ZDF, Ist ein waschechter Dinosaurier, die Anse.
Music.
Das wäre vermutlich eine gute Preisfrage in einem Fernsehquiz gewesen. Was sind die direkten Nachfahren der Dinosaurier? A. Krokodile, B. Lurche oder C. Vögel. Ich hätte vermutlich spontan auf Krokodile getippt. Und so falsch ist das ja auch gar nicht. Sie sind zumindest mit den Dinosauriern eng verwandt. Trotzdem wäre ich nie auf Vögel gekommen. Ich bin Birko Drotschmann, ihr hört Terra X History, der Podcast. Und in dieser Folge geht es nicht nur um Dinosaurier und was sie mit Amseln, Drosseln und Meisen zu tun haben, sondern um die Geschichte der Paläontologie. Wer grobt die ersten Knochen aus und warum? Seit wann beschäftigen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Fossilien? Und wie können Forscher überhaupt rekonstruieren, wie das damals so war, vor zig Millionen Jahren? War ja keiner dabei. Und wir sprechen natürlich auch über die Faszination, die Dinosaurier auf viele Menschen bis heute ausüben. Warum Brontosaurus, Stegosaurus, Triceratops und Tyrannosaurus rex vor allem bei Kindern so beliebt sind. Und warum noch viele Erwachsene einen Lieblingsdinosaurier haben. Einer ist übrigens der T-Rex und auch der Stegosaurus. Finde ich beide sehr cool.
Naja gut, den findet glaube ich jeder cool, aber den Stegosaurus, den mag ich optisch ganz gerne. Und wenn wir jetzt die heutigen Dinosaurier, also die modernen Vögel anschauen, dann sind die Dinosaurier auch heute noch die erfolgreichste Landwirbeltiergruppe mit über 11.000 rezenten Arten. In dieser Folge werdet ihr Armin Schmidt immer wieder hören. Er ist nicht nur Paläontologe, sondern hat von den verschiedenen Bereichen des Fachs auch eine besondere Vorliebe für Dinosaurier. Und er räumt auch gleich mit einem Mythos auf, der weit verbreitet ist. Wenn man jetzt spitzfindig ist, könnte man ja sagen, dass die Dinosaurier vor 66 Millionen Jahren nicht ausgestorben sind, weil die Vögel ja überlebt haben. Und jetzt nur den Erfolg an dieser Katastrophe zu messen, ist vielleicht auch ein bisschen harsch, weil auch alle anderen Tiere, alle anderen Tiergruppen, die am Ende der Kreidezeit zum Übergang zur Erdneuzeit gelebt haben.
Haben massive Verluste hinnehmen müssen. Und was das auch für die Geschichte der Menschheit bedeutet hätte, das könnt ihr euch vielleicht vorstellen. Wären am Ende der Kreidezeit alle Säugetiere ausgestorben, dann würde es uns vermutlich heute gar nicht geben. Denn es hat ja ewig gedauert nach dem Massensterben, bis sich die ersten Menschen überhaupt aus den überlebenden Säugetieren haben entwickeln können. Grob geschätzt weitere 60 Millionen Jahre, bis sich die ersten Hominiden vor vielleicht 6 Millionen Jahren von unseren Vorfahren abgespaltet haben. Erdgeschichtlich betrachtet ist aber auch das eher ein Wimpernschlag. Die Erde ist fast unvorstellbare rund 4,6 Milliarden Jahre alt. Die Frühzeit nennt man Precambrium. Und vor vielleicht 3,7 Milliarden Jahren entstand das erste Leben auf unserem Planeten.
Cyanobakterien. Und die formten sogenannte Stromatolite, also biogene Sedimentgesteine. Das sind die ältesten Fossilien der Geschichte.
Am Anfang ist die Erde ein lebensfeindlicher Ort. Vulkane schleudern glühende Lava in den Himmel. Giftige Gase legen über alles einen dichten Schleier. Erst langsam kühlt sich der Planet ab. Aus den Vulkanen steigt Wasserdampf empor, erreichert sich in der Atmosphäre an. Irgendwann beginnt es zu regnen, Millionen Jahre lang.
Tropfen für Tropfen füllen sich die Senken der Erdoberfläche. Es entsteht ein einziges gewaltiges Urmeer um kleine Urkontinente. Im Urmeer entsteht das Leben. Cyanobakterien beginnen das Sonnenlicht als Energiequelle zu nutzen. Durch die Photosynthese produzieren sie den ersten Sauerstoff. Bis dann aus einzelligen Organismen vielzellige Organismen geworden sind, das hat sehr, sehr lange gedauert. Und wir finden eigentlich erst komplexe Tiere bei der sogenannten Cambrischen Explosion. Wobei damit nicht gemeint ist, dass da irgendwas in die Luft geflogen ist, sondern es ist eine Art Explosion des Lebens. Und darauf sehen wir von jetzt auf gleich plötzlich ganz, ganz, ganz komplexe Lebewesen, Einige, von denen wir heute noch gar nicht so richtig verstehen, die auch mit den heutigen Tiergruppen nicht näher verwandt sind. Aber die tauchen dann irgendwie so vor 550 Milliarden Jahren auf. Und dazwischen, zwischen diesen 1,8 und diesen 500 oder 600 Millionen Jahren, da passiert gar nichts, was komplexe Lebewesen anliegt. Und vielleicht kann man deswegen sagen, es ist langweilig. Diese Zeit bis zur Cambrischen Explosion vor rund 540 Millionen Jahren wird auch als Boring Billion, also als die langweilige Milliarde bezeichnet. Aber dann ging es so richtig los mit dem Leben auf der Erde. Im Meer bilden sich erste Korallenriffe, in denen Trilobiten herumschwimmen. Das sind krebsähnliche Gliederfüßer. Die ersten Pflanzen entstehen. Vermutlich Mose.
Vor rund 440 Millionen Jahren im Ordovizium scheint das Leben auf der Erde wieder vorbei. Das Klima verändert sich. Es kommt zur Katastrophe. Das erste Massenaussterben in der Erdgeschichte.
Was genau damals passiert, darüber streiten sich die Wissenschaftler bis heute. Fest steht nur, jede Menge Vulkane brachen aus. Wir gehen davon aus, dass durch diesen Vulkanismus verstärkt Phosphor in das Meer gespült wurde. Und dieses Phosphor, das ist eine Art Dünger, kann man sich das so vorstellen. Und dann kam es zu massiven Algenblüten und diese Algenblüten haben dann den Sauerstoff, dem Wasser entzogen. Und dann kam es zu sogenannten anoxischen Verhältnissen, also frei von Sauerstoff. Und in Folge dessen kam es dann auch noch zu einer Reduktion von CO2 in der Atmosphäre. Und dann sagen die einen, das hat dann zu einer Abkühlung geführt und die anderen sagen, es hat zu einer Erwärmung geführt. Da weiß ich jetzt gar nicht so, werde am Ende die Oberhand halten.
Am Ende des Ordoviziums war es jedenfalls erst einmal vorbei mit dem üppigen Leben auf der Erde. Es hat dann wieder ein paar Millionen Jahre gedauert, bis sich das Leben wiederentfaltet hat und auch erste höhere Gefäßpflanzen entstehen. Wir sehen danach zum Beispiel die Panzerfische oder die kieferlosen Fische. Das sind also Vorfahren von den Fischen, die nicht mit den modernen Fischen verwandten. Und wir sehen dann im Devon, also vor rund 400 Millionen Jahren, Die allerersten Tetrapoden an Land, so ein klassisches Beispiel, so Ichthiostega und solche Dinge. Oder auch der Vorfahrer von Ichthiostega, dieser Diktalik, der halt schon sehr, sehr viele Merkmale von Landwirbeltieren hat, aber der wahrscheinlich noch im Wasser gelebt hat.
Wir sind jetzt also in der Erdgeschichte vor rund 400 Millionen Jahren angekommen. Ziemlich lange her und mich wundert immer, dass aus dieser Zeit überhaupt noch etwas von den Urzeitlebewesen übrig geblieben ist und nicht im Laufe der Zeit von Bakterien oder Würmern zersetzt wurde und spurlos verschwunden ist. Oder einfach unter Sedimenten restlos zermahlen wurde, die in Millionen von Jahren von den Bergen abgetragen wurden und sich überall auf der Erde abgelagert haben. Aber man findet tatsächlich noch versteinerte Trilobiten, die teils vor mehr als 400 Millionen Jahren im Meer gelebt haben. Diese Versteinerungen zu analysieren und ihr Alter festzustellen, ist heute Aufgabe der modernen Paläontologie. Sie rekonstruiert damit die Geschichte des Lebens auf unserem Planeten, die in den Gesteinen enthalten ist. Überreste ausgestorbener Tiere und Pflanzen, Pilze und Mikroorganismen. Oder deren Spuren wie Fußabdrücke oder Exkremente. Aber Fossilien haben die Menschen schon in der Antike gefunden. Ohne natürlich genau zu wissen, was sie da eigentlich in den Händen hielten.
Es gibt Gold in den großen Bergen, die von Greifen bewacht werden. Das sind Vögel mit vier Füßen, etwa so groß wie Wölfe, und mit Beinen und Klauen wie Löwen. Der griechische Arzt Ktesias von Knidos beschreibt im frühen 4. Jahrhundert vor Christus ein seltsames Wesen, das jemand mit eigenen Augen gesehen haben will. Ein Tier, das angeblich in den Wüsten Zentralasiens gelebt haben soll. Auch andere berühmte antike Autoren wie der Geschichtenschraber Herodot oder der römische Rhetoriker Claudius Elanius erzählen von diesem Mythos. Aber woher stammt er und warum hält er sich in der Antike über Jahrhunderte? Mit genau dieser Frage beschäftigt sich die US-amerikanische Althistorikerin Adrienne Mayer. Es gibt heute kein Lebewesen, das wir kennen, das vier Beine und einen Schnabel wie ein Adler hat. Aber Dinosaurier hatten oft vier Beine und Schnäbel. Also habe ich mich gefragt, ob vielleicht die alten skytischen Nomaden, die in den Ausläufern der Berge Zentralasiens nach Gold suchten, auf so etwas gestoßen sein könnten.
Und es hat sich herausgestellt, dass es entlang dieser Handelsrouten, die die skytischen Nomaden genutzt haben, einige Dinosaurier-Fossilien vorkommen gibt. Und die am häufigsten vorkommende Kreatur war ein Protozeratops, also ein vierbeiniger Dinosaurier mit Schnabel. Moderne Paläontologen haben inzwischen auch Gelege dieser Dinosaurier mit versteinerten Eiern gefunden. Sie stammen aus der Kreidezeit und sind etwa 75 Millionen Jahre alt. Der Mythos des Greifs beruhte also sehr wahrscheinlich auf Funden von echten Dinosaurierfossilien. Erdbeben oder Überflutungen haben im Verlauf der Antike immer neue Fossilien freigelegt. Es gibt viele Quellen, die über genau solche Knochenfunde berichten. Ich habe mehr als 100 Beschreibungen in den klassischen Schriften gefunden über die Entdeckungen von großen oder sehr seltsam geformten Knochen, und zwar bei mindestens 30 griechischen und römischen Autoren.
Ich habe dann eine Karte mit all diesen Fundstellen angefertigt und mit Paläontologen gesprochen. Und es hat sich herausgestellt, dass alle diese Orte, von denen die Griechen und Römer berichteten, man habe dort gigantische Knochen gefunden, Genau die Fundorte waren, die heute auch als Fossilienfundstellen bekannt sind, wo Versteinerungen von Mastodonten, Mammuts, Riesennashörnern oder Höhlenbären aus der Prähistorie zu finden sind.
Die alten Griechen und Römer haben diese Fossilien nicht nur gesammelt, sie haben ihre Funde auch schon ausgestellt. Es ist schon erstaunlich, dass Kaiser Augustus tatsächlich das erste paläontologische Museum auf der Insel Capri gegründet hat, wo er seine Villa hatte. Als man das Fundament für Augustus' Villa ausgehoben hat, stießen die Arbeiter auf einige riesige versteinerte Knochen. In einer Quelle heißt es sogar, dass Kaiser Tiberius tatsächlich die allererste Rekonstruktion eines Fossils in Auftrag gegeben hat. Und zwar die eines Mammuts, dessen Skelett in der Nähe des Schwarzen Meeres gefunden worden war. Als Beweis überreichten Gesandte ihrem Kaiser einen 30 Zentimeter langen Zahn. Tiberius, der zwischen 14 und 37 nach Christus regiert hat, ließ anhand dieses Zahns von einem Mathematiker die wahre Größe des Mammuts ausrechnen und ein Modell danach bauen. Im Mittelalter waren diese antiken Berichte über Fossilien bekannt. Sie dienten als Beweise dafür, dass es tatsächlich Riesen gegeben haben musste. In der Bibel heißt es zum Beispiel in der Genesis.
In jenen Tagen gab es auf der Erde die Riesen und auch später noch. Das sind die Helden der Vorzeit. Erst im 18. Jahrhundert hat sich dann ein gewisser Georges Cuvier die antiken Quellen noch einmal angeschaut. Er hat sich besonders für Elefanten interessiert. Ähnlich wie schon der römische Kaiser Tiberius studierte auch Cuvier einen fossilen Zahn etwas genauer. Was ist wohl aus den Tieren geworden, von denen es heute keine lebenden Spuren mehr gibt? Es ist der 4. April 1796 und der junge Gelehrte Georges Cuvier hält seine erste öffentliche Vorlesung an der Akademie der Wissenschaften in Paris. Solche Fragen hatte dem Publikum noch niemand gestellt. Der 26-jährige Cuvier interessiert sich besonders für Elefanten. Die Knochen unterscheiden sich von einem afrikanischen oder asiatischen Elefanten mindestens ebenso stark, wie sich ein Hund von einem Schakal unterscheidet. Cuviers Vortrag trägt den Namen Memoir sur les espèces d'éléphants vivants et fossiles, Abhandlung über lebende und fossile Arten von Elefanten. Es scheint mir, als ob diese Knochen die Existenz einer Welt beweisen, die unserer vorausging und durch eine Art Katastrophe zerstört wurde.
Cuviers Theorie ist eine Sensation. Noch ist die allgemeine Lehrmeinung, alle Arten von Lebewesen existieren schon seit Anbeginn. Durch den Vergleich der Anatomie von Fossilien mit lebenden Tieren erbringt Cuvier nun den wissenschaftlichen Beweis. Tierarten können sehr wohl aussterben.
Cuviers berühmte Vorlesung ist ein Wendepunkt. Der Naturforscher hat gezeigt, dass die fossilen Überreste des Tieres, das heute als Mastodon bekannt ist, nicht zu afrikanischen oder asiatischen Elefanten passten. Die fossilen Knochen mussten also zu einem Lebewesen gehören, das es heute nicht mehr gibt. Cuvier hat für das Aussterben des Mastodons wiederholte Naturkatastrophen in der Erdgeschichte verantwortlich gemacht. Und er hat auch geglaubt, dass neue Arten alte, ausgestorbene Arten einfach ablösen würden. Diese Vorstellung ist mittlerweile überholt. Heute wissen wir, jede neue Art entwickelt sich aus bereits existierenden Arten. Alles Leben hat einen gemeinsamen Vorfahren, wie die beiden Paläontologen David Taylor und Aaron O'Dee in ihrem Buch Die Geschichte des Lebens in 100 Fossilien schreiben. Und unter anderem darüber spreche ich jetzt mit dem Paläontologen und Wissenschaftsphilosophen Adrian Curry von der Universität in Exeter. Adrian, hallo, schön, dass du heute bei uns im Podcast bist. Hi, I'm delighted to be here. Je weiter man in der Zeit zurückgeht, desto weniger verwertbare Quellen gibt es für Historiker. Für Paläontologen ist das nochmal komplizierter, denn sie beschäftigen sich ja mit Erdzeitaltern wie dem Jura und das ist rund 200 Millionen Jahre her. Wie rekonstruieren Paläontologen denn das Leben auf der Erde vor Millionen von Jahren? Wie arbeiten sie?
Wenn wir darüber nachdenken, welche Art von Beweisen wir überhaupt haben, um die Vergangenheit zu rekonstruieren, sei es in der Paläontologie oder in den Geschichtswissenschaften, gibt es meiner Meinung nach zwei Dinge zu beachten. Das eine ist, was für Spuren oder Quellen wir haben. Für die Menschen, die über die Geschichte des Lebens sprechen, sind Fossilien extrem wichtige Quellen. Aber Fakt ist, dass sich diese Funde mit der Zeit zersetzen und wir auch nur einen Teil davon finden. Und es ist auch noch so, dass die Erdvergangenheit im Vergleich zu unserer heutigen Welt sehr anders aussah.
Als Paläontologe versucht man, Tiere zu erklären, die sich völlig von den Tieren unterscheiden, wie wir sie heute kennen und die wir um uns herum sehen in einer Umwelt, die auch vollkommen anders ist als heute. Was macht man also? Wie sieht die Strategie aus? Du nutzt jeden Beweis und jede Kleinigkeit, um eine hoffentlich plausible Geschichte zu rekonstruieren, in der sich alles zusammenfügt. Paläontologen rekonstruieren Dinge oft auf sehr kreative Weise und sind extrem gut darin, sehr produktiv zu spekulieren. Die Antwort auf die Frage, wie man etwas über eine unglaublich chaotische, komplizierte Welt herausfinden kann, lautet also durch unglaublich chaotische, komplizierte Untersuchungsstrategien.
Am Anfang deines Buches beschreibst du ein Tier, dessen Namen für mich sehr schwer auszusprechen ist. Es handelt sich um Obdurodon tarolkulchait oder so ähnlich. Ein Riesenschnabeltier, das im Oligozen, also vor etwa 30 Millionen Jahren in Australien, gelebt hat und von dem nur ein Zahn gefunden wurde. Letztlich kann man zu dem Schluss, dass es sich um eine neue Art handeln muss. Wie war das denn anhand eines einzigen Zahns möglich?
Dieses Beispiel gefällt mir sehr gut, weil es uns sehr gut zeigt, wie wir mit dem Material umgehen, das wir haben. Wir denken oft, dass es auf jeden Fall wissenschaftliche Daten in großer Menge geben muss. Stimmt's? Und wenn man dann nur einen Zahn hat, dann denken viele, dass man sicherlich nicht viel daraus schließen kann. Aber tatsächlich haben wir bei Säugetierzähnen unglaubliches Glück, denn die sind äußerst informativ. Ein einzelner Zahn enthält eine enorme Menge an Informationen.
Im Fall von Obdurdon terasuchild handelt es sich um eine Platypus-Art. Das sind diese seltsamen Säugetiere mit Entenschnäbeln, die man in Australien findet. Das Coole an Obdurdon Teresuchild ist, dass es ein Schnabeltier ist, das etwa doppelt so groß ist wie alle lebenden Schnabeltiere, die wir kennen. Etwa einen Meter lang, was für Schnabeltiere sehr, sehr groß ist. Aber wie kann man herausfinden, dass es so groß war? Wir haben Fossilien von anderen ausgestorbenen Schnabeltierzähnen und wir kennen die Größe dieser Schnabeltiere. Bei einem Säugetier korreliert die Größe der Zähne mit der Körpergröße. Und so kann man ziemlich einfach auf die Größe des Riesenschnabeltiers schließen. Es gibt viele kleine Tricks wie diesen, bei denen Paläontologen oft über extrem fundierte Kenntnisse verfügen, sowohl über die Beziehung zwischen verschiedenen morphologischen Merkmalen, wie zum Beispiel der Zahngröße, als auch über andere Merkmale, um dann zu sagen, ah, ich habe ein Riesenschnabeltier, richtig? In Kombination natürlich mit einem tiefen Verständnis der Prozesse, wie Fossilien entstehen. So kann man die Spuren deuten und dann Rückschlüsse daraus ziehen.
Man hat also ein Fossil und erstellt dann eine Geschichte dazu. Aber wo liegt denn deiner Meinung nach die Grenze zwischen wissenschaftlicher Erklärung und Spekulation? Das ist eine gute Frage. Ich bin sehr pro-speculation. Wenn Leute fragen sich, wie wir wirklich für sicher wissen, was es nicht in paleontologie oder in historie wissen, Das ist eine gute Frage. Also ich bin Befürworter der Spekulation. Wenn Leute fragen, wie können wir in der Paläontologie oder in der Geschichte überhaupt etwas mit Sicherheit wissen, dann führt das natürlich direkt zu der Frage, wie können wir überhaupt davon ausgehen, dass paläontologisches Wissen fundiert ist. Und die Antwort darauf ist meiner Meinung nach, darüber nachzudenken, wie dieses Wissen entsteht. Nämlich aus der Kombination einer Reihe ganz unterschiedlicher Dinge, die wir wissen.
Paläontologisches Wissen wird nicht auf die gleiche Weise gewonnen, wie man es vielleicht von klassischem, experimentellem Wissen erwarten würde, wo man dieses perfekte Experiment hat, bei dem Isaac Newton seine kleinen Prismen bewegt und dann zeigt, dass sich die Farbe des Lichts in derselben geometrischen Beziehung verschiebt, wie man die Lichtbrechung verschoben hat. Richtig? In der Paläontologie funktioniert das nicht so. Aber was du bekommst, sind Beweise aus allen möglichen unterschiedlichen Richtungen. Man denkt nicht nur über ein einziges, bestimmtes Fossil nach. Es gibt enorm viele und unterschiedliche Beweise oder Hinweise, die wir nutzen, um all diese Dinge zu verstehen. Und das ist die Art und Weise, wie wir Fragen stellen.
Okay, schauen wir jetzt mal auf den Beginn der Paläontologie als Wissenschaft im 18. Jahrhundert, im Zeitalter der Aufklärung. Es gab einen französischen Naturforscher namens Georges Cuvier, der als Begründer der Paläontologie gilt. Wir haben über ihn auch hier im Podcast schon kurz gesprochen. Was wusste man denn damals über Dinosaurier und wusste man, wie alt die Erde überhaupt war? Das sind zwei sehr große Fragen. Zunächst sollte man wissen, dass erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts allgemein anerkannt wurde, dass es so etwas wie ein Artensterben überhaupt gab. Es gab viele Menschen, die damals nicht glaubten, dass so etwas passieren könne. Und nicht allzu lange davor, Mitte des 18. Jahrhunderts, etwas vor Cuvier, hatte man zum ersten Mal den Gedanken zugelassen, dass es auch so etwas wie eine lange Geschichte vor der Menschheit gab. Also die Annahme, dass die Erde eine viel längere Geschichte hat, in der wir Menschen noch nicht existierten, und eine Erde existierte, in der es noch nicht alle Arten gab.
Und das war eine wirklich revolutionäre Entdeckung. Ich weiß nicht, ob ich Georges Cuvier in dem Zusammenhang unbedingt als Vater der Paläontologie bezeichnen würde. Cuvier war ein Morphologe und sehr, sehr gut darin, das Aussehen und die äußere Form von Lebewesen zu analysieren. Er konnte sich also ein Fossil ansehen und sagen, hey, dieses Fossil sieht ein bisschen wie ein Leguan aus. Und dann kann ich es mit einem lebenden Leguan in Verbindung bringen. Und ich denke, das ist eine sehr wichtige Vorgehensweise in der Paläontologie. Aber was Cuvier, soweit ich weiß, nicht tat, war, sich mit den geologischen Aspekten zu beschäftigen. In dem Zusammenhang ist eine andere Person wichtiger, nämlich Robert Hooke, ein Zeitgenosse Newtons in der frühen Royal Society in Großbritannien. Hook interessiert sich sehr für Ammoniten, diese wunderschönen, spiralförmigen Fossilien. Er ist einer der Ersten, der sagt, hey, das war mal ein Lebewesen, oder? Vorher dachten das die meisten Menschen nämlich nicht. Es war also eine neue Entdeckung, dass Fossilien die Überreste von einst lebenden Organismen waren. Das Interessante an Hook und seinen Zeitgenossen ist jedoch, dass sie diese Fossilien nicht als etwas betrachteten, was vor den Menschen existierte. Er glaubte, dass sie zeitgleich existiert haben mussten. Für ihn waren die Fossilien, und diese Metapher hat er verwendet, so etwas wie römische Münzen.
Und so gibt es im 18. und 19. Jahrhundert wirklich viele interessante Arbeiten von Wissenschaftlern, die versuchen, solche Funde zu ordnen und auch versuchen, das Alter der Erde zu bestimmen, wofür sie damals aber noch nicht wirklich gut aufgestellt waren. Man wusste, was zuerst und was später passiert sein musste. Aber man hatte noch keine Vorstellung davon, wann genau diese Entwicklung eigentlich begann. Haben die anderen Wissenschaftler Ihnen denn überhaupt geglaubt, dass sie von Fossilien sprachen, die älter sein sollten als die Menschheit? Und wie haben denn die Gesellschaft und die Kirche darauf reagiert?
Nun, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es einen großen Boom in der Geologie. Und Paläontologie und Geologie sind seit jeher eng miteinander verbunden. Dieselben Leute, die Fossilien sammelten, sammelten auch interessante Steine. Eine der bekanntesten Entdeckungen stammt beispielsweise von William Buckland, einem äußerst seltsamen Charakter. Buckland ist vor allem dafür bekannt, dass er diese Hyänenhöhle in Yorkshire im Norden Englands entdeckt hat. Eine Höhle, die voller Knochen von Hirschen, vielen dieser riesigen Hyänen, Flusspferden, Elefanten und solcher Sachen war. Er leistet diese großartige Arbeit, in der er die Morphologie im Stil von Cuvier mit der Geologie kombiniert, um zu erklären, wie diese Höhle entstanden ist. Er bringt das zusammen und liefert ein wirklich solides Argument dafür, dass sie vor der Sintflut, so wie es in der Bibel steht, entstanden sein musste.
Es stimmt natürlich, dass es deshalb Spannungen zwischen der Kirche und diesen wissenschaftlichen Entdeckungen gab. William Buckland zum Beispiel war Pfarrer. Er war ein ziemlich hohes Mitglied der Kirche. Und er bekam den ersten Lehrstuhl in Geologie in Oxford. Und der Grund, warum er diesen Lehrstuhl bekam, war, dass damals jeder ein bisschen misstrauisch gegenüber diesen neuen Wissenschaften war. Und Teil von Bucklands Job war es, dafür zu sorgen, dass die Geologie anerkannt wurde. Und er hat zum Beispiel diese berühmten Bridgewater-Abhandlungen geschrieben. Schaut her, hier sind Christentum und Geologie gute Freunde. Wir können Geologie nutzen, um die Bibel zu verstehen.
Christlicher Glaube und das, was wir aus heutiger Sicht wissenschaftlicher Glaube nennen würden, waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wesentlich vielfältiger und komplexer und überschneiden sich auf interessante Weise mehr, als wir denken. Mich fasziniert immer, wie Menschen wie Buckland in populären Geschichtswerken dargestellt werden. Oft wird Buckland als der große Bösewicht angesehen, weil er das Kapitel über Geologie und Mineralogie in den Bridgewater-Abhandlungen verfasst hat. Darin geht es um eine biblische Auslegung der Geologie. Und sicher konnte das nicht wissenschaftlich sein, aber gleichzeitig war Buckland einer der ersten, der der Gletscher-Theorie zustimmte. Also, wie verschiedene geologische und geomorphologische Formen entstanden sind, im Gegensatz zu einem System, das alles versuchte, mit der Sintflut zu erklären. Und obwohl er ein tiefgläubiger Mensch war, ist er den Beweisen gefolgt. Ja, es gab Spannungen zwischen religiösen Überzeugungen und der neuen Wissenschaft der Geologie und der Paläontologie im späten 18. und 19. Jahrhundert. Aber ich denke, wir müssen sehr vorsichtig sein, wie wir diese Spannungen beschreiben, denn sie sind oft viel komplexer, als wir denken.
Es gibt Menschen, die denken, dass Paläontologie nur daraus besteht, irgendwelche Dinosaurierknochen auszugraben, sie zu reinigen und so weiter. Aber du sagst, dass es viel mehr ist als das, vor allem wenn man auch die Geschichte betrachtet. Wie würdest du denn beschreiben, was Paläontologie wirklich ist?
Eine Möglichkeit, das zu beschreiben, ist, dass Paläontologen sich für die tatsächliche Vergangenheit interessieren. Wir wollen wissen, warum die Dinosaurier ausgestorben sind. Wir wollen wissen, welches Tier diesen seltsam geformten Stein hinterlassen hat, um was für ein Fossil es sich handelt. Paläontologie, Archäologie, Geologie und Geschichtswissenschaften sind eigentlich Wissenschaften der Möglichkeiten. Denn um zu verstehen, was tatsächlich passiert ist, muss man verstehen, was alles hätte passieren können. Und man möchte verstehen, wie die Dinge hätten sein können. Denn eines der ersten Dinge, die man lernt, wenn man sich mit Geschichte und auch Paläontologie beschäftigt, ist, dass der derzeitige Zustand nicht von Dauer ist. Ohne Fossilien hätten wir beispielsweise keine Ahnung, dass vor 100.000 Jahren sieben andere Hominiden-Arten auf dem Planeten lebten. Oder dass es vor 60, 100 Millionen Jahren, dass es da keine Blumen auf der Welt gab, dass die sich erst entwickelten und dass es dann plötzlich Bienen und Insekten und all diese Dinge gab, die daraus entstanden sind. Das erfüllt uns mit Staunen. Es gibt uns eine neue Perspektive, um die Dinge, die wir für selbstverständlich gehalten haben, und unsere Annahmen zu überdenken.
Und diese historische Perspektive ist meiner Meinung nach sehr wichtig, um die Zukunft zu betrachten und auch zu verstehen, was sich ändern könnte und vor allem, welche Dinge wir ändern könnten.
Okay, das klingt wirklich toll. Ich glaube, jeder, der diesen Podcast hört, wird jetzt sagen, ja, ich möchte Paläontologe werden. Das ist so ein toller Beruf. Ich würde empfehlen, eher Philosoph oder Historiker der Paläontologie zu werden. Dann kann man über die Dinge nachdenken, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Ja, okay, da ist auch was dran. Vielen Dank auf jeden Fall, dass du bei uns im Podcast warst.
Im Oberdevon, vor rund 372 Millionen Jahren. Die Ozeane sind voller Leben. Korallentierchen bauen mächtige Riffe. Panzerfische und Quastenflosser schwimmen umher. An den Ufern der Kontinente wachsen die ersten Bäume in den Himmel.
Doch dann verändern gewaltige Vulkanausbrüche das Klima. Das Meer verliert seinen Atem, der Sauerstoff verschwindet. Zurück bleiben tote, giftige Ozeane. Das, was ihr da gerade gehört habt, handelt von dem sogenannten Kellwasserereignis. Es ist das zweite Massenaussterben in der Erdgeschichte. In der Paläontologie spricht man heute von den Big Five. Und damit sind in diesem Fall keine afrikanischen Wildtiere gemeint, sondern die großen Massenartensterben in der Erdgeschichte. Eigentlich sind es sechs. Von zweien haben wir schon gehört. Nämlich dem Massensterben im Ordovizium vor 440 Millionen Jahren, dem Kellwasserereignis im Oberdevon vor 372 Millionen Jahren und dann gab es noch das Hangenbergereignis vor 359 Millionen Jahren, bei dem bis zu drei Viertel aller Arten ausgestorben sind. Und da war aber das Aussterben tatsächlich überwiegend auch im Meer. Da waren die ganzen Korallen betroffen und vor allem bentische Organismen. Das sind am Meeresboden lebende Tiere wie zum Beispiel Brachiopoden, die gibt es auch heute noch. Die sehen so ein bisschen aus wie Muscheln, sind aber nicht echte Muscheln, sondern eben Brachiopoden. Und dann die Trilobiten, die kennt man also aus den ganzen Kinderbüchern. Und die primitiven Fische, von denen ich gesprochen habe, die sterben da also aus.
Nach jedem Massenaussterben hat sich das Leben auf der Erde wieder erholt, auch wenn es Millionen von Jahren gedauert hat. Und dann gibt es wieder eine Normalisierung der Umstände und dann verbreiten sich die Organismen, die eben diesen Kollaps überlebt haben, dann massenhaft und rasant. Also die bringen dann in Nischen vor, die sie vorher vielleicht noch nicht belegt haben und entwickeln sich dann auch in einer höheren Evolutionsgeschwindigkeit und dann diversifiziert sich das Ganze wieder. Also wir sehen wieder ganz viele verschiedene Tiere und dann fängt eben das Leben von Neuem an.
Im Karbon und im Devon, das ist so die Zeit, wo dann wirklich der Landgang vollzogen wird. Da haben wir dann echte Amphibien, dann haben wir die allerersten Präptilien, dann haben wir die ersten Synapsiden, aus denen später Säugetiere werden. Es gibt diese unglaubliche Fülle von Pflanzen, es entstehen Urwälder. Der Sauerstoffgehalt in der Atmosphäre steigt auf bis zu 30 Prozent an. Das ist über dem Wert, den wir heute haben. Zum Vergleich, wir haben heute eine Atmosphäre, in der ungefähr 21 Prozent Luftsauerstoff enthalten ist. Und das war eben im Perm, also vor rund 270 Millionen Jahren. Und deswegen sehen wir also aus dem Carbon und aus dem Perm, also auf diese riesigen Steinkohlevorkommen, die wir heute haben, das ist in dieser Zeit entstanden. Also wir bauen heute noch Bäume ab, die dann eben vor über 350 Millionen Jahren gewachsen sind. Also das ist schon phänomenal, das ist verrückt.
Die Tiere waren überwiegend räuberisch, aber es gab auch schon die ersten Pflanzenfresser, weil einfach Pflanzennahrung so üblich verfügbar war. Haben manche Landwirbeltiere gedacht, naja, dann essen wir halt auch Pflanzen, dann müssen wir nicht jagen und dann müssen wir nicht weit laufen. Und dann war das also ein ganz neues Konzept, ein neues Modell.
Doch dann die nächste Katastrophe. Im Gebiet des heutigen Sibiriens brechen mächtige Vulkane aus. Die Lava überdeckt alles Leben. Eine Fläche von der Größe Australiens verschwindet unter erstarrtem Magma. Gase wie Schwefeldioxid und Kohlendioxid verpesten die Atmosphäre. Saurer Regen ergießt sich über die Erde. Dieser saure Regen führt dann zu einem massiven Waldsterben überall. Also diese ganzen üppigen Wälder, von denen wir da eben gerade gesprochen haben, die kollabieren. Und dadurch, dass eben diese ganzen Pflanzen sterben, wird sehr, sehr viel organisches Material ins Meer eingespült. Und dann kommt es wieder zu diesen Algenblüten und dann kommt es wieder zu einem Umkippen des Meeres. Und darin erlosch vor 252 Millionen Jahren alles Leben. Und nicht nur da. Was schleichend begann mit dem Aussterben einzelner Arten im Meer, zog immer weitere Kreise. Es kam zum größten Massenaussterben in der Erdgeschichte, an der Grenze Triasperm. Es wird heute von einigen Forschern als das große Sterben bezeichnet. Und an Sterben, da gibt es unterschiedliche Angaben in der Literatur, aber wir können mal sagen grob 90 Prozent aller Tierarten im Meer und etwa 70 Prozent aller Tierarten an Land. Und es hat nicht viel gefehlt, dann wären wahrscheinlich 100 Prozent ausgestorben.
Es grenzt fast an ein Wunder, dass sich das Leben auf der Erde auch danach wieder erholen konnte. Ja, das Leben ist sehr hartnäckig und eine von diesen Gruppen, die überlebt haben, das sind die Archäosaurier, die herrschenden Reptilien. Und die herrschenden Reptilien kann man vereinfacht sagen, das sind alle Kropotilverwandten und alle Dinosaurier-Vögelverwandten. Und die waren einige der wenigen Tiergruppen, die überlebt haben und die sind dann eben an Land die vorherrschende Tiergruppe geworden, über das gesamte Erdmittelalter hinaus. Die obere Trias, ein üppiges Paradies. Schachtelhalme und Riesenfarne, Schuppenbäume und mächtige Ginkgos. Es herrscht ein mildes Klima. Im Ozean tummeln sich Ammoniten, Seeigel und Haie. Die ersten Dinosaurier wie Plateosaurus stopfen durch die Urwälder an Land. Krokodile gehen auf Beutejagd. In den Bäumen leben seltsame Reptilien. Ein schwülwarmer Morgen in der Region, die später das Elsass werden sollte. Vor 247 Millionen Jahren springt durch die hohen Baumwipfel von Ast zu Ast ein kleines Reptil.
Es ist nur wenige Zentimeter groß. Der Kopf mit seinem schmalen, zahnlosen Schnabel ähnelt einem Vogel, der längliche Körper einer Echse. Auf dem Rücken trägt das Reptil einen eigentümlichen Kamm. Bei diesem etwas seltsamen Reptil handelt es sich um Mirasaurer graufogeli. Es wird auch als Wundersaurier bezeichnet. Seine Entdeckung ist kürzlich eine Sensation gewesen. Denn das Fossil lag fast 100 Jahre lang in einer Schublade, ohne dass es jemand näher untersucht hätte. Lustigerweise stammt das Fossil aus der Privatsammlung von Louis Graufogel, der Mirasaurer seinen Namen gab. Graufvogel hat in den Vogesen im heutigen Elsass von 1930 an alle möglichen Fossilien zusammengetragen, darunter auch den Wundersaurier. Er ist deshalb der Namenspate von Mira Saurar Graufvogeli, der mit einem Vogel aber so gar nichts zu tun hat. Wir können mit großer Sicherheit sagen, dass es sich bei diesem Tier um einen Drepanosaurus handelte. Der Drepanosaurus gehört zu einer Gruppe von Reptilien, die nur in der Trias vorkamen. Diese Gruppe ist an sich schon sehr bizarr, weil sie super an das Leben in Bäumen angepasst waren. Aus diesem Grund haben sie eine Morphologie, also einen Knochenbau, der einzigartig ist im Vergleich zu den Reptilien, die wir heute kennen.
Der niederländische Paläontologe Stefan Spiekmann arbeitet am Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart. 2019 wurde die Fossiliensammlung von Louis Grauvogel dem Museum übergeben. Eine der weltweit größten Fossilien-Sammlungen aus der mittleren Trias. Das Forscherteam um Spiekmann schaute sich alles noch einmal genau an. Diese Sammlung war also bereits weltberühmt und wurde über Jahrzehnte hinweg intensiv erforscht. Allerdings hauptsächlich von Menschen, die sich mit Pflanzen und wirbellosen Tieren beschäftigten. Das Forschungsteam um Stefan Spiekmann konnte nicht nur nachweisen, dass es sich bei Mirasaua um ein Fossil aus der mittleren Trias handelt, sondern auch, dass dieses Reptil so etwas Ähnliches wie Federn hatte und auf Bäumen lebte. Bisher hatte man angenommen, dass es die Dinosaurier waren, die die ersten Federn entwickelt hätten. Mirasaurer ist kein Dinosaurier. Genau deshalb ist Mirasaurer für die Forschung so wichtig. Das Fossil hat Strukturen, die wie Federn aussehen, aber es ist eben kein Dinosaurier, sondern ein Reptil. Entwicklungsgeschichtlich gesehen ist Mirasaurer also viel weiter von den Vögeln entfernt.
Natürlich können wir aus diesem Fossil keine DNA extrahieren. Die einzige Möglichkeit, seine Position im Stammbaum des Lebens zu bestimmen, besteht darin, seine Morphologie, also die Form der Knochen so detailliert wie möglich zu untersuchen und mit anderen Reptilien zu vergleichen. Unsere Studie hat ergeben, dass er tatsächlich mit keiner der heute lebenden Reptiliengruppen eng verwandt ist. Der Mirasaurer Graufogeli war also wahrscheinlich ein früher Ableger in der Evolution der Reptilien. Und dass sie eigentlich wahrscheinlich ein sehr earlyer Aufschuss in der Evolution von Reptiles Und es lebten auch andere seltsame Tiere in dieser Epoche der Erdgeschichte.
Zweibeinige Krokodile zum Beispiel, die wir heute gar nicht mehr kennen. In dieser Zeit tauchten auch die ersten Dinosaurier auf. Das hatte damit zu tun, dass die Erde nach dem Massenaussterben an der Wende Perm Trias mehrere Millionen Jahre gebraucht hat, um sich davon zu erholen. Der Sauerstoffgehalt der Luft war deutlich niedriger als noch im Perm, vielleicht 10 bis 15 Prozent. Und hier waren die Dinosaurier allen anderen Säugetieren weit überlegen. Die entwickeln dann diese vogelähnlichen Lungen, die wir heute bei den Vögeln sehen. Und wenn man jetzt spitzfindig ist, dann müsste man sagen, die Dinosaurier hatten keine Vogellungen, sondern streng genommen haben die Vögel Dinosaurierlungen, weil die Dinosaurier das erfunden haben. Und die haben schon diese ganz effiziente, unidirektionale Atmung. Also bei denen wird der Körper sowohl beim Ein- als auch beim Ausatmen mit Sauerstoff versorgt. Die Dinosaurier verschafften sich im Laufe der Evolution noch einen weiteren Vorteil.
Sie entwickelten Federn. Die ersten Federn sehen wir dann am Übergang zwischen Trias und der Jura. Und die haben eben dieses Federkleid nicht unbedingt, um sich dann in die Lüfte zu erheben. Das konnten die zu dem Zeitpunkt noch nicht. Aber die hatten das, um eben ihre Körper zu isolieren und auch gleichzeitig auf sich aufmerksam zu machen beim Brautwerben. Dinosaurier mit Federn, ich muss zugeben, so genau habe ich das gar nicht gewusst. Und das ist schon eine seltsame Vorstellung, so ein gefiederter Velociraptor wie in Steven Spielbergs Film Jurassic Park aus dem Jahr 1993. Als der erste Film rauskam, da war das noch nicht bekannt, dass die Dromiosaurier, also diese Sicher-Klauen-tragenden Diosaurier, dass die gefiedert waren. Und erst danach kam das raus und dann kam der zweite und dritte Teil und da hätte man schon die mit Federn zeigen können, aber man wollte dem Zuschauer nicht den Eindruck vermitteln, das handelt sich um neue Tiere, sondern man wollte nach wie vor die Raptoren in Anführungsstrichen zeigen und dann musste man etwas zeigen, was die Leute schon kannten aus dem ersten Film und hat dann das alte Design beibehalten. Sie kriegen raus, wie man die Türen öffnet.
Aber streng genommen sind all diese kleinen Raubdinosaurier gefiedert. Die einzige Ausnahme von Raubdinosauriern bilden die Tyrannosaurier, weil die waren so extrem groß, dass die wahrscheinlich auf einem zweiten Entwicklungsweg, also sekundär, diese Federn wieder verloren haben. Die Vorfahren der Tyrannosaurier, die hatten Federn und weil die Tyrannosaurier immer größer wurden, haben am Ende dann verloren, weil die sonst wahrscheinlich aufgrund dieser Gefieder überhitzt wären. Wir sind inzwischen erdgeschichtlich im Jura und in der Kreidezeit angekommen. Also rund 200 Millionen bis 66 Millionen Jahre vor unserer Zeit. Im Meer wimmelt es von Ammoniten. Das sind tintenfischähnliche Kopffüße. Von denen gibt es heute jede Menge Fossilien, zum Beispiel auf der Schwäbischen Alb, die ja früher mal ein Meer gewesen ist. An Land sind es die Dinosaurier, die alles beherrschen. Zum Beispiel Brachiosaurus und Stegosaurus. Wenn man solche Fossilien finden will, dann muss man allerdings wissen, wo Sedimente aus dieser Zeit abgelagert wurden. Und ein sicherer Fundort liegt in Südwestengland in der Grafschaft Dorset.
Es ist ein grauer Wintermorgen im Jahr 1823. Die junge Mary Anning klettert zwischen den Klippen von Lime Regis an der südwestenglischen Küste umher. Mary ist eine begeisterte Fossiliensammlerin. Ihrem geschulten Blick entgeht kein urzeitliches Zeugnis. Behutsam befreit sie mit Hammer und Meißel die Versteinerungen vom umgebenden Sedimentgestein.
Ihr erstes Fossil entdeckt Mary wohl 1811. Ein Ichthyosaurus-Skelett, also ein Meeresdinosaurier aus dem Unterjura. Da ist sie gerade einmal zwölf Jahre alt. Schon Marys Vater hat in seiner Freizeit Fossilien gesammelt und damit das Einkommen der Familie aufgebessert. Als er mit 44 Jahren stirbt, führt Mary seine Arbeit zusammen mit ihrem Bruder fort. Der Fund des Ichthyosaurus bringt der Familie 23 Pfund. Für damalige Verhältnisse eine Menge Geld. In den folgenden Jahren findet Mary immer wieder neue Fossilien und im Winter 1823 macht sie eine ganz besondere Entdeckung.
Ich habe mir die Freiheit genommen, ihn zu schreiben, um ihnen mitzuteilen, dass ich ein fossiles Skelett einer unbekannten Spezies entdeckt habe, schreibt Mary Anning am 19. Dezember 1823 an Sir Henry Bunbury, ist Mitglied der Royal Geological Society und sammelt Fossilienberichte. Es ist neun Fuß lang und hat einen bemerkenswert kleinen Kopf. Aber einen Hals, der vom Brustbein bis zum Kopf gemessen vier Fuß lang ist. Es ist das anschaulichste bisher entdeckte Skelett. Mary Anning entdeckt das vollständige Skelett eines Plesiosauriers. Ein urzeitliches Meeresreptil mit langem Hals, kleinem Kopf und paddelartigen Gliedmaßen. Maßen. Wissenschaftlichen Ruhm erntet Mary Anning mit ihrem Fund damals nicht. Das Skelett wird vom britischen Geologen und Paläontologen William Connybear untersucht. Der veröffentlicht dann 1824 einen wissenschaftlichen Artikel über die Entdeckung des Almost Perfect Skeleton of the Plesiosaurus, also des fast perfekten Skeletts eines Plesiosaurus. Mary Anning wird in dem Artikel mit keinem Wort erwähnt. Fun Fact am Rande? Viele Abbildungen, die das Monster von noch Nest darstellen sollen, zeigen einen Pläsiosaurus.
Aber jetzt zurück zu Mary Anning. Sie sammelt weiter Fossilien und wird schließlich doch noch berühmt. 1828 entdeckt sie den ersten Flugsaurier, den Dimorphodon Macronyx. Anfang des 19. Jahrhunderts gab es in Großbritannien dann einen regelrechten Fossilienboom. Und der Küstenabschnitt in Südwestengland in Devon und Dorset, an dem Mary Anning ihre spektakulären Funde gemacht hatte, wurde inzwischen Jurassic Coast genannt. Viele Museen, Privatleute und Universitäten begannen, Fossilien-Sammlungen anzulegen.
Als Mary Anning im März 1847 starb, ehrte sie die Royal Geological Society für ihre Verdienste in der Paläontologie. Mehr aber auch nichts. Mitglied der Gesellschaft hatte sie nicht werden dürfen, weil Frauen damals noch ausgeschlossen waren. Aber Mary Enning war so etwas wie eine Trendsetterin des frühen 19. Jahrhunderts, denn es interessierten sich mehr und mehr Wissenschaftler für die Millionen Jahre alten Versteinerungen aus der Erdgeschichte. Einer der berühmtesten war Charles Darwin, der mit seinem Buch über die Entstehung der Arten wichtige Grundlagen für das Verständnis der Evolution legte. Und viele seiner Ideen bekam er, weil er auf seinen Forschungsreisen auch Fossilien gesammelt hat.
Am September 1832, während seiner zweiten Weltreise mit dem berühmten Schiff Beagle an der argentinischen Küste ankam, hat er in Punta Alta seine ersten Fossilien entdeckt. Und zwar die Schädel von zwei Arten von Riesenfaultieren. Eines davon war ein Megatherium, das vor rund zwei Millionen Jahren gelebt hatte, aber vermutlich mit dem Beginn der letzten Kaltzeit, also im obersten Pleistocene, ausgestorben war. Darwin war sich sicher, Fossilien beweisen, dass es eine Evolution gegeben hat. Die Paläontologie entwickelte sich in der Folge als moderne Wissenschaft. Nicht nur in Europa. Es begann ein Wettlauf um die spektakulärsten Dinosaurier-Skelette. Vor allem in den USA. Denn dort gab es mit der Morrison-Formation aus dem oberen Jura und der Lance-Formation aus der Oberkreide Sedimentgesteine, in denen besonders viele Dinosaurier-Skelette gefunden wurden. Und das wiederum führte zu einem erbitterten Konkurrenzkampf zwischen zwei inzwischen weltberühmten Paläontologen, Edward Cope und Othniel Marsh.
Wann ihre legendäre Feindschaft genau beginnt, ist nicht belegt. Vielleicht im Jahr 1866, als Edward Cope ein nahezu komplettes Dinosaurierskelett in einer Mergelgrube in New Jersey findet. Tryptosaurus aquilunguis. Auch sein Freund Oath Neil Marsh, Paläontologe wie er, will die sensationelle Fundstelle in Augenschein nehmen.
Hinter Copes Rücken schließt Marsh mit dem Steinbruchbesitzer einen Deal. Bitte schicken Sie demnächst alle Fossilienfunde nur noch an mich. Edward Cope schäumt vor Wut, als er davon erfährt, die beiden werden zu erbitterten Feinden. Und spätestens 1868 ist ihre Freundschaft, die 1863 in Berlin begann, endgültig Geschichte. Cope verwechselt bei der Rekonstruktion eines Elasmosaurus, Schwanz und Hals des Tieres und setzt den Schädel an das Schwanzende. Für Marsh die Gelegenheit, ihn öffentlich bloßzustellen. Inzwischen ist in der Wissenschaft bekannt, dass der mittlere Westen mit seinen Sedimentgesteinen aus dem Jura und der Kreide ein wahrer Dinosaurier-Friedhof ist. Die sogenannten Knochenkriege brechen zwischen den beiden US-Amerikanern aus. Gekämpft wird mit Schaufel und Hacke und öffentlichen Beleidigungen. Knochen werden zerstört, Stellen, an denen Gestein an der Oberfläche freigelegt war, wieder zugeschüttet, nur damit der Konkurrent nicht als Erste eine neue Dinosaurierart entdeckt.
Der Streit zwischen Cope und Marsh eskaliert schließlich in Como Bluff, einer der berühmtesten Dinosaurierfundstellen in Wyoming. Cope soll zum Schutz seiner Fundstellen Revolverhelden angeheuert haben. Marsh engagiert den legendären William Cody, besser bekannt als Buffalo Bill, um seine Dinosaurierskelette vor Cope zu schützen. Gegenseitig bewerfen sich die Fossiliensucher aus beiden Lagern mit Steinen.
Auch öffentlich tragen die beiden ihre Feindschaft aus. Am 12. Januar 1890 schreibt der New York Herald, Wissenschaftler führen einen erbitterten Krieg. In dem Artikel wirft Cope seinem Konkurrenten vor, sein Werk sei eine erstaunliche Sammlung von Fehlern und Ignoranz. Eine Woche später kontert Marsh in derselben Zeitung, ich habe Zweifel, ob er noch ganz bei Trost ist. Am Ende sterben beide verbittert und in ewiger Feindschaft verbunden. Einzig die Paläontologie hat davon, zumindest in Teilen, profitiert. Über 130 neue Dinosaurierarten wie Camarasaurus, Stegosaurus und Triceratops werden von den beiden beschrieben. Wie viele Dinosaurierskelette in den Knochenkriegen allerdings zerstört wurden und damit für immer verloren sind, das ist nicht bekannt. Was Kope und Marsch damals alles gefunden haben, das könnt ihr heute noch nachlesen. Und zwar im sogenannten Fossilbericht. Das sind alle Fossilien, die wir alle überall auf der Welt in der gesamten Zeit gefunden haben. Und die erzählen uns eine spannende Geschichte. Und das kann man sich so ein bisschen vorstellen wie ein Polizeibericht. Da sind alle wichtigen Informationen drin, wo und wann ist was genau passiert. Zum Beispiel gibt es einen Eintrag von Hermann von Meier aus dem Jahr 1837.
Plateosaurus Engel Hadi aus der Trias. Gefunden in Heroldsberg in der Gesteinsformation Feuerletten in Deutschland.
Und wenn wir dann die Zusammenhänge richtig verstehen und entsprechend deuten, dann können wir anhand dieser Funde den Hergang, also den Fall der Evolution in dem Fall, rekonstruieren. Und wenn etwas Schlimmes passiert ist, also in dem Fall jetzt nicht eine Straftat, sondern ein Massenaussterben, dann können wir sagen, okay, wer das verursacht, wer ist der Täter? und dann können wir uns da lang handeln. Moderne Paläontologie ist also echte Detektivarbeit, bei der Forscher Puzzleteil für Puzzleteil, das heißt Fossilfund für Fossilfund, zusammensetzen, um so eine Vorstellung davon zu bekommen, wie sich das Leben auf der Erde in Milliarden Jahren entwickelt hat. Denn nur ein Bruchteil aller Arten, die jemals gelebt haben, wurde überhaupt versteinert. Und davon wurde bislang auch nur ein winziger Teil entdeckt. Auch in Deutschland haben wir übrigens Fossilienfundstellen von Weltruhm. Und zwar auf der Altmühlalp in Bayern. Die Sollenhofener Plattenkalke aus der oberen Jura. Entdeckt hat man hier Fossilien, weil jahrzehntelang der Plattenkalk abgebaut und unter anderem zu Fensterbänken verarbeitet wurde. Und genau hier hat man den Urvogel Archäopteryx gefunden. Der lebte vor 150 Millionen Jahren in einer subtropischen Landschaft, in der es Insel und Lagunen gab, die von einem warmen Meer umspült wurden. Und das im heutigen Bayern. Kaum vorstellbar. Neueren Forschungen zufolge hat man bisher insgesamt 14 Exemplare dieses Urvogels in Sollenhofen gefunden. Der übrigens wie ein Hühnchen umhergeflattert sein soll.
Obere Kreidezeit vor 66 Millionen Jahren. Die Dinosaurier beherrschen die Welt. Am Himmel über der mexikanischen Halbinsel Yucatan erscheint ein gigantischer Feuerball. Dann wird es dunkel. Es kommt zum fünften Massenaussterben in der Erdgeschichte. Und infolge der Dunkelheit und infolge des Waldsterbens auch da verhungern dann die ganzen großen Pflanzenfresser, aber eben nicht nur die Dinosaurier, sondern auch viele Krokodilarten, viele Säugetierarten. Alle großen Meeresreptilien verschwinden. Wir finden dann keine Mosasaurier mehr, wir finden dann keine Plesiosaurier mehr, diese Paddel-Echsen. Die sterben alle aus. Die Ammoniten sterben aus. Das sind diese Kopffüßer, diese Tintenfischverwandten, die ein schaliges Gehäuse haben. Auch die sterben. Mit diesem Einschlag des Asteroiden aus und nur eine ganz, ganz kleine Fraktion der Säugetiere, mausgroße, rappengroße Säugetiere, die überleben und eine kleine Gruppe von Dinosauriern und das sind eben die Vorfahren der modernen Zöger.
Bitte steh auf! Interessant ist, dass die Dinosaurier nicht nur die erfolgreichsten Lebewesen in der gesamten Evolution sind, denkt an die noch lebenden Dinosaurier in Gestalt von Hühnern, Amseln oder Rotkehlchen, sondern sie sind auch mit Abstand die beliebtesten Fossilien überhaupt. Dinos in Büchern, im Film, Dinos auf Schlafanzügen, Dino-Förmchen, Dino-Plastikfiguren, Dino-Weingummi und, und, und. Genau darüber spreche ich jetzt mit dem Kulturwissenschaftler Alexis Dvorsky. Alexis, schön, dass du da bist. Hallo, herzlich willkommen. Hallo, grüß dich. Ich muss dir sagen, ich habe überhaupt keine Chance momentan Dinosauriern zu entkommen. Meine beiden Töchter sind absolut im Dinosaurier-Fieber. Egal wo man hinschaut, Dinosaurier-Figuren, Kuscheltiere, Bücher und so weiter und so fort. Die kennen auch wirklich jeden Dinosaurier-Namen auswendig und verbessern mich auch immer, wenn ich was ausspreche. Also die sind da absolut drin und total fasziniert. Und das erinnert mich so ein bisschen an meine Kindheit. Ich war auch ein großer Dinosaurier-Fan und viele andere auch. Woher kommt denn deiner Meinung nach diese Faszination?
Stephen Jay Gould, so ein bekannter Biologe, Paläontologe und Bestsellerautor, der hat Dinos mal charakterisiert als groß, gefährlich, aber ausgestorben. Und das, glaube ich, hilft schon ganz gut weiter, weil wir können uns mit diesen Monstern, mit diesen Riesentieren beschäftigen. Wir können uns mit ihnen sogar messen und gegen sie antreten. Dabei müssen wir aber keine Angst haben, dass wir uns wirklich was tun, weil sie sind ja seit Jahrmillionen ausgestorben. und dadurch fühlen wir uns natürlich selber groß, mächtig und stark und das gefällt. Ja, hat eine gewisse Faszination, eine Faszination des Grauens vielleicht auch, aber man muss sagen, im Laufe der Erdgeschichte gab es ja noch viel mehr Lebewesen, vielleicht auch Pflanzen, die faszinierend waren, vielleicht auch grausam waren. Warum wurden denn ausgerechnet die Dinos so populär? Was präsentieren Sie vielleicht auch? Ich glaube, man sollte da schon nochmal feststellen, dass die Dinos nur so in der Alltagskultur so wichtig und so dominant sind. Also so einen fachwissenschaftlichen Diskurs unter Paläontologen, unter Forschern, die sich mit der Urwelt beschäftigen, da spielen die Dinosaurier gar keine so große Rolle. Das sind eben, wie du gesagt hast, Pflanzen oder vielleicht auch sowas ganz Kleines, sowas wie Schnecken und Muscheln, die sind da viel, viel wichtiger, weil es eine viel bessere Überlieferung davon gibt. Aber trotzdem sehen wir eben die Dinos vorne groß in den Eingangshallen vom Naturkundenmuseum wie so eine riesige Werbetafel dafür.
Also die Dinosaurier, die repräsentieren natürlich auch so diesen Wissenschaftsbetrieb, aber was dann dahinter passiert im Museum, in den Laboren, in den Hörsälen, das ist oft was ganz anderes. Und die Dinos, die können eben ganz, ganz vieles repräsentieren und das macht auch so diese Faszination und den Nutzen aus. Und das, für was sie stehen, das wandelt sich aber auch im Laufe der Zeit. Oft werden sie ja als sehr gefährlich dargestellt, insbesondere der T-Rex, der König der Dinosaurier. Dabei gab es auch viele harmlose Pflanzenfresser. Und das war auch schon in den 1950er Jahren so. Damals kam Godzilla in die Kinos, furchterregend natürlich. Damals auch so eine Art Metapher für das, was Japan passiert ist im Zweiten Weltkrieg. Was sagt denn das über die Zeit damals aus? Und warum wurden in der Nachkriegszeit offenbar diese schrecklichen, grausamen Dino-Monsterfiguren so beliebt? Also ich denke so die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, aber überhaupt so ein Großteil für das 20. Jahrhundert, da war schon so ein Gigantismus sehr wichtig. Riesige Schlachtschiffe, Panzer, Wolkenkrazer, riesige Raketen und mit solchen Megatechnologien, auch mit solchen Megakriegstechnologien hat sich der Dinosaurier die eben dann auch gemessen. Das war weniger ein Maßstab für uns, sondern für solche großen, riesen Sachen. Und mit Godzilla ist es schon nochmal ein Stück weit was Besonderes. Wie du angedeutet hast, hängt es eben auch mit den Atombomben von Nagasaki und Hiroshima zusammen.
Der Godzilla wurde von so einer Atombombe geweckt und ist dann selber wie so eine Naturgewalt über die Menschen hereingebrochen. Und das, glaube ich, war schon für das 20. Jahrhundert ganz bestimmt so dieser riesige, mega gefährliche Dinosaurier, die eben wie so eine Waffe war. Fantasiert wird ja auch in der Literatur jede Menge. Schon im 19. Jahrhundert und auch im 20. Jahrhundert tauchen Dinosaurier in der Literatur auf. Reise zum Mittelpunkt der Erde ist so ein Beispiel von Jules Verne oder später The Lost World von Arthur Conan Doyle aus dem Jahr 1912. Wie werden die Dinosaurier denn in diesen Büchern dargestellt und welchen Hintergrund hat das gehabt? Der Hintergrund ist dann natürlich schon auch noch so der Kolonialismus, dass man neue Gebiete entdeckt und auch erobert. Und diese letzten Flecken der Welt werden eben mit Dinosauriern besiedelt. Bei Arthur Conan Doyle ist das in Brasilien, irgendein Tafelberg auf dieser Hochebene. Da tummeln sich die Dinos und die rennen und springen da tatsächlich umher. Also in der Literatur ist man eben nicht an die Schwerkraft gebunden. Und so war so ein sehr agiles, sehr dynamisches Bild vom Dinosaurier, was dort eben mit Worten gezeichnet wurde. Das hat sich dann aber schnell gewandelt und verändert.
Wurde dann tatsächlich auch verfilmt, The Lost World zum Beispiel 1925, ein Stummfilm mit sogenannter Stop-Motion-Animation. Beeindruckend für die Zeit. Wenn man das heute sieht, würde man sagen, das ist aber schon billig gemacht. Nur damals war das wirklich innovativ. Was ist für dich das Besondere an diesem Film? Warum hat man gerade die Dinosaurier hier zur Hauptfigur gemacht? Ich finde deinen Begriff der Animation ganz wichtig, weil animieren heißt eben auch wörtlich genommen wirklich etwas zum Leben erwecken und das ist passiert mit der Stop-Motion-Technik. Also die Dinos hat niemals jemand in echt gesehen, also hängt unsere Vorstellung sehr stark von der Darstellung ab. Und dargestellt bei der Stop-Motion-Technik wird es so, dass man so kleine Miniaturen mit so Gelenken Stück für Stück bewegt und dann quasi abfotografiert und solche Miniaturen, die konnten eben nicht mehr springen und rennen wie in der Romanvorlage, die konnten immer nur ein Bein nach dem anderen bewegen, sonst wären die einfach umgefallen und entsprechend träge und schwerfällig wurde der Dino dann auch und das hat sich eben für das ganze 20. Jahrhundert eigentlich so gehalten und hat auch die Vorstellung geprägt, was sich WissenschaftlerInnen von Dinosauriern gemacht haben.
Ja, und vor allem sieht man auch, was passiert, zumindest in diesem Film, wenn die Wissenschaft eingreift, die Wissenschaftler entdecken die Dinos und dann gerät alles außer Kontrolle. Jurassic Park ist ja nochmal ein bisschen heftiger, denn da sind die Wissenschaftler diejenigen, die die Dinos erschaffen und dann für Chaos sorgen. Das ist so eine Erzählung, die sich anscheinend immer wiederholt und weil die Wissenschaft gar nicht so gut wegkommt. Warum könnte das so sein? Das ist tatsächlich schon so eine uralte Geschichte. Ich meine, wir finden die immer wieder, wie du gesagt hast, schon bei den alten Griechen. Irgendwie fliegt Icarus zu nah an die Sonne ran und stürzt dann ab. Pandora öffnet die Büchse, Faust verkauft dann später seine Seele für Wissen.
Frankenstein erschafft mit Elektrizität ein Monster. Und im Jurassic Park ist es dann Hämmern, so ein reicher Typ, der eben die Dinosaurier dann klont und die letztendlich dann für Unruhe und für Chaos sorgen hat. Die Geschichte dahinter ist eigentlich immer die, nur weil wir etwas können, heißt es noch lange nicht, dass wir es auch machen und tun sollten. Und ich glaube, dass wir natürlich uns von so einem Film Action und Aufregung erhoffen, aber auch immer so ein Stück weit Orientierung brauchen. Und darum greift man vielleicht immer auf so alte Geschichten zurück. Ist auch ein gewisser Gruselfaktor, wenn man sich vorstellt, die erzeugen da Dinosaurier und dann werden die zum Leben erweckt. Vielleicht passiert das ja wirklich mal und das spielt sicher auch eine Rolle, gerade bei Jurassic Park. Aber gleichzeitig gibt es auch Darstellungen, bei denen die Dinos sehr gut wegkommen. Ich erinnere mich noch gut an In einem Land vor unserer Zeit, ein Film, der in den 1990er Jahren rauskam, die Hauptfigur Ein lieber Dino, mit dem man sich sehr gut identifizieren konnte.
Spricht das auch für die Zeit damals, für die 90er Jahre? War das anders, als es heute ist? Ja, ich denke schon. Also wenn man es nochmal so die 90er Jahre vor Augen führen, das war so die Zeit nach dem Kalten Krieg, nach dem Fall vom Kommunismus. Und da hat man eben sehr, sehr positiv in die Zukunft geblickt und nicht nur in die Zukunft, sondern auch in die Vergangenheit. Und auch die Urwelt war damals so eine Art bunter Schralaffenland und die Wirklichkeit hat sich dann aber schon anders entwickelt. Der 11. September, die Terroranschläge, die Kriege im Irak, in Afghanistan, der Krieg in der Ukraine und dieses Bild, was wir uns heute von der Urwelt machen, ist eben wieder durchaus ein finsteres Bild, wo jeder gegen jeden kämpft. Also ist die Darstellung von Dinosauriern immer auch ein Spiegel unserer Zeit? Ja, absolut. Also wenn wir in die Uhrzeit schauen, blicken wir in den Spiegel und sehen so unsere eigene Gegenwart und maskieren die, verkleiden die dann eben mit Dinosauriern. Gibt es vielleicht noch andere Beispiele, die du nennen kannst, an denen man das sehen kann? Da haben wir uns jetzt ja schon angeschaut, aber fällt dir noch was ein? So ein Beispiel, das ich glaube, wo man das super gut sieht, ist die Zeit vom Kalten Krieg eben. Wir haben das mit Godzilla ja schon kurz angesprochen. Damals war die Welt eigentlich in zwei Blöcke zerteilt. Auf der einen Seite Kommunismus, auf der anderen Kapitalismus.
Und genau diese Vorstellung sehen wir eben auch in der Urwelt. Da gab es nicht mehr diesen einen Dino, der irgendwie alles zertrampelt hat, sondern da gab es so eine Gegenüberstellung von zwei Blöcken. Auf der einen Seite sowas wie T-Rex, die aufrecht gegangen sind auf zwei Beinen, die fiese Fleischfresser waren. Und auf der anderen Seite nicht weniger gefährlich waren die Pflanzenfresser mit irgendwelchen Hörnern und Rückenschildern. und diese zwei Blöcke sind sich auch in der Urwelt gegenüber gestanden. Jetzt ist es so, dass Dinos ja, ich habe das eingangs gesagt, gerade Kinder besonders faszinieren. Womit könnte das denn zusammenhängen? Das Und Dinosaurier vor allem Kinder so faszinieren, kann an vielen unterschiedlichen Dingen liegen. Zum einen liegt es daran, dass es so eine Welt ist, in der sich Kinder vielleicht auch mal besser auskennen wie die Erwachsenen. Die Kinder können die ganzen Namen, die Fachbegriffe und die Erwachsenen können dann nur staunen und den Kopf irgendwie nicken oder schütteln. Zum anderen hängt es aber natürlich auch mit Kommerz zusammen. Wenn wir so in die Spielzeuggeschäfte schauen, da sind die voll mit Dinosauriern. Und Kinder interessieren sich vielleicht nicht von Natur aus für Dinos, aber es gibt genug Zeug, was sie über Dinos kaufen können. Das stimmt, absolut. Und die Eltern sind die Leidtragenden davon. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Und ich kann auch das Vorurteil widerlegen, dass sich nur Jungs für Dinosaurier interessieren. Da habe ich auch vorhin schon gesagt, meine Töchter sind auch sehr begeistert davon. Herzlichen Dank dir für die Einblicke. Ja, ich bedanke mich für das Gespräch. Danke.
Wir sind leider, und das muss ich jetzt an der Stelle auch erwähnen, Das einzige Lebewesen, das in 3,7 Milliarden Jahren auf der Erde gelebt hat, das nicht ein Massenaussterben begleitet, das von einem extraterrestrischen Himmelskörper verursacht wurde oder von weltumspannendem Vulkanismus, sondern wir sind die Verursacher des sechsten großen Massenaussterbens. Und das ist vielleicht jetzt kein Titel, mit dem man sich rühmen kann, aber diesbezüglich ist die Tragweite des Menschen also schon enorm. Wir haben es geschafft, als Spezies, als Art Aussterben von Tiergruppen zu verursachen, die auf einer Skala wiederzufinden sind, die vergleichbar sind mit den fünf verheerendsten Katastrophen, die die Welt je gesehen hat. Und das ist sehr, sehr schlimm und da kann man sich auf jeden Fall nicht freuen, aber das wird also unsere Hinterlaschenschaft sein.
Ja, und das war's auch schon mit unserer Reise in die Urzeit und mit dieser Folge zur Geschichte der Paläontologie. Wenn ihr Lust habt, noch tiefer in das Thema einzusteigen und auch mal einen Blick zu riskieren, dann schaut doch auch mal im ZDF-Streaming vorbei. Dort findet ihr nämlich unsere Terra-X-Reihe Unterdinos – Geheimnisse der Urzeit. Mit ganz erstaunlichen Einblicken in die aktuelle Forschung und in das Leben der Saurier. Wir verlinken euch die Seite in den Shownotes. Wenn ihr Feedback für uns habt, dann schreibt uns sehr gerne per Mail auf Terra Existory bei Instagram oder aber ihr kommentiert diese Folge auf YouTube beim Kanal Terra Existory. Wir freuen uns über eure Gedanken zur Folge, aber auch über neue Themenvorstäge. Dieser Podcast hier ist eine Produktion von Objektiv Media im Auftrag des ZDF. Die Autorinnen waren wie immer Janine Funko und Andrea Kahrt. Sie sind verantwortlich für Buch und Regie. Für die technische Umsetzung und Gestaltung verantwortlich ist Sascha Schiemann. Redaktion im ZDF hatte Katharina Kolvenbach, ich bin Mirko Drotschmann und ich sage danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.