das in einer Live-Übertragung passiert,

00:17:39.107 --> 00:17:40.707
was man eigentlich nicht wollte.

00:17:40.847 --> 00:17:45.147
Das heißt also, Leute stören, eine Märchentante will über was ganz anderes was

00:17:45.147 --> 00:17:47.307
erzählen, man weiß nicht, was dazugehört und was nicht.

00:17:47.667 --> 00:17:51.367
Es ging auch darum zu zeigen, mit Radio kann man nicht nur informieren,

00:17:51.487 --> 00:17:55.207
sondern auch Kunst produzieren. Und das kam bei vielen Menschen richtig gut an.

00:17:55.827 --> 00:17:59.047
Nochmal ein Zitat aus einer der ersten Umfragen zur Radionutzung von jungen

00:17:59.047 --> 00:18:01.107
Menschen Anfang der 1930er Jahre.

00:18:01.287 --> 00:18:04.747
Da sagt ein 15-jähriger Fleischerlehrling.

00:18:05.227 --> 00:18:08.007
Am Radio finde ich oft abends, wenn ein schönes Programm ist,

00:18:08.087 --> 00:18:11.287
meine Zerstreuung. Am liebsten höre ich ein lustiges Kabarett.

00:18:11.687 --> 00:18:14.967
Ich weiß jetzt nicht, wie viele 15-jährige Fleischerlehrlinge heute ein lustiges

00:18:14.967 --> 00:18:19.407
Kabarett abends zur Zerstreuung hören. Aber es war eben eine andere Zeit damals.

00:18:20.087 --> 00:18:21.907
Und für mich als Fußballfan auch

00:18:21.907 --> 00:18:26.647
ganz interessant. Den ersten Sport-Live-Kommentar gab es auch schon 1925.

00:18:27.127 --> 00:18:33.087
Reporter Bernhard Ernst hat vom Fußballspiel Preußen Münster gegen Arminia Bielefeld berichtet.

00:18:33.387 --> 00:18:36.867
Davon gibt es leider keine Aufnahme mehr. Tut mir leid.

00:18:37.407 --> 00:18:40.467
Aber einen historischen O-Ton von Albert Einstein.

00:18:40.607 --> 00:18:43.887
Okay, der hat kein Fußball gespielt, aber trotzdem interessant aus dem Jahr

00:18:43.887 --> 00:18:49.307
1930. bei der Eröffnung der siebten Funk- und Phonoshau in Berlin am 22.

00:18:49.527 --> 00:18:51.347
August bei Wind und Wetter, wie man gut sagt.

00:18:52.380 --> 00:19:00.040
Verehrte Arm- und Abwesende, wenn ihr den Rundfunk hört, so denkt auch daran,

00:19:00.900 --> 00:19:07.460
wie die Menschen in den Besitz dieses wunderbaren Werkzeuges der Mitteilung gekommen sind.

00:19:07.860 --> 00:19:13.820
Der Urquell aller technischen Errungenschaften ist die göttliche Neugier und

00:19:13.820 --> 00:19:20.180
der Spieltrieb des bastelnden und grübelnden Forschers und nicht minder die

00:19:20.180 --> 00:19:21.720
konstruktive Fantasie.

00:19:22.916 --> 00:19:27.576
Technischen Erfinder. Konstruktive Fantasie des technischen Erfinders.

00:19:27.656 --> 00:19:30.196
Da hört man ein bisschen raus, wo der herkommt, der Albert Einstein.

00:19:30.636 --> 00:19:34.336
Und er hat das damals einfach gefeiert, die Erfindung des Radios.

00:19:34.516 --> 00:19:38.676
Allein diese Anrede, liebe An- und Abwesende, ist hervorragend.

00:19:38.856 --> 00:19:40.936
Das könnte man heute ja auch in diesem Podcast bringen.

00:19:41.416 --> 00:19:44.856
Denn manche sind hier anwesend, andere hören uns dann später abwesend.

00:19:45.236 --> 00:19:48.916
Aber man muss sagen, nicht alle waren so begeistert wie Albert Einstein.

00:19:49.076 --> 00:19:52.996
Es waren sich nicht alle einig darum, was jetzt mit diesem Medium los ist ob

00:19:52.996 --> 00:19:54.596
das gut ist, ob das nicht gut ist.

00:19:54.856 --> 00:19:58.676
Es gab tatsächlich auch Angst vor dem Rundfunk. Christoph, warum?

00:19:58.756 --> 00:20:00.636
Warum löst das Radio bei manchen Angst aus?

00:20:01.276 --> 00:20:05.696
Naja, Radiowellen haben irgendwie was Magisches. Die sind unsichtbar.

00:20:05.776 --> 00:20:07.856
Man weiß nicht so genau, was die machen.

00:20:08.396 --> 00:20:12.956
Und das hat Ängste ausgelöst. Das spielt ja selbst bei Hans Fleisch,

00:20:13.116 --> 00:20:18.196
bei der Zauberei auf dem Äther, spielt das ja eine Rolle, dass es ein Zauberer

00:20:18.196 --> 00:20:20.616
ist, der da irgendwie auf diesen Radiowellen rummacht.

00:20:20.616 --> 00:20:27.676
Und ich war mal in Schweden, in Westschweden, da ist 1924, 1925 eine große Sendeanlage

00:20:27.676 --> 00:20:31.936
gebaut worden und die Bauern haben damals versucht, das zu verhindern,

00:20:32.276 --> 00:20:35.076
weil sie die Sorge hatten, dass ihre Kühe keine Milch mehr geben,

00:20:35.196 --> 00:20:36.256
wenn die in Betrieb geht.

00:20:36.756 --> 00:20:39.536
Also das zeigt so, wie man gedacht hat.

00:20:40.096 --> 00:20:44.476
Also solche Aspekte haben eine große Rolle gespielt. Und das ist auch gar nicht

00:20:44.476 --> 00:20:48.116
so weit hergeholt, wenn man sagt, die Leute waren damals vielleicht ein bisschen

00:20:48.116 --> 00:20:52.576
seltsam drauf. Wir haben ja heute auch noch Leute, die Angst haben vor 5G-Strahlung.

00:20:52.856 --> 00:20:55.556
Das ist eine gewisse Kontinuität, kann man sagen. V-Funkmasten.

00:20:56.596 --> 00:20:58.116
Infraschall, was weiß ich.

00:20:59.051 --> 00:21:02.751
Gab es denn damals auch, wie heute bei der 5G-Strahlung, Gegner,

00:21:02.771 --> 00:21:05.711
die verhindern wollten, dass das Radio zum Massenmedium wird?

00:21:06.191 --> 00:21:10.431
Es gab vor allen Dingen bei den bildungsbürgerlichen Eliten große Vorbehalte.

00:21:10.571 --> 00:21:16.191
Das hatte einfach damit zu tun, dass man die eigene Kultur, den eigenen kulturellen

00:21:16.191 --> 00:21:21.611
Führungsanspruch durch dieses Massenmedium unter Druck sah oder in Gefahr sah.

00:21:21.791 --> 00:21:25.231
Also man hat gesagt, da ist überhaupt keine echte Kultur möglich,

00:21:25.371 --> 00:21:26.851
das ist irgendwas für die Massen.

00:21:28.251 --> 00:21:32.411
Das kann nicht gut sein, das ist amerikanisiert, das war dann also eigentlich

00:21:32.411 --> 00:21:37.751
so von außen, das ist eben auch nicht patriotisch und so weiter.

00:21:38.131 --> 00:21:42.631
Und man hat das als Kulturverfall tatsächlich gewertet. Auf der anderen Seite

00:21:42.631 --> 00:21:46.691
gab es aber natürlich Leute wie Bredow oder so, die dem Bildungsbürgertum ja

00:21:46.691 --> 00:21:49.071
durchaus auch angehört haben, die das sehr protegiert haben,

00:21:49.191 --> 00:21:50.231
die gesagt haben, nein, nein,

00:21:50.611 --> 00:21:55.151
genau mit diesem Medium können wir das kulturelle Niveau, das natürlich niedrig

00:21:55.151 --> 00:21:58.091
ist bei den Arbeitern oder so, das können wir heben.

00:21:58.571 --> 00:22:01.571
Wir brauchen das Radio, um das Kulturniveau zu heben.

00:22:02.472 --> 00:22:05.832
Ab wann ist das Radio denn dann zum Massenmedium geworden und ab wann konnte

00:22:05.832 --> 00:22:07.132
man vielleicht wirklich das Niveau heben?

00:22:08.612 --> 00:22:11.692
Das sind nochmal zwei verschiedene Dinge, würde ich sagen.

00:22:12.972 --> 00:22:16.452
Also Massenmedium würde ich sagen in den 30er Jahren.

00:22:16.672 --> 00:22:23.252
Also wir haben 1930 so ungefähr drei Millionen angemeldete Geräte bei einer

00:22:23.252 --> 00:22:27.012
Einwohnerzahl im Deutschen Reich von etwa 65 Millionen Menschen.

00:22:28.272 --> 00:22:34.132
1938 sind es dann schon zehn Millionen. Also da sieht man, das steigt doch relativ

00:22:34.132 --> 00:22:36.432
schnell, relativ stark an in dieser Zeit.

00:22:36.832 --> 00:22:41.912
Ob das jetzt die Zeit war, wo das kulturelle Niveau sich gehoben hat, wäre ich kritisch.

00:22:42.992 --> 00:22:45.652
Und wir gehen nochmal in die Zeit ein bisschen genauer rein.

00:22:46.112 --> 00:22:51.092
1933, die Nationalsozialisten übernehmen die Macht und mit der Vielfalt an Sendern

00:22:51.092 --> 00:22:55.572
und auch mit diesen verrückten Experimenten, wie wir sie gehört haben, da ist es dann vorbei.

00:22:55.652 --> 00:22:59.792
Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, da wurden die damals existierenden

00:22:59.792 --> 00:23:01.572
Rundfunkgesellschaften wie die NORAK

00:23:01.572 --> 00:23:04.652
in Norddeutschland oder die SYRAG in Süddeutschland gleichgeschaltet.

00:23:06.152 --> 00:23:09.652
Der Rundfunk ist das modernste Masse-Vereinflussungsmittel.

00:23:11.072 --> 00:23:15.032
Das ist aus einer Rede, ihr werdet es erkannt haben, des nationalsozialistischen

00:23:15.032 --> 00:23:20.752
Propagandaministers Josef Goebbels im Juni 1933, also kurz nach der Machtübernahme

00:23:20.752 --> 00:23:21.872
der Nationalsozialisten.

00:23:22.252 --> 00:23:25.532
Und Goebbels hat damals im Funkhaus des Norddeutschen Rundfunks gesprochen.

00:23:25.652 --> 00:23:29.472
Die Nationalsozialisten haben das Radio früh als Propaganda-Instrument entdeckt

00:23:29.472 --> 00:23:34.932
und interessant ist, dass Goebbels 1933 noch was anderes gesagt hat, nämlich folgendes.

00:23:36.068 --> 00:23:41.088
Nichts wäre furchtbarer für den modernen deutschen Rundfunk,

00:23:41.228 --> 00:23:45.588
als wenn er nun in die Gesinnung machte und damit langweilig würde.

00:23:46.068 --> 00:23:47.688
Nein, das Edeltein muss das all sein.

00:23:48.228 --> 00:23:51.748
Es ging also nicht nur um Dauerbeschallung mit Parolen und Propaganda,

00:23:51.988 --> 00:23:54.908
das hat Goebbels immer wieder gesagt, das hören sich die Leute nicht an,

00:23:54.988 --> 00:23:58.608
sondern es ging darum, sich mit den Inhalten an die Hörgewohnheiten der Menschen

00:23:58.608 --> 00:24:03.068
anzupassen und ihnen immer wieder Gift in die Seele zu träufeln sozusagen,

00:24:03.068 --> 00:24:04.768
mit den Emotionen zu spielen,

00:24:04.868 --> 00:24:07.348
ihre Alltagserfahrungen mit einzuweben.

00:24:07.848 --> 00:24:11.868
Das Ziel der Nationalsozialisten war, jeder sollte zu Hause ein Radio haben.

00:24:11.948 --> 00:24:14.508
Du hast es vorhin gesagt, am Anfang waren es ein paar Technik-Nerds,

00:24:14.528 --> 00:24:18.108
die das Programm gehört haben. Man wollte aber natürlich die Masse mithören lassen.

00:24:18.708 --> 00:24:22.148
Und dafür wurde eine neue Version des sogenannten Volksempfängers entwickelt.

00:24:22.288 --> 00:24:25.988
Technisch ganz einfach zu bedienen, modern im Design, zumindest unter damaligen

00:24:25.988 --> 00:24:29.268
Gesichtspunkten, und für jeden einigermaßen erschwinglich.

00:24:30.048 --> 00:24:33.688
Da die Frage an dich, warum war denn ausgerechnet das Radio so attraktiv für

00:24:33.688 --> 00:24:34.648
die Nationalsozialisten?

00:24:35.488 --> 00:24:41.128
Zum einen war es einfach das modernste Medium, es war extrem dynamisch, es war neu.

00:24:41.748 --> 00:24:47.048
Damit konnte man sich sozusagen auch als Fortschritt, als was Neues inszenieren.

00:24:47.188 --> 00:24:48.628
Das war sich ja nicht völlig egal.

00:24:49.068 --> 00:24:54.308
Es entsprach aber auch den grundsätzlichen Prinzipien dessen,

00:24:54.508 --> 00:24:59.288
wofür der Nationalsozialismus stand oder zumindest schien es denen zu entsprechen.

00:24:59.908 --> 00:25:03.948
Also das Führerprinzip, einer spricht, alle anderen hören zu.

00:25:04.858 --> 00:25:09.158
Das fanden die natürlich super. Zumal man auch eine Reichweite hatte,

00:25:09.238 --> 00:25:13.018
die man ja mit einer Zeitung oder auch mit irgendwelchen Wochenschauberichten nie erreicht hätte.

00:25:13.278 --> 00:25:16.678
Also so viele Leute auf einmal an die Radios zu kriegen war,

00:25:17.198 --> 00:25:19.578
wie man an die Radios kriegte, kriegte man nicht ins Kino.

00:25:21.198 --> 00:25:27.898
Das Zweite war diese Idee von Klassenlosigkeit, die bei den Nationalsozialisten

00:25:27.898 --> 00:25:29.298
Volksgemeinschaft hieß.

00:25:29.938 --> 00:25:34.958
Also die Vorstellung, es gibt eine homogene nationale Gemeinschaft.

00:25:35.138 --> 00:25:38.218
Das Radio konnte jeden gleichermaßen ansprechen.

00:25:38.398 --> 00:25:43.778
Also völlig egal, ob das ein Generaldirektor war oder irgendwie ein Hilfsarbeiter,

00:25:43.858 --> 00:25:47.538
ein Knecht auf dem Bauernhof, ob es eine Frau war, ob es ein Mann war,

00:25:47.718 --> 00:25:50.098
Kind, Greis, völlig egal.

00:25:50.418 --> 00:25:54.698
Alle konnten gleichermaßen angesprochen werden oder zumindest war das die Idee

00:25:54.698 --> 00:25:58.138
oder die Vision der Nationalsozialisten, dass das Radio das könnte.

00:25:58.138 --> 00:26:01.038
Das würden wir heute, glaube ich, nicht mehr so sehen, weil wir wissen,

00:26:01.418 --> 00:26:04.058
dass auch Zuhörenrezeption ein aktiver

00:26:04.058 --> 00:26:09.118
Akt ist und nichts, was einfach nur sozusagen über die Leute kommt.

00:26:09.854 --> 00:26:13.074
Die Nationalsozialisten hatten im Programm ja auch, heute würde man sagen,

00:26:13.254 --> 00:26:17.234
Shows, die vor allem auch für die Soldaten an der Front gedacht waren.

00:26:17.354 --> 00:26:22.794
Da konnte man sich dann Lieder wünschen, konnte Grüße senden an die Lieden zu Hause.

00:26:23.014 --> 00:26:27.934
Und ich habe mal gelesen, dass mit zunehmender Aussichtslosigkeit im Kriegsverlauf

00:26:27.934 --> 00:26:31.034
immer mehr Unterhaltungssendungen auch im Radio damals liefen,

00:26:31.054 --> 00:26:32.234
immer weniger Informationen.

00:26:32.614 --> 00:26:37.374
Womit hing das denn zusammen? Ja, ganz genau. Das Wunschkonzert war extrem populär.

00:26:37.374 --> 00:26:41.034
Das war so eine Wunschsendung, wo sich Angehörige von der Heimatfront,

00:26:41.034 --> 00:26:45.654
wie das damals hieß, Titel wünschen konnten, beziehungsweise Soldaten,

00:26:45.794 --> 00:26:48.554
umgekehrt für die zu Hause gebliebenen, ihre Angehörigen.

00:26:49.614 --> 00:26:54.714
Das hatte vor allen Dingen was damit zu tun, dass sozusagen je aussichtsloser

00:26:54.714 --> 00:26:59.794
dieser Krieg wurde, desto weniger verfing natürlich auch die Propaganda, glaube ich.

00:26:59.794 --> 00:27:06.114
Und Goebbels hat mal gesagt, ich brauche für die Kriegsführung ein Volk,

00:27:06.194 --> 00:27:11.114
das sich seine gute Laune behält oder bewahrt oder irgendwie sowas.

00:27:11.754 --> 00:27:18.734
Und in diesem ganzen Zynismus ist genau das drin, also sozusagen ein eskapistisches Moment zu bieten.

00:27:18.734 --> 00:27:23.374
Und in der Tat, also je länger die Herrschaft der Nationalsozialisten andauert,

00:27:23.434 --> 00:27:29.154
je aussichtsloser der Krieg wird, desto mehr leichte Unterhaltung ist in den

00:27:29.154 --> 00:27:32.334
Radioprogrammen und desto weniger harte ideologische Propaganda.

00:27:32.654 --> 00:27:36.494
Aber irgendwann war es nicht mehr zu überspielen, dass es wirklich aussichtslos ist.

00:27:36.554 --> 00:27:41.954
Der Krieg ging verloren und das wurde natürlich auch im Radio mitgeteilt.

00:27:41.954 --> 00:27:47.374
Aus dem Hauptquartier des Großadmirals für 19.

00:27:47.834 --> 00:27:55.434
Mai 1945, seit Mitternacht zweigenehm an allen Fronten die Waffen.

00:27:57.017 --> 00:28:03.237
Auf Befehl des Großadmirals hat die Wehrmacht den aussichtslos gewordenen Kampf eingestellt.

00:28:04.237 --> 00:28:08.517
Den aussichtslos gewordenen Kampf eingestellt, das ist eine Formulierung,

00:28:08.677 --> 00:28:12.657
die man so Tage zuvor überhaupt nicht erwartet hätte, dass der Kampf aussichtslos war.

00:28:12.717 --> 00:28:16.397
Man hat ja bis zuletzt vom Endsieg gesprochen und das zeigt natürlich dann auch

00:28:16.397 --> 00:28:17.897
hier einen großen Wandel.

00:28:17.997 --> 00:28:23.657
Am 9. Mai 1945 wird im Radio die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht vom 8.

00:28:23.797 --> 00:28:29.477
Mai bekannt gemacht. Und damit beginnt auch eine neue Ära des Radios in der Bundesrepublik.

00:28:29.597 --> 00:28:32.257
Nur wenige Tage nach der Kapitulation, nämlich am 13.

00:28:32.477 --> 00:28:38.077
Mai 1945, geht in Berlin tatsächlich direkt wieder ein Sender im befreiten Deutschland

00:28:38.077 --> 00:28:40.417
auf Sendung. Es ist der Berliner Rundfunk.

00:28:41.117 --> 00:28:51.497
Hier spricht Berlin. Hier spricht Berlin auf Fälle 356 Meter gleich 841 Kilohertz.

00:28:52.137 --> 00:28:55.617
Und hier haben wir wieder diese technischen Angaben. Warum wurde das eigentlich immer dazu gesagt?

00:28:56.317 --> 00:28:59.757
Naja, damit man den Sender identifizieren konnte. Es gab eben viele,

00:29:00.197 --> 00:29:01.957
die man auch nicht so genau wusste und so.

00:29:02.217 --> 00:29:06.937
Es herrschte Chaos auf der Mittelwelle vor allem und deshalb hat man immer diese

00:29:06.937 --> 00:29:09.837
Kennung gesagt, damit man wusste, was ist das überhaupt.

00:29:10.097 --> 00:29:14.177
Es war aber natürlich ein sowjetisch kontrollierter Sender der Berliner Rundfunk.

00:29:14.397 --> 00:29:19.217
Gruppe Ulbricht, Hans Mahle, war damals derjenige, der am 13.

00:29:19.437 --> 00:29:21.377
Mai schon wieder den Senderbetrieb aufgenommen hat.

00:29:22.160 --> 00:29:24.920
Und damit steigen wir auch direkt in die Nachkriegszeit ein.

00:29:25.040 --> 00:29:30.420
Das Radio ist sofort wieder da, du hast gerade gesagt, in der sowjetisch kontrollierten Zone zuerst.

00:29:30.560 --> 00:29:35.160
Allerdings stand Deutschland damals eben eine ganze Weile unter Besatzung,

00:29:35.340 --> 00:29:38.240
was wir auch an den Nationalhymnen der Siegermächte gehört haben.

00:29:38.300 --> 00:29:42.900
Der Zweite Weltkrieg hat in weiten Teilen Deutschlands die Radioinfrastruktur komplett zerstört.

00:29:43.100 --> 00:29:46.320
In Köln hier zum Beispiel wurde das Funkhaus der ehemaligen BERAK,

00:29:46.400 --> 00:29:49.460
der Westdeutschen Rundfunk AG, in der Innenstadt schwer beschädigt,

00:29:49.460 --> 00:29:50.960
wie die gesamte Innenstadt.

00:29:51.860 --> 00:29:54.800
Viele Techniker und Sprecher waren zum Militärdienst eingezogen worden,

00:29:54.960 --> 00:29:59.860
waren gefallen, saßen in Kriegsgefangenschaft oder, was auch nicht selten vorkam,

00:29:59.960 --> 00:30:01.300
waren politisch belastet.

00:30:01.560 --> 00:30:04.900
Und die letzte große eigene Sendung vor der Zerstörung auf dem mittlerweile

00:30:04.900 --> 00:30:11.500
zu Reichssender Köln umbenannten Sender hieß bezeichnenderweise fröhliche Musik am Rhein.

00:30:12.440 --> 00:30:16.440
Denn nach dem Krieg war dann klar, Radio musste neu aufgebaut werden.

00:30:16.520 --> 00:30:21.580
Das ging um die Technik, es ging um das Personal und vor allem ging es auch um die Moral.

00:30:21.740 --> 00:30:23.180
Wie hat man das denn gemacht?

00:30:24.260 --> 00:30:29.380
Naja, also der Wiederaufbau erfolgt ja erstmal unter der Kontrolle der Siegermächte.

00:30:29.540 --> 00:30:35.520
Das war sozusagen keine deutsche Sache mehr, sondern in den jeweiligen Besatzungszonen

00:30:35.520 --> 00:30:38.260
haben die Alliierten den Ton angegeben.

00:30:39.320 --> 00:30:42.600
Und das haben sie ein bisschen unterschiedlich gemacht. Die Amerikaner haben

00:30:42.600 --> 00:30:47.220
eher so auf so eine regionale Gliederung gesetzt von allen möglichen Sendern.

00:30:47.440 --> 00:30:51.080
In den anderen Zonen war es eigentlich so, dass es fast eigentlich immer so

00:30:51.080 --> 00:30:53.160
ein Hauptfunkhaus auf jeden Fall gab.

00:30:53.760 --> 00:30:58.300
Hier in der britischen Zone war das Hamburg, Köln war nur so eine Nebenabteilung.

00:31:01.100 --> 00:31:07.060
In Frankreich war das Stuttgart, in der französischen Zone und in der sowjetischen

00:31:07.060 --> 00:31:09.300
Zone selbstverständlich Berlin.

00:31:10.260 --> 00:31:14.060
Also ein bisschen unterschiedlicher Ansatz, aber die Kontrolle wollte man auf

00:31:14.060 --> 00:31:16.280
jeden Fall erstmal haben, bevor man das an die Deutschen zurückkriegt.

00:31:17.155 --> 00:31:20.435
An welchen Vorbildern hat man sich dabei denn orientiert? Ja,

00:31:20.635 --> 00:31:26.395
also letztlich ist für den Wiederaufbau des Rundfunks in Deutschland die BBC das Vorbild geworden.

00:31:26.735 --> 00:31:30.055
Das hatte einfach damit zu tun, dass das amerikanische Modell,

00:31:30.115 --> 00:31:34.855
das ja ein kommerzielles Modell war, nicht ging, weil diese Sender sich über

00:31:34.855 --> 00:31:36.135
Werbung finanzieren mussten.

00:31:36.235 --> 00:31:41.095
Die deutsche Wirtschaft lag 1945 so am Boden, dass sich niemand vorstellen konnte,

00:31:41.315 --> 00:31:44.075
dass man darüber irgendwie das finanzieren könne.

00:31:45.635 --> 00:31:48.955
Das war der Grund, warum das amerikanische Modell nicht genommen worden ist.

00:31:49.035 --> 00:31:52.335
Das französische Modell war deutlich staatsnäher als das britische.

00:31:53.395 --> 00:31:57.995
Das wollte man auch nicht, weil mit Staatsnähe hatte man in Deutschland beim

00:31:57.995 --> 00:31:59.595
Radio keine guten Erfahrungen gemacht.

00:32:00.815 --> 00:32:05.675
Deshalb hat man so ein gesellschaftlich getragenes Modell wie die BBC,

00:32:06.075 --> 00:32:09.335
die eben über diese Royal Charter an den Staat zwar gebunden ist,

00:32:09.475 --> 00:32:14.315
aber eben nur lose, also sozusagen einen Auftrag kriegt, das zivilgesellschaftlich

00:32:14.315 --> 00:32:16.675
zu produzieren. Das Programm, das hat man gewählt.

00:32:17.335 --> 00:32:19.795
Allerdings verbunden, das ist ein bisschen anders als in England.

00:32:19.935 --> 00:32:23.895
England gibt es die BBC, in London, in Deutschland gab es immer eine regionale

00:32:23.895 --> 00:32:26.875
Gliederung des Rundfunks und das ist auch wieder so gekommen.

00:32:27.904 --> 00:32:32.964
Jetzt hast du es gerade schon gesagt, der Rundfunk galt als nicht nur staatsnah,

00:32:33.064 --> 00:32:36.284
sondern vom Staat gelenkt und gesteuert, weil es eben auch so war.

00:32:36.384 --> 00:32:38.984
Zunächst in der Weimarer Republik war es eine staatliche Angelegenheit,

00:32:39.064 --> 00:32:42.404
dann unter den Nationalsozialisten sowieso. Wir haben das schon besprochen.

00:32:42.744 --> 00:32:46.604
Wie hat man denn das Vertrauen der Menschen wieder gewonnen für das Radioprogramm?

00:32:46.644 --> 00:32:47.964
Wie hat man geschafft, dass die einschalten?

00:32:48.844 --> 00:32:53.004
Naja, also man muss natürlich erstmal sagen, war der Rundfunk auch ein bisschen,

00:32:53.084 --> 00:32:54.964
hatte, wenn man so will, ein bisschen ein Monopol.

00:32:54.964 --> 00:32:59.484
Also in so einer völlig zerstörten Umgebung, wo es keine Infrastruktur mehr

00:32:59.484 --> 00:33:03.564
gibt, wo man auch nicht mal eben so ohne weite Zeitungen drucken kann oder nur

00:33:03.564 --> 00:33:05.304
in sehr kleinen Auflagen oder so,

00:33:05.744 --> 00:33:09.884
ist Radio natürlich etwas, wo man sehr schnell auch Informationen kriegt und

00:33:09.884 --> 00:33:11.484
die brauchte man auch zum Überleben.

00:33:12.084 --> 00:33:17.284
Also Radio war sozusagen von Anfang an extrem populär, weil man dort die wichtigsten

00:33:17.284 --> 00:33:22.304
Dinge erfuhr im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland, in dem zerbombten Land.

00:33:23.044 --> 00:33:29.784
Dann allerdings war natürlich auch klar, man hat einen gewissen Pluralismus ermöglicht.

00:33:29.844 --> 00:33:34.404
Es gab eben nicht mehr nur Regierungspropaganda, wie vorher unter dem Nationalsozialismus,

00:33:34.704 --> 00:33:41.144
sondern es gab kritische Kommentare, zumindest zu dem, was die deutsche Politik tat.

00:33:41.644 --> 00:33:44.824
Bei den Alliierten musste man aufpassen, glaube ich, am Anfang,

00:33:44.984 --> 00:33:51.404
was man da so sagte. Und es gab dann auch relativ bald sehr anspruchsvolle,

00:33:51.504 --> 00:33:55.384
auch moralische Stimmen aus dem Kulturbereich.

00:33:55.504 --> 00:34:01.284
Also viele Dichter kamen mit ihren Werken im Rundfunk zu Wort.

00:34:01.524 --> 00:34:07.144
Also Leute wie Martin Walser, Siegfried Lenz oder gerade hier in Köln natürlich

00:34:07.144 --> 00:34:10.304
Heinrich Böll, die dann ja auch sehr moralische Stimmen gab.

00:34:11.700 --> 00:34:15.500
Und du hast ja schon gesagt, das war die Geburtsstunde des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

00:34:15.600 --> 00:34:18.880
Man hat sich das von der BBC abgeschaut. An dieser Stelle ein kleiner Tipp,

00:34:18.980 --> 00:34:22.720
wenn ihr mal bei Werbe Millionär eingeladen seid und die Millionen-Euro-Frage

00:34:22.720 --> 00:34:25.180
ist, was bedeutet eigentlich ARD, wofür steht das?

00:34:25.260 --> 00:34:28.220
Das ist die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten

00:34:28.220 --> 00:34:29.440
der Bundesrepublik Deutschland.

00:34:29.720 --> 00:34:33.420
Und das kommt eben aus dieser Zeit. Man hat, wie du gesagt hast,

00:34:34.340 --> 00:34:38.200
regionale Sender gehabt, die sich dann zusammengeschlossen haben.

00:34:38.200 --> 00:34:43.140
Ja, um das Fernsehen finanzieren zu können, weil das konnte eine einzelne Anstalt,

00:34:43.200 --> 00:34:46.740
das ist viel aufwendiger als Radio und nicht finanzieren, deshalb hat man die ARD gegründet.

00:34:46.900 --> 00:34:53.880
Genau, und als Geburtsstunde zumindest für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gilt das Jahr 1947.

00:34:54.560 --> 00:34:58.000
Hier ein Zitat von Hans Bredow vom 27. Dezember.

00:35:01.700 --> 00:35:09.040
Als Rechtsform für den Nordwestdeutschen Rundfunk ist die Anstalt des öffentlichen Rechts gewählt worden.

00:35:09.680 --> 00:35:14.320
Für den zukünftigen Rundfunk ist dies unzweifelhaft die am besten geeignete Lösung.

00:35:14.680 --> 00:35:19.200
Denn damit ist nicht nur die Selbstverwaltung gesichert, sondern auch klargestellt,

00:35:19.360 --> 00:35:21.600
dass der Rundfunkbesitz der Allgemeinheit ist.

00:35:23.412 --> 00:35:26.072
Eine Lehre aus der NS-Zeit war also, du hast ja schon gesagt,

00:35:26.212 --> 00:35:30.992
Radio darf kein Staatsfunk mehr sein, das heißt unter staatlicher Kontrolle stehen.

00:35:31.292 --> 00:35:34.632
Und hier haben wir eben Hans Bredow gehört, den deutschen Rundfunkpionier und

00:35:34.632 --> 00:35:37.192
der spricht hier vom Besitz der Allgemeinheit.

00:35:37.252 --> 00:35:39.752
Vielleicht kannst du mal ganz kurz beschreiben, was er damit meint.

00:35:40.072 --> 00:35:45.852
Er meint, dass der Rundfunk eben eine Einrichtung der Gesellschaft sein sollte, nicht des Staates.

00:35:45.852 --> 00:35:51.252
Und man hat das darüber gelöst, dass man die sogenannten gesellschaftlich relevanten

00:35:51.252 --> 00:35:58.912
Gruppen in einem Rätemodell in die Aufsichtsgremien des Rundfunks berufen hat.

00:35:59.032 --> 00:36:05.512
Also Arbeitgeberverbände, Gewerkschaften, Kirchen, Vertriebenenverbände.

00:36:05.512 --> 00:36:10.172
All diese Gruppen der Zivilgesellschaft sind, auch die Parteien,

00:36:10.552 --> 00:36:13.632
sind in diese Gremien berufen worden

00:36:13.632 --> 00:36:17.752
und sollten eben die Gesellschaft repräsentieren und nicht den Staat.

00:36:18.452 --> 00:36:22.892
Und diese Rundfunkräte und Verwaltungsräte, die es bis heute gibt,

00:36:24.112 --> 00:36:25.832
die repräsentieren die Gesellschaft.

00:36:26.552 --> 00:36:30.932
Trotzdem hat es natürlich immer Versuche gegeben, des Staates und vor allem

00:36:30.932 --> 00:36:34.212
auch der Parteien möglichst viel Kontrolle zu kriegen.

00:36:42.662 --> 00:36:49.142
Als die DDR am 7. Oktober 1949 gegründet wird, entwickelt sich der Rundfunk

00:36:49.142 --> 00:36:51.802
schnell zu einem zentralen politischen Instrument.

00:36:52.302 --> 00:36:56.462
Wichtige Sender sind etwa der sogenannte Deutschland-Sender aus Ost-Berlin.

00:36:56.922 --> 00:37:01.502
Er wendet sich nicht nur an die DDR-Bevölkerung, sondern ausdrücklich auch an

00:37:01.502 --> 00:37:03.522
Hörerinnen und Hörer in Westdeutschland.

00:37:03.862 --> 00:37:09.262
Ein anderer Sender ist Radio Leipzig. Die neuen großen Aufgaben zur Schaffung

00:37:09.262 --> 00:37:13.962
des Sozialismus in der DDR machen die Erhöhung des politischen und kulturellen

00:37:13.962 --> 00:37:15.922
Niveaus unserer Bevölkerung erforderlich.

00:37:16.122 --> 00:37:20.422
Es kommt darauf an, das sozialistische Bewusstsein der Werktätigen zu entwickeln.

00:37:20.562 --> 00:37:27.662
Heißt es in der 1952 verabschiedeten Verordnung über die Bildung des staatlichen Rundfunkkomitees.

00:37:27.942 --> 00:37:33.482
Das Radio wird ähnlich wie im Nationalsozialismus zum politischen Sprachrohr der Diktatur.

00:37:34.482 --> 00:37:38.122
Fast jeder Haushalt besitzt in der Nachkriegszeit ein Radiogerät.

00:37:38.442 --> 00:37:43.302
Darüber wird nicht nur das DDR-Programm empfangen, sondern auch Sender aus dem Westen.

00:37:47.582 --> 00:37:52.302
Hier ist Rias Berlin. Eine freie Stimme der freien Welt.

00:37:55.922 --> 00:38:02.222
Der Sender Rias Berlin geht 1946 auf Sendung. Er wird für viele Menschen in

00:38:02.222 --> 00:38:09.542
der DDR zur wichtigen Informationsquelle, zum Beispiel beim Volksaufstand am 17. Juni 1953.

00:38:16.067 --> 00:38:21.007
Wir wollen keine Sklaven sein, schrie die demonstrierende Menge. Lass da Schüße sein!

00:38:22.107 --> 00:38:27.287
Lass da Schüße sein! Spätestens hier wird klar, es ist fast unmöglich,

00:38:27.447 --> 00:38:30.407
die Radionutzung nur auf bestimmte Sender zu begrenzen.

00:38:31.247 --> 00:38:34.447
Die DDR setzt nach dem Volksaufstand am 17.

00:38:34.687 --> 00:38:39.567
Juni 1953 in den kommenden Jahrzehnten trotzdem auf Kontrolle.

00:38:40.407 --> 00:38:44.927
Gleichzeitig versucht sie im Laufe der Jahre, die eigenen Programme attraktiver

00:38:44.927 --> 00:38:51.807
zu machen Mehr Unterhaltung, mehr Musik, mehr Formate, die Hörer binden sollen Radio DDR bringt für Sie.

00:39:05.149 --> 00:39:08.289
Trotzdem bleiben Westsender in der DDR wichtig.

00:39:08.589 --> 00:39:12.349
Der RIAS, später auch andere Programme aus dem Westen werden gehört,

00:39:12.769 --> 00:39:14.509
sind aber offiziell verboten.

00:39:15.309 --> 00:39:20.209
Dazu kommen in den 1980er Jahren zunehmend auch selbstgebaute Funkanlagen,

00:39:20.389 --> 00:39:24.449
mit denen der Norddeutsche Rundfunk oder der Bayerische Rundfunk gehört werden.

00:39:24.769 --> 00:39:29.629
Aber auch im Westen war das Radio nicht vollkommen frei. Das ist auch ein gutes

00:39:29.629 --> 00:39:33.509
Stichwort, denn über ein Detail hatte der Staat dann doch noch die Kontrolle,

00:39:33.509 --> 00:39:34.749
nämlich über die Frequenzen.

00:39:34.909 --> 00:39:37.549
Die hat der Staat vergeben. Warum hat man das denn gemacht?

00:39:38.149 --> 00:39:42.369
Naja, das musste man letztlich machen. Das war aber eine technische Sache,

00:39:42.509 --> 00:39:44.269
das hat die Bundespost dann gemacht.

00:39:44.829 --> 00:39:48.189
Alle technischen Einrichtungen waren lange bei der Bundespost,

00:39:48.689 --> 00:39:52.889
weil es eben nur sehr begrenzte Anzahl von Frequenzen gab.

00:39:53.729 --> 00:39:57.469
Das konnte man nicht einfach freigeben, das wäre völlig unmöglich gewesen.

00:39:57.469 --> 00:40:01.489
Allerdings ist eben auch ganz klar gesagt worden, die dürfen wirklich nur die

00:40:01.489 --> 00:40:02.609
technische Seite machen.

00:40:02.809 --> 00:40:07.669
Die dürfen nicht irgendwas Inhaltliches machen, auch nicht entscheiden, wer es kriegt oder so.

00:40:08.249 --> 00:40:13.229
Das ist in einem Bundesverfassungsgerichtsurteil von 1961 nochmal ganz klar gesagt worden.

00:40:14.627 --> 00:40:17.487
Und das war dann auch erfolgreich, kann man sagen. In der Bundesrepublik wurde

00:40:17.487 --> 00:40:20.327
das Radio nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer wichtigen Säule.

00:40:20.627 --> 00:40:24.027
Nicht nur, was Diskussions- und Medienkultur angeht, sondern auch,

00:40:24.207 --> 00:40:26.327
wenn es um die Demokratisierung geht.

00:40:26.447 --> 00:40:29.747
Zumindest in den westlichen Besatzungszonen und dann eben in der Bundesrepublik.

00:40:30.167 --> 00:40:35.267
Ende der 1950er Jahre hatten schätzungsweise 85 Prozent der westdeutschen Haushalte

00:40:35.267 --> 00:40:36.787
mindestens ein Radiogerät.

00:40:37.367 --> 00:40:40.547
Zwar wurde das Fernsehen dann nach und nach populärer, war aber natürlich auch

00:40:40.547 --> 00:40:45.207
entsprechend teuer. und die Hauptinformationsquelle für die Menschen war nach wie vor das Radio.

00:40:45.767 --> 00:40:48.847
Jetzt sind wir in so einer Zeit, in der es in der gesamten westdeutschen Radiolandschaft

00:40:48.847 --> 00:40:51.207
nach dem Vorbild der britischen BBC, du hast das beschrieben,

00:40:51.447 --> 00:40:53.407
nur öffentlich-rechtliche Sender gab.

00:40:53.927 --> 00:40:58.827
Gerade in den 1950er und 1960er Jahren gehörten zum Kernprogramm klassische

00:40:58.827 --> 00:41:01.247
Musik, Vorträge, Kultur.

00:41:02.127 --> 00:41:06.907
Ich weiß nicht, ob jeder das jeden Tag gerne gehört hat und was fehlte war ganz

00:41:06.907 --> 00:41:12.207
klar Rock'n'Roll, coole Musik und Alltagsbezug, das gab es alles nicht so wirklich.

00:41:12.327 --> 00:41:16.507
In Westdeutschland hießen die Radiosendungen zum Beispiel Lieder- und Klaviermusik.

00:41:18.487 --> 00:41:20.507
Wirtschaftsfunk, Kammermusik oder Kulturspiegel.

00:41:21.007 --> 00:41:23.847
Klingt alles gut, ich denke mal, jeder hier im Saal hätte da auch gerne mal

00:41:23.847 --> 00:41:27.427
reingehört, aber permanent so ein Programm, ich weiß nicht, ist wahrscheinlich

00:41:27.427 --> 00:41:28.607
dann doch nicht so prickelnd.

00:41:28.707 --> 00:41:32.387
Und an dieser Art von Programmgestaltung gab es zuerst den Vereinigten Königreich Kritik.

00:41:32.747 --> 00:41:36.487
Ob das Programm nicht zu bieder ist, nicht zu weit entfernt von der Lebenswirklichkeit

00:41:36.487 --> 00:41:42.327
und später dann auch bei uns und einige Briten haben dafür eine kreative Lösung

00:41:42.327 --> 00:41:43.687
gefunden und zwar schon 1964.

00:41:53.688 --> 00:41:56.688
Caroline ist erst mal ein Song, aber was haben wir da gerade gehört?

00:41:57.588 --> 00:42:02.568
Das ist ein sogenannter Piratensender. Also Radio Caroline, das waren Schiffe,

00:42:02.748 --> 00:42:06.788
zwei Schiffe, die vor der britischen Küste ankerten in der Drei-Meilen-Zone

00:42:06.788 --> 00:42:10.668
und damit sozusagen dem unmittelbaren staatlichen Zugriff entzogen waren.

00:42:10.748 --> 00:42:14.488
Das heißt, die Gesetzgebung, die britische, galt nicht für diese Schiffe.

00:42:14.688 --> 00:42:18.648
Und deshalb konnten die da machen, was sie wollten und haben halt vor allen

00:42:18.648 --> 00:42:21.408
Dingen Popmusik gespielt.

00:42:22.028 --> 00:42:26.508
Das hatte aber durchaus kommerzielle Interessen. Dahinter steckten Musiklabels,

00:42:26.648 --> 00:42:30.268
und zwar ausländische, die vor allem ihre Musik vermarkten wollten.

00:42:30.648 --> 00:42:33.788
Kommt daher auch der Begriff Piratensender, weil die mit Schiffen unterwegs

00:42:33.788 --> 00:42:36.348
waren, wie so Piraten auf dem Meer? Ja, genau.

00:42:37.068 --> 00:42:40.128
Das ist ein sehr schillerndes Etikett gewesen für die. Klar,

00:42:40.268 --> 00:42:43.628
sie hatten Schiffe, wobei nicht alle Piratensender Schiffe hatten.

00:42:43.728 --> 00:42:44.648
Es gab auch welche an Land.

00:42:45.608 --> 00:42:50.148
Aber sie waren eben auch irgendwie außerhalb der Legalität. Und deshalb hat

00:42:50.148 --> 00:42:53.728
diese Metapher da gegriffen und sie wurde, glaube ich, von den Verantwortlichen

00:42:53.728 --> 00:42:58.428
auch protegiert, weil die wollten die ja weghaben. Das war illegal.

00:42:59.368 --> 00:43:01.228
Und das kam super an bei den Leuten.

00:43:02.096 --> 00:43:04.276
Ist dann auch nach Deutschland drüber geschwappt? Ich denke mal,

00:43:04.396 --> 00:43:07.376
viele kennen noch diesen wunderbaren Film Piratensender Powerplay,

00:43:07.376 --> 00:43:10.316
heißt der, glaube ich, mit Thomas Gottschalk unter anderem.

00:43:10.576 --> 00:43:13.956
Die haben kein Schiff, aber wenn ich mich richtig noch erinnere,

00:43:14.016 --> 00:43:16.216
dann war es so eine Art Wohnmobil oder irgendwas in die Richtung,

00:43:16.456 --> 00:43:17.936
aus dem sie dann gesendet haben.

00:43:18.116 --> 00:43:22.536
Wie war denn die Situation in der Bundesrepublik? Wann gab es die ersten privaten Radiosender?

00:43:23.316 --> 00:43:28.436
Das fängt eigentlich erst in den 80er Jahren an. Es gibt diese sogenannten Kabel-Pilot-Projekte.

00:43:28.996 --> 00:43:33.396
Da sind zwei Sachen treibend gewesen.

00:43:34.056 --> 00:43:37.676
Also zum einen gibt es diesen Frequenzmangel, der immer eine große Rolle gespielt

00:43:37.676 --> 00:43:42.756
hat, in gewisser Weise nicht mehr, weil es eben Verkabelung möglich ist und

00:43:42.756 --> 00:43:47.196
man Radioprogramme auch über Kabel übertragen kann und dann spielen die terrestrischen

00:43:47.196 --> 00:43:48.876
Frequenzen einfach keine Rolle mehr.

00:43:49.436 --> 00:43:55.976
Und das andere war, dass schon lange die Lobby der Zeitungsverleger gerne Werbung

00:43:55.976 --> 00:44:00.676
auch im Radio und Fernsehen unterbringen wollte. Da haben die ein großes Geschäft drin gesehen.

00:44:00.876 --> 00:44:04.736
Also wenn man so will, fängt die Krise des Print, von der wir vorhin gehört haben, schon da an.

00:44:05.096 --> 00:44:09.516
Und die haben lange lobbyiert und das stößt vor allem bei den Konservativen

00:44:09.516 --> 00:44:13.756
auf Resonanz, weil die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu links finden.

00:44:14.136 --> 00:44:17.636
Und dann kommen die Privatsender unter Kohl, Mitte der 80er Jahre.

00:44:18.642 --> 00:44:21.942
Wie hat das denn die Radiolandschaft insgesamt verändert, vor allem inhaltlich

00:44:21.942 --> 00:44:23.182
und was die Musik angeht?

00:44:24.062 --> 00:44:27.402
Das hat sie vor allen Dingen mal sehr stark kommerzialisiert, würde ich sagen.

00:44:27.742 --> 00:44:32.342
Es kommen dann eben zunehmend solche Formatradios, bilden sich heraus,

00:44:32.902 --> 00:44:37.622
also wo ganz bestimmte Zielgruppen mit ganz bestimmten Musikfarben angesprochen werden.

00:44:37.722 --> 00:44:41.442
Das muss durchhörbar sein, das heißt kein Wortbeitrag über 1,30.

00:44:42.582 --> 00:44:45.942
Also das, was wir heute vielleicht als Dudelfunk bezeichnen würden,

00:44:46.062 --> 00:44:49.822
das setzt sich auf breiter Linie durch. Das sogenannte Formatradio,

00:44:50.002 --> 00:44:54.662
das inzwischen auch dann auf die öffentlich-rechtlichen Auswirkungen hat. Von Anfang an.

00:44:55.102 --> 00:45:00.422
Also die Entrümpelung von sperrigen Formaten oder so beginnt schon in den 80er

00:45:00.422 --> 00:45:03.262
Jahren, also beim NDR etwa, kann ich mich noch dran erinnern.

00:45:03.702 --> 00:45:06.762
Und jetzt springen wir nochmal ein bisschen zurück zu einem Herrn,

00:45:06.982 --> 00:45:11.582
der prophetische Gaben hatte, kann man schon sagen, nämlich Berthold Brecht.

00:45:14.602 --> 00:45:20.782
Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln.

00:45:21.082 --> 00:45:26.542
Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens.

00:45:26.882 --> 00:45:28.962
Ein ungeheures Kanalsystem.

00:45:29.622 --> 00:45:33.782
Das heißt, er wäre es, wenn er es für Stünde nicht nur auszusenden,

00:45:33.982 --> 00:45:35.422
sondern auch zu empfangen.

00:45:35.722 --> 00:45:41.442
Also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren.

00:45:41.582 --> 00:45:44.022
Sondern ihn in Beziehung zu setzen.

00:45:45.622 --> 00:45:49.302
Das hat Bertolt Brecht schon in den 1930er-Jahren gesagt.

00:45:49.482 --> 00:45:54.042
Und damit hat er, kann man so sagen, die Entwicklung der vergangenen 25 Jahre vorweggenommen.

00:45:54.142 --> 00:45:57.622
Er beschreibt nicht nur das moderne Radio oder die sozialen Medien,

00:45:57.862 --> 00:46:01.842
sondern tatsächlich auch Podcasts, dass also die Empfänger zu sendern werden.

00:46:02.402 --> 00:46:05.802
Und diese Entwicklung begann mit der zunehmenden Digitalisierung so um das Jahr

00:46:05.802 --> 00:46:06.662
2000 heruntergekommen.

00:46:07.317 --> 00:46:09.517
Darüber werdet ihr wahrscheinlich morgen noch eine ganze Menge hören,

00:46:09.637 --> 00:46:11.897
ist da noch ein volles Programm angesagt.

00:46:12.157 --> 00:46:15.557
Für uns kann man sagen, als Hörerinnen und Hörer ist es inzwischen selbstverständlich,

00:46:15.617 --> 00:46:20.217
dass wir nicht nur Radio on Demand in Mediatheken und Audiotheken abrufen können,

00:46:20.357 --> 00:46:25.117
zum Beispiel ein schönes Radio-Feature anhören, in der ARD-Audiothek,

00:46:25.177 --> 00:46:26.957
Audiomediathek wäre glaube ich ein bisschen doppelt.

00:46:27.397 --> 00:46:29.357
Wann und wo wir wollen, können wir das machen.

00:46:29.877 --> 00:46:33.997
Ganz besonders gilt das tatsächlich auch für Podcasts, während es nach wie vor

00:46:33.997 --> 00:46:37.237
parallel immer noch das lineare Radio gibt. Und interessant ist,

00:46:37.357 --> 00:46:41.497
dass die Entwicklung von Podcasts gewissermaßen zu einer Demokratisierung der

00:46:41.497 --> 00:46:44.557
Audiolandschaft geführt hat, mal ganz salopp formuliert.

00:46:44.657 --> 00:46:47.257
Denn anders als beim Radio, egal ob privat oder öffentlich-rechtlich,

00:46:47.417 --> 00:46:49.837
ist der Zugang zum Podcast ja nicht begrenzt.

00:46:49.997 --> 00:46:54.077
Jeder kann inzwischen sogar mit seinem Handy, wenn er will, einen Podcast aufnehmen.

00:46:54.197 --> 00:46:56.997
Man hat ein Schnittprogramm auf dem Handy und das geht alles ganz einfach.

00:46:57.117 --> 00:47:01.357
Man braucht einen Hostingdienst, zahlt dann 2,50 Euro und kann seinen Podcast

00:47:01.357 --> 00:47:06.857
dort veröffentlichen und senden. Man kann also vom Empfänger zum Sender werden.

00:47:07.177 --> 00:47:11.977
Im Bewegtbild haben wir das auch erlebt. Das Ursprungsmotto von YouTube war Broadcast Yourself.

00:47:12.597 --> 00:47:16.917
An der Stelle deshalb nochmal die Frage an dich, Christoph, wie schätzt du denn diese Entwicklung ein?

00:47:16.957 --> 00:47:22.157
Ist es gut oder schlecht, diese Demokratisierung des Medienwesens? Ambivalent.

00:47:23.437 --> 00:47:28.337
Kommt drauf an, könnte auch ein Jurist sagen. Ja, aber Demokratisierung ist

00:47:28.337 --> 00:47:29.457
natürlich nie schlecht.

00:47:30.117 --> 00:47:33.837
Insofern hat das sicher was Gutes. Aber auf der anderen Seite führt es eben

00:47:33.837 --> 00:47:37.697
auch zu einer totalen Angebotsflut und Unübersichtlichkeit.

00:47:38.037 --> 00:47:42.577
Und es führt dazu, dass es eine immer stärkere Konkurrenz um Aufmerksamkeit gibt.

00:47:42.837 --> 00:47:44.777
Weil die Zeit, die wir mit Medienkonsum

00:47:44.777 --> 00:47:48.617
verbringen, die wächst ja nicht proportional zu den Angeboten.

00:47:49.157 --> 00:47:53.177
Und das führt zu bestimmten Eigenschaften dieser Medienprodukte,

00:47:53.317 --> 00:47:55.757
die dann doch, glaube ich, eher problematisch sind.

00:47:55.757 --> 00:48:00.317
Und dazu kommt noch, dass natürlich auch diese Entwicklung hochgradig an den

00:48:00.317 --> 00:48:05.137
Plattformen hängt, wie wir alle wissen, an den großen Plattformen und deren

00:48:05.137 --> 00:48:10.337
turbokapitalistische Organisation ist jetzt sicher nichts, was Brecht irgendwie gut gefunden hätte.

00:48:11.306 --> 00:48:15.226
Ja, gut, das ist sicher wahr. Es ist auf jeden Fall eine interessante Entwicklung

00:48:15.226 --> 00:48:19.486
und 70.000 Podcasts spricht ja für sich, dass es eben viele Leute gibt,

00:48:19.626 --> 00:48:24.346
die inzwischen selbst zu Produzentinnen und Produzenten geworden sind. Und es geht ja weiter.

00:48:24.506 --> 00:48:28.206
Es gibt nicht nur Podcasts, die schon komplett über KIs produziert werden,

00:48:28.306 --> 00:48:29.166
unserer übrigens nicht.

00:48:29.546 --> 00:48:34.846
Es gibt auch eigene KI-Radiosender, bei denen alles über künstliche Intelligenz generiert wird.

00:48:34.946 --> 00:48:38.846
Das heißt die Moderation, die Inhalte und auch die Musik. Hi,

00:48:39.066 --> 00:48:43.246
ich bin Big Layla und geschaffen worden, um die Welt ein bisschen besser zu machen.

00:48:43.406 --> 00:48:49.566
Mit neueren Tracks, denn unsere täglichen Big GPT Top 40 sind ausschließlich von KI generiert.

00:48:49.906 --> 00:48:56.326
Mit allen News rund um Lifestyle und Psychiatrics auf Social Media. Nein, ich auch nicht.

00:48:56.946 --> 00:49:01.586
Also ich glaube an den Menschen als soziales Wesen, der doch irgendwie ein Gegenüber,

00:49:01.686 --> 00:49:06.866
ein echtes Gegenüber haben will und nicht immer nur simuliertes Verständnis und Emotionen.

00:49:07.886 --> 00:49:10.506
Ich würde sagen, machen wir zum Schluss genau zu diesem Punkt mal ein kleines

00:49:10.506 --> 00:49:14.346
Gedankenexperiment mit euch. Stellt euch mal vor, wir sind im Jahr 2036.

00:49:14.646 --> 00:49:18.606
Es gibt gar kein festes Radioprogramm mehr, keine Redaktionen.

00:49:19.226 --> 00:49:21.386
Also hoffen wir natürlich nicht, dass es so ist, aber stellt es euch mal vor.

00:49:21.826 --> 00:49:25.206
Und stattdessen schaltet ihr ein und das Radio, das weiß schon vorher, was ihr wollt.

00:49:25.286 --> 00:49:28.606
Es kennt eure Stimmung, es kennt eure Vorlieben und es spricht mit einer Stimme,

00:49:28.686 --> 00:49:31.146
die euch vertraut ist. Vielleicht sogar mit eurer eigenen Stimme.

00:49:31.646 --> 00:49:36.086
Und es erzählt euch Geschichten genauso, wie ihr sie am liebsten hört.

00:49:37.246 --> 00:49:40.486
Mal wieder das Applausometer. Wer von euch fände das denn gut?

00:49:43.170 --> 00:49:48.170
Stille im Raum. Das macht Hoffnung. Ja, absolut.

00:49:48.890 --> 00:49:52.170
Also klare Antwort, klarer geht es gar nicht mehr. Und ich glaube,

00:49:52.230 --> 00:49:54.590
wir beiden sind uns einig, dass wir es genau so sehen.

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Was sagst du, ist die Zukunft von Podcasts, von Radio? Gibt es irgendwann nur

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noch eins? Inzwischen laufen ja auch im Radio viele Podcasts.

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Naja, dadurch, dass die Produktionskosten relativ überschaubar sind,

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wird es wahrscheinlich jetzt nicht so eine große Marktbereinigung geben,

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glaube ich, wie bei den Streaming-Anbietern.

00:50:13.790 --> 00:50:17.550
Also ich glaube schon, dass das Format eine große Zukunft auch hat.

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Und ich glaube aber auch nach wie vor an die Zukunft des kuratierten Programms.

00:50:21.710 --> 00:50:25.510
Also ich glaube, es wird immer Leute geben, die, wie das vorhin mal jemand sagte,

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einfach nur auf den Knopf drücken wollen und dann kommt was.

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Genau, man will sich einfach brieseln lassen, weil man keine Lust hat,

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da selber was zusammenzustellen.

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Das hat Christoph Klaassen, unser Experte für heute. Ganz herzlichen Dank für

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die Einblicke und für die Reise, die wir mit dir machen konnten.

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Und natürlich ein großes Dankeschön auch an Andrea Katt und Dominik Freiberger

00:50:51.649 --> 00:50:54.809
für unser Live-Programm auf der Bühne.

00:50:58.289 --> 00:51:03.329
Andrea ist auch eine der Autorinnen dieser Sendung, dieser Live-Sendung,

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genauso wie Janine Funke und verantwortliche Redakteurin beim ZDF ist Katharina

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Kolvenbach, auch an euch ein ganz herzliches Dankeschön.

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Und weil wir so hybrid sind, kann man diesen Podcast auch nochmal nachhören

00:51:20.949 --> 00:51:24.969
beim Deutschlandfunk im Netz, Da geht er demnächst online und ab April dann

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auch bei uns bei Terra X History, da gibt's die neue Staffel.

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Am 17. April startet die sechste Staffel. Sehr schön, wenn ihr da mal reinhört.

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Wir würden uns freuen, garantiert nicht mit KI, sondern mit MI,

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mit menschlicher Intelligenz erzeugt. Danke euch fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal. Dankeschön.

