Na, habt ihr eine Gänsehaut bekommen? Oder ein flaues Gefühl im Magen? Was ihr da gehört habt, das war ein Ausschnitt aus dem neuen Horror-Kurzfilm Skylight des britischen Filmregisseurs Barnaby Bolton. Mit ihm werden wir ganz am Ende dieser Folge sprechen, denn in dieser Folge geht es um die Geschichte von Horror und Grusel.

Ich bin Mirko Drotschmann und ihr hört Terra X History, der Podcast. Also, wenn ich so etwas höre, wie gerade am Anfang, oder einen Horrorfilm sehe, eine gruselige Geschichte lese, dann fühle ich mich ein bisschen unbehaglich, muss ich sagen. Vor allem bei Filmen wie zum Beispiel Blair Witch Project oder The Ring aus den 2000er Jahren. Ich weiß noch genau, wie ich damals mit einem Freund im Kino gewesen bin. Und wir haben uns immer an uns gegenseitig so festgehalten und festgeklammert, wenn dann wieder dieses Mädchen aufgetaucht ist. Und das passiert mir immer noch, wenn ich den Film sehe, ehrlich gesagt. Also der Grusel ist immer noch da. Aber woher kommt die Faszination vieler Menschen für Horrorgeschichten? Warum lesen sie etwas oder gucken sich, wie wir auch da im Kino, freiwillig etwas an, um sich dann zu gruseln und Angst zu haben? War das in der Antike auch schon so? Welche mystischen Figuren haben den Menschen im Mittelalter Angst und Schrecken eingejagt? Und warum sind ausgerechnet in der Zeit der Romantik, also im späten 18. und vor allem 19. Jahrhundert, die ersten richtigen Horror-Romane entstanden, von denen einige schon damals zu Bestsellern wurden? Die Romantik inspiriert Autoren bis heute.

Ein verregneter Herbstmorgen in der Kleinstadt Derry im US-Bundesstaat Maine. Der kleine Georgie spielt mit einem Papierboot, das ihm sein Bruder gewastelt hat. Georgie lässt es im Regenwasser am Straßenrande hinfahren. Dann treibt das Boot plötzlich in einen Straßengulli. Georgie beugt sich hinunter, um es herauszufischen. Da blitzen ihn zwei gelbe Augen aus der Dunkelheit an. Hi Georgie. Der kleine Georgie sieht in der Dunkelheit ein weiß geschminktes Gesicht. Ein Clown. Rote Lippen, rote Haare, gelbe Augen. Und da ist auch sein Boot. Der Clown hält es in den Händen. Ich habe auch viele Ballons zum Spielen hier unten. Popcorn. Und Zuckerwatte. Willst du nicht runterkommen? Georgie lächelt für einen Moment. Dann greift er nach dem Boot.

They all float. You will float too. Hier unten schweben sie alle. Du wirst auch schweben. Diesen Satz kennt ihr vielleicht, wenn ihr den Roman S von Stephen King gelesen oder die gleichnamigen Verfilmungen gesehen habt, woraus die Szene stammt, die ihr gerade gehört habt. Ich muss sagen, mir läuft schon ein Schauer den Rücken runter, wenn ich nur daran denke. Es ist ein brutaler Psychohorror, der hier verarbeitet wird. Kinder, die verschwinden. Der vermeintlich sonst so liebe Clown, der sie etwa alle 27 Jahre tötet und in der Kanalisation haust. Stephen King ist heute unbestritten der Meister des Horrors. Über ihn und sein Buch Dance Macabre, Totentanz aus den 1980er Jahren, sprechen wir später auch noch in diesem Podcast hier.

Ich muss zugeben, ich bin kein richtig großer Horrorfan, auch wenn ich mir hin und wieder mal Filme anschaue. und vermutlich werde ich es in meinem Leben auch nicht mehr werden. Wobei ich mich tatsächlich auch wundere, warum viele es so faszinierend finden, sich freiwillig Grusel und Horror auszusetzen. Ich weiß doch, wie ich irgendwann mal nachts heimlich aufgestanden bin, den Fernseher eingeschaltet habe und dann lief Carrie, ein wirklich gruseliger Film. Und ich konnte dann nicht nur diese Nacht nicht schlafen, sondern auch die nächsten Nächte nicht. Und bei den besonders gruseligen Szenen in diesem Film, da habe ich immer weggeguckt und dann so mit halbem Auge auf den Fernseher geguckt, ist die Szene vorbei oder ist sie nicht vorbei. und ich wollte diese gruseligen Szenen einfach überspringen. Ich wollte sie ausblenden. Aber, das sagt der Medienwissenschaftler Matthias Clayson, das sei eine ganz, ganz schlechte Idee. Man hört immer noch den Ton. Und es ist sehr schwierig, ein akustisches Signal zu blockieren. Selbst wenn man sich die Ohren zuhält, kann der Ton immer noch über deinen Körper übertragen werden. Was man also im Grunde tut, ist, dass man das visuelle Signal abschneidet, aber immer noch ein akustisches Signal erhält. Das ist, wie wenn man die Fantasie anfachen würde.

Du hörst die Schreie und das Monster und den ganzen Sound. Und deine Fantasie produziert Bilder, die noch viel gruseliger sein können als das, was du auf dem Bildschirm siehst. Ich würde also diese Strategie nicht empfehlen, obwohl wir es alle tun. Matthias arbeitet an der Universität in Aarhus in Dänemark am Recreational Fear Lab, also am Labor für Freizeitangst. Dazu zählt auch der Horror. Er und seine Mitforscher untersuchen, warum sich Menschen freiwillig in Situationen begeben, in denen sie sich gruseln. Zum Beispiel, wenn sie einen Zombie-Film gucken. Es klingt etwas seltsam. Aber für viele Menschen ist es faszinierend, sich solche Gruselmedien anzugucken. Weil es eine selbstgewählte, kontrollierte Form ist, mit der Angst zu spielen.

Einen Albtraum zu haben, ist nie angenehm. Denn du kannst diesen Albtraum nicht kontrollieren. Es ist, als wenn du dich in einem Horrorfilm wiederfindest, aber der Hauptdarsteller bist. Aber wenn du einen Horrorfilm siehst und einen Roman von Stephen King liest, dann kannst du das Buch einfach zuklappen oder den Fernseher ausschalten. Oder du gehst einfach aus dem Kino. Du kontrollierst die Situation und das scheint es angenehm zu machen, denn du kannst den Horror beenden, wenn du es willst.

Horror-Geschichten wurden lange Zeit als etwas angesehen, das psychologisch schädlich und moralisch problematisch war. Aber Forschungen, auch in unserem Labor, lassen den Schluss zu, dass wir vom Horror profitieren und resilienter, also widerstandsfähiger werden und auf diese Weise trainieren, wie wir mit Stress und Angst umgehen können, auch in der realen Welt. Ich bin der Überzeugung, dass es einen evolutionären Vorteil bedeutet, wenn uns Horrorgeschichten gefallen. Wenn wir eine Gruselgeschichte sehen oder einen Horrorfilm angucken, dann transportiert uns das in eine fiktionale Welt voller Gefahren. Und wir stellen uns vor, in so einer Welt zu leben. Es ist so etwas wie eine virtuelle Realität, ein künstliches Experiment, ohne reale Gefahr, ohne echte Bedrohung. Wir gucken zum Beispiel einen Zombiefilm im Kino und sehen zu, wie die Welt untergeht. Aber es ist keine reale Gefahr, denn die Zombies sind ja auch nicht real. Unsere Vorstellung ist, dass der größte Nutzen solcher Horrorgeschichten darin liegt, dass sie uns ein Worst-Case-Szenario simulieren. Und das wiederum bedeutet einen evolutionären Vorteil, da wir so viel über uns und die Welt lernen und darüber, wie man gefährlichen Situationen entkommt.

Es scheint so zu sein, dass, je angsteinflößender die Welt um uns herum wird, umso mehr Menschen interessieren sich für fiktive Horrorgeschichten. Wir haben in den vergangenen fünf Jahren beobachtet, dass die Zahl der Horrorfilme stark zugenommen hat und sie immer populärer geworden sind. Und ich glaube, das hängt damit zusammen, dass unsere Welt immer bedrohlicher und unvorhersehbarer wird. Wenn wir uns fiktive Geschichten anschauen über das, was passieren könnte, Szenarien oder Simulationen, dann ist das auch ein Weg, um uns darauf vorzubereiten.

Es ist ein drückend heißer Tag. Ezekiel steht in der Wüste, vor ihm breitet sich ein weites Tal aus. Es ist voller Knochen, soweit das Auge reicht. Wie viele es wohl sind? Tausende? Zehntausende? Es sind große und kleine Knochen, Arme, Beine, Rippen, Schädel. Sie bleichen in der unerbittlichen Sonne. Menschensohn, können diese Gebeine wieder lebendig werden? Herr, du weißt es. Ihr verdorrten Knochen, höret das Wort des Herrn. Siehe, ich bringe Geist in euch, dass ihr wieder lebendig werdet. Ich will euch Sehnen geben und Fleisch über euch wachsen lassen und euch mit Haut überziehen. Ezekiel erstarrt. Er beobachtet, wie sich Knochen an Knochen fügt und sich das Tal mit leblosen nackten Körpern füllt. Ezekiel, blase diese Toten an, damit sie wieder lebendig werden. Und Ezekiel tut, wie Gott ihn befohlen hat. Und die leblosen Körper werden wieder lebendig und stehen auf. Ein Heer der Untoten.

Diese Horrorgeschichte wird Ihnen präsentiert von der Bibel. Da steht sie tatsächlich, denn Angst und Schrecken, Horror und Grusel, diese Gefühle kennen Menschen schon seit jeher. Die Antike ist voll von solchen Geschichten. Die Geschichte von Ezekiel, einem Propheten aus dem Alten Testament, ist nicht die einzige, die in der Bibel steht und wörtlich genommen aus heutiger Sicht an moderne Zombie-Apokalypsen erinnert. Also nicht, dass ich die Bibelgeschichten mit Zombie-Apokalypsen vergleichen will, aber an vielen Stellen ist in der Bibel die Rede von der Hölle, vom Teufel, vom jüngsten Gericht und vom Weltuntergang.

Im Alten Testament gibt es die 10 Plagen, im Neuen Testament ist von sieben Plagen die Rede. Das ist alles ziemlich schrecklich und kann Angst einjagen. Aber die Bibel war ja nicht einfach nur ein Buch, das die Menschen zum Spaß gelesen haben, keine bloße Unterhaltungsliteratur. Aber warum stehen darin so viele Horrorgeschichten? Und abgesehen von der Bibel, warum verfolgen uns Wehrwölfe und Wiedergänger schon seit Jahrhunderten, vielleicht sogar schon seit Jahrtausenden? Darüber spreche ich jetzt mit Marco Frenschkowski, Professor für Evangelische Theologie an der Universität Leipzig und Religionswissenschaftler. Hallo Herr Frenschkowski, schön, dass Sie sich Zeit für unseren Podcast nehmen. Ja, ich freue mich über Ihr Interesse. Wir haben in der Bibel nach Horrorgeschichten gesucht und sind zum Beispiel auf Matthäus 27, da öffnen sich Gräber, Menschen steigen auf und Ezekiel 37, das Tal der Knochen gestoßen.

Diese Geschichte haben wir gerade gehört. Das klingt ein bisschen nach dem, was wir heute vielleicht Zombie-Horror nennen würden. Warum steht sowas denn in der Bibel? Das hat natürlich damit eigentlich gar nichts zu tun. Also es gibt in der Bibel natürlich unheimliche, fantastische Motive und Themen, auch Geschichten, die ein unheimliches Element enthalten. Jesus, der den Jüngern nachts auf dem See Genezareth erscheint, dann haben sie also Angst und denken, das ist ein Gespenst, ein Phantasma, ja, und fangen sie an zu schreien und sagen, nein, ich bin doch kein Gespenst, ihr kennt mich doch, ja. Also das gibt es natürlich schon, aber die Motive, die sie eben ernannt haben, also zum Beispiel das Pal der Knochen beim Propheten Hesekiel, Hesekiel 37, da geht es also um das Wiedererwachen der Nation. Die Nation ist sozusagen tot, das jüdische Volk, im Exil, es wird aber wiederbelebt von Gott. Buchstäblich ist das nicht gemeint. Also es werden keine realen Toten auferweckt. Das ist eine symbolische Szene, in der es darum geht, dass also das Volk, obwohl es nun in der Fremde ist und im Exil, dennoch eine Zukunft hat und wieder nach Israel zurückkehren darf. Und das wird eben symbolisch in dieser Szene mit den wiederbelebten Knochen inszeniert.

Das hat schon ein bisschen was Unheimliches, aber es hat natürlich gar nichts zu tun mit Zombie-Fantasien oder so etwas. Warum griff man denn auf solche gruseligen Geschichten zurück? Man hätte das ja vielleicht auch ein bisschen weniger schockierend formulieren können. Naja, die Bildwelt des Unheimlichen, die Bildwelt des Monströsen und des Gespenstischen und des Dämonischen, die beschreiben natürlich Facetten menschlicher Erfahrung, die man anders nicht einfangen kann. Das Makabre ist natürlich ein Versuch, irgendwie spielerisch-literarisch mit dem Tod fertig zu werden. Das funktioniert dann zwar nicht, weil man den Tod so nicht besiegen kann, aber es ist Teil einfach der imaginativen und literarischen Welt. Das ist Teil unseres Lebens, wenn es auch natürlich die reale Erfahrung entgrenzt und über das Reale hinausgeht.

Ja, dazu zählen natürlich auch die Hölle und der Teufel. Allein das sind ja schon gruselige Vorstellungen, wenn man da mal ein bisschen tiefer reingeht. Welche Funktion hatten denn solche Erzählungen?

Da muss man natürlich sagen, das hat sich natürlich mit den Zeiten sehr geändert. Also es ist klar, dass es, sagen wir, im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit auch Angstfantasien sind, ja, gar keine Frage. Im Neuen Testament ist es das nicht. Also der Teufel ist ja eine besiegte Figur, ist sozusagen eine besiegte Großmacht. Er kann die Welt nicht mehr bestimmen, er versucht das immer nochmal, aber das ist sozusagen nur ein Nachgeplänkel, denn er ist besiegt. Das ist die christliche Grundüberzeugung, dass die Macht des Bösen eine gebrochene Macht ist. Und in dem Kontext, die Teufelsfigur, die also erst im spätalttestamentlichen Judentum entsteht, die also relativ jung ist, im großen Teil des Alten Testamentes kommt das noch gar nicht vor, ist eine jüngere Figur, die ist dann eine Symbolfigur für das Böse, an dessen Realität man natürlich schon geglaubt hat. Aber es ist keine Angstfantasie. Im Neuen Testament gibt es keine Angst vor dem Teufel. Im Gegenteil, der ist besiegt. Und dann im Mittelalter, da können sich dann schon auch eher Angstbilder einstellen. Aber das ist immer flankiert auch von zum Beispiel Spott. Es gibt also ganz viele Geschichten über den dummen Teufel, wo der Teufel besiegt wird und also versucht irgendwie etwas zu erreichen, aber das gelingt ihm nicht und er wird verspottet. Also das ist so eine Ambivalenz. Es ist Angst, aber es ist auch Spott. Es ist Symbolik des Bösen, aber schon auch die reale Erfahrung, dass es Dinge gibt, die der Mensch nicht beherrschen kann. Und das alles steckt in solchen Figuren drin. Es ist eben eine relativ komplexe Mythologie. Vieles hängt ja mit dem Tod zusammen, der im Mittelalter viel gegenwärtiger war als das heute. Der Fall ist, Menschen sind früher gestorben und sind auch eher gestorben an Krankheiten, anderen Dingen.

War vielleicht der Blick dann auch auf solche Formulierungen, auch entsprechende Abbildungen ein anderer? Dinge, die wir uns heute anschauen und denken, das ist aber gruselig, waren damals eher alltäglich, kann man das so sagen? Naja, also die Realität des Todes war für Menschen in der Antike oder im Mittelalter, aber auch noch in der frühen Neuzeit, ist der Tod natürlich näher als bei uns. Also wenn Sie heute Studenten fragen, haben Sie schon mal einen toten Menschen gesehen? Sagen viele nein. Früher war das völlig selbstverständlich. Jedes Kind hat tote Menschen gesehen. Es gibt eine berühmte Passage bei dem Kirchenvater Augustinus, wo er erzählt, dass in der Stadt, wo er da wohnt, am Wegrand eine Leiche lag und dann die Leute alle kamen und sich das angucken wollten. Und da wundert er sich so ein bisschen, warum wollen die alle da die verwesende Leiche sehen, bis die dann also begraben worden ist. Das fasziniert die Leute daran, da rätselt er so ein bisschen herum. Das ist so auch die Begegnung mit dem Makabren eben auch in antiken Gesellschaften. Natürlich hat sich das geändert, aber es ist so, Peste wie Halloween oder eben andere moderne Inszenierungen, auch die Filme und die Literatur des Unheimlichen, da holt das Makabe, das Unheimliche sozusagen die rationale Gesellschaft wieder ein. Das Verdrängte kommt dann zurück. Welche Funktion hat solche Geschichten im Alltag der Menschen? War es vielleicht auch ein Stück weit Unterhaltung? Ja, natürlich. Gar keine Frage. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Man darf nicht überall nach Bedeutung fragen, sondern das hat eben schon immer ein Unterhaltungselement auch gehabt.

Dämonengeschichten, Gespenstergeschichten waren immer auch mit einem angenehmen Grusel verbunden. Natürlich steckt dahinter dann aber auch ein etwas anderes, etwas Tieferes. Ja, Sigmund Freud hat das Unheimliche bekanntlich definiert als das verdrängte Heimliche. Also das, wo etwas Verborgenes, was wir vor uns selbst nicht wahrhaben wollen, sichtbar wird und nach unserer Identität greift. Das ist eigentlich in seinem Wesen das Unheimliche. Und das steckt dann eben auch drin und wird dann in solchen Motiven und Geschichten, auch im Monströsen, wird das dann sichtbar. Jetzt müssen wir mal eine heikle Sache ansprechen. Heute gibt es ja jede Menge Zombie-Filme, Zombie-Serien. Das sind Untote, die also nicht wirklich gestorben sind, wieder auferstanden sind sozusagen, aber irgendwo zwischen den Welten unterwegs sind. Wenn wir über Jesus sprechen, dann könnte man ja auch sagen, er ist so eine Art Untoter, er ist von den Toten auferstanden und dann später in den Himmel aufgestiegen.

Und wie war das denn damals? Hat man sich vor Untoten gegruselt im Mittelalter oder war das auch vor dem Hintergrund, dass eben Jesus auch in diese Richtung unterwegs war, etwas eher Normales? Also da muss man ein kleines bisschen ausholen. Also Zombies gibt es natürlich in dieser Zeit noch gar nicht. Zombies entstehen erst in der Neuzeit. Das ist ein karibisches Motiv, das dann zu seinen ethnischen Rahmen verliert. Das ist eigentlich eine Metapher für die Sklaverei. Also hinter jedem Monster steht ja eine gesellschaftliche Angst, die individualisiert wird. Und der Zombie ist natürlich die Angst, dass ich überhaupt keine Person mehr bin, dass ich vollständig beherrscht werde von einem anderen. Das ist die Angst vor der Sklaverei. Und die wird dann ins Fantastische verlagert in der Figur des Zombie, die im Prinzip in der Literatur erst im 19. Jahrhundert auftaucht. Das Motiv ist schon ein bisschen älter, aber es ist keine antike Figur, kann man nicht sagen. Und auch Verstehung ist natürlich was völlig anderes. Das ist ja ein Hoffnungsgut. Da geht es ja darum, dass der Tod besiegt wird, dass da ein neues Leben entsteht, über den Tod hinaus. Und das erleben Christen und behaupten es von ihrem Jesus. Und darüber werden dann Geschichten erzählt, die waren natürlich verwechselbar. Also der Vergleich ist nicht so unpassend, denn wenn man fragt, wie Nichtchristen oder Menschen, die mit Jesus nichts zu tun haben wollten, wie die das gedeutet haben, diese Erfahrungen mit dem auferstandenen Jesus, dann war klar, für die war das ein Gespenst. Gehen wir mal von der Bibel ein Stück weit weg und kommen allgemein zu Schreckensfiguren, die im Mittelalter nach und nach dazukommen.

Wiedergänger, Nachzehrer, Wehrwolf, Vampire, Dämonenfiguren, Hausgeister, wieder Inkubus, der Alb oder auch Kobolde. Die haben alle eins gemeinsam, würde ich zumindest mal behaupten, sie erscheinen fast ausschließlich in der Nacht. Das ist definitiv falsch. Also die Zeit des Schreckens in der Antike zum Beispiel ist die Mittagsstunde. Im Mittelmeerraum, wenn es mittags heiß ist, niemand freiwillig rausgeht, wenn alles ganz still wird, das ist die Stunde, in der Pan erscheint, der panische Schrecken, da kommt unser Begriff her, also der Gott Pan und der erscheint mittags. Mittags um zwölf, wenn alles still ist, wenn die Natur schweigt, wenn dann etwas Numinoses erscheint, dann ist das der Gott Pan, das ist die eigentliche Schreckstunde. In den europäischen Ländern, da ist es in der Tat eher die Nacht, die unheimliche Zeit, wo man dann so etwas glaubt. Aber also Gespenster natürlich, das wird eher von der Nacht erzählt. Das ist eben die Zeit, wo unsere Sinne eingeschränkt sind und wir alles Mögliche fantasieren. Wir können nicht sehen, wir müssen daran denken, es gibt keine Straßenbeleuchtung. Also ein ganz wichtiger Punkt für die mittelalterliche Welt, es ist viel dunkler als bei uns.

Und diese Übermacht des Dunklen, das spielt da natürlich schon eine Rolle. Kann man denn sagen, dass diese gruseligen Gestalten, sage ich jetzt mal ganz salopp, auch eine ganz wichtige gesellschaftliche Funktion hatten, dass die Menschen sie gebraucht haben? Sie konfrontieren die Gesellschaft mit Dingen, die die Gesellschaft als solche verdrängt. Also ich habe das vorhin am Zombie erwähnt. Das sind Grundängste, die der Mensch hat, die sich dann individualisieren. Also Zombie, da bin ich eben ein toter Körper, ich kann nichts mehr bestimmen. Das Gespenstische, das heißt natürlich, ich verflüchtige mich gewissermaßen zu einer Existenzweise, in der ich nur noch ein Schatten meiner selbst bin, in der ich nichts mehr tun kann, in der ich sagen, ob Leute erschrecken kann, aber mehr auch nicht.

Also das sind Ängste, was könnte denn aus mir werden? Was wäre sozusagen das, was meine Identität radikal infrage stellt? Und das tut sich in diesen Figuren aus. Und wie immer bei Angstfantasien ist das Gegenteil dann auch das Faszinanz. Der Vampir ist natürlich nicht nur erschreckend, sondern ist eben auch faszinierend. Wenn wir jetzt in die Moderne gehen, also in das 19. und 20. Jahrhundert, dann ist H.P. Lovecraft ein berühmtes Beispiel für Horrorgeschichten. Er hat den sogenannten kosmischen Horror erfunden. Sie haben sich intensiv mit diesem Horrorautor beschäftigt. Und bevor wir näher über ihn sprechen, hören wir doch mal in eine Geschichte von Lovecraft rein.

Die Familie Gartner lebt mit ihren drei Söhnen bei Arkham im US-Bundesstaat Massachusetts. Sie haben ein stilles, einfaches Leben, bewirtschaften das Land, halten Kühe. Es war nur eine Farbe aus dem All. Eine Farbe, die kein menschliches Auge je zuvor gesehen hatte. Niemand weiß, was es war. Kein Stein, kein Metall, keine Farbe, die man kennt. Und doch scheint dieses etwas zu leben. Von einem Tag auf den anderen wird das Leben der Familie Gartner zur Hölle. Zuerst verdirbt die Milch, dann das Wasser, dann die Ernte. Die Bäume trieben zu früh Knospen, aber ihre Blüten hatten seltsame Farben und einen üblen Geruch. Dann werden die Tiere krank. Wer von den Früchten der Bäume isst, wird blass und schwach. Und auch die Familie beginnt sich zu verändern. Von den drei Söhnen war keiner mehr bei Sinn. Die Frau war schon seit Wochen im Dachboden eingesperrt. Und der Vater selbst sprach in Rätseln. Unfähig, das Grauen zu begreifen, was ihn umgab. Etwas saugte das Leben aus allem heraus.

Keine Worte können den Abgrund dieser lautlosen, unirdischen Ferne schildern. Es gab kein Laut, nur ein Stummschrei aus den Sternen.

Diese Geschichte ist wirklich bizarr. Es sind Auszüge aus Lovecrafts Kurzgeschichte Die Farbe aus dem All von 1927.

Was macht diesen Autor denn für Sie so besonders interessant? Also mit Ed B. Lovecraft bin ich natürlich besonders verbunden, weil ich eben die international größte kommentierte Ausgabe in 13 Bänden herausgegeben habe, aber schon vor vielen Jahren, dann finde ich da schon auch so ein bisschen was wie ein Experte und finde ihn nach wie vor einen ungeheuer interessanten Autor.

Weil bei ihm es eben wirklich um die Stellung des Menschen im Kosmos geht. Das kann man ganz schön sagen. Also wir haben zum Beispiel Edgar Allan Poe, der große, unheimliche Autor des 19. Jahrhunderts, der hat also die verborgene Seiten der Seele, das Dunkle der Seele versucht sichtbar zu machen. Bei Lovecraft ist das anders. Da geht es darum, wer ist denn der Mensch im Kosmos eigentlich? Und das wird bei ihm eben in unheimliche Geschichten umgesetzt. Und man muss dann auch fragen, warum das so unglaublich erfolgreich gewesen ist. Zu Lebzeiten war er nicht berühmt. Er hat in bitterer Armut gelebt. Er wollte sein Leben lang mal nach Europa, konnte es nie finanzieren. Ja, das muss man auch sagen. Ja, und er hat aber durch ganz seiner Kunst gelebt und hat dann eben Gedichte und dann Erzählungen und auch ein paar Romane geschrieben und eben auch etwas sehr Eigenes, von eigener Intensität geschaffen. Und das finde ich schon bemerkenswert, dass das heute ein Teil der Popular Culture ist und das ganze Motivrepertoire seines Unheimlichen eben doch zu hohem Maße präsent geworden. Es gibt eigentlich nur zwei Autoren, deren künstliche Mythologien so sehr Teil öffentlicher Kultur geworden sind. Der andere ist völlig anders gelagert, das ist Tolkien, dessen Mythos auch sich von seiner Person losgelöst hat. Und das ist bei Lovecraft auch so. Die finden Lovecraft's Namen und Motive ohne irgendeinen direkten Bezug auf Lovecraft. Was hatte denn sein Horror mit Religion zu tun? Gab es da überhaupt einen Zusammenhang?

Also Lovecraft selbst als Mensch war strikt religionskritisch. Er hat sich als Atheisten verstanden und hatte also keine Sympathien weder für das Christentum noch für andere der großen Religionen. Aber natürlich gerade deshalb sind die religiösen Motive in ihm irgendwie oder in seinen Geschichten immer irgendwie vorhanden. Sie sind halt transformiert. Nicht das Fantastische ist oft eine Transformationsform des Religiösen. Also aus Gotteserfahrungen wird dann das Schicksal als unheimliche Macht oder so. Die Götter, die irgendwie auch Aliens sind. Und die Frage nach der Stellung des Menschen im Kosmos ist natürlich ein irgendwie dann auch religiöses Thema. Tatsächlich hat der Schriftsteller Robert Block, den kennen Sie, das ist der von Hitchcocks Psycho, der Romanautor. Der hat Lovecraft als junger Mann noch persönlich kennengelernt. Er hat mal in einem Nachruf geschrieben, the problem with you, Mr. Lovecraft, is that you are a religious writer. Das ist also auf den ersten Blick überraschend, weil, wie gesagt, Lovecraft von etablierter Religion gar nichts wissen wollte. Aber es stimmt natürlich schon, weil das eigentliche Thema von Religion, nämlich der Mensch im Kosmos, irgendwie doch immer präsent ist und eben auch überlagert. Also es stößt immer vor in diesem Bereich des Geheimnisses, in dem der Mensch einem irgendwie unbekannten Kosmos begegnet. Ganz herzlichen Dank für die Einblicke und für die Erläuterungen zu gruseligen Dingen aus der Vergangenheit. Dankeschön. Gerne geschehen, jederzeit.

In Athen steht es, ein weitläufiges, geräumiges, aber verrufenes, unheilbringendes Haus. Der Philosoph Athenodorus kommt nach Athen und hört von dem unheimlichen Haus, in dem es nachts zu spuken scheint. Athenodorus mietet das Haus. Als der Tag sich dem Ende neigt, schlägt er im vorderen Teil des Hauses sein Lager auf. Er verlangt nach einer Schreibtafel, einem Stift und Licht und beginnt zu arbeiten in der Stille der Nacht.

Athenodorus schaut auf. Ein Gespenst steht vor ihm, ein alter Mann, abgemagert und verdreckt mit langem Bart und zerzaustem Haar. An den Beinen trägt er Fußfesseln, an den Händen Ketten, die er schüttelt. Der alte Mann steht da und winkt ihn mit einem Finger zu sich heran. Athenodorus folgt dem alten Mann. Nachdem sie den Hof des Hauses betreten, löst sich der Geist plötzlich auf. Zwischen Gras und Blättern sieht Athenodorus nur noch eine Markierung im Boden. Am nächsten Tag geht er zu den Behörden und fordert sie auf, an der Stelle zu graben. Die Totengräber finden einen kettengewickelten Skelett. Athenodoros ließ den Leichnam exhumieren. Er wurde dann schließlich auf Staatskosten beigesetzt. Danach hörte der Spuk angeblich auf. Wenn euch diese Geschichte an Charles Dickens Weihnachtsgeschichte mit dem kettenbehangenen Geist erinnert, habe ich mich übrigens auch mal sehr vorgegruselt, dann liegt ihr ungefähr 2000 Jahre daneben. Diese Geschichte hat Plinius der Jüngere aufgeschrieben und zwar im ersten Jahrhundert nach Christus im alten Rom. Auch in der Antike haben sich die Menschen schon gegruselt und sich gegenseitig Horrorgeschichten erzählt. Wie Horror damals genau aussah und warum sich die Menschen solche Geschichten ausgedacht haben, dazu forscht Debbie Felton. Sie ist Professorin für alte Geschichte an der US-amerikanischen University of Massachusetts Amherst.

Plinius' Geisterhausgeschichte ist eine meiner absoluten Lieblingsgeschichten aus der ganzen antiken Welt, weil sie einfach so wunderschön geschrieben ist auf Latein. Seine Beschreibungen sind großartig und die Geschichte ist gerade einmal eine Seite lang, was man kaum glauben kann.

Plenius wollte mit dieser Geschichte keinen Horror erzeugen. Ja, es sterben Menschen in dem Haus, aber sie sterben, weil sie Angst haben, weil sie nicht schlafen konnten. Es gibt in der Geschichte keinen Body-Horror, kein Blut, kein Mord, also es wird niemand umgebracht. Es gibt hier nur einen alten Mann mit einem langen Bart und in Ketten. Er will die Menschen aber nicht erschrecken, sondern möchte mit ihnen Kontakt aufnehmen. Er spukt durch das Haus, weil sich seine Leiche auf dem Gelände befindet. Er wurde irgendwann einfach so begraben, ohne Zeremonie. Und jetzt will er eine richtige Bestattung. Die Geschichte, die uns Plinius da erzählt, ist eine der bekanntesten Schauergeschichten aus der Antike. Denn es geht um übernatürliche Phänomene wie Geisterspuk und Kontakt mit den Toten. Und es ist eine der ältesten Spukhausgeschichten, die wir kennen. Mittlerweile gehören Geschichten, in denen Geister oder andere übernatürliche Gestalten Häuser besetzen, ja zu den absoluten Klassikern des Horrorgenres. Inspiriert von einem antiken Autor. Aber die Antike hat auch echt eklige Horrorgeschichten auf Lager. Zum Beispiel in Homers Ilias, wenn Odysseus den Zyklopen Polyphem trifft.

Polyphem beginnt Odysseus Männer zu fressen. Der Erzähler, also Homer, beschreibt, wie deren Gehirne auf den Boden herausquellen und wie der Zyklop sie zerschneidet, sie fürs Abendessen zubereitet und das Fleisch hinunterschlägt.

Und später spuckt er dann Reste halbverdauten Fleisches wieder aus. Das ist ziemlich schrecklich. Und das kommt dem, was wir heute vielleicht als eine Form von Body Horror bezeichnen würden, schon ziemlich nahe. Aber diese Episode ist wirklich besonders grausam, wenn man bedenkt, was Odysseus und seine Männer da miterleben müssen und was dieser riesige, einäugige Zyklop mit den Menschen anstellt. Diese schaurigen Geschichten hatten in der Antike wohl auch eine ganz besondere Funktion. Sie wurden laut vorgelesen, gesungen oder auch im Theater gespielt. Es ging darum, zu lernen, wie man am besten mit negativen Emotionen umgeht, die solche Geschichten auslösen können. Damit sollten die Menschen vorbereitet werden auf das echte Leben und seine manchmal grausamen Unwägbarkeiten. Was hinter vielen dieser Geschichten steckt, ist die Idee, gemeinsame Ängste zu verstehen, die es innerhalb von Kulturen und auch über Kulturen hinweg gibt, um dadurch ein tieferes Verständnis für die menschliche Existenz zu bekommen. Wir sind sterblich, wir werden sterben. Manchmal geraten wir in Situationen, die uns zutiefst beunruhigen oder gefährlich und grauenhaft sind. Und die Frage ist, wie können wir damit umgehen? Wie können wir sie verarbeiten, wenn wir sie überstehen?

Das Wort Horror selbst kommt aus dem Lateinischen. Es stammt von dem Verb horere ab, was so viel heißt wie zittern oder vor etwas erschaudern, das dieses Gefühl in einem hervorruft. Darin steckt auch die Vorstellung, dass sich einem dabei die Haare im Nacken aufstellen. Denn eine weitere Bedeutung von Horrere ist, sich sträuben. Es bezieht sich also auf dieses Schaudern der unheimliche Gefühl, das man bekommt, wenn etwas nicht stimmt oder einem unheimlich ist.

Heute versuchen viele dieses Gefühl an Halloween wieder aufleben zu lassen. Es ist mittlerweile weltweit ein kommerzielles Massenereignis und wird auch in Deutschland immer beliebter. Allein in den USA werden im Zusammenhang mit Halloween rund 12 bis 13 Milliarden US-Dollar jährlich umgesetzt. Für Kostüme, für Partys und natürlich für Süßigkeiten. Die Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November wird in den englischsprachigen Ländern wie in den USA oder Irland inzwischen zum Riesen-Event. Seinen Ursprung hat Halloween in Irland und geht vermutlich auf das keltische Sawwind zurück.

Damit feierten die Kelten das Ende der Erntezeit und den Beginn des Winters. So lautet zumindest eine Erklärung. Diese Zeit war für die Kelten die Zwischenzeit, in der es angeblich Kontakt zu Dämonen und Geistern und Toten aus der Anderwelt gab. Zufällig wurde Halloween nur einen Tag vor dem katholischen Allerheiligen gefeiert, weshalb einige Historiker und Religionswissenschaftler auch glauben, dass Halloween hier seinen Ursprung hat. Denn das Wort Halloween geht auf All Hallows Eve zurück, was übersetzt heißt der Abend vor Allerheiligen. Auf jeden Fall gelangte diese Tradition in der Mitte des 19. Jahrhunderts von Irland in die USA. In Irland hat es damals die sogenannte Kartoffelfäule gegeben, die die Kartoffeln absterben ließ. Geschätzt eine Million Menschen sind in den Jahren 1845 bis 1852 verhungert. Etwa zwei Millionen sind während der großen Hungersnot ausgewandert. Und zwar in die USA. Sie haben ihre alten Traditionen mitgenommen und dazu gehörte eben auch Halloween.

Die Menschen verkleiden sich an Halloween als Gespenster, als Zombies, als Hexen oder auch als Aliens. Eine Erklärung dafür ist, dass die Menschen sich ursprünglich mit einer Verkleidung tarnen wollten, damit die Geister und Dämonen sie nicht sofort erkannten. Inzwischen ist es Tradition, dass Kinder in Gruselkostümen von Tür zu Tür gehen und Trick or Treat rufen, also Süßes oder Saures. Auch für diese Tradition gibt es verschiedene Erklärungen. Einige Historiker glauben, dass sie aus dem Mittelalter stammen könnte. Damals war es zum Beispiel in Schottland üblich, dass Kinder und arme Menschen am Abend vor alle Heiligen von Tür zu Tür gingen und um Geld oder Essen baten. Dafür beteten sie für die Heiligen der katholischen Kirche. Die Tradition, in Kürbisse hässliche Fratzen zu schnitzen, in denen man Kerzen anzündet und sie in die Fenster stellt, ist auch schon uralt. Wobei ursprünglich Rüben ausgehöhlt wurden. Und die Geschichte, die geht so. Wer da? Erhalte Jack Oldfield. Ich möchte in den Himmel eingelassen werden. Verzieh dich. Du hast mit dem Teufel einen Pakt geschlossen. Ich kann dich nicht in den Himmel lassen. Fahr zur Hölle.

Der verzweifelte Jack irrt durch die Geisterwelt und klopft beim Teufel an. Aber der erinnert sich noch sehr gut an ihn. Am Abend vor Allerheiligen vor vielen Jahren wollte der Teufel den trunksüchtigen Schuster schon einmal ins Reich der Toten holen. Aber Jack trickste den Teufel damals einfach aus und blieb am Leben. Jetzt verwehrt der Teufel ihm den Zugang zur Hölle. Aber ich will nicht so sein. Wenn du zwischen Himmel und Hölle bis in alle Ewigkeit umherirrst, sollst du wenigstens etwas Licht haben. Und der Teufel gibt dem verzweifelten Jack eine ausgehöhlte Rübe, in der eine angezündete Wachskerze leuchtet.

Noch heute spricht man von Jack O'Lantern, auf den die Tradition der beleuchteten Rüben und Kürbisse zurückgehen soll. Interessant ist, dass im 19. Jahrhundert, also als Halloween mit den irischen Einwanderern in die USA kam, Horrorgeschichten boomten. Damals entstanden Klassiker wie Bram Stokers Dracula, Mary Shelley's Frankenstein oder Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson, die auch heute noch als Gruselgeschichten funktionieren. Absolute Gruselklassiker. Und was in Großbritannien das viktorianische Zeitalter war, war in Deutschland die Zeit der Romantik. Und obwohl man das eher mit Herz und Schmerz oder Sehnsucht und Liebe verbindet, hatte die Romantik auch eine ziemlich dunkle Seite. Kurz vor der Nacht. Wenn Nathanael nicht einschlafen kann, erinnert er sich an eine Geschichte, die seine Amme ihm erzählt hat. Der Sandmann ist ein böser Mann, der den Kindern, wenn sie nicht schlafen wollen, Hände voll Sand in die Augen wirft, dass sie blutig zum Kopf herausspringen. Dann schmeißt er die Augen in einen Sack und trägt sie seinen Kindern auf dem Halbmond zur Speise. Diese Geschichte brennt sich in Nathanaels Gedächtnis ein. Die Furcht vor dem Sandmann begleitet ihn jeden Abend. Und eines Tages begegnet er dem Sandmann wirklich. Nachts, als er nicht schlafen kann, schleicht der Junge sich in das Arbeitszimmer seines Vaters.

Drinnen flackert nur das Licht einer kleinen Lampe. Überall liegen metallene Werkzeuge, seltsame Gläser und Schalen. Ein beißender, scharfer Geruch hängt in der Luft. Der Vater steht über einen Tisch gebeugt, neben ihm der Rechtsanwalt Kopelius. Beide hantieren mit Flüssigkeiten, mit glühenden Kohlen und Funken, die durch die Dunkelheit sprühen. Da sah ich Kopelius' scheußliches Antlitz. Er brüllte Augen her, Augen her und ergriff mich mit feurigen Händen. Nun haben wir Augen, ein schönes Paar Kinderaugen und er wollte glühende Körner in meine Augen werfen. Da, der Vater stürzt zu Boden. Am nächsten Morgen ist er tot. Diese Geschichte stammt aus Der Sandmann. Es ist eine der berühmtesten Erzählungen des deutschen Schriftstellers E.T.A. Hoffmann aus dem Jahr 1816. Der Sandmann, bei dessen Namen die meisten von euch vermutlich eher an das liebe Gute-Nacht-Männchen aus dem Fernsehen denken, ist hier eine Horrorfigur. Sie sucht nachts Kinderheim und stieh deren Augen. Wolfgang Bunzel kennt sich mit genau dieser Horrorgeschichte und ihrem Hintergrund sehr gut aus. Er leitet die Abteilung Romantikforschung im Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt. Und er kann uns erklären, warum E. Thea Hoffmann den Sandmann ausgerechnet in dieser Epoche geschrieben hat.

Weil die Romantik eine sehr komplexe Epoche und Erscheinung ist. Vielleicht gehen wir einen Schritt zurück. Vor der Romantik gab es sowas im 18. Jahrhundert wie die Aufklärung. Und da sind wir eigentlich schon bei einem ganz spannenden Zusammenhang. Da geht es um das Licht und das Bewusstsein, die Klarheit, die Rationalität. Aber die hat dann eben auch schon ein Interesse für psychologische Zusammenhänge entfaltet. Die Romantik führt jetzt nun diese Erkundungen fort und lenkt aber den Blick vor allem auf die dunklen Seiten, in Anführungszeichen. Das heißt, die Seiten, die eigentlich vom rationellen Versuch, die Welt zu erfassen, abgeblendet werden.

Wie zum Beispiel Traumzustände, aber natürlich der gesamte Bereich des Unbewussten. Und das Unbewusste produziert sozusagen ständig aus Bestandteilen der Realität neue Welten und kann dann eben die unbekannte und auch schreckensvolle Welt der Ängste, der geheimen Sehnsüchte, der wilden, begierten und ungezähmten Triebe darstellen. Und das ist eigentlich das, was die Aufklärung sozusagen immer versucht hat zu bezähmen. Die deutsche Romantik wird auch von anderen Strömungen aus dem Ausland beeinflusst, wie zum Beispiel der Gothic Novel, die im 18. Jahrhundert in England groß in Mode ist. Gothic Novels, also Schauergeschichten, werden zur Unterhaltungsliteratur, die sich gut verkauft. Beispiele sind The Monk von Matthew G. Lewis oder The Mysteries of Udolfo von Anne Radcliffe. Bücher, die schon im 18. Jahrhundert zu Bestsellern werden. In Deutschland erscheint als eine der ersten Schauererzählungen dieser Epoche 1797 der blonde Eckbärt von Ludwig Tieg. Es gibt einen Mord, eine Hauptfigur, die in den Wahnsinn getrieben wird, Persönlichkeitsspaltung und den Kampf mit den eigenen Kindheitstraumata. Also alles andere als romantisch. Deshalb prägten solche Geschichten auch den Begriff der schwarzen Romantik. Die sich mit den Nachtzeiten der Natur auseinandersetzt und damit den Blick auf Dinge lenkt, die normalerweise eher ausgeklammert werden.

Dann geschehen Dinge, die wir weder vorhersehen können, die wir auch nicht steuern können. Und das nehmen dann die späteren Horror-Texte und Horror-Fantasien auch nochmal sehr deutlich auf. Und gerade die nicht vollständige Erklärbarkeit, die macht, glaube ich, wesentlich den Reiz des Ganzen aus.

Deshalb geht es in vielen Geschichten aus dieser Zeit auch um Metamorphosen, um Verwandlungen. Den Wehrwolf kennt ihr sicher alle oder Geschichten von Vampiren, die sich vom Blut anderer ernähren. Und dieses Ausloten eben auch der Grenzen zwischen Tod und Leben war ein ungeheures Faszinosum und damals ganz neu. Und das entwickelt sich dann auch durch das gesamte 19. Jahrhundert hindurch. Da ist eine direkte Verbindung etwa zu einem wahrscheinlich der bekanntesten und auch wichtigsten Werke, nämlich zu Frankenstein, wo ja eben ein Wesen aus Leichenteilen zusammengesetzt wird, wo es dann eben blitzt und ein Wesen ist lebendig geworden. Ganz wichtig und sehr bekannt eben auch von Victor Hugo, der Glöckner von Notre Dame wäre wirklich so ein Paradebeispiel dafür. Dann natürlich die Texte von Edgar Allan Pau und schließlich am Ende des Jahrhunderts natürlich Bram Stoker mit seinem Roman Dracula. Also eine ungeheure Erfolgsgeschichte, die eben auch eine eigene Ikonografie geschaffen.

Viele der Romane und Erzählungen aus dieser Zeit wurden verfilmt. Zum Beispiel Frankenstein von Mary Shelley oder The Legend of Sleepy Hollow von Washington Irving. Es gibt sogar ein Mumienhorrorbuch aus dem 19. Jahrhundert, das im 22. Jahrhundert spielt. Auch geschrieben von einer Frau, The Mummy von Jane Webb. Die Horrorliteratur der Romantik inspiriert Kreative und Kunstschaffende wie Autoren bis heute. Wenn man genau hinschaut, dann stellt man fest, Stephen King knüpft sehr deutlich an die Romantik an. Er stellt das nicht offen aus, aber wenn man da mal genau drauf guckt, sieht man das. Also etwa, wenn tote Dinge plötzlich ein Eigenleben entwickeln. Ein typisches Stephen-King-Thema, da sehen wir das. Wenn sich menschliche Körper verändern oder eben Paranoia die Wahrnehmung der Wirklichkeit verzerren, Da sieht man, wie romantische Elemente aufgegriffen und neu konstelliert werden. Im Grunde bedient sich Stephen King des gesamten Fundus schwarzer Romantik. Stephen King gilt heute unbestritten als der Altmeister des Horrors. Der US-amerikanische Autor ist einer der erfolgreichsten Horrorschriftsteller überhaupt und viele seiner Bücher und Kurzgeschichten sind auch verfilmt worden. Wie zum Beispiel Shining mit Jack Nicholson in der Hauptrolle oder Misery mit Kathy Bates. Oder Die Verurteilten mit Morgan Freeman. Stephen King hat Anfang der 1980er Jahre ein Sachbuch über Horror geschrieben.

Dance Macabre, also Totentanz.

Deutscher Untertitel? Die Welt des Horrors. In der US-amerikanischen Dave Cavett Show sagte Stephen King 1980 folgendes.

Die Gesellschaft vergibt Punkte für gutes Verhalten, wenn wir unsere emotionalen Muskeln trainieren. Die Gesellschaft findet es gut, wenn wir lieben, Freundschaften pflegen, loyal sind und Humor haben, solche Sachen halt. Aber für alle diese guten Gefühle haben wir auch genauso viele schlechte. Wir haben Angst, sind aggressiv, wütend. Und manchmal wollen wir vielleicht auch sadistisch sein. Und eine Horrorgeschichte gibt uns die Gelegenheit, all das auf eine vergleichsweise harmlose Art und Weise auszuleben.

In seinem Buch Dors Makabre analysiert Stephen King anhand von vielen hundert Beispielen aus Literatur, Film, Fernsehen und Rundfunk, wie guter Horror funktioniert. Dabei kommt es seiner Meinung nach vor allem auf die Mischung von drei Dingen an, die in allen guten Horror-Stories vorkommen. Und das sind Schreck, Horror und Ekel. Eine gute Horrorgeschichte wird sich ins Zentrum ihres Lebens tanzen und die Geheimtür zu dem Zimmer finden, das, wie sie glaubten, außer ihnen niemand kennt. Das Geschäft, Horror zu erzeugen, ist fast wie das Bemühen, einen Gegner mit Kampfsportarten außer Gefecht zu setzen. Man muss die wunden Punkte finden und dann Druck darauf ausüben. Der offensichtliche Druckpunkt ist die Tatsache unserer eigenen Sterblichkeit. In den Horrorfilmen wird der Tod zum Mythos. Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass Horrorfilme den Tod auf der einfachsten Ebene mythifizieren. Der Tod im Horrorfilm ist, wenn uns das Monster erwischt. Der Horrorfilm ist eine verschlossene Kiste mit einer Kurbel an der Seite. Und in letzter Analyse läuft alles darauf hinaus, diese Kurbel zu drehen, bis das Sprungteufelchen uns ins Gesicht gesprungen kommt, die Axt schwingend und mit mörderischem Grinsen.

Psycho. Hinter den Mauern des Grauens. Frankensteins Braut. Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens. Der Exorzist. Die Rache des Würgers. Der Poltergeist. Der Tod, der Schwarze Krall. Die Nackte und der Satan. Mehrere tausend Horrorfilme wurden allein in den vergangenen Jahrzehnten produziert. Vom Low-Budget-Schocker bis zum Hollywood-Blockbuster. Interessant ist, dass seit Beginn der Filmgeschichte auch schon Horrorfilme gedreht wurden. Das waren am Anfang natürlich Stummfilme. Der älteste Horrorstreifen ist Le Manoir de Diable. Also Das Schloss des Teufels von Georges Méliès aus dem Jahr 1896. Und der deutsche Filmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau hat 1922 den für die Anfangszeit des Horrorfilms vielleicht bekanntesten Streifen gedreht, nämlich Nosferatu, Symphonie des Grauens. Dieser Film basiert auf der Romanvorlage von Bram Stokers Dracula und ist bis heute ziemlich gruselig. Auch wenn es sich natürlich noch um einen Stummfilm handelt.

Vor allem von den 1930er bis ungefähr in die 1950er Jahre hinein kam Horror auch aus dem Radio. Es gibt legendäre Sendungen und Hörspiele, die den Grusel akustisch ins Wohnzimmer brachten. Eine der ersten war die amerikanische Serie The Witch's Tale. Hier ist ein kurzer Ausschnitt aus einer Episode, die an Halloween 1941 wiederholt wurde.

Weird, blood-chilling tales told by old Nancy, the Witch of Salem. Die 25. Episode der 2. Staffel von Inner Sanctum mit dem Titel The Grey Wolf von 1942 war aber mindestens genauso schaurig. WDR mediagroup GmbH im Auftrag des WDR.

Die Nachkriegszeit war eine vergleichsweise ungruselige Zeit. Es wurde zwar Horrorliteratur geschrieben und es wurden auch Filme, Fernsehserien und Radiosendungen produziert, aber der große Boom war erst einmal vorbei. Das änderte sich dann wieder im Laufe der 1960er Jahre. Vor allem in der Filmindustrie wurde ein Horrorstreifen nach dem anderen produziert. Inzwischen blicken wir auf eine gut 130-jährige Horrorfilmgeschichte zurück. Wobei Horror natürlich nicht gleich Horror ist. Da gibt es den Psycho-Horror, der uns in die Abgründe der menschlichen Seele schauen lässt. Wie bei Psycho von Alfred Hitchcock, Rosemary's Baby von Roman Polanski oder Get Out von Jordan Peele. Dann gibt es den übernatürlichen Horror, wo Dämonen, Geister und dunkle Mächte die Kontrolle übernehmen, wie in Der Exorzist. Und dann haben wir noch den sogenannten Körper- oder Body-Horror, bei dem sich der menschliche Körper selbst in ein Monstrum verwandelt, wie in The Fly oder The Substance. Und dann den Slasher-Horror-Film, wo das Böse gerne eine Gruppe Teenager bedroht und eine Maske trägt, wie in Scream oder Freitag der 13. Und natürlich gibt es auch noch den Splatter Horror, wo es im Grunde nur darum geht, dass möglichst viel Blut spritzt.

Und es gibt natürlich noch die bekannten Monsterfilme wie Frankenstein, Alien oder King Kong. Sogenannte Found-Footage-Filme wurden übrigens 1999 mit dem Blair Witch Project populär. Das sind Horrorfilme, bei denen man denkt, es handele sich tatsächlich um eine echte Dokumentation und eben nicht um Fiktion.

Seit einigen Jahrzehnten gibt es auch noch ein ganz anderes Horrorfilm-Subgenre, das sogenannte Volk-Horror-Geschichten als Grundlage hat. Also Geschichten und Figuren, die aus alten Mythen, aus Ritualen und ländlichen Albträumen stammen. Dieses Genre wird unter Filmemachern immer beliebter. Filme wie The Witch oder Midsommar sind etwa jüngste Beispiele des Genres. Aber wie ist es, ein Horrorfilmregisseur zu sein und was ist daran so faszinierend? Darüber spreche ich jetzt mit dem britischen Regisseur Barnaby Bolton, von dem wir den Trailer zu seinem Kurzfilm Skylight ganz am Anfang dieser Folge gehört haben. Hallo Barnaby, schön, dass du Zeit für uns hast. Hi. Horror ist ja eigentlich ein Gefühl, das man normalerweise vermeiden will. Was ist daran für dich so faszinierend? Ich finde, es ist etwas ganz Einzigartiges. Da steckt so ein Urinstinkt in uns, etwas wirklich Intensives fühlen zu wollen. Und ich glaube, in unserem modernen Leben empfinden wir nicht sehr oft so etwas Intensives wie Horror. Natürlich kannst du ins Kino gehen und ein Liebesfilm bringt dich vielleicht zum Weinen. Aber nichts ist vergleichbar mit dem Gefühl, wenn dein Körper jede Menge Adrenalin ausschüttet und du dich einfach fürchtest.

Dieses Unbehagen empfindest du im Alltag nicht sehr oft und genau das finde ich faszinierend. Ich mag alles, was so eine starke emotionale Reaktion auslösen kann. Und wenn ich mir Horrorfilme anschaue, sind es nicht unbedingt die Schreckmomente oder die Spannung, die mich am meisten beeindrucken, sondern die Intensität. Wenn eine Szene verrückt wird oder sehr intensiv, dann kann es sogar sein, dass ich anfange zu weinen. Aber nicht aus Trauer oder weil ich Angst habe, sondern weil es mich einfach überwältigt. Diese Wucht packt mich einfach und ich liebe es. Ja, das kenne ich, das macht mir dann eher Angst, muss ich sagen. Erinnerst du dich an den ersten Film, bei dem du dachtest, ich will auch selbst Horrorfilme drehen? Ja.

Das war Hereditary von Ari Aster. Aber ich war schon immer ein riesen Fan von Horror. Ich war früher immer der Typ bei der Pyjama-Party, der den Horrorfilm sehen wollte. Und keiner meiner Freunde hatte Lust darauf. Ich war also schon ewig Fan, aber die Filme, die ich selbst machte, waren dann eher Dramen oder Mystery-Stoffe. Aber als ich Hereditary sah, hat es bei mir Klick gemacht. Ich habe gemerkt, Horror kann auch anspruchsvoll sein. Hereditary erzählt ein faszinierendes Familiendrama mit echtem Herz und emotionaler Wucht und verbindet das mit Horror. Da habe ich gedacht, ich kann die Themen, die ich liebe, auch mit Angst verbinden. Also ja, Hereditary war ein Wendepunkt für mich. Okay, dann sag doch mal, was sind für dich die wichtigsten Zutaten? Was macht einen richtig guten Horrorfilm aus? Ich glaube, Musik ist eine wirklich wichtige Sache.

Ich glaube, das ist eine der wichtigsten Dinge überhaupt, die einen Thriller von einem Horrorfilm unterscheiden. Aber ehrlich gesagt ist das manchmal gar nicht so einfach zu trennen. Denn du hast Filme wie Slasher oder übernatürliche Horrorfilme oder superblutige Filme wie die Saw-Reihe. Die sind klar als Horror einzuordnen, oder? Aber dann gibt es Filme wie Green Room. Das ist so eine Art Horrorfilm über eine Gruppe von Leuten, die in einem Nazi-Club gefangen sind und nicht wissen, ob sie jemals wieder rauskommen. Ich würde sagen, das ist Horror. Aber manche nennen es einen Thriller, weil es nicht diese ganz offensichtlichen Horrormerkmale hat. Trotzdem ist er furchterregend. Er lehnt sich stark an Horror an.

Also ja, Musik ist ein großes Thema. Und klar, extreme Gewalt ist natürlich auch ein wichtiger Aspekt des Horrors. Aber ich weiß nicht, es ist manchmal schwer zu unterscheiden, denn es gibt sogar Dramen, die dich erschrecken können. Horror ist ein Gefühl, nicht? Und ich finde, das Genre ist ziemlich flexibel und genau das liebe ich daran. Was denkst du, was gruselt die Menschen generell mehr? Gewalt, die sie sehen oder eher das, was sie nicht sehen?

Ich glaube, man braucht beides. Gerade am Anfang eines Films ist das unsichtbare Perfekt, so wie in Der weiße Hai. Man sieht das Monster lange nicht und genau das macht es so unheimlich. Aber wenn du es bis zum Ende nie siehst, fühlst du dich auch ein bisschen betrogen. In Terrifier zum Beispiel, dieser Clown, der ist so eine richtige Horror-Ikone. Als ich in eine neue Wohnung zog, habe ich nachts wirklich kurz gedacht, hoffentlich steht er nicht irgendwo in der Ecke. Das zeigt, sichtbare Monster können extrem wirksam sein. Aber Spannung entsteht oft aus dem, was wir nicht sehen. Ich glaube, das hängt vom Publikum ab. Das Arthouse-Horror-Publikum mag das Unsichtbare. Das Mainstream-Horror-Publikum will die Dinge sehen.

Was ich mich immer frage, ist, warum sind eigentlich Dinge wie Clowns oder kleine Mädchen oft so unheimlich? Das haben wir ja auch bei Stephen King, um den es in der Folge schon mehrmals ging. Woher kommt das? Ich glaube, vor allem, was diese gruseligen Kinder anbelangt, liegt das an dieser unheimlichen Wirkung, wenn wir etwas Vertrautes sehen, es aber für uns nicht richtig erscheint. Kinder, die starren und grinsen, statt zu spielen oder zu lachen. Es ist einfach falsch. Wir denken, da stimmt was nicht. Und genau da liegt dann der Horror. Das Bekannte, das leicht verzerrt ist. Das ist super wirkungsvoll. Und Clowns, ja, ich glaube, die sind einfach immer unheimlich. Du hast ja auch gerade selbst wieder einen Horrorfilm gedreht. Den Trailer haben wir im Intro gehört. Wie erzeugst du beim Drehen eigentlich diese Horrorstimmung am Set? Wie bekommst du das hin?

Ich glaube, vieles davon kommt aus der Spannung. Es braucht kluges Schreiben. Man muss nach und nach Ängste aufbauen. Aber dann, am Set, ja, großartige Schauspieler zu haben, hilft enorm. Man muss sicherstellen, dass die Leute diese Intensität erreichen können, die man braucht, vor allem in diesen großen, dramatischen Schlussmomenten. Aber was die Umsetzung angeht, da finde ich, Kamerabewegung ist unglaublich wichtig. Wir alle sind anfällig für ein langsames Zoom oder eine langsame Kamerafahrt nach vorn. Denkt nur an einen Film wie S, wenn die Hauptfigur zu diesem alten Haus der Frau geht und sie in der Dunkelheit verschwindet. Ich finde, Dunkelheit und Kamerabewegung bewirken unheimlich viel, wenn man sich langsam auf ein völlig schwarzes Bild zu bewegt. Das ist so beängstigend, weil man beim Zuschauen spürt, der Filmemacher will dir etwas sagen. Du weißt, da kommt etwas, da ist etwas.

Diese kleinen Dinge können wahnsinnig wirkungsvoll sein. Wir alle kennen sie. Wir sehen sie in jedem Film, ob Drama oder Komödie. Aber wenn man sie in einen dunklen Raum mit einer unheimlichen Musik setzt, dann wird dieselbe Bewegung plötzlich zu etwas völlig anderem. Und ob ich mich manchmal selbst bei meinen eigenen Horrorszenen erschrecke? Leider nein. Ich wünschte, ich könnte es. Es bricht mir fast das Herz, dass ich meine eigenen Sachen nie wie ein echtes Publikum sehen kann. Aber solange ich andere Menschen erschrecken kann, ist das für mich völlig in Ordnung. Ich denke, wenn man zu nah dran ist und weiß, was kommt, dann verliert der Horror einfach seine Wirkung.

Und wie ist das bei anderen Filmen? Gruselst du dich da überhaupt noch? Es ist extrem selten, aber es passiert. Und ich glaube, die Dinge, die mich jetzt mehr als alles andere treffen, sind wirklich intensive Sequenzen. Also, ich habe neulich Weapons gesehen und der Jumpscare, also wenn sich die Szene plötzlich unerwartet verändert, das hat mich erwischt. Das liebe ich wirklich. Aber was mich in letzter Zeit am meisten gepackt hat, war wieder Hereditary. Wenn sie die Szene mit der Kerze machen, Hände haltend in der Küche, das packt mich. Wenn alle anfangen zu schreien und zu rufen und die Musik steigt und steigt und steigt und steigt, das sind die Dinge, die mich tatsächlich erwischen können, die meinen Puls in die Höhe treiben können. Und genauso wie beim Alien-Film. Da gab es eine Sequenz, in der ein Facehugger, also so ein parasitäres Wesen, auf einen Typen springt und ich fand, die Musik war brillant und ich bekam Gänsehaut, als er gegen dieses Ding kämpfte. Also, es passiert, aber ist auf jeden Fall schwieriger. Glaubst du, dass Horror heute gesellschaftliche Themen widerspiegelt?

Auf jeden Fall, definitiv. Es gibt Filme wie Get Out, die ganz klar Rassismus darstellen. Oder Talk to Me, der sich mit Gruppendruck im Zeitalter sozialer Medien beschäftigt. Ich finde das großartig, wenn ein Film sowas macht. Ich denke trotzdem, dass auch klassische Slasher-Filme ihren Platz in der Kinolandschaft haben. Aber Slasher sind ja im Grunde aus realen Serienkiller-Geschichten geboren. Wenn man an Richard Ramirez denkt, den Night Stalker, überleg mal, wie viele Slasher aus dieser Vorstellung entstanden sind. Ein Mann, der nachts in dein Fenster steigt. Sogar die einfacheren Horrorfilme spiegeln also immer auch moderne Ängste wieder.

Okay, wir können also festhalten, Horror erfindet sich immer wieder neu. Was glaubst du denn, was ist der nächste Trend im Horror? Und wohin würdest du das Genre selbst gern treiben? Das ist schwer zu sagen, aber ich glaube, wir sehen gerade ein echtes Wiederaufleben von Body Horror. Filme wie The Substance oder Together zum Beispiel. Ich mag guten Body Horror. Aber ich glaube, was ich selbst tun und wohin ich das Genre treiben möchte, ist, Horrorfilme können noch intensiver werden. Ich glaube, es gibt noch Raum für mehr Unbehagen in der Tonalität und ich finde, einige Regisseure wie Ari Aster machen das sehr gut. Sie schaffen diese Atmosphäre aus echtem Grauen und Unruhe. Das ist auch mein Ziel. Ich will das Publikum bis an seine Grenzen bringen, aber ohne, dass es den Kinosaal verlässt.

Okay, dann schauen wir mal, was da noch kommt. Sehr interessant auf jeden Fall. Danke dir für das Gespräch.

Und damit sind wir am Ende dieser Podcast-Folge zur Geschichte des Horrors. Und ich hoffe, ihr habt euch durch die Folge hinweg auch so ein paar Mal richtig gegruselt. Schreibt uns gern, was euer Lieblingshorrorfilm oder euer Lieblingshorroroman ist. Und auch wenn ihr Feedback für uns habt, dann schreibt uns gerne per Mail oder auf Terra X History bei Instagram. Wir freuen uns über eure Gedanken zur Folge, aber auch über neue Themenvorschläge. Und an dieser Stelle haben wir jetzt noch einen Hörtipp für alle, die gerne in wahre Geschichten eintauchen. Den Podcast Tatort Kunst vom Deutschlandfunk. In vier neuen Fällen schaut das Team, wo es in der Welt der Kunst nicht mit rechten Dingen zugeht. Etwa wenn immer wieder goldene Kunstschätze von unermesslichem Wert gestohlen werden. Tatort Kunst jagt einem Keltenschatz nach. In einem anderen Fall führt die Suche nach einem berühmten Lächeln das Team an einen geheimen Ort. Exklusive Einblicke gibt es dahinter sonst verschlossene Türen. Tatort Kunst findet ihr überall dort, wo ihr sonst auch eure Podcasts hört. Dieser Podcast ist eine Produktion von Objektiv Media im Auftrag des ZDF. Die Autorinnen waren wie immer Janine Funke und Andrea Kahrt. Sie sind verantwortlich für Buch und Regie. Für die technische Umsetzung und Gestaltung verantwortlich ist Sascha Schiemann. Redaktion im ZDF hatte Katharina Kolvenbach. Ich bin Mirko Trotschmann und sage danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.